Remember Ryan

Kapitel 1

 

Es waren Fehlzündungen, die Ryan McKnight aus seinem dringend benötigten Schlaf weckten. Die letzte Nacht war kurz gewesen, zuerst der Auftritt in der spätabendlichen Live-Show in Melbourne mit anschließender, gehörig aus dem Ruder gelaufener After-Show-Party, dann der Pub in der Fenton Street in Oakleigh East. Oh verdammt, der Pub. Sein Schädel dröhnte. Der neue Tag war längst angebrochen gewesen, als sie endlich ins Hotel zurückkehrten. Dort war der nächste Ärger vorprogrammiert, denn die Zimmer waren für den nächsten Tag schon wieder gebucht und sollten bis zehn Uhr geräumt werden. Rockstar-Bonus? Fehlanzeige. Sie waren an einen siebzig Jahre alten Concierge ohne jede Spur von Humor geraten. Barry, der Manager von Purple Raven, saß in seinem Büro in Sydney und betrieb Schadensbegrenzung, soweit das möglich war.

Noch eine Fehlzündung. Ryan stützte den malträtierten Schädel in seine Hand und schaute aus dem Busfenster. Hinter ihm rumorte es in einer der Schlafkojen. Die, in die Daniel sich mit dem Groupie verkrochen hatte. Wie hieß die? Sally? Sammy? Sarah? Auf jeden Fall war sie es gewesen, der ihnen den Geheimtipp mit dem im Inneren einer halb verfallenen Autowerkstatt verborgenen Pub gegeben hatte, in dem verbotene Getränke ausgeschenkt wurden. Ryan fragte sich, wie das Mädchen wieder nach Hause kommen wollte. Dass der Bassist ein Groupie nach dem Vögeln behielt, war noch nie vorgekommen.

Zumindest schienen die beiden Spaß zu haben.

Er schaute zum Fenster hinaus, als der Bus langsamer wurde und vom Highway abbog. In einer Staubwolke materialisierten sich ein paar flache Gebäude, die einen weitläufigen Parkplatz umstanden. Dazu ein Diner in einem zweistöckigen Bau, der vermutlich einmal weißgestrichen gewesen war, jetzt aber die Farbe des ewig über diese Gegend herziehenden gelben Sandes angenommen hatte.

„Wo sind wir?“, wollte er wissen.

Cooper stand bereits vorn beim Fahrer und hatte das Handy am Ohr. Vermutlich telefonierte er mit Barry. Ryan wunderte sich immer wieder, wie es dieser Tausendsassa, Leadsänger von Purple Raven und seit Jahr und Tag sein bester Freund, schaffte, trotz Unmengen verbotener Flüssigkeiten nie einen Kater zu haben. „Drei Meilen hinter Mittagong“, rief Cooper ihm zu, ohne das Telefon herunterzunehmen. „Der Bus ist hinüber.“

„War ja klar.“ Deshalb also war ihm beim Aufwachen die Gegend so bekannt vorgekommen. Er schob sich aus der Sitzbank und prügelte mit der geschlossenen Faust einmal heftig gegen die dünne Wand der Koje, aus der soeben ein verzücktes Quietschen getönt war. „Komm zum Ende, Dan, das ist ja nicht auszuhalten.“

Im nächsten Moment geriet der Bus ins Schlingern, die Bremsen blockierten. „Pass doch auf! Scheiße, was war das denn?“ Gerade so gelang es Ryan, sich am Rahmen von Dans Koje festzuhalten, bevor er den Boden küsste. Adam, der Fahrer, riss das Lenkrad herum, und nur weil der Bus so langsam fuhr, blieb er auf allen vier Rädern. Das Bremsmanöver schleuderte Ryan gegen die Rückenlehne eines der Sitze. Wutentbrannt stürmte er nach vorn.

„Hast du sie noch alle?“, motzte er Adam an.

„Sollte ich das Kind überfahren?“

„Welches Kind?“

Cooper wies nach links, wo drei halbwüchsige Jungs mit ihren Mountain Bikes stehengeblieben waren und mit großen Augen den Bus anstarrten. „Der dünne mit dem grünen Rad ist direkt vor uns durch den Staub gefegt. Kaum sichtbar.“

„Haben die kein Zuhause? Welcher Idiot lässt seine Kinder auf einem Motelparkplatz radfahren? Geht’s noch?“

Cooper gab ihm einen Klaps auf den Hinterkopf. „Du hast das in dem Alter auch gemacht. Um was wetten wir? Entweder Motels oder Supermärkte. Keiner hat das je anders gemacht.“

Ryan zerrte seine Gitarre aus der Koje über dem Kopf seines Kumpels und strebte zum Ausgang.

„Ich muss telefonieren“, knurrte er. „Mach die Tür auf, Adam.“

„Hey!“ Das war die verschlafene Stimme von Josh, der mit Kopfhörern auf den Ohren in einer der hintersten Bänke saß und hämisch grinste. Der Schlagzeuger war zwar ständig bekifft und wirkte meistens so, als ob er fest schliefe, aber ihm entging einfach nichts. „Wen willst du denn anrufen?“

„Geht dich einen Scheißdreck an.“ Wenn er unausgeschlafen war, verhielt er sich wie ein bockiger Teenager. Er wusste das, hatte aber keine Lust, etwas daran zu ändern.

„Kylie mit den spitzen Schreien? Warum rufst du die nicht von deinem Handy an?“

„Weil ich nicht will, dass sie meine Nummer hat. Ich brauche zwischendurch auch mal meine Ruhe.“

„Schon mal was von Rufnummerunterdrückung gehört? Ich kann nicht glauben, dass deine Weiber sowas mit sich machen lassen“, brummte Josh.

„Weil sie dafür The Knight bekommen. Scharfes Schwert und alles. Machst du jetzt die Tür auf, Adam?“

Die Staubwolke, in der der Bus zum Stehen gekommen war, legte sich. Ryan sah auf die Uhr. Kurz nach drei an einem lauschigen Sonntagnachmittag im Januar. Die Sonne stand noch hoch, die Luft geschwängert von sommerlicher Hitze. Hier draußen war der Brandgeruch noch viel penetranter. Aber die Genugtuung darüber, dass er Recht gehabt hatte, wollte sich nicht einstellen. Ein stetiges Summen umgab ihn, aber er wusste, dass es nur in seinem Kopf war. Etwas in ihm sehnte sich danach, dass es endlich anfing. Dass diese Warterei, diese Unsicherheit ein Ende hatte. Außerdem hasste er es, Dates absagen zu müssen. Die Damen der jeweiligen Wahl gingen damit nicht so gut um. Es störte ihn nicht weiter, was das emotional mit ihnen anrichtete, aber er konnte es nicht ausstehen, dass sie danach ewig drauf herumritten, dass er noch was wiedergutzumachen hatte. Meistens machte er dann Schluss. Aber er kannte Kylie gerade erst zwei Wochen, und die letzte Aktion, als er mit einer sogenannten festen Freundin Schluss gemacht hatte, war von übelsten Schlagzeilen begleitet gewesen, die dem Image der Band eine Delle eingebracht hatten. Cooper hatte ihn gebeten, das nächste Mal etwas diskreter zu sein. Aber diskret Schluss machen ging nicht. Es würde wieder im Karton rumpeln, und darauf hatte er keinen Bock.

Cooper hängte sich aus der Bustür heraus. „Hast du ABC angerufen?“, schrie er über den Platz.

„Mach du das“, rief Ryan zurück und schob die Gitarre auf seinem Rücken zurecht. „Du kannst das besser.“

„Danke für nichts, Mate! Was ist mit Barry?“

Ryan winkte desinteressiert ab, und Coopers Fluch ignorierte er. Ein Telefon. Er entschied, dass die Tür, vor der sich eine Werbetafel im Wind drehte, der Eingang zur Rezeption sein müsste, und machte sich auf den Weg. Schnarrend bremste ein Fahrrad im Dreck halb hinter, halb neben ihm, das Hinterrad schlingerte aus der Bahn, ehe der Fahrer es zum Stehen brachte. Effektvoll, dachte er. Der Bengel fährt nicht erst seit gestern.

„Seid ihr die Jungs von Purple Raven?“ Stimmbruch. Er grinste und drehte sich um, ohne stehenzubleiben, ging rückwärts weiter. Es war der Junge mit den dunklen Haaren, der nahe dran war an den ersten Zeichen von Unterernährung und von dem Josh behauptete, er sei vor den Bus gefahren. Lernte wohl nicht, der Knabe.

„Was, wenn?“, fragte er zurück.

„Kann ich ein Autogramm haben?“

„Soll ich auf deinem Fahrrad unterschreiben?“

„Du bist der Gitarrist, ja?“

Sein Grinsen verbreiterte sich, er blieb stehen und klopfte auf das Gehäuse des Instruments über seiner Schulter. „Wie kommst du denn darauf?“

„Die Gitarre verrät dich“, sagte der Junge, ohne das Gesicht zu verziehen. „Hey, wollt ihr hier übernachten? Es ist tote Hose jetzt nach Weihnachten, keiner hat mehr Geld. Es ist alles leer. Was ist denn mit dem Bus?“

„Soll ich dir auch antworten oder macht es dir einfach Spaß, Fragen zu stellen?“

Der Junge kletterte wieder auf sein Rad, um den Abstand zwischen ihnen zu verringern. „Soll ich dir was verraten?“

„Kann ich dich denn aufhalten?“

„Ich hab alle eure Songs, aber meine Mom weiß das nicht.“

„Du verschwendest dein Taschengeld.“

„Nö. Ich lade die aus dem Internet runter.“

„Du bist ein Krimineller.“

„Das ist nicht meine Schuld. Meine Mom erlaubt mir nicht, eure Alben zu kaufen.“

„Deine Mom ist eine kluge Frau. Du hintergehst sowohl sie als auch mich, wenn du sowas machst. Soll ich dich anzeigen?“

„Würdest du das denn? Ich bin erst dreizehn, was soll denn dabei rauskommen? Ich bin ja noch nicht strafmündig.“

„Eine prächtige Schadensersatzklage an deine Mom. Sie wird sich bedanken.“

„Dann würde sie endlich diesen Kasten hier verkaufen müssen. Das nervt so, sie klammert sich dran wie eine Ersaufende sich an eine Holzplanke von dem auseinanderbrechenden Schiff klammert.“

„Du magst Schiffe?“

„Habe ich das gesagt?“

„Deiner Mom gehört der Laden hier? Was ist mit deinem Dad?“

„Hab ich nicht.“

„Jeder hat einen Dad.“

„Brauche ich nicht. Krieg ich ein Autogramm? Zeigst du mir ein paar Griffe auf der Gitarre?“

„In dieser Reihenfolge?“

„In irgendeiner Reihenfolge. Wie lange bleibt ihr hier?“

„Bis vorgestern. Ich muss jemanden anrufen.“

„Ich hole was, wo du unterschreiben kannst. Telefon ist bei meiner Mom in der Rezeption. Ich finde dich da.“ Der Junge trat schwungvoll in die Pedale und verschwand in einer neuen Staubwolke um das Haupthaus herum. Ryan starrte ihm hinterher.

„Was war das denn?“, fragte er Cooper, der zu ihm aufschloss. Cooper starrte ihn an, als hätte er einen Geist gesehen.

„Ist mit dir alles in Ordnung, Alter?“

Cooper öffnete den Mund, schloss ihn wieder, schien nach Worten zu suchen, starrte auf die Hausecke, hinter der der Junge verschwunden war.

„Hast du Verwandte hier in der Gegend?“, fragte er schließlich.

„Was? Wie kommst du darauf?“

„Der Bursche da …“ Cooper wies auf die Hausecke. „Ich könnte schwören, Mann, das sah aus, als ob du dich mit einem Verjüngungsspiegel unterhältst.“

„Mit einem was?“

„So ein scheiß Spiegel, Mann, in dem du zwanzig Jahre jünger aussiehst.“

„Was hast du denn geraucht?“

Josh schloss zu ihnen auf, und er sah nicht viel besser aus als Coop. „Der kleine Kerl hat deine Augen und dieselbe große Klappe wie du, Mann. Hast du das nicht gemerkt?“

Ryan verdrehte die Augen. „Aber klar doch. Sicher. Und nein, ich habe keine Verwandten hier. Großartig. Da hab ich also gerade meinen Doppelgänger gefunden, und er fährt Mountain Bike. Wie hübsch. Darf ich dann jetzt? Ich muss telefonieren.“ Er stieß die Tür zur Rezeption auf. Gefilterte Luft empfing ihn und ein Hauch von Putzmittel. Der geflieste Boden im Eingangsbereich ging hinter einer Glastür in überraschend weichen und gut erhaltenen Teppichboden über. Linker Hand der leere Rezeptionsschalter, der Computer lief, und aus einem Radio an der Wand klang eine leise, unaufdringliche Melodie. Er suchte nach einem Münzfernsprecher und konnte keinen entdecken. Dafür stand auf dem Tresen der Rezeption eine dieser in Hotels üblichen kleinen Messingschellen, mit denen man sich Aufmerksamkeit verschaffen konnte. Er war eben im Begriff, draufzudrücken, als er eine Bewegung in dem Gang wahrnahm, der hinter dem Schalter nach links durch eine Tür abzweigte. Licht gab es dort offenbar nicht.

„Kleinen Augenblick“, sagte eine angenehme Frauenstimme. „Ich bin gleich bei Ihnen, ich bring nur eben die Blumen …“ Der Rest des Satzes ging in einem Aufschrei unter, gefolgt von einem Poltern und Platschen, als das Blumengesteck aus der Hand der Frau fiel, den hübschen beigefarbenen Teppich tränkte und sich in seine Einzelteile auflöste. Überall lagen plötzlich geköpfte Margeriten und abgeknickte lachsfarbene Rosenknospen herum.

 

*

 

Eine Blumenvase mit einem Gesteck aus Tulpen und Rosen brauchte nur den Bruchteil einer Sekunde, um den gut einen Meter Distanz von ihren Händen bis zum Boden zu überwinden. Grace wusste das. Mit dem rationalen Teil ihres Hirns war ihr das zu hundert Prozent klar. Aber der Teil von ihr, der ihre Hände dazu veranlasst hatte, loszulassen, war nicht der rationale. Das war der Teil, der die letzten vierzehn Jahre lang gelitten hatte. Der gehadert hatte und gezweifelt. Der vor knapp drei Jahren alle Ersparnisse zusammengekratzt und aus purer Nostalgie dieses Motel nur eine knappe Autostunde vor Sydney gekauft hatte. Der sich immer wieder die Frage gestellt hatte, ob ihre Entscheidung die richtige gewesen war. Vierzehn Jahre waren eine verdammt lange Zeit, um zu zweifeln.

Die Vase zerplatzte auf dem Sisalteppich mit einem dumpfen Ton. Rosenköpfe brachen von den Stängeln, Wassertropfen weinten glitzernde Tränen auf die Glasscherben.

Ryan McKnight.

Wo um alles in der Welt kam der her? Sie verbot sich, noch einmal in seine Richtung zu sehen, richtete ihren Blick stattdessen starr auf den Boden und fiel in die Hocke, um die Scherben aufzusammeln.

„Ähhh … entschuldigen Sie. Ich mach das weg. Ich muss eine Kehrschaufel holen. Ich … bin gleich wieder da.“ Mit den größten Scherbenbruchstücken in der Hand stand sie auf und eilte zurück ins Hinterzimmer.

Dort, zwischen abgeschnittenen Blumenstängeln, Steckmassebröseln und Blumendraht befahl sie sich, erst einmal tief durchzuatmen. Ihre Finger zitterten so stark, dass es ihr kaum gelang, die Schublade aufzuziehen, in der sich der Mülleimer befand. Fokus, Grace, reiß dich zusammen. Das musste gar nichts bedeuten. Wahrscheinlich hatte er sie noch nicht einmal erkannt. Himmel, vierzehn Jahre waren eine verdammt lange Zeit. Eine Zeit, die Spuren hinterlassen hatte. Heute war sie eine Frau von einunddreißig Jahren. Erste Fältchen um die Augen und ein Körper, der zu einer Mutter gehörte, nicht mehr zu einem jungen Mädchen. Sie hatte sich verändert. Er hingegen war noch genau derselbe. Dieselben Grübchen rechts und links auf den Wangen. Dieselbe große, leicht schlaksige Figur, dieselben dunkelbraunen Strähnen, die auf seinem Oberkopf zu einem überlangen, weichen, wuscheligen Iro geschnitten waren, während er sie zu beiden Seiten über den Ohren fast komplett wegrasiert hatte. Ihr Puls begann zu rasen. Er sah so … gut aus. Natürlich, sie hatte Bilder von ihm gesehen. Auf diesen gephotoshopten Bühnen-Stills, die die Musikmagazine zierten, sah er heiß aus. Ein unerreichbarer Traum, der Mädchenhöschen zum Schmelzen brachte und Groupies zum Kreischen. Aber in echt? Oh Himmel noch mal, in echt war er eine Offenbarung. Süß und zerstrubbelt und mit genau dem richtigen Touch von Bad Boy Charme, der schon immer die richtigen Knöpfe bei ihr gedrückt hatte. Nein, nein, nein. Denk nach. Das Wichtige zuerst. Einen Fehler ein Mal zu machen, war verzeihlich. Ihn zu wiederholen, war idiotisch, und Grace Montgomery war keine Idiotin.

Also, eins nach dem anderen. Sie musste jetzt da raus gehen und die Schweinerei beseitigen. Sie musste ihn fragen, was er wollte. Und sie musste …

Die Tür, die vom Hinterzimmer hinaus in den Hof führte, flog krachend gegen die Wand. Ethan, natürlich. Auch das noch.

„Hey, Mum, voll krass. Du glaubst nicht, wer gerade gekommen ist, um bei uns einzuchecken. Das ist so krass. Warte, bis ich das Cliff erzähle oder Noah. Die werden ausflippen. Mann, ich kann gar nicht glauben, wie cool das ist. Ausgerechnet hier in der Pampa.“ Seine Stimme überschlug sich mit stimmbrüchiger Euphorie. Grace wischte sich mit dem Handrücken eine Haarsträhne aus der Stirn und ließ sich mit dem Rücken gegen die Wand fallen. Bitte nicht jetzt, betete sie. Ich kann das nicht. Ich kann nicht jetzt mit dir über alles reden, während Ryan draußen in der Rezeption sitzt und wahrscheinlich noch nicht einmal den Hauch einer Ahnung hat, was für eine apokalyptische Katastrophe gerade auf ihn zurollt.

„Du bist eine halbe Stunde zu spät.“ Ein lausiges Ablenkungsmanöver, aber ein gerechtfertigtes.

„Mann, Mum, ich war unterwegs. Jetzt mach nicht so ein Fass auf.“

„Michelle wartet auf dich.“

„Die braucht mich doch gar nicht wirklich in der Küche. Die erträgt meine zwei linken Hände nur, weil du es ihr befohlen hast. Du willst mir nur mein Leben verderben. Dich interessiert gar nicht, wer ich wirklich bin. Ryan hat mir versprochen, mir ein paar Gitarrengriffe zu zeigen, und ich werde garantiert nicht in dieser beschissenen Küche sitzen und den Sklaven deiner besten Freundin spielen, während der weltcoolste Gitarrist in der Rezeption sitzt.“

„Du hast ihn … ich meine, du hast die Band schon gesehen?“ Ihre Stimme klang rau und schwach, und sie musste kurz die Augen schließen, um die Schwärze zurückzudrängen, die mit einem Mal über ihr Gesichtsfeld waberte. O Gott, das war schlimm. Richtig, richtig schlimm. Nicht, dass es nicht schon in den letzten Jahren, seit Ethan alt genug war, sich seine eigenen Idole zu suchen, schwierig genug gewesen wäre. Schwierig, seine unschuldige Verehrung des Gitarristen von Purple Raven zu begleiten, ohne sich dabei irgendetwas anmerken zu lassen. Wenn sie ehrlich war, wunderte sie es nicht. Ryan war cool, die halbe Welt, vor allem die Hälfte ohne Y-Chromosom, verehrte ihn. Er sah toll aus, machte eine 1-A Figur auf der Bühne und ließ die Finger über den Gitarrenhals fliegen wie kein anderer. Nicht, dass sie seine Karriere besonders aufmerksam verfolgt hätte. Aber man konnte einfach nicht in Australien leben und nichts von Ryan McKnight und Purple Raven wissen. Allerdings änderte es nichts daran, dass das, was hier gerade im Begriff war zu passieren, einfach nicht passieren durfte. Unter keinen Umständen.

„Das willst du doch gar nicht wissen!“, spuckte Ethan ihr entgegen und riss sie damit erfolgreich aus ihren Gedanken. „Du denkst doch nur an dieses beschissene Motel hier.“ In einer fahrigen Bewegung griff sich ihr Junge einen Abrechnungsblock von ihrem Schreibtisch und war bereits auf dem Weg hinaus in die Rezeption.

„Ethan!“, brüllte sie ihm nach. „Du gehst jetzt nicht da raus. Wenn du nicht in zwei Minuten in der Küche bist, schwöre ich dir, dass du so lange Hausarrest haben wirst, dass du dir wünschst, niemals diese Rezeption betreten zu haben.“

Natürlich beachtete Ethan sie nicht. Mit Nachdruck ließ er die Tür hinter sich ins Schloss knallen. Himmel noch mal. Was hatte sich der Herr dabei gedacht, die Pubertät zu erfinden? Sie durfte das nicht zulassen. Sie durfte nicht erlauben, dass Ethan da raus ging und eine lächerlich zufällige Begegnung alles zerstörte, was sie in den letzten dreizehn Jahren versucht hatte aufzubauen. Eilig griff sie nach Aufnehmer und Besen und machte sich selbst wieder auf den Weg in die Rezeption.

Beim zweiten Mal war der Anblick von Ryan McKnight nicht weniger schwer zu verdauen als beim ersten Mal. Insbesondere, da diesmal ihr Sohn direkt neben ihm stand und sich, offenbar um Coolness bemüht, ein Autogramm geben ließ. Sie lehnte den Besen an den Schalter. Erst als sie sich sicher war, dass ihre Stimme gefasst und kühl klingen würde, sprach sie.

„Ethan Montgomery. Ich sage es dir zum letzten Mal. Geh in die Küche und mach dort, was man von dir erwartet. Und wenn du gerade dabei bist, Zwiebeln zu schälen, dann überleg dir, was das Wort Pünktlichkeit bedeutet.“

„Mum …“

„Du solltest tun, was deine Mutter sagt. Wenn du mit deiner Arbeit fertig bist, zeig ich dir die Riffs, okay?“ Ausgerechnet Ryan war es, der Ethan dazu brachte, endlich, zwar immer noch murrend aber durchaus zielstrebig, den Gang hinunterzutrotten, der von hinten Richtung Bar und Küche führte. Dabei sah er den Jungen bei seinen Worten nicht mal an, kritzelte irgendwas auf den Block und drückte den Ethan in die Hand, als er ihn anschob. Grace schluckte ihre Wut hinunter. Das war … das war sowas von ungerechnet. Sie war es gewesen, die Nächte an Ethans Bett verbracht hatte. Die den ersten Zahn mit ihm zuerst beweint und dann gefeiert hatte und die ersten Schritte. Die ihm Wadenwickel machte, wenn er fieberte, und die sich nun mit ihm durch die Pubertät quälte. Was dachte der große Rockstar eigentlich, wer er sei, dass er hier auftauchen könnte, um mit einem einzigen Satz all ihre erzieherische Kompetenz zu untergraben? Wortlos fegte sie die Reste des Blumengestecks zusammen und stellte sich hinter den Tresen.

„Bitte entschuldigen Sie das Durcheinander. Was kann ich für Sie tun?“

Schau ihm nicht in die Augen. Schau ihm nicht in die Augen.

Den Augenblick, als sie es doch tat und sein Blick in ihren fiel, konnte sie genau benennen. Es war der Moment, in dem alles Blut seine Wangen verließ und die Pupillen in seinen mandelförmigen Augen im Schock so groß wurden, dass sie beinah all das wunderschöne, helle Blau verdrängten.

„Grace.“ Seine Lippen bewegten sich kaum, als er ihren Namen sagte, und sie wusste, ihr Leben würde nie wieder dasselbe sein.

 

*

 

Toodyay, Western Australia, 2001

 

Das Wellblechdach der heruntergekommenen Hütte schepperte, als Ryan der Fliegengittertür einen Tritt gab. Irgendwas fiel im Inneren der Hütte um, als die Tür in den Rahmen krachte, aber es interessierte ihn nicht. Gar nichts hier interessierte ihn mehr. Er hatte abgeschlossen. Er wollte nur noch weg.

„Du nichtsnutziger Hundsfott!“, dröhnte die Stimme aus dem Haus, dann ein saftiger Fluch. Wer sagte heutzutage noch Hundsfott? Aber auch das war ihm egal. Er verband die Trageriemen des schlaffen Rucksackes vor der Brust miteinander und hängte sich den Gurt der Gitarre über die Schulter. Ein Schnürsenkel hatte sich geöffnet. Er kniete sich in den Straßenstaub und band den Schuh neu. Alte Schuhe, die an den Zehen ein wenig drückten, aber so war es, wenn man in einem Haus aufwuchs, in dem das Geld nie reichte und neue Schuhe für die heranwachsenden Kinder ein Wunschdenken waren.

Kirstie brauchte keine neuen Schuhe mehr.

Er schüttelte den Gedanken von sich. Das war vorbei. Es lag hinter ihm. Es half der Vergangenheit nicht, wenn er sich von ihr diktieren ließ, was in seiner Zukunft lag. Kirstie gab es nicht mehr und er war kein Kind mehr. Die verdammten Schuhe hatte er sich erarbeitet mit dem Job als Erntehelfer. Genauso wie das Ticket in seiner Jeanstasche. Die Eintrittskarte in sein neues Leben.

Die Vergangenheit musste begraben werden. Genauso wie Kirstie und Mom. Zusammen mit dem tobenden Mann im Haus, der nicht einmal zur Tür kam, um dem verlorenen Sohn hinterherzuwinken. Dieser Mann, der sein Vater war. Auf irgendeine perverse Weise dafür verantwortlich war, dass er, Ryan McKnight, hier im Straßenstaub kniete und sich die Schuhe band, ehe er sich auf den Weg machte. Hinaus aus Toodyay, Western Australia. Hinaus in die verdammte, verfluchte Welt, der er es zeigen wollte, ehe er in einem Feuerwerk verglühte. Kein langsames, quälendes Sterben wie bei Kirstie und Mum. Er würde in einem Feuerball vergehen.

Das Toben des Mannes im Haus verklang, je weiter Ryan sich entfernte. Rechts und links der Straße die verbrannten Andenken an das Buschfeuer des vergangenen Sommers. Wenn er die glühende Hitze der Sonne in Betracht zog, die ihm den Nacken verbrannte und in die Augen stach, war das nächste Buschfeuer nicht weit. Vielleicht sollte er nachhelfen. Vielleicht sollte er eine Axt finden und einen Strommast in der Nähe seines Vaterhauses umnieten, damit die reißenden Leitungen das ausgetrocknete Steppengras in Brand setzte und mit der Hütte den letzten Rest von dem verschlang, was Ryans Leben gewesen war. Vielleicht sollte er sich einen neuen Namen ausdenken. Damit er aufsteigen konnte wie Phoenix aus der Asche. Ein Mann ohne Vergangenheit. Ein Mann, den niemand kannte, den aber alle Welt kennenlernen würde. Als den Mann mit den goldenen Fingern, der Gitarre spielen konnte wie kein anderer. Der Mann, hinter dem das ganze Land hertrauern würde, wenn er verglühte. Zu früh, würden sie alle sagen. Zu spät, würde er selbst wissen.

Unter seinen Schuhsohlen knirschten Sand und Staub.

 

*

Gegenwart

 

Ryan spürte, wie alles Blut aus seinem Gesicht wich. Aus seinen Armen, seinen Beinen. Seine Hände wurden eiskalt. Er starrte sie an.

Manchmal, nachts, wenn alles ruhig war um ihn herum, hatte er darüber nachgedacht, wie sie aussehen mochte. Jetzt. Nach all den Jahren. Er hatte immer ihre Augen gesehen, dieses tiefe, warme Grün mit den goldenen Pünktchen darin.

Sie hatte sich verändert. Das dunkelbraune Haar hing ihr in glatten, glänzenden Strähnen über die Schultern. Früher hatte sie es in wilden Locken getragen, viel länger. Selbst die sonnengebleichten Spitzen waren nicht mehr da. Sie war kleiner, als er sich zu erinnern geglaubt hatte. Die Schultern immer noch schmal, aber nicht mehr so eckig. Weicher. Kein junges Mädchen, sondern eine verdammt heiße Frau. Er schluckte schwer, während er ihre Gestalt erfasste, die auf Figur geschnittenen Jeans, den sportlich taillierten Blazer, darunter ein weißes T-Shirt, auf dem jetzt Flecken vom Blumenwasser prangten. Seine Finger zuckten, sie zu berühren. Etwas. Ein Stück Haut. Einfach nur sie. Er hatte nicht geglaubt, dass er sie jemals wiedersehen würde. Nach seiner Suche hatte er Jahre damit verbracht, sich einzureden, dass er darauf hoffte, ihr nie mehr zu begegnen. Sie war gefährlich. Sie konnte alles kippen, sein ganzes Leben, seine ganze Welt. Das hatte sie schon damals gekonnt, und er hatte die Beine in die Hand genommen und war gerannt, so weit und so schnell ihn seine Füße trugen. Sie zu sehen, hier, einfach so, eine Geschäftsfrau und Mutter, machte ihm deutlich, wie viel Zeit vergangen war. Viel mehr Zeit, als er sich jemals zugestanden hatte.

„Grace“, sagte er noch einmal, als müsse er sich vor sich selbst vergewissern, dass das alles wirklich passierte, dass sie sich nicht in Rauch auflöste, wenn er ihren Namen sagte. Aber sie löste sich nicht auf. Sie war keine Täuschung. Sie stand vor ihm. In Fleisch und Blut, diese Frau, deren Existenz ihm mittlerweile wie ein Traum vorgekommen war, nicht mehr wie eine Erinnerung.

„Hallo, Ryan“, sagte sie. Es sollte offenbar kühl klingen, aber er hörte das Zittern hinter den Worten. „Kann ich etwas für dich tun?“

Alles. Sie könnte alles für ihn tun. Sie könnte ihn ansehen, ohne diese kleine Furche zwischen ihren Augenbrauen. Sie könnte einen Schritt näher kommen, damit er herausfand, ob sie noch genau so roch wie damals, ein bisschen nach frisch gemähtem Gras, ein bisschen nach Blumen. Sie könnte endlich diese verdammten Scherben aus der Hand legen, damit er nicht mehr fürchten musste, dass sie sie ihm in den Bauch rammte als Revanche für die schäbige Art und Weise, wie er sich aus ihrem Leben gestohlen hatte.

„Ist das … arbeitest du hier?“ Was für eine dämliche Frage. Der Gedanke an den Jungen, dessen Mutter das Motel gehörte und der Grace mit Mum angeredet hatte, legte sich kalt um seinen Magen. Er kämpfte gegen aufsteigende Übelkeit. Wie hatte ihm das in all der Zeit entgehen können, dass sie so nah war?

„Das kann man so sagen. Brauchst du etwas?“ Sie ließ die Scherben und die ruinierten Blumen unter dem Schreibtisch in einen Mülleimer fallen.

„Wir … äh … hast du ein Telefon? Münzfernsprecher? Der Bus hat eine Panne, wir brauchen einen Pannendienst, und ich muss unseren Manager anrufen, damit er uns jemanden schickt, um uns abzuholen, und damit er das Interview absagt …“ Halt die Klappe, McKnight. Er plapperte. Jeder vernünftige Mensch heutzutage hatte für sowas ein Handy. Der einzige Grund, weshalb er ihren Festnetzanschluss nehmen wollte, war, um ein Groupie abzuwimmeln. Warum konnte er es nicht einfach aussprechen?

„Ich könnte dir ein Taxi rufen“, sagte sie, hob einen altmodischen Apparat auf den Tresen und nahm den Telefonhörer. „Nach Sydney, sagst du?“

Ihre Hand mit dem Hörer zitterte. Er machte die zwei Schritte auf den Rezeptionsschalter zu und streckte die Finger aus, nahm ihr den Hörer aus der Hand. Die Berührung seiner Finger an ihrer Haut war wie damals. Genau wie damals. Elektrizität. Damals hatte es ihn erschreckt und verunsichert. Heute schockierte es ihn. Es war immer noch da. Er legte den Hörer zurück auf die Ladestation.

„Hast du Zeit, Grace?“, fragte er und sah ihr in die Augen. „Können wir reden? Bitte. Der Junge … er sagte, es sei tote Hose jetzt nach Weihnachten.“

„Sagt er das? Ich …“

„Grace“, unterbrach er sie. Er liebte es, wie ihr Name auf seinen Lippen klang. „Nur reden …“

Heftig schüttelte sie den Kopf. „Nein.“

Seine Knie wurden weich. Sie war damals schon nicht gut darin gewesen, ihre Gefühle zu verbergen. Damals waren ihre Gefühle gewesen, verlass mich nicht, Ryan, lass uns zusammenbleiben, bis in alle Ewigkeit. Zusammen können wir alles erreichen. Weit weg von deinem Toodyay und meiner verbohrten Vorstadtidylle. Er war davongelaufen wie ein verschrecktes Pony, achtzehn Jahre alt und mit hochtrabenden Träumen, in die ein Mädchen, das sich an ihn klammerte, nicht passte. Dazu eine Angst, die er ihr nicht hatte antun wollen. Heute war ihr Gefühl, dass sie ebenso wie er spürte, dass da immer noch etwas war. Mehr war, als einer von ihnen verkraften konnte. Er griff nach der Tischplatte zwischen ihr und sich, atmete tief durch. Sternchen tanzten vor seinen Augen. Er musste den Kopf senken, um das Schwindelgefühl loszuwerden. Seine Handflächen hinterließen feuchte Flecken auf dem Holz, als er die Platte losließ und den Kopf wieder hob.

„Seit wann trägst du eine Brille?“, fragte er.

„Was?“ Die Fassungslosigkeit in ihrem Blick war echt. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass er eine so banale Frage stellen würde. Er versuchte ein Grinsen, aber es misslang.

„Da du ja über das, was war, nicht reden willst …“

„Nein, das will ich nicht, denn es ist schon lange vorbei. Und meine Brille geht dich nichts an. Also ein Taxi, ja?“

„Grace …“

„Hör auf. Okay, hör einfach auf.“ Sie legte die Fingerspitzen an ihre Schläfen. „Ich will darüber nicht reden. Ich rufe dir ein Taxi. Ich rufe dir auch den örtlichen Pannendienst. Ich kann das hier nicht gebrauchen, hörst du? Ich kann das nicht.“

„Gib mir die Nummer“, sagte er leise. „Für den Pannendienst. Ich rufe dort mit dem Handy an. Können wir bei dir etwas trinken und vielleicht etwas essen, während wir warten?“ Er konnte sich nicht an ihrer klaren, blassen Haut sattsehen, an den Sommersprossen auf ihrer Nase, an ihren wassergrünen Augen. Sie notierte eine Nummer auf einem Blatt ihres Rechnungsblockes. Sie hatte ganz lange, schmale Finger, die kurz geschnittenen Nägel in mauve lackiert.

„Im Gastraum ist alles frei. Die Küche ist bis einundzwanzig Uhr geöffnet. Hast du eine Kreditkarte zur Hand?“

„Traust du mir nicht?“

Sie hob die Brauen. „Nein, Ryan, ich traue dir nicht. Ich kenne dich als jemanden, der sich bei Nacht und Nebel davonstiehlt und …“

„Sich nicht bei dir meldet? Selbst wenn ich gewollt hätte, Grace, wie denn?“

„Du hast also nicht gewollt?“

Er stöhnte auf. „Himmel, Grace, ich war achtzehn! Es hat mir Angst gemacht!“

„Was hat dir Angst gemacht?“

Er packte ihr Handgelenk und zwang sie, ihn anzusehen. Ihn anzusehen und die leisen elektrischen Schocks zu fühlen, die von seiner Handfläche zu ihrer Haut und wieder zurück pulsierten.

„Das, Grace. Das hier. Alles. Du. Ich. Das war nicht geplant. Es hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen, und ich war zu jung, um damit umzugehen. Glaubst du, ich hätte es nicht bereut?“

„Hast du das denn?“

„Was, wenn ich sage, dass ich es seit mehr als zehn Jahren jeden Tag bereue?“

Für einen Moment verfing sich ihr Blick mit seinem. Dann ging hinter ihm die Tür auf. Grace entriss ihm ihre Hand. Er verdrehte die Augen, als er sich zu Josh und Cooper umwandte.

„Ich hab die Nummer für den Pannendienst. Wir können hier was essen und trinken. Ich bezahle.“

„Wie großzügig“, murmelte Josh, während Cooper sich sofort mit einem Ellenbogen lässig auf den Rezeptionstresen lehnte.

„Hi. Miss. Wie geht es?“

„Hast du Barry angerufen?“, fragte Ryan, dem es nicht gefiel, wie Cooper sich zu Grace beugte, um sie aufmerksam zu mustern.

Geistesabwesend winkte Cooper ab. „Adam telefoniert gerade mit ihm. Barry will versuchen, ob er die ABC hierher schicken kann.“ Er zwinkerte Grace zu. „Würde Ihnen das gefallen, Miss? Das Fernsehen vor Ihrem Motel? Wäre doch tolle Werbung, oder?“

Grace erbleichte, sie schluckte und wusste nichts zu antworten. Ja, vermutlich war das gute Werbung, wenn die ABC das Live-Interview nicht vor den Studios in Sydney aufzeichnete, sondern der Bus vor dem kleinen Motel im Niemandsland bei Mittagong geparkt war. Gleichzeitig gab es mit Sicherheit in diesem Augenblick tausend Dinge, die Grace lieber ertragen würde, als eine Fernsehcrew und vier durchgeknallte Rockmusiker.

„Wir werden Miss Montgomery nicht damit behelligen“, sagte er entschieden und schob Cooper zur Seite. „Wo ist Daniel? Ist er die Klette losgeworden?“

„Er kümmert sich drum. Hey, übrigens, hast du Kylie angerufen? Deswegen wolltest du doch das Festnetz.“ Cooper grinste über das ganze Gesicht. Zweifellos stand Ryan die Mordlust ins Gesicht geschrieben. Grace war schon damals ein schlagfertiges junges Ding gewesen. Sie brauchte zwei Sekunden, um das Telefon in Ryans Reichweite zu schieben.

„Bitte, Mr. McKnight“, sagte sie kühl und lächelte ihn süßlich an. „Ich werde den vertelefonierten Betrag einfach auf Ihre Getränkerechnung setzen.“

Cooper lachte schallend und schlug ihm auf die Schulter, dann wandte er sich an Grace. „Miss, der kleine Kerl, den wir da draußen fast über den Haufen gefahren haben, ist das Ihrer? Grünes Fahrrad, dunkle Haare, spindeldürr?“

Ryans Füße wurden kalt. Der Junge. Ethan hatte sie ihn genannt. Der Junge, von dem Cooper und Josh behaupteten, dass er Ryan McKnight wie aus dem Gesicht geschnitten war.

Doch Graces Entsetzen rührte nicht aus der puren Erwähnung des Jungen, sondern aus dem, was Cooper gesagt hatte.

„Was meinen Sie damit, über den Haufen gefahren?“, fuhr sie ihn an.

Cooper hob beide Hände. „Ist ja nichts passiert. Er war da mit zwei Kumpels am Radfahren im Hof, aber unser Chauffeur hat ihn noch rechtzeitig gesehen. Keine Sorge. Sie könnten ihm trotzdem die Hammelbeine langziehen. Oder Sie lassen das seinen Vater machen.“ Typisch Cooper. Mit der Subtilität einer Abrissbirne. Ryan verkniff sich ein Aufstöhnen.

„Dafür braucht mein Sohn keinen Vater“, schnappte sie, statt der Blässe wurde sie jetzt feuerrot vor Wut. „Mein Sohn braucht überhaupt keinen Vater.“ Ganz kurz irrte ihr zorniger Blick zu ihm und er konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass es eine Botschaft an ihn sein sollte, aber dann war sie wieder ganz die professionelle Geschäftsfrau.

„Wenn Sie mich entschuldigen wollen? Der Gastraum ist dort entlang. Speisekarten liegen auf den Tischen aus. Klingeln Sie einfach an der Bar, wenn Sie bereit sind, zu bestellen. Ich werde mich darum kümmern, oder meine Mitarbeiterin, Michelle. Ich habe etwas zu erledigen.“ Sie nickte Cooper und Josh zu, vermied jeden Blick auf Ryan und verschwand durch die Tür hinter der Rezeption.

„Was für eine Frau“, sagte Cooper, an niemanden im Bestimmten gewandt, aber das musste er auch nicht. Ryan wusste genau, wen er ansprach.

„Jetzt lass uns ein Bier bestellen, und dann, mein alter Freund, erzählst du mir, wie einem Kerl passieren kann, dass er so ein Mordsweib aus den Augen verliert.“

 

 

Kapitel 2

 

Werribee, Victoria, 2001

 

„Grace Montgomery, ich hasse dich!“ Schrill tönte die Stimme über den Schulhof. Grace kurbelte das Seitenfenster ihres uralten dunkelblauen Pick-Ups hoch und legte einen Gang ein. Die durchdrehenden Räder wirbelten Staub auf, bis sie endlich griffen. Die gelbe Wolke legte sich schneller, als Grace gehofft hatte. Sie schaute in den Rückspiegel und sah Jassys verloren dastehende Gestalt, umwirbelt von Staub.

Verdammt, das schlechte Gewissen würde sie für den Rest ihres Lebens nicht mehr loswerden.

Grace hatte keine Geschwister, sie war ein Einzelkind. Jassy war ihre beste Freundin. Die Tochter von Mums bester Freundin aus dem Kulturverein. Mit ihren vierzehn Jahren war Jassy drei Jahre jünger als Grace, aber sie waren wie Schwestern aufgewachsen und hatten alles geteilt, solange Grace sich erinnern konnte. Aber Jassys Eltern hatten nicht zugestimmt, als es darum ging, dass sie gemeinsam zu dem Rock-Festival nach Sydney fahren wollten. Grace hatte gerade erst seit vier Wochen ihren Führerschein, es war schwer genug gewesen, ihre eigenen Eltern zu überzeugen. Sie hatten Angst, dass ihre Tochter auf Abwege geriet, weit weg von Golfclub und Sonntagsschule. Schließlich hatten sie doch zugestimmt, als Grace bei ihrem Leben und ihrer Seele geschworen hatte, eine Six-Inch-Rule einzuhalten. Nicht näher als sechs Inches an einen Jungen. Schließlich war sie eine Montgomery und Montgomerys wussten, was sich gehörte. Aber für Jassy führte kein Weg nach Sydney.

Grace wusste, dass Jassy gehofft hatte, dass sie dann auch hierbleiben würde. Hier, in Werribee, diesem kleinen, sauberen Vorort von Melbourne, wo jeder jeden kannte. Aber zu lange schon fieberte Grace auf dieses verlängerte Wochenende hin. Seit drei Jahren sparte sie darauf. Zuerst für den Führerschein. Dann für das Auto, das so klapprig war, dass wahrscheinlich Noah es schon für seine Fahrt zur Arche genutzt hatte. Es schluckte  zu viel Diesel und fuhr nicht mehr als vierzig Meilen die Stunde, wenn sie das Gaspedal richtig durchtrat. Aber es gehörte ihr. Und es fuhr. Es würde sie bis nach Sydney bringen, ihr als Nachtquartier dienen und sie wieder nach Hause bringen. Sie hatte für die Tickets gespart und sie hatte ein ganzes Jahr im Voraus den Urlaub in dem Highway-Diner angemeldet, in dem sie neben der Schule arbeitete. Sie wollte da hin.

Aber ein schlechtes Gewissen war ein verdammt hartes Ruhekissen. Sie bog um die letzte Ecke und erreichte den Zubringer zum Highway.

Der Highway. Sie bremste. Starrte auf den plattgetretenen Asphalt, auf die fedrigen Wolken, die hoch darüber über den strahlend blauen Himmel zogen. Der Highway. Endlos. Hunderte von Meilen lagen vor ihr. Sie hatte es geschafft. Sie hatte den ersten Schritt getan.

Sie fuhr nach Sydney.

Hell yeah.

Sie nahm den Fuß von der Bremse, trat stattdessen das Gaspedal durch, stellte sich vor, wie der Pick-Up mit durchdrehenden Reifen auf die Wegstrecke schoss und alle und jeden hinter sich ließ. Laut hupend überholte sie ein Lastwagen mit drei riesigen Anhängern. Ja, die Zeiten, in denen der Pick-Up ein Überholmonster gewesen sein mochte, lagen mindestens vierzig Jahre zurück.

Aber es trieb sie ja keiner.

Vor ihr lag die Welt.

 

*

Gegenwart

 

Die Kombination aus Wut, Angst um Ethan, Verwirrung über Ryans plötzliches Auftauchen sowie ihre eigene Reaktion auf seine Anwesenheit war eine schwindelig machende Mischung. Kaum, dass sie die Tür zur Küche öffnete, schlug der Geruch nach Frittierfett und gebratenem Fleisch nach Grace wie eine Keule. Normalerweise liebte sie den Duft, der davon erzählte, dass hier gearbeitet wurde, aber heute zog sich ihr Magen zusammen. Zusammen mit dem schwirrenden Gefühl im Kopf nahm ihr das erfolgreich den festen Boden unter den Füßen.

Michelle war gerade dabei, Salat zu waschen. Von Ethan keine Spur.

„Wo ist er?“, wollte sie wissen, sich darüber bewusst, dass ihr Ton kein bisschen verhüllte, in was für eine Schieflage ihr Gefühlsleben und mit ihm ihr Körper in den letzten Minuten geraten war.

Michelle schüttelte ihre Hände trocken und wandte sich zu Grace um.

„Wer? Der super-sexy Rockstar, oder dein Sohn?“ Ihr Lächeln verriet Grace, dass sie schon im Bilde war. Wahrscheinlich hatte Ethan sich nicht zurückhalten können.

„Ethan.“ Ihr war nicht zum Scherzen zumute. „Er ist wieder mit dem Fahrrad auf der Einfahrt unterwegs gewesen.“

„Ich hab ihn rausgeschickt. So hibbelig, wie der war, hätte er sich hier drin sowieso nur die Finger abgehackt. Und mal ehrlich, Grace, am liebsten würde ich mit ihm zusammen auf Fan-Jagd gehen. Du musst schon zugeben, dass diese Jungs einfach ...“ Offensichtlich in Not um die passenden Worte, verklärte ein träumerischer Ausdruck die Miene der Freundin. „Heiß sind.“

„Dann geh doch. Vielleicht vergiftest du die großen Herren dann mit verbrannten Burgern, und ich bin dieses Problem los.“

Michelle runzelte die Stirn. Grace kam es vor, als sähe die Freundin sie jetzt das erste Mal richtig an, seit sie die Küche betreten hatte. Als müsse sie sich aus einem heißen, wahrscheinlich ziemlich melodiösen Tagtraum wecken, schüttelte Michelle kurz den Kopf.

„Okay, Süße. Du kriegst jetzt erst mal einen Schnaps von mir, und dann erzählst du, was da los ist. So kenn ich dich gar nicht. Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.“ Voller Tatendrang rückte Michelle die Aufschläge ihrer Kochjacke nach oben.

„So was Ähnliches ist es auch“, murmelte Grace, hoffend, dass die Freundin sie nicht hörte.

Es war dann doch ein Budweiser und kein Schnaps, das Michelle aus einem der Kühlschränke holte, öffnete und ihr in der Flasche reichte. Dankbar nahm Grace einen tiefen Schluck. Das Bier war kühl und herb und legte sich beruhigend um ihre Nerven. Sie ließ sich mit dem Hintern gegen die Arbeitsplatte fallen und presste das kalte Flaschenglas an ihre Wange. Ein Stoßseufzer kroch aus ihrer Kehle und ließ Michelle, die neben ihr angefangen hatte, Tomaten in Scheiben zu schneiden, fragend die Augenbrauen heben. Aus dem Augenwinkel sah Grace, wie Michelle in ihrer Arbeit innehielt und mit dem erhobenen Messer in ihre Richtung fuchtelte.

„Also, was jetzt? Muss ich die pikanten Details aus dir rausschneiden?“

„Nein.“ Noch ein Seufzen, noch ein Schauern und ein Schluck Bier, dann öffnete Grace endlich wieder richtig die Augen und suchte damit den Blick ihrer Freundin. „Eigentlich gibt es nicht viel zu erzählen. Ich bin am Arsch, trifft es allumfassend.“

„Weil Ethan mal wieder Mist gebaut hat? Mal ehrlich, Grace, er ist dreizehn. Wenn er nicht ab und zu …“

„Weil ich Mist gebaut habe“, unterbrach sie Michelle, was ihr endlich die volle Aufmerksamkeit einbrachte. Das leise, gleichmäßige Schnarren, mit dem Michelle die Klinge durch das Tomatenfleisch gezogen hatte, hörte augenblicklich auf. Trotzdem redete sie weiter. Sie musste das los werden. Sie hatte viel zu lange geschwiegen, wenn die letzte halbe Stunde sie eines gelehrt hatte, dann das. „Ziemlich genau neun Monate vor Ethans Geburt. Und jetzt holt mich dieser Scheiß in Form eines kaputten Tourbusses ein, und ich kann nichts dagegen machen, außer zuzusehen, wie alles zusammenbrechen wird. Das hübsche Kartenhaus aus verschwiegenen Details, das ich über all die Jahre gehegt und gepflegt habe, weil der Vater meines Sohnes diesen nicht verleugnen kann, wenn die beiden nebeneinander stehen.“

„Moment, Moment, Moment. Was willst du mir damit sagen? Sagst du mir gerade, dass Purple Raven …“

„Purple Raven ist eine Band, Michelle. Die aus vier Jungs besteht. Männern, kapierst du? Die auch mal achtzehn waren, und womöglich stand einer von denen mal mit seiner Gitarre über der Schulter im Regen am Straßenrand und hat eine Mitfahrgelegenheit nach Sydney gesucht. Womöglich sah der damals schon genauso gut aus wie heute, und womöglich war ich auch mal nur einfach sechzehn und verrückt und leichtsinnig.“

„Du hast dir einen Braten in die Röhre schieben lassen von einer Straßenrandbekanntschaft?“ Offenbar fand Michelle das unglaublich amüsant. Sie grinste über das ganze Gesicht. „Du bist ja zügellos gewesen, Grace Montgomery. Ausgerechnet du. Ich dachte immer, Ethan wäre das Ergebnis einer unglücklichen Liebe und dass du deshalb nie von seinem Vater redest.“

„So war es ja auch. Das mit der unglücklichen Liebe, meine ich“, fügte sie erklärend hinzu, als sie auf Michelles Gesicht wieder nur Verwirrung sah.

„Okay.“ Michelle brauchte offenbar einen Augenblick, um die Informationen zu verarbeiten. „Und wer von den Männern hat gleich das zweifelhafte Vergnügen zu erfahren, dass er seit dreizehn Jahren glücklicher Daddy ist?“

„Ryan.“ Nur ein Name. Vier einfache Buchstaben, die aber in ihrer Brust brannten und wühlten wie ein glühendes Eisen. Gott, er sah so gut aus. Immer noch. Aber das war nicht das Schlimmste. Viel fataler war das Gefühl von Elektrizität, das ihr unter die Haut geschossen war in diesem winzigen Augenblick, als seine Hand ihre Haut berührt hatte. Diese Hochspannungsleitung, die aus seinen Augen direkt in ihr Herz zu führen schien und die vor Energie und Aufregung sirrte, sobald er sie ansah. Verdammt. So war es schon damals gewesen. Genau so. Nur, dass sie damals ein junges Ding gewesen war, ein Opfer ihrer Hormone. Jetzt war sie erwachsen. Sie wusste, dass so etwas nicht in echt passierte, dass es solche Verbindungen in Wirklichkeit nicht gab. Sie waren der Stoff aus Kleinmädchenfantasien, Liebesliedern oder Schmachtromanen. In Wahrheit gab es Attraktivität und vielleicht auch Anziehung. Vertrauen, Vernunft, Höflichkeit. All die Dinge eben, auf die es bei einer Beziehung ankam. „Und er ist kein glücklicher Daddy, Michelle. Ich bin eine glückliche Mutter.“ Oder bin es gewesen, bis vor etwa einer Stunde oder so. Denn wenn ihr Sohn spitz bekam, wer sein Vater war, würde er …Sie mochte nicht mal drüber nachdenken. „Ryan ist ein Rockstar. Kein Daddy.“

„Ryan?“ Michelles erschrockenes Fiepen riss sie aus ihren Gedanken. „Ausgerechnet der? Grace! Der ist ein Vollblut-Rocker. Du stehst nicht auf böse Jungs, Grace, und der ist so bad wie sie kommen mit der ganzen Tinte auf der Haut und den Tunnels und diesem Haarschnitt. Entweder, der hat sich in den letzten vierzehn Jahren unheimlich verändert, oder du erlaubst dir gerade einen echt guten Scherz. Du stehst auf bieder und langweilig. Auf Anzugtypen mit Stock im Arsch, auf so Typen wie …“ Sie machte eine kurze Pause, dann verzogen sich ihre Mundwinkel, als hätte sie in einen fauligen Apfel gebissen. „Wie James.“

„O Gott, James.“ Hastig stellte Grace ihr Bier auf die Arbeitsplatte und sah auf ihre Armbanduhr. Viertel vor vier. „Der ist in fünfzehn Minuten hier, weil er extra früher Feierabend machen wollte, um mit mir die Bücher noch mal durchzugehen.“ Wegen dieses unsäglichen Kredits, der ihr langsam aber sicher über den Kopf zu wachsen drohte. Vor allem jetzt in der heißen Frühsommerzeit, wenn es Gott und die Welt ans Meer zog und ganz sicher nicht in ein Motel am Highway in der Steppe zwischen Canberra und Sydney. Wie es ihr gelingen sollte, sich heute auch noch auf endlose Zahlenreihen zu konzentrieren, war ihr ein Rätsel.

„Michelle? Tust du mir einen Gefallen? Hältst du Ethan von den Jungs von der Band fern? Von Ryan?“ Sie wusste, dass sie bettelte, aber das war ihr jetzt egal. Sie konnte nicht zulassen, dass Ethan dämmerte, was hier los war. „Bitte?“

„Du weißt, dass es damit nicht getan ist, oder? Du musst mit Ryan sprechen. Und mit Ethan. Ich will wetten, die beiden haben ebenso wenig eine Ahnung von all dem wie ich bis eben.“

„Michelle …“

„Okay, Süße. Aber nur für heute Abend. Weglaufen ist nicht mehr, das ist dir doch klar, oder? Ryan hat ein Recht darauf zu erfahren, dass er Vater ist.“

„Ethan hat keinen Vater!“ Der Ausbruch war nicht fair. Schließlich konnte Michelle nichts für diese ganze Misere und hatte ihr zudem gerade versprochen, ihr zu helfen. Aber das, was sie gerade gesagt hatte, war genau das gewesen, was sie niemals hatte hören wollen. Sie war keine geldgeile Trittbrettfahrerin, die sich an den Star hängen wollte. Das hatte man ihr einmal unterstellt, und einmal reichte für ein Leben. Vielen Dank auch, Ryan McKnight, ich komm mit meinem Leben und meinem Sohn wunderbar allein zurecht. Grace versuchte, den aufflammenden Zorn mit einem weiteren Schluck Bier hinunterzuspülen, aber es war zu spät. Zu sehr fraß er bereits an ihrer Fassung.

„Er hat einen Erzeuger, kapierst du? Wir sind die letzten Jahre wunderbar ohne ihn ausgekommen. Wir brauchen ihn nicht. Wenn wir etwas brauchen, dann ist es genau das, was du sagst: einen Vater für Ethan, nicht einen abgehobenen Rockstar, der nur an sich denkt und an sonst nichts anderes in der Welt. Genau deshalb geh ich jetzt nach oben und warte auf James.“

Ohne Michelle noch einen Blick zu gönnen, stürmte sie davon.