Shattered

Kapitel 1

 

Mit geübtem Blick überprüfte Philippa die Nachtsonde und schloss Timmy an den Automaten an. Das leise Tröpfeln der Nährlösung hatte etwas Beruhigendes. Alles bestens. Sie küsste ihren Sohn auf die Stirn. Timmy gluckste und griff nach dem Beißspielzeug, das zwischen den Gitterstäben klemmte. Sie half ihm, hielt ihm das gelgefüllte Plastik hin.

„Hier. Willst du das? Wo ist der Frosch, Timmy? Hol dir den Frosch.“ Entzückt beobachtete sie, wie der Junge seine Hände nach dem Spielzeug ausstreckte. In letzter Zeit hatte er so viel gelernt. Noch gelang es ihm nicht, ohne Hilfe die Fäuste zu öffnen. Sie kam ihm mit dem Frosch entgegen, öffnete mit der anderen Hand Timmys Finger und legte ihm das Spielzeug hinein.

„Da hast du den Frosch. Das ist ein schöner Frosch, nicht wahr? Fühl nur, wie er sich anfühlt. Ganz glatt und kühl. Fühlst du das?“ Mit seinen Fingern strich sie über die Oberfläche des Frosches. Ein Strahlen belohnte sie. Wackelig und ziemlich unkoordiniert führte er den Frosch zum Mund und begann, darauf herum zu kauen.

„Das hast du gut gemacht, mein großer Junge.“ Obwohl sie dringend los musste, konnte sie sich nicht von dem Anblick losreißen. Nichts an Timmy erinnerte an Ruben. Er war ihr wie aus dem Gesicht geschnitten. Für sie war er ein Engel, und es war ihr ein Rätsel, wie irgendjemand dieses wunderbare Kind nicht lieben konnte. Geschweige denn der eigene Vater.

Es dauerte nicht lange, bis Timmys Augen müde wurden. Er ließ den Frosch fallen und verzog den Mund mit den vollen, weichen Lippen zu einem hinreißenden Gähnen. Sie streichelte seinen Kopf, während ihm langsam die Augen zufielen. Ein letzter Kuss auf die Stirn ihres schlafenden Sohnes, bevor sie sich ihre Handtasche griff. Auf dem Weg zur Haustür schaute sie noch einmal in die Küche.

„Ich bin dann weg, Mama. Um zehn kommt Susie für die Nachtschicht. Wenn du in einer Stunde oder so …“

„Natürlich schaue ich noch einmal nach, ob er sich die Decke weggestrampelt hat. Geh nur. Wir haben hier alles im Griff, nicht wahr, Timmy?“

Philippa lachte traurig. „Er schläft schon. Du bist die beste Mutter der Welt.“

„Das geht gar nicht“, protestierte ihre Mutter, die Augen plötzlich glänzend von Feuchtigkeit. „Der Posten der besten Mutter der Welt ist in diesem Haushalt schon vergeben. Was du für Timmy …“

„Mama!“ Sie wusste, was ihre Mutter dachte, aber wollte es nicht hören. Mama verstand sofort. Resolut wischte sie sich die Tränen aus den Augenwinkeln.

„Hör nicht auf mich. Ich bin nur eine sentimentale, alte Frau. Du bist spät dran.“ Mit einer Handbewegung scheuchte sie Philippa Richtung Tür. „Lass dich nicht von den Kunden ärgern. Die sind bloß hungrig, und hungrige Menschen sind immer leicht reizbar.“

Ach Mama, wenn du wüsstest, wie Recht du hast. Mit einem Mal war der Frieden, den sie gerade noch an Timmys Bett verspürt hatte, wie weggepustet. Sie versuchte, den Zementklotz wegzulächeln, der ihr den Magen schwer machte. Die Zeit war zu knapp für Selbstmitleid, wenn sie nicht zu spät sein wollte.

„Ich bin spätestens gegen vier oder fünf wieder da.“ Im Gehen warf sie ihrer Mutter eine Kusshand zu.

„Du arbeitest zu hart, Schatz.“

„Bye, Mama. Schlaf gut.“

Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss. Draußen begann die Abenddämmerung, auf Philippa wartete der Arbeitstag.

 

*

 

Kieran de Clare ließ den Barkeeper mit einem Heben des Zeigefingers wissen, dass er noch einen Whisky wünschte. Welcher Teufel hatte ihn geritten, ausgerechnet ins Glorious Nights zu gehen? Er konnte die Bars südlich der Themse nicht ausstehen, und diese hier riss das Ruder auch nicht herum. Die Bedienung war träge und unaufmerksam. Zudem trieb sich auf dieser Seite der Theke zuviel zwielichtiges Volk herum. In der Nähe des Ganges zu den Toiletten standen zwei langbeinige Mädchen, von denen eine nicht aussah, als ob sie schon volljährig war, und boten ihre Dienste an. Billig. Austauschbar.

Der Barista stellte den Aberfeldy vor ihn hin. „Ihr Drink, Sir.“

Er wies auf Matthew. „Für ihn noch ein Ale. Auf meine Rechnung.“

Der schmächtige Barista, auf dessen Namensschild am Revers der Weste ‚Lucy‘ stand und der das vermutlich noch nicht mal gemerkt hatte, warf ihm einen empörten Blick zu, nach dem Motto, dass er das auch gleich hätte sagen können. Kieran beschloss, es zu ignorieren. Als Lucy weg war, wandte er sich an seinen Freund. „Und das, Matt, ist der Grund, weshalb ich hier nicht trinken gehe. Warum tust du mir das an?“

„Weil in den Bars, in denen du verkehrst, jeder deinen Namen kennt und ich davon die Schnauze voll habe. Ich trinke lieber inkognito und idealerweise irgendwo, wo uns nicht jeder anstarrt.“

Matthew kippte die Neige seines Ales und knallte das Glas auf den hölzernen Tresen, dessen Lack verziert war von Verfärbungen und Brandlöchern, die Zigarettenkippen einst hinterlassen hatten. Wenn man daran dachte, wie lange das Rauchen in geschlossenen Räumen nun schon untersagt war, konnte man sich ausrechnen, wie verwahrlost dieser Laden wirklich war.

„Außerdem solltest du dich freuen“, fügte Matthew hinzu, ohne seine Häme zu unterdrücken. „Hier findet Candice dich ganz bestimmt nicht.“

Kieran hob sein Glas. „Darauf trinke ich.“ Er schaute zu den beiden Langbeinigen bei den Toiletten. Ihn schauderte. Eine dritte junge Frau fiel ihm auf, die nicht an die Wand gelehnt stand wie die anderen beiden, sondern an einem Tisch auf der anderen Seite des Ganges saß. Er hätte sie vielleicht für eine Kundin der Bar halten können und nicht für eine Kollegin der beiden anderen, obgleich sie sich angeregt mit einem Mann unterhielt. Erst bei näherem Hinsehen fiel ihm auf, dass der Kerl und das Mädchen keine Gemeinsamkeiten hatten. Kieran kippte seinen Whisky und beobachtete, wie sie aufstand. Mittelgroß. Üppig. Interessant. So interessant, dass er einen zweiten Blick wagte. Und einen dritten. Brünettes, gesundes Haar, das ihr in sanften Wellen über den Rücken fiel. Sie ging voraus, den Gang hinunter. Der Kerl folgte ihr, wie ein Köter der läufigen Hündin, fehlte bloß, dass der zu sabbern anfing.

Kieran wandte den Blick ab und stellte fest, dass er schon wieder ein leeres Glas in der Hand hielt.

„Kannst du mir sagen, wie ich Candice loswerde, Matt? Ich meine, jetzt mal ernsthaft. Bin ich der Typ, der einer Frau falsche Vorstellungen in den Kopf pflanzt? Sie hat von Anfang an gewusst, unter welchen Voraussetzungen sie und ich eine Beziehung beginnen.“ Die elegante Blondine, die im Fernsehen beim Glücksrad einst die Buchstaben hatte umdrehen dürfen, leitete seinen Hof in Essex. Eingestellt als Marketing-Werkzeug, weil ihr Gesicht bekannt war, hatte sie sich als knallharte Geschäftsfrau erwiesen. Das hatte ihn gereizt, ebenso wie ihre langen Beine und ihr puppenhaftes Gesicht, und er hatte was mit ihr angefangen. Allerdings war sie nicht das, was er von einer Lebenspartnerin erwartete, also hatte er die Affäre vor mehr als zwei Monaten beendet. Doch noch immer bezeichnete sie sich in aller Öffentlichkeit als seine Verlobte, obgleich sie das nie gewesen war. Kieran de Clare verlobte sich nicht. Kieran de Clare war glücklich über sein Leben, genau so, wie es war. Abgesehen von stalkenden Ex-Gespielinnen. Zumindest redete er sich das mal mehr, mal weniger erfolgreich ein.

„Erinnerst du dich an Regina?“ Matt nahm sein Ale entgegen und bedeutete Lucy wortlos, dass er Kieran einen weiteren Aberfeldy einschenken sollte. „Sie hat dieselbe Masche mit mir abgezogen. Ich hab mir dann professionelle Hilfe geholt.“

„Ich glaube nicht, dass Candice sich von mir mit einem Termin bei einem Psychiater zum Aufgeben bewegen lassen wird.“ Oder dass Crispin sich für so etwas missbrauchen lassen würde, fügte er in Gedanken hinzu und grinste. Eine spannende Vorstellung. Candice und Crispin im Schlagabtausch. Er war nicht sicher, auf wen er setzen würde.

Matthew lachte. „Nicht so eine Art von Professionellen, Alter. Diese Art dort.“

Mit seinem Bierglas wies er auf die beiden Langbeinigen. Die Mädchen waren darauf trainiert, solche Gesten noch aus dem letzten Augenwinkel wahrzunehmen, und wandten sich den beiden Männern augenblicklich zu. Kieran schüttelte sich.

„Du hast die Tochter eines Immobilienhais von einer Nutte ausstechen lassen? Du bist ja unberechenbar, Mann.“

„Das Beste, was ich machen konnte, auf die Schnelle. Hey, die Mädchen sind Profis. Die wissen, wie man sich bewegt, egal auf welchem Pflaster. Die haben keine Berührungsängste. Die erwarten nichts. Drei, vier Dates, und der Drops war gelutscht. Regina hab ich nie wiedergesehen, und die angeheuerte Nutte hat ihre Kohle abkassiert und ist ihres Wegs gezogen.“

Kieran bezweifelte, dass eine Frau von Candices Kaliber sich von einer Hure an der Nase herumführen lassen würde. Er nahm die Mädchen näher in Augenschein, aber schließlich schüttelte er den Kopf. Vielleicht eine Taktik, aber ganz sicher nicht mit dem hier zur Verfügung stehenden Material.

„Ich denke drüber nach“, sagte er und kippte den nächsten Whisky runter, ehe er vom Barhocker rutschte. „Jetzt muss ich pinkeln. Halt mir einen Platz frei.“ Matthew lachte ihm hinterher angesichts der kaum besuchten Bar.

Vorbei an einem altertümlich wirkenden Zigarettenautomaten strebte Kieran zu den beiden Türen am Ende des schmalen, mit einem fadenscheinigen Teppich ausgelegten Ganges. Der Gestank von Urin war betäubend. Die Hand auf der Klinke, hielt er inne. Hinter der Tür lief ein Disput. Er erinnerte sich an die Hure und ihren Freier und trat einen Schritt zurück. Ganz blödes Timing. Er wollte sich umdrehen und weggehen, aber verdammt nochmal, sowohl seine Blase als auch seine Neugier hielten ihn. Er konnte nicht verstehen, was gesprochen wurde, aber die Stimme einer Frau hinter der Tür zur Herrentoilette war zumindest irritierend. Offensichtlich waren die beiden mit dem ausführenden Teil ihres Geschäftes fertig. Er könnte reingehen, und was immer sie zu streiten hatten, würde damit unterbrochen werden.

Ein unmissverständliches Geräusch ließ ihn nach der Klinke greifen. Er mochte seinen Sex hart und rau, aber er hatte ein riesiges Problem damit, wenn ein Mann einer Frau ins Gesicht schlug.

Dass es durchaus die Frau sein konnte, die dem Mann die Maulschelle verpasste, daran dachte er erst, als er schon im Raum stand. Er sah, wie der schmierige Kerl erneut ausholte, wie die Brünette sich wegdrehte, so weit sie es vermochte. Nicht weit genug, denn der Kerl hielt ihren Unterarm in einem eisenharten Griff und hinderte sie daran, Abstand zu nehmen und dem nächsten Schlag auszuweichen.

Kieran fing die ausholende Hand auf. Für Sekunden schien die Zeit stillzustehen. Der Gestank von billigem Fusel und Urin stieg ihm in die Nase, dann der unmissverständliche Geruch von Sex. Sein Blut kochte hoch. Der Mann starrte ihn an, Wut loderte in seinem Blick, die Pupillen so sehr geweitet, dass die Augen farblos wirkten. Nicht nur besoffen, sondern auch zugekifft bis zum Anschlag.

„Ich denke, Sie sollten jetzt das Weite suchen“, sagte Kieran ruhig und hielt die Faust des Mannes fest.

„Was willst du von mir, feiner Pinkel?“ Der Mann spuckte beim Reden.

„Ich bin ganz schlecht darin, mitanzusehen, wenn einer Frau Gewalt angetan wird.“

Die Brünette hob bei seinen Worten zaghaft den Kopf. Ihr pinkfarbenes, gerafftes Top war verrutscht, gab ihre üppigen Brüste fast komplett frei, weil sie keinen BH trug. Aber Kieran hatte jetzt keinen Blick für bloße Haut. Enger Minirock aus dunkelblauem Kunstleder, hochhackige Sandalen mit Strassperlen. Zuviel Make-up. Sie machte keinen Hehl aus dem, was sie war. Hatte er das wirklich nicht sofort gesehen, als sie sich draußen in der Bar mit dem Kerl unterhalten hatte? In ihren blauen Augen lag wütende Entschlossenheit.

„Er hat nicht bezahlt“, stieß sie hervor. „Der Scheißkerl geht hier nicht raus, ehe ich mein Geld habe.“

Das Schimpfwort kam nicht mit annähernd so viel Überzeugung über ihre Lippen, wie sie es glauben machen wollte. Sie war keine abgebrühte Hure. Mit diesem Mädchen stimmte etwas nicht. Und er würde es herausfinden.

Es ging also um das Geld. Worum auch sonst? Kieran verdrehte dem Kerl den Arm, bis der das Mädchen losließ, dann presste er ihn rücklings gegen die Wand neben der Tür. Der faulige Atem schlug ihm ins Gesicht. Er kämpfte den Drang nieder, den Besoffenen durch eine Kopfspülung im Pissoir zur Besinnung zu bringen. Er hatte Grenzen, auch wenn Kerle wie dieser ihn dazu reizten, diese Grenzen auszutesten. „Du lässt dich von der Dame vögeln und bezahlst sie nicht, hm? Stattdessen verprügelst du sie.“

„Sie ist keinen Penny wert, die Schlampe, Mann, was weißt du schon davon? Verpiss dich, das geht dich nichts an!“

Kieran sah über die Schulter hinweg die Brünette an, die mit zitternden Fingern ihr Top zurechtrückte. „Wieviel schuldet er Ihnen, Miss?“

Sie sah auf. Und alles war anders. Ein Gefühl wie ein elektrischer Schlag fuhr in seine Brust. Die Fassade der billigen Hure verschwand, denn ihr Blick öffnete ein Fester auf die Frau hinter der Maske. Noch nie hatte er so ehrliche Augen gesehen. Tränen schwammen darin, aber sie kämpfte dagegen an, loszulassen. Ihre Unterlippe war eingerissen und schwoll an, aber sie schien es kaum zu bemerken. Ein tapferes Mädchen. Er mochte tapfere Mädchen.

„Fünfzehn.“

Röte schoss in ihre Wangen. Im nächsten Augenblick fuhr sie die Krallen aus und schoss auf den Kerl zu, den Kieran im Todesgriff an die Wand gepresst hielt.

„Der Scheißkerl hat mich runtergehandelt auf verdammte fünfzehn Pfund, das ist die Hälfte von dem, was die anderen haben wollen, und dann zahlt er es mir nicht mal!“

Kieran musste die zweite Hand zu Hilfe nehmen, um das Mädchen zurückzuhalten. Seine Finger auf ihrem Brustkorb gespreizt, fühlte er ihren rasenden Herzschlag unter seiner Handfläche. Das zornige Funkeln ihrer Augen faszinierte ihn. In ihrer Wut lag eine Verzweiflung, die er noch nie gesehen hatte. Wenn er sie ließ, würde sie ihrem Freier die Augen auskratzen. Eigentlich müsste er sie lassen, der Kerl hatte es nicht anders verdient.

Er nahm die Hand von ihr, doch noch ehe sie erneut zum Angriff ansetzen konnte, griff er um den Mann herum und schob seine Hand in dessen Gesäßtasche. Er warf der jungen Frau die Brieftasche zu, die sie ungelenk auffing. „Hier. Nimm, was dir zusteht.“

Ihre Verwirrung grenzte an Schock und brachte ihn beinahe zum Lachen. Der Geizkragen in seinem Griff zappelte, und Kieran legte ihm die Hand um den Hals, den Handballen präzise auf die Kehle gedrückt. Als der Kerl blau anzulaufen begann, hörte das Gezappel auf. Sehr gut. Er hatte nicht vor, über Leichen zu gehen, aber die Art und Weise, wie die Hure ihn ansah, der verletzliche Blick aus den saphirfarbenen Augen, konnte ihn sehr schnell umstimmen, und dann sollte der hier besser vorsichtig sein.

„Da sind nur Zehner drin“, stammelte sie mit halb erstickter Stimme.

Zwei Zehnpfundscheine in der Hand, wollte sie ihm die Brieftasche reichen. Kieran verdrehte die Augen. „Ich habe gesagt, nimm dir, was dir zusteht, Kleines“, sagte er. „Dir stehen mehr als zwanzig Pfund zu, wenn du dich so behandeln lässt von einem Kerl wie dem da.“ Ein Kerl, der an seiner Hand röchelte und um Atem kämpfte und gleichzeitig Rache schwor, wie an seinen Augen unschwer zu erkennen war.

Zögerlich zog sie einen dritten Schein aus der Brieftasche, dann gab sie sie an Kieran zurück und schob sich das Geld in den Bund ihres Rockes. Kieran schnalzte mit der Zunge und schüttelte den Kopf. Umständlich, weil er nur eine Hand zur Verfügung hatte, nahm er die verbliebenen beiden Scheine heraus, ehe er die Brieftasche zurück in die Gesäßtasche des Mannes steckte.

„Danke für’s Bezahlen, mein Freund“, sagte er und nahm die Hand von dessen Kehle. „So ein Pech, dass du jetzt nichts mehr hast, um deine nächste Tüte zu kaufen. Verschwinde.“ Er riss die Tür auf und beförderte den Mann mit einem Schubs in den Gang. Der Geprellte drehte sich um die eigene Achse auf der Suche nach Orientierung, nahm Anlauf, um Kieran anzuspringen, überlegte es sich im letzten Moment anders und trollte sich rückwärts in Richtung Bar, den Mittelfinger hochgestreckt.

In einem unbeobachteten Moment wollte das Mädchen unter Kierans Arm hindurch flüchten, aber er hielt sie auf, packte sie um die Taille. Ihr Schwung riss sie beide in ein groteskes kleines Tänzchen, ehe er sicheren Stand fand. „Nicht so schnell, Kleines, wir sind noch nicht fertig miteinander.“ Sie zappelte an seinem Arm, eine wunderbar warme Handvoll Frau. Er schloss die Tür und lehnte sich dagegen, ehe er die junge Frau losließ. Mit großen Augen sah sie ihn an, die Wangen gerötet. Ihre vollen Brüste spannten das Top, das gut zwei Nummern zu eng war. Der Gedanke, dass solche Typen wie der Schmierige mit diesen Brüsten nach Herzenslust spielen konnten und sich dann auch noch um die Bezahlung drückten, machte ihn rasend vor Wut. „Wie heißt du?“

„Was?“

Er beugte sich vor, sie wich zurück, er bekam ihren Rocksaum zu fassen und schob die zwanzig Pfund hinein, die er ihrem Freier abgenommen hatte. Der Geruch nach billigem Sex hing immer noch penetrant an ihr und trieb ihm Übelkeit in den Magen, aber ganz schwach darunter lag ein anderer Duft, weich, wie Vanille und Zimt. „So, Schätzchen, jetzt hast du von ihm, was dir zusteht, und jetzt sagst du mir deinen Namen.“

„Alicia.“

Er verkniff sich ein Lachen. „Aha. Und wie heißt du wirklich?“

Sie senkte den Blick. „Philippa“, murmelte sie.

Warum trug sie einen falschen Namen vor sich her wie ein Schutzschild? „Freut mich, dich kennenzulernen, Philippa“, sagte er, nahm sie beim Handgelenk und führte sie zu den Waschbecken. Er zog ein Papierhandtuch aus dem Spender, drehte den Wasserhahn auf und befeuchtete das Papier. „Halt still“, murmelte er und betupfte ihre Lippe, aus der ein dünnes Rinnsal Blut lief. Der Anblick fachte seinen Zorn auf den Idioten erneut an. „Wenn ein Mann eine Frau gegen ihren Willen schlägt, gehört er in den Knast. Der Typ ist preiswert davongekommen“, sagte er leise.

Sie drehte den Kopf, um sich im Spiegel zu betrachten. Er folgte ihrem Blick. Sie war anders. Unter all der Schminke sah sie nicht aus wie die Huren, mit denen er gelegentlich zu tun hatte. Ganz sicher nicht wie die Edelnutten in Marylebone, die auf den Empfängen der Großindustriellen zum allgemeinen Amüsement engagiert waren, aber auch nicht wie die billigen Straßenmädchen von der Ilford Lane, die ab und zu in seinem Umfeld auftauchten, weil sie aufgeflogen waren und Hilfe brauchten. Philippa griff nach seinem Handgelenk und zog seine Hand mit dem Tuch herunter, nahm die Unterlippe zwischen ihre Zähne und saugte daran. Ihr Gesicht verzog sich, sie gab die Lippe wieder frei.

„Verdammt“, murmelte sie. „Meine Mutter wird Fragen stellen, wo das herkommt.“

Er warf das Papier in den Mülleimer und trocknete sich die Hände ab, weil er irgendwas tun musste, um seinen Blick aus ihrem zu lösen. „Deine Mutter weiß nicht, womit du dein Geld verdienst?“ Wie, um alles in der Welt, hielt eine Frau einen solchen Broterwerb vor ihren Nächsten fern?

„Sie würde einen Herzinfarkt kriegen“, antwortete sie mit geradezu stoischer Ruhe, befeuchtete ein Papiertuch und begann, an ihren Augen herumzutupfen, wo die Wimperntusche ein wenig verlaufen war. „Verdammt, ich sehe aus wie ein Panda. Für sie ist es schlimm genug, damit leben zu müssen, dass ich trotz eines Studiums in Mikrobiologie gezwungen bin, nachts an der Ausgabeklappe eines Schnellrestaurants Burger in Papiertüten rauszureichen.“

Die Bitterkeit in ihrer Stimme riss an ihm. Sie hasste es, zu lügen. Ihn konnte sie anlügen, er bedeutete ihr nichts. Aber sie war gezwungen, die eigene Mutter anzulügen, und sie hasste es. So, wie sie diese Arbeit hasste. In ihrem Blick konnte er lesen wie in einem offenen Buch. Noch nie in seinem Leben war er einem Menschen begegnet, der so entwaffnend ehrlich war.

„Warum bist du gezwungen?“ Die Frage war heraus, ehe er darüber nachgedacht hatte. Es ging ihn nichts an. Er kannte sie nicht. Würde sie nie wiedersehen, weil die Gegend und diese Art von Bars absolut nicht seine Szene waren. Aber Hölle, er wollte sie wiedersehen, und wenn das bedeutete, dass er in diesen schmierigen Laden zurückkehren musste, dann würde er zurückkommen. Die Erkenntnis war ernüchternd.

Sie ließ die Hand mit dem verschmierten Papiertuch sinken und betrachtete ihn von Kopf bis Fuß mit einem abschätzigen Blick. Jetzt die Rolex hinter dem Rücken zu verstecken, wäre zu spät gewesen, und sie sah aus wie eine, die auch einen Designer-Anzug erkannte, wenn sie ihn sah.

„Warum ich etwas machen muss, das mich anwidert? Weil nicht jeder von uns auf der Sonnenseite des Lebens zu Hause ist, Sir“, sagte sie, jedes Wort betonend.

Er nahm seine Brieftasche aus dem Jackett und zog seine Visitenkarte heraus. Er zögerte. Sie würde es missverstehen. Sie war keine gewöhnliche Hure. Schließlich hielt er ihr die Karte hin. „Ruf mich an“, sagte er. Es klang ein bisschen hilflos, so kannte er sich nicht, und das verunsicherte ihn gleich noch mehr. „Falls du mal … ich weiß nicht. Falls einer mal nicht bezahlt oder so.“

„Oder falls ich mal Zahnseide brauche?“ Sie verdrehte die Augen und nahm die Karte. „Das hier ist nicht Pretty Woman, Sir. Kieran de Clare“, las sie vor. „Aha.“

Nichts an ihrem Ausdruck ließ erkennen, ob der Name ihr etwas sagte. Nur sein Name und seine Mobilnummer auf teurem Elfenbeinkarton, verschwenderisch erhaben gestanzt und mit Lack überzogen. Ihr Gesicht blieb ausdruckslos, und Kieran wusste im gleichen Moment, dass diese Frau sich eher eine Hand abhacken würde, als einen wie ihn um Hilfe zu bitten, wenn sie in Bedrängnis geriet. Vermutlich deshalb, weil sie geübt darin war, in Bedrängnis zu sein, und gelernt hatte, sich auf sich selbst zu verlassen. Die Vorstellung, dass ohne sein Eingreifen ihr Freier wahrscheinlich jetzt mit ausgekratzten Augen über der Klobrille hängen und sich die Seele aus dem Leib kotzen würde, brachte ihn innerlich zum lächeln. Tough. Entschlossen. Doch unter der Oberfläche versteckte sich eine weiche, verletzliche Frau. Sie ging ihm unter die Haut. Er wollte nicht, dass sie sich von solchen Typen anfassen lassen musste. Gleichzeitig wusste er, dass er nichts dagegen tun konnte.

Als sie sich jetzt von ihm abwandte und zur Tür stöckelte – so, wie sie ging, war sie auch in diesen halsbrecherischen Sandalen nicht zu Hause, alles Teil eines Kostüms, das sie anlegte, um jemand zu sein, der sie nicht war – hielt er sie nicht auf. Er lehnte sich gegen das Waschbecken und sah auf die Tür, noch lange nachdem diese sich geschlossen hatte. In ihm brüllte eine Stimme, ihr nachzugehen, sie aufzuhalten. Der verdammte Instinkt, diejenigen zu beschützen, die Schutz brauchten, und noch mehr. Etwas, das er nicht benennen konnte. Oder nicht benennen wollte. Er hatte sich noch nicht entschieden. Er kämpfte die Stimme nieder und brachte es nicht fertig, sich im Spiegel anzusehen, als er sich die Hände wusch.

 

*

 

Timmy lag in seinem Bällebad. Im Hintergrund lief Kindermusik, und er machte einen zufriedenen, wenn auch nicht müden Eindruck. Eigentlich sollte er schlafen. Sie hatte ihm Gemüsebrei gegeben und gierte danach, dass er endlich einschlief, um auch selbst noch einmal die Augen zumachen zu können. Letzte Nacht war sie früher als sonst nach Hause gegangen. Nach dem Zwischenfall mit dem letzten Freier und der seltsamen Begegnung danach hatte sie sich einfach nicht noch einmal aufraffen können. Ihre Unterlippe pochte und war ein wenig geschwollen, aber zum Glück hatte sie keinen blauen Fleck davon getragen. Durch das geöffnete Fenster floss der Duft nach frisch gemähtem Gras und Sommerflieder. Irgendwo ratterte ein Rasenmäher.

Ein Rascheln kam aus dem Bällebad und ein wütendes Grunzen. Timmy gefiel etwas nicht, und gleich würde er anfangen zu plärren. Bevor es soweit war, stand Pilippa auf, um nach dem Rechten zu sehen. Er hatte sich auf die Seite gerollt und war offensichtlich nicht mehr zufrieden mit seiner Position.

„Oh, na gut, du Racker. Dann gibt es heute eben keinen Mittagsschlaf für uns, was?“ Sie kniete sich neben ihn und hob in auf. Mit dem Fuß schob sie die neue Wippe neben ihren Schreibtisch und legte in dort hinein. Das Teil ließ sich in der Höhe verstellen und Tim mochte es, in ihrer Nähe zu sein. Sie befestigte die Gurte und fixierte seinen Kopf, damit er nicht hin- und herrollen würde, dann setzte sie sich an den Schreibtisch. Also arbeiten. In ihrem Posteingang wartete eine ganze Reihe von Rechnungen, die noch bezahlt werden mussten. Während sie darauf wartete, dass der Rechner hochfuhr, schubste sie mit dem Knie rhythmisch die Wippe an. Nicht genug, um Timmy wieder zufrieden zu machen, aber zumindest war der Wutanfall abgewehrt.

Ihr Blick fiel auf den Prospekt, der gestern mit der Post angekommen war. Schlauchboote waren darauf zu sehen, die in azurblauem Wasser vor sich hin dümpelten. Insassen in gelben Schwimmwesten streckten ihre Hände aus nach den vorwitzig aus dem Wasser spitzenden Nasen grauglänzender Delphine. Im Wasser waren Schwimmer, die mit den Tieren spielten und schwammen. Sehnsucht grub ein tiefes Loch in ihre Brust. Es war so verdammt teuer. Selbst wenn sie und Timmy einen der begehrten teilgesponserten Plätze bekommen würden, die Rays of Sunshine einmal im Jahr vergab – und jedes Jahr gab es fünfmal so viele Bewerber wie freie Plätze – sie könnte es sich niemals leisten. Selbst wenn sie jeden Tag fünf Freier nähme und sich aufraffen könnte, auch exotischere Wünsche zu erfüllen, niemals hätte sie in absehbarer Zeit genug Geld zusammen. Und die Zeit spielte gegen sie, ganz egal, wie sehr sie diesen Gedanken verdrängte.

Mit einem leisen Pfeifton gab der Computer Bescheid, dass er einsatzbereit war. Sie öffnete ihr Online-Banking Portal und angelte in ihrer Handtasche nach der Geldbörse. Statt der Bankkarte fiel ihr die Visitenkarte in die Hand, die sie wider besseres Wissen gestern eingesteckt hatte. Elfenbeinfarbener, lackierter Karton. Teure Tinte in einem warmen Braun. Ein Name und eine Mobilnummer.

Kieran de Clare.

Die Erinnerung traf sie wie ein Tritt in den Bauch. Oh ja, sie erinnerte sich. An graublaue Augen, in denen November war, auch jetzt im August. Eine Mischung aus Wut und mühsam zurückgedrängter Aggression hatte einen Sturm entfacht in den Tiefen seiner Iriden. Sie erinnerte sich an kinnlanges, nachlässig gestyltes Blondhaar und einen Dreitagebart in der gleichen Farbe, der die eleganten Züge seines schmalen Gesichts betonte. Sie erinnerte sich an seinen Atem, der über ihr Gesicht strich, der Geruch nach teurem Whisky und Pfefferminze.

Ach was soll’s. Ein Blick in Google konnte nicht schaden. Es war ja nun kein Verbrechen, wissen zu wollen, wer der Mann war, der sich als ihr Retter aufgespielt hatte. Flink trafen ihre Finger die richtigen Tasten. Mit dem kleinen Finger ein Druck auf die Enter-Taste, und binnen Sekundenbruchteilen bauten sich die Suchergebnisse auf.

Gütiger Himmel. 1.670.000 Suchergebnisse? War der Name ein Sammelbegriff? Sie rief das erste Suchergebnis auf und ihr Atem stockte in der Brust. Kein Sammelbegriff, ein Volltreffer. Auf dem Bildschirm strahlte ihr kein anderer entgegen als der Mann, den sie gestern kennengelernt hatte. Die Bildunterschrift verriet, dass auf der Visitenkarte nur ein Bruchteil seines Namens abgedruckt war. In Wahrheit hieß er offenbar Sir Kieran Frederick Alexander de Clare, Viscount Erskine, Heir of Halthrow.

Das war ein Witz, oder? Ihr Retter, ein echter Ritter? Lächerlich. Aber dann, sie hätte es wissen müssen. Er hatte diese Ausstrahlung, eine Aura aus Arroganz und Dominanz, die nach altem Geld roch und noch älteren Gemäuern von jahrhundertealten Familiensitzen auf dem Land.

Der Mauszeiger flog über die Ergebnisliste, klickte, suchte. Sie fand einen Bericht von Forbes, demzufolge Kieran de Clare auf Platz 67 der 100 reichsten Briten zu finden war, knapp hinter seinem Vater, dem Earl of Halthrow. Das seinem Namen vorzeitig überschriebene Vermögen hatte er durch clevere Immobilieninvestments und den Aufbau einer erfolgreichen Kreuzfahrt-Reederei vermehrt. Während sein Vater, der siebte Earl of Halthrow, sich auf den Lorbeeren früherer Zeiten ausruhte, galt Kieran als infant terrible des britischen Hochadels. Ihm wurde ein promisker Lifestyle nachgesagt, zahlreiche Affären, selbst Verbindungen ins Rotlichtmilieu.

Das erklärte wohl seine Anwesenheit im Glorious. Philippa schob die Maus beiseite und stützte den Kopf in ihre Handflächen.

Gott, wie sie es hasste. Wie sie sich hasste. Egal, wie oft sie sich einseifte, wenn sie von ihren Schichten nach Hause kam, nie schien sie den säuerlichen Gestank loszuwerden, der sich auf ihrer Haut festkrallte. Sie hasste die fleischigen Finger der Freier, ihren schlechten Atem nach Fusel und Fett und Zwiebeln. Sie hasste ihren Körper, der sich daran gewöhnt hatte, eine Ware zu sein und nicht mehr annähernd so sehr schmerzte wie am Anfang, wenn sie ihrer Arbeit nachging. Würde es wenigstens noch wehtun, könnte sie sich einreden, dass sie noch einen Funken Ehre in sich trug, aber Schmerz war etwas für anständige Frauen, Schmerz musste man sich verdienen. Sie verdiente nichts mehr.

Ihr Mageninhalt drohte, ihr die Kehle hinauf zu wandern. Kieran de Clare und Rotlichtmillieu. Ganz klar. Sie hatte seinen Anzug gesehen, das Seidenhemd, das saß wie maßgeschneidert und die breite, muskulöse Brust aufs Vorteilhafteste betonte. Kraftvolle Oberschenkel in der Designerhose. Ein Mann wie er würde sich niemals mit einer Frau wie ihr abgeben. Rotlichtmilieu, klar. Aber es gab nun mal sehr verschiedene Arten von Nutten. Die, mit denen er zuvor Kontakt gehabt haben mochte, rochen gut und trugen teure Kleider, die elegant waren und sexy. Sie ließen sich bezahlen für elegante Dinner, kluge Unterhaltung und der Sex danach war nur das Sahnehäubchen auf dem verbotenen Kuchenstück. Sie war eine von der anderen Sorte. Die nehmen musste, was sie kriegen konnte, die billig war und stank wie der Schnaps, der im Glorious Nights ausgeschenkt wurde.

Tim neben ihr stieß einen Schrei aus. Über ihre Gedanken hatte sie aufgehört, die Wippe anzuschubsen.

„Ssssht, Baby, ist gut.“ Sie raffte sich auf, versuchte ihn zu beruhigen. Er wehrte sich mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, gegen ihren Griff. Seine Beine strampelten, wild fuchtelte er mit den Armen in der Luft herum. Egal wie sehr sie versuchte, ihn dazu zu bringen, sich auf sie zu konzentrieren, es half nichts. Er sah sie noch nicht einmal an.

Die Tür zu ihrem Zimmer ging auf.

„Braucht ihr Hilfe?“

Ihre Mutter stand im Türrahmen und erfasste die Situation sofort. Mit geübten Griffen fing sie Timmys Arme ein und half Philippa, ihn fester zu fixieren. Zu zweit massierten sie die Krämpfe aus seinen Muskeln. Sie konnten nichts tun, als zu warten, bis es vorbei war. In die Stille nach dem Sturm tönte Mamas Stimme überlaut.

„Kommt Karen heute Nachmittag zum Turnen?“

„Nein“, Philippa schüttelte den Kopf. Sie war mit einem Mal nur noch müde. Sie wollte sich hinlegen und schlafen, bis sie nicht mehr schlafen konnte. „Ich konnte die Rechnung im letzten Monat für die Hausbesuche nicht bezahlen. Um drei haben wir einen Termin in der Praxis.“

„Kommst du denn mit dem alten Rollstuhl in die U-Bahn?“

Kraftlos zuckte sie mit den Schultern. „Es muss ja gehen. Wir haben es sonst auch geschafft.“ Es gab elektrische Rollstühle mit einklappbaren Rädern, die sich leicht manövrieren ließen und in öffentlichen Verkehrsmitteln ohne große Mühe zu handhaben waren. Sie hatte ein Angebot für einen solchen Rolli in ihren Unterlagen. Die Kasse zahlte nicht dafür. Sie würde ihn sich anschaffen, wenn sie die Hausbesuche der Physiotherapeutin abbezahlt hatte und die Raten für den Deckenlift im Bad von letztem Monat und … Wieder fiel ihr Blick auf den Prospekt von Rays of Sunshine. Fünftausend Pfund kostete ein dreiwöchiger Therapieaufenthalt in Florida, ohne Sponsoring. Und alle berichteten, wie unmittelbar der Effekt sowohl auf die Patienten als auch auf deren Angehörige war, die mithilfe der Psychologen und Sozialtherapeuten vor Ort endlich einmal schafften, zur Ruhe zu kommen und neue Kraft zu schöpfen. Etwas, was auch nach Abschluss des Aufenthalts in Florida nachhaltigen Einfluss auf das Wohlergehen hatte. Fünftausend Pfund, und immer noch zweieinhalbtausend, wenn sie eines der begehrten Sponsorings ergatterte. Aber sie hatte nicht einmal das Geld übrig für einen neuen Rollstuhl.

 

Kapitel 2

 

Der perfekte Parkplatz. Hinter einem in schweinchenrosa gestrichenen, dreißig Jahre alten Wohnwagen und vor einem Chrysler, der so aufgemotzt war, dass er fast nur aus Chrom bestand, lenkte Kieran seinen Jaguar an den Straßenrand, wenige Schritte von der Tür der Bar entfernt. Der Anblick des Chryslers ließ ihn zum ersten Mal den Gedanken hegen, ob das Mädchen Philippa die fünfzig Pfund vom vergangenen Wochenende wenigstens hatte behalten dürfen oder ob es in dem Laden einen Zuhälter gab, der den Mädchen abknöpfte, was sie verdienten, und ihnen nur einen Bruchteil wieder aushändigte.

Was zur Hölle machte er hier? Er klopfte mit den Fingern auf dem Lenkrad herum. Nervös, stellte er fest. Weil er von sich selbst überrascht war. Das hier war nicht seine Art. Er lief den Frauen nicht hinterher. Stattdessen war er gewöhnt, dass sie sich an ihn hängten und kleben blieben wie an einem Fliegenköder. Und das hier war nicht mal eine Frau, wie er sie sonst ausführte. Sondern ein Strichmädchen. In seinem ganzen Leben war Kieran, der in wenigen Wochen neununddreißig Jahre alt wurde, noch nie mit einer Nutte auf Tuchfühlung gegangen. Was war los mit ihm?

Die ganze Woche war ihm die Kleine nicht aus dem Kopf gegangen. Die blauen Augen. Ihr Körper, kein Vergleich gegenüber diesem dünnen, eckigen, das in seinen Kreisen dazugehörte, wenn eine Frau beachtet werden wollte. Die Hure Philippa hatte einen Körper, der in ihm den Wunsch entfachte, zuzupacken und festzuhalten. Seine Finger in ihr Haar zu graben und … ach verdammt, eine Woche waren an dieser Stelle die Gedanken mit ihm durchgegangen. Das war nicht gesund.

Eine Einladung zum Dinner. Das klang gut und unverfänglich. Noch einmal zu versuchen, hinter die Fassade zu schauen. Aber Himmel, wo brachte ein Kerl wie er ein Mädchen wie sie hin? Er sah an sich herab. Jeans, weißes Hemd, Lederjacke. Er könnte sonstwohin mit ihr gehen. Vielleicht ein kleiner, unscheinbarer Italiener in Soho, oder mexikanisch. Irgendwo, wo sie nicht auffiel.

Wie idiotisch. Sie würde auffallen. Sie fiel sogar in dem schmierigen Glorious Nights Pub auf. Ihm war es egal. Aber was, wenn es ihr nicht egal war?

An dieser Stelle hängten sich seine Gedanken auf, seit er zum ersten Mal überlegt hatte, sie einzuladen. Erstens. Kieran de Clare lud nicht ein. Entweder er ließ sich einladen, oder er bestellte sich eine Begleitung. Orderte sie an einen bestimmten Ort, und wie sie dorthin kam, war ihr Problem, nicht seines. Zweitens. Kieran de Clare verabredete sich nicht mit Huren, um mit ihnen essen zu gehen. Zeitverschwendung. Die Edel-Bordsteinschwalben von Marylebone erwarteten das auch nicht. Drittens. Kieran de Clare scherte sich einen feuchten Kehricht darum, ob die Dame der Wahl sich etwas aus dem Ort machte, an den er sie brachte. Denn egal, von welcher Seite man es betrachtete, was auch immer es der Dame einbrachte, es würde nichts sein gegen den Shitstorm, der auf ihn selbst niederging. Und das war ihm nicht nur egal, sondern er genoss es sogar. Schließlich hatte er einen Ruf als Bonvivant und Lackaffe zu verlieren, seine kleine, ganz persönliche Rache. Und Reue.

Er blickte in den Rückspiegel, als in der Abenddämmerung die Leuchtreklame der Bar anging. Noch so ein geschmackloses Detail.

Das Klingeln seines Telefons riss ihn aus den Gedanken. Er kannte die Nummer nicht. Ablenkung war gut. Er nahm das Gespräch an.

„Mr. de Clare, Sir.“ Eine geschäftstüchtige Frauenstimme. „Mein Name ist Priscilla von Canary Wharf Entertainment. Es geht um den Empfang von Lord Hawick am kommenden Dienstag, Sir, ich vermute, dass Sie sich erinnern?“

Ja, er erinnerte sich. Bestens. Nur Ray Lerman, Lord Hawick, brachte es fertig, ein obszönes Klassentreffen als Empfang zu bezeichnen und hochoffizielle Einladungen mit goldener Schrift verschicken zu lassen. „Ja, ich erinnere mich. Danke für die Einladung“, sagte er artig.

„Oh, wunderbar.“ Priscilla flötete perfekt einstudiert, wie ein munterer Vogel. „Ich hatte eben Miss Everton am Apparat, Sir. Miss Candice Everton.“

Warum überraschte ihn das? Er beschloss, abzuwarten, was Candice dieses Mal eingefädelt hatte.

„Miss Everton schien von der Einladung nichts gewusst zu haben, Sir.“ Ein kleiner Unterton von Vorwurf mischte sich in das Flöten.

„Das ist richtig. Ich habe ihr nichts davon gesagt.“

„Oh.“ Er konnte durch das Telefon hindurch hören, wie Priscilla adjustierte, wie die Zahnrädchen sich verschoben und eine Weile brauchten, ehe sie neu ineinandergriffen. „Sir, ich habe Miss Everton versprochen, dass ich sie zurückrufen werde, wenn Sie mir Ihre Pläne … ähm … also wenn ich weiß, ob Sie …“

Er seufzte und entschied sich, die unschuldige Telefonistin zu erlösen. „Priscilla, Sie können Miss Everton zurückrufen und ihr sagen, dass ich auf dem Empfang des Lord Hawick anwesend sein werde. In Begleitung. Und dass ich mich über ihr Interesse an meinen Plänen immer sehr gefreut habe und dass ich mich bei ihr melden werde. Haben Sie das?“ Es war so typisch für Candice. Sie hatte Wind von dem Klassentreffen bekommen, konnte ihren Chef nicht telefonisch erreichen und setzte sich eben direkt mit dem Veranstalter in Verbindung, um Kieran in die Enge zu treiben und ihm eine Entscheidung aufzuzwingen. Die Entscheidung, die üblicherweise die war, dass er mit ihr zusammen hinging. Pech gehabt, Miss Everton. Bleib bei den Ponys. Ich nehme eine andere mit. Hier breitete sich mit einem Mal in kristallener Klarheit die Lösung für gleich zwei seiner Probleme aus.

„Jawohl, Sir.“ Kleinlaut geworden, beeilte Priscilla sich, das Gespräch zu beenden.

Kieran schaltete sein Telefon aus und löste den Sicherheitsgurt. Na gut, Miss Philippa. Dann wollen wir mal. Keine Einladung zum Abendessen. Nicht heute jedenfalls. Ich weiß etwas Besseres für dich und mich, etwas, bei dem wir einander wirklich kennenlernen werden.

Mit der Fernbedienung verriegelte er den Wagen und machte sich auf den Weg zum Portal. Dieses Mal standen die beiden Langbeinigen vor der Tür. Wohl, weil es heute nicht regnete wie am vergangenen Samstag. Er beachtete die Geld witternden Blicke nicht und schob sich an den beiden vorbei ins düstere Innere des Pubs.

Erleichtert stellte er fest, dass nicht Lucy Dienst hatte, sondern ein überraschend hübsches Mädchen mit kurzgeschnittenem Blondschopf. Er fragte sich, ob das vielleicht die echte Lucy war. Sie passte hierher wie ein Eisbär in die Sahara, begrüßte ihn freundlich und fragte mit einem verschmitzten Lächeln, womit sie ihn vergiften dürfe. Schlagfertigkeit und echte Arbeitslust. Er war nicht oft in dieser Gegend gewesen, aber so etwas hatte er hier noch nicht erlebt.

„Du kannst mir sagen, wo ich Philippa finde.“

Ihre Augen weiteten sich. „Pippa? Oh je, also ich glaube Pippa ist heute … naja also ich glaube, sie ist gar nicht da, Sir.“

Er lehnte sich auf den Tresen. „Was für ein Pech. Gib mir einen Aberfeldy bitte, und dann sagst du mir, wo Pippa ist.“

Sie schenkte den Drink ein und musterte ihn von Kopf bis Fuß, fast so, wie Philippa es am Samstag getan hatte. Auch dieses Mädchen ließ sich keinen Bären aufbinden und erkannte einen Mann, der auf die andere Seite der Themse gehörte.

„Hören Sie, Pippa ist ein anständiges Mädchen. Sie hat ein paar beschissene Karten zugeteilt bekommen, als der liebe Gott das Pokerspiel neu gemischt hat, aber sie tut ihr Bestes, damit umzugehen.“

„Seid ihr befreundet?“

„Nicht wirklich. Ich meine, ich arbeite an der Bar, und sie, naja, das wissen Sie ja offenbar. Aber man redet halt mal miteinander. Reiten Sie sie nicht rein, okay? Also ich meine, bringen Sie sie nicht in Schwierigkeiten, von wegen die Cops auf sie zu hetzen oder sowas. Das hat sie nicht verdient.“

„Das habe ich nicht vor.“

Das Mädchen seufzte erleichtert. „Okay. Sie ist oben. In ihrer Kammer, mit einem Typen. Der, naja, wahrscheinlich ist es okay. Ist keiner von den Üblen. Sie dürfte bald wieder da sein. Sie lässt sich nicht auf lange Nummern ein.“

„Rein, raus, runter, hm?“, fragte er und kippte den Whisky, um den widerlichen Geschmack loszuwerden, der seine Zunge pelzig machte. Sie war in einem der Zimmer im Obergeschoss. Mit einem Freier. Die Hände eines anderen auf ihrer Haut. Er kämpfte das Adrenalin nieder. Himmel, Philippa hatte Rechnungen zu bezahlen. Was hatte er erwartet?

Das Barmädchen grinste. „So in der Art, vermutlich. Hey, hab ich Sie nicht schon mal irgendwo gesehen?“ Sie stemmte die Hände in die Hüften und musterte ihn aufmerksam.

„Hast du nicht ein paar Gläser zu polieren?“, fragte er zurück. Auf diese Wendung hatte er keine Lust.

„Gläser polieren? Wie geht das?“ Sie nahm das leere Glas an sich. „Noch einen?“

„Nein. Ich bin mit dem Auto hier.“

„Sie sehen nicht aus wie einer, der selbst fährt.“

„Ist das so?“ Er sah zur Uhr. Auch wenn das namenlose Mädchen recht amüsant und es leicht war, sich mit ihr zu unterhalten, hoffte er, nicht ewig hier festzusitzen. Er sah sich um. Ein paar Leute bevölkerten die Tische entlang der Fenster, in einer Ecke stand eine Musikbox, in der anderen ein Spielautomat. Das Mädchen schob eine Schale mit Chips in die Reichweite seiner Finger.

„Kann ich Ihnen sonst irgendwas anbieten? Ich mach Ihnen auch einen Kaffee, wenn Sie wollen. Ist ja nichts los.“

Zwei Minuten später stand eine Cafetiere vor ihm, neben die sie eine Tasse stellte. Fasziniert beobachtete er ihre Handgriffe. Eine Bar, die so billig war, dass sie nicht mal einen Kaffeeautomaten hatte. Wann hatte er das letzte Mal so eine Stempelkanne gesehen? Der Duft des starken Kaffees stieg ihm in die Nase. Das war viel besser als alles, was aus den italienischen Automaten kam und überall gleich schmeckte.

„Zucker? Sahne?“

„Schwarz“, sagte er und schenkte ein. Perfekt.

„Oh, hey, Philippa.“ Er hob den Kopf, als das namenlose Mädchen über ihn hinweg winkte. „Der Herr hier sucht dich.“ Er drehte sich auf dem Hocker um.

Ein bisschen zerzaust. Ein bisschen müde. Tief ausgeschnittene schwarze Bluse, hellblaue Hotpants und flache Pumps. Das Haar trug sie heute hochgesteckt, und mit dem Make-up hatte sie genau so übertrieben wie beim letzten Mal. Sie starrte ihn an wie einen Geist.

„Mr. de Clare … Sir“, entfuhr es ihr, nicht im geringsten bemüht, so zu tun, als habe sie mit ihm gerechnet.

„Du hast mich nicht angerufen“, sagte er.

„Ich hatte nicht geglaubt, dass Sie das erwarten. Mir war nicht bewusst, dass Sie das ernst gemeint haben. Außerdem …“

„Ja?“

„Sie sagten, ich soll Sie anrufen, wenn ich Hilfe brauchte. Naja, es war eben nicht notwendig.“

Das Barmädchen räusperte sich. „Was? Philippa, der Kerl am Dienstag …“

„Sei ruhig“, fuhr sie die andere an. „Das geht dich nichts an und den da schon gar nicht.“

Der da zwang sich, die Beleidigung herunterzuschlucken, auch wenn sie ekelhaft schmeckte, ergriff Philippas Hand und zog sie neben sich an den Tresen. Sie protestierte nicht. Sie hatte ein klebriges Parfüm aufgelegt, das vermutlich den Geruch nach Sex überdecken sollte, aber auch ihren eigenen Duft wegwischte. Seine Enttäuschung darüber war irrational. „Hast einen schlechten Tag, hm?“, fragte er leichthin und nippte an seinem Kaffee.

„Nicht schlechter als jeder andere.“

„Ich mach ihn besser. Was willst du trinken?“

„Was wollen Sie eigentlich von mir?“ Sie begann, sich gegen seinen Griff an ihrem Handgelenk zu wehren, aber als er nicht losließ, versteifte sie ihre Schultern und warf ihm einen wütenden Blick zu. „Also falls Sie … falls Sie Sex wollen, kann ich Ihnen sagen, ich brauche eine Pause, okay? Ich hatte gerade einen Kunden, ich muss mich erstmal …“

„Dazu kommen wir gleich.“ Er nickte der Barista zu. „Sie nimmt auch einen Aberfeldy.“

Die Bedienung murmelte irgendwas von der Welt, die nobel zugrunde ging, und machte sich an die Arbeit. Dann wollen wir mal. Kieran legte seine Hand um Philippas Kinn und drehte ihren Kopf, sodass das Licht auf die lädierte Lippe fiel. „Gut verheilt“, sagte er und ließ sie los. „Was hat deine Mutter gesagt?“

„Sie hat es nicht gesehen.“

Vermutlich hatte sie gelernt, den Kopf so zu halten, dass nicht mal die eigene Mutter merkte, wenn sie verletzt war. Es war nicht richtig.

„Und zu dem blauen Fleck da?“

„Was für ein blauer Fleck?“ Sie sah ihn mit gerunzelter Stirn an.

„Der da.“ Mit zwei Fingern schob er das Haar hinter ihre Schläfe zurück und entblößte ein daumengroßes Hämatom dicht am Haaransatz. Make-up, Parfüm, Klamotten. Alles an ihr war künstlich und übertrieben, aber ihr Haar war weich wie Seide und streichelte zart über die Haut an seinen Fingern. „Passiert sowas öfter?“ Die Vorstellung, wie es sich anfühlen würde, die ganze Hand in dieser Haarpracht zu vergraben, ließ seinen Kehlkopf seltsame Dinge machen. Ein leicht heiseres Kratzen hatte sich in seine Stimme geschlichen.

„Berufsrisiko. Warum kümmert Sie das?“

Er zog den benachbarten Hocker ein Stück zurück. „Setz dich, Philippa. Wie heißt du?“, wandte er sich an das Barmädchen.

„Lucy.“

Er verkniff sich das Auflachen, das in seine Kehle kroch. Weder sie noch Philippa würden es verstehen. „Lucy, hast du einen Stift und ein Blatt Papier für mich?“

Verwirrt legte sie das Gewünschte vor ihn hin. Philippa nippte an ihrem Drink.

„Was wird das?“

„Ein Vertrag“, murmelte er, setzte Ort und Datum in die rechte obere Ecke. „Philippa, und wie weiter?“

„Was soll der Quatsch? Hören Sie, ich hab zu tun. Es ist ein beschissener Tag und ich brauche Geld, also wenn Sie nichts dagegen haben, dann gehe ich jetzt vor die Tür, weil hier drin ist heute tote Hose.“

Nicht bei ihm. Aber das musste sie nicht wissen. „Eben hast du behauptet, dass du eine Pause brauchst.“ Er packte sie erneut am Handgelenk, als sie sich vom Hocker schieben wollte. „Hiergeblieben“, sagte er, die Stimme streng, ohne vom Papier aufzusehen. Sie blieb stehen. Seine Instinkte spitzten die Ohren. Interessant. „Philippa, ich möchte deine Dienste reservieren, für kommenden Dienstag, und ich möchte das schriftlich festhalten, damit es zwischen dir und mir keine Missverständnisse gibt.“

„Reservieren?“ Sie räusperte sich, weil ihre Stimme erstickt klang. „Was soll das? Wollen Sie mich buchen für eine Altherrenparty? Das wird teuer, Sir, und außerdem haben Sie mich ja nicht mal testgefahren wie eines von den tollen Autos, mit denen man Sie so sieht und …“ Sie brach ab, und ihre Augen weiteten sich erschrocken.

Er lachte. „Du hast also das Internet bemüht, hm?“ Die Befriedigung, die er empfand bei der Erkenntnis, dass sie ihn nicht sofort verdrängt und vergessen hatte, stand in keiner Relation zu dem Unwohlsein bei dem Gedanken, was sie alles gelesen haben mochte.

Sie hob die Schultern. „Langeweile tagsüber.“

„Irgendwas Interessantes gefunden?“

„Ja, dass Sie umgeben sind von tollen Frauen, die Ihnen jeden Wunsch von den Lippen ablesen. Was wollen Sie von mir? Ich bin eine Nutte. Klar, ich mach die Beine breit, wenn Sie mich dafür bezahlen, kein Problem, aber erstens haben Sie es gar nicht nötig, dafür zu bezahlen, und zweitens, wo ist da der Spaß für Sie? Die anderen schmelzen dahin in Ihren Armen und auf dem Rücksitz Ihres Wagens, oder auf Ihrem Schloss, oder einem der tollen Schiffe, oder wo auch immer Sie es gern haben. Von mir können Sie ja nun wirklich nichts erwarten.“

„Von dir erwarte ich Professionalität, Kleines.“ Dieses Mal machte er seine Stimme absichtlich hart, und sofort spürte er, wie ihre Haltung sich änderte. Wo sie eben noch verkrampft bereit gewesen war, davonzulaufen, da hatte er plötzlich ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Vergangen war der Fluchtgedanke. Es war die Bestätigung, die er gebraucht hatte, um die Ahnung zur Gewissheit werden zu lassen. Seine Haut begann zu prickeln, als er begriff, wie er sie anpacken musste, und in ihm jubilierte es. Das war noch besser, als er zu hoffen gewagt hatte. Alles, was er tun musste, war die Karten auszuspielen, mit denen sie umgehen konnte. Welch ein Glück, dass es dieselben Karten waren, mit denen er schon sehr lange erfolgreich und gern spielte. „Ich will nicht mit dir ins Bett. Zumindest ist das nicht der Plan, aber hey, ich sag dir gleich, ich bin kein Kostverächter, und wenn du Spaß hast bei unserem Arrangement, und wenn du mir Freude machst, wer weiß, alles ist möglich.“ Er genoss den Anblick, wie ihre schönen blauen Augen sich weiteten. Erst diese Frau ließ ihn wirklich begreifen, was es bedeutete, wenn man sagte, dass die Augen die Spiegel der Seele waren. „Wie viel kostest du pro Stunde?“, fragte er wie beiläufig und trank seinen Kaffee aus.

Ihre Lippen öffneten sich, schlossen sich wieder, sie schnappte nach Luft. „Ich lasse mich auf keine längeren Stunts ein. Ich hab keinen Stundenpreis, Sir.“

Er hob eine Braue. So so. Er wäre nicht der Mann, der er war, wenn er die Grenzen einer Frau als Hindernis und nicht als Herausforderung sehen würde. „Stimmt, Lucy hat so etwas erwähnt.“ Amüsiert beobachtete er den wütenden Blick, den sie dem Barmädchen zuwarf. „Okay, also nehmen wir als Referenz den Typen vom letzten Samstag.“ Er bemerkte, wie sie zusammenzuckte. Am liebsten würde er dem Kerl gleich noch einmal den Arm verdrehen. Philippa ließ er über seine Emotionen im Unklaren. Seine Stimme blieb perfekte Neutralität. „Der sollte fünfzehn abdrücken für eine schnelle Nummer auf dem Klo. Das hat keine zehn Minuten gedauert, und du hast gesagt, er hat dich runtergehandelt und die anderen nehmen das Doppelte.“ Er hantierte mit seinen Fingern, als würde er rechnen, und realisierte das amüsierte Funkeln ihrer Augen einen Moment bevor sie selbst es bemerkte und abstellte. „Dreißig mal sechs macht hundertachtzig. Nun wirst du natürlich keine sechs Freier pro Stunde bedienen. Immerhin brauchst du zwischendurch auch mal eine Pause.“ Auch Lucys Augen wurden größer angesichts der Freizügigkeit, mit der er sprach. Wenn ihr Mädels wüsstet, was ich sonst noch kann, dachte er. „Also sagen wir mal einen Grundpreis von hundert die Stunde, ist das okay? Was meinst du?“

Wie benommen nickte sie. „Klingt vernünftig.“

Wie sie ihn ansah, handelte es sich für sie eher um eine Traumsumme. Verdienten die Nutten hier am Schwanzende der Stadt wirklich so miserabel? Er dachte an die Edelhuren im Westend, die das Fünf- oder Sechsfache einstrichen, und am liebsten hätte er Philippa in Scheinen gebadet, damit niemals der Funke verglühen würde, den er in diesem Moment in ihren Augen sah.

„Okay, also der Deal ist folgender. Ich brauche eine Begleitung am kommenden Dienstag. Eine ziemlich steife Angelegenheit und alles andere als sexy.“ Er musterte ihren Aufzug. „Hast du andere Klamotten? Etwas dezenter?“

Ihre Augen verengten sich. Das war ja entzückend. „Natürlich“, schnappte sie. „Ich laufe ja nicht immer so rum.“

„Okay. Also es muss kein Abendkleid sein. Konservativ und dezent, ein Kostüm oder etwas in der Art. Und ein bisschen sparsamer mit dem Make-up.“ Er hatte ihr noch nicht gesagt, was sie verdienen würde, und haute ihr bereits seine Forderungen um die Ohren. Entsprechend runzelte sie die Stirn. „Der Empfang beginnt um zwanzig Uhr. Ich bin nicht dafür berühmt, bei solchen Anlässen lange anwesend zu sein. Um sicherzugehen, dass dein Auftreten passend ist, erwarte ich, dass du ab neunzehn Uhr zu meiner Verfügung stehst, damit wir eventuell nachbessern können.“ Ihr Ausdruck wurde immer aufsässiger und wärmte ihm das Herz. „Von neunzehn bis dreiundzwanzig Uhr am Dienstag möchte ich deine Dienste reservieren. Als Begleitung. Kein Sex. Vielleicht lasse ich dich früher gehen, das wird sich herausstellen, aber es macht an deiner Bezahlung keinen Unterschied. Ich zahle dir fünfhundert. Für den Abend. Das sind vier Stunden, plus hundert für die Reservierung. Ist das okay?“