Sündenfeuer

Kapitel 1

 

Nataniel Diaz Sandoval zog die Edelstahltür mit den herausgebrochenen Glasscheiben ins Schloss. Das Klicken hallte vielfach durch das Foyer wider. Ohne zu zögern, tat er die ersten Schritte auf dem nackten Betonfußboden des halb fertigen Hochhauses im Zentrum von Caracas. Der rote Teppich, der hier hätte liegen sollen, hatte es niemals bis an diesen Ort geschafft. Im Jammern von Fernsehern und Radios aus den nur dürftig vom Foyer des Hochhausturms abgetrennten Wohnungen verhallten seine Schritte, gingen unter. Irgendwo plärrte ein Baby. Nataniel ging an dem leeren Aufzugschacht vorbei, der wie ein hässlicher schwarzer Mund, dem jemand alle Zähne ausgeschlagen hat, in der Wand klaffte. Die Tür, die das Treppenhaus vom Foyer hätte trennen sollen, war längst herausgenommen worden, um sie einer wichtigeren Funktion zuzuführen.

 

Auf den Stufen im graffitiverzierten Treppenhaus knirschte Sand unter seinen Schuhen. Oder vielleicht Reste von Zement. Der Schacht stank nach Urin und Schlim­merem. Weiter oben gedämpfte Stimmen, das Klingeln von Münzen. Vermutlich ein Drogendeal. Er ging weiter, weder beschleunigte noch verlangsamte er seinen Schritt, wich lediglich minimal zur Seite aus, als ein dunkel gekleideter Teenager an ihm vorbei nach unten spurtete. Es wäre müßig, die Jungs aufzuhalten. Die Polizei interessierte sich nicht dafür, was in dem Hochhausslum passierte. Alles, was Nataniel hoffen konnte, war, zu verhindern, dass seine Straßenkinder, die unglücklichen Seelen des Torre David, überhaupt an die Nadel oder den Joint gerieten. Dass er gegen Windmühlen kämpfte, war ihm klar.

 

Im dritten Stock über dem Parkhaus verließ er den Treppenschacht und trat in den riesigen Raum, der einmal ein Büro hätte werden sollen. Ein gewaltiges Kreisrund, das vielleicht dem Callcenter einer Bank zugedacht gewesen war. Entlang der Außenmauern des Raumes gab es kleine Kontore, die einmal durch Glaswände vom Hauptraum abgetrennt gewesen waren. Das Glas war längst zerbrochen, stattdessen hingen dort verdreckte Vorhänge und Wäscheleinen. Weitere zeltartige Behausungen waren mitten in das Kreisrund gebaut worden, aus allem, was sich auftreiben ließ. Der einzige Grund, weshalb in diesem Raum die Luft nicht zum Schneiden dick stand, war, dass die meisten der Fensterscheiben Löcher hatten oder ganz fehlten. Licht flutete das Chaos und machte jede desillusionierende Einzelheit umso deutlicher sichtbar.

 

Jedes Mal aufs Neue traf ihn der Anblick wie ein Tritt in den Bauch. Er seufzte und steuerte auf einen Verschlag zu, ein Gestell aus Stahlrohren mitten im Raum, das von mottenzerfressenen Wolldecken verhängt war. Eine Frau sang ein wimmerndes Kleinkind in den Schlaf. Eine der Decken beiseite schiebend, steckte er seinen Kopf hindurch. „Hola, Sancha. Kann ich reinkommen?“

 

Die Frau nickte und lächelte. Ein Schneidezahn fehlte, das Haar hing strähnig um ein Gesicht, das viel jünger war als es aussah. Das Weinen des Kindes in ihren Armen hörte auf. Neugierig blickte das kleine Mädchen ihn an. Er trat hinzu und streichelte die staubgraue Wange mit den Fingerknöcheln. „Ist sie krank?“

 

Sancha schüttelte den Kopf. „Sie schläft nicht gut.“

 

Kein Wunder bei dem Chaos, in dem sie lebte. Nicht nur, dass es in diesem Raum niemals wirklich still war, nicht einmal nachts. In der Kochecke des Verschlages türmten sich dreckiges Geschirr und Essensreste. Er setzte sich auf einen dreibeinigen Schemel neben dem Bett, auf dem Sancha saß und ihre Tochter wiegte. „Hast du bei Elora um Arbeit gefragt?“

 

„Sie hat gelacht. Sie sagt, sie kann nicht jedem, der zu ihr kommt, Arbeit geben, und ich soll froh sein, wenn sie mich nicht an Fredy verpfeift, sodass er mich rauswirft. So, wie es hier aussieht.“

 

„Du hast mir erzählt, dass Fredy der Vater von Mariangela ist.“

 

Sancha hob die Schultern. „Zieh ein Streichholz, Pater. Kann sein, dass er ihr Vater ist, oder irgendein anderer.“

 

„Er kann sich nicht an dir vergehen und dich dann hinauswerfen, weil du mit deinen Kindern überfordert bist.“

 

„Was macht mich besonders, dass er das nicht können sollte? Er hat’s bei anderen ja auch getan.“ Sie reckte sich ein wenig, um mit ihrer kleinen, rauen Hand an seine Wange zu kommen. „Ach, Pater. Weißt du, was ein Segen ist? Dass du erst seit zwei Jahren hier in der Gegend bist. Sonst würde es sicher böse Zungen geben, die behaupten, der Pablito sei von dir. Er wird dir immer ähnlicher, weißt du.“ Sie lächelte zu ihm auf.

 

Außerhalb der Wolldeckenwand kamen Stimmen auf. Kindergelächter, Rufe. Sancha wurde noch ein bisschen kleiner. „Ich bin so müde, Pater.“

 

„Ich nehme die Jungs mit, ist dir das recht? Für ein paar Stunden zum Fußballspielen in den Este Park. Dann hast du Zeit, hier ein wenig Ordnung zu machen.“

 

„Du bringst sie mir aber wieder, ja?“

 

Sie blinzelte zu ihm auf, Tränen hingen in ihren Wimpern. Sie liebte ihre Kinder.

 

„Das mache ich doch immer, Sancha.“ Er lächelte und legte seine Hand auf ihren Kopf, zeigte ihr, dass er ihre Nöte verstand und dass er sie nicht allein lassen würde. Manchmal sagt eine Geste mehr als tausend Worte. Die drei Jungen im Alter zwischen fünf und dreizehn Jahren stürmten den Verschlag, als Nataniel aufstand. Sofort hingen sie an seiner Soutane, bestürmten ihn mit Fragen und gaben einander die Antworten selbst. Aufgeweckte, quirlige Buben, und Pablito, der älteste, lief jetzt Gefahr, auf die schiefe Bahn zu geraten. Nicht nur draußen auf der Straße, sondern auch hier im Turm lockten sie mit ihren Drogen, versprachen den Jungen, die zu klein waren, um aufzufallen, das Blaue vom Himmel herunter, ließen sie als Kuriere für sich arbeiten. Nataniel hatte sich versprochen, das nicht zuzulassen. Solange er in Caracas arbeitete, würde er für Sanchas Jungs sorgen. Er hatte es sich geschworen, seit er den neun Jahre alten Nando, der vielleicht nach seinem Vater benannt war oder vielleicht auch nach einer anderen Zufallsbekanntschaft seiner Mutter, aus einer Straßenrauferei herausgezogen hatte. Als Pfarrer in einem der besseren, östlichen Stadtviertel konnte Nataniel nicht alle Kinder aus den Slums retten. Aber zumindest Sanchas Söhne würde er nicht vor die Hunde gehen lassen.

 

So unauffällig wie möglich beobachtete er Pablito, der seiner Mutter dabei half, einen heruntergerutschten Teil der Deckenwand wieder an der Stange zu befestigen. Der Junge war in den vergangenen Monaten seiner Mutter über den Kopf gewachsen, die zerfranste alte Jeans schlackerte, zu kurz über den mageren Knöcheln. Seine tiefschwarzen Haare waren zu lang, stießen ihm in feinen Locken auf die Schultern. Er hatte grüne Augen. Dasselbe Grün wie Nataniel. Eine kluge, hohe Stirn und schmale, sanft geschwungene Lippen. Er schluckte. Verdammt, Sancha hatte das sehr gut beobachtet. Der Junge hätte seiner sein können. Hoffentlich schaute sonst niemand so genau hin. Caracas war perfekter Nährboden für hässliche Gerüchte.

 

So schnell es löchriger Beton und fehlende Geländer erlaubten, lief er mit den drei Jungs den Treppenschacht hinunter. Auf halbem Weg kam ihnen der große, breite Mann in der selbstgenähten Kutte entgegen, dessen widerliches Grinsen jeder hier kannte. Das Lachen und Rufen der Jungen verstummte sofort. Lito, der Kleinste, schmiegte sich an Nataniels Knie. Der Blick des selbsternannten Hauspredigers war reines Gift.

 

„Also doch.“

 

Dieses Spiel konnten zwei spielen. Ein ebenso kaltes Lächeln auf sein Gesicht zu kleistern wie Fredy, das fiel Nataniel nicht weiter schwer. „Herzensangelegenheiten sollten dir doch ein Begriff sein, Fredy.“

 

„Ich hatte dir gesagt, ich will dich in meinem Haus nicht mehr sehen.“

 

„Es ist nicht dein Haus. Es gehört niemandem. Du bist hier genauso geduldet wie alle anderen. Du solltest vorsichtig sein.“

 

„Wer wollte mir und meinen Schäfchen etwas anhaben?“

 

„Manche Mühlen mahlen nur nachts, wenn es dunkel ist. Du bist nicht unklug, Fredy, versteckst dich unter dem Mäntelchen des Protestantismus, sodass die Erzdiözese dir nicht an den Kragen gehen kann und damit du straflos herumhuren darfst. Aber wenn du Sancha noch einmal anrührst, dann werde ich sehr unheilig werden, das verspreche ich dir. Ich möchte wetten, dass Elora schon mit dir gesprochen hat, ja?“

 

Pablito neben ihm sog scharf die Luft ein, aber Nataniel legte dem Kind beruhigend eine Hand auf die Schulter.

 

„Ich weiß alles, was in meinem Haus passiert, dazu brauche ich das Schwatzmaul Elora nicht. Und die Hure Sancha lebt nur deshalb noch hier in ihrem eigenen Dreck, weil ich ein viel beschäftigter Mann bin und noch keine Zeit hatte, sie hinauszuwerfen.“

 

„Oder weil dich gelegentlich doch dein Gewissen zwickt? Ich kann auch anders, Fredy, und du lässt Sancha in Frieden, oder wir sehen uns in deiner Parkhauskapelle, und dann wird sich herausstellen, wer von uns den längeren Atem hat.“

 

 

 

*

 

 

 

In der Ankunftshalle des Flughafens La Guaira kämpfte die Klimaanlage einen aussichtslosen Kampf gegen Hitze, Schweiß und andere Ausdünstungen zahlloser Menschen, die sich in Hallen und Gängen drängten. Caracas also. All die Werbeanzeigen auf den Leuchtplakaten rechts und links der endlosen Gänge ließen keinen Zweifel. Anthony hatte sie für das, was er amüsiert als Flitterwochen bezeichnete, nach Venezuela gebracht. Nicht, dass sie zu irgendeinem Zeitpunkt darauf gehofft hatte, in einen zauberhaften Honeymoon entführt zu werden, aber das hier ließ ihr die Haare im Nacken zu Berge stehen und gab ihr das Gefühl, als würden Scharen giftiger Insekten über ihre Arme und Beine krabbeln. Shirin wusste nicht viel von Politik, aber dass Venezuela einer der Brennpunkte in Südamerika war, hatte auch sie mitbekommen. Ein Eldorado für einen illegalen Waffenhändler, der als Alibi seine frisch angetraute Gemahlin mitbrachte. Um nicht sofort negativ aufzufallen? Innerlich wand sie sich bei dem Gedanken. Eine Abmachung. Ein Handel. Javid wäre ganz sicher nicht stolz auf sie. Sie hatte es für ihn getan, für seine Seele, und dennoch hätte er es wahrscheinlich so nicht gewollt.

 

Mit den Fingern strich sie die Ärmelaufschläge ihres Seidenblazers entlang. Kühl und glatt schmiegte sich der Stoff an ihre Haut. Nie zuvor hatte sie etwas so Edles getragen. Keine giftigen Insekten, sondern Seide. Sie dachte an die verkaufstüchtige Assistentin in dem sündhaft teuren Damenausstatter, die nicht müde geworden war zu betonen, wie gut die roséfarbene Wildseide des Reisekostüms ihren olivfarbenen Teint und die mahagonifarbene Lockenpracht betonte. Und sie dachte an ihre Mutter Nene und daran, dass sie ihr versprochen hatte, dafür zu sorgen, dass es Javid und ihr einmal besser gehen würde. Nur Javid und Shirin waren geblieben, als Nene gehen musste, und Mutter hatte sie bei ihrer Seele und allem, was ihr heilig war, schwören lassen, zu jeder Zeit für den kleinen Bruder zu sorgen. Hatte ihre Mutter geahnt, was sie da von ihr verlangte? Sie hatte doch immer nur alles richtig machen wollen.

 

Anthony griff ihren Ellenbogen und führte sie durch die Ankunftshalle. Die Kofferbänder ließen sie unbeachtet. Die Fracht, die sie nach Venezuela brachten, umging die offiziellen Einlasskontrollen. Militärische Wachen flankierten die Glasschiebetür. Maschinengewehre im Anschlag, die lehmfarbenen Uniformen schon seit Tagen nicht mehr frisch gebügelt, lehnten sie rechts und links der Tür, doch Shirin hatte nicht den Eindruck, dass sie ihren Job sonderlich ernst nahmen. Man ließ sie und Anthony ohne mit der Wimper zu zucken passieren. Ein Geheimdienst, der etwas auf sich hielt, musste den Waffenhändler kennen und sofort versuchen, ihn abzufangen. Schon seine Einreise konnte nur durch gefälschte Papiere möglich geworden sein, es sei denn, er war so im Auftrag der Regierung hier. In einem Land wie diesem war das durchaus möglich, denn hier war jeder zweite Mensch korrupt.

 

Die Hitze und der Gestank von Kerosin sickerten in die Wartehalle, stiegen ihr in den Kopf, erinnerten sie daran, dass sie seit gut zwölf Stunden nichts mehr gegessen hatte. Und dass ihr jetzt der Hunger verging. Direkt von der seltsamen Hochzeitsfeier waren sie aufgebrochen auf diese Reise.

 

Hinter den Schranken brach eine Kakofonie aus Tausenden Stimmen auf sie ein. Eine ganze Armee von Taxifahrern stand in der Wartehalle und pries marktschreierisch ihre Dienste an. Sie hielten verknickte Pappschilder hoch, mit dem Fahrpreis von La Guaira nach Caracas City.

 

„Hier entlang.“ Anthony verstärkte seinen Griff um ihren Oberarm und lotste sie durch die Menge. Menschen wichen zur Seite aus, wo der durchschnittlich große, aber überdurchschnittlich breite Italo-Amerikaner sich zwischen sie schob. Seine kleinen schwarzen Schweinsaugen nötigten den Menschen Respekt ab, auch wenn sein sich über der Stirn zurückziehendes schütteres Haar das nicht mehr vermochte. Jeder, der ihn sah, traute Anthony O’Donnell zu, dass er im Gürtel, unter dem überhängenden Bauch, Waffen mit sich herumtrug. Und sie taten gut daran, ihn nicht zu unterschätzen.

 

„Sagst du mir, was der eigentliche Grund für unsere Reise ist?“

 

„Das wirst du noch früh genug erfahren.“

 

„Es geht um deine Geschäfte, oder?“

 

Er verzog die Mundwinkel. Wahrscheinlich sollte es ein Lächeln sein. Shirin stellte sich vor, wie es sich anfühlen würde, wenn diese Lippen über ihren Körper wanderten, und kämpfte gegen aufsteigende Übelkeit. Nicht mehr lange und sie würde es wissen. Dass er sie nicht schon längst genommen hatte, wunderte und verunsicherte sie. Anthony war keiner, der sich zurückhielt. In keiner Sache. Und das zwischen ihnen war nur ein Geschäft, ein Handel, wie so vieles andere, das er tat. Sie hatte jahrelang in einer seiner Pizzerien gearbeitet, nur einer von vielen Geldwäschereien, wie sie vermutete, und genug mitbekommen, um zu wissen, dass er sich nahm, was und wen er wollte, und dass Angestellte für ihn Besitztümer waren. An ihr hatte er sich nie vergriffen. Gewundert hatte sie das schon immer. Wofür sparte er sie auf? Er hatte doch immer gewusst, wie abhängig sie schon damals von ihm und dem Hungerlohn, den er ihr zahlte, gewesen war und dass sie keine Handhabe gegen ihn haben würde, wenn er zupackte. Viel zu angewiesen war sie auf das Geld. Nicht nur ihr Leben, sondern vor allem auch die Zukunft ihres Bruders hatte daran gehangen. Dass ausgerechnet sie jetzt diejenige war, die er sich mit dieser Farce von einer Ehe ganz offiziell zu seinem Eigentum machte, war ein ironischer Wink des Schicksals.

 

„Es geht immer ums Geschäft“, nahm Anthony den Gesprächsfaden wieder auf. „Und je weniger du weißt, desto besser.“

 

Das also war ihr neues Leben. Nichts sehen. Nichts wissen. Willkommen in den Flitterwochen. Willkommen an der Seite von Anthony O’Donnell. Das Leben, das sie immer wieder in die Knie gezwungen hatte, mochte vorbei sein, aber die Ungewissheit darüber, was sie an seiner Seite erwartete, machte ihre Knie weicher als die schwüle Hitze von Caracas. Aber sie durfte sich nicht beschweren. Er hatte ihr ein Angebot gemacht, und sie hatte es angenommen. Eine Transaktion. Ein letzter Dienst für Javid. Die Erinnerung an ihren kleinen Bruder trieb ihr Tränen in die Augen. Sie rieb sich mit dem Handrücken über das Gesicht, es war nicht notwendig, dass Anthony das sah. Schwäche zeigen war falsch. Noch mehr Schwäche als ohnehin unvermeidlich war. Welche Frau, die stark war, ging auf so einen Kuhhandel ein? Hier zu stehen, in den neuen Kleidern, und ein Teil all dessen zu sein, womit er seine Reichtümer anhäufte, machte sie schwindlig. Ihr Atem ging flach und es schien unmöglich, auf den hohen Absätzen die Balance zu halten. Javid. Alles für Javid, für den Frieden seiner Seele, rief sie sich ins Gedächtnis. Auch wenn er ihr nicht einmal mehr danken konnte. Die Vorstellung, die Asche des letzten Menschen, der ihr wichtig gewesen war, in einem Pappkarton überreicht zu bekommen, weil sie sich kein ordentliches Begräbnis leisten konnte, war so unerträglich gewesen, dass sie alles getan hätte für einen würdevollen Abschied. Sogar eine arrangierte Ehe mit Anthony O’Donnell. Es war der letzte Strohhalm gewesen.

 

Javid hatte Anthony und dessen Machenschaften immer gehasst. Hatte es gehasst, dass sie ausgerechnet für diesen zwielichtigen Mann arbeiten ging, um ihrem Bruder das College zu ermöglichen. Zu wissen, dass ausgerechnet Anthony der Einzige war, der ihr ermöglicht hatte, den letzten Wunsch von Javid zu erfüllen und gemäß den Glaubensriten ihrer Mutter beerdigt zu werden, drehte ihr den Magen um, wann immer sie sich an den missbilligenden Ausdruck auf dem Gesicht ihres Bruders erinnerte.

 

„Reiß dich zusammen“, zischte Anthony und verstärkte den Griff um ihren Ellenbogen. „Man erwartet uns.“

 

Er wies auf einen Mann in der Nähe des Avis-Schalters, der ein Pappschild hochhielt mit ihrem Namen. Mr. und Mrs. O’Donnell. Sie zuckte zusammen. Versuchte ein Lächeln und straffte ihre Schultern. Und doch fühlte sie sich wie eine halbverhungerte Biene, die in das Honigglas gefallen war, in dem sie ihren Hunger hatte stillen wollen, und jemand hatte den Deckel zugeschraubt. Sie würde im Honig ersticken.

 

 

 

*

 

 

 

„Gib mir das.“

 

Nataniel half dem kleinen Lito, das weiße Messdienergewand über den Kopf zu ziehen. Der Umhang war für den mageren Körper des Fünfjährigen viel zu groß, und die Carmeliterinnen aus dem Chor hatten die Nase gerümpft, was so ein Winzling schon in der Rolle als Messdiener verloren hatte. Aber Nataniel hatte die Frauen ignoriert und alle drei Söhne von Sancha hinter den Altar geholt. Sie hatten still gestanden und andächtig der Messe gelauscht, und die beiden Großen, Pablito und Nando, waren anschließend mit dem Klingelbeutel herumgegangen.

 

Nataniel legte die drei Gewänder zusammen und schob sie in die Truhe, ehe er seine Stola abnahm, zusammenfaltete und sich die Soutane über den Kopf zog. Nando schnappte nach Luft, als die Jungen erkannten, was er, Vater Nataniel Sandoval, darunter trug: eine verwaschene Jeans und ein einfaches dunkles Hemd, aus dessen Kragen er noch schnell das weiße Stück Plastik herauszog. Er stieg aus den schwarzledernen Slippern und streifte stattdessen die Sportschuhe über, die unter dem von einem weißen Tuch verhüllten Altartisch der Sakristei versteckt gewesen waren.

 

„Seid ihr so weit?“, fragte er und zwinkerte die Jungen an.

 

Pablito nickte, stand aber genau wie seine Brüder mit weit offenem Mund und starrte zu ihm auf.

 

„Was ist denn?“

 

„Sie sind aber schon ein Priester, Vater Nataniel?“, fragte Pablito.

 

„Warum sollte ich keiner sein?“ Nun, Pablito war nicht der Erste, den ein Priester mit kinnlangen, gelgestylten Haaren und Sixpack unter einem eng anliegenden T-Shirt irritierte. Priester hatten nicht eitel zu sein. Und am besten auch nicht fit. Aber er war ja nicht mehr nur Priester.

 

„Weil Sie unter dem schwarzen Ding da ganz normale Sachen tragen.“

 

Nataniel beugte sich zu dem Jungen hinunter und flüsterte ihm verschwörerisch ins Ohr: „Weil die viel bequemer sind.“

 

„Aber doch nicht in der Kirche!“ Nando war entrüstet.

 

„Die sind auch in der Kirche viel bequemer. Also was ist jetzt, ich hab euch versprochen, wenn ihr euch benehmt, gehen wir Fußball spielen, und jetzt wollt ihr nicht mehr?“

 

Nataniel hatte sich nie danach gesehnt, eigene Kinder zu haben. Früher stand es einfach nicht zur Debatte. Und später, nachdem sich alles in seinem Leben geändert hatte, gab es genug andere Dinge, die seinen Geist beschäftigten. In Augenblicken wie diesem, wenn er mit Pablito um den Ball kämpfte und ihn dessen kleinem Bruder so in den Lauf vorlegte, dass der ganz leicht das Tor machen konnte, da wünschte er sich, dass diese Jungs seine hätten sein können. Sie rauften um jeden Vorteil und schenkten einander nichts. Ihm fehlte diese Art von Bewegung. Er ging jeden Morgen zwischen Aufstehen und dem Frühgottesdienst im Este Park laufen, manchmal auch noch weiter, wenn er sehr früh auf war. Er musste sich fit halten, niemand konnte sagen, was morgen geschah, und er war gern vorbereitet auf jede Unwägbarkeit. Aber es war nicht dasselbe. Es war keine Interaktion dabei, wenn er joggte, und er brauchte den Kontakt, das Schweißtreibende einer physischen Auseinandersetzung, wie sie ihm die energetischen Jungen boten. Feucht klebte ihm das Haar im Nacken, lief der Schweiß seinen Rücken herab, und selten hatte er sich so lebendig gefühlt wie jetzt beim Kicken. Einige Mitglieder seiner Gemeinde hielten beim Spazierengehen inne, als sie ihn erkannten. Zwei halbwüchsige Jungen wagten es als Erste, sich zu ihnen zu gesellen, weitere kamen dazu, und es dauerte nicht lange, da hatten sie zwei komplette Mannschaften gebildet.

 

Es war ein mobiler Eisverkäufer aus der nahen Einkaufsmeile, der ihr Spiel unterbrach, indem er sich mit seinem Wägelchen provozierend am Spielfeldrand aufstellte. Nataniel zögerte nicht und spendierte allen ein Eis. Er würde sich das Geld aus dem Klingelbeutel zurückholen, selten waren Spendengelder so gut angelegt, fand er. Lito und Nando setzten sich links und rechts neben ihn auf eine Bank. Er strich mit einer Hand durch Litos viel zu langen Haarschopf.

 

„Sie spielen richtig gut, Pater“, sagte der Kleine und nuckelte hingebungsvoll an seinem Eis.

 

„Danke, Lito, du auch.“

 

„Dürfen wir heute Abend bei Ihnen bleiben?“, wollte Nando wissen.

 

„Natürlich dürft ihr, aber eure Mamacita wartet auf euch. Ihr könnt morgen wiederkommen. Für ein neues Spiel. Wie klingt das?“

 

Lito strahlte ihn an, und das allein war die Lüge wert, die er gezwungen war zu leben. Viel Zeit blieb ihm nicht, das wusste er. Die Zeit, die er hatte, galt es zu nutzen.

 

„Hier bei Ihnen gibt es so schöne Parks, Pater“, meinte Nando. „Warum kommen Sie immer da raus in die Barrios, wo es so hässlich ist und stinkt und überhaupt?“

 

„Weil ich es gern tue, um euch und eurer Mamacita zu helfen, und weil da ja sonst niemand ist, der Fredy sagt, dass das, was er mit den Menschen macht, nicht in Ordnung ist.“

 

„Dem Fredy gehört das Haus“, sagte Lito.

 

„Nein, es gehört ihm nicht. Es gehört dem Land, aber das Land hat kein Interesse mehr daran, und darum haben sich Leute wie Fredy darin breitgemacht.“

 

„Aber der Presidente sagt, dass wir dort wohnen dürfen und Fredy auch.“

 

Sehr dünnes Eis. Nataniel verbiss sich die Bemerkung, die ihm zum Presidente auf der Zunge lag. Es gab Dinge, die man in Caracas für sich behalten musste, wenn man nicht im nächsten Augenblick die Mündung einer Achtunddreißiger im Nacken haben wollte. Der Presidente hatte einen sehr langen Arm. „Ja, das sagt er, aber Fredy nimmt sich das Recht heraus, zu bestimmen, wer dort bleiben darf und wer gehen muss. Und das kann nicht sein, diese Macht soll kein Mensch an einem solchen Ort haben.“

 

„Fredy ist der beste Freund vom Presidente.“

 

„Wer sagt das denn?“

 

„Fredy, wenn er Gottesdienst macht in der Kapelle im Parkhaus.“

 

„Fredy darf keine Gottesdienste machen, denn er ist nicht zum Priester geweiht. Ich will nicht, dass ihr da hingeht. Ihr sollt mir versprechen, dass ihr dort nicht beichtet, habt ihr verstanden? Und eure Mamacita auch nicht.“

 

„Mamacita geht doch nie in die Kapelle. Sie kann Fredy nicht leiden, und deshalb wird er Mamacita bald hinauswerfen aus dem Haus. Deswegen gehen wir immer zu dem Gottesdienst, damit er sieht, dass wir treu sind, zu ihm und zu dem Presidente.“

 

Nataniel zerbiss die Eiswaffel und schluckte sie zusammen mit seinem Ärger hinunter. Irgendwie würde er für Sancha und ihre Kinder ein neues Zuhause auftreiben, bevor ihn Sebastiano weiterschickte, weg von Caracas. Vielleicht in den Bergen, an den hohen Ausläufern der Barrios. Es gab da oben eine Carmeliter-Kapelle. Die Schwestern würden ein Auge auf Sancha haben, wenn er selbst nicht mehr dort sein konnte. Er fürchtete den Tag, an dem sein Marschbefehl kam. Dass der kommen musste, wusste er.

 

Er schaute in den verhangenen Himmel, die Kronen der Aravanei-Bäume und der Palmen bogen sich im auffrischenden Wind. „Es fängt gleich an zu regnen. Gehen wir ins Trockene.“ Dass sein Mobiltelefon in der Gesäßtasche der Jeans vibriert hatte, sagte er den Jungen nicht. Das ging sie nichts an. Niemanden ging es etwas an, dass die Lüge, die er lebte, ihn schneller einholte, als ihm lieb sein konnte.

 

Er schob die Jungs vor sich her die Straße hinauf, vorbei am Gebäude der kolumbianischen Botschaft mit ihrem hohen Gittertor und dem Portal mit den Marmorsäulen. Hinter einem der Fenster im Obergeschoss, halb verborgen hinter dem blauen Vorhang, stand eine Gestalt und sah auf ihn herab. Er nahm das Handy aus der Tasche und warf verstohlen einen Blick darauf. Target im Embassy Suites abgestiegen. Zimmer 827. Updates. S.

 

Er schob das Telefon zurück in die Tasche, als Lito sich neugierig zu ihm umdrehte. Im selben Augenblick verschwand die Gestalt hinter dem Vorhang.

 

 

 

*

 

 

 

Anthony über ihr schnaufte und schwitzte. Shirin starrte an die Decke, krallte ihre Finger in das Laken, bis es wehtat und wartete, dass er zum Ende kam. Es war nicht halb so schlimm, wie sie erwartet hatte. Auf die Tränen, die ihr aus den Augenwinkeln liefen, hatte sie kein Recht. Sie hatte es sich schließlich selbst so ausgesucht. Sie wischte sie weg, wollte nicht, dass er das sah. Sie hatte sich ihr Bett gemacht, jetzt musste sie auch darin schlafen. Die Genugtuung, zu sehen, was sie das kostete, gönnte sie ihm nicht. Anthony war kein raffinierter Liebhaber, aber er war auch nicht übermäßig grob. Das Brennen in ihrem staubtrockenen Inneren war nicht das Schlimmste. Viel schlimmer war es, seine breiten Finger auf ihrer Haut zu ertragen, den Schweiß zu riechen, den sein schwerer Körper ausdünstete. Als sein Schnaufen zu einem Hecheln wurde, krallte sie ihm die Fingernägel in den Rücken und spannte die Muskeln um ihn herum an. Noch zweimal stieß er in sie, dann ergab er sich. Ein paar Atemzüge dauerte es, bis er sich genug gesammelt hatte, um sich von ihr herunterzuschieben. Die Falten um seine Hüften zitterten ein wenig, als er sich über seine Bettseite rollte und die Beine über den Rand des Bettes schwang, um auf dem Boden nach seiner Kleidung zu suchen.

 

„Du bist früh gegangen. Es war auch dein Empfang.“

 

Auch Shirin setzte sich auf und begann, sich wieder anzuziehen. Wenigstens das hatte sie überstanden. Sie ließ das Negligé auf dem Boden liegen und ging stattdessen zu dem Kleiderschrank, in den ein hilfreicher Geist bereits ihre Urlaubsgarderobe eingeräumt hatte. Das waren die Vorteile ihres neuen Lebens. Egal, wie sehr sie den Gedanken hasste, ab jetzt an der Seite dieses Mannes leben zu müssen, sie musste zugeben, dass dieses Leben luxuriöser war als alles, was sie jemals kennengelernt hatte.

 

„Ich war müde. Das dort, das waren deine Partner. Du hast selbst gesagt, ich soll nicht zu viel wissen. Ich hätte nur gestört.“

 

„Fredy Moreno, mein Kontakt in Caracas, ist erst später gekommen. Er war sehr enttäuscht, dich nicht kennenzulernen.“

 

Shirin streifte sich ein roséfarbenes Trägertop über und sah Anthony über die Schulter hinweg an. „Ich habe getan, was du wolltest, und habe dich geheiratet. Damit sind wir quitt. Was weiter in unseren romantischen Flitterwochen passiert, liegt in deinen Händen.“ Es fiel ihr schwer, das unheilverkündende Beben zu verstecken, das sich in ihrem Bauch ausbreitete. Ihr Magen war schneller als ihr Kopf, wenn es darum ging, zu bemerken, dass etwas in der Luft lag.

 

Sie bückte sich, um in eine Baumwollshorts zu schlüpfen. Nicht gerade die erotischste Nachtwäsche für den Honeymoon, aber das, was sie am liebsten trug. Sie konnte jedes bisschen Rückhalt gebrauchen, egal, wie dürftig es war, denn sie meinte es ernst. Ihre Schuldigkeit war getan. Was sie verband, war ein Geschäft. Ihr Aussehen gegen ein Begräbnis für Javid und seine finanzielle Sicherheit. Mit ihr an seiner Seite gewann er an Respekt, machte einen großen Schritt hin zu einem Geschäftspartner, dessen Privatleben in Ordnung war. Mehr konnte er nicht von ihr erwarten. Das war, was er von ihr verlangt hatte.

 

Plötzlich stand er hinter ihr. Sein Finger fuhr die Linie ihres Halses entlang. Sie drehte sich zu ihm um.

 

„Du bist eine wunderschöne Frau. Lange Beine, tolle Haut, feste, kleine Titten. Genau das, was Männer zu schätzen wissen. Ich hätte dir nicht dieses Angebot gemacht, wenn du mir nicht nützlich wärst. Eine Hand wäscht die andere.“

 

Seine Berührung hinterließ eine Gänsehaut auf ihren Schultern, und sie trat einen Schritt zurück, um seiner falschen Zärtlichkeit zu entgehen.

 

Er fasste sie am Oberarm. „Du gehörst jetzt mir. Und du weißt, dass ich diesen Deal abschließen muss. Dafür brauche ich Informationen. Und einen gut gelaunten Frederico Moreno. Du hast deine Schuldigkeit noch lange nicht getan. Ich bin dein Mann. Ich habe dir geholfen, eine missliche Lage zu bereinigen. Es ist deine Pflicht, mich zu unterstützen.“

 

Ihre Kehle wurde eng. Eine missliche Lage war das, was Javid geworden war? Sie fühlte einen leichten Schmerz zwischen den Schenkeln, wo sie Tony willkommen geheißen hatte, um ihren Teil der Abmachung zu zahlen. Das konnte er nicht ernst meinen. Egal, was passiert war in ihrem Leben, niemals würde sie zulassen, dass er sie dazu zwang, seine Hure zu werden. Schlimm genug, dass sie seine Frau hatte werden müssen und auch wenn es faktisch vielleicht dasselbe war, für sie machte es einen Riesenunterschied. „Was genau willst du von mir, Anthony?“

 

Er ließ ihren Arm nicht los, verstärkte den Griff weiter. „Gib Moreno, was er von einem hübschen, jungen Ding wie dir will, und finde raus, wie groß die Unterstützung der Rebellen wirklich ist. Was haben sie vorbereitet? Wie groß sind die Truppen, die sie an der Grenze zu Kolumbien aufgestellt haben? Ich mag es nicht, wenn mir wichtige Dinge verheimlicht werden.“

 

Sie spürte, wie ihre Haut unter seinen Fingern gequetscht wurde. Morgen hätte sie blaue Flecken in der Form seiner Finger. Es kostete sie mehr Selbstbeherrschung, als sie besaß, nicht unter seiner Attacke zu zittern. „Ich bin keine Hure, Anthony, und du bist mein Ehemann, nicht mein Zuhälter.“

 

Es ging so schnell, dass sie es nicht kommen sah. Der Schlag traf sie unvorbereitet. Ihre Lippe platzte auf. Sie schmeckte Blut, taumelte rückwärts. Anthony ließ sie los, und ihre Schulter schlug schmerzhaft gegen die Schranktür. Kurz wurde ihr schwarz vor Augen. Sie schnappte nach Luft, um den Schmerz zu vertreiben. Gerade noch rechtzeitig hob sie den Arm, um ihr Gesicht vor dem nächsten Schlag zu schützen. Seine Hand glitt an ihrer Schläfe ab, sein Ehering schabte über ihre Haut.

 

„Du tust, was ich dir sage!“, brüllte er.

 

Er fasste in ihre Haare, zerrte sie in die Höhe, sein Körper presste sie an den Schrank, während er eine Hand zwischen ihre Schenkel rammte. Tränen stiegen ihr in die Augen. Ob vor Schmerz oder Scham konnte sie nicht sagen.

 

„Du willst keine Hure sein, mein süßer Liebling? Du bist noch nass von meinem Saft und willst mir erzählen, dass du keine Hure bist? Lass dir was Besseres einfallen.“

 

Schluss.

 

Mit einem Klicken hinter den Augen rastete ihr Instinkt ein. Jahrelanges Training mit Javid und den Jungs von der falschen Seite der Stadt hatte die Bewegungsabläufe automatisiert. Sie zog ihr Knie in die Höhe, rammte ihn an seiner empfindlichsten Stelle. Anthony klappte nach vorn, drohte, sie mit seinem Körper zu erdrücken. Im letzten Moment wich sie zur Seite aus, schlug mit der Handkante in sein Genick. Er stöhnte auf. Im Fallen griff er nach ihrem Knöchel, zerrte daran, stieß, schlug, brachte sie zu Fall. Sie taumelte, fiel über seinen auf dem Boden liegenden Körper. Sie entriss ihm ihren Fuß, ignorierte die Angst, ignorierte den Schmerz und rollte sich im Sturz ab. Eine Lampe krachte zu Boden. Immer noch stöhnend angelte Anthony nach ihrer Wade, versuchte, sie zu sich zu ziehen, doch sie war schon wieder auf den Beinen. Blind griff sie nach der Lampe. Holte aus, schlug zu und erwischte ihn mit dem Lampenfuß an der Schläfe. Ächzend fiel Anthony zurück auf den Boden. Und endlich rührte er sich nicht mehr.

 

Gott, was hatte sie getan?

 

Für die Dauer von wenigen Wimpernschlägen hörte sie nur das Rauschen des eigenen Blutes in ihren Ohren. Weg, sie musste hier weg. Andere hatten sich mit ihm angelegt, zu Hause in Chicago, und keiner von denen war jemals wieder auf der Bildfläche erschienen. Er hatte auch Frauen verschwinden lassen, Angestellte in seinen Restaurants, an denen er sich vergriffen hatte und die zu reden begannen. Von einem Tag auf den anderen waren diese Frauen fort, und das nur für ein paar Worte.

 

Sie versuchte, sich zu konzentrieren, lauschte auf die Geräusche vor der Tür. Seine Gorillas waren nie weit entfernt. Warum waren sie nicht längst gekommen? Keine Chance, dass sie das Gepolter überhört hatten. Wahrscheinlich dachten sie, es wäre Shirin, die Prügel bezog, und hielten es deshalb nicht für nötig, ihrem Boss zu Hilfe zu eilen. Anthony grunzte in der Bewusstlosigkeit. Seine Augenlider flatterten, dann war er wieder ruhig. Sie musste weg. Keinesfalls würde er sie am Leben lassen, wenn er erst einmal aus seinem erzwungenen Schlaf aufwachte.

 

Die Schranktür ließ sich kaum öffnen. Sein Körper blockierte sie. Blind fasste sie hinein und angelte nach dem erst besten Kleidungsstück. Eine Leinenhose. Das musste reichen. Mit der Bürste auf dem Nachttisch kämmte sie sich die fast hüftlangen Haare, bis sie sich zu einer rostbraunen Wolke bauschten und flogen. Mit ein wenig Glück ließ sich so die Wunde, die Anthonys Ring an ihrer Schläfe gerissen hatte, überdecken. Gegen die aufgesprungene Lippe konnte sie jetzt nichts tun, außer, sich das Blut abzuwischen. Auf dem Nachttisch lag Anthonys Geldbörse. Ohne hinzusehen, griff sie sich die Scheine, schlüpfte in ihre Ballerinas und zählte still bis zehn.

 

Jetzt oder nie. Die Schultern gestrafft, öffnete sie die Zimmertür. Nur nichts anmerken lassen. Wenn sie erst auf der Straße war, außerhalb der Sichtweite von Anthonys Männern und der Blicke von diesem Moreno, könnte sie rennen. Dann könnte sie sich irgendwo vergraben und überlegen, wie es weiterging. Aber jetzt musste sie erst einmal weg.

 

Der Flur lag dunkel und verlassen. Nur das grünlich schimmernde Licht der Notbeleuchtung erhellte den dicken Florteppich auf dem Boden und die endlos scheinende Flucht aus gleichen Zimmertüren. Keiner der Bodyguards war zu sehen. So schnell es ging, ohne zu rennen, folgte sie den Zeichen zum Notausgang. Sie ließ die Aufzüge rechts hinter sich und öffnete die Tür zum Treppenhaus. Auch hier herrschte Stille. Die Treppen flogen unter ihren Füßen vorbei. Immer zwei Stufen gleichzeitig nehmend, hastete sie nach unten. Sie schaffte es bis zum sechsten Stock. Zum vierten, dritten. Nicht mehr weit. Als sie den Treppenabsatz zum nächsten Stockwerk passierte, hörte sie das Klappen einer Tür. Ihr Herz schlug bis zum Hals. Überschäumendes Adrenalin und Panik ließen ihren Atem laut und abgehackt gehen. Langsamer tastete sie sich weiter nach unten vor, Schritt für Schritt. Plötzlich waren Stimmen zu hören. Sie presste sich an die Wand, betete, dass die Dunkelheit sie schützte.

 

„Ich sag dir, das hat nichts zu bedeuten.“

 

Das war Jake, einer von Anthonys Männern. Shirin war sicher, auch wenn seine Stimme verzerrt klang, durch das Echo der blanken Wände im Schlund des Treppenhauses.

 

„Aber er ist zwei Minuten drüber.“

 

„Vielleicht hat das Kätzchen seine Krallen ausgefahren. Wer weiß, vielleicht steht die Kleine auf Prügel.“ Jake lachte. Shirins Mageninhalt wanderte ihre Kehle hinauf. „Was sind schon zwei Minuten? Vielleicht ist sie auch klasse im Bett, und er braucht länger? Oder sie hat ihn total geschafft. Kann alles möglich sein. Ich sag dir, die beiden schlafen gerade den Rausch der Hochzeitsnacht aus.“

 

Auch der andere Mann lachte. Sie wagte nicht einmal zu atmen, so groß war die Furcht, entdeckt zu werden. Eine gefühlte Ewigkeit dauerte es, bis sie erneut das Knirschen von Gummisohlen auf Beton hörte und das Schlagen einer Tür.

 

Sie fühlte ihre Beine nicht, fühlte ihre Arme nicht. Die letzten beiden Treppenfluchten bis nach unten wurden zu einem Marathon. Nur ein Gedanke kreiselte in ihrem Kopf, hallte dort wider im pochenden Rhythmus des Schmerzes, den Anthonys Schlag gegen ihre Schläfe hinterlassen hatte. Wohin? Wohin? Wohin? Ein dreckiges Schild neben einer Eisentür verkündete das Erdgeschoss. Ein paar Atemzüge lang erlaubte sie sich zu verschnaufen. Niemand konnte sagen, was sie auf der anderen Seite dieser Tür erwartete. Lauerten sie schon auf sie? Standen sie dort mit gezückten Waffen, um sie zurückzubringen zu dem Monster, das sie geheiratet hatte? Das Monster, das sie weiterreichen wollte an seinen Geschäftspartner. Würde Anthony sie selbst töten wollen? Oder würde er die Drecksarbeit einem seiner Männer überlassen? In Anthonys Kreisen war man nicht zimperlich mit Verrätern. O mein Gott, sie hatte doch nur … Javid. O Javid, es tut mir so leid. Sie hatte ihm doch nur Frieden schenken wollen. Wenn sie schon niemals zur Ruhe fand, weil das Geld nie reichte, dann hatte wenigstens er ein besseres Leben haben sollen. Deswegen das College. Deswegen der Job bei Tony. Und deswegen das Begräbnis. Sie hatte das Versprechen an Nene gebrochen und nicht auf Javid aufgepasst, aber zumindest im Tod wollte sie ihm geben, was er verdiente. Ihre Hand zitterte so stark, dass es ihr kaum gelang, die Klinke hinunter zu drücken. Sie konzentrierte sich darauf, eine nüchterne Miene aufzusetzen, und stemmte die Tür auf. Das Nottreppenhaus endete in einer dunklen Nische hinter den Aufzügen. Lautlos ließ sie die Tür ins Schloss fallen und trat in den Lichtschein der Lobby. Sie musste blinzeln und zwang sich, ihre Schultern zu entspannen. Ein Concierge stand hinter dem Mahagonitresen der Rezeption und tippte etwas in den Computer. In einer der tiefen Couchgarnituren saßen zwei Gestalten, von denen sie nur die Köpfe sah. Schwarze Haare. So zügig wie möglich, so langsam wie nötig, ging Shirin auf das Glasportal zu. Als sie an der Couchgarnitur vorbei kam, nahm sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung war.

 

„Señora O’Donnell?“

 

Es war eine ihr unbekannte Männerstimme, die sie aufhielt. Eine Eisfaust wühlte in ihren Eingeweiden, während sie sich so gelassen wie möglich umdrehte. Die beiden Männer, die gerade noch an dem Sofatisch gesessen hatten, standen plötzlich rechts und links von ihr. Jetzt erkannte sie die beiden, sie waren ihr beim abendlichen Bankett vorgestellt worden. Die Namen wollten ihr nicht einfallen. Ihre Lippen zitterten, und sie versuchte, es zu überdecken, indem sie sich über die Unterlippe leckte und ihren Mund zu einem leichten Lächeln verzog. „Señores?“ Ihre Stimme klang atemlos und ein wenig rauchig. Sie hoffte, die Männer würden das als verführerisch interpretieren, und garnierte ihre Worte mit einem Augenaufschlag.

 

„Wo wollen Sie hin? Caracas bei Nacht ist kein Ort für eine schöne junge Frau. Señor Moreno wäre untröstlich, wenn Ihnen etwas zustieße.“

 

Diese Männer gehörten also zu demjenigen, an den Tony sie hatte weiterreichen wollen. Frederico Moreno. Sie kämpfte gegen einen Anflug von Übelkeit. Aus dem Augenwinkel erkannte sie die Uhr an der Wand hinter dem Rezeptionstresen. „Es ist gerade einmal viertel nach neun.“ Sie fächelte sich mit der Hand Luft ins Gesicht. „Ich bin so … erhitzt. Und mein Mann …“ Als wäre sie verschämt, sah sie kurz zu Boden, bevor sie den Blick des Wortführers suchte. „Nun, Sie wissen schon. Es ist ja unsere Hochzeitsnacht.“

 

Die beiden Latinos grinsten. Rede weiter, beschwor sie sich. Pflanz ihnen irgendwelche kranken Bilder ins Hirn. Dann sind sie beschäftigt. Dann hast du zumindest Zeit. „Ich wollte nur eine Runde um das Hotel drehen. Ein bisschen frische Luft schnappen. Das Gelände ist doch bewacht.“ Sie legte ihre Hand auf den Unterarm des Mannes rechts von ihr. „Und Sie sind ja auch noch da. Wenn ich in zehn Minuten nicht zurück bin, können Sie mich suchen gehen. Ich …“ Sie biss sich auf die Unterlippe und betete, so die Schwellung, die dort pochte, zu verdecken. „Ich vertraue Ihnen. Lassen Sie mir einfach nur ein paar Minuten Zeit. Mein Mann wartet auf mich. Es wird nicht lange dauern.“

 

Es konnten nur Sekunden gewesen sein, bis der Typ rechts von ihr nickte, aber ihr kam es wie eine Ewigkeit vor. Sie nahm ihre Hand von seinem Unterarm und schlenderte zur Glastür. Als sich die Türflügel leise rauschend auseinanderschoben, blickte sie noch einmal über die Schulter und blinzelte den beiden Männern zu. „Gracias“, formten ihre Lippen.

 

Sie zählte die Schritte, um aus dem Foyer zu treten. Durch die Tür, die Auffahrt hinab. Vorbei an den hoteleigenen Wachen und den Taxifahrern. Am Fuß der Auffahrt bog sie um die Ecke.

 

Sie begann zu rennen.

 

 

 

Kapitel 2

 

 

Nataniel liebte die Stille in der Kirche, wenn alle gegangen waren. Er hielt sich absichtlich lange nach der Messe mit kleinen Aufräumarbeiten auf, ging langsam herum und löschte die Kerzen mit bedächtigen Bewegungen. Eine Weile war noch eine der Carmeliterinnen im Hohen Chor beschäftigt gewesen, aber jetzt ging auch sie. Gedämpft drangen die Geräusche vorbeifahrender Autos durch das schwere Eichenportal, nachdem es hinter der Schwester zugefallen war.

 

Er ließ die beiden Altarkerzen brennen und setzte sich in die vorderste Bank, senkte die Stirn auf die gefalteten Hände. Er unterdrückte den Drang, unbehaglich die Schultern zu drehen. Sein Handy war ausgeschaltet, er war für diesen Moment vollständig allein und genoss die Ruhe. Lauschte in sich hinein. Auf das, was sein Körper ihm zu sagen hatte. Er lächelte ein bisschen, als er trotz des rasanten Fußballspiels am Nachmittag keine Zeichen von Ermüdung fand.

 

Er hob den Kopf und sah zum Gekreuzigten auf. Im schwachen Licht der beiden Altarkerzen, nun die einzige Lichtquelle im Raum, versanken die Rundbögen des Hohen Chors in Dunkelheit, und der kleine, sehr fein gearbeitete Altar leuchtete in dunklem Gold. Es hatte eine Zeit gegeben, da hätte ihm dieser Anblick Trost verschafft. Heute war da nur noch der Schatten in ihm, dieser dunkle Fleck, den er seit Jahren auf seiner Seele trug und den er nicht abschütteln konnte. Er schloss die Augen und bat um Hilfe bei der Bewältigung dessen, was die Textnachricht am Nachmittag bedeuten würde. So vieles hatte sich verändert innerhalb einer einzigen Minute.

 

Eine Bewegung beim Portal schreckte ihn aus den Gedanken. Er hatte noch nicht abgeschlossen, aber er hatte nicht erwartet, dass noch jemand Einlass begehren würde. Die Menschen in dieser Gegend kamen pflichtbewusst zu den Messen, aber sie mieden die Kirche außerhalb der Gebetszeiten. Und für Touristen war es zu spät am Tag.

 

Es hörte sich an, als ob die Klinke einer zu schwachen Hand entglitt, und dann hämmerte jemand gegen das Eichenholz. Er erhob sich und lief den Gang hinunter, um einzulassen, wer auch immer dort war. Für einen Augenblick streifte ihn etwas, ein Schatten, eine böse Ahnung. Fredys Leute? Die würden nicht wagen, ihn in der Kirche anzugreifen. Seine Schläger waren brutal, aber vor dem Herrn wurden sie zu verängstigten Straßenkötern, die sich durch einen gezielten Tritt einschüchtern ließen. Er zog das Portal nach innen auf und blickte in ein Paar sehr hellblauer Augen. Eine unglaubliche Fülle dunkelbraunen Haares, auf dem das Licht der Straßenlaternen in goldenen Streifen tanzte. Haut wie Milchkaffee, wie er ihn mochte, wenig Kaffee und ganz viel Milch. Er hatte noch nie eine so schöne Frau gesehen. Innerlich bekreuzigte er sich im selben Moment.

 

„Ich bitte um Asyl.“

 

Sie sprach Englisch. In einem warmen, heiseren Alt. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie erwartete, verstanden zu werden, war auf bezaubernde Weise entwaffnend. In Caracas sprachen nur Leute Englisch, die entweder mit Touristen in Berührung kamen oder sich im organisierten Verbrechen tummelten und für die es notwendig war, sich mit ausländischen Geschäftspartnern abzugeben. Und hin und wieder ein katholischer Priester.

 

„Kommen Sie“, sagte er und trat zur Seite. Hinter ihr war niemand. Eine Frau wie sie, in den Abendstunden allein in den Straßen von Caracas unterwegs, da war es kein Wunder, dass sie um Schutz bat. Wahrscheinlich waren ihr ein paar Halbstarke auf den Fersen. Er schloss die Tür und schob den schweren Riegel vor.

 

Schwer atmend blieb sie im Gang stehen. Er versuchte, ihre Brust zu ignorieren, die sich unter heftigen Atemzügen hob und senkte, aber es gelang ihm nicht. Um sie zu beruhigen, legte er eine Hand auf ihren Arm und lächelte. „Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“

 

Sie erwiderte sein Lächeln nicht, aber die Anspannung fiel in kleinen, kaum merklichen Schüben von ihr ab. Röte schoss gleichzeitig in ihr Gesicht, und er hatte das Gefühl, die Hitze würde von ihren auf seine Wangen übergreifen.

 

„Danke“, sagte sie und wandte sich ab.

 

Vielleicht war ihr klar geworden, wie unwahrscheinlich es gewesen war, dass er sie verstehen und mit ihr würde reden können. Er ging voraus, hinunter zur Sakristei. Sie zögerte, als er sie bat, einzutreten.

 

„Ich bin nicht katholisch.“ Ihre Stimme war leise, und sie senkte den Kopf.

 

„Es gibt viele Menschen, die nicht katholisch sind“, sagte er und wiederholte seine betont freundliche Aufforderung, in den kleinen Raum rechts vom Altar einzutreten.

 

„Vielleicht ist es nicht richtig, wenn ich dort hinein…“

 

„Das sollten Sie meiner Urteilskraft überlassen. Zumindest bewahre ich hier Stärkungen auf, und auch wenn ich dunkel gekleidet bin, bin ich kein Kellner, der Ihnen etwas zu trinken hier herausbringt. Also, kommen Sie.“

 

Endlich lächelte sie. In dem Dunkel der Kirche leuchteten ihre Gesichtszüge für einen kostbaren Moment auf. Nataniel suchte nach einem Glas und füllte es aus der Flasche mit Mineralwasser, froh um diese Gelegenheit, sich abzulenken von dem Anblick der zarten, eleganten Frau, deren subtile Verletzlichkeit ihn rührte. Er gab ihr das Glas und griff an ihr vorbei zum Lichtschalter neben der Tür. Eine nicht besonders wattstarke Lampe an der Decke flammte auf und nahm dem Raum mit ihrem kalten Licht den Zauber. Er hatte schon befürchtet, dass das Lämpchen nicht mehr funktionierte, er benutzte in seiner Kirche grundsätzlich nur Kerzen.

 

„Mein Name ist Nataniel“, sagte er, als sie ihm das Glas zurückgab. „Pater Nataniel. Und wie heißen Sie?“

 

„Shirin Oliver.“

 

Der Name klang, als ob er ihm etwas sagen sollte, aber er konnte sich nicht erinnern. Er lächelte, stellte das Glas weg und lud sie mit einer Armbewegung ein, wieder hinauszutreten in den Kirchenraum. „Hier drin habe ich keine Stühle. Es redet sich leichter, wenn wir uns setzen, meinen Sie nicht?“

 

Mit verkrampften Schultern setzte sie sich in eine Bank, die dem Altar am nächsten war. Er zog einen Schemel heran und setzte sich ihr gegenüber. Ihre Erscheinung verwirrte ihn. Nicht nur, weil ihre Schönheit ihn anzog. Etwas lag in ihrer Haltung, das Stolz zeigte, Kraft, eine gewisse Unnahbarkeit. Und gleichzeitig haftete ihrem Auftreten Schmerz und mühsam unterdrückte Angst an, Nervosität, mit der sie mit den Fingern den Stoff ihrer Leinenhose über den Schenkeln knetete und sich scheute, aufzuschauen. Es war diese Widersprüchlichkeit, die ihn verstörte und es ihm schwer machte, einen Anfang zu finden.

 

„Es ist so ruhig hier“, sagte sie, als das Schweigen zu lange dauerte. „Man mag nicht glauben, dass diese Kirche an einer belebten Straße steht.“

 

„Da haben Sie recht.“

 

Endlich sah sie auf. Das Dämmerlicht der Kerzen färbte ihre Pupillen dunkler, als sie an der Tür gewirkt hatten. „Sie wollten sicher nach Hause gehen, ja? Es tut mir leid, ich mache Ihnen Umstände.“

 

„Nein, das tun Sie nicht. Seelsorge ist eine Herzensangelegenheit, und ein Pfarrer, der seine Tage nach der Uhr einteilt, ist das Vertrauen nicht wert, das seine Gemeinde in ihn setzt.“

 

Sie dachte nach, schwieg, gab ihm die Gelegenheit, ihr Profil zu betrachten, den eleganten Schwung ihrer Wangenknochen, die makellose Haut, die von Natur aus rabenschwarzen Wimpern. Vermutlich arabisches Blut. Sie war Amerikanerin, ihr Akzent war nur allzu deutlich, aber zumindest zur Hälfte floss arabisches Blut durch ihre Adern, das ihr diese klassische Schönheit schenkte. Er war nicht immun, aber selten ließ er sich so vom Aussehen einer Frau aus der Fassung bringen.

 

Eine Unebenmäßigkeit fiel ihm auf. Über ihrer linken Schläfe, direkt neben dem Haaransatz, halbherzig verdeckt durch ein paar ins Gesicht gezupfte Locken. Er hob vorsichtig die Hand. „Darf ich?“

 

Im ersten Augenblick zuckte sie zurück, dann aber senkte sie den Kopf und ließ ihn gewähren. Er schob die Locken mit den Fingerspitzen zur Seite, und sie drehte das Gesicht. Ein kleines, aber heftiges Hämatom. „Sie sollten sich vielleicht von der Seele reden, was Sie bedrückt“, sagte er und zupfte das weiche Haar wieder über den Fleck. „Dann wird es leichter. Deshalb sind Sie doch gekommen, nicht wahr?“

 

„Sie sind Pfarrer, und ich weiß schon, was Sie mir sagen werden. Ich möchte nur gern noch ein paar Minuten hier sitzen, wenn ich darf.“

 

„Sie dürfen hier sitzen, solange Sie wollen, Shirin. Aber solange Sie nicht mit mir reden, ist die Hilfe, die ich Ihnen anbieten kann, begrenzt.“

 

„Die Ehe ist heilig, nicht wahr?“

 

„So heilig wie wenige andere Dinge im Leben eines sterblichen Menschen.“

 

„Gibt es unsterbliche Menschen?“

 

Er lachte leise. „Sie haben mich erwischt. Das war dumm gesagt. Ja, die Ehe ist heilig.“

 

„Was ist, wenn der Mann seiner Frau Gewalt antut?“ Zaghaft hob sie den Kopf, ihre Augen ein einziges Flehen.

 

„Ihr Mann hat das getan?“

 

Sie schnaubte ein wenig. Jetzt, wo es heraus war, floss Selbstsicherheit zurück in sie. Genau, wie er es erwartet hatte.

 

„Ja. In der Hochzeitsnacht, stellen Sie sich das vor. In der ersten Nacht der Flitterwochen. Er ist älter als ich, wissen Sie.“ Jetzt wollte sie nicht mehr aufhören zu reden. „Er ist älter, und es war keine Liebesheirat, und ich hatte immer befürchtet, dass es schiefgehen würde, aber das, was … es … ist viel schlimmer als alle Befürchtungen.“

 

„Ich wusste nicht, dass im Amerika von heute noch Ehen arrangiert werden.“

 

„Nein, gewöhnlich nicht. Es ist … kompliziert.“

 

„Wann ist es das nicht? Vielleicht hatte er zu viel getrunken, sodass er sich nicht mehr unter Kontrolle hatte?“

 

„Oh, zu viel getrunken hat er auch, ganz sicher. Aber er hatte sich vollkommen unter Kontrolle. Und was er will, ist, dass er auch mich kontrolliert. Jeden Atemzug, den ich tue. Jedes Wort, das ich sage. Er will absolute Kontrolle. Ist das auch heilig?“

 

Ein Mann, der seine Frau schlug. Häusliche Gewalt. Er war tagtäglich damit konfrontiert. Und er hatte dazu, im Namen der Kirche und der Rolle, die er spielte, nur eines zu sagen, und Shirin wusste das, und deswegen hatte sie es ihm nicht gestehen wollen. Es war das Letzte, was er zu dieser Frau sagen wollte. Es war ein elendes Gefühl, keine Wahl zu haben.

 

„Sie wissen …“, begann er zögernd, und sie hob die Hand.

 

„Ja, ich weiß. Ich soll zu ihm zurückgehen.“

 

„Die Ehe ist ein heiliges Sakrament. Ist Ihr Mann katholisch? Vielleicht sollten Sie beide gemeinsam zu mir kommen. Sich Dinge von der Seele reden. Es sind Ihre Flitterwochen, und wenn Ihr Mann Sie enttäuscht, wenn er nicht das ist, was Sie erwartet haben, ist jetzt der Moment, dass Sie etwas daran ändern können und sollten.“

 

Sie blickte zu ihm auf. Er hätte gern ihre Hände in seine genommen, wie er es sonst meist tat, wenn er solche Gespräche führte. Die Berührung eines anderen Menschen konnte Wunder wirken. Doch bei dieser Frau scheute er davor zurück, und das nicht, weil er wusste, dass ihre Hände kalt sein würden.

 

„Mein Mann ist katholisch, Pater. Er ist irischer und italienischer Abstammung, er kann gar nicht anders, als katholisch zu sein.“ Ihre Stimme war fest und nahm eine Härte an, die ihn beinahe erschreckte. „Und er wird den Teufel tun, in Ihre Kirche zu kommen. Oh. Entschuldigen Sie.“ Sie hielt sich mit dem Handrücken den Mund zu. „Es ist mir rausgerutscht“, flüsterte sie.

 

Er nickte nachsichtig und leicht amüsiert, wartete, denn sie war noch nicht fertig.

 

„Und er ist genau der Mann, den ich erwartet habe, nur dreimal schlimmer.“ Plötzlich stand sie auf. „Danke, dass Sie mir zugehört haben, Pater. Sie haben mir geholfen.“

 

Er hatte ihr keine Spur bei der Lösung ihres Problems geholfen, aber er sah deutlich, dass er ihr dabei geholfen hatte, ihre verloren gegangene Fassung wiederzufinden. Er erhob sich ebenfalls. Sie reichte ihm bis an die Schulter, und die Zartheit, die ihr angehaftet hatte, war fast völlig verschwunden. Sie blickte zur Tür. Er hielt sie am Arm fest, eine Geste, die er sich immer verboten hatte. Die, die freiwillig zu ihm kamen, sollten auch freiwillig wieder gehen können. „Es tut mir leid, dass ich Ihnen keinen anderen Rat geben kann, als zu Ihrem Mann zurückzugehen und zu versuchen, in Ruhe und Vernunft mit ihm zu reden und Ihren Standpunkt darzulegen.“

 

Sie nickte, wand sich aus seinem Griff und machte die ersten Schritte auf dem Weg zur Tür.

 

„Wissen Sie, wer mein Mann ist?“, fragte sie, ohne ihn anzusehen. Sie hatte die Tür beinahe erreicht. Er überholte sie und löste den Riegel. „Er ist Waffenhändler, und er ist hier, um mit einem gewissen Moreno einen Deal abzuschließen. Man kann wirklich nicht sagen, dass diese Reise etwas mit dem zu tun hat, was man sich unter Flitterwochen vorstellt. Und wollen Sie wissen, warum?“

 

In seinen Adern kochte das Adrenalin mit solcher Wucht auf, dass es in Sekundenschnelle schäumte. Er fühlte sich nicht imstande, etwas zu sagen, starrte auf sie hinunter und konnte nur hoffen, dass sie nicht sah, was in ihm vorging. Was für eine Prüfung war das, die der Allmächtige ihm hier auferlegte? Wann hatte er endlich genug gebüßt?

 

Shirins Stimme riss ihn aus seiner Starre. „Weil er will, dass ich mich für Moreno zur Hure mache. Weil er will, dass ich in Morenos Bett gehe, um den Deal zu versüßen und Informationen aus ihm herauszuvögeln. Wie heilig ist dieses Sakrament, Pater Nataniel, sagen Sie es mir.“

 

„Wenn Sie immer wussten, was für einen Mann Sie heiraten werden, und davon gehe ich nach unserem Gespräch aus, kann ich Ihnen lediglich raten, mit ihm zu reden. Ihm zu sagen, wie Sie sich dabei fühlen, und an seine Vernunft zu appellieren.“ Diese Frau im Bett von Moreno. Der Gedanke drehte ihm den Magen um, und gleichzeitig stand plötzlich jede einzelne Nervenbahn in seinem Körper in Flammen. Er konnte nicht anders, und für die Dauer eines Wimpernschlags stellte er sich seine Hände anstelle von Fredys fleischigen Pranken vor, wie sie diesen zarten, eleganten Körper bereisten, bevor er sich daran erinnerte, wer er war, wer er immer hatte sein wollen. „Reden Sie mit ihm, und dann kommen Sie wieder zu mir. Wenn Sie auf die Klingel neben dem Kirchenportal drücken, egal zu welcher Tages- und Nachtzeit, werde ich innerhalb weniger Minuten bei Ihnen sein. Ich höre das Klingeln in der Sakristei und auch in meiner Wohnung. Wir werden eine Lösung finden, das verspreche ich Ihnen.“

 

Sie sah ihm in die Augen, und er hatte das unbestimmte, enervierende Gefühl, dass sie ihn durchschaute. Dann nickte sie. „Gewiss, Pater, und anschließend sind alle zufrieden. Dazu ist die Kirche ja da, nicht wahr?“

 

Sie ließ ihn nicht zu Wort kommen, drehte sich um und ging in der hereinbrechenden Dunkelheit die Straße hinunter. Sie war die Ehefrau von O’Donnell, der im Embassy Suites abgestiegen war.

 

Gottes Wege waren unergründlich, hieß es, und schon lange hatte er nicht mehr das Gefühl gehabt, wirklich zu glauben, was er tagtäglich predigte.