Seine Rache

 

Kapitel 1

 

Angelo

 

Die Kette rasselt.

 

Ich wurde in dem Bewusstsein erzogen, dass eine schnelle Ku-gel im richtigen Moment – auch wenn es sich für das Zielobjekt wie der falsche Moment anfühlt – eine Gnade ist. Es fühlt sich dann wie der falsche Moment an, wenn man dem Opfer Zeit für einen zweiten Gedanken lässt. Wer Vendetta im Hinterkopf hat, wenn er die Kugel abgibt, sorgt dafür, dass das Opfer einen letzten Gedanken hat. Vielleicht auch zwei oder drei. Wer Vendetta im Hinterkopf hat, wenn er feuert, will sich für die Ewigkeit in den Kopf einbrennen, ehe er die Hirnmasse auf dem Bürgersteig ver-teilt.

 

Wie oft hatte ich Vendetta im Kopf, als ich abdrückte? Das Klirren der Kette, das mich in diesem Raum voll gleißenden Lichts wach hält, macht es unmöglich, klare Gedanken zu fassen. Vendet-ta. Das Wort surrt durch meine Gedanken. Ich stelle mir vor, wie ich dem Schatten, der vor mir hin und her wabert, das Gehirn aus dem Kopf schießen werde, sodass es sich auf dem Gehweg verteilt.

 

Meine Schultern schmerzen. Die Arme über den Kopf gefesselt, schwebe ich über dem Boden. Als der Handlanger des Schattens, der Haare hat wie ein Flammenmeer, an der Winde dreht, um die Kette noch weiter über die Rolle zu ziehen, brülle ich auf. Ich habe mir geschworen, nicht zu brüllen, aber Scheiß drauf. Außer dem Schatten hören mich nur seine Folterknechte. Die werde ich noch vor dem Schatten über den Haufen schießen. Keiner wird es wis-sen. Keiner wird wissen, dass ich gebrüllt habe wie ein Baby.

 

Denn der Schatten, der Patrick O’Brien heißt und mir seit Jah-ren die Geschäfte vermiest, wird den Teufel tun und irgendjeman-dem sagen, was er mit mir hier unten gemacht hat. Einen gemach-ten Mann foltert man nicht, ohne dass es denjenigen zu Ohren kommt, die diesem Mann die Treue geschworen haben.

 

Ich weiß nicht mehr, wo hier unten ist. Ich weiß gar nichts mehr. Ich balle die Hände zu Fäusten, ignoriere die Art und Weise, wie die Handschellen nicht nur meine Zirkulation, sondern auch die Sehnen zusammenschnüren, dass es brennt wie die Hölle, wenn ich die Finger zu Fäusten balle. Ich stelle mir vor, wie sich der glat-te Stahl einer Heckler & Koch an meinen Fingern anfühlen würde. Stelle mir den Ruck des Rückstoßes vor, wenn die Kugel aus dem Lauf fliegt. Das linke Auge. Ich werde auf das linke Auge zielen.

 

Ich brülle erneut.

 

„Nur der Name“, sagt Patrick O’Brien, der so stolz auf seine Abstammung ist, dass er im breitesten irischen Akzent spricht, den man sich in Amerika vorstellen kann. Ich bezweifle, dass er jemals seinen Fuß in Dublin oder Galway auf den Asphalt gesetzt hat. Aber das ist jetzt auch egal.

 

„Der Name, Junge, dann lasse ich dich gehen.“

 

Ich verschlucke mich an meinem Lachen. Das Husten, das folgt, erschüttert meine Schultern, die sich innerhalb der nächsten zwei Minuten in Wohlgefallen auflösen werden. Er kann mich nicht gehen lassen, Name oder nicht. Weil wir das beide wissen, wird er den Teufel von mir erfahren.

 

Der Schatten gibt ein Zeichen. Das Licht wird gedimmt. Ich blinzle und muss mir auf die Zunge beißen, um das erleichterte Stöhnen zu unterdrücken. Patrick, dessen Formen sich jetzt deutli-cher herausschälen und Farbe bekommen, geht ein paar Schritte nach links, dann nach rechts, das Kinn in der Hand.

 

„Ich habe wirklich geglaubt, dass du es bist, Rossi. Ich war ver-dammt sicher. Meine Leute waren sicher. Du bist ein verfluchter Prinz. Wer, wenn nicht du? Wie hätte ich ahnen sollen, dass dir dei-ne eigenen Leute so wenig trauen wie ich?“

 

Er hat keine Ahnung, wie die Hierarchie in unserer Organisa-tion funktioniert, und ich habe andere Sorgen, als es ihm zu erklä-ren. „Das Blut des Heiligen.“ Ich krächze, weil meine Stimmbänder vom tagelangen Brüllen wund sind. „Die Phiole hat keinen Wert für dich.“

 

„Ja, richtig.“ Ein Lächeln klingt durch Patricks Stimme. „Die Phiole. Hätte ich die nicht an dir gefunden, hättest du dich vermut-lich erschießen lassen, obwohl du gar nicht der bist, für den ich dich gehalten habe. Ich meine …“ Er spricht gedehnt, als säße er in einem Pub beim Guinness, nicht hier unten in der nassen Kälte eines Verlieses, das an die Medici im Mittelalter erinnert, nicht an Philadelphia anno 2015. „Verdient hast du es so oder so, dass ich dich verrecken lasse. Da sind wir uns einig. Oder muss ich dir erst den Namen jedes meiner Männer sagen, den du auf dem Gewissen hast?“

 

Ich spanne die Arme an. Sehnen, Muskeln, alles brennt. Ich spüre Stahl an meinen Fingern, keine Heckler & Koch, sondern die verdammte Kette. Meine Gedanken gehen Zickzack. Wenn er ein bisschen näher kommt, kann ich mich an der Kette hochhangeln, die Beine in Richtung Bauch ziehen, Schwung holen und ihm in die Eier treten, dass sein irischer Akzent zu einer Mädchenstimme ge-hören wird. Die Vorstellung weckt ein paar meiner Lebensgeister. Aber leider weiß er genau, was passieren wird, wenn er mir zu nahe kommt, und bleibt weg. Die Winde knarrt. Die Kette verkürzt sich noch weiter. Ich heule auf.

 

Raus. Ich muss hier raus. Ich werde hier, verdammt nochmal, rauskommen. Irgendwie. Immer wieder wiederhole ich still den Schwur. Rauskommen. Rache nehmen. Rache, Rache, Rache. Ven-detta. Ich hab keine Ahnung wie, aber ich werde hier rauskommen. O’Brien hat seine Beziehungen spielen lassen und herausgefunden, mit welchem Flug ich aus Neapel zurückgekommen bin. Der iri-sche Hund hat einen einzigen Moment der Unachtsamkeit ausge-nutzt. Wie ein Amateur bin ich ihm in die Arme gelaufen. Nach zwei Tagen in diesem Rattenloch hatte ich beschlossen zu akzeptie-ren, dass meine Zeit hier unten die gerechte Strafe für meine eigene Dummheit ist. Hinterher, wenn ich einen Weg raus gefunden habe, werde ich ihm die Eier abschneiden und sie ihm zu Fressen geben.

 

Das ist vier Tage her. Mindestens. Es ist schwer zu sagen, unter der Erde, mit nichts als einer gleißenden Baustellenlampe als Ge-sellschaft.

 

„Nur der Name“, lockt Paddy. Aus einer Wunde an meinem Handgelenk läuft Blut über meine Unterarme.

 

Er kann sich den verfluchten Namen dorthin stecken, wo die Sonne nicht scheint. Ich spucke ihm ins Gesicht, treffe sein linkes Auge. Ich mache mir nicht einmal Mühe, mir das Grinsen zu ver-kneifen. Zielübungen. Genau dort wird die Kugel einschlagen. Er wird noch Zeit für jede Menge letzter Gedanken haben. Vielleicht werde ich ihm das Herz mit der Phiole aus der Brust holen. Auf-schneiden, mit dem schmalen, grazilen Hals des uralten gläsernen Flakons durch das Gewirr aus irischgrün leuchtenden Venen nach seinem Herzen graben, es herausschneiden. Geht das überhaupt? Es ist egal. Alles ist egal.

 

Alles, bis auf die verdammte Phiole.

 

Als der Handlanger die Winde loslässt, erfüllt unheiliges Ge-schepper und Gedröhn den unterirdischen Raum. Ich habe keine Zeit für einen letzten Gedanken. Mein Körper kracht auf den Be-tonboden, Schmerz nimmt mir die Sicht, brüllt durch jede einzelne Sehne meines Körpers. Im Kreischen des Schmerzes höre ich das Knacken in meinem Knie, als ich mit meinem ganzen Gewicht darauf stürze und es auseinanderspringt.

 

„Fick dich, Rossi“, sagt O’Brien, als das Schmerzrauschen in meinen Ohren nachlässt, in einem Ton, als würde er Shepherds Pie mit extra Kartoffelbrei bestellen. „Ich werde dich zertreten, du wertloses Stück Scheiße. Ich finde raus, wer es ist, ich werde ihn schlachten und danach dich. Du darfst es noch erleben. Und dein heiliges Blut? Die scheiß Phiole? Vergiss sie. Das Ding ist viel wert. Hat mir ein hübsches Sümmchen gebracht. Freu dich für mich. Du brauchst sie nicht mehr.“

 

Ich rolle mich um den Schmerz in meinem Knie zusammen und ignoriere das Brennen meiner Schultern.

 

Im Leben nicht hätte ich, ein Mann, der ohne mit der Wimper zu zucken jeden anderen Mann so lange verprügeln kann, bis der seinen letzten Atemzug tut, mir vorstellen können, dass Orte wie dieser unter Philadelphia existieren. Patrick O’Brien hat mehr Fan-tasie, als ich es mir ausmalen konnte.

 

Fast möchte ich ihn dafür bewundern. Ich glaube an die schnel-le Kugel in den Kopf. Ich glaube an die Macht der letzten Gedan-ken, an die Ewigkeit in verspritzter Hirnmasse, die irgendwelche namenlosen Cops vom Kopfsteinpflaster kratzen, um sie auf Hin-weise auf die Todesursache untersuchen zu lassen. Amateure. Glauben so sehr an das Gute. Das Gute ist schon lange tot.

 

Was bleibt, ist Patrick O’Briens Fantasie. Seine Bereitschaft, sei-ne Gegner in einem unterirdischen Verlies mit einer Kette an einer Winde über einer Rolle und einem gesichtslosen Handlanger, der die Kurbel dreht, zu brechen.

 

 

Cara

 

Die Braut hasst die Hochzeit. Sie verrät sich durch die Art, wie sie ihre Finger knetet, wie sie immer wieder nach ihren Freundin-nen Ausschau hält, wie ihr Lächeln verrutscht, sobald sie denkt, nicht beobachtet zu werden. Es ist ihr Glück, dass ohnehin kaum jemand sie beachtet. Sie ist klein und zierlich, die roten Haare zu romantischen Locken auf dem Kopf hochgesteckt. Bunte Wiesen-blumen krönen das Kunstwerk. Spitze und weiße Seide umhüllen ihren schmalen Körper. Der Bräutigam kümmert sich so wenig um sie wie die Gäste. Er steht mit seinen Freunden an der Gartenbar und trinkt ein Guinness nach dem anderen. In den Brautmagazi-nen, die ich in den letzten fünf Monaten mit Deirdre gewälzt habe, steht geschrieben, dass die weißen Roben der Bräute früher Jung-fräulichkeit symbolisieren sollten. Ich glaube eher, sie sollen sie aussehen lassen wie ein Opferlamm. Jung, rein. Hübsch hergerich-tet. Bereit, geschlachtet zu werden. Auf dem Bett im opulentesten Zimmer der Beaver Valley Farm, dessen Einsegnung durch Pater Michael wir heute Vormittag alle beobachten durften, während Deirdre von einem ganzen Team Stylisten fertiggemacht wurde.

 

Ich nehme einen Schluck von meinem Chardonnay und trete auf die Terrasse des Anwesens. Ich habe Deirdre gebeten, mich nicht zu einer ihrer Brautjungfern zu machen, weil ich diese Ehe nicht gutheiße Wenigstens laufe ich nicht wie eines dieser him-melblauen Baisertörtchen herum, sondern kann mein eigenes Kleid tragen. Schwarzer Seidentaft, hauteng geschnitten, mit aufgenähten Rosenranken aus blutroter Seide. Dad behauptet, es sei ein Kleid für eine Trauerfeier. Er hat seltsame Vorstellungen von Trauer-feiern.

 

Ich vermisse Shane. Das ist selten und verwirrt mich ein wenig, aber vielleicht liegt es am Wein, oder daran, dass Hochzeiten, ganz egal, was für eine Farce sie auch sein mögen, grundsätzlich eine schrecklich romantische Angelegenheit sind. Alle reden über Liebe und Treue und Zukunft. Ich wünsche mir eine Zukunft, eine nor-male Zukunft. Auch wenn sich der Begriff Liebe in Zusammen-hang mit Shane Murphy immer noch falsch anfühlt, ist er meine beste Chance, diese zu bekommen. Aber natürlich gehört Superin-tendant Shane Murphy nicht auf diese Feier. Zu viele Fragen, die das aufwerfen würde. In der Beziehung war Daddy rigoros.

 

Ich blicke auf die unzähligen Lichter, gemalt von farbigen Lam-pions ins Blätterwerk der Eichen. Durch die weit geöffneten Flü-geltüren des alten Farmhauses strömt fröhliche, irische Tanzmusik. Plötzlich halte ich es nicht mehr aus. Als Kinder waren wir oft hier. Deirdre und ich sind wie Schwestern aufgewachsen, obwohl wir nur Cousinen sind. Während die Männer im Inneren des Hauses Geschäfte gemacht haben und die Frauen sich im Spa des An-wesens verwöhnen ließen, sind wir Kinder über das Gelände ge-stromert, sind in der Scheune von einem Deckenbalken ins Heu gesprungen, haben Verstecken gespielt und Räuber und Gendarm. Wir Mädchen mussten immer die Gendarmen spielen. So klein, wie wir waren, hatten wir schon verstanden, dass in unserer Welt die Polizisten die Bösen sind. Männer wie Shane Murphy, mit dem ich seit einigen Monaten verlobt bin. Für wen das schizophren klingt, dem kann ich nur zustimmen. Herzlich Willkommen in meiner Welt.

 

Je weiter ich mich von der Feier entferne, desto mehr Erinne-rungen prasseln auf mich ein. Die Farm wird seit Jahrzehnten nicht mehr als solche bewirtschaftet. Seit mein Vater sie gekauft hat, als Versammlungsstätte, als Hotel für angesehene Gäste von außer-halb, Hochzeitslokation und andere Zwecke, von denen ich nichts weiß. Die Wahrheit ist, ich will es nicht zu genau wissen. Ich habe meinen Weg gewählt, abseits der Welt der O’Briens, und ich bin Daddy dankbar, dass er mir diese Entscheidung zugesteht. Hätte er das nicht getan, wäre längst ich diejenige gewesen, die in ein Opfer-lammkleid gehüllt inmitten von hundertachtzig Gästen auf ihre Schlachtung warten muss.

 

Meine Zehen drücken in den spitzen Riemchenpumps und ich ziehe sie aus. Die Kieselsteine auf dem Weg in die alte Scheune pie-ken in meine Fußsohlen, aber schlimmer als das Gestöckel ist das auch nicht. Die Nachtluft duftet nach nassem Laub und feuchter Erde. Ich lehne mich an einen der dicken Eichenstämme, atme tief ein. Wenn ich zu lange weg bleibe, wird Daddy einen Bodyguard schicken, um mich zu suchen. Der einzige Grund, warum er mir heute einen Schatten erspart, ist, dass wir hier sicher sind. Nie-mand, der nicht in unsere Welt gehört, würde auch nur einen großen Zeh auf das Gelände setzen.

 

Ein Geräusch lässt mich aufhorchen. Etwas, das anders klingt als das Rascheln der Blätter und das leise Wispern des Windes. Ein tiefes Keuchen, halb Bellen, halb Husten. Ein Liebespaar, das die-sen Ort für ein heimliches Stelldichein nutzt? Ich habe bereits ein Glas Wein zu viel. Das ist die einzige Entschuldig dafür, dass ich nicht mache, was das einzig Vernünftige in dieser Situation wäre, und die Turteltauben ihrer Zweisamkeit überlasse.

 

Ich umrunde das das alte Backsteinhaus, suche nach einer offe-nen Tür. Als Kinder haben wir die Geschichten gehört, dass die Scheune früher, zu Zeiten der Prohibition, ein Schmuggeldepot war. Durch die Geheimgänge unter der Scheune haben unsere Vor-fahren Schnaps und Whiskey von hier in die Stadt verschoben. Zig Mal haben wir die Scheune durchforstet, bis wir den versteckten Eingang in die halb verfallenen Tunnel gefunden haben. Es ist so lange her, aber das Stöhnen des Liebespaars hat die Zeit verschlun-gen. Mit einem Mal ist meine Imagination wieder genauso lebendig wie die eines Kindes. Was, wenn es immer noch so ist? Was, wenn hier, nur ein paar Schritte von Deirdres Hochzeit entfernt, eine zweite Feier stattfindet? Zu schmuggeln gibt es immer etwas. Und wenn ein Schmuggel gelingt, gibt es was zu feiern.

 

Die Tür zur Scheune ist unverschlossen. Vorsichtig schiebe ich sie auf. Kein Knarzen, kein Quietschen. Dafür noch einmal das Geräusch, das mich hierhergelockt hat. Es kommt von weit ent-fernt in den Tiefen der Scheune.

 

„Hallo?“, frage ich in die Dunkelheit. Halb kichernd, halb wi-spernd, weil ich mir auf einmal nicht mehr sicher bin, ob ich wirk-lich hier sein sollte.

 

Keine Antwort. Ich dringe tiefer in die Hütte. Nach einer Weile gewöhnen sich meine Augen an die Finsternis. Das Innere sieht noch genauso aus wie in meiner Erinnerung. Abgewetzte Couchen, Sessel mit angekohlten Armlehnen, ein kalter Kamin. Holzwurm-zerfressene Dielen. Ich finde die Klappe im Boden, als ich über die Bretter taste. Die Scharniere, in denen die Klappe hängt, sind feucht. Ich reibe meine Finger aneinander. Frisch geölt. Warum? Als ich ziehe, öffnet sich die Falltür ohne ein Geräusch. Darunter herrscht Schwärze. Es ist der Zugang zum Keller. Auf halbem Weg die wurmstichige Leiter hinunter höre ich es wieder. Dieses Ge-räusch, und diesmal bin ich mir sicher, dass es ein Husten ist. Ein menschliches Husten, und es kommt aus dem Keller. In der Luft hängt ein Geruch wie von rostigem Eisen.

 

Mein Herz stockt, dann beginnt es zu rasen. Vollkommene Dunkelheit hüllt mich ein. Das ist kein heimliches Liebespaar. Das ist auch kein Tier, das sich in die Scheune verirrt hat, durch die Klappe in den Keller stürzte und jetzt qualvoll verendet. Tausend Gedanken schießen mir in den Kopf. Ich könnte Shane anrufen. Shane würde wissen, was zu tun ist. Er könnte helfen. Aber eine Sache hat sich nicht verändert, seit wir in dieser Scheune Räuber und Gendarm gespielt haben. Die Polizisten sind immer noch die Bösen.

 

So schnell es mir die Dunkelheit erlaubt, taste ich mich vor-wärts. Unter meinen Fingern löst sich rauer Putz. Schritt für Schritt an die Wand gepresst, lausche ich, doch das Geräusch ist nicht mehr da. Ich muss es mir eingebildet haben. Das ist die einfachste Erklärung. Die gesündeste. Ich kann auf die Feier zurückgehen und weiter zusehen, wie Deirdre an einen Geschäftsfreund von Onkel Brian verhökert wird, den sie erst vier Mal in ihrem Leben gesehen hat, der fast zwanzig Jahre älter ist als sie und es vorzieht, sich zu betrinken, statt ihr wenigstens ein paar Stunden lang das Gefühl zu geben, wichtig zu sein.

 

Aber ich kann nicht. Alle Vernunft, jeder Instinkt sagt mir, dass ich umkehren sollte, aber ich kann einfach nicht. Und dann sehe ich das Licht. Nur ein winziger Streifen Licht, der durch einen Spalt in der Wand fällt. In meinem Kopf wirbeln die Gedanken, zu schnell, um noch einen einzigen zu fassen. Eine hölzerne Tür. Dort, hinter dem alten Ofen, beginnt hinter einer niedrigen Tür der Geheimgang.

 

Ich stürze auf das Licht zu, greife in die Aussparung hinter dem Ofen. Meine Hand findet den Hebel, als wäre es gestern gewesen, dass ich ihn das erste Mal gefunden habe, nicht vor fünfzehn Jah-ren. Die Geheimtür öffnet sich. Plötzlich stehe ich in gleißendem Licht. Für die Dauer mehrerer Herzschläge kann ich nichts erken-nen, schwanke, dann gewöhnen sich meine Augen an die Helligkeit und ich kann weitergehen. Hinein in den geheimen Gang.

 

Nach drei Schritten erkenne ich das volle Ausmaß. Es ist ein Bild wie aus einem Horrorfilm. Hinter dem schmalen, leicht ab-schüssigen Durchgang öffnet sich der Blick in eine kleine Halle. Als ich das letzte Mal hier gewesen bin, als Kind, standen leere Whis-keyfässer und altersdunkel verfärbte Holzkisten entlang der Wände gestapelt, als seien die Schmuggler gerade erst verschwunden. Die Fässer und fast alle Kisten sind fort. Der Staub auf dem steinernen Boden ist von unzähligen Fußspuren verwischt und verwirbelt. Die Luft ist dick von dem metallischen Geruch, aber jetzt erkenne ich, dass er nicht von rostigem Eisen kommt. Es riecht nach Blut. Ein auf die Wand gerichteter Standstrahler ist die Quelle des Lichts. Die Wand ist so weiß, als wäre erst gestern ein Maler mit dem Pin-sel darüber gegangen, was den Effekt des brutalen Lichtes noch verstärkt. Im Kegel des Lichts, die Arme in unmöglichem Winkel über dem Kopf an Ringe in der Decke gefesselt, liegt ein Mann auf dem Boden. Sein Kopf ist auf seine Brust gesunken, sein Oberkör-per nackt und von zahlreichen Hämatomen und Schnitten übersät. Seine Schultern sind so verdreht, dass er keine Bewegung machen kann, ohne dass es wehtun muss. Als er sich ein wenig bewegt, stöhnt er, dann hustet er. Die Kette, die seine Arme hochhält, ras-selt leise. Sein rechtes Knie liegt seltsam halb unter seinem Körper verdreht, schwarz geschwollen und mindestens dreimal so dick, wie es sein sollte.

 

Bevor mein Verstand wieder einsetzt, bin ich bei ihm.

 

„Hallo“, sage ich, greife in seine Haare und hebe seinen Kopf an. Mehr Blutergüsse, mehr Schnitte. Meine Finger werden feucht, aber ich rede mir ein, dass es Schweiß ist, der aus seinen Haaren sickert, nicht Blut, das an meinen Händen kleben bleibt. „Sind Sie wach? Wachen Sie auf. Wie heißen Sie? Ich helfe Ihnen.“ Meine Stimme hallt von den nackten Wänden wider, klingt verzerrt und falsch. Daddy, du Schwein. Wie eine Sternschnuppe flammt der Ge-danke in meinem Kopf auf und verlischt sofort wieder. Er weiß da-von nichts. Er kann davon nichts wissen. Nach allem, was ich weiß, hat Patrick O’Brien diese Scheune nie betreten. Mit jeder Sekunde erkenne ich weitere Grausamkeiten. Die Augenlider des fremden Mannes sind mit groben Stichen an die Brauen genäht, sodass er nicht blinzeln kann. Seine Lippen sind geschwollen und aufge-sprungen. In den Rissen hat sich Blut gesammelt und ist zu schwar-zen Klumpen getrocknet. Dem Bart nach zu urteilen, der dicht und schwarz über Wangen und Kinn wuchert, ist er nicht erst seit ge-stern oder vorgestern hier unten.

 

Unter einem grauen Schleier suchen seine Augen nach etwas, sein Blick irrt ziellos durch den Raum. Seine Augen sind dunkel, fast schwarz.

 

„Das Licht …“ Obwohl es nur ein Krächzen ist, höre ich einen Akzent in seinen Worten, den ich nicht gleich zuordnen kann. „Bit-te … kein Licht.“

 

 

Angelo

 

Lucciola lucciola, gialla gialla

metti la briglia alla cavalla

che la vuole il figlio del re

lucciola lucciola vieni con me.

 

Die Worte kommen und gehen. Sie sind in meinem Kopf, wo sonst gar nichts mehr ist. Glühwürmchen, Glühwürmchen. Was soll das Glühwürmchen tun? Ich rolle mich zusammen. Wenn ich an nichts denke, spüre ich das Knie nicht. La Lucciola tobt und schreit in meinem Knie.

 

Meine Lider flattern, als ich eine Berührung an der Schulter spü-re. Ich will zurückweichen, aber mein Körper gehört mir nicht mehr. Paddy O’Brien hat meinen Körper zerbrochen. Das Licht. Überall ist Licht. Ich kann La Lucciola nicht mehr sehen. War sie jemals hier?

 

Eine Stimme. Eine Frauenstimme. Weit weg. Nah an meinem Ohr. Wie unter Wasser. Ich versuche zu fokussieren. Das Licht brennt mir die Augen aus dem Gesicht.

 

La Lucciola ist gekommen. Mein Glühwürmchen. Sie hat Haare wie in dem Lied. Gialla gialla, leuchtend gelb. Sie hat Augen wie das Meer vor San Pasquale, wo ich einmal sehr glücklich gewesen bin. Grün in Ufernähe, von den Algen. Strahlend blau, je weiter hinaus man blickt. Ihre Hände sind weich. Ihre Stimme klingt weit, weit weg. Wie eine Meerjungfrau, die unter Wasser redet. Mein Kopf sackt zurück.

 

Ihre Finger berühren meine Handgelenke, die in hartem, kaltem Stahl stecken. Sie greift danach, ruckt daran. Ich stöhne. Sie soll das nicht tun, es tut in meinen verdrehten Schultern weh.

 

„La luce.“ Meine Stimme ist zu leise. Sie kann mich nicht ver-stehen. Wir sind nicht in San Pasquale. Wir sind … wo sind wir? Ihre Stimme spricht Englisch. „Das Licht“, flüstere ich. „Kein Licht.“

 

„Das Licht stört Sie?“, fragt sie nach, und mein Blick wird kla-rer. Aber sie bleibt da. Leuchtend gelbe Haare, la Lucciola. Sie bleibt da. Sie geht weg. Ich will nach ihr greifen, aber meine Hände hängen in den eisernen Schellen. Ich will sie bitten, bei mir zu blei-ben. Nicht einmal Patrick O’Brien wird mich anrühren, wenn la Lucciola bei mir Wache hält.

 

Schlagartig komme ich zu mir. Patrick O’Brien. Ich bin hier we-gen Patrick O’Brien, und ich habe das Blut des Heiligen Lukas ver-loren. Patrick O’Brien hat es zu Geld gemacht. Ich habe Feinde auf allen Seiten. La Lucciola rumort hinter dem Scheinwerfer, der Lärm beißt mir in die Ohren. Dann verlischt das Licht.

 

Schwärze.

 

„Tut mir leid“, sagt sie. „Moment.“ Dann flammt der Schein-werfer wieder auf, aber nur ganz schwach, sodass ich sehen kann, wie sie zu mir zurückkommt. Sie geht wie eine Fee. Sie geht nicht, sie schwebt. Eine Fee. Ihre gelben Haare sind ein Heiligenschein. Glühwürmchen. Der Sohn des Königs ist bereit, davonzureiten. Sie sagt etwas, ich kann es nicht verstehen, in meinen Ohren rauscht das Meer von San Pasquale.

 

Sie wedelt eine Hand vor meinen Augen. Ihre Stimme kommt näher. Ich möchte die Augen schließen. Schlafen. Schlafen. „Hören Sie mich?“

 

Ich nicke. Wieder greift sie nach meinen Händen in den Schel-len. Ihre Hand bleibt an meinem Arm kleben, der braunrot ist von halb trockenem Blut. Ich will sie bitten, nicht wegzugehen. Ich will sie bitten, mir die Augen zu schließen. Ich flüstere: „Lucciola luc-ciola, vieni con me.“ Glühwürmchen, komm mit mir.

 

„Ich kann Sie nicht verstehen“, sagt sie. „Scheiße, wie bekom-me ich jetzt diese blöden Handschellen auf?“

 

Der Traum zerplatzt wie eine Seifenblase. So habe ich mir die Sprache von la Lucciola als Kind nicht vorgestellt. Ich bin kein Kind mehr. Ich hocke in einem Raum irgendwo in der Unterwelt von Philadelphia, und ein Mädchen, das hier nicht sein dürfte, ru-ckelt an der Kette, die meine Arme über den Kopf zieht. Die Be-wegung erschüttert meine zertrümmerten Schultern, aber ich unter-drücke das Stöhnen. Sie ist hier, um mir zu helfen.

 

Warum? Wer ist sie?

 

Ich glaube, sie schon einmal gesehen zu haben. Doch ich kann mich nicht erinnern. Meine Augen brennen immer noch. Das Licht, das vorhin zu grell war, ist jetzt zu schwach, um etwas ande-res zu erkennen als ihre leuchtend hellen Haare. Und die Blumen auf ihrem Kleid, blutrote Rosenranken. Ihr Duft streift mich. Sau-ber, nach frisch geschnittenem Gras und Seife. Ich wünschte, ich könnte die Augen schließen.

 

„La Lucciola.“ Meine Stimme ist nicht mehr als ein Flüstern. Sie lässt von der Kette ab und hockt sich zu mir. So dicht, dass ich sie nur verschwommen sehe. Meine Augen tränen. Es brennt. „Die Augen“, sage ich.

 

Ihre Fingerspitzen tasten über meine Lider. Ich kann es genau fühlen, es sind in jedem Lid drei Stiche, die es nach oben ziehen. Es ist die Hölle. Ich nicke sie an. Ich kann ihr Gesicht kaum erken-nen, aber ich sehe den Horror, der ihre Augen verdunkelt.

 

„Das kann ich nicht.“ Ihre Stimme bricht.

 

„Du musst, Lucciola“, erwidere ich krächzend. „Es macht mich verrückt.“

 

„Lucciola“, wiederholt sie, ihre Zunge scheint das Wort zu te-sten. „Was heißt das?“

 

Ich muss nachdenken. Es fällt mir nicht sofort ein. „Glüh-würmchen“, sage ich dann. Die Vorstellung, was das Mädchen gleich tun muss, um mir Linderung zu verschaffen, lässt mich schaudern. Aber noch schlimmer ist die Vorstellung, dass sie es nicht tut. Sie wird die Handschellen nicht aufbekommen. Ich kann es nicht allein tun.

 

Ist ihr Gesicht feucht? Ich möchte mir die Augen reiben, um sie besser sehen zu können. Ich kann gar nichts tun. Meine Verzweif-lung wächst.

 

„Ich kann das nicht“, wiederholt sie, hebt eine Hand, berührt mein linkes Augenlid, weit aufgesperrt über dem Augapfel, und sie zieht schluchzend die Hand zurück. „Wer hat das getan?“

 

„Tu es, Lucciola“, sage ich. „Ich flehe dich an.“

 

„Ich brauche eine Schere …“

 

Es gibt hier unten keine Schere. Das wissen wir beide. Sie steht auf. Umfasst mit einer Hand meinen Kopf, zieht mein Ohr an ih-ren weichen Bauch unter dem duftenden Seidenkleid. Ihre Finger tasten über meine Stirn, tasten nach dem Augenlid. Ihr Schluchzen verstärkt sich, ihre Hand zittert, ihr Bauch unter meiner Wange bebt. Ihre Finger finden, was sie suchen, einen der groben Stiche. Tasten. Greifen. Sie hat lange Fingernägel. Sie zieht. Der Schmerz ist die Hölle. Und doch ist es nichts gegen das, was sich in meinem Knie abspielt. Der Schmerz lenkt mich für einen Moment ab von dem Stechen im Kopf, das mich seit Tagen quält, weil sie mir nicht genug zu trinken bringen.

 

Ein Ziehen. Der erste Stich zerreißt die Haut. Es wird verhei-len. Es ist nicht für immer. Ich presse meine Wange in den weichen Bauch, als sie auch die anderen beiden Stiche löst, mit langen Nä-geln und zitternden Fingern. Endlich, endlich kann ich mein linkes Auge schließen. Die Tränen, die mir übers Gesicht rinnen, sind pu-re Erleichterung. La Lucciola kniet sich zu mir, betastet meine Wangen, sieht mir ins rechte Auge, denn ich werde das linke min-destens sechs Tage lang nicht mehr öffnen.

 

„Alles in Ordnung?“

 

„Mach weiter“, bitte ich sie.

 

Sie ist mutig. Sie ist stark. Sie wiederholt, was sie getan hat, an meinem rechten Auge. Es geht schneller, tut nicht mehr so weh, sie hat nicht mehr solche Angst davor. Mein Kopf sackt zurück, als ich beide Augen schließen kann. Sofort lässt der Kopfschmerz nach.

 

„Grazie“, flüstere ich. Lucciola, lucciola, metti la briglia alla cavalla. Wie ist die Übersetzung? Zäume das Pferdchen auf. Der Sohn des Königs ist bereit, davonzureiten. Flieg mit mir, Lucciola. Ich wünschte, ich könnte meine Arme um sie legen. Mit ihr davonflie-gen.

 

Sie blickt nach oben, als ich die Augen aufblinzele.

 

„Gib mir Wasser“, bitte ich sie.

 

Sie sieht sich um. In einer Ecke, da, wo ich sie sehen kann, ste-hen Wasserflaschen. In den Stunden und Stunden, die ich allein hier unten bin, starre ich diese Flaschen an, halb wahnsinnig vor Durst. Sie steht auf, geht hinüber, holt eine. Schraubt sie auf und setzt sie mir an die Lippen. Ich warte darauf, dass Blut von meinen Lidern in meine Augen rinnt, aber da blutet nichts. Ich möchte la Lucciola anfassen. Wieder blickt sie nach oben, dann auf mein zer-störtes Knie.

 

„Wenn ich die Handschellen aufbekomme, kannst du dann hier raus?“, fragt sie mich nachdenklich.

 

„Aufmachen?“ Gierig trinke ich mehr Wasser. Vielleicht werde ich mir vor ihren Augen die Beine bepissen, aber es ist mir egal. Ich kann nicht genug bekommen. Sie holt eine weitere Flasche. Warum kommt niemand? Wann waren sie zum letzten Mal hier? Ist es Stunden her? Tage? Meine Gedanken, die so lange so träge waren, gelähmt von Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und Qual, rennen da-von, als das Wasser mein System flutet und die Lebensgeister zu-rückbringt. Kann la Lucciola vorangehen und mich mit sich zie-hen? Vieni con me.

 

„Aufmachen“, wiederholt sie. Sie hat etwas in der Hand. Ich kann es nicht erkennen, alles ist verschwommen im Halbdunkel. „Es sind alte Handschellen. Haben die die hier gefunden? Das war mal ein Schmugglerstützpunkt“, erklärt sie mir und steht auf. „Vor hundert Jahren oder so. Vielleicht sind die Schellen genau so alt. Vielleicht kann ich sie knacken.“

 

Wer bist du?, will ich sie fragen. Wer ist dieses Mädchen, das mir die Lider von der Stirn abreißt und behauptet, es könne die Handschellen knacken? Sie ist stark. So stark. Vieni con me.

 

Sie tastet an meinen Handgelenken herum. Schiebt etwas in die Handschelle, ich höre das leise Schaben und Knirschen von Metall auf Metall. Etwas knackt. Es sind nicht meine Knochen. La Luc-ciola würde mir nie noch mehr Qualen zufügen.

 

Meine rechte Hand fällt mir in den Schoß. Ich sacke halb nach vorn, so überrascht bin ich, aber mein Körper verdreht sich, weil die Linke noch festhängt.

 

La Lucciola packt meinen linken Arm. „Moment, halt still“, sagt sie fest, es knirscht, dann knackt es. Meine linke Hand ist frei. Wie gelähmt hängen meine Arme an mir herab. Das Mädchen hockt sich vor mich, wischt etwas an ihrem Rock ab und schiebt es sich dann ins Haar.

 

„Haarnadel“, sagt sie mit glucksendem Lachen, dann sind ihre Hände auf meinem Gesicht. Ich kann nicht umhin, zu begreifen, dass es eine Berührung zum Abschied ist.

 

„Wer bist du?“, frage ich sie, aber eigentlich will ich es nicht wissen.

 

„Ich muss zurück“, sagt sie. „Er wird mich schon suchen. Ich habe keine Lust, dass er einen Bodyguard schickt.“ Sie erhebt sich. „Oben ist ein Fest. Eine Hochzeit. Ich denke nicht, dass heute je-mand hier runterkommt. Wenn es oben still wird, kannst du ver-schwinden.“ Ich spüre ihren Blick auf meinem zerschmetterten Knie. „Kannst du?“

 

Wenn sie mich hier finden, die Handschellen geknackt, die Wasserflaschen leer, ganz zu schweigen von dem Scheinwerfer, den ich gleich mit meinen eigenen Händen zertrümmern werde, brin-gen sie mich um. Also nicke ich. „Ich kann.“ Und dann: „Grazie, Lucciola.“

 

„Ich heiße Cara.“

 

Ich schließe die Augen. Cara. Cara O’Brien. Einzige Tochter von Patrick O’Brien. Das Schicksal ist eine verdammte Hure. Ich muss sie hassen. Ich werde ihren Vater töten. Sie sollte mich has-sen. Sie sollte alles hassen, was italienisch spricht. Es wäre gesünder für sie. Vernünftiger.

 

„Grazie, Cara“, sage ich. In meiner Sprache heißt es: „Danke, Liebes.“

 

Sie geht ohne Abschiedswort.

 

 

Kapitel 2

 

10 Wochen später

 

Angelo

 

„Angelo!“ Lorenzos Stimme ist ein Flüstern. „Das ist Scheiße, was du vorhast!“

 

Die Nacht ist mondlos, aber Sterne strahlen durch das Blätter-dach der Bäume, reflektieren auf dem Dach des zweistöckigen Wohnhauses vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Ich lasse mich rückwärts vom Zaun abfallen, ignoriere den dumpfen Schmerz in meinem Knie beim Aufprall und schiebe meine Finger in den Draht, um die Festigkeit der Maschen zu prüfen. Das Knie ist kaum verheilt, aber ich habe lange genug auf der faulen Haut ge-legen.

 

„Kannst du mir sagen, wie ein Polizeiintendant sich ein solches Anwesen leisten kann?“ Ich stelle die Frage an niemanden im Be-sonderen, aber außer Lo ist keiner mit mir hier. „Und dann auch noch in Roxburgh?“ Wichser. Arroganter Arsch. Shane Murphy lässt sich von Paddy O’Brien den Hintern polieren und ein Millio-nenanwesen in Roxburgh finanzieren. Kein Wunder, dass die Zah-len in der Kriminalstatistik für den Norden Philadelphias rückläufig sind. Schließlich wäscht eine Hand die andere.

 

Lorenzo sitzt auf einem Stein neben dem Eingang und tippt auf seinem Handy herum. Er versucht immer noch, den Code für die elektronische Torverriegelung zu knacken.

 

„Ich gehe rüber.“ Mein Entschluss ist gefasst. „Scheiß auf das Tor. Das brauchen wir nicht. Der Zaun ist nicht ans Alarmsystem angebunden. Kommst du?“

 

Lorenzo seufzt. „Der Wichser ist zuhause.“

 

„Das möchte ich ihm auch geraten haben. Schließlich bin ich hier, um mich mit ihm zu unterhalten.“

 

„Dann geh in sein verfluchtes Büro in der Race Street, aber nicht nachts halb drei in sein Haus.“

 

Ich nehme kurz Anlauf, springe am Zaun hoch, bekomme das obere Ende eines der Pfosten zu greifen und balanciere im näch-sten Herzschlag oben auf der dünnen Querstange. Drei Meter ho-her Maschendraht ohne Alarm? Amateure. Ich grinse auf Lorenzo hinunter. Auch in meinen Schultern ist noch immer ein dumpfes Pochen zu spüren, wenn ich solche Aktionen starte, aber es wird mit jedem Tag besser. Ich habe überlegt, Krafttraining anzufangen, um die Nachwehen schneller wegzutrainieren, aber mein Job hält mich genug in Bewegung. „Also, gehe ich allein oder kommst du? Ich kann dich hochziehen.“

 

„Fick dich.“ Lorenzo steckt das Smartphone ein und nimmt Anlauf. Ich springe auf den Rasen hinunter. Mit höllischem Geras-sel erklimmt Lorenzo den Zaun und setzt darüber hinweg.

 

„Wenn er bis eben noch nicht wach war, ist er es jetzt.“ Ich zie-he meine HK aus dem Schulterholster und prüfe noch einmal die Ladung. Ich bin heute nicht hier, um zu schießen, aber Vorberei-tung ist alles.

 

Wir haben uns vorher lange über den Lageplan des Hauses in-formiert. Shane Murphy lebt allein, nicht einmal Bodyguards hat er hier. Wahrscheinlich fühlt sich ein Superintendant, der mit Patrick O’Brien sein Süppchen kocht, absolut sicher. Die Iren lassen ihn in Ruhe, solange Murphy nach ihrer Pfeife tanzt. Hölle, er ist schließ-lich einer von ihnen. Und die anderen? Die Russen haben ein klei-nes Kartell, das stadtweit operiert. Im Westen gibt es eine Gruppe Farbiger, die für uns dort gelegentlich Jobs erledigt. Sie sind harm-los, aber wenn wir ihnen die Chance geben würden, Murphy zu at-tackieren, würden sie sich die Hände reiben. Murphy ist korrupt bis über beide Ohren. Unter denen, die die Stadt untereinander auftei-len, ist es nicht unbemerkt geblieben, dass er die Finger von O’Brien lässt, aber allen anderen gern mal ans Bein pinkelt.

 

Die ´ndrine hatten noch nie ein Problem mit Murphy. Zugege-ben. Er ist aber auch noch nicht lange in seinem hohen Amt. Zu-mindest zeigt es, dass er die Hosen voll hat, wenn er uns nicht in die Geschäfte grätscht. Sehr gut. Heute werde ich ihm zeigen, dass wir ihn auf dem Schirm haben.

 

Murphy ist ein Vollidiot. Sich von O’Brien auf eine Weise ein-spannen zu lassen, dass er seine Anzahl an Gegnern gleich verdop-pelt, ist dämlich. Paddy anzugreifen erfordert Vorbereitung. Ganz gleich, wie erpicht ich darauf bin, dem Iren das Herz aus der Brust zu schneiden und ihm heimzuzahlen, was er mir angetan hat, ich kann nicht einfach in dessen Festung spazieren und mit dem Mes-ser fuchteln. Außerdem will ich, dass Paddy leidet. Wirklich leidet. Ich will das Meer, auf dem er herumsegelt, in Brand setzen. Ich will, dass er zusehen muss, wie alle seine Verbündeten in Flammen aufgehen und wie die Eisscholle, auf der er hockt, unter ihm zu-sammenschmilzt, bis er in die Hölle stürzt. Doch dazu brauche ich die Phiole. Ein winziges, uraltes Gefäß mit dem Blut des Heiligen. Wenn ich das zurückhabe und es seinen Zweck erfüllt hat, kann ich Philadelphia in ein Flammenmeer verwandeln, ohne dass jemand mich aufhält.

 

Die Waffe kommt zurück ins Holster, und ich laufe über den Rasen zum Haus. Murphys Schlafzimmer liegt auf der dem Park zugewandten Seite im oberen Stock. Wozu braucht ein einzelner Mann so einen Palast? Eine steinerne Treppe führt zum Hauptein-gang, aber natürlich ist die Tür verschlossen und alarmgesichert. Staub rieselt mir ins Gesicht. Ich muss den Impuls unterdrücken, mir die Augen zu reiben. Die zwölf kleinen Wunden, sechs in mei-nen Lidern und sechs in der Haut über den Brauen, sind noch im-mer nicht richtig verheilt. Sie sind entzündet und brennen, wenn ich daran reibe. Paolinas Wunderbehandlung mit dem Olivenöl werde ich wohl demnächst absetzen und mir was anderes besorgen.

 

Es muss einen zweiten Eingang geben, den der Hausherr be-nutzt. Der Staub sagt mir, dass diese Tür hier seit Monaten nicht geöffnet wurde.

 

Lorenzo findet die unscheinbare Tür auf der Rückseite des Hauses. Sie ist nur verschlossen, ein Job für den harmlosen Diet-rich, den ich immer in der Tasche habe. Kein Anschluss ans Alarm-system. Himmel nochmal, wann hat der Kerl seine Lektionen in Si-cherheit genommen und bei wem? Will er sterben? Wir stehen in einem Wirtschaftsraum, der sich an die Küche anschließt. In einer Ecke hoch über der Tür, die von der Küche in den Korridor führt, hängt ein Bewegungsmelder. Die Diode leuchtet grün, als ich mei-ne Pistole ziehe und kurz winke. Klar. Der Boss ist im Haus, die Melder sind deaktiviert.

 

Ich blicke auf Lorenzo, der grinsend die Augen verdreht. „Was für ein Schwanz“, formen seine Lippen auf Italienisch.

 

Ab jetzt ist es eine Sache von Sekunden. Wir laufen nach oben, ohne uns um Geräusche zu kümmern. Lo tritt die Schlafzimmertür auf. Er hätte die Klinke benutzen können, aber Effekthascherei ist ein schönes Spiel. Als Shane Murphy, Superintendant des Philadel-phia Police Department, sich in seinem Bett aufsetzt und für einen entsetzten Schrei Atem holt, halte ich ihm die Mündung meiner HK schon an die Schläfe, und Lo legt seine verdreckte Hand auf den Mund des Mannes. Murphys Hände schießen in die Höhe.

 

„Guten Morgen, Herr Superintendant“, sage ich freundlich.

 

Seine Augen rollen zu mir, ohne dass er den Kopf bewegt. Einen Moment frage ich mich, ob er bereits eingepisst hat.

 

„Lo, nimm die Finger weg“, weise ich meinen Soldaten an. „Wir sind hier, um zu reden, und Mr. Murphy ist mit zugehaltenem Mund schwer zu verstehen.“ Ich nehme meine Pistole nicht runter. Lo beginnt, im Zimmer herumzugehen, Fotos in kleinen Standrah-men aufzuheben und anzusehen, Schubladen aufzuziehen und zu-zuschieben. Shane Murphy wagt nicht, sich zu rühren. Er ist viel-leicht ein paar Jahre älter als ich, Mitte dreißig, würde ich sagen. Er schläft offenbar mit nacktem Oberkörper, aber die Decke ist weit genug heruntergerutscht, dass ich den Ansatz gestreifter Pyjamaho-sen erkennen kann. Konservativ, wie seine öffentlich geäußerten politischen Ansichten. Es ist zu dunkel im Raum, um seine Haar-farbe wirklich bestimmen zu können, aber ich nehme an, dass sie rot sind. Shane Murphy ist so irisch wie ein Pint Guinness.

 

„Sag mir, Shane.“ Ich falle sofort in die vertrauliche Anrede. „Weißt du, wer ich bin?“

 

Ein Schauder durchläuft ihn. „Ich habe keine Ahnung.“

 

„Ich glaube dir nicht. Du musst doch mit mir gerechnet haben.“

 

Wieder dreht er die Augen zu mir, ohne den Kopf zu bewegen. Ich nehme die Mündung meiner HK von seiner Schläfe und schnaube. „Ich will ja nicht, dass dir die Augen aus dem Kopf fal-len. Du hast etwas von mir. Und das weißt du auch, nicht wahr? Mein Name ist Angelo Rossi, und dein Busenfreund Patrick O’Brien hat dir etwas anvertraut, was mir gehört. Ich will es wie-derhaben.“

 

„Ich weiß nicht, wovon du sprichst“, krächzt er.

 

„Nimm die Hände runter, Murphy, du siehst lächerlich aus.“ Ich spiele mit meiner Waffe und gebe Lo mit den Augen ein Zei-chen. Er prüft die Nachttischschubladen und holt aus jeder davon einen kleinen Taschenrevolver, die er mir reicht, zusammen mit einem Handy und einem Pager. „Munition?“, frage ich abgelenkt, als ich die Magazine der Spielzeuge leere, Batterie und SIM-Karte aus dem Handy nehme, in meine Tasche stecke und Lo den Pager reiche.

 

„Niente“, murmelt Lo und geht zum Fenster. Er schiebt die alt-modische Konstruktion nach oben und schmeißt den Pager hinaus, der mit einem satten Klacken auf der steinernen Terrasse zerschellt.

 

„Du weißt sehr gut, wovon ich spreche, Murphy“, sage ich in unverändertem Tonfall. „Und meine Geduld ist sehr begrenzt. Wir sind uns nie begegnet, aber ich weiß, dass du von mir gehört hast.“

 

„Wer hat das nicht?“

 

Mutig, denke ich. Sowas zu sagen, halbnackt und unbewaffnet, in diesem leicht herablassenden Ton. Ich händige Lo die beiden Revolver aus, er steckt sie ein.

 

„Das Dumme ist, dass ich wiederhaben will, was Patrick mir ge-nommen hat. Und ich wette, du weißt sehr genau, warum das so wichtig ist. Ich habe einen Auftrag. Ich habe mehr als zwei Monate verloren, diesen Auftrag zu erfüllen. Ja, mir ist ein Fehler unterlau-fen, und ich bin erwachsen genug, das zuzugeben. Ich hab dafür bezahlt.“ Er sieht mir ins Gesicht. Ich weiß, dass er trotz des mage-ren Lichts die Verletzungen an meinen Augen sehen kann, denn eine Spur von Widerwillen flackert über sein Gesicht.

 

„Das Dumme für dich ist, dass ich selten zwei Fehler hinter-einander mache. Ich kann dich natürlich heute hier nicht er-schießen, denn dann würde ich nie rausfinden, wen du mit dem Verkauf der Phiole beauftragt hast. Ich nehme nicht an, dass du selbst es getan hast. Du bist ein rechtschaffender Mensch und hast eine große Karriere vor dir, du wirst ganz bestimmt nicht am schwarzen Markt mit Diebesgut hehlern. Aber nun haben wir beide ein Problem. Wenn du mir den Namen nicht sagst von dem, den du beauftragt hast, werde ich sehr ungemütlich. Und Patrick O’Brien hat mich vor zwei Monaten das eine oder andere darüber gelehrt, was man tun kann, um andere Menschen zum Reden zu bringen.“

 

Lo lehnt mit vor der Brust verschränkten Armen am Fenster und sieht gelangweilt zu. Er hat mich die ersten Tage nach meiner Flucht aus dem Keller gefüttert wie ein Baby, hat mir feuchte Kompressen auf die lädierten Augen gelegt und mich zusammen mit Zia Paolina gehalten, wenn ich in Agonie gebrüllt ha-be. Dieser Mann hat keine Skrupel, dasselbe mit dem Herrn Superintendanten oder sonstwem zu tun, was Paddy mit mir getan hat. Ich habe die auch nicht. Wenn ich bis zu meiner Reise ins Mutterland noch Grenzen gehabt haben sollte – sie sind gefallen. Mit einem mörde-rischen Krachen in meinem Knie und gleißendem Licht.

 

„Warte.“ Murphys Stimme bebt. „Ich kann dir den Namen nicht sagen.“

 

Ich ziehe die Brauen hoch, eine Regung, die mich wunderbar schmerzvoll an das erinnert, was im Keller passiert ist. „Nicht?“

 

„Das ist ein Kumpel, der hat nie einer Fliege was getan. Er ist doch nur ein Zwischenhändler, ich kann nicht zulassen, dass …“

 

„Dass was? Wenn er nur ein Zwischenhändler ist, braucht er mich doch nur in die richtige Richtung weisen, sollte er mein Eigentum bereits weiterverkauft haben. Wenn nicht, muss er es mir nur aushändigen. Was hat er zu befürchten?“

 

„Ich beschaff das Ding.“ Die Worte zittern aus seinem Mund. „Kein Problem, Mann, ich ziehe ein paar Fäden, ich beschaff das Ding.“

 

Ich trete einen Schritt zurück und richte meine Pistole auf ihn. „Die Phiole, Shane Murphy, ist eines der ältesten Heiligtümer der ‘Ndrangheta. Aus deinem irischen Mundwerk lasse ich sie nicht als Ding verunglimpfen.“ Meine Stimme klirrt, als ob Kinder beim Fußballspielen Eiszapfen von Dachrinnen schießen.

 

Er hebt die Hände und zieht den Kopf zwischen die Schultern. „Scheiße, Mann, okay, okay, nicht die Nerven verlieren, ja? Die Phiole, okay, ich beschaff dir die Phiole, gib mir zwei Wochen.“

 

Ich senke die Waffe und betrachte ihn. Zwei Wochen. Weitere zwei Wochen verlieren. Mein Status steht auf dem Spiel, meine Rolle als gemachter Mann. Wenn es noch viel länger dauert, wird Carlo Nägel mit Köpfen machen wollen, weil ich nicht länger wür-dig bin, der zu sein, zu dem der Tod meines Onkels mich gemacht hat.

 

„Zehn Tage“, sage ich kalt.

 

Noch immer sitzt Shane Murphy mit eingezogenem Kopf vor mir in seinem zerwühlten Bett. „Okay, okay, alles gut, zehn Tage. In zehn Tagen hast du sie.“

 

Ich nicke. „Ein Pfand.“

 

„Was?“

 

„Ich will ein Pfand dafür, dass ich warte. Etwas, das sicherstellt, dass du auch wirklich daran arbeitest.“

 

Er wimmert.

 

„Hey Boss“, sagt Lo, greift einen der Standrahmen von der Kommode neben dem Fenster und wirft ihn mir zu. Das Foto zeigt ein Mädchen mit weichen goldenen Haaren und großen Augen, das freundlich in die Kamera blickt.

 

Ich kenne sie.

 

„Wer ist das?“ Ich werfe den Rahmen vor Murphy auf die Bettdecke.

 

„Cara O’Brien“, flüstert er bibbernd.

 

„Die einzige Tochter meines Busenfreundes Paddy? Was für ein Zufall. Und du hast ein Bild von ihr in deinem Schlafzimmer? Wichst du dich, während ihr Bild dir zusieht? Was bist du für ein Schwein.“

 

„Sie ist meine Verlobte.“

 

Mein Blick schießt zu Lo. Der zuckt die Schultern. Ich muss mich anstrengen, den Schock, der mir in die Glieder gefahren ist, zu verbergen. La Lucciola. Verlobt mit Shane Murphy. Patrick O’Brien hat wirklich an alles gedacht.

 

Ich brauche nicht einmal den Vorschlag zu machen. Die Worte sprudeln aus Murphy raus. Jetzt bin ich sicher, dass er sich gerade bepisst. „Okay, Mann, nur die Ruhe, ich beschaffe dein Di… deine Phiole, du kannst so lange Cara haben. Als Geisel. Paddy wird mich vierteilen, wenn seinem Baby was passiert und er rausfindet, dass ich …“ Seine Stimme versickert in haltlosem Zittern.

 

Ich setze mich auf den Bettrand und streichle sein Kinn mit der Mündung meiner Pistole. „Shane Murphy. Herr Superintendant. Weißt du, was mich gerade sehr, sehr nachdenklich macht?“ Er starrt mir in die Augen. Der kalte Stahl hinterlässt Druckspuren auf seinem Kinn. „Dass du dir Sorgen darum machst, was Paddy mit dir tun wird, aber nicht darum, was ich mit deiner Verlobten tun werde, wenn du sie mir als Pfand überlässt. Sie ist Patricks Tochter. Schon mal daran gedacht, dass ich noch ein Hühnchen mit ihm zu rupfen habe?“ Ich nehme die Pistole weg, schiebe sie in den Schul-terholster und gebe Lorenzo mit einem Kopfnicken zu verstehen, dass wir gehen. In der Tür drehe ich mich noch einmal um. Der Superindendant des Philadelphia Police Department sitzt zitternd und wimmernd in seinem Bett, und ich bin sicher, dass ich seine Pisse durch die Matratze auf den Parkettboden tropfen höre. Was für ein Schwein. „Es wird mir eine Freude sein“, sage ich, dann fol-ge ich Lorenzo die Treppe hinunter.