Venezianische Nächte

Kapitel 1

 

Ein einstündiger Linienflug kann eine ziemlich langwierige Angelegenheit sein.

Ich atmete tief durch, als ich endlich meinen Koffer vom Gepäckband am Ankunftsterminal des Tessera Flughafens von Venedig ziehen durfte. Die gefühlt achtköpfige Familie, die mich auf dem Flug umzingelt hatte, erquickte selbst hier noch die anderen Fluggäste mit zweifelhafter Unterhaltung.

Ja, der Flug war kurz gewesen, der Anflug über die Lagune ganz sicher sehenswert, aber noch nie zuvor hatte ich beim Aussteigen aus einem Flugzeug mehr Kopfschmerzen, als beim Einsteigen. Ich war so froh hier wegzukommen, dass ich nicht mal nach einem Trolley für den Koffer suchte, sondern einfach nur meine Hand um den Griff krallte und zum Ausgang stürmte. Froh, nicht unter all den Wartenden auf der anderen Seite der Türflügel suchen zu müssen, mit der Angst, Sabine nicht wiederzuerkennen. Wir hatten uns schließlich locker zwei Jahre nicht gesehen. Während ich in dieser Zeit eine feste Beziehung einging, wieder ausging und ziemlich zerbeult aus der ganzen Erfahrung hervorging, lebte sie im sonnigen Italien das freie Leben der Freigeistin. Wann immer möglich, sorgte sie dafür, selbst die Herzen zu brechen, damit keiner der scharfen Italiener ihr zuvorkam. Sabine würde im Café auf mich warten, so hatten wir das ausgemacht. Ich stellte meinen Koffer auf die Rollen und machte mich auf die Suche. Immer dem Geruch von Espresso und Macchiato nach. Und Mandelhörnchen? Mein Magen jedenfalls meinte den Duft ziemlich genau einordnen zu können.

„Hallo, mein Hühnchen!“ Mit einem breiten Grinsen erhob sie sich aus dem Korbsessel beim Fenster und hielt die Arme auf. „Willkommen in der Stadt der Liebe, Clara Hummel.“

Wann immer ich eine Reise antrete und am anderen Ende jemand auf mich wartet, den ich lange nicht gesehen habe, nehme ich mir vor, nicht zu heulen. Aber wie das mit guten Vorsätzen ist, gelang es mir natürlich auch dieses Mal nicht. Ich rubbelte mir mit dem Handrücken über die Nase und blinzelte. „Hey, Biene.“

„Dio, du siehst aber schlecht aus. Setz dich hin. Macchiato?“ Sie schob mir ihre Tasse zu.

„Ich hol mir einen.“

„Setz dich hin. Ich hol mir einen neuen. Soll ich dir was mitbringen? Hey hör mal, wann hat David Schluss gemacht? Sagtest du nicht, dass das schon drei Monate her ist? Und du siehst immer noch so übel aus?“ Sie wirkte, als wollte sie im nächsten Augenblick die Ärmel hochkrempeln und nach München fliegen, um dort für Ordnung zu sorgen.

Dankbar nahm ich einen Schluck Kaffee und wartete auf sie. Mein Blick blieb an einem hochgewachsenen, schlanken Mann hängen, der das Café betrat. Anfang dreißig, schulterlanges schwarzes Haar, Fünftagebart, braungebrannt. Stechende dunkle Augen, deren Aufmerksamkeit mich kurz streifte. Ich hielt mich an der Tasse fest und grinste Sabine entgegen. Der Fünftagebart ging mit selbstbewussten, unerklärlich eleganten Schritten zur Bar und begann, offen mit der Kellnerin zu flirten.

„Nicht David hat Schluss gemacht“, erklärte ich, als Sabine sich setzte, mit einem Seufzen, als habe sie den Kaffee von der anderen Seite des Flughafengebäudes holen müssen. „Das war ich, das habe ich dir hundertmal erklärt. Und ich sehe schlecht aus, weil ich, dank meiner lieben Mitreisenden, Kopfschmerzen habe.“

„Bella, Migräne ist hier fehl am Platze. Du bist drei Tage in der Stadt. Und das werden wir nutzen. Schatz, nicht heute, ich habe Kopfschmerzen, ist nicht drin. Das ist eine Warnung.“

„Ich bin beruflich in der Stadt, Biene“, erinnerte ich sie und verdrehte die Augen.

„Deine paar Meetings werden mich nicht davon abhalten, dich ins Nachtleben zu schmeißen.“ Sie deklarierte es, als habe sie meinen Aufenthalt schon im Kopf vollkommen durchgeplant. Und ich wusste, was das zu bedeuten hatte.

„Ich bin nicht hier, um mich flachlegen zu lassen, also schlag dir das gleich aus dem Kopf.“

„Dann wärst du die erste Single-Frau in der Geschichte des modernen Europa, die zur Faschingszeit nach Venedig kommt und nicht plant, sich von einem heißblütigen Venezianer verführen zu lassen.“ Sie schaute über die Schulter zur Bar, und ich wusste genau, wen sie im Auge hatte. Den Fünftagebart und nicht die Kellnerin.

„Dann bin ich halt die Erste.“ Im Leben nicht würde ich ihr verraten, was sich gut versteckt in meinem Gepäck befand. Ein dünner Umschlag, eingeschlagen in Plastikfolie, vergraben unter Akten und Unterlagen ganz tief in meiner Aktenmappe, die zwischen Unterwäsche und maßgeschneidertem Hosenanzug in meinen Koffer eingebettet war. Sabine kellnerte in einem der unzähligen Hotels am Markusplatz, verprasste ihr Geld für die schönen Dinge des Lebens und würde mich dafür hassen, dass sie nicht mitkommen konnte, weil diese Tickets nicht nur teuer waren, sondern es auch für Normalsterbliche unmöglich war, an so etwas ranzukommen.

Seit David mir das Ticket für den Ballo del Doge zugesteckt hatte, fragte ich mich, warum er das getan hatte. Weil er mich immer noch liebte und mir etwas Gutes tun wollte? Unwahrscheinlich, denn dann hätte er ja wohl alles gegeben, um mich auf dieser Reise zu begleiten. Oder weil er froh war, mich los zu sein, und dies seine Form des Feierns war? Oder war es Bezahlung für einen Seitensprung, von dem ich nicht mal wusste? Alles Unsinn, das wusste ich. Das Ticket war ein Dankeschön der Firma, der mein Ex seit der Pensionierung seines Vaters vorstand und für die ich als Chefeinkäuferin arbeitete. Keiner hatte diese Reise machen wollen. Verrückt. Wer, der bei Verstand war, ließ sich einen Trip nach Venedig zur Karnevalszeit entgehen? Oh doch, sämtliche Abteilungsleiter von Alois Stadthofer Nachfolger, Kaufhaus für Luxusartikel und Lebensfreude. Weil es bedeutete, sich mit Niccolo Contarini herumzuschlagen, und jeder, der bei Verstand war, setzte alles daran, genau das zu vermeiden. Niccolo Contarini gehörte zu dem Stammgästen auf Antonia Sautters Maskenball. Und genau das war der eigentliche Grund, weshalb ich dieses Ticket mit mir herumschleppte.

Ich hatte ein paar Mal mit Contarinis Assistentin telefoniert. Der Signore war ja nie im Haus. Immer unterwegs, weltweit. Sohn des legendären Dessouskönigs Angelo Contarini und einer deutschen Stripclubtänzerin, aufgewachsen zuerst in Mannheim und dann in Venedig, ausgebildet in Berlin, Paris und New York, zuhause in der ganzen Welt. Der alte Contarini war letzten Sommer gestorben und hatte sein Imperium dem Sohn hinterlassen. Seither spielte dieser Kerl mit uns. Wollte rein, wollte nicht mehr rein, drehte sich im Kreis, sodass wir ins Rotieren gerieten. La Giarrettiera war immer ein hochklassiger Name gewesen, aber seit der junge Contarini den Laden übernommen hatte, und das lag immerhin noch nicht viel mehr als ein halbes Jahr zurück, überrannten die blöden italienischen Strumpfbandhersteller den Dessous-Markt förmlich. Keiner kam mehr an ihnen vorbei. Stadthofer hatte seit längerer Zeit mit Angelo verhandelt, aber dabei war nichts Definitives herausgekommen. Jetzt mussten wir handeln, und Niccolo wusste das. Er verstand es, den Vorteil zu nutzen und auszuspielen.

Schlussendlich hatte ich mich bereit erklärt, für Stadthofer nach Venedig zu fliegen. Eine Einladung von Don Niccolo, dem gefragtesten Unterhosenmagnaten der Welt. Signore gab sich die Ehre. Arrogant und unnahbar. Schwer einzuschätzen, keiner hatte ihn je gesehen. Nicht mal Bilder existierten von ihm, weder auf der Firmenwebseite noch auf den gängigen Businessportalen. Er hatte tatsächlich die Unverfrorenheit besessen, sein Profil in der Online-Ausgabe der Financial Times mit einem krisseligen Foto von Dagobert Duck zu verschönern – das Bild war nach wenigen Stunden aus dem Netz genommen worden. Wenn der Kerl nicht so darauf erpicht gewesen wäre, der Modewelt das Leben schwer zu machen, hätte man über den Bubenstreich vielleicht sogar lachen und ihm einen schrägen Sinn für Humor zuschreiben können. Aber es war wahrscheinlich doch nur behäbig zur Schau getragene Arroganz.

Ja, und nun war ich, weil ich diesen Mann treffen musste, im Besitz einer Eintrittskarte zu einer Veranstaltung, für die meine beste Freundin Sabine möglicherweise einen Mord begangen hätte. Wollte ich da hingehen? Nicht so ganz. Aber vermutlich würde ich es trotzdem tun. Wenn ich mir nicht gleich nach dem ersten Treffen mit Don Niccolo die Pulsadern aufschnitt.

Sabine stellte ihre Tasse hörbar ab. „Noch bei mir, Hühnchen?“

„Du weißt, wie sehr ich den Namen hasse“, erwiderte ich grinsend. „Soll ich dir noch einen Macchiato holen?“

„Ich geh schon.“ Sie machte Anstalten, aufzustehen, aber ich drückte sie zurück.

„Lass mich. Mal sehen, wie weit mich mein Italienisch noch trägt. Mandelhörnchen?“

„Jetzt sprechen wir dieselbe Sprache, Hühnchen.“

Ich streckte ihr die Zunge raus und machte mich auf den Weg zur Bar.

Nie im Leben hätte ich damit gerechnet, dass sich diese nette fränkische Familie, mit den gefühlten zwölf Kleinkindern, tatsächlich im selben Café wie ich von den durch sie erzeugten Strapazen des einstündigen Fluges erholen würde. Ich hatte sie nicht mal gehört, fiel mir hinterher auf, so vertieft war ich gewesen. Aber dann trat ich beinahe auf eines der besagten Kinder drauf. Wie hätte ich es denn sehen sollen, mit meinem Tablett mit zwei randvollen Tassen Kaffee und zwei Mandelhörnchen, die so hinterlistig dufteten, dass ich in Gedanken schon in eines davon reinbiss? Was ich dann hörte, war ein empörtes Kindergreinen, noch ehe ich begriff, dass mein Fuß mit einem kleinen Persönchen zusammengestoßen war. Erschrocken machte ich einen viel zu langen Schritt, verlor die Balance und als nächstes stießen zwei randvolle Tassen heißen Kaffees mit der gefältelten weißen Hemdbrust des Gigolos an der Bar zusammen. Schulterlanges schwarzes Haar, Fünftagebart und stechende dunkle Augen flimmerten vor meinem Blick. Dann Krachen, Klirren, Plärren, und kaffeebraune Hemdbrust. Mein Herz blieb stehen. Ich schwöre, für einen Augenblick dachte ich, ich sei gestorben, und ich fragte mich, wie heiß das wohl war, und ob der Fünftagebart wohl bleibende Narben davontragen würde.

Wie in Zeitlupe schob er sich von seinem Barhocker, seine Bewegungen immer noch selbstbewusst und elegant, und griff nach meinen Armen. Etwas, das sich verdächtig nach einem elektrischen Schlag anfühlte, holte mich bei seiner Berührung zurück aus dem Land des Todes. „Lancio grande“, murmelte er. Ich hatte eine vage Erinnerung, dass das ein Fußballbegriff war, nur dass es sich, gesprochen mit dieser dunklen, ein wenig heiser klingenden Stimme, anhörte, wie etwas ganz anderes. Er hielt meine Arme fest und half mir, die Balance wiederzufinden. Erst als er sicher zu sein schien, dass ich nicht dem Tablett auf den Boden folgen würde, griff er sich an die Brust und stöhnte ein bisschen. Der verdammte Kaffee. Hitze brannte auf meinen Wangen. Vielleicht lag das aber nur zum Teil an meinem Missgeschick. Besagte Brust nämlich befand sich direkt vor meinen Augen und sah heiß aus. Unter dem durchnässten Hemd spielten die Muskeln, an den Schultern spannten sich Sehnen. Sicher im Protest gegen das Verbrühen, absolut hinreißend, und ich schwankte schon wieder. Er fragte etwas, aber ich verstand ihn nicht. Als nächstes stand Sabine an meiner Seite.

Dass sie es schaffte, gleichzeitig die Nürnberger für ihre unbeaufsichtigt krabbelnden Kinder zu schelten und ungerührt mit einer Serviette auf der hinreißenden Kaffeebrust herumzutupfen, war der Beweis dafür, dass sie einfach viel besser im Training war, was Männer betraf. Wie konnte sie nur so umsichtig bleiben, bei diesem Hemd und diesem Fünftagebart? Der Mann schob ihre Hand resolut beiseite. Seine Stimme war warmer Milchkaffee mit einem Schuss Kirschwasser. Ich vermutete, dass er ihr klarmachte, dass sie mit einer Serviette wohl kaum die Flecken rauskriegen würde, jedenfalls verstand ich von dem sich entspinnenden hitzigen Dialog zwischen den beiden kein Wort mehr. Was mich bedrückte, denn eigentlich war ich stolz auf die Erfolge, die ich in zwei Jahren Abendschule mit Signor Massimo Perrini am Italienischen Kulturinstitut, inklusive zweier mehrwöchiger Aufenthalte in Mailand und Rom, erzielt hatte. Ich verstand, sprach und schrieb fließend Italienisch. Abstürzende Kaffeetassen hatten alle entsprechenden Gehirnzellen offensichtlich abgeschaltet. Oder doch der Fünftagebart?

Vorsichtig hob ich den Blick. Dunkle Augen sahen auf mich herunter. Ich war froh, dass Sabine mich untergehakt hatte, denn sonst wäre ich wohl doch noch in der Kaffeepfütze auf dem Boden gelandet. Er stellte mir eine Frage, die Augen ernst. Ich nickte, obwohl ich keine Ahnung hatte, was er da fragte. Sein Mundwinkel zuckte, dann legte er einen obszön großen Geldschein auf die Bar und verließ das Café, ohne sich umzudrehen.

Sabine warf der Nürnberger Kinderhorde einen tödlichen Blick zu, hängte mir meinen Rucksack über die Schulter und griff sich meinen Koffer. Dabei ließ sie mich keinen Moment lang los, und ich war froh darüber, denn ich sah nichts mehr. Außerdem knurrte mein Magen und machte mir zusätzlich die Knie schwach. Willenlos ließ ich mich hinausziehen ins Gedränge und Geschubse des Flughafenterminals und weiter nach draußen, wo die Taxis warteten.

 

Sabine wohnte in einer Zweizimmerwohnung im westlichen Teil der Serenissima, der sich Santa Croce nannte. Die Brücke, die vom Festland über die Lagune in die Stadt führte, war ein hässliches Monstrum, garniert zusätzlich mit einer Baustelle, die den Verkehr zur Langsamkeit verdammte, sodass man kaum vorwärts kam. Zumindest entschädigte der Blick auf die näherkommende Stadt der Liebe ein wenig, die unter dem blauen Himmel mitten im Wasser lag und vor sich hin döste. Im Schiffsterminal lag eine dickbauchige Fähre. Wir hielten auf der Piazzale Roma, zwischen dem Parkhaus und der Fondamenta della Fabbrica Tabacchi. Siebziger Jahre Betonmonster und heruntergekommene Fabrikgebäude. Willkommen in Venedig, dachte ich zynisch. Sabine bezahlte den Taxifahrer und stieß einen saftigen Fluch aus, als sie meinen Koffer aus dem Kofferraum hievte.

„Himmel, Clara, hast du nicht gesagt, dass du nur drei Tage bleiben willst?“

Ich schenkte ihr mein süßlichstes Lächeln und hob in aller Unschuld die Schultern. „Hartschalenkoffer. Aber zumindest verkrumpelt das Zeug dann da drinnen nicht so. Wenigstens will ich faltenfrei in meinen Untergang segeln.“

„Ah, Bella, was sind das denn für Töne? Untergang…“ Sie schnalzte ungehalten mit der Zunge. Mit vereinten Kräften gelang es uns, das Kofferschiff auf seine Rollen zu stellen. „Nur ein paar Minuten, da die Straße runter.“ Zu Fuß. Na gut. So war es eben, Venedig existierte ganz ohne Autos. Heute wie vor Jahrhunderten. Venezianer mussten sehr sportliche Menschen sein. Es war ein einziges, langgestrecktes Gebäude, an dem entlang wir den Koffer zerrten. Rostroter Putz, der von Ziegelwänden blätterte, rostig vergitterte Fenster im Erdgeschoss. Tolle Gegend, dachte ich und stellte schockiert fest, dass Sabine dann ihren Schlüssel in eine Tür an der Kopfseite desselben Baus steckte. Da drin wohnte sie? Ich starrte an der Fassade hinauf. Na gut, weiter oben wenigstens keine Gitter mehr. Gemeinsam gelang es uns, meinen Koffer über eine knarzende Holztreppe in den dritten Stock zu hieven. Die Straße, in der Sabines Wohnung lag, hieß nicht umsonst nach der alten Tabakfabrik, die früher in den Gemäuern beherbergt gewesen war. Obwohl das nun schon Jahrzehnte zurücklag, kam es mir vor, als hinge der herbe Duft von trockenem Tabak noch immer in den wurmstichigen Stufen und dem Geländer. Nur versetzt mit der kaum wahrnehmbaren Note nach Fisch und Schimmel, die offenbar zu Venedig gehörte wie die Maß Bier zum Oktoberfest. Sabine schloss die Tür auf. Sofort legte sich künstliches Pfirsicharoma über den Mief der Lagunenstadt. „Willkommen in meinem bescheidenen Heim. Sorry, aber ich bin nicht mehr zum Aufräumen gekommen.“

„Ehrlich? Wäre mir gar nicht aufgefallen.“ Ich schmunzelte. Auf zahlreichen Beistelltischen, von denen keiner, rein optisch, zum anderen passte, stapelten sich Magazine und Tinnef. Die Küchenanrichte zierte eine Reihe Kaffeebecher, deren Inhalt in unterschiedlichen Stadien der Verwesung vor sich hinvegetierte. Ein buntes Blechschild hing über der Anrichte an der Wand mit einer Hausfrau im 50er-Jahre-Look darauf, die sich die Haare raufte, dazu die Aufschrift: Ich bin nicht unordentlich. Das ist ein chemisches Experiment! Trotz des Chaos, in dem die Wohnung versank, fühlte ich mich sofort wohl hier. Vielleicht, weil es der krasseste Gegensatz zu Davids kühlem Penthouse in Bogenhausen war, den man sich vorstellen konnte. Oder, zugegeben, zu meiner minimalistischen Wohnung in der Maxvorstadt. Wer nie zuhause war, weil er sich in Überstunden erging, der konnte keinen Tinnef ansammeln.

Ich ließ mich in einen Ohrenbackensessel mit Blümchenmuster fallen und versank augenblicklich bis zur Taille in der ausgeleierten Federung. Der Koffer blieb wo er war – direkt im Flur.

„Also“, begann Sabine, kaum dass sie mir gegenüber auf dem Sofa Platz genommen hatte. „Jetzt erzähl. Was ist genau mit diesem David-Arsch passiert? Ich dachte, das war die große Liebe.“

Ich hob die Schultern und zog meine Knie an den Körper. In Embryonalstellung war die Wahrheit vielleicht nicht ganz so übel. „War es auch. Bis zu dem Tag, als er dachte, seine Sekretärin auf dem Farbkopierer vögeln zu müssen.“

„Autsch.“ Sabine sog zischend die Luft zwischen die Zähne. „Und woher weißt du, dass es der Farbkopierer war?“

Als würde das einen Unterschied machen. „Weil ich die Ausdrucke am nächsten Tag auf meinem Schreibtisch hatte. Ehrlich, zu wissen, wie der Schwanz meines Verlobten in der Möse von seiner Flamme aussieht, das war etwas, auf das ich gut und gern hätte verzichten können.“

„Schlampe“, kommentierte Sabine, und hatte damit ja sowas von recht. „Aber immerhin hat sie ja erreicht, was sie wollte. Den Weg zum Junior hat sie sich mit der Aktion schön freigefickt. Immerhin hast du ihm ja den Laufpass gegeben. War wahrscheinlich auch das, was er erreichen wollte. Da haben sich zwei gefunden, die einander verdienen. Was hat er denn dazu gesagt?“

„Was soll er schon gesagt haben. Dass es ein Ausrutscher war. Dass er mich liebt und ich genau die Frau bin, die er sich an seiner Seite vorstellt. Aber dass er sich von einer Schokonuss mehr Leidenschaft im Bett erwartet hätte, und dass ein Mann eben auch seine Bedürfnisse hat.“

Sabines Lippen formten ein kleines O, als sie fassungslos den Mund aufriss. Oh ja, mir hatte diese Spitze auch die Sprache verschlagen. Zu dem Zeitpunkt war David der Letzte gewesen, von dem ich einen Hieb aus dieser Richtung erwartet hatte. Es war meine ewige Achillesferse. Klar, man gab sich weltoffen und vorurteilsfrei. Hautfarbe, Haarfarbe, alles doch kein Problem. Ein Problem vielleicht nicht, aber eine Besonderheit. Da half auch mein schöner deutscher Nachname nichts, mit dem jeder in München eine altehrwürdige Feinkostdynastie verband. Fakt blieb, dass ich ein Exot war, Daddy sei Dank, einem amerikanischen Soldaten, der meine Mutter geschwängert hatte und dann zurück in die Staaten geflohen war. Der Mann, den ich Papa nannte und der mich wenige Jahre später adoptierte, gab sich alle Mühe, keinen Unterschied zu machen zwischen mir und meinem Halbbruder, der zwei Jahre nach Papas Hochzeit mit meiner Mutter geboren wurde. Aber meine dunkle Hautfarbe und meine pechschwarzen Haare sorgten einfach dafür, dass ich nicht dazu gehörte. Es niemals tat und niemals tun würde. Im besten Fall reagierten Fremde auf mich wie auf einen seltenen Vogel im Zoo, im schlimmsten Fall bewarfen sie mich mit Schimpfworten. Davids Enttäuschung darüber, dass sich hinter der Fassade einer rassigen Farbigen im Bett doch nur ein deutsches Mauerblümchen verbarg, war nur einer dieser Tiefschläge, die ich schon viel zu oft hatte einstecken müssen.

„Und trotzdem reist du für diesen xenophoben Möchtegern-Macho in der Weltgeschichte rum, statt es dir jetzt erst einmal ordentlich gut gehen zu lassen?“ Sabine kam aus dem Staunen gar nicht mehr raus.

„Immerhin bin ich Chefeinkäuferin für Alois Stadthofers Nachfolger. Und im Gegensatz zu Veronika“, allein der Name schmeckte in meinem Mund wie eine faulige Nuss, „hab ich mir den Posten erarbeitet und nicht erschlafen. Als ob es ein Zufall ist, dass sie sich plötzlich in der PR-Abteilung breit machen kann. Auf jeden Fall hab ich nicht vor, David Munition zu liefern, um mich nach seinem Leben auch aus dem Job rauszuekeln.“

„Und das willst du damit erreichen, dass du einen aussichtslosen Auftrag annimmst? Du hast doch selbst erzählt, dass dieser Carabini …“

„Contarini.“

„Contamini, dann eben“, wischte Biene meinen Einwand beiseite. „Dass dieser Contamini so eine harte Nuss ist und eigentlich gar keine Lust hat, seine heißen Höschen bei Stadthofer zu verkaufen.“

„Niccolo Contarini“, ich betonte jede Silbe des Nachnamens, als spräche ich mit einem Kleinkind, „mag eine harte Nuss sein, aber er wäre ja wohl kaum so schnell so hoch geklettert, wenn er dumm wäre. Und nur ein dummer Mensch würde nicht einsehen, dass die einzige Adresse in München, die den richtigen Rahmen für seine Dessous bieten kann, Stadthofer ist. Entweder er eröffnet eine eigene Lizenzfiliale, oder er gibt uns die Lizenz. Alles andere wäre Wahnsinn. Er wird seine Luxusfummel ja wohl kaum bei Kaufhof verscherbeln wollen.“

„Hm“, machte Biene und tippte sich dabei mit dem Zeigefinger auf die Unterlippe. „Hast du dich schon mal gefragt, was für dreckige Fantasien ein Kerl haben muss, der sein Geld damit verdient, Unterhöschen zu entwerfen, die so klein sind, dass der Quadratmeterpreis wahrscheinlich höher ist als bei einer Wohnung direkt im Fürstenpalast in Monaco?“

„Nein, Biene, hab ich nicht. Und ganz ehrlich, ist mir auch egal. Das Zeug verkauft sich wie irre. Die Leute stehen auf den verruchten Kick und den Luxus. Wer es sich leisten kann, für ein Set aus BH und Höschen knapp tausend Euro zu zahlen, der ist bei Stadthofer genau richtig. Und damit ist auch Contarini bei Stadthofer genau richtig. Ich muss ihn morgen einfach überzeugen.“

„Na dann mal viel Glück.“

 

Schwärze. Absolute Schwärze. Ich versuche meine Hände zu bewegen. Nichts passiert. Glatt und seidig schmiegen sich die Fesseln um meine Handgelenke. Leise wispernd ein Anflug von Panik. Ich öffne die Augen, doch die Schwärze bleibt. Umhüllt mich wie ein Umhang aus schwerem, warmem Samt. Sein Atem fächert über meine Wange, meine Schläfen, mein Gesicht.

„Silenzio, Bambina.“ Eine Stimme wie schwerer Rotwein. Ein wenig herb, ein wenig süß. Eine Stimme, die in den Kopf steigt und berauscht.

Trotz seiner Warnung kriecht ein Wimmern aus meiner Kehle. Auch meine Beine werden von Fesseln gehalten. Ausgebreitet wie eine Opfergabe, liege ich auf einem Bett aus weichen Laken. Feuer züngelt zwischen meinen Schenkeln, bringt meine Haut zum Glühen.

„Das ist es.“ Seine Stimme klingt anders jetzt. Mit dem Allwissen, das nur der Träumende hat, weiß ich, dass er Italienisch spricht, und nicht mit mir. Es sind zwei Männer, die sich mir widmen, zwei, die mich kosten und streicheln und benutzen.

Ich erkenne das Feuer zwischen meinen Schenkeln als eine Zunge. Sie lockt und fordert. Hände, die meine Schamlippen spreizen, meine Klitoris zugänglich machen für die leckende, süß pochende Qual, die die fremde Zunge meinem Fleisch entlockt.

„Ich, ich will das nicht.“ Wieder reiße ich an meinen Fesseln. Der Mann zwischen meinen Beinen nimmt seine Zunge von meiner Klit. Erleichterung brüllt durch meinen Kopf, Verzweiflung durch meinen Unterleib. Eine Hand greift in mein Haar, hält meinen Kopf. Eine andere Hand drückt meine Schultern fest nach unten. Ausgeliefert.

„Shhht, Bambina.“ Dann, lauter und offensichtlich nicht zu mir. „Weiter, Tizian. Was sie will, ist nicht wichtig. Wichtig ist, was sie braucht.“

Erst trifft heißer Atem mit einem zustimmenden Brummen mein Geschlecht, dann ein Lecken. Der Mann zwischen meinen Schenkeln macht weiter. Leckt und streichelt. Ich will nicht, ich will wirklich nicht erregt sein von diesem Spiel. Aber oh, es ist gut. Das Lecken, das Saugen, das Streicheln.

„Fick sie jetzt.“

Nein, nein, nein, nein. Ich spüre einen sanften Lufthauch an meinen Schenkeln, höre das leise Klicken eines Gürtels, der gelöst wird. Und dann, ohne Vorwarnung, ohne Präambel, versenkt sich der Mann namens Tizian in mir. Gleichzeitig schreien wir auf.

„Dio mio, sie ist eng.“ Tizians Stöhnen klingt rau, fast gequält. Vor und zurück, er nimmt mich in einem trägen, gleichmäßigen Rhythmus. Feuerfunken sprühen von dem Punkt, an dem wir vereint sind, durch meinen ganzen Körper.

Hände greifen nach meinen Brüsten, kneten, reizen, und ich weiß, dass es die Hände von IHM sind, nicht die Hände von Tizian.

„Oh, ist sie nicht eine brave, kleine Sklavin? Süß und verletzlich. So gut. Schneller, Tizian. Fester. Zeig ihr, wer das Sagen hat.“

Qualvoll und brennend sengen sich die Worte in meine Weiblichkeit. Ich stehe in Flammen. Wieder werfe ich meinen Kopf hin und her. Zu viel. Das ist zu viel, zu intensiv. Tizian hämmert in mich, die Spannung baut sich auf. Doch ich kann mich nicht rühren. Die Fesseln halten mich. Und SEINE Hände.

Bartstoppeln kratzen sanft über mein Ohr. Bartstoppeln, die zu einem Fünftagebart gehören, und die Spitzen von pechschwarzen Haaren.

„Bambina, wenn du nur sehen könntest, was ich sehe.“ Er beugt sich über mich. Seine Brust auf meinem Gesicht. Ein Duft wie eine Erinnerung. Tabak und Salz und exotische Gewürze. Seine Hände streichen über meinen Körper abwärts, liebkosen meinen Bauch, meine Hüfte, die Spalte zwischen meinen Schenkeln und schließlich meine Pussy, bis er mit den Zeigefingern über meine Schamlippen gleitet und sie noch weiter spreizt. „Ein ganz tiefes Pink. So nass.“ Dann, flüsternd: „Und so machtlos, während Tizian dich fickt.“

„Ah!“ Mehr noch als Tizians Schwanz, zeichnen mich die Hände des Unsichtbaren als seinen Besitz. Seine Daumen finden meine Klit. Drücken. Reiben die Seiten. Fest und erbarmungslos.

„Komm jetzt, Bambina. Zeig Tizian, was die Fica meiner kleinen Sklavin kann.“ Ein letzter Druck seiner Daumen, die über die Spitze meiner Klit gleiten, ein letzter Stoß des Fremden namens Tizian, der nicht mal ein Gesicht für mich hat, und ich zersplittere in tausend Scherben. Der Höhepunkt schießt von meiner Pussy in meinen Bauch. Ich zittere und falle. Doch Tizian hört nicht auf. Ebenso wenig wie ER. Er hat nicht nur kein Gesicht. Er hat auch keinen Namen. Nur eine Stimme. Wie alter, schwerer Wein. Ich höre sie beide lachen, ein Geräusch voller Zufriedenheit. Ich höre mein Schreien, sie machen weiter, bis es weh tut vor Intensität, bis meine Lust zur Qual wird. Welle um Welle dieses Sturms, in dem ich mich verliere, bis ich nicht mehr weiß, wo ich aufhöre und wo sie anfangen.

 


Kapitel 2

 

Die Schreie brannten immer noch in meiner Kehle, als ich meine Augen aufschlug, gefangen in einem Kampf, der meinen Körper beutelte und meinen Geist in Schlaf hüllte, während ich, immer noch zuckend, immer noch bebend, erwachte. Nur langsam nahm das Zimmer um mich herum Formen an. Ich kämpfte darum, meinen Atem dazu zu überreden, sich zu beruhigen. Das Leinen des Bettlakens war feucht, insbesondere dort, wo ich es zwischen meine Schenkel geknüllt und mich im Schlaf daran gerieben haben musste. Gott, war mir heiß. Ich fuhr mir mit der Hand über die Stirn und tastete auf dem Nachttisch nach der Wasserflasche, die ich mir am Abend aus der Küche mitgenommen hatte. Biene war so nett gewesen, mir für die drei Tage meines Besuchs ihr Schlafzimmer zu überlassen und selbst auf das Sofa im Wohnzimmer zu ziehen. Das sei das Mindeste, meinte sie, wenn ich schon das Luxushotel, das mir Stadthofer bezahlt hätte, ausschlug, um möglichst viel meiner Zeit in Venedig mit meiner besten Freundin verbringen zu können.

Das Wasser half mir dabei, mich abzukühlen. Zumindest ein bisschen. Heiliges Kanonenrohr, eine übergeschnappte Libido, kurz vor dem vielleicht wichtigsten Meeting meiner Karriere, war keine so gute Idee. Dieser Traum. Oh Himmel. Und an allem war nur Don Fünftagebart Schuld. Irgendwas war da geschehen, in den wenigen Augenblicken, in denen seine Arme nach meinen gegriffen hatten und seine Augen nach meiner Seele. Klar, Clara, deine Seele. Wenn, dann hat der nach was ganz anderem gegriffen. Nach etwas, das südlicher angesiedelt war und sich immer noch ziemlich feucht und geschwollen anfühlte.

Okay, es war an der Zeit, ein bisschen Realität in diese ganze abgefahrene Situation zu bringen. Die Leuchtziffern des Schlafphasenweckers auf Bienes Nachttisch verkündeten mir, dass es gerade einmal Dreiviertel Acht war. Ich hatte also noch gut drei Stunden Zeit, um mich fit zu machen und diesen Traum endgültig abzuschütteln. Erst einmal einen Kaffee. Dann eine kalte Dusche. Nach einem ordentlichen Peeling und einer gründlichen Rasur würde ich mich besser fühlen. Gestählter und nicht mehr so verletzlich.

Ich schwang meine Beine über den Rand des Bettes und bemühte mich, die größten Staubmäuse auf dem Parkett zu umschiffen, als ich mir einen Weg in die Küche bahnte. Sabine war auch schon auf, saß mit einem zum Turban gewickelten Handtuch auf dem Kopf und Watteröllchen zwischen den frisch lackierten Fußnägeln auf dem Sofa und blätterte in einem Modemagazin. Von dem sah sie auf, kaum dass sie mich aus dem Schlafzimmer kommen sah. Gewitterwolken verdunkelten ihre Stirn. „Alles klar bei dir?“

„Kaffee.“ Die Rädchen in meinem Sprachzentrum mussten regelmäßig mit Koffein geölt werden, um richtig zu funktionieren.

Biene ließ sich von meiner Einsilbigkeit nicht beeinflussen. Das Magazin flog auf den Stapel mit all den anderen Zeitschriften auf dem Fußboden, und im nächsten Augenblick rollte eine Lawine aus fehlgeleitetem Freundschaftssinn auf mich zu.

„Warum hast du nicht erzählt, dass du Albträume hast wegen diesem Kerl. Mensch, Hühnchen. David ist es doch nicht wert. Der ist Abschaum. Nee, Quatsch. Der ist nicht mal Abschaum. Der ist der Glibber, der zurückbleibt, wenn der Abschaum im Gully versickert ist, weil nicht einmal die Kanalisation ihn haben will. Ich hab mir echt Sorgen um dich gemacht.“

„Sorgen?“, japste ich, und diesmal war ich so einsilbig, weil mir Bienes Umarmung die Luft zum Sprechen nahm.

„Ja, klar. Was denkst du denn? Du hast geschrien, als ob ne ganze Truppe Hühnerjäger hinter dir her war, um dir jede Feder einzeln auszurupfen.“ Sie stemmte mich ein bisschen von sich und sah mir tief in die Augen. „Also, alles klar bei dir?“

Ich fühlte die Röte in meine Wangen steigen und dankte meinem Daddy ausnahmsweise einmal für meine dunkle Haut. „Ähm, Biene. Das war kein Albtraum.“

„So ein Quatsch. Natürlich war das ein Albtraum. Ich hab dich doch schreien gehört. Ich hab schon überlegt, ob ich ins Zimmer gehen und dich wecken soll, aber dann hab ich mich erinnert, dass das schwerwiegende Folgen auf metaphysischer Ebene haben kann, wenn man den Träumenden aus dem Schlaf reißt, bevor das Unterbewusstsein sich von dem Horrorszenario verabschiedet hat.“

„Auf metaphysischer Ebene?“ Irgendwie war ich mir nicht mehr so ganz sicher, ob ich wirklich schon wieder wach war.

„Ja, klar. Aurafelder und so. Du weißt schon. Ich hab das mal gelesen. Und du brauchst doch heute all deine Durchsetzungskraft für dieses Meeting.“ Ihre Augen sahen mich so treuherzig an, dass ich langsam aber sicher zu der Erkenntnis gelangte, dass sie wirklich jedes Wort ernst meinte, das sie sagte. Ehrlich, Biene war ein Herz von einem Menschen und die allerbeste Freundin, die man sich wünschen konnte, aber manchmal fragte ich mich, was der liebe Gott sich dabei gedacht hatte, sie ohne Beipackzettel mit Warnhinweisen zu den möglichen Nebenwirkungen ihrer Bekanntschaft auf die Welt geschickt zu haben.

„Biene“, sagte ich und bemühte mich, meine Stimme ernst und eindringlich klingen zu lassen. „Erklär mir doch noch einmal, warum deine Eltern all das Geld für eine teure Privatschulausbildung ausgegeben haben.“

„Wie kommst du denn jetzt da drauf?“

Mit sanfter Gewalt löste ich mich aus ihrer Umarmung und hob ergeben die Hände. „Himmel, Biene. Metaphysische Störungen der Aurafelder. Was haben sie dir denn in den Kaffee getan? Das war kein Albtraum, okay? Mit meiner Metaaura ist alles in bester Ordnung.“

„Aber …“ Der Groschen fiel pfennigweise, aber er fiel. „Oh“, machte sie schließlich, bevor ihre Lippen sich zu einem verruchten Grinsen verzogen.

„Ja, oh.“ Ich wandte mich ab, um einen Becher unter den Ausguss ihres topmodernen Kaffeevollautomaten zu stellen, kam aber nicht weit, weil sie mich am Arm packte und mitten in der Bewegung aufhielt.

„Wer?“, fragte sie, und aus ihren Augen sprühten Blitze aus Neugier und Schalk.

Während es mir endlich gelang, den Becher auf das Gitter zu stellen, und mein Morgenkaffee damit in greifbare Nähe rückte, hob ich die Schultern und murmelte möglichst beiläufig. „Der Typ vom Flughafen. Glaube ich. So wirklich habe ich ihn nicht gesehen. War anatomisch nicht möglich.“ Meine Wangen brannten, und ich konnte sie nicht ansehen. Konzentriert starrte ich auf die Kaffeetasse, die sich langsam füllte.

„Wer?“ Sie runzelte die Stirn. Ich glaubte nicht, dass sie sich nicht erinnern konnte. Also schob ich es darauf, dass sie sich nicht vorstellen konnte, dass man nach so einem Malheur feuchte Träume von seinem Protagonisten haben könnte. Wäre mir an ihrer Stelle genauso gegangen.

„Na, der Kerl gestern. Den ich mit dem Kaffee begossen hab. Du weißt schon. Groß, braungebrannt. Schwarze Augen, schwarze Haare. Toller Körper.“

„Soweit kann ich dir schon folgen, aber hör mal! Seit wann stehst du denn auf solche Typen? Ich dachte immer, du stehst eher auf den Typ blondes Strahlemannlächeln mit zwei Grübchen in den Wangen. Du weißt schon, Typ Schwiegersohn. Der Typ aus dem Café war alles, aber kein Schwiegersohn. Das war heißestes venezianisches Gigolovollblut. Und der Kerl hat dich im Traum so richtig heiß gemacht?“

„Hm. Und dann war da noch einer“, fügte ich leiser hinzu und so beiläufig, wie es mir eben gelingen wollte.

„Du hattest …“

Ich ließ sie nicht zu Ende sprechen, sondern nahm mir meinen Kaffee, zwinkerte ihr noch einmal zu, bevor ich mich umdrehte und zum Bad ging. „Ich nehm den Kaffee mit ins Bad. Muss mich fertig machen. Bis gleich.“ Über die Schulter hinweg warf ich ihr eine Kusshand zu und sah, wie sie mir immer noch sprachlos hinterherblickte. Jawohl. Eins zu Null für Clara. Signor Spitzenhöschen, ich komme. Genau so konnte der Tag weitergehen.

 

Ich hatte mir nie viel dabei gedacht, wenn ich Briefköpfe von La Giarrettiera betrachtete, um die Telefonnummer abzulesen. Ich war nie in Venedig gewesen und die Adresse bedeutete mir nichts. Sabine hüllte sich in vielsagendes Schweigen beim Frühstück und wechselte zwischen fragenden und neidischen Blicken. Ich hatte noch mit den Nachwehen meines Traumes zu kämpfen und sprach nicht viel. Hunger hatte ich auch keinen. Der Termin für das Meet-and-Greet mit dem Strapsbaron war für elf Uhr angesetzt. Sabine bestand darauf, mich dorthin zu bringen. In einem undurchschaubaren System aus Fußwegen und Booten würde ich sonst niemals ankommen, behauptete sie. Außerdem könnten wir dann im Anschluss an mein Meeting gleich eine Shoppingtour machen, fügte sie hinzu, denn die Adresse von La Giarrettiera sei gleich neben dem Markusplatz.

Zuerst zu Fuß, dann mit einem sogenannten Wasserbus auf dem Canale Grande. Zum Glück war das Gefährt hoffnungslos überfüllt, sodass gar nicht erst das Gefühl von Urlaub aufkam. Ich musste mich konzentrieren. Wann hatte ich zum letzten Mal so einen Traum gehabt? So real. So verdammt feucht. Und dann auch noch so langanhaltend. Ich ertappte mich dabei, wie ich in die Gesichter der Passagiere schaute und halb hoffte, halb fürchtete, den Mann mit der kaffeebegossenen Brust wiederzusehen. Konnte man mir ansehen, was ich dachte? Sabine schnatterte ununterbrochen und unterschied sich damit in nichts von den anderen Leuten an Bord - seien es Touristen oder Einheimische. Viele Fahrgäste trugen teilweise haarsträubende Masken und niemanden schien es zu stören. Karnevalszeit. Offenbar nicht nur abends, wenn es dunkel wurde. Die Paradiesvögel hatten in La Serenissima den ganzen Tag lang Ausgang.

„Piazza San Marco“, kam es knisternd aus den Lautsprechern und Sabine schubste mich zum Ausgang. „Wir laufen noch ein kleines Stück.“ Na hoffentlich, dachte ich beim Anblick der hoffnungslos überrannten Esplanade. Die Temperaturen lagen im einstelligen Bereich, und viele der Flanierenden trugen farbenfrohe Mäntel. Trotz der Kühle hatten unzählige Verkaufsstände entlang der Wasserkante geöffnet und machten sicher ein Bombengeschäft mit ihren Masken, Umhängen, Federboas und was man noch alles so zu einem Karnevalskostüm gebrauchen konnte. Ich begann mir zu wünschen, dieses Treffen hätte zu einem anderen Zeitpunkt stattfinden können.

Den Markusplatz hätte ich mir schon ganz gern angesehen, nur um sagen zu können, ich sei mal dagewesen. Aber Sabine klopfte auf ihre Uhr. Fünf vor elf. Ich würde ohnehin zu spät kommen. Seufzend tippelte ich in meinen hochhackigen Ankleboots hinter ihr her, die Esplanade hinunter. Über eine sich aufbäumende Brücke kreuzten wir einen Kanal. Vor einem hellrot gestrichenen Prachtbau blieb Sabine stehen. „Voilá, Signorina.“

Ich sah an der Fassade hinauf. „Das ist ein Hotel, Biene.“

Sie nickte verdrossen. „Das beste am Platz, wenn man den Reichen und Schönen glauben darf. Wir Normalsterblichen dürfen da nicht mal einen Fuß reinsetzen. Ich glaube, man muss beim Portier eine Kaution hinterlegen, dass man nichts anfasst.“

„Biene, ich soll ins Hauptquartier von La Giarrettiera kommen und nicht in ein Konferenzhotel. Deinetwegen bin ich jetzt zu spät. Wo ist dieser Laden?“

Ohne hinzusehen, wies sie mit beiden Zeigefingern hoch in die Luft. „Penthouse, Baby. Dem Herrn der Halterlosen ist das Beste offenbar gerade gut genug. Hast du dein Handy dabei und kannst heimlich ein Foto von ihm schießen? Ich beginne mir zu wünschen, dass der Kerl Single und anspruchsvoll im Bett ist, denn dann könnte ich mithalten.“ Sie sah mir in Gesicht und grinste. „Du guckst, als hättest du gerade erfahren, dass Dagobert Duck diese Firma leitet.“

Verdammt, Biene, du bist ziemlich nah dran, dachte ich, weil mir das Bild aus der Financial Times einfiel. Ich fuhr mir mit beiden Händen über die Jacke meines Nadelstreifenhosenanzugs, um etwaige Falten auszubügeln, und nahm einen tiefen Atemzug. „Dann wollen wir mal. Drück mir die Daumen.“

„Darauf kannst du dich verlassen, Hühnchen. Halt die Ohren steif.“

„Hühnchen haben keine Ohren. Danke fürs Bringen.“

„Ich sitze im Café bei der Brücke, über die wir eben gekommen sind. Ich warte da auf dich. Wir können ja Giarrettiera Unterwäsche kaufen gehen, wenn du fertig bist.“

„Sehr witzig.“ Ich nahm an Mut zusammen, was ich finden konnte, und marschierte auf den Eingang des Hotels zu. Hinter mir konnte ich hören, wie Sabine die Anfeuerungen von Kat nachahmte, als Pretty Woman, Julia Roberts, auf den Lotus Esprit von Richard Gere losmarschierte. „Work it, Baby, work it!“ Ich unterdrückte den Drang, mir alle zehn Finger durch die Haare zu ziehen und aufreizend mit den Hüften zu wackeln. Außerdem hatte ich nicht solche kilometerlangen Beine und würde eher aussehen wie Dagobert Ducks kleine Schwester. Also ließ ich es bleiben.

Der junge Mann, der am Eingang Schmiere stand, riss mir die Tür auf, was mich wunderte, denn nach Sabines ominösen Berichten von der Exklusivität des Hauses gehörte ich hier trotz der hohen Absätze nicht zur Zielgruppe. Der Ruf des Danieli Hotels bestätigte sich dann aber, sobald ich ein paar Schritte weit in die Lobby vorgedrungen war. Die Einrichtung war einfach nur teuer. Ich war ganz sicher nicht in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, und auch in Davids Penthouse wurde an Luxus nicht gespart, aber das hier war nochmal ganz was anderes. Ich schluckte und kam mir schon wieder vor wie Julia Roberts, diesmal beim Betreten des Regent Hotels. Vorsichtig, um ja nicht mit den Hacken hängenzubleiben und womöglich den Teppich zu zerfetzen, trat ich an die Rezeption. Statt einer langbeinigen Blondine erwartete mich dort ein vollbärtiger Griesgram jenseits der Sechzig. Er stellte sich als Giancarlo vor, musterte mich unverhohlen von Kopf bis Fuß, abschätzig, taxierend, dann erst fragte er nach meinem Begehr.

„Ich habe eine Einladung zu einem Meeting mit Signor Contarini. Niccolo Contarini.“ Ich schickte ein Lächeln hinterher, purer Stolz darauf, die Worte ohne Stottern hervorgebracht zu haben. Der Concierge fiel ungefragt sofort in ein für italienische Verhältnisse geradezu makelloses Englisch, und ich hatte Mühe, mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr mich das verletzte.

„Ihr Name bitte?“, fragte er und schlug eine edel aussehende rote Mappe auf. Ich hatte gar nicht gewusst, dass es solche Mappen auch in Nobelversionen gab. Ein einziges Blatt Papier klebte darin. Ich erkannte den Briefkopf mit dem Firmenlogo von La Giarrettiera, darunter eine Reihe von Namen, vier oder fünf, handschriftlich aufgelistet. Du meine Güte.

„Clara Hummel.“

Der Concierge winkte einen Pagen heran, ohne hinzusehen, während er einen der Namen auf der Liste durchstrich. Erleichtert stellte ich fest, dass andere Namen noch jungfräulich waren. Ich war also nicht die Letzte.

„Giovanni wird Sie zum Penthouse bringen“, informierte er mich. Damit war ich entlassen. Beim Weggehen bemerkte ich aus dem Augenwinkel, dass er den Telefonhörer abnahm und eine Nummer wählte. Prima. Offenbar wurde ich angekündigt. Mein Magen machte einen Kopfsprung in Richtung meines linken großen Zehs.

Der Trip im Aufzug dauerte wenige Sekunden. Penthouse hier war halt nicht vergleichbar mit Penthouse in modernen Wohntürmen. Das hier waren architektonische Meisterleistungen, die mit den Füßen im Wasser standen und das seit Jahrhunderten. Da war es ohnehin ein ziemlicher Quantensprung, dass man es geschafft hatte, Aufzüge hinein zu installieren. Giovanni sprach die ganze Zeit kein Wort. Vermutlich gehörte zu seiner Aufnahmeprüfung als Hotelpage, dass er nicht mal dann einen Laut von sich gab, wenn man ihm die Zunge rausriss. Ich schauderte. Blöder Witz.

Die Fahrstuhltüren glitten auseinander. Giovanni ging voraus, wies mit ausladender Geste nach links, einen teppichbelegten Gang hinunter. Er selbst verzog sich zurück in seinen Kasten, der mit einem aufdringlichen Jaulen wieder nach unten zurückkehrte.

Ich passierte mehrere Türen, rechts und links des Ganges, die mit „La Giarrettiera“ und diversen Zusätzen gekennzeichnet waren. Sekretariat, Marketing, Assistenz der Geschäftsleitung. Unfassbar. Signor Tanga besaß tatsächlich den Größenwahn, sein Firmenhauptquartier im Penthouse eines Nobelhotels zu verstecken. Zwei verschlossene Türen blieben. Eine trug die Aufschrift „Geschäftsleitung“. An der letzten Tür gab es auf dem Messingschild lediglich das mir inzwischen allzu vertraute Firmenlogo. Als ich meine Handflächen aneinanderrieb, merkte ich, dass sie kalt von Angstschweiß waren.

Reiß dich zusammen, Hühnchen, dachte ich und runzelte die Stirn. Es ist ein verdammtes Meeting. Das hast du schon hundertmal gemacht.

Gerade als ich die Tür zu diesem letzten Raum aufdrücken wollte, öffnete sich die Tür zum Büro der Geschäftsleitung. Im gleichen Augenblick gab der Fußboden unter mir nach.

Mitte dreißig, schätzte ich. Kurzer, präzise gestutzter dunkler Bart auf Oberlippe, Wangen und Kinn, das lockige Haar ein bisschen zu lang. Kein Jackett, das weiße Hemd, dankbarerweise ganz ohne Kaffeeflecken, stand ein wenig zu weit offen, um einen seriösen Geschäftsmann zu signalisieren. Aber was war auch seriös an einem Mann, der sich mit einem Passbild von Dagobert Duck in der Times zeigte? Das V seines Kragens ließ eine haarlose, braungebrannte Brust mit definierten Muskelsträngen ahnen.

Oh Himmel. Ich starrte ihn an und hatte nichts zu sagen. Meine Reaktion gestern auf den Gigolo an der Bar hatte mir den Boden unter den Füßen weggerissen. Niccolo Contarini war ein Sonnensturm, der eine ganze Galaxie zum Einsturz bringen konnte.

„Guten Morgen, Fräulein Hummel“, begrüßte er mich kühl und in perfektem Deutsch. Natürlich. Niccolo Contarini war in Deutschland aufgewachsen, bis sein Vater ihn nach Italien geholt hatte. „Hatten Sie eine angenehme Nacht in Venedig? Es ist zurzeit etwas laut hier.“

Fräulein Hummel? Wie redete der mit mir? Was fiel dem ein? Mir jedenfalls fiel gar nichts ein. Ich starrte ihn an, und mein Gehirn weigerte sich, das zu verarbeiten, was meine Augen sahen. Ein statisches Kribbeln begann über meinen Nacken zu rinnen, über meine Schultern, meine Brüste. Ich konnte nicht verarbeiten, was meine Ohren hörten. Eine Stimme wie alter Rotwein. Meine Brustwarzen zogen sich zusammen. So dunkle Augen, dass sie schwarz wirkten. Die Gene seiner deutschen Mutter waren an diesem Mann vorbeigezogen und hatten ihn nicht mal angehustet. Er sah hinreißend aus. Heiß. Aber er war kalt. Wie ein Eisblock.

Er legte eine Hand um meinen Oberarm, und da erst merkte ich, dass ich auf meinen brutalen Absätzen zu schwanken begonnen hatte. „Kommen Sie, Signorina Hummel. Das ist übrigens ein interessanter Name. Sind Sie verwandt mit Ludwig Hummel, dem Feinkostunternehmer?“

Mein Mund klappte auf. „Woher kennen Sie …“

Er zuckte mit den Schultern, schloss seine Bürotür hinter sich und wies hinunter zur Tür dieses letzten Zimmers. „Der Konferenzraum ist dort. Nach Ihnen, Signorina Hummel, bitte. Ich habe mich ein wenig auf der Firmenwebseite von Stadthofer umgesehen. Sie sprechen perfekt Italienisch, das wird es einfacher machen, meine anderen Gäste heute kommen aus Mailand, Rom und Florenz und es wäre mühsam, alles für Sie zu übersetzen. Ich bin kein Mann, der unverhältnismäßige Mühen in unrentable Projekte investiert.“ Er stieß die Tür auf. Dass er mich vorangehen ließ, erschien mir fast wie ein Wunder an Höflichkeit. Alles andere an diesem Kerl deutete darauf hin, dass er von dem sprichwörtlichen Charme der Italiener noch nie auch nur gehört hatte. Unfreundlich und respektlos. Ich wünschte mir, passenderes Schuhwerk angezogen zu haben, um ihn ordentlich treten zu können. Zum Teil für sein überhebliches Auftreten. Zum anderen Teil für die Reaktion, die er meinem Körper nichts desto trotz abrang.

Ein Mann und eine Frau schnatterten aufgeregt bei einer Tasse Kaffee. Ich nahm mir einen Augenblick Zeit, um einen tiefen Atemzug zu holen, und fand wenigstens ein bisschen meiner Fassung wieder.

„Deshalb habe ich mich ja auch freiwillig gemeldet“, sagte ich und sah ihn mit verengten Augen an. „Um es für Sie einfacher zu machen, Signor. Ich bin nicht gerade erfreut darüber, wie sich die Dinge hier entwickeln.“

„Ah, spirito.“ Ein Grinsen und seine Augen leuchteten für einen Moment auf. Er wäre hinreißend, wenn er nicht so unglaublich kalt gewesen wäre. Es war einfach nicht möglich, ihn in mein Gefühlsleben einzuordnen. Und den Blick in diese dunklen Augen musste ich komplett meiden, wenn ich nicht ununterbrochen meinen Traum von letzter Nacht Revue passieren lassen wollte. Die Stimme. Ich stand dem Kerl zum ersten Mal in meinem Leben gegenüber, und doch hatte seine Stimme mich bereits gevögelt. „Ich dachte mir schon, als ich Ihr Bild gesehen habe, dass Sie spirito haben.“

„Von Ihnen gab es ja leider kein Bild zu sehen“, erwiderte ich spitz. „Sonst hätte ich auch mit einer bereits vorgefertigten Meinung in dieses Meeting gehen können.“

Er lachte kühl und nahm den Telefonhörer auf. Knapp und abgehackt bestellte er zwei doppelte Espresso beim Zimmerservice, ohne dabei den Blick von mir zu wenden. „Das haben Sie doch ohnehin“, sagte er, nachdem er das Gespräch beendet hatte. Er wies auf mein Handtäschchen über der Schulter. „Arbeiten Sie mit Mobiltelefon?“

„Was?“

„Kein Computer dabei?“

„Mir wurde am Telefon von Ihrer Assistentin gesagt, dies sei ein Kennenlernmeeting, in dem ich noch nicht die Chance bekommen werde, Zahlen zu präsentieren.“

„Mea culpa.“ Er hob die Hände und nahm sich eine Praline aus einer Schale in der Mitte des Tisches. „Es würde einfach nur zu Ihnen passen. Aktenkoffer, Laptoptasche, Sie wissen schon. Immer vorbereitet. Deutsche Gründlichkeit. Das Personal von Stadthofer gilt als besonders teutonisch gedrillt.“

„Haben Sie irgendein Problem mit Alois Stadthofer Nachfolger, Signor Contarini?“ Er sollte uns die bescheuerte Lizenz für seine Unterhosen verkaufen. Sympathie war dazu nicht notwendig.

Er hob eine Braue und bot mir die Schale mit den Pralinen an. Ich ignorierte auch diese Geste geflissentlich. „Wie kommen Sie nur darauf?“ Als hätte ich es für nötig befunden, etwas sehr Dummes, sehr Offensichtliches auszusprechen, schüttelte er den Kopf mit einem leisen Schmollen auf den Lippen und stellte die Süßigkeiten zurück auf den Tisch. Er nahm dem Mädchen vom Zimmerservice das kleine Silbertablett mit dem Espresso ab und schob mir eine Tasse zwischen die Finger. „Trinken Sie. Dann ist ihr Mund mit etwas Sinnvollem beschäftigt.“ So fassungslos, dass ich nicht mal über eine Antwort nachdenken konnte, nahm ich die Tasse entgegen. Im Schlepptau des Mädchens waren noch zwei beanzugte Herren in den Raum gekommen. Offenbar die Letzten, die Master Babydoll noch erwartete. Er ließ mich mit meinem Espresso stehen, schloss die Tür und bat alle Anwesenden Platz zu nehmen.

Dummerweise wurde ich während des Meetings das Gefühl nicht los, dass er noch lange nicht mit mir fertig war. Die Vertreter der italienischen Kaufhausketten begegneten ihm heute nicht zum ersten Mal, und die Verhandlungen mit den Leuten erwiesen sich als bereits in einem fortgeschrittenen Stadium. Niccolo Contarini redete gewandt, flüssig, dachte selten über seine Worte nach und setzte jeden einzelnen Satz perfekt. Ein Mann von Welt, der wusste, wie man sich verkaufte. Und der wusste, was er wollte. Und was er wollte, war nicht Stadthofer. Er ignorierte mich vollkommen. Ich saß an diesem Tisch, das Gespräch floss an mir vorbei, niemand sah mich auch nur an. Ich überlegte, ob sie es überhaupt merken würden, wenn ich aufstand und ging. Was tat ich eigentlich hier? Doch zu gehen, das würde bedeuten, dass Contarini gewann. Ich brauchte diese verdammte Lizenz. Meine Finger zitterten vor unterdrückter Wut.

Obendrein war der Espresso der Beste, den ich je getrunken hatte.

„Signora Hummel.“ Der Mann, der mir die Hand zum Abschied entgegenstreckte, war der Chefeinkäufer des La Rinascente in Mailand. „Bitte grüßen Sie Ihren Herrn Vater von mir.“

Verwirrt schüttelte ich die dargebotene Hand und stellte fest, dass ich allein mit Contarini im Raum stand, als der Mailänder den anderen in den Korridor folgte. Contarini packte seine Unterlagen zusammen, schloss die Mappe und ließ sie auf dem Tisch liegen. Irgendwann hob er den Kopf und sah mich an. „Einen guten Tag, Signora Hummel.“

Wie bitte? Meinte der das ernst? „Signor Contarini …“

„Ich habe einen Termin in Udine.“

„Halt.“ Ich hob beide Hände, schloss die Augen und atmete tief durch. „Sie haben einen Termin mit mir.“ Ich öffnete die Augen wieder und sah, dass sein hinreißender, sanft geschwungener Mund lächelte. Das Lächeln erreichte nicht seine Augen.

„Der Termin in Udine ist wichtiger“, erklärte er. „Es geht um viel Geld und um den Kontakt zu einem alten Geschäftsfreund meines Vaters. Also werden Sie mich entschuldigen.“ Er räusperte sich, und für einen Herzschlag lang hatte ich den Eindruck, dass es ihm leid tat. Der Augenblick verflog. Es tat ihm nicht leid. Er hatte das hier alles geplant. Genau so, wie es abgelaufen war. Ich hasste diesen Mann. „Wenn Sie wünschen, kann ich morgen …“ Er zog sein Handy aus der Tasche und drückte ein paar Tasten. „Morgen Mittag, sagen wir gegen zwölf Uhr? Ich könnte mich für eine Stunde freimachen. Ich würde das Mittagessen ausfallen lassen und Ihnen die Gelegenheit geben, mir Ihre Unterlagen vorzulegen und das Angebot von Stadthofer zu unterbreiten.“

Die Art, wie er den Firmennamen aussprach, legte sich wie ein Mantel aus Eis um meine Schultern. Bemühen Sie sich nicht, wollte ich sagen. Ausgerechnet dieser Mann wollte mir ein schlechtes Gewissen einreden, dass er seine Pasta nicht in seinen Bauch bekam? Aber ich konnte das nicht sagen. Ich konnte die Gelegenheit, die er mir gab, nicht ausschlagen. Mein Job hing daran. Meine Karriere. Ich hatte meine Karriere durch meine Beziehung mit und meine Trennung von David hindurch gerettet. Ich würde nicht zulassen, dass dieser Gigolo mir das kaputtmachte.

„Ich werde hier sein“, sagte ich, raffte meinen Stolz zusammen und verließ den Konferenzraum.

 

Mit Konstanten hatte ich in letzter Zeit so meine Schwierigkeiten. Meine Beziehung war in die Brüche gegangen. Mein Job hing in der Schwebe und ich warf mich in aussichtslose Unterfangen, um mich vor dem beruflichen Absturz zu bewahren. Meine Beine trugen mich immer öfter nur noch widerwillig, vor allem dann, wenn ein Fünftagebart involviert war.

Es war gut, Dinge zu haben, auf die selbst ich mich noch verlassen konnte. Biene zum Beispiel.

Während ich wie ein begossener Pudel auf der Bank am Fenster des kleinen Cafés saß, lustlos im Cappuccino rührte und keinen Geschmack am Mandelhörnchen fand ­– das Schlimmste war der letzte Punkt, denn Mandelhörnchen waren von jeher der Tod meiner Diäten gewesen, und wenn selbst deren Duft mich nicht mehr erreichte, dann stimmte was nicht – wetterte Biene wie ein sizilianisches Fischweib. Wahrscheinlich wollte sie mich nur aufmuntern. Ändern konnte sie es ja doch nicht.

„Der Kerl hat was getan?“ Ihre Augen sprühten Mordlust.

Ich hob die Schultern bis an die Ohren und löffelte den Milchschaum vom Cappuccino herunter. „Ist ja sein Recht als Geschäftsmann.“

„Aber der hat das längst entschieden? Schon bevor du überhaupt losgeflogen ist? Und der besitzt die Dreistigkeit, das da zu sagen, vor den Augen und Ohren der anderen Leute? Dass München ihm zu … was hat er gesagt? Ich kann das gar nicht glauben!“

„Er hat es ja nicht ausgesprochen. Reichlich impliziert. Dass München ihm zu dörflich ist und Stadthofer eine Müllhalde. So ungefähr. Seiner Aufmerksamkeit gar nicht wert.“

„Was für ein Arsch!“, exklamierte sie im Brustton der Überzeugung und ließ sich gegen die Rückenlehne ihres Stuhls fallen. „Der tut ja gerade so, als sei das nach vergammeltem Fisch stinkende Venedig der Nabel der Welt!“

Über meine Schulter hinweg sah ich auf den Markusplatz hinaus. Ein Schwarm Tauben flatterte auf und setzte sich wieder. Auf der anderen Seite des Platzes war eine Bühne aufgebaut, auf der ein Harlekin tanzte. Ein ganz in Königsblau gewandetes Pärchen flanierte direkt vor dem Fenster vorbei. Auf den Umhängen glitzerten Silbersterne im kühlen Sonnenlicht, die Gesichter waren ganz hinter schneeweißen Masken versteckt und auf den Köpfen saßen himmelschreiende Hutkreationen. Als ich mir den Anblick von Dirndl und Lederhosen und Maß anstelle von Champagnerflöten auf diesem Platz vorstellte, kam mir zum ersten Mal der Gedanke, dass Signor Strumpfband vielleicht doch nicht so ganz Unrecht hatte. Dennoch wurde ich das Gefühl nicht los, dass da mehr dahinter steckte. Ein Mann legte nicht einen solchen Aufstieg hin, wenn er nicht wusste, was professionelles Geschäftsgebaren war. Und gegenüber den italienischen Kollegen hatte er das ja durchaus auch an den Tag gelegt. Es war nur ich gewesen, die er abgekanzelt hatte wie ein unartiges Schulkind, das seine Hausaufgaben nicht gemacht hatte und ich fragte mich, was ich getan hatte, um diese persönliche Antipathie zu verdienen, schließlich war ich ihm heute das erste Mal begegnet. Ich seufzte und wandte mich wieder Biene zu. „Er hat mir immerhin angeboten, mich morgen noch einmal allein zu treffen. Ich soll hinkommen und die Zahlen von Stadthofer aus den vergangenen fünf Jahren präsentieren. Dann wird er seine Entscheidung gegebenenfalls nochmal überdenken und statt Hamburg oder Berlin doch München ins Auge fassen.“

„Hühnchen!“ Sabine setzte ihre Tasse ab und griff nach meinen Händen. „Scheiß auf den Typen. Was glaubt der, wer er ist? Es gibt Hunderte von Designern, die sich mit Unterwäsche befassen. Mal davon abgesehen, dass es nur so und so viele Möglichkeiten gibt, das Schamdreieck einer Frau so zu verbergen, dass Mann alles sieht, was er zu sehen wünscht. Er ist bloß einer von vielen.“

Ich sah auf meine Hände in ihren und seufzte erneut. Einer von vielen. Stimmte ja. Stadthofer hatte bereits die Lizenz für ein französisches Label und eine ernüchternd teure amerikanische Designerin. „Stadthofer will La Giarrettiera“, sagte ich leise. „Wenn ich den Account nicht lande, fliege ich.“

„Das ist doch Schwachsinn. Die können dich doch nicht feuern, weil dieser Kerl ein Arsch ist.“

„Er ist Geschäftsmann und alleiniger Firmeninhaber, er kann machen, was er will. Und klar kann Stadthofer mich feuern. Hast du eine Ahnung, wie hoch die Umsätze wären, die Stadthofer mit Contarinis Sachen machen kann? Die Zahlen aus der Marketingabteilung sind schwindelerregend.“

„Es ist bloß Stoff, Clara.“

Ich lachte bitter. Klar. Bloß Stoff. „Wenn du es dir leisten könntest, würdest du auch nicht nein sagen zu einem Babydoll von Contarini.“ Ich dachte an die Bilder und an die Materialproben, die durch meine Finger gegangen waren. Unverschämt sexy. Heiß, wirklich heiß. Wenn ich sowas in meinem Schrank gehabt hätte, dann wäre es wahrscheinlich nie zu dem Desaster mit dem Farbkopierer gekommen. Der Gedanke kam mir nicht zum ersten Mal und war ernüchternd.

„Das, Hühnchen, ging unter die Gürtellinie“, belehrte sie mich und trank ihren Kaffee aus. Ich runzelte die Stirn. Was hatte ich gesagt? Sie musste das Fragezeichen auf meiner Stirn gesehen haben und spitzte die Lippen. „Dass ich mir sowas nicht leisten könnte. Und nur deshalb nicht besitze. Ich, meine Liebe, habe ganz andere Vorzüge, und ich hab noch keinen Venezianer aufgerissen, der die nicht zu würdigen gewusst hätte. Und du, Schokoladenkeks, hast noch viel bessere Vorzüge. Lass uns einkaufen gehen.“

„Was willst du denn kaufen?“

„Wir gehen heute Abend auf die Feiermeile, Süße. Wir kaufen dir ein Kostüm, und dann organisieren wir dir einen Mann, der dich auf andere Gedanken bringt als darauf, dass du nur durch das wertvoll wirst, was du auf der Haut trägst.“

 

Nebel stieg auf aus den Kanälen, hüllte Pracht gleichermaßen in einen Mantel wie Verfall, dämpfte das Klappern unserer Absätze und legte sich auf die Zunge, frisch und prickelnd wie ein junger Weißwein. Am Markusplatz bogen wir links ab, die Calle Canonica entlang, hinein in das Treiben aus prächtigen Kostümen und Masken. Goldenes Licht aus den Straßenlaternen brach sich unendlichfach in der Feuchtigkeit der Luft, verzerrte wachsbleiche Masken von Feiernden zu grausigen Fratzen, bis ein Blinzeln ein Lächeln enthüllte, tränenförmige Edelsteine, bunte Federn. Überall waren Menschen. In kleinen Grüppchen standen sie vor den Espressobars, rauchten, lachten, tanzten im Takt der Musik aus unzähligen Lautsprechern.