Wen das Meer ruft

Kapitel 1

 

 

Mein Mut verließ mich in dem Moment, als ich um die letzte Kurve des geschwungenen Pfades bog und mein Blick auf die Fassade des Herrenhauses fiel. Auf meinen vom Fahrtwind ausgetrockneten Lippen hatte das Meersalz eine Kruste gebildet. Meine Augen tränten. Ich hielt an und stieg aus dem Sattel. Hier draußen auf der Insel war es deutlich kälter als in Wolgast. Man mochte das nicht glauben, immerhin waren es nur ein paar Kilometer, locker mit dem Fahrrad zu bewältigen, dennoch war es ein dramatischer Unterschied. Wol-gast, geschützt, eingebettet, und wo die Natur nicht bettete, da betteten Mauern aus Stein. Sobald man hier im Norden von Usedom das Ende der Bewaldung erreichte, bettete nichts mehr. Der Wind pfiff, vom Achterwasser kommend, über das mit moosbewachsenem Schiefer gedeckte Dach des dreistöckigen Hauses aus dem neunzehnten Jahrhundert, ließ sich von den weißen Holzwänden kaum aufhalten. Ich schauderte, plötzlich nicht mehr sicher, ob meine Fahrradtour hier heraus nicht voreilig gewesen war.

 

Auf der anderen Seite des Anwesens ging es steil die Böschung hinunter zum Strand. Ich hätte das auch gewusst, ohne das Grollen der Wellen zu hören, das seltsam weit entfernt klang. Anfang der Woche hatte einer der gefürchteten Herbststürme die Wälder der Insel gebeutelt. So einer, der von Westen herüberkam, das Achterwasser aufpeitschte und den zwanzig Meter breiten Strand weit in die Ostsee hinausdrückte. Nach solchen Stürmen dauerte es Tage, ehe sich das Wasser wieder dort befand, wo es hingehörte. Die Auswirkungen dieser Stürme waren hier an der Küste viel beeindruckender als in der wenige Kilometer entfernten Stadt, und ich überlegte, ob ich nicht einfach meinen Besuch im Herrenhaus links liegen lassen sollte. Ich könnte stattdessen um das Anwesen herum und hinunter zum Strand gehen. Niemand würde mich sehen. Die Menschen, die hier wohnten, hatten in diesen Tagen sicher ganz andere Sorgen.

 

Genau deswegen war ich hier.

 

Ich schob mein Fahrrad ein paar Schritte näher heran. Unter mei-nen abgetragenen weißen Turnschuhen knirschte noch weißerer Rollsplitt. Vor dem Haus parkten mehrere Autos, ein kleiner Geländewagen, eine riesige Limousine, überraschenderweise ein schäbiger graublauer Golf. Es gab Leute, die schoben das, was passiert war, auf das Haus. Die Inselperle sei verflucht, sagten sie. Sie erfanden Geschichten von einem Mord, der vor hundertfünfzig Jahren dort geschehen sei. Oder von einem wahnsinnigen Arzt, der im Keller des Hauses Experimente durchführte. Von einem lebendigen Pferd, das im Fundament des Hauses einbetoniert worden war und dessen Geist seither in dessen Mauern spukte. Und noch so manches andere, das Haare zu Berge stehen ließ und das mir in diesem Moment einen Schauder über den Rücken jagte. Dabei war es doch Unsinn. Wieso Karolin, aber niemand von den anderen Bewohnern? Nicht ihre Eltern, nicht die Feriengäste? Niemand außer ihr sollte von dem Fluch des Hauses befallen worden sein? Was für ein grottiger Zufall.

 

Natürlich gab es Leute, die auch von ehemaligen Feriengästen gehört haben wollten, die nach der Rückkehr aus dem Urlaub plötzlich vom Unglück befallen wurden. Alle möglichen Leute, die sich irgendwo im Land etwas zuschulden kommen ließen oder Opfer eines Verbrechens wurden, hatten plötzlich vor Jahren einmal ihren Urlaub in der Inselperle verbracht. Beweise? Fehlanzeige.

 

Ich lehnte mein Fahrrad gegen meine Hüfte, betrachtete das Haus und blies Atem in meine eiskalten Hände. Schaurig genug, um ein Spukhaus zu sein, sah es schon aus. Viel zu groß. Leer. Um diese Zeit, im frühen November, schlossen die Piels ihre Pforten für die Feriengäste und blieben für sich. Dieses Jahr, mit der Trauer um die Tochter, sicher noch mehr als sonst. Das Haus wirkte wie ein Relikt, so, als habe seit der Erbauung niemand etwas getan, um es zu moder-nisieren. Die Stockwerke schlossähnlich hoch, die Sprossenfenster riesig und jetzt fast am ganzen Haus verhängt, damit kein Licht hineindrang und keines heraus. Ich war noch nie hier gewesen. Wirkte es im Sommer, für die Feriengäste, wenigstens einladender?

 

Das war ein ganz blöder Plan. Ich hätte nicht hierher kommen sollen. Ich glaubte nicht an Gespenstergeschichten. Aber das hier war viel zu real. Die Luxuslimousine gehörte sicherlich Wolfgang Piel, denn der würde ja jetzt auch zuhause sein, statt wie üblich im ganzen Land herumzureisen. So einen Schicksalsschlag überwand man nicht mit Arbeit. Wer das erlebt hatte, was die Piels gerade durchmachten, verkroch sich zuhause, steckte den Kopf in den Sand und wollte ein-fach nur mit sich und seinem Schmerz allein sein.

 

Was also wollte ich hier? Ich hatte hier nichts verloren. Ich würde die Letzte sein, die diese Menschen sehen wollten. Und wer, der in diesem Haus wohnte, würde so weit sinken, den heruntergekomme-nen Golf zu fahren? Das Auto wirkte vollkommen deplatziert an die-sem Ort.

 

Ich senkte den Kopf, begann, mein Rad weiter zu schieben, aber ehe ich das schmiedeeiserne Tor in der gewundenen Mauer erreichte, bog ich nach rechts auf den schmalen Trampelpfad ab, der um das Anwesen herum führte und dann weiter hinunter zum Strand. Tief hängende Äste schlugen mir ins Gesicht. Niemand hielt es offenbar für nötig, die Bäume, die den Pfad säumten, hin und wieder zurück-zuschneiden. Es wunderte mich ein wenig, dass das Rauschen der Wellen nicht näher kam. Das Haus stand immerhin direkt an der Kü-ste, da waren nur noch die niedrige Böschung und ein wenige Meter breiter Streifen Sand. Ich war ein Küstenkind, ich kannte die Gezeiten, seien sie auch im Vergleich zur Nordsee und anderswo denkbar wenig erwähnenswert, und ich wusste, dass die Flut sich ihrem Scheitelpunkt nähern sollte. Das Rauschen kam nicht näher, aber der Geruch von fauligem Seetang und totem Fisch wurde immer penetran-ter.

 

Das war seltsam, denn hier gab es normalerweise weder das eine noch das andere in solchen Mengen, dass man es riechen konnte. Ich ließ mein Fahrrad ins strohige Gras der Böschung sinken und kletterte über den niedrigen sandigen Wall.

 

Das Wasser war weg. Die Ostsee, in die ich von hier aus norma-lerweise beinahe hätte spucken können, hatte sich so weit zurückge-zogen, dass sie fast nur noch ein graublauer Streifen am Horizont war. Unter dem wolkenschweren Himmel lagen Sand und Schlick anthrazitfarben vor mir. Einzelne kleine Kuhlen, vollgelaufen mit Wasser. Möwen tippselten über den Sand und sahen genau so verwirrt aus wie ich vermutlich auch. Weiter draußen ragten seltsame kohleschwarze Stümpfe aus dem Schlick, wie die Köpfe von neugierigen Seehunden. Aber bewegungslos. So etwas hatte ich noch nie gesehen.

 

Inmitten der Armee schwarzer Stümpfe saß eine Gestalt auf einer aufrecht stehenden Blechtonne. Nur eine schwarze Silhouette gegen den sturmschwangeren Himmel. Beim Versuch, näher heranzugehen, begann ich plötzlich tief einzusinken. Ich zog Schuhe und Socken aus und ließ sie liegen, krempelte meine Hosenbeine bis fast zu den Knien hoch. Ich wollte mir das genauer ansehen, und nichts würde mich aufhalten. Immerhin war ich nicht allein, falls ich plötzlich vom Schlamm runtergezogen werden sollte. Das einzige, was dieses Unterfangen ein wenig trübte, war die Tatsache, dass der Schlamm an mei-nen Füßen verdammt kalt war.

 

Es war unmöglich zu sagen, ob die Gestalt auf der Tonne ein Mann war oder eine Frau. Sie wirkte wie eine Statue. Regungslos. Nur die Enden eines Schals flatterten im heftiger werdenden Wind.

 

Ich machte ein paar vorsichtige Schritte und hielt an, als ich bis zu den Knöcheln einsank. Ganz geheuer war mir bei dieser Aktion nicht. Aber ich wollte wissen, was das war, diese schwarzen Stumpen im Schlamm. Neugier war schon immer meine größte Schwäche gewesen. Und meine größte Stärke. Wenn ich etwas wissen wollte, fand ich es heraus, auch wenn es wehtat. Nur drei, vier Schritte nach links sah ich tief eingegrabene Fußspuren. Nackte Füße. Große, nackte Füße. Ich hob wieder den Kopf, und der Mann auf der Tonne – die Größe der Fußspuren verriet mir, dass das ein Mann sein musste – hatte sich noch immer nicht gerührt. Wenn der Schlick komprimiert genug war, um den schweren Körper eines Mannes zu tragen, dann ja wohl auch meine läppischen zweiundfünfzig Kilo verteilt auf gerade mal hundertfünfundsechzig Zentimeter. Sicherheitshalber tappte ich ein bisschen nach links, dorthin, wo er entlang gegangen war. Ich hatte keine Lust, das Schicksal herauszufordern.

 

Als ich den ersten der seltsamen Stümpfe erreichte, beugte ich mich hinunter. Wie Kohle. Ich streckte eine Hand aus, zog sie aber wieder zurück. Ein lautes Platschen ließ mich aufschauen. Der Mann war von seiner Tonne herunter gesprungen und watete auf einen an-deren der Stümpfe zu. Er war jetzt nahe genug, dass ich erkennen konnte, dass er nicht wirklich ein Mann war. Eher ein junger Kerl, höchstens ein paar Jahre älter als ich. Er trug Jeans und eine abge-wetzte Lederjacke, dazu den grob gestrickten Schal, der hinter ihm her flatterte, und auf dem Kopf eine Mütze aus derselben grauen Wolle. Selbst auf dem weichen Untergrund war sein Gang leicht und federnd. Mitte Zwanzig, schätzte ich, höchstens Dreißig.

 

“Die sehen faszinierend aus, nicht wahr?”, fragte er. Der Wind trug seine Stimme von mir weg, was ich im gleichen Moment schade fand.

 

“Ich dachte eher an schaurig”, erwiderte ich. Mit dem Zeigefinger der ausgestreckten Hand malte ich Linien in den nassen Sand. “Wo ist die Ostsee bloß hin?”

 

Er lachte ein bisschen. “Die kommt schon wieder.” Aus seiner Jackentasche holte er etwas, ein Werkzeug, das ich nicht auf Anhieb erkannte, und eine Rolle Plastiktüten. Als er die erste Tüte von der Rolle abtrennte, riss der Wind sie ihm aus der Hand. Er fluchte, zu leise, als dass ich die Worte hören konnte, und hielt die nächste Tüte besser fest. Ohne Rücksicht darauf, dass er sich die Jeans einsaute, kniete er sich in den Schlick und setzte das Werkzeug an dem schwarzen Stumpf an.

 

“Hey, was machst du da?” Ich wollte auf ihn zu stapfen, aber mei-ne Beine waren wie festgenagelt. Ich ärgerte mich darüber, dass er so ohne Gewissensbisse der Natur zu Leibe rückte. Man rührt nicht an die Geheimnisse des Meeres, hatte meine Mutter immer gesagt, oder es wird sich dafür rächen. Meine Mutter hatte, so lange ich sie kannte, der Ostsee nicht mal ein Klümpchen Bernstein oder eine Muschelschale gestohlen.

 

Er hob das Gerät in seiner Hand. “Das ist ein Hohlbohrer, und das da”, er wies auf den Stumpf vor seinen Knien, “ist der Rest von einem Baum. Ich nehme einen Kern für eine dendochronologische Untersuchung.”

 

Ein Baum-Nerd? Wohl kaum, wenn ich mir den ordentlich gepflegten Dreitagebart und die beiden hinreißenden Grübchen in seinen Wangen ansah. Eher ein Berufssohn, der ganz genau wusste, wie gut er aussah, und sich irgendein abgefahrenes Hobby zulegte, um normal zu wirken. Was ihm nie gelingen würde, weil er dazu schlicht zu süß war. Jungs mit so schönen Augen waren für die Mädchen in ihrer Umgebung nie normal. Mich allerdings konnte er mit der Ich-liebe-Bäume-Masche nicht kriegen. Am liebsten hätte ich ihm einfach verboten, seinen Bohrer in den Stumpf zu treiben, aber ich schluckte es runter. Es war ja nicht so, als hätte ich das Recht, einem Fremden vorzuschreiben, was er tun und lassen konnte.

 

“Warum?”, fragte ich stattdessen.

 

“Das sind die Überreste eines Waldes, der vor Jahrtausenden hier wuchs”, erklärte er, und die Begeisterung, die er über seine Entdeckung empfand, spiegelte sich in dem kaum merklichen Beben seiner Stimme. Wie ein Kind, das es nicht erwarten konnte, das größte seiner Weihnachtspakete aufzumachen. Er stand auf, kam näher und kniete sich auf die andere Seite des Stumpfes, neben dem ich hockte. Vermutlich, um nicht gegen den Wind anschreien zu müssen, damit ich ihn verstand.

 

“Ich habe Berichte gelesen, dass das letzte Mal vor zehn Jahren eine Sturmflut die See so weit rausgedrückt hat, dass man die sehen konnte. Irgendein Fuzzy in dem Labor, in dem damals die Bohrkerne aufbewahrt wurden, hat alles durcheinandergebracht. Normalerweise liegt das hier vier Meter unter Wasser, und die ernsthaften Wissenschaftler halten es nicht für wichtig genug, nach Kernen zu tauchen. Also nutze ich es, dass sie endlich mal wieder aufgetaucht sind.”

 

Ich legte den Kopf schräg. Hauptsächlich, damit mir der Wind nicht so direkt ins Gesicht fegte. Aber auch ein wenig, um ihn besser ansehen zu können. Unter dem Rand seiner Mütze kräuselten sich ein paar dunkle Locken. “Dann bist du kein ernstzunehmender Wis-senschaftler?”

 

Er lachte. Als er das Gerät ansetzte und zu bohren begann, zuckte ich zusammen, meinte, körperlich den Schmerz zu fühlen.

 

“Ich hab das heute früh zufällig vom Fenster aus gesehen. Was für eine geile Sache, ausgerechnet wenn ich hier bin. Musste ich mir näher anschauen.” Er zog mit einem geradezu befriedigten Lächeln den Bohrer aus dem Stumpf, und ohne den Kern zu entfernen, schob er den Bohrer in die Plastiktüte. “Für mich ist das ein Hobby. Aber ein faszinierendes. Wusstest du, dass manche Leute meinen, dass hier Vineta versunken ist?”

 

Wer bitte schön, außer den Touristen, interessierte sich für die legendäre, versunkene Stadt? Die Perle der Ostsee, wie sie genannt wurde, wo die Dächer aus Gold und die Türklinken aus Edelstein gewesen sein sollen, bis all der Protz eines Tages einfach so im Meer versank. Er war wirklich ein komischer Kauz. Allerdings ein süßer komischer Kauz. “Vineta ist nicht versunken. Das heutige Wollin ist Vineta.”

 

“Das weiß man ja nicht. Was, wenn dieser Wald hier zu Vineta gehört hat? Was, wenn wir in diesem Schlamm Überreste einer mittelalterlichen Straße finden könnten, die von dem, was heute Karlshagen ist, hier entlang durch diesen Wald nach Vineta geführt hat?”

 

Ich schob die Unterlippe vor. “Nicht nur kein Wissenschaftler, auch noch ein Träumer.”

 

Er sah mich an, ohne zu lächeln. “Wir alle träumen von irgendwas.” Er schob die Plastiktüte in seine Jackentasche und streckte die frei gewordene Hand aus. “Hi. Ich bin Marius.” Er zwinkerte mir zu, bevor er meine Hand ergriff. Er flirtete, ganz eindeutig. Mir war ebenso eindeutig nicht nach Flirten zumute. Trotzdem fühlte sich der Wind auf meinen Wangen plötzlich um zehn weitere Grad kälter an, weil meine Haut dort mit einem Mal viel heißer war.

 

“Kommst du von hier? Wohnst du auf der Insel?”

 

“Ich wohne in Wolgast”, sagte ich und wandte mich ab. Die im Gewitterlicht stahlgraue Fassade des Herrenhauses fing meinen Blick. “Ich hatte was zu erledigen.” Wovor ich mich gedrückt hatte. Oder hatte ich einfach nur begriffen, dass dieser ganze Besuch eine Schnapsidee war?

 

“Wolgast ist so gut wie Insel. Dann kannst du ja vielleicht verstehen, warum ich gern hierher zurückkommen will, am Ende meiner Ausbildung.”

 

“Ich würde gern weg von hier”, gestand ich kleinlaut. “Ich war schon weg. Aber jetzt ist was passiert, und ich musste zurückkommen.”

 

Er zog die Brauen hoch. “Das klingt geheimnisvoll.” Er sah mich an. Keine Grübchen mehr in den Wangen. Seine Augen waren ernst und dunkelgrau und sahen ein bisschen so aus, als wären sie ein Teil der See, die vor unseren Augen mit weißen Krönchen den stürmischen Himmel küsste, aber das war vielleicht nur das Licht. Alles an ihm wirkte dunkelgrau. An mir wahrscheinlich auch. Es begann zu regnen. Ich zog die Nase hoch.

 

“Du musst es mir nicht sagen”, meinte er schließlich. “Aber wenn du hierhergekommen bist, weil du was zu erledigen hast, kann ich dir aus Erfahrung nur raten, es hinter dich zu bringen. Es ist nie gut, offene Rechnungen mit sich herumzuschleppen.”

 

Ich zog die Brauen zusammen. “Erstens, woher willst du wissen, dass es eine offene Rechnung ist? Und zweitens, wenn es eine offene Rechnung ist, warum soll ich die nicht schon erledigt haben, bevor ich zum Strand gekommen bin?”

 

Er schürzte die Lippen. Niedlich sah das aus. “Touché. Ich weiß es nicht.” Der Regen verstärkte sich. Wie Bindfäden kam er herunter, die Tropfen bohrten sich wie Einschusslöcher zentimetertief in den Schlick, und jeder Windstoß schleuderte mir das Wasser schmerzhaft ins Gesicht. Marius stand auf, packte meinen Oberarm und zog mich ebenfalls hoch. “Ich bring dich zu deinem Auto”, sagte er bestimmt.

 

“Ich bin mit dem Fahrrad hier.”

 

Mit gerunzelter Stirn sah er mich an. “Mit dem Fahrrad? Von Wolgast bis hierher? Dann bist du entweder leichtsinnig oder verdammt mutig. Okay, ich nehme dich mit ins Haus, bis der Regen aufhört.”

 

Ich stemmte mich gegen seinen Griff. “Welches Haus?” Eine fiese Ahnung machte mir den Hals eng.

 

Er nickte hinauf zum Herrenhaus. “Das Haus”, sagte er.

 

“Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist.” Ich konnte ihn kaum noch sehen, so fest musste ich meine Augen zusammenkneifen gegen den Regen. Mir war kalt und ich ärgerte mich. Über mich, über meinen bescheuerten Plan, diesen Besuch abzustatten, über das Wetter, über jahrtausendealte Bäume, die vielleicht einmal die Straße zu dem sagenumwobenen Vineta gesäumt hatten, und über Marius, der den einzig vernünftigen Vorschlag machte und mich so zu etwas zwang, zu dem ich nicht mehr den Mut hatte.

 

“Warum nicht?”, fragte er. Er hatte den Druck seiner Hand um meinen Oberarm verringert, hielt mich aber immer noch fest. Eine Böe fegte über den dünnen Wasserfilm auf dem Boden und ließ ihn erzittern.

 

“Weil ich dort nicht willkommen bin.” Plötzlich war mein Oberarm frei. Mittlerweile lief mir das Wasser in Strömen übers Gesicht. Kalt klebten meine Haare im Nacken, wie eisige Finger, deren Kälte mir unter die Haut kroch und auf meinem ganzen Körper Gänsehaut wachsen ließ. Meine Nase lief, meine Augen tränten, in meinen Ohren jaulte der Sturm. Verrückt. Für die Dauer eines Herzschlags dachte ich, er würde mich einfach da stehen lassen. Man hätte es ihm kaum übelnehmen können. Er hatte versucht, freundlich zu sein. Ich war dickköpfig. Damit war der Höflichkeit genüge getan. Er ging aber nicht, steckte nur seine Hände in die Hosentaschen seiner Jeans, hob die Schultern zu den Ohren und wartete. Auf mich, nahm ich an. Darauf, dass ich erklärte, wie ich das gemeint hatte. Auf jeden Fall war Marius keiner, der schnell aufgab. Statt ihm eine Antwort zu geben, wischte ich mir mit dem Handrücken den Rotz von der Nase und zuckte meinerseits mit den Schultern. “Also dann”, sagte ich und machte mich auf den Weg zurück zu meinem Fahrrad.

 

“Das war das, was du hier erledigen wolltest, ja?”, schrie er gegen den Wind in meine Richtung. Auch er hatte sich wieder in Bewegung gesetzt. Doch im Gegensatz zu mir, die bei jedem Windstoß Angst hatte, davongeweht zu werden, schienen ihm die Naturgewalten überhaupt nichts auszumachen. “Ein Besuch in der Inselperle, obwohl du denkst, dass du dort nicht willkommen bist.”

 

Ich wusste, was er machte. Schließlich hatte ich drei Semester eines Sozialpädagogikstudiums hinter mir. Spiegelung nannte sich das. Die Gedanken des Anderen inhaltlich wiedergeben, damit es ihm leichter fällt zu reflektieren. Das Dumme war nur, mein Wissen half mir nicht dabei, mich dagegen abzuschotten, dass es funktionierte.

 

Ich wollte Marius nicht mein Herz ausschütten. Ganz sicher nicht. Trotzdem dauerte es nur ungefähr zehn Schritte, bis er mich mürbe gekocht hatte.

 

“Mein Vater war der Fahrer”, sagte ich, so leise, dass er mich wahrscheinlich ohnehin nicht hören konnte. Zuerst machte es auch den Eindruck, als hätte er mich nicht gehört. Er stapfte einfach weiter neben mir her.

 

“Bei dem Unfall?”, fragte er schließlich.

 

“Ja.” Ich zögerte kurz, schlang die Arme noch ein wenig enger um meine Mitte. “Ich schätze, dass ich mich entschuldigen wollte. Für ihn. Bescheuert, ich weiß. Als ob das Karolin zurückbringen könnte.”

 

Ich war so in meine Gedanken und das Gespräch vertieft, dass ich gar nicht bemerkte, wie er mich an der Stelle, wo ich meine Schuhe aus dem Sand klaubte, unbemerkt nach links leitete, statt nach rechts in die Richtung, in der mein Fahrrad stand. Ganz abrupt endete der Strand hier in einer Treppe aus alten Eisenbahnschwellen, die direkt zur Terrasse des Herrenhauses führte. Am wackligen Geländer hing ein Paar schwerer Lederschuhe, mit den Schnürsenkeln zusammengebunden, die zusammengerollten Socken hineingestopft. Seine Schuhe. Er nahm sie mit einem Augenzwinkern an sich.

 

“Ich finde das mutig, was du vorhast.” Er zog die Hand aus der Hosentasche und deutete auf die Treppe. “Nach dir.”

 

Wieder wischte ich mir den Regen aus dem Gesicht. Ich sah von ihm zur Treppe. Auf das Herrenhaus oben auf dem Dünenkamm und zurück zu ihm. Ein eigenartiges Gefühl überkam mich, ein Flattern im Bauch. Obwohl ich so sehr schlotterte, dass meine Zähne aufeinanderschlugen, war da mit einem Mal ein heißes Kribbeln auf meiner Haut. Es war einer dieser seltsamen Momente im Leben, von denen man wusste, dass die Entscheidung, die man traf, alles verändern würde. Ich hatte mich so gefühlt, als der Umschlag mit meiner Immatrikulation meine Finger verließ und im Schlund des Briefkastens verschwand, und ich hatte mich so gefühlt vor meinem ersten Kuss. Es war dieser Augenblick der Entscheidung, wo es gerade schon nicht mehr möglich war, einen Rückzieher zu machen, aber es eben auch noch nicht so weit war, dass man die vollen Konsequenzen seines Handelns absehen konnte. Tief in mir drinnen wusste ich, dass alles anders werden würde, wenn ich Marius' Aufforderung annahm und den Fuß auf die Treppe setzte. Dennoch zögerte ich nicht einmal für die Dauer eines Herzschlags. Vermutlich war es das Bewusstsein, dass ich Heike und Wolfgang Piel nicht allein gegenübertreten würde, das mich den Mut zu dieser Entscheidung aufbringen ließ. Obwohl es, im Nachhinein betrachtet, ziemlich naiv war, Marius zu vertrauen, dem Träumer vom Strand, von dem ich außer seinem Namen nichts wusste.

 

Oft habe ich mich hinterher gefragt, ob ich mich wieder so entschieden hätte. Ob, wenn ich heute, nach so langer Zeit, die Gelegenheit hätte, noch einmal zu dieser Treppe zu gehen und zu überlegen, ob ich diesen ersten, wichtigen Schritt machen soll, ich mich genauso entscheiden würde. Die ehrliche Antwort ist: Ich weiß es nicht.

 

Ich habe vieles erfahren in den darauf folgenden Wochen und vieles gewonnen. Es war meine Unschuld, die ich in diesem stürmischen November in der Inselperle verlor, mein Glaube an das Gute im Menschen und daran, dass Liebe alles richten würde, wenn man sich nur genug bemühte. Im Endeffekt hatten wir am Schluss alle etwas verloren.

 

 

Kapitel 2

 

 

 

Von der Terrasse aus konnte man in die erleuchteten Räume hinter den übermannsgroßen Sprossenfenstern im Erdgeschoss sehen. Goldenes Licht flutete durch das Glas, wurde aber direkt vom Sturm-grau der Natur verschluckt. Ich erhaschte einen Blick ins Innere des Salons. Ein großer schwarzer Flügel, hohe Decken mit Stuckrand, die Wände bezogen mit einer sonnengelben Relieftapete. Lange, schwere Schals bauschten sich zu beiden Seiten der Fenster. Es war wie ein flüchtiger Blick in die Vergangenheit, surreal, der sofort verblasste, als wir die Veranda an der rechten Hausseite verließen, um auf eine kleine, unscheinbare Seitentür zuzutreten. Ich gönnte mir ein kurzes Aufatmen. Für einen Moment hatte ich befürchtet, dass Marius zu der Schlosssippe gehörte und ein Zusammentreffen mit den Piels un-vermeidlich war. Aber diese Tür führte mit Sicherheit zu den Gästeapartments und nicht in das Allerheiligste der hohen Familie.

 

Aus seiner Lederjacke fischte er einen Schlüsselbund. Obwohl der Sturm selbst im Schutz des kleinen Vorbaus an der Tür zerrte, gelang es ihm auf Anhieb, aufzuschließen. Er lehnte sich mit der Schulter gegen das Holz, um zu verhindern, dass die Tür sofort wieder zuschlug, und bedeutete mir einzutreten.

 

“Jetzt komm schon. Hier drin ist es trocken. Wenn auch dieser Tage nicht besonders warm.”

 

Was meinte er damit? Die Hitze aus dem Inneren des Hauses schlug mir ins Gesicht, noch ehe ich es betreten hatte. Ich schüttelte behelfsmäßig meine Haare aus und trat ein. Die Tür führte durch einen schmalen, steingefliesten Gang zu einem, gemessen an dem sonstigen Ambiente des Hauses, geradezu bescheiden wirkenden Rezeptionstresen. Doch statt, wie ich erwartet hatte, auf den zuzugehen, griff Marius nach meinem Oberarm und führte mich durch eine Tür auf der rechten Seite des Flurs.

 

“Hier entlang.” Halb zog, halb schubste er mich. Mit dem Schuh blieb ich an der Schwelle hängen. Ich stolperte, machte einen großen Schritt und landete in einer anderen Welt.

 

Es war der Saal, den ich von der Veranda aus gesehen hatte, nur dass er drinnen noch bombastischer wirkte als durch das Fensterglas. Glänzendes Fischgrätenparkett auf dem Fußboden, ein Kristallleuchter an der Decke, Ölgemälde an den Wänden. Es roch nach Kerzenwachs und den Holzscheiten, die im Kamin knackten.

 

“Heike? Wolfgang? Ich hab Besuch mitgebracht. Sie war unten am Strand und ist durchnässt bis auf die Knochen. Bevor sie erfriert, hab ich sie hereingeholt.”

 

Ich hatte mich noch nicht gefangen, da trat durch den bogenför-migen Durchgang, der zum Flügel führte, eine Erscheinung. Heike Piel. Mein Verstand sagte mir das. Ich kannte ihr Gesicht aus der Lokalpresse. Kaum eine Wohltätigkeitsveranstaltung, bei der die Piels nicht ihre Finger im Spiel hatten, auch wenn sie aus diversen Gründen selten persönlich auftraten. Aber mein Gehirn weigerte sich, die Eindrücke, die meine Sehnerven sammelten, mit den gespeicherten Informationen in Einklang zu bringen. Sie sah ... tot aus, war das er-ste, das mir in den Sinn kam. Kein Muskel regte sich in ihrem Gesicht. Ihre hellblonden Haare waren streng in den Nacken zurückge-bunden. Den Rücken stockgerade, trug sie das roséfarbene Cashmere-Twinset und den dazu passenden anthrazitfarbenen Bleistiftrock wie eine Rüstung. Das Licht aus dem Leuchter brach sich in den dicken weißen Perlen ihrer Kette, malte Tränen auf die unbewegten Wangen. Nur ihre Augen waren die Augen einer trauernden Mutter. Vielleicht auch nicht. Ich sah keine Tränen. Die Augen waren knall-rot gerändert. Heike Piel sah aus, als hätte sie zu viele Tränen geweint und wäre jetzt nur noch leer, eine Hülle ohne Seele.

 

Ich schloss kurz die Augen. Als ich sie wieder öffnete, bemerkte ich, dass sich mittlerweile eine Pfütze gebildet hatte, wo ich stand. Unablässig tropfte Dreckwasser aus meiner Jeans auf den teuren Orientteppich. Hastig machte ich einen Schritt zur Seite. Jetzt oder nie. Ich war hierhergekommen, weil ich etwas zu sagen hatte, auch wenn ich mir die Umstände anders gewünscht hätte. Jetzt konnte ich es genauso gut hinter mich bringen.

 

Ich straffte die Schultern und hob den Kopf. Immer noch hatte ich nicht wirklich Gefühl in meinen Fingern, deshalb war es nicht leicht, Heike Piel die Hand zum Gruß hinzustrecken.

 

“Frau Piel. Ich bin Luzie Winter. Ich wollte hier nicht so reinplatzen. Aber irgendwie sind die Dinge anders gekommen als geplant. Das Gewitter hat mich überrascht. Ich bin gekommen ... nun, eigentlich bin ich gekommen, um Ihnen mein Beileid zu bekunden.”

 

Frau Piel rührte sich nicht. Von ihrem Standpunkt unter dem Rundbogen aus sah sie bewegungslos auf meine nutzlos in der Luft schwebende Hand hinunter. Nicht einmal ihre Lippen bewegten sich wirklich, als sie schließlich begann zu sprechen. “Waren Sie eine Freundin von Karolin?”

 

“Ich ...” Endlich ließ ich meine Hand sinken, ballte sie zur Faust, versuchte mit dem Daumen ein wenig Gefühl zurück in die Finger zu massieren. “Nein”, sagte ich dann und trat von einem Bein aufs andere. “Mein Vater wäre selbst gekommen, um Ihnen zu sagen, wie leid ihm tut, was passiert ist. Aber ihm geht es nicht gut. Natürlich ist das keine Entschuldigung”, schob ich schnell nach, weil mir im selben Augenblick klar wurde, wie erbärmlich das klang. Diese Men-schen hatten ihre Tochter verloren. Und nun stand ich hier, ruinierte ihr Mobiliar und sagte etwas, das nur klingen konnte, als würde ich für etwas um Vergebung bitten, das kein Mensch verzeihen konnte. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Marius den Raum verließ. Wunderbar. Immer noch ohne ein Wort zu sagen, setzte sich Heike Piel in Bewegung, schritt zu einem der Biedermeier-Sofas, die gegenüber des Flügels standen, und setzte sich. Jede ihrer Bewegungen war genau bemessen. Hinter meinen Augen begann es zu brennen.

 

“Es tut mir nur so schrecklich leid.” Das Zittern in meiner Stimme war mir peinlich. Welches Recht nahm ich mir schon heraus, um ein Mädchen zu weinen, das ich nicht einmal gekannt hatte, während ihre Mutter selbst in ihrer Trauer ihre Würde so majestätisch behielt? Sie sagte immer noch nichts, also blieb mir nichts anderes übrig, als weiterzureden. Die Worte sprudelten aus mir hinaus, unaufhaltsam jetzt. “Wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht, was ich sagen kann. Weil egal, was ich sage, es kann für Sie nichts besser machen. Es ist nur, mein Vater ist kein schlechter Mensch. Er hätte nicht trinken dürfen. Er hätte so vieles nicht machen dürfen. Aber egal, wie viele Fehler er gemacht hat, Sie sollten wissen, dass Karolin nicht vergessen ist. Auch bei uns nicht. Ich kann nicht gutmachen, was mein Vater ver-brochen hat. Ich kann nur ...”, wieder verlor ich den Schwung. “Ich kann nur sagen, wie leid mir tut, was passiert ist, und dass ich Ihnen viel Kraft wünsche für ... für alles. Ich wünschte, ich könnte mehr tun.”

 

Mit dem letzten Wort drehte ich mich um. Die Stille in dem großen Raum lag schwer auf meiner Brust. Aber was hatte ich anderes erwartet? Eine Absolution? Wohl kaum. Ich hatte gesagt, was ich zu sagen hatte, und jetzt konnte ich gehen. In einem kleinen Winkel meines Gehirns fragte ich mich, wo Wolfgang Piel sein mochte. Marius hatte sich an beide gewandt, als wir den Salon betraten, aber nur Heike war auf uns zugekommen. Dennoch musste der Großunternehmer aus dem Westen, der so selten auf Usedom weilte und über den die Leute tratschten, dass er das hiesige Hinterwäldlertum hasste, irgendwo hier sein. Wo?

 

Den Kopf stur auf meine Füße gerichtet, machte ich den ersten Schritt zur Tür und stieß gegen eine nachgiebige Wand. Marius.

 

“Hey, langsam. Ich hab Handtücher geholt.” Er war zurückgekommen, einen ganzen Stapel dicker Frotteetücher auf dem Arm. Irritiert sah ich an ihm hinauf. Es fühlte sich an, als würde ich ihn zum ersten Mal sehen. In gewisser Weise war das auch so. Draußen hatten schlechtes Licht und der Regen meine Wahrnehmung beeinflusst. Er hatte sich umgezogen, trug jetzt einen schlichten, schwarzen Rollkragenpullover über sauberen, ebenfalls schwarzen Jeans. Er hatte wirklich schöne graue Augen mit langen Wimpern.

 

“Alles klar?”, fragte er. Wahrscheinlich hatte er die Tränen gesehen, die immer noch meinen Blick schwimmen ließen.

 

“Schon o...”

 

“Wie alt sind Sie?” Die Stimme von Heike Piel ließ mich herum-fahren. War es die Tatsache, dass sie so direkt mit mir sprach, die mich zusammenzucken ließ, oder ihre Stimmfarbe, die kälter war als die Ostsee im Februar?

 

“Ähm. Einundzwanzig.” Die Frage war surreal und verwirrte mich. Warum wollte sie das wissen?

 

Das erste Mal sah ich eine Regung auf Heikes Gesicht. Ein kurzes Flackern in ihren Augen.

 

“Karolin war auch einundzwanzig Jahre alt.”

 

Für die Dauer eines Herzschlags stand die Luft um uns herum still. Ich wusste einfach, dass Heike Piel in diesem Moment das gleiche dachte wie ich. Es war ungerecht. Karolin und ich. Was waren einundzwanzig Jahre? Ein Viertel Leben. Drei Viertel lagen noch vor mir, und Karolin ... Dieselben Sterne hatten uns geschienen auf un-serem Weg ins Leben. Wahrscheinlich waren wir sogar beide im selben Krankenhaus auf die Welt gekommen. Jedes Baby aus der Umgebung wurde im Kreiskrankenhaus in Wolgast geboren. Dennoch wa-ren unsere Schicksale so verschieden, wie sie nur sein konnten. Karolin hätte alles haben können. Ihre Eltern hatten Geld, hatten Verbindungen. Sie konnten sich jeden Arzt leisten, jede noch so ausgefallene Therapie für ihre Tochter, von der jeder wusste, dass sie krank gewesen war, schon lange vor ihrem viel zu frühen Tod. Doch ich stand hier und lebte, und Karolin war tot. Weil das Schicksal ein mie-ser Verräter war und mir das Leben geschenkt hatte, mir, der Tochter eines dauerdepressiven LKW-Fahrers am Rande zum Alkoholismus, während es Karolin nur den Tod gebracht hatte. Jahrelanges Leiden und dann einen viel zu frühen Tod.

 

 

 

*

 

 

 

Ich knetete meine Hände im Schoß, blickte durch die Windschutzscheibe starr geradeaus. Der Motor jaulte lauter als das Gewitter. Der Golf hatte schon bessere Tage gesehen. Ein Blitz fuhr aus anthrazitfarbenen Wolken und schlug wahrscheinlich oben bei Pee-nemünde ein. Der Donnerschlag war ohrenbetäubend.

 

“Du hast keine Angst vor dem Gewitter, oder?”, fragte Marius, der am Steuer saß. “Ein Auto ist ein Faraday’scher Käfig, Luzie.” Seine Stimme hätte belehrend klingen können, aber so war es nicht. Es war vielmehr so, als ob er mir aus einem Märchenbuch vorlas, um mich zu beruhigen. Tief drinnen war ich ihm dankbar dafür. “Blitze werden von der Karosserie abgeleitet."

 

Ich drehte mein Gesicht zu ihm und sah ihn an. Sturmgraue Augen, umrahmt von langen schwarzen Wimpern, im Haus hatte ich es genau gesehen. Ich hatte mich auf seine Augen konzentriert, auf die Freundlichkeit in seinem Gesicht, um Heike Piels abweisender Art entkommen zu können. Ich warf es der Frau ja nicht vor. Sie musste zur Zeit eine Menge ertragen, hatte die Tochter verloren, um die sie sich lange aufopferungsvoll gekümmert hatte. Die Fürsorge, mit der Heike ihr einziges Kind bedacht hatte, war legendär. Das änderte aber nichts daran, dass die Kälte, obwohl ich damit gerechnet hatte, sich bis auf meine Knochen fraß. Marius anzusehen, der mich ebenso zu bemitleiden schien wie Heike, hatte mir Halt verschafft. “Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du ein ziemlicher Nerd bist?”, fragte ich ihn.

 

Er hob die Augenbrauen, ohne den Blick von der Straße zu wen-den. Die Konzentration war nötig, denn eine Windbö erfasste den Golf und drückte ihn beinahe in den Straßengraben. Nach der nächsten Biegung öffnete sich der Wald, gab den Blick frei auf Mahlzow, auf die Schlossinsel und die Brücken über die Peene. Dahinter blinkten die Lichter von Wolgast. Es war erst später Nachmittag, doch es hätte genauso gut abends halb neun sein können, so finster war es.

 

“Möchtest du über etwas anderes reden als über Faraday und seinen Käfig?”, fragte er. Wenn er lächelte, tauchte in seiner rechten Wange ein hinreißendes Grübchen auf.

 

“Oder über Baumstümpfe”, fügte ich hinzu, und er lachte. Genau so schnell wurde er wieder ernst.

 

“Was genau ist da passiert, Luzie?”, fragte er. Er hatte mitbekommen, wie ich Heike Piel meinen Namen gesagt hatte, und seitdem beendete er fast jeden zweiten an mich gerichteten Satz mit meinem Namen. Normalerweise ärgerte es mich, wenn jemand dauernd meinen Namen sagte. Bei ihm nicht. Es gefiel mir.

 

“Ich hab das nicht genau verstanden. Was genau hast du mit Karolins Tod zu tun?”

 

“Was genau hast du überhaupt mit Karolin und Heike und Wolfgang zu tun?”, fragte ich zurück.

 

“Oh, das ist viel einfacher zu erklären. Heike Piel und meine Mutter sind Schwestern.”

 

Das hatte ich nicht kommen sehen. Marius war Karolins Cousin. Seltsam, dass Heike Piel zwar ständig in der Presse auftauchte, ich aber noch nie davon gehört hatte, dass sie Familie auf der Insel hatte. Ich hätte schwören können, dass sie und Wolfang allein auf weiter Flur waren, mit ihrem Geisterhaus und der kranken Tochter. Der ehemals kranken Tochter, verbesserte ich mich im Stillen. Oh Gott. Plötzlich wurde mir bewusst, dass, was die Piels getroffen hatte, auch Marius sehr direkt betraf. “Du bist mit Karolin aufgewachsen?”, fragte ich kleinlaut.

 

“Nein”, sagte er nachdenklich, “so kann man das nicht sagen. Da-zu ist der Altersunterschied zu groß, meinst du nicht, Luzie? Als ich Abitur gemacht habe, war Karolin gerade zwölf Jahre alt.” Er war also sechs oder sieben Jahre älter als ich. “Außerdem hatten wir kaum Berührungspunkte. Meine Mutter und Karolins Mutter reden nicht miteinander.” Das mochte einiges erklären, warf aber gleichzeitig neue Fragen auf.

 

“Trotzdem wohnst du bei den Piels?”

 

“Ich bin für den Moment nach Karlshagen gekommen, um Heike und Wolfgang beizustehen. Für sie ist es nicht einfach jetzt. Man muss sie immer wieder daran erinnern, die selbstverständlichsten Handgriffe nicht zu vergessen.”

 

Er schleimte sich ein? Der Gedanke rückte das Bild, das ich mir im Kopf von ihm gemacht hatte, aus dem Fokus. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Immerhin gab es eine ziemlich weite Spanne zwischen dem freundlichen, weitgehend unbekannten Neffen, der in der Zeit der Not Tante und Onkel unter die Arme griff, und einem entfremdeten nahen Verwandten, der Morgenluft witterte, weil die reichen Verwandten, Besitzer eines der stolzesten Anwesen auf der Insel, plötzlich keinen Erben mehr hatten. Allerdings war ich noch nie berühmt dafür gewesen, dass ich vorschnell zu einem Urteil kam.

 

“Mein Fahrrad ...”, sagte ich, weil ich lieber das Thema wechseln wollte, ehe ich etwas Unbedachtes sagte.

 

“Steht im Schuppen. Trocken.” Seine Augen waren ernst, sie funkelten im Licht eines entgegenkommenden Fahrzeugs.

 

“Ich komme morgen Nachmittag nach der Arbeit und hole es ab.”

 

“Du arbeitest?” Mit ein paar mörderischen Schlägen von unten passierte der Golf die Klappbrücke über die Peene.

 

Was ging ihn das an? Ohne mein Zutun verengten sich meine Augen, aber weil er mich in diesem Moment anblickte, musste er das gesehen haben, obwohl ich meine Gesichtszüge sofort wieder entspannte. Ich schob die Unterlippe vor. “Im Moment ja.”

 

“Ich hätte geglaubt, dass du studierst. Weil du sagtest, du seist für eine Weile weg gewesen von hier. Meistens bedeutet das, dass die ZVS zugeschlagen hat. Wo arbeitest du?”, wollte er wissen.

 

“Warum ist das wichtig?”

 

Er schwieg kurz.

 

“Die nächste rechts”, sagte ich.

 

“Es ist nicht wichtig”, lenkte er ein und setzte den Blinker. Das Licht der Straßenlampen fing sich im Inneren des Wagens und ließ mich deutlich sein Gesicht sehen. Zwischen seinen Augenbrauen hat-te sich eine Falte gebildet. “Tut mir leid, ich wollte nicht drängeln.”

 

Ich wies auf die Fassade von Ankes Gummibärenparadies, das nahe genug am Beginn der Fußgängerzone lag, dass man es von der Hauptstraße aus erkennen konnte. Das Gitter war heruntergelassen, aber die Schaufensterbeleuchtung drang hindurch, und mit ihr die bunten Versprechen, die dahinter lagen.

 

“Anke war eine Freundin meiner Mutter, als ich ein Kind war. Sie hat mir den Job gegeben, damit ich was dazuverdienen kann, während ich auf meinen Vater aufpasse.”

 

Er sah mich von der Seite an. Jetzt konnte er sich das leisten, die Mauern der Stadt hielten die Windböen fern. “Was ist mit deinem Vater?”, fragte er.

 

“Da vorn wieder rechts”, sagte ich, und er bog gehorsam in die weit geschwungene Straße ein, an deren Ende das kleine Haus stand, so trostlos und vernachlässigt, seit meine Mutter sich nicht mehr darum kümmerte. Ich bat ihn, anzuhalten. Er blickte auf das Haus, nicht wertend, nicht abschätzig. Er sah es sich nur an. Reagierte so einer, der raffgierig genug war, die Trauer verwaister Eltern auszunutzen, um sich einzuschleimen? Ich schaute auf die Finger in meinem Schoß.

 

“Mein Vater war der Fahrer des LKW, der Karolin beim Überqueren der Straße erfasst hat”, sagte ich, ohne den Blick zu heben. Nie-mand wusste, warum Karolin nach Wolgast gekommen war. Seit Jahren hatte sie das Herrenhaus in Karlshagen nicht mehr verlassen. Seit Jahren wachte Heike Piel wie eine Glucke über ihre einzige Tochter und ließ sie keinen Schritt allein tun. Und dann hatte diese mit Argusaugen bewachte Tochter die Bahnhofstraße in Wolgast überquert - wahrscheinlich war sie mit dem Bus aus Karlshagen gekommen, die Untersuchungen liefen noch und der Busfahrer konnte sich nicht erinnern - und der LKW, den mein Vater nach der Nachtschicht zurück ins Depot brachte, hatte ihren Körper erfasst und zehn Meter weit durch die Luft geschleudert.

 

All das sagte ich Marius nicht. Er war Karolins Cousin. Er musste wissen, wie sie gestorben war. Ich hörte seinen leisen Atem. Meine Augen brannten. Ich griff nach der Türentriegelung. “Danke fürs Bringen, Marius”, sagte ich. “Stell das Rad einfach vorn an den Weg, wenn der Regen aufhört, ich hole es mir dann da ab.”

 

“Luzie.” Er hielt meine Hand fest. “Das war nicht deine Schuld und wahrscheinlich auch nicht die Schuld deines Vaters”, sagte er. “Es war dunkel und niemand konnte damit rechnen, dass an dieser Stelle plötzlich ein Mensch auf die Straße rennt.”

 

Ich sah ihn an. Ernst. “Aber von dem Wissen kommt Karolin nicht wieder zurück.”

 

Er hielt meinem Blick stand. Er konnte alles Mögliche sein, aber ich mochte seinen grobgestrickten Schal mit den langen, dicken Fransen. Ich mochte seinen Dreitagebart und das schmale, freundliche Gesicht. Er ließ meine Hand los.

 

“Ich wollte nur sichergehen, dass dir das auch klar ist, Luzie”, sagte er. “Dass niemand etwas dafür kann. Karolin war krank. Heike macht sich selbst die meisten Vorwürfe, weil sie Karolin aus den Augen gelassen hat. Nur dieses eine Mal. Und dann passiert sowas. Niemand wirft dir etwas vor. Oder deinem Vater.”

 

“Ja. Danke, Marius. Komm gut zurück auf die Insel.” Ich stieg aus und schlug die Tür zu, ohne mich noch einmal umzusehen.