This Time Forever

Kapitel 1

 

 

Travis

 

Die Straße ist schmaler geworden. Der Scheinwerferkegel streift die tiefhängenden Äste der Tannen. Baumwipfel und Äste schwanken im Wind. Der Regen hat so plötzlich eingesetzt, wie der Nebel aufgehört hat.

Es stört mich nicht weiter. Ich bin seit fünf Jahren zum er-sten Mal hier, aber fünf Jahre sind nicht lang genug, um sich nicht an jedes Schlagloch erinnern zu können, das mich erwartet.

Ich wünschte, ich könnte dasselbe von meinem fahrbaren Untersatz sagen. In Spokane habe ich meinen Escalade in einem Lager untergestellt und mir den Pickup gekauft, mit dem ich hier draußen weit weniger auffalle. Absicht, dass man dem Pickup die fünfundzwanzig Jahre, die er auf dem Buckel hat, ansieht. Unerwünschter Nebeneffekt, dass Motor und Radaufhängung in diesen fünfundzwanzig Jahren eine Reihe von Macken entwickelt haben, die mich immer aufs Neue überraschen.

Dass ich in Spokane in einen Freund aus der Schulzeit reingelaufen bin und im Plucked Chicken Diner die Burger nicht als Fast Food durchgehen, war so nicht geplant gewesen. Ich habe Großvaters Gezeter schon im Ohr, weil ich irgendwann nach einundzwanzig Uhr den Schotterweg zur Prospect South Ranch runterrutschen werde. Er kann unangekündigte Besucher mitten in der Nacht nicht ausstehen.

Gewöhnliche Menschen kündigen sich an. Oder wenigstens rufen sie an, wenn sie bemerken, dass sie erst mitten in der Nacht an der Tür um Einlass kratzen werden. Gramps würde nicht zum ersten Mal mit dem Gewehr in der Hand die Tür öffnen, weil er einen Besucher für einen Einbrecher hält.

Doch anrufen bedeutet erklären, und erklären kann ich mein Auftauchen nicht. Nicht in ein paar wenigen Sätzen am Telefon. Also beiße ich die Zähne aufeinander und quäle mich mit dem heruntergekommenen Getriebe des Pickups über den Highway 471 durch die nordwestlichen Rocky Mountains und wünschte, ich hätte mich anders entschieden.

Zu viele Schlaglöcher, die auf mich warten.

Irrelevant, dass die Scheinwerfer meines fahrbaren Unter-satzes ganz neu zu sein scheinen und ausgezeichnet funktio-nieren. Das gelbbraune Bündel, das von der Böschung herabrollt und entsetzt in der Mitte der Fahrbahn stehenbleibt, als das Licht es trifft, sehe ich dennoch zu spät. Die Bremsen kreischen, und der Wagen bricht zur Seite aus. Ich klammere mich ans Lenkrad, das Schockwellen meine Arme hinauf-schickt, presse die Lider zusammen und warte auf den Moment des Zusammenstoßes.

Ich kann es spüren. Leise, dumpf. Nicht genug, um über das Tier hinweggerollt zu sein, aber definitiv genug, um es erwischt zu haben. Der Pickup kommt zum Stehen, und sofort bin ich draußen. Ich habe nicht erkannt, was es ist, das sich mir in den Weg gestellt hat. Dies sind die Rockies. Es könnte alles Mögliche sein, und vieles davon ist nicht ungefährlich. Aber die Tiere, mit denen ich es gewöhnlich zu tun habe, sind ein bisschen größer. Mich schreckt so schnell nichts.

Trotz allem, was in den letzten Wochen passiert ist. Mich schreckt so schnell nichts.

Außerdem habe ich noch nie einen jungen Berglöwen aus der Nähe gesehen.

Pech gehabt. Es ist ein Hund. Er zieht die Lefzen hoch, als ich ums Auto herumtrete und nach ihm sehe. Sein Knur-ren klingt, als wolle er mich in Stücke reißen. Dabei ist er kaum größer als eine neugeborene Ziege und sieht mit seinem struppigen gelbbraunen Fell aus wie … kennen Sie Lucky aus Dr. Dolittle? Ja, genau so sieht er aus. Nicht die Art von Hund, die man auf Highway 471 erwartet, wo Meile um Meile ohne ein Zeichen menschlicher Zivilisation vergeht, vom Asphalt mal abgesehen. Er ist die Art von Hund, die auf den Straßen größerer Städte streunert und von Abfällen lebt.

Und er hat ein gebrochenes Bein.

Scheiße.

Ich bin ein Ranch Kid. Ich erkenne es, wenn ein Lebewesen nicht mehr richtig laufen kann und warum. Ich bin dabeigewesen, als Pferde mit kompliziertem Bruch eingeschläfert werden mussten. Keine Option, Dolittle hier sich selbst zu überlassen, auch wenn er mich keinen Schritt näher an sich heranlässt.

„Hör mal, Buddy.“ Ich lehne mich an die Ladeklappe, schüttle eine Zigarette aus der fast leeren Schachtel und zünde sie an. Dolittle lässt mich nicht aus den Augen, noch immer zieht er seine Lefzen hoch, aber er knurrt nicht mehr. Mit seinen Fangzähnen scheint jedenfalls alles in Ordnung zu sein. Weniger mit seinem linken Hinterlauf. Hunde mit gebrochenem Bein können durchaus weglaufen. Dolittle scheint unentschlossen. Er liegt auf dem Bauch und starrt mich an, wie ich einen ersten Rauchkringel in den Himmel schicke.

„Ich hab leider nicht wirklich Zeit“, erzähle ich ihm. „Ich bin verdammt spät dran und weiß nicht, wie ich das meinen Leuten erklären soll. Die haben mich fünf Jahre nicht gesehen. Meine Schuld, gebe ich zu, aber weißt du, mein Mädchen hat mich zum Teufel gejagt, also was sollte ich hier?“ Dolittles Lider werden ein wenig schlaff und er beginnt, sich das verletzte Bein zu lecken.

„Ich hab mir auch schon mal ein Bein gebrochen, weißt du? Das tut scheiße weh. Du musst mir nichts erzählen. Das mit dem Lecken funktioniert nicht.“ Er hebt den Kopf, als hätte er mich verstanden. Die Zunge hängt ihm zwischen den beeindruckenden Fangzähnen heraus. Er vergisst, die Lefzen hochzuziehen.

„Ich mach dir einen Vorschlag. Ich bin eigentlich auf dem Weg zu meinen Leuten und wie gesagt spät dran. Aber für dich mach ich einen Umweg nach Thompson Falls rein. Ich schätze, wenigstens eine der beiden Tierkliniken dürfte Nachtwache schieben. Und ich verspreche dir, dass die sich um dich kümmern werden. Ich meine, für ein paar Tage wirst du sicher hinter Gitter kommen und die werden dein Bein eingipsen und alles. Nicht nett. Beides nicht.“

Dolittle legt den Kopf schief. Seine Ohren klappen herunter, als er sich entspannt.

„Aber wenn du willst, sorg ich dafür, dass du hinterher wieder in die Wälder darfst. Ich meine, ich weiß, wie das ist, wenn man seine Unabhängigkeit bewahren will.“ Ich klemme mir die Zigarette in den Mundwinkel und beuge mich zu ihm. Er weicht zurück und knurrt mich an.

„Jetzt hab dich nicht so. Hey, ich fühl mich schlecht, okay? Ich könnt’s ja auf die alte Karre schieben, die nicht so richtig bremst, aber ich hab einfach gepennt. Lass mich das doch ausbügeln. Tierarzthelferinnen sind meistens echt nett, Buddy.“ Mir fällt etwas ein. Ich gehe zurück zur Fahrertür und hole den angebrochenen Karton Milch von der Mittelkonsole, den ich im Plucked Chicken für unterwegs mitgenommen habe. Dolittle hat sich kein bisschen gerührt, als ich zu ihm zurückkehre, und sieht mich aufmerksam, mit aufgestellten Ohren, an.

„Magst du Milch? Komm, teilen wir.“ Ich reiße den Kar-ton etwas weiter auf und trete näher. Er rümpft die Nase, aber knurrt nicht mehr, und als ich den Karton vor ihn hin-stelle, ist alles Misstrauen Geschichte und er beginnt zu trin-ken, als hätte ich Schlagsahne mit Himbeergeschmack vor ihn hingestellt. Ernsthaft. Als Kind hatte ich einen Hund, der Himbeereis geliebt hat.

Ich warte ab. Auf eine halbe Stunde mehr oder weniger kommt es nun auch nicht mehr an. Ich werde ihn in der Tierklinik abliefern und denen meine Telefonnummer dalassen, damit sie mich anrufen können, wenn die Rechnung fertig ist. Kein Problem.

Nach der Milch ist alles ganz einfach. Er lässt sich von mir auf den Beifahrersitz hieven und sitzt auf den letzten paar Meilen ganz still. Ich lenke den Wagen vorbei an der Ausfahrt, wo es zur Prospect South Ranch geht, und passiere die ersten niedrigen Blechbauten, die zu meiner Heimatstadt gehören. Die spärliche Bebauung verdichtet sich nach und nach und der Highway wird schließlich zur Main Street. Die erste der beiden Tierkliniken ist dunkel. Meine Hoffnung sinkt. Doch dann sehe ich gedimmtes Licht im Schaufenster der zweiten.

Dolittle lässt sich kampflos auf den Arm heben. Ein halber Karton Milch und ein paar Meilen im nach Diesel stinkenden Innenraum eines uralten Ford, und wir sind beste Kumpel. Schade, dass es nicht immer so leicht ist.

Die Tür ist verschlossen. Ich drücke auf den Klingelknopf und warte ab, erkenne durch das Glaspanel, wie sich drinnen etwas rührt.

Dann lasse ich den verfluchten Hund, ohne den ich im Leben nicht hierhergekommen wäre, beinahe fallen. Ich kann es mir in meinem Job nicht leisten, an Schicksal zu glauben. Doch als ausgerechnet Amy Thomas die Tür der Tierklinik von innen entriegelt und mich mit ihren großen braunen Augen ansieht wie einen Geist, fange ich doch damit an.

„Travis.“ Sie trägt die Haare jetzt anders als früher, aber ihre Stimme ist dieselbe. Dieselbe, mit der sie mir gesagt hat, dass sie das nicht länger aushält. Dieselbe, die sie nicht gebraucht hat, als ich ihr sagte, dass ich dann wenigstens auf die große Tour gehen könnte, die ich mir bis zu jenem Tag ver-kniffen hatte. Obwohl die großen Preisgelder gelockt haben und die erfahrenen Bullenreiter mir wieder und wieder sagten, dass ich das Talent zu einem der Besten hätte.

„Ich bin wegen ihm hier.“ Ich halte ihr den Hund entgegen. Nicht fair. Sie knurrt er kein bisschen an, obwohl wir doch Kumpel sind und ich ihm erzählt habe, wie die Dinge liegen. Keine Menschenkenntnis, Buddy, denke ich, halb verärgert und halb erfüllt von einem Schmerz, der fünf Jahre alt ist und kein bisschen nachgelassen hat. „Hab ihn angefahren. Schick mir die Rechnung, okay?“

Ich drücke ihr den Hund in die Arme und sehe zu, dass ich Land gewinne. Der Pickup springt erst beim fünften Versuch an, und die ganze Zeit brennt der Blick aus Amys dunkelbraunen Augen in mir.

 

 

Amy

 

Da fährt er dahin. Verblassende Rücklichter im immer dichter werdenden Regen. Das ist so typisch. Travis Mona-han, der das Weite sucht. So wie immer, wenn es kompliziert wird. Oder auch nur droht, kompliziert werden zu können.

Das Fellknäul in meinen Armen regt sich und winselt ein wenig, als es den Kopf hebt, um dem abgehalfterten Pickup nachzusehen, der hinter der nächsten Kurve endgültig in der Nacht verschwindet.

„Oh Baby, ich weiß, es tut weh.“ Ich tätschle ihm den Kopf und rücke ihn neu auf meinem Arm zurecht. Auf die Dauer wird der arme Kerl ganz schön schwer. „Aber daran musst du dich gewöhnen, wenn du Travis Monahan in dein Leben lässt. Komm, bringen wir dich erst mal rein.“ Mit der Schulter stoße ich die Tür in meinem Rücken auf, und plötzlich ist er da. Der Schmerz. Ja, ich weiß, wovon ich rede. Es gab eine Zeit, da hätte ich alles dafür gegeben, Travis in meinem Leben zu haben. An meiner Seite. Aber er hat es vorgezogen zu gehen. Hinter meiner Nasenwurzel sitzt ein Brennen, das mir die Luft abschnürt. Im Inneren der Klinik ist nur die Notbeleuchtung eingeschaltet.

Das Kellogg‘s Animal Center ist eine der beiden Tierkliniken in Thompson Falls, und auch wenn unsere Ärzte sich hauptsächlich um Nutztiere kümmern – Rinder, Pferde, Federvieh – so sind Haustiere doch keine Fremden für uns. Und dieser kleine Kerl hier auf meinem Arm ist ganz sicher ein Haustier. Zwar ist sein Fell verstrubbelt und strohig, aber es sieht nicht generell ungepflegt aus. Er wirkt weder unterernährt, noch hat er Flöhe. In Behandlungsraum 3 lege ich ihn auf die Untersuchungsliege und taste an meinem Gürtel nach dem Pager, um Doctor Tanner anzufunken, der irgendwo im Gebäude unterwegs ist.

Der kleine Kerl auf der Liege jammert und beginnt, sich den linken Hinterlauf zu lecken.

„Nein, komm, lass das. Das macht es nicht besser.“ Ich packe seinen Kopf und kraule ihn hinter den Ohren und unterm Kinn. Er schmiegt sein Gesicht in meinen Griff. Der süßlich warme Geruch von Milch steigt mir in die Nase. Da ist auch Nässe unter seinem Kinn und in den Lefzen.

Ich schnaube. „Was? Musste Travis dich erst bestechen, damit du dir von ihm helfen lässt? Du bist ja doch klüger, als ich gedacht habe.“ Ja, meine Worte sind harsch, aber um ehrlich zu sein, sind sie Bullshit. In Wahrheit ist dieser Milchsabber genau so ein Zeichen dafür, was für ein Mensch Travis Monahan ist, wie sein Abgang im Regen. Das ist die Seite an ihm, die ich immer geliebt habe. Seine Fähigkeit, Freunde zu finden, für andere dazusein, zu wissen, was jemand braucht, und ihm genau das zu geben. Travis ist fürsorglich und treu. Es gab einmal eine Zeit, als ich gedacht habe, Travis sei per-fekt. Vermutlich ist er das immer noch. Nur nicht perfekt für mich. Das Brennen hinter meiner Nasenwurzel schwillt an, fließt in meine Kehle, hinter meine Augen. Erst als der Kleine auf der Liege beginnt, wie wild meine Finger zu lecken, merke ich, wie sehr sie zittern.

Ich beschäftige mich damit, das Untersuchungsbesteck mit antiseptischen Tüchern abzuwischen, Papierhandtücher und Watte zurechtzulegen sowie alles aus den Schubladen herauszusuchen, was man zum Schienen und Bandagieren braucht. Ich habe keine klassische Ausbildung zur Tierarzthelferin gemacht, ursprüngliche habe ich  Kellogg‘s Center als Rezeptionistin angefangen. Dann haben sie mich nach und nach eingelernt. Ich bin stolz auf das, was ich mir erarbeitet habe, und weiß, worauf es ankommt. Zwischendurch kraule ich immer wieder dem kleinen gelbbraunen Patienten die Ohren, damit er nicht nervös wird. Er blickt mir aus großen, klaren Augen bei jedem Handgriff hinterher.

Die Tür zum Untersuchungsraum wird aufgestoßen und im nächsten Augenblick steht Doctor Tanner im Raum. Er ist einer der erfahrensten Ärzte im Team der Klinik und ich habe einen Heidenrespekt vor ihm. Nicht, dass ich befürchte, mei-nen Job schlecht zu machen. Immerhin war er der Erste, der anregte, mich nach und nach zur Pflegerin zu schulen, ganz ohne Vet School. Ich verdanke ihm einiges und würde ihn im Leben nicht enttäuschen. Aber er hat diese Art, mit der ich nicht so ohne Weiteres umgehen kann. Als wäre es eine Zumutung, dass man als Tierarzt nicht nur mit den Patienten, sondern auch mit den Menschen umgehen muss. Die Tierarzthelferin rangiert in seiner Beliebtheitsskala dabei noch unter den Besitzern der Patienten.

„Und, was haben wir hier?“

„Einen Hund.“ Okay, Klugscheißerin. Das war nicht nötig. Ich schlucke an dem Knoten, den das Zusammentreffen mit Travis in meiner Kehle hinterlassen hat. Meine Ner-ven liegen blank, und das habe ich niemand anderem zu verdanken als Travis Monahan.

Tanner schenkt meiner cleveren Antwort nur ein Stirnrunzeln und tastet den Bauch des Hundes ab. „Besitzer?“, fragt er.

„Mister Monahan hat ihn hier abgegeben. Offenbar ein Autounfall. Scheint ein Streuner zu sein.“

Mit effizienten Bewegungen beginnt Tanner seine Untersuchung. Er hört die Brust des Hundes ab, ich reiche ihm ein Thermometer, damit er die Temperatur messen kann. Als er den Schwanz des Hundes hebt, um das Thermometer einzuführen, ertönt direkt ein erneutes Winseln.

„Das sieht mir gar nicht nach Garth aus. Ein Durcheinander anrichten und dann verschwinden, passt nicht zu ihm. Eher hätte ich ihm zugetraut, dass er den Streuner im Straßengraben liegen lässt. Ihm ist hoffentlich klar, dass er die Rechnung begleichen muss, wenn er das Tier herbringt?“

So viele Worte von Tanner bin ich nicht gewohnt. Ich kann kaum folgen. Er zieht das Thermometer wieder heraus.

„Normale Temperatur. Angefahren also?“ Einen nach dem anderen tastet er die Läufe des Hundes ab. Als er zum linken Hinterlauf kommt, zuckt der Kleine zusammen und schnappt nach der Hand des Tierarztes, doch ich bin schneller. Ich weiß, wo ich meinen Griff ansetzen muss, um zu verhindern, dass Blut fließt.

„Nicht Garth“, sage ich. Mein Magen krampft sich zusammen, allein beim Gedanken, seinen Namen auszusprechen. „Travis. Travis hat ihn hier abgegeben.“

Mitten in der Bewegung stockt Tanner. Sein Blick findet mich. Dieser Blick, der sonst fast immer von Unwillen und Griesgrämigkeit bestimmt ist, wirkt plötzlich weich. Nein, nicht weich. Väterlich und beinahe mitleidig. Ich kann ihm nicht mehr standhalten und blicke stattdessen wieder zurück auf meine Hände. Das Zittern meiner Finger hat aufgehört, dafür fühlen sie sich jetzt taub an. Vermutlich werde ich mich daran gewöhnen müssen, dass die Leute mich so ansehen, wenn sich erstmal rumgesprochen hat, dass Travis wieder da ist.

„Verstehe“, murmelt er und widmet sich wieder ganz unserem Patienten. „Das erklärt natürlich einiges.“ Abwesend tätschelt er dem Hund die Seite. „Wenn wir uns ohnehin mit ihm beschäftigen müssen, sollten wir ihn direkt kastrieren.“

Mein Blick schießt von meinen Händen zurück zu Tanner. Wenn mich Stunden und Stunden im Biologie-Hörsaal nicht davon überzeugt hätten, dass Augen fest in den Höhlen verankert sind, würde ich befürchten, dass meine mir im nächsten Moment aus dem Gesicht springen. Ich habe jeden Grund, Travis Monahan zu hassen, aber kastrieren ist doch wohl ein bisschen übertrieben …

Im nächsten Augenblick bin ich froh, dass mein Schock mir die Sprache verschlagen hat und ich den Gedanken nicht laut ausgesprochen habe. Nonchalant zuckt Tanner mit den Schultern. „Ich rede von unserem Patienten, natürlich. Wir machen noch eine Röntgenaufnahme, aber ich denke, das Bein muss operiert und gerichtet werden. Mach alles für die Narkose fertig. Und wenn er einmal schläft, können wir das gleich in einem Aufwasch erledigen und unseren kleinen Freund hier davor bewahren, sich unkontrolliert zu vermehren.“ Er zwinkert mich an, zieht seine Gummihandschuhe von den Fingern und dreht sich zum Becken, um seine Hände zu waschen.

 

 

Travis

 

Es ist kurz nach halb elf, als ich die Prospect South Ranch erreiche. Streckenweise hatte ich auf der anderthalb Meilen langen Zufahrt die Befürchtung, dass der ein oder andere Stoßdämpfer dem geschotterten Weg nicht gewachsen wäre. Der Weg wurde angelegt, um Rinder darauf zu treiben, und nie zu einer vernünftigen Straße ausgebaut.

Das Tor ist verschlossen.

Es ist ein typisches Gattertor aus querliegenden Balken, das mein Vater Zeit seines Lebens zwischen zehn und elf Uhr abends verschließt und morgens gegen fünf wieder öffnet. Es ist gut, Dinge zu haben, die sich nicht ändern. Auf die man sich verlassen kann. Dennoch habe ich keine Lust, bis fünf hier im Pickup zu warten.

Amy geht mir nicht aus dem Kopf. Die Art, wie sie mich angesehen hat. Als sei alles meine Schuld gewesen. Als sei ich es gewesen, der sie verletzt hat. Ja, vielleicht habe ich das. Aber es gehören immer zwei dazu, und das, was sie von mir wollte, hätte kein Kerl mit sich machen lassen.

In den vergangenen fünf Jahren habe ich oft nächtelang wachgelegen und mir ausgemalt, dass sie bereut, mich damals so vor den Kopf gestoßen zu haben. Dass sie meinen Aufstieg mitverfolgt hat, die ganzen Preisgelder, die ich über die Jahre eingestrichen habe, das Leben im Luxus, das ich mir verdammt nochmal verdiene. Ich bin gut in dem, was ich tue. Nicht nur gut, ich bin der Beste. Dreimal hintereinander World Champion, das sagt wohl alles. Ich habe mir vorgestellt, wie sehr sie es bereut, dieses Leben nicht mit mir teilen zu können, und die Vorstellung hat das schlechte Gewissen in Zaum gehalten. Manchmal zumindest.

Aber sie bereut gar nichts. Ich hab es in ihren Augen gesehen, in diesem kurzen Moment. Da war kein bisschen Reue darüber, dass sie mich vor eine Wahl gestellt hat, die gar keine war. Sie begreift es nicht. Immer noch nicht. Ich wollte ihr die Welt zu Füßen legen, alles, was sie gebraucht hätte, wäre ein bisschen Mut gewesen. Wir hätten glücklich sein können.

Mach dir nichts vor, Monahan. Hätten wir nicht. Das ist genau der Grund, warum ich hier bin. Sie hatte niemals Unrecht. Ich war der, der sich blenden ließ.

Ich manövriere den Wagen neben dem Weg ins von Regen aufgeweichte Gras, greife meinen Rucksack, der hinter den Sitzen eingeklemmt ist, und lasse die Fahrertür absichtlich laut zuklappen, um mich anzukündigen. Kein Grund, abzuschließen. Kein Mensch kommt hier raus, und wenn doch, dann nicht, um einen rostigen Ford abzustauben. Sollte es tatsächlich einen Strauchdieb auf der Suche nach einem abgehalfterten Pickup hierher verschlagen, hat er meinen Segen, dann habe ich es nicht anders verdient.

Das Tor ist schnell überklettert. Es brennt kein Licht hier draußen, aber der Weg zum Haus ist kurz, und hinter den zugezogenen Vorhängen der Wohnzimmerfenster kann ich Lampenschein und zuckende Schatten wahrnehmen. Offenbar läuft der Fernseher.

Wenigstens dürfte Gramps um diese Zeit bereits schlafen gegangen sein. Mein Vater hingegen ist keiner, der erst schießt und dann fragt, ob er den Richtigen getroffen hat.

Irgendwo weit weg brüllt eine Kuh. Es ist früher Sommer. Die Kälber sind jetzt vier bis sechs Wochen alt, die Herden ziehen bis zum Brennen auf den niedrigeren Weiden in Stadtnähe herum.

Als ich die vier ausgetretenen Holzstufen zur Veranda erklimme, schlägt ein Hund an. Ich hatte schon geglaubt, dass die alte Hütte neben der Scheune leer wäre. Im Hausflur geht Licht an. Ich bleibe auf der Veranda stehen, sodass derjenige, der nachsehen kommt, mich durch das Fliegengitter vor der äußeren Tür sofort sehen kann. Über der Tür erwacht flackernd eine Lampe zum Leben.

Es ist Parker.

Für ein paar Sekunden mustern wir einander durchs Fliegengitter. Dann öffnet er wortlos und lässt mich vorbei.

„Mom!“, ruft er ins Innere des Hauses. „Für dich.“

Scheiße. Man kann meinem älteren Bruder nicht nachsagen, dass er verbirgt, was er denkt.

Meine Mutter ist eine kleine, stämmige Frau mit glasblauen Augen. Ihr blondes Haar beginnt auszubleichen, aber man sieht ihr nicht an, dass sie Mitte Fünfzig ist und fünf Kinder zur Welt gebracht hat. Sie ist die einzige, von der ich eine freudige Begrüßung erwarten darf. Die einzige neben Taylor.

Mom enttäuscht mich nicht. Fest schließt sie mich in die Arme, und ich inhaliere ihren Duft nach frisch gebackenem Brot und Maispfannkuchen.

„Garth! Travis ist da!“ Ihre Hände betasten mein Gesicht, als müsse sie sich vergewissern. Ich bringe es nicht übers Herz, zu sagen, dass dies kein Wieder da ist. Nur ein Luftholen. Ein Durchschnaufen. Und mit Amy Thomas so nah, wird beides nicht wirklich möglich sein.

Meine Mutter hakt mich unter und führt mich ins Wohnzimmer, wo mein Vater sich sichtlich unwillig aus seinem Fernsehsessel erhebt und mir entgegentritt.

„Willkommen daheim, Sohn“, sagt er steif. Ich kenne ihn gar nicht anders, also fühle ich mich nicht auf den Schlips getreten. Mein Vater ist steif zur Welt gekommen. „Eine unchristliche Zeit, um seine Eltern zu erschrecken.“

„Ich hab einen Hund angefahren.“ Die Ausrede ist ziemlich dumm, aber immer noch besser als zuzugeben, dass ich es einfach nicht geschafft habe, mich zu einem ankündigenden Anruf durchzuringen. „Hab ihn in die Klinik gebracht, hat etwas gedauert. Wie geht es euch?“

„Granpa schläft schon.“ In der Stimme meiner Mutter schwingt echtes Bedauern. „Na, der wird sich freuen, wenn du morgen mit beim Frühstück sitzt.“

„Welche Klinik war denn noch auf?“ Mein Vater bemüht sich, interessiert zu wirken, und nimmt mir sogar den Rucksack von der Schulter. Ich bemerke seinen Blick auf meine Schuhe. Mist. Ich hab den Escalade, der gut hunderttausend Dollar kostet, in Spokane gelassen und gegen einen Pickup getauscht, aber meine Schuhe, die nicht allzuviel weniger kosten, habe ich nicht gewechselt. Meinem Vater fallen solche Dinge auf. Er sagt nichts.

„Kellogg‘s.“

Sie sehen einander an. Glauben wohl, ich würde es nicht bemerken. Es ist dieser wissende Blick. In der Highschool waren Travis Monahan und Amelia Thomas unzertrennlich. Sie war eine Klasse unter mir, eine Außenseiterin, die nie wirklich dazu gehört hat. Doch ich habe etwas in ihr gesehen, das andere nicht erkannt haben. Ihre Sucht nach Leben, ihren Willen, das Schicksal, das es nicht immer gut mit ihr gemeint hat, bei den Eiern zu packen, bis es ihr das schenkt, was sie sich wünscht. Als ich dann mit siebzehn und achtzehn von einem Rodeo zum nächsten gereist bin, trafen wir uns seltener, aber das änderte nichts. Wir gehörten zusammen. Jeder wusste, dass wir einmal heiraten würden. Hätten wir auch. Aber sie wollte mich ja nicht.

„Und wie geht es dem Hund?“

„Gebrochenes Bein. Er ist kein Ranch-Hund, Dad, also keine Sorge, ich schleppe euch nichts ein.“

Mom knufft mich in die Seite. „Schush. Komm, ich bezieh dein Bett oben. Taylor und River sind noch auf einer Party in der Stadt.“ Sie blickt an mir vorbei auf Parker. „Freust du dich schon darauf, deine kleine Nichte kennenzulernen? An Jessica und Josh erinnerst du dich doch sicher, oder?“

Parkers Ehefrau? Oh ja. Miss Montana 2008. Wer könnte sie vergessen? Als meine Mutter mich die Treppe ins Obergeschoss hinaufschiebt und mir folgt, ergreift mich Wärme. Sie schnauft unter dem Gewicht meines Rucksacks und ist dennoch unwillig, mich das Gepäck selbst tragen zu lassen.

Ganz gleich, ob mein Großvater auf unangekündigte Besucher schießt, mein Vater einen Stock verschluckt hat und mein ältester Bruder mich ansieht, als sei ich ein giftiges Insekt. Das hier ist Zuhause. Fünf Jahre lang habe ich Freunde um mich geschart, habe Manager und Agenten kommen und gehen sehen, habe Mädchen im Bett gehabt und meine Freiheit genossen. Aber eine Familie hatte ich nicht. Weil ich die, in die ich gehörte, dafür mied, dass sie am selben Ort lebte wie das Mädchen, das mir Glasscherben ins Herz gerammt hatte. Der einfachste Weg, nicht am Heimweh zu krepieren, war der gewesen, nicht an das zu denken, was die Prospect South Ranch war. Ein Hafen. Heimat. Familie. Moms frisch gebackenes Brot und der geifernde Köter vor der Tür.

Sie stößt die Tür zu meinem Zimmer auf. „Wir haben es nicht benutzt. Naja, Gäste haben wir ja selten. Es ist vielleicht alles ein bisschen verstaubt, weil ich nicht so oft die Zeit habe, hier reinzukommen.“

„Es ist perfekt, Mom.“ Das Bett ist nicht bezogen, auf dem kleinen Fernseher liegt Staub. Egal.

Sie zerrt Laken und Bezüge aus dem Schrank, während ich die kaputte Glühbirne in der Nachttischlampe auswechsle. Im Regal unter dem Fernseher stehen alte Videos vom Bullenreiten. Ich ziehe das eine oder andere heraus, lese die Rückseite. An der Pinnwand hängen Zeitungsausschnitte berühmter Bullen. Auf zwei von ihnen bin ich geritten. Auf November Madness habe ich meinen ersten World Champion Titel errungen, als ich vor dem letzten Event mit Chad Angleton Kopf an Kopf lag und wir uns für den letzten, entscheidenden Ritt den Bullen selbst aussuchen durften. Angleton ging auf Nummer Sicher und wählte Zackie, ein zwei Tonnen schweres Powerhouse. Ich wählte November Madness, alt und gerissen, mit Sprüngen, die kein Mensch voraussagen konnte. Colin hat behauptet, ich sei ein Idiot und habe mein Todesurteil unterschrieben. Damals kannte ich Colin gerade erst seit drei oder vier Wochen.

Das vergilbte Foto erinnert mich an Colin, und plötzlich weiß ich genau, warum ich hierher kommen musste. Warum es keinen anderen Ort für mich gab. Alles, was ich will, ist, dass meine Mom mich in die Arme nimmt und …

„Taylor hat mir deinen letzten Brief vorgelesen“, sagt sie, als sie die Bettdecke glattstreicht und das Kissen ein wenig aufplustert. „Das mit deinem Freund tut mir leid. Es hat uns alle ziemlich schockiert.“

Ich sehe sie an. „Ich wusste nicht, dass Taylor meine Briefe vorliest.“

„Nicht immer. Aber sie meinte, das würde wohl bedeuten, dass du nach Hause kommst, also hat sie ihn vorgelesen. Es ist nie leicht, einen Freund zu verlieren.“

„Ich habe nicht vor zu bleiben, Mom“, sage ich leise. „Ich brauche nur ein bisschen Zeit zum Nachdenken. Ich hab die Tour nicht verlassen.“ Ich konnte nur auch nicht mehr dran teilnehmen.

Meine Mom hat mir wegen dem, was ich tue, nie Vorhaltungen gemacht. Keine Ahnung, ob das bedeutet, dass sie mir mehr zutraut, als Amy es getan hat. Aber wenn sie jemals Angst um mich gehabt haben sollte, dann heimlich, wenn niemand hinsieht. Und auch meine Beteuerung, dass ich dem Circuit nicht den Rücken gekehrt habe, scheint sie nicht sonderlich zu erschrecken. Sie lächelt, aber es ist ein wenig schief.

„Viel Zeit zum Nachdenken wirst du nicht haben. Dein Dad wird verlangen, dass du hilfst, wenn du schon deine Beine bei uns unter den Tisch steckst. Jeder muss sich seinen Anteil am Abendessen verdienen.“

Wenn ich wollte, könnte ich meinem Dad die ganze Ranch abkaufen, und er weiß das so gut wie Mom. Aber über Geld wird nicht diskutiert. Emmett und Garth Monahan gehören zu den erfolgreichsten Ranchern der Gegend, aber Geld hat man, oder man hat es nicht. Geredet wird darüber nicht. Auch deshalb hatten meine Eltern nie etwas gegen Amy.

„Amy arbeitet bei Kellogg“, sagt meine Mutter, schon in der Tür.

„Ich weiß, ich habe sie gesehen.“

Sie wartet einen Augenblick, als würde sie damit rechnen, dass ich noch etwas sage.

„Gute Nacht, Mom. Es ist schön, wieder hier zu sein.“

Traurig senkt sie den Kopf. „Gute Nacht, Travis. Wir sehen uns beim Frühstück.“

Ich schließe kein Auge in dieser Nacht. Ich sitze am Fenster, starre in die Schwärze draußen, atme den Staub in den Vorhängen und denke an Amy, die in diesem Zimmer oft heimlich in meinen Armen gelegen hat.

 

KAPITEL 2

 

Travis

 

Mein Vater betrachtet mich, als würde er mich zum ersten Mal sehen. Nur zwei Minuten nach ihm stehe ich am näch-sten Morgen im Hof. Im Licht des frühen Tages sieht mich der Hund an wie einen Schwerverbrecher. Sein Blick erinnert mich an den von Dolittle vergangene Nacht, und ich vermute, dass dieser Hund sich nicht mit Milch bestechen lassen wird. Dazu ist er viel zu wohlgenährt.

Hinter mir schlägt die Fliegengittertür zu. Parker.

Vater zeigt zum Tor. „Du kannst das öffnen, Travis. Danach mistest du im gelben Stall aus und fütterst.“ Er kratzt sich hinterm Ohr, als er realisiert, dass für ihn selbst kaum was bleiben wird, wenn er jetzt plötzlich drei Söhne zur Arbeit einteilen kann anstatt zwei. Wobei, es gibt noch kein Zeichen von River, der erst gegen halb drei Uhr nachts zusammen mit einer kichernden Taylor nach Hause gekommen ist. Ja, wir sind ein bisschen wie die abgespeckte Version von Bonanza. Manchmal sogar ebenso harmonisch, aber mein Auftauchen bringt natürlich erstmal alles durcheinander.

„Im gelben Stall sind die kranken Kühe?“, vergewissere ich mich. So war es jedenfalls früher.

„Daran hat sich nichts geändert“, knurrt er. „Parker, du kümmerst dich um die Pferde. Nach dem Frühstück reitest du mit River rauf zur Ostweide und siehst nach dem Rechten.“

Ich sag’s ja. Bonanza.

Mistschaufeln und Schubkarre stehen am gewohnten Platz in einem kleinen, überfüllten Raum neben dem Pferdestall, wo es nach Flohpulver und getrockneten Pferdeäpfeln stinkt.

Die Arbeit fühlt sich gut an. Nach Jahren in Kraftstudios ist es ein Segen, herauszufinden, dass meine Muskeln sich noch an die Art von Training erinnern, denen ich sie verdanke. Die Kühe im Stall, von dessen lange nicht mehr frisch verputzten Wänden die gelbe Farbe abbröckelt, sehen nicht zu schlecht aus. Keine, die sich am Boden windet. Eine hat einen dicken Fuß, eine andere hustet gequält. Insgesamt ste-hen fünf Tiere in den Verschlägen, eine mit vier Wochen al-tem Kalb, das ekstatisch mit dem Schwanz wedelt, als ich ihm eine Handvoll Kraftfutter unter die Nase halte. Ich kratze den Dreck aus der letzten Ecke und schütte frisches Stroh und Heu auf. Das Kälbchen lässt sich in den Strohberg fallen, als ich fertig bin, und blickt mich aus klaren Augen aufmerksam an. Ein hübsches kleines Bullenkalb.

Parker hat im Pferdestall Gesellschaft bekommen, als ich hinüberschlendere. Rivers Augen liegen tief in den Höhlen und er hat das Kämmen vergessen, aber als er mich sieht, springt er mich geradezu an. Er war fünfzehn, als ich gegan-gen bin. Aus Taylors Briefen weiß ich, dass mein kleiner Bruder seit einem Jahr im Winterhalbjahr an der Penn State studiert. Im Sommer kommt er nach Montana und arbeitet auf der Ranch. Sein Studium wird dadurch länger dauern, aber verdammt, er sieht gut aus. Abgesehen von der Müdigkeit wegen der Party, sieht er fit und gesund aus und sprüht vor Lebensfreude.

„Du hättest dich wirklich ankündigen können!“, beklagt er sich lachend. „Stell dir vor, ich hätte dich verpasst!“

„Du hast mich verpasst. Du warst auf einer Party. Was macht der Kopf?“

Parker schnaubt, während er einen Strohballen aufreißt. Kornhülsen fliegen uns um die Ohren. Vom Haus her ruft Mom zum Frühstück.

„Wenn er hier ist, ist er fast jede Nacht auf einer Party“, informiert Parker mich. „Alles eine Frage des Trainings.“

„Hat Taylor dich schon gesehen? Und hey, Alter, sag mal, diese rostige Karre draußen vor dem Tor, sag nicht, dass der dir gehört? Ich hab gedacht, dass du wenigstens mit einem Cadillac vorfährst.“

„Das ist meiner“, bestätige ich und fange Parkers misstrauischen Blick auf. „Den Cadillac habe ich in Spokane gelassen.“

„Zu fein für uns, was?“, knurrt Parker.

River boxt ihn zwischen die Rippen. „Gott, mach mal halblang. Hat Jessica dich nicht rangelassen letzte Nacht? Meine Güte.“ Er wendet sich an mich. Seine Wangen sind vor Aufregung und frischer Luft ganz rot. „Was für einen hast du? Escalade, oder? Es muss ein Escalade sein. Mann, ich beneide dich.“

„Was studierst du? Autodesign? Ich dachte, du gehst auf ein Landwirtschaftscollege?“

„Computerspiele“, wirft Parker ein und schließt die Stalltür. „Daher hat er sein Halbwissen in hunderttausend Bereichen. Kommt ihr jetzt mit? Mom hat schon zum dritten Mal gerufen.“

Im Haus wird unsere Hilfe nicht erwartet. Es gibt genug Frauen. Da ist Taylor, die eine unserer beiden Schwestern, die noch daheim lebt. Und Jessica, Parkers bildhübsche Frau. Jo-shua war zwei, als ich zum letzten Mal hier war, und in-zwischen hat er eine kleine Schwester namens Nevada. Die beiden Kinder betrachten mich wie ein gefährliches Tier, selbst als Taylor sich nach ihrer überschwänglichen Begrüßung zu ihnen hockt und ihnen erklärt, wer ich bin. Mom stellt einen Korb mit zugedeckten gekochten Eiern auf den Tisch. Es riecht nach Kaffee und gebratenem Speck. Jessica steht am Arbeitstisch unter dem Fenster und packt Sand-wiches zusammen, die Parker und River später mitnehmen, wenn sie in die Hügel hinaufreiten. Eigentlich habe ich Lust, sie zu begleiten. Nach dem morgendlichen Füttern ist hier im Hof nicht mehr wirklich was zu tun.

Aber da ist ja auch noch Emmett.

Alt ist er geworden. Mittlerweile ein gutes Stück über achtzig. Ein bisschen kleiner, als ich ihn in Erinnerung habe. Schlohweißes Haar, schütter. Strahlend blaue Augen, wie mein Vater. Durch Taylor bin ich, ob ich wollte oder nicht, immer auf dem Laufenden gehalten worden, was die Neuigkeiten von Thompson Falls betraf, und ich weiß, dass außer Emmett nur noch einer der alten Rancher am Leben ist. Seine vom lebenslangen Reiten gebogenen Beine beulen die ausgewaschene Jeans aus, und er trägt ein grün und weiß kariertes Holzfällerhemd, das perfekt gebügelt ist.

Er betrachtet mich wortlos. Er sitzt auf seinem Platz am Kopfende des Tisches, steht nicht auf, nicht einmal, um mich zu begrüßen, aber sein stechender Blick sieht alles. Emmett war nicht einverstanden, als ich Profi wurde. Er hat mir eine düstere Zukunft prophezeit. Dass er im Großen und Ganzen ziemlich falsch damit lag, wird er inzwischen längst wissen.

Ich warte, bis die ganze Familie ihre Plätze eingenommen hat, und setze mich auf den letzten freien Stuhl. Aus dem Augenwinkel bekomme ich Emmetts zustimmendes Nicken mit und komme mir vor, als hätte ich einen Test bestanden. Jetzt sitze ich zwischen meiner Mom und Joshua, der auf sei-nem Stuhl so weit wie möglich von mir wegrutscht. Recht hat er. Ein wenig Misstrauen gegenüber Fremden ist nie verkehrt.

Das Tischgebet sind die ersten Worte, die ich Emmett sa-gen höre. Seine Stimme hat kein bisschen von ihrer Kraft eingebüßt. Mein Großvater ist ein wirklich beeindruckender Mann.

Mom schaufelt Speckscheiben und Spiegeleier auf die Scheibe Weißbrot auf meinem Teller. Dad diskutiert die Her-de auf der Ostweide mit Parker. Emmett hält sich heraus, River grinst mich von der anderen Seite des Tisches her an, und ich fühle mich ein wenig außerhalb. Ich kann nicht mitreden. Zu wissen, dass sie alle erfahren haben, was auf der Tour bei meinem vorletzten Ritt in Phoenix und vor allem bei dem letzten, der großen Stampede in Calgary, passiert ist, macht es umso unangenehmer. Es ist, als hätte jeder von ihnen nur eine Sache, die er von mir wissen will, doch gute Erziehung hindert sie daran, mich darauf anzusprechen.

Nie zuvor hat ein Bullenreiter sich für die prestigeträchtige Veranstaltung in Calgary angemeldet, um dann im letzten Moment vom Verschlag wieder herunterzuklettern. Ich habe den Namen Monahan mit dieser Aktion nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Diejenigen, die wissen, was in Phoenix pas-siert ist, verstehen mich zwar. Zumindest sagen sie das, jeden-falls diejenigen, die mich darauf angesprochen haben. Aber nur Insider wissen das. Insider, und meine Familie. Calgary wurde live im Fernsehen übertragen. Phoenix nicht. Für Tausende in der Arena und für Millionen an den Bildschirmen sah ich aus wie ein verdammter Feigling, der sich dem Ungeheuer, das ihm zugelost worden war, nicht gewachsen fühlte.

Ich kann jeden verdammten Bullen reiten. Ich habe in meinem Leben noch nie Angst vor einem Bullen gehabt. Respekt, ja, denn den verdienen diese großartigen Tiere. Angst? Nein. Aber in jenem Moment, auf dem graublau gestrichenen Verschlag, unter mir den überdreht schnaufenden Bullen, war ich mir nicht mehr sicher, ob ich es noch will.

Ich bin mir immer noch nicht sicher, darum bin ich hier.

Als ich aufschaue, blicke ich in Emmetts durchdringende Augen. Er hebt seine Kaffeetasse in meine Richtung. „Gut, dich zu sehen, Travis“, sagt er. „Was dagegen, wenn wir nachher ein bisschen reden?“

Ich ziehe die Brauen hoch und lächle ihn an. „Freu mich drauf, Gramps.“ Dann wende ich mich an meine Mutter. „Hast du eine Telefonnummer für das Kellogg‘s Center? Ich würde gern dort anrufen und nachfragen, wie es dem Hund geht.“

„Sicher. Such ich dir gleich raus.“

Ich küsse sie auf die Wange und widme mich weiter meinem Frühstück.

 

 

Amy

 

Thompson Falls ist ein Ort, an dem man geboren wird, um hier zu sterben. Sicher, im Sommer kommen jede Menge Touristen in die Gegend. Sie bestaunen den riesigen Wasserfall, dem die Stadt die zweite Hälfte ihres Namens zu verdanken hat, verschwinden für ein paar Tage in die Wälder, bewaffnet mit Angelruten, Campingausrüstung und Wanderstiefeln, und fahren dann wieder nach Hause. Davon rede ich nicht.

Was ich meine, sind die echten Menschen, die dieser Stadt Leben einhauchen. Menschen wie Travis‘ Eltern und Großeltern. Menschen wie Ed Tanner und Molly, der die Bäckerei nur ein paar Schritte die Straße runter gehört. Sie alle waren für ein paar Jahre weg aus Thompson Falls, nur um dann wieder zurückzukommen. Sie gehören zu der Stadt wie die Main Street. Wie der Gestank nach Dieselabgasen und die Bergluft. Wie das Rauschen des Clarks Fork Rivers, der einen hier auf jedem Schritt begleitet, und wie die Silhouetten der Weiß-kopfadler, die zu jeder Jahreszeit am Himmel ihre Kreise zie-hen.

Ich selbst gehöre nicht dazu. Ich bin nicht in Thompson Falls geboren. Wo genau ich geboren bin, weiß ich nicht einmal. Meine Mom hat es mir nie gesagt. Wir waren Wandervögel, Mom und ich. Sie hatte einen kleinen Wohnwagen, und wann immer mal wieder eine ihrer Beziehungen in die Brüche gegangen ist, hat sie den Wohnwagen hinten an ihren klapprigen Pickup gehängt und wir sind losgefahren. Bis ich zehn war, hatte ich so viele Daddys, das ich aufgehört habe zu zählen. Nach Thompson sind wir gekommen, als ich drei-zehn oder vierzehn war. Ich hatte nicht damit gerechnet, länger hier zu bleiben. Wenn man aufwuchs wie ich, war man gewohnt, nicht allzu feste Freundschaften zu schließen, weil man sie sehr bald ohnehin wieder verlor. Ich schrieb mich wie üblich auf der örtlichen Highschool ein, erwartete nichts Böses und traf Travis.

Er war das zweite, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Das erste war Leah Maddison, die in meiner ersten Bio-Stunde ne-ben mir saß. Diese beiden Menschen sind dafür verantwortlich, dass ich gelernt habe, was das Wort Familie bedeutet. Dass ich geblieben bin, als Mom weiterzog. Es war nicht so, dass sie versucht hätte, mich zum Mitkommen zu überreden. Ehrlich gesagt schien sie erleichtert zu sein, mich loszuwerden. Vielleicht glaubte sie, dass sie mich lange genug mit sich herumgezerrt hatte und ich nun als genug sei, mich allein durchzuschlagen. Auch Tiere stoßen irgendwann ihre Jungen ab. Ich habe seither nie mehr von ihr gehört. Wahrscheinlich kann sie sich nicht einmal daran erinnern, in welchem Nest ich mich von ihr abgenabelt habe.

Ich bin in Thompson Falls geblieben, auch noch, nachdem Travis mit zwanzig der Stadt den Rücken kehrte. In dieser Nacht, die nie zu enden scheint, blicke ich aus dem Fenster und erinnere mich an all das, was gewesen ist. Ich erinnere mich daran, wie er die Augen zusammenkneift, wenn die Sonne ihn blendet. Wie sein Körper riecht, nach einem Tag auf dem Feld. Ich erinnere mich an den Klang seiner Stiefelabsätze im Kies, wenn er über den Vorplatz beim Haus seiner Eltern auf mich zukommt. Und ich erinnere mich an den Klang seiner Stimme, als er mir die Worte sagte, die mein Le-ben für immer verändert haben. Das ist keine Wahl, Amy, son-dern Erpressung, und bevor ich mich von dir erpressen lasse, geh ich zum Teufel.

Der Wecker klingelt. Meine armen Ohren, aber, ganz her-lich, heute bin ich sogar froh, endlich eine Entschuldigung fürs Nicht-Schlafen zu haben. Die Tage nach der Nachtschicht sind immer besonders hart. Der Rhythmus ist durch-einander, der Tag zu kurz und die darauffolgende Nacht meist zu lang, aber dafür folgen auf eine Nachtschicht meist zwei freie Tage am Stück und das macht alles wieder wett.

Ich schwinge meine Beine über den Bettrand und tappe ins Bad. Um zwölf kommt Leah, um mich abzuholen. Wir wollen zu Josie fahren, und im Tiefkühlfach wartet noch eine

Tüte Blaubeeren, aus denen ich den Kuchen backen will, den meine Granny so gern mag. In Wahrheit ist Josie natürlich nur Leahs Großmutter und nicht meine, aber sie hat nie einen Unterschied gemacht. Als ich mit vierzehn plötzlich ohne Mutter und ohne Zuhause dastand, hat Josie mich aufgenommen, und für mich ist sie mehr Mutter, als es meine eigene je-mals gewesen sein könnte.

Punkt Zwölf klingelt es an der Tür. Der Duft nach Blaubeerkuchen tränkt mein ganzes Haus und weht in schweren Schwaden aus der Tür, als ich öffne, um Leah reinzulassen.

„Mhhh“, sagt sie. „Krieg ich da schon ein Stück ab, oder muss der komplett mit?“

„Wenn Gran warten kann, kannst du auch warten. Komm rein, ich muss mich noch umziehen.“ Die Aufforderung ist mehr als unnötig. Leah kennt sich in meiner Bude aus, als wä-re es ihre eigene. Auch wenn das Haus nur aus einem Wohn-Esszimmer, in dem ich auf dem Sofa schlafe, einem Bad und zwei Schlafzimmern besteht, die ich beide nicht nutze, ist es mehr, als ich mir als Wohnwagenkind je erträumt habe. Scheiß auf den richtigen Wasserdruck, oder die undichte Stelle im Dach, durch die es immer tropft, sobald es regnet. So schwer ist es nicht, einen Eimer an der richtigen Stelle zu platzieren.

„Warum bist du spät dran? Du weißt, dass Gran es nicht mag, wenn wir zu spät sind. Lange Nachtschicht?“

Um zu Gran zu gehen, reicht ein bisschen Make-Up. Ein wenig Puder auf die Wangen, Rouge, Wimperntusche und ein Hauch Lip-Gloss. Zu meinen Jeans schlüpfe ich in ein enges rotes Tanktop und ein tailliertes Hemd, das ich darüber offen lasse. „Ich hab schlecht geschlafen.“ Zurück im Wohnzim-mer, stelle ich den Korb auf den Küchentresen, damit Leah den Kuchen reinstellen kann, den sie zwischenzeitlich bereits mit Folie abgedeckt hat.

„Irgendein Grund?“ Von der Seite her sieht sie mich an, und mein Magen rutscht ein ganzes Stück Richtung Fußsohlen. Scheiße. Ich weiß, dass es sinnlos ist, mit den Neuig-keiten hinterm Berg zu halten. Spätestens heute Abend wer-den es ohnehin die Spatzen von den Dächern pfeifen.

„Travis ist zurück in der Stadt.“

Um ein Haar fällt Leah der Kuchen aus der Hand. Ich sehe es ganz genau. Scheiße. Das ist nicht die Reaktion, auf die ich gehofft habe. Gleichgültigkeit wäre so viel einfacher. Sie würde mir dabei helfen, mir einzureden, dass es keine große Sache ist. Menschen verlieben sich. Menschen trennen sich. Kein Grund, auch fünf Jahre später noch ein riesiges Fass deswegen aufzumachen. Richtig? So ist es doch. Dass der Kuchengeruch mir plötzlich Übelkeit verursacht, hat gar nichts zu sagen.

„Und er hat nichts Besseres zu tun, als direkt bei dir aufzukreuzen? Mitten in der Nacht?“

Freudlos hebe ich die Schultern. „Er hat einen Hund angefahren. Ich glaube nicht, dass er damit gerechnet hat, mich in der Klinik zu treffen. Er ist auch sofort wieder verschwunden. Drei Worte. Mehr haben wir nicht gewechselt.“

Leahs Schnauben sagt alles über ihre Meinung. „Das ist so typisch. Der große World Champion ist zurück. Rollt schon mal den roten Teppich aus. Dass jeder damit rechnen darf, dass er sich dann verpisst, wenn es schwierig wird, darüber schweigen wir lieber.“

„Leah …“

„Was?“ Angriffslustig funkelt sie mich an. Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte ich nicht glauben, dass Leah und Travis mal Freunde gewesen sind. Damals. Bevor Leah da gewesen ist … und Travis nicht.

„Vergiss es.“ Ich will nicht weiter über Travis Monahan reden. Ich will ihn nicht verteidigen müssen, weil Leah unfair ist. Und vor allem will ich nicht an das denken, was danach passiert ist. Es ist fast fünf Jahre her, aber an manchen Tagen ist es noch so schlimm wie am ersten Tag. Leah stellt den Korb ab, und im nächsten Augenblick finde ich mich in ihrer Umarmung. Sie riecht nach dem Parfum, das sie immer trägt, nach Nagellack und den Lösungsmitteln, mit denen sie in ihrem Job im Kosmetiksalon immer hantiert. Sie ist Schwester für mich, Freundin, Vertraute, Familie. Aber diesen einen Fleck in meinem Herzen wird auch sie nie füllen können.

„Niemand wird Lilly je vergessen. Das weißt du, oder?“

„Ich weiß“, sage ich und reiße meinen Blick weg von der Tür. Ich weiß es wirklich, aber es hilft kein bisschen.