Polarfieber

Sequmeqqasoq inuunera

Suussuseeruttorlu tarniga

Tunigakku pilluaammik

Asavagit

 

(Naneruaq – ”Sila Perseqaaq”)

 

 

Wer die Militärbasis in Thule erreichte und nicht ausgerechnet ein Tourist war – Touristen kamen selten hierher – hatte immer ein erstes Ziel. Silas freute sich darauf. Der einzige Grund, weshalb er auf dem amerikanischen Stützpunkt landete und nicht direkt bis nach Qaanaaq weiterflog, war die Halle. Eine wilde Mischung aus Soldatenkantine und Pub, mit gelegentlicher Live-Musik und mehr oder weniger tiefsinnigen Gesprächen zwischen Menschen aller Hautfarben und politischen und religiösen Gesinnungen. Er zog sich die dicken Pelzfäustlinge von den Händen und sprang auf den schneebestäubten Asphalt hinunter. Der Fahrer des Schleppers erkannte ihn und grinste.

 

„Du schon wieder“, sagte Marc, ein Amerikaner, der sich nach seiner aktiven Militärlaufbahn hier im Norden Grönlands festgesetzt hatte wie das Inlandeis. „Was treibt dich dieses Mal hierher?“

 

„Charter. Auf dem Weg nach Qaanaaq.“

 

„Du hast dein Ziel verfehlt, mein Junge. Wusste gar nicht, dass in Qaanaaq ein Schneesturm herrscht, der dich hierher geweht hat.“

 

„Red kein dummes Zeug. Wann hast du Feierabend?“ Silas schüttelte Marc die Hand, doch dann überlegte er es sich und zog den riesigen Mann in eine feste Umarmung. Kontakt zu anderen Menschen war hier selten, die Gelegenheit ergab sich kaum.

 

„Wenn es dunkel wird“, erwiderte Marc.

 

„Sehr witzig. Bringst du mich zum Kontor? Muss den Flug abzeichnen lassen.“

 

Marc winkte ab. „Ich mach das für dich. Wo willst du wirklich hin?“

 

Silas zwinkerte nur und schwang sich auf den Beifahrersitz des grellgelben zivilen Flughafenjeeps. „Kühl bei euch hier oben“, bemerkte er und zog sich die Handschuhe wieder an.

 

„Die Jahreszeit für Jeans und T-Shirt ist vorbei.“ Marc hatte den Motor laufen lassen, um zu verhindern, dass es dem Jeep zu kalt wurde und er nicht ansprang. Ein immerwährendes Problem in Thule.

 

Silas schüttelte den Kopf, als Marc ihm eine Zigarette anbot. Rollsplit knirschte unter den Reifen, während sie den Asphalt der Landebahn verließen und hinauf in die Siedlung fuhren. Als er einen ersten Blick auf den warmen Glanz in den Fenstern der Halle erhaschte, schloss Silas genießerisch die Augen. Oh, ja. In Qaanaaq gab es zwar Alkohol, aber selten Gesellschaft. Man saß in seiner Kammer in Claus Jensens Hotel und leerte trübselig ein Glas nach dem anderen. Auf der Militärbasis in Thule gab es kostenlos Gespräche dazu.

 

„Ich komm in ein oder zwei Stunden nach“, versprach Marc, hielt an und ließ Silas aussteigen. „Ich kümmere mich um deinen Chopper. Wann fliegst du weiter? Heute noch?“

 

„Heute werde ich zu viel trinken, um noch weiterfliegen zu können.“

 

Ein Grinsen erschien auf dem wettergegerbten Gesicht des anderen. „Dann wirst du wohl später ein Bett brauchen?“

 

„Das wird sich im Laufe des Abends herausstellen. Vielleicht kriege ich ja ein besseres Angebot als deine Gästecouch.“

 

„Du bist unverbesserlich.“ Marc gab ihm einen Stoß und Silas fand sich auf dem unbefestigten Vorplatz der Halle wieder. Hier herrschte immer Betrieb. Piloten betraten die Halle oder verließen sie wieder, viele allein, manche in Grüppchen. Dick eingepackt in gefütterte Parkas, Fellmützen auf den Köpfen, Schals vor den Mündern. Jeder Atemstoß bildete weiße Wolken, die sich zu einem dichten Hochnebel verbanden. Thule Ende Oktober war eine verdammt frostige Angelegenheit. Seit etwa achtundvierzig Stunden herrschte Polarnacht.

 

Als er die Halle betrat, bemerkte er an der Tür zwei Mädchen, wie sie in Thule an vielen Ecken standen. Offiziell natürlich nicht, aber die jungen Piloten, die es hierher verschlug, brauchten Abwechslung. Silas war kein junger Pilot mehr und dem Militär hatte er vor Jahren den Rücken gekehrt. Aber die Mädchen von Thule hatte er zu schätzen gelernt. Sie lebten ein frostiges Leben in einer eiskalten Welt – und das in vielerlei Hinsicht. Die Wärme, die sie schenkten, tat gut. Als er neu nach Grönland gekommen war, hätte Silas beinahe eine von ihnen mit nach Hause genommen. Palleq, ein zauberhaftes Geschöpf mit hüftlangem dichten Haar und rabenschwarzen Wimpern, aber als er herausfand, dass Palleq erst sechzehn war und ihr Vater, ein Jäger in Siorapaluk, nach ihr suchte, hatte er die Beine in die Hand genommen. Das Letzte, was er brauchte, war ein halbes Kind mit nach Maniitsoq zu nehmen und einen wutschnaubenden Vater hinter sich zu wissen. Er hatte Palleq bei seinen letzten Besuchen in Thule nicht mehr gesehen. Vielleicht hatte Daddy sie gefunden. Er hoffte es. Die andere Möglichkeit, was aus ihr geworden sein könnte, mochte er nicht in Betracht ziehen. Die meisten Mädchen, die als Soldatenspielzeug in Thule landeten, wurden nicht gesucht. Oft genug waren die Väter sogar froh, dass die Mädchen einfach verschwanden. Weniger Münder zu füttern daheim. Silas brachte es nicht über sich, diese Frauen dafür zu verurteilen, dass sie sich verkauften. Sie versuchten, der Härte des Lebens, in das sie hineingeboren waren, zu entkommen. Und landeten in einem noch härteren Leben. Keine von ihnen brachte es zu etwas. Aber alle träumten.

 

Er verstand das sehr gut, auch wenn er selbst schon lange nicht mehr träumte. Er war nach Grönland gekommen, um vor seinen Träumen zu fliehen. Manchmal gelang es.

 

Er nickte den Mädchen freundlich zu und sie lächelten zurück. Strahlend weiße Zähne in braunen Gesichtern unter dunklen Wollmützen. Die Augen trüb.

 

Er würde Marcs Angebot annehmen und diese Nacht allein schlafen, auf der Schlafcouch im Wohnzimmer der Rossums. Mit genug Alkohol im Bauch, um nicht nachdenken zu müssen.

 

„Also, was treibt dich nach Qaanaaq?“ Silas war überrascht, als Marc plötzlich neben ihm auftauchte. War schon eine Stunde vergangen? Vor ihm stand das zweite Bier des Abends. Noch war der Kopf klar, nur ein bisschen müde, das machten die Kälte und der lange Trip, den er hinter sich hatte. Es dauerte nur ein Augenzwinkern, bis der dicke Barkeeper auch Marc versorgt hatte.

 

„Muss jemanden abholen und nach Nuuk bringen.“

 

„Das klingt geheimnisvoll.“

 

Er zuckte mit den Schultern. „Regierungsauftrag.“

 

„Welche Regierung?“ Marc gab nicht vor, sich zu wundern. Das war auch nicht nötig. Als Charterpilot bei Air Greenland kam Silas oft genug mit derartigen Aufträgen in Berührung und die meisten davon führten nach Thule. Seltener nach Qaanaaq, das stimmte natürlich. „Nuuk oder Kopenhagen? Oder Washington?“

 

„Was ich so gehört habe, hat auch London die Finger mit drin.“

 

„Holla. Sollst du den dritten Weltkrieg verhindern oder so was? Wenn London mit drinhängt, dann kann es ja eigentlich nur ums Öl

 

gehen, oder?“

 

Der ewige Frost machte zwar die Gedanken langsam, aber Marc hielt Augen und Ohren offen und war nicht auf den Kopf gefallen. Silas kippte den Gebrannten. „Kennst du den Namen Kaya Motzfeldt?“

 

Marc hob die Brauen. „Ich glaub, den kennt hier oben jeder. Sag nicht, du hast noch nie von ihr gehört?“

 

„Nicht, bevor ich diesen Auftrag angenommen habe. Was interessiert mich eine Geologin, die in einem Schuppen in Qaanaaq operiert?“

 

„Sie war im vergangenen Sommer mehrere Wochen mit ihrem Kutter hier in der Bucht vor Dundas. Messungen vornehmen, heißt es. Sie wollte bleiben, bis das Eis zurückkehrt. Ich hab sie ein paarmal getroffen. Sie und Nive kennen einander ganz gut. Erstaunliche Frau.“

 

Silas schnaubte in sein Bierglas. Erstaunliche Frau? Er dachte an Palleq. Die war nicht erstaunlich gewesen, nur anschmiegsam und warm. Das war ihm wichtiger als erstaunlich. Schon allein der Name. Kaya Motzfeldt. Das klang nach strengen Falten um die Augen, nach ergrauendem, streng geknotetem Dutt und nach einem Kopf, der vierhundert Bände über die Geologie Grönlands Wort für Wort

 

auswendig kannte. Spaß war was anderes. „Und? Hat das Eis sie vertrieben?“, fragte er aus Höflichkeit.

 

„Nein. Die Briten. Gain Energy, die draußen in der Bucht Testbohrungen machen. Die kamen mit drei gepanzerten Eisbrechern und haben Kaya und ihr Kähnchen mal einfach zurück nach Qaanaaq geschubst. Die brauchten nur eine Welle machen und das Boot tanzte mit den Eisschollen um die Wette. Kaya schreckt nichts. Und die sollst du wegholen? Na, dann viel Erfolg, kann ich nur sagen.“ Marc leerte sein Glas und winkte nach dem Barkeeper.

 

„Sie wird sich wohl kaum einem Gesprächsangebot aus Nuuk widersetzen.“

 

Marc lachte auf. „Um wie viel wetten wir?“

 

„Wird sie denn nicht von Nuuk finanziert?“

 

„Da wäre ich nicht so sicher. Die Art von Untersuchungen, die Kaya macht, gehen eigentlich voll gegen das, was Nuuk will. Das grönländische Parlament will mit dem Öl Geld verdienen. Kaya will, dass die Melville Bay und die Meerenge von Nares in Ruhe gelassen werden. Musst dir von ihr erklären lassen, worum es dabei geht, sie kann das besser als ich. Ich denke nicht, dass Nuuk das finanziert.“

 

„Wer dann?“

 

„Den Schuppen in Qaanaaq?“ Marc grinste. „Der kostet ein Lächeln, den wird sie von der Regierung gekauft haben, als sie vor fünf Jahren herkam. Ihre Messinstrumente sind vielleicht auch nicht die neuesten. Sie steht da ziemlich allein auf weiter Flur. Es gibt eine Organisation in Kopenhagen, WhiteLand, die für Kayas Arbeit bezahlt. Aber von denen kommt keiner her. Hier ist sie auf sich gestellt mit ihren Reagenzgläschen und einem zehn Jahre alten Computer mit Modemanschluss.“

 

„Und einem Kutter.“

 

„Na gut, das war übertrieben, es ist schon etwas mehr als ein Kutter, aber immer noch eine Nussschale. Trink aus, Mann. Wenn du morgen nach Qaanaaq willst, solltest du zeitig aus den Federn kommen. Die haben für den Nachmittag einen Schneesturm angesagt. Wenn du Kaya vorher nicht rausbringst, sitzt du vielleicht tagelang fest.“

 

Silas schüttelte sich. Tagelang in Qaanaaq in Gesellschaft einer grönländischen Jane Goodall war nicht seine Idee von Spaß. Sein Blick streifte eines der beiden Türmädchen, das eben hereinkam, um sich ein wenig aufzuwärmen. Vielleicht sollte er sie mitnehmen. Nur für den Fall. Himmel nochmal. Zuviel getrunken. Es wurde Zeit, dass er ins Bett kam.

 

*

 

Kaya schlüpfte in den dicken Daunenanorak und knipste das Licht aus. Zwei Reihen Edelstahlregale, bis auf den letzten Zentimeter vollgestellt mit ordentlich katalogisierter und perfekt gepflegter technischer Ausrüstung, versanken im Dunkeln. Achtzehn Uhr, Zeit, Feierabend zu machen. Sie überprüfte zweimal, dass sie richtig abgeschlossen hatte, dann ging sie los. Nicht, dass jemand auf sie wartete, drüben, in dem kleinen, gelben Holzhäuschen, das sie von der Regierung zur Verfügung gestellt bekommen hatte. Aber irgendwann einmal, schon kurz nach Nattoraliks Tod, als Kummer und Einsamkeit noch frisch gewesen waren, hatte sie sich geschworen, an den Regeln der Zivilisation festzuhalten. Regeln wie klare Arbeitszeiten, drei Mahlzeiten am Tag und gewissenhafte Ordnung. Regeln, die bei vielen in Vergessenheit gerieten, waren sie einmal hier gestrandet. Passierte dies, geschah das andere unweigerlich. Der Griff an die Flasche, wenn die Kälte im Körper schlimmer zu werden drohte, als der eisige Polarwinter. Das Aufgeben, die Resignation, der innere Tod. Nein, sie würde nicht resignieren, hatte sie sich geschworen. Das war sie Nattoralik schuldig. Damals. Und auch heute noch.

 

Sie streifte die dicke Fellmütze mit den Ohrenklappen auf den Kopf und machte sich auf den Weg zum Anleger. Es waren nur ein paar Schritte. In einer Gemeinde mit genau sechshundertneunundvierzig Einwohnern war alles nur ein paar Schritte entfernt. Sei es der Gemischtwarenhändler, das Krankenhaus oder eben der Anleger. Die Nacht fiel leuchtend vom Himmel. Leise knirschte Kies unter ihren Füßen. Noch hatte es nicht richtig zu schneien begonnen, aber es würde nicht mehr lange dauern. Dieses Kribbeln kitzelte ihren Gaumen, wenn sie einatmete. Wie frischer Weißwein perlte der kommende Schnee auf der Zunge. Belebend. Sie atmete tief ein und ließ sich ordentlich die Sinne durchpusten.

 

Eine Reihe Kajaks lag vertäut und geölt am Kai. Einsam dümpelte die Dreamguard inmitten der kleinen Bucht. Kaya ging zu den Pfeilern, an denen sie die Landeleinen befestigt hatte.

 

„Alles klar bei dir, Kaya?“

 

Sie drehte sich um. Alignak war hinter sie getreten. Sie lächelte den alten Mann an, dessen Haut gegerbt war von langen Wintern, Sonne und Wind und der, wie die meisten Männer hier, seine Familie noch immer mit der Jagd auf Seehunde und Walrösser ernährte. „Aber ja. Ich hab nur nach den Leinen geschaut. Es riecht nach Schnee, da wollte ich sicher sein, dass mein Baby hier es auch gemütlich hat.“

 

Einen langen Moment sah Alignak sie einfach nur an. Das Licht der Sterne spiegelte sich in seinen schwarzen Augen, dann blähten sich die Nasenflügel. „Du kannst den Schnee noch riechen.“

 

Sie lachte. „Aber ja. Wie sollte ich das denn verlernen? Ich komm aus dem Norden. Das hier ist mein Zuhause.“

 

Als der Alte nicht antwortete, stopfte Kaya die Hände in die Jackentaschen und ging weiter zur nächsten Leine. Alignak folgte ihr.

 

„Hab dich letzte Woche im Radio gehört“, sagte er.

 

Kaya seufzte. „Ja, die vom Sender rufen jetzt regelmäßig bei mir an. Nach dem, was da im Frühling im Golf von Mexiko passiert ist, sind die Medien ganz scharf auf die Art von Publicity, die WhiteLand mit meinen Daten macht.“

 

„Mexiko ist weit weg. Das Meer ist groß“, sagte Alignak.

 

„Nicht groß genug, um die Unvernunft der Ölfirmen darin ertrinken zu lassen“, murmelte sie mehr zu sich selbst.

 

„Also dann“, sagte sie im Aufrichten und wünschte sich einmal mehr, es ihm erklären zu können. Aber es interessierte ihn nicht. So wie es von den Inuit in Qaanaaq kaum jemanden interessierte. Der Schnee, das Eis … kam und ging. Für die Leute hier war die Allmacht der Natur so allgegenwärtig, dass es ihnen ein Ding der Unmöglichkeit erschien, dass ein paar Bohrinseln in ihrem Fjord daran etwas ändern könnten.

 

„Kaya, du hattest recht.“ Immer noch verriet seine Stimme keine Emotion. Dennoch überraschten sie seine Worte.

 

„Womit?“

 

„Dass es morgen schneien wird.“ Er hob die Schultern. „Wie jedes Jahr, wird es auch dieses Jahr schneien. Mal kommt der Schnee früher, mal später. Aber er kommt.“

 

„Ich weiß, Alignak. Ich weiß.“

 

Ein letztes Mal lächelte sie ihm zu, dann wandte sie sich ab. Das Zischen des Windes mischte sich mit dem Heulen der zahllosen Hunde, das über dem Hügel lag wie eine gespenstische Glocke. Zuhause, dachte sie, als sie in den Himmel sah, wo Myriaden Sterne funkelten und ihr kaltes Licht in die Polarnacht warfen. Nichts hier war dunkel, auch wenn die Sonne sich jetzt ein paar Monate lang nicht zeigen würde. Licht und Schatten aus Sternen und Elektrizität malten Träume auf karges Land und die Wände der versprengten Hütten. Was fehlte, waren einzig die Farben. Sie war wieder angekommen.

 

*

 

Der Schnee war auch in dieser Nacht nicht gekommen. Kaya rieb sich den letzten Schlaf aus den Augen und trank ihren Kaffee im Stehen. Sie hatten einen Sturm angekündigt. Vielleicht würde das Postflugzeug schon heute kommen und nicht erst morgen. Sie könnte ihm etwas mitgeben für die Zentrale in Kopenhagen. Vor ein paar Tagen hatte ihr Impuls-Logger den Geist aufgegeben. Sollten die Fachleute von WhiteLand sich darum kümmern.

 

Der Schlüssel für Claus Jensens Jeep lag auf der Anrichte. Eigentlich wollte Claus den Wagen heute Morgen zurückhaben. Egal. Er würde ihr keinen Strick daraus drehen, wenn sie die paar Kilometer bis zum Flugplatz damit fuhr und dem Hotelbesitzer dann das Gefährt vor die Tür stellte. Unwahrscheinlich, dass er ihn gleich heute Morgen brauchte.

 

Wie immer röchelte die Rostlaube ein wenig, bevor sie willig ihreAbgase in die klare Luft hustete. Mit mehr Mut als Können steuerte sie den Jeep über die Schotterwege aus der Siedlung. Der Tower mit dem weißen Dach über einem leuchtend cyanfarbenen Türmchen schälte sich bereits aus dem Dämmerlicht, als sie das Knattern von Rotorblättern über sich hörte. Was, jetzt schon? Verdammt. Sie nagelte das Gaspedal an den Wagenboden und ließ die Reifen quietschen. Mist, Mist, Mist. Alle Welt redete von Schnee und sie war sicher, dass sie sich nicht täuschten. Gut möglich, dass das der letzte planmäßige Postflug für Wochen war, und wenn sie nicht achtgab, dann würde sie ihn nur um Minuten verpassen. Sie schoss am Drahtzaun entlang, riss am Anfang der Landebahn das Lenkrad herum und schlitterte mit quietschenden Reifen auf das Flugplatzgelände. Ein wenig brach das Heck aus, aber sie ließ sich nicht verunsichern und lenkte dagegen, bevor sie wieder Gas gab. Nur noch ein paar hundert Meter.

 

Die Scheinwerfer des Helikopters streiften bereits das runde Helipad. Selbst die Türen des Jeeps vibrierten in den Angeln von dem Radau, den der Hubschrauber veranstalte. Fast im selben Augenblick, als die Kufen des Choppers aufsetzten, brachte sie den Jeep mit einem Ruck vor dem Verwaltungsgebäude des Flugplatzes zum Stehen. Sie griff sich ihr Päckchen und stieg aus. Die Rotoren wurden immer langsamer, bis sie schließlich ganz stehenblieben.

 

Die Silhouette des Piloten, der sich aus dem Cockpit schwang, kannte sie nicht. Sie kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Der Mann duckte sich unter den Rotorblättern hindurch und strebte auf das Hauptgebäude zu. Er trug die leuchtendrote Fliegerjacke der Uniform von Air Greenland. Sein Kopf war wider jede Vernunft nicht mit einer Mütze bedeckt. Helles Haar, braun vielleicht oder auch blond, wild zerzaust und oben ein wenig länger geschnitten als im Nacken, erinnerte an Pilotenfilme, die in den Fünfzigern oder Sechzigern spielen. Überhaupt wirkte er ein bisschen wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Die Art, wie er sich bewegte, die Schultern nach oben gezogen und doch geschmeidig, hatte etwas von James Dean, wie sie sich ihn in den besten Jahren vorgestellt hätte, wäre er nicht so jung gestorben. Nur die Zigarette im Mundwinkel fehlte.

 

Er war schon fast bei ihr. Sie sah kantige, eindeutig europäische Gesichtszüge, eine breite Stirn, eine gerade Nase und tiefliegende Augen. Diese Augen … Welche Farbe sie wohl hatten? Es war nicht zu deuten, in dem dämmrigen Licht. Es war eigentlich egal, und doch wollte sie es wissen. Unwillkürlich begann bei dieser Frage ihr Herz ein wenig schneller zu schlagen. Oh, was zum Himmel? Sie war eindeutig schon zu lange in dieser Wildnis, wenn der bloße Anblick eines attraktiven Fremden ihren Biorhythmus durcheinanderbrachte. Ihr Magen zog sich einen Wimpernschlag lang schmerzhaft zusammen. Fünf Jahre, flüsterte eine Stimme in ihrem Hinterkopf. Fünf Jahre, und es fühlt sich immer noch an wie Verrat. Sie schüttelte ein wenig den Kopf, um die Stimme loszuwerden, streckte die Hand mit dem Päckchen nach ihm aus und riss sich zusammen. „Hi. Toll, dass du doch noch gekommen bist. Ich hatte schon befürchtet, dass der Schnee schneller ist als du.“

 

 

 

2

 

Irritiert sah er auf sie hinab. Der braune Pullover mit weißen Mustern ersäufte fast den zierlichen Körper, der darin steckte. Schwarzes Haar, zum dicken Zopf geflochten, und das wahrscheinlich am Vortag, denn einzelne Strähnen befreiten sich zu einem wuscheligen Durcheinander aus dem Gefängnis. Das Gesicht hatte die dunkelolivfarbene Tönung der Einheimischen und die mandelförmigen, schwarzen Augen nahmen letzte Zweifel. Verdammt, war diese Frau schön. Er hätte gern die Hand ausgestreckt, die ausgeprägten Wangenknochen berührt, über denen die Haut schimmerte, als läge Perlenstaub darauf. Aber er trug die fellbesetzten Fäustlinge und darunter schwitzten seine Handflächen. Das konnte er ihr kaum antun, abgesehen von der Kleinigkeit, dass sie wohl nicht begeistert wäre, von einem Fremden angefasst zu werden. Er starrte sie an und brachte kein Wort heraus. Wann war ihm das zuletzt passiert?

 

„Du bist neu, oder?“, fragte er reichlich dümmlich.

 

„Neu? Neu wo?“

 

„Air Greenland Bodenpersonal.“ Er grinste und wusste, dass es schief war. Diese Frau und er auf derselben Lohnliste? Wow!

 

„Oh, nein. Nicht Air Greenland.“ Als sie lächelte, stand er kurz davor, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Die Grübchen in ihren Wangen machten dieses Gesicht perfekt. Ihre Lippen waren spröde und rissig von der Kälte. Das musste wehtun.

 

„Hast du keine Mütze?“, fragte er.

 

„Wie bitte?“ Das Lächeln verschwand.

 

„Es ist schweinekalt.“

 

Sie ließ die Hand mit dem Päckchen sinken und trat zwei Schritte zurück. „Das liegt wohl daran, dass wir uns in Grönland befinden. Bist du meine Mutter?“

 

Mist. Das lief verkehrt. Ganz verkehrt. Zurückrudern. Neu Anlauf nehmen. Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare und merkte, dass er selbst keine Kopfbedeckung trug. Klasse Leistung. Er wies auf das Päckchen in ihrer Hand. „Was ist das?“

 

„Postgeheimnis“, zischte sie. „Nimmst du es jetzt endlich und legst es in deinen Helikopter? Ich will nicht, dass es irgendwo vergessen wird, wenn du wieder abfliegst. Es eilt.“

 

„Äh, das tut mir jetzt wirklich leid, aber ich bin nicht der Postflieger. Ich hatte von Thule aus Funkkontakt mit Upernavik und da wurde mir gesagt, dass der Postflieger den Schneesturm abwartet, ehe er von dort aus weiter nach Norden fliegt.“

 

Sie verdrehte die Augen und wandte sich ab. „Na, großartig.“

 

Ihm fiel auf, dass sie perfekt dänisch sprach. Nicht den starken Akzent der Grönländer. Perfektes Kopenhagener dänisch, fit fürs Königshaus. Sie musste Jahre in Dänemark verbracht haben.

 

„Warum ist es so wichtig?“, fragte er.

 

Sie zog die Nase kraus. Niedliche, kleine Fältchen betonten die Sommersprossen auf ihrem Nasenrücken. Perfekt. Einfach perfekt.

 

„Du solltest reingehen.“ Sie wies auf das blau gestrichene Verwaltungsgebäude. „Hier draußen friert sich eine Europäerseele wie du alles ab.“

 

Sie ging voraus und er beeilte sich hinterherzukommen. „Hey, wie heißt du?“, fragte er.

 

„Was willst du von mir?“

 

„Vielleicht kannst du mir ja helfen, ich suche jemanden.“

 

„Jemanden?“

 

„Jetzt komm schon. Das hier ist das Ende der Welt. Ich durfte kaum erwarten, außer unserem Bodenpersonal jemanden zu treffen, mit dem man vernünftig reden kann.“ Er wusste im gleichen Moment, dass er schon wieder das Falsche gesagt hatte, und die Bestätigung

 

kam prompt.

 

Abrupt drehte sie sich um, und als sie zu ihm hochschaute, funkelten ihre Augen wie geschliffener Obsidian. „Entschuldige, was hast du da gerade gesagt? Etwa, dass die Menschen hier rückständig sind? Wer zum Teufel hat dir den Job gegeben, unsere abgelegenen Siedlungen durch Charterflüge zu verbinden? Das sollten nur Leute machen, die Respekt vor unserer Kultu…“

 

Er hob die Arme und wich zurück. „Reg dich ab, hörst du? Ich hab das nicht so gemeint.“

 

„Dann sag es so, wie du es meinst. Ich habe weder Zeit noch Lust, mir Worte anzuhören, die der Sprecher nicht so meint. Was genau willst du eigentlich hier? Offensichtlich bringst du ja nichts.“

 

„Oh, ich habe ein paar Kisten mit Lebensmitteln im Laderaum, aber das ist nicht der Grund, weshalb ich hier bin. Wie ich schon sagte, ich soll jemanden finden und mitnehmen.“

 

„Mitnehmen.“

 

Er nickte. „Eine Wissenschaftlerin. Wenn du hier wohnst, kennst du sie sicher und kannst mir sagen, wo ich sie finde. Bist du mit einem Auto hier? Kannst du mich vielleicht in die Siedlung mitnehmen?“

 

Sie verschränkte die Arme. Das ominöse Päckchen in braunem Packpapier ruhte in ihrer Armbeuge. „Du redest zu viel“, sagte sie.

 

„Motzfeldt“, sagte er. Eher ein Seufzen als ein Wort.

 

„Motzfeldt.“

 

Er nickte erneut. „Kaya Motzfeldt. Sie leitet in Qaanaaq ein geologisches Forschungslabor. Ich habe keine Ahnung, wo das genau ist, aber mein Bekannter in Thule meinte, das sei nicht viel mehr als ein Schuppen.“

 

„Sagt er das, ja? Bestell ihm einen schönen Gruß, er hat keine Ahnung.“

 

„Ich bin sicher, dass er das nicht respektlos meint. Er bewundert die Frau, hat er mir gesagt.“

 

„Und du?“

 

„Ich kenne sie nicht.“

 

„Nein. Offenbar nicht.“ Sie drehte sich um und stapfte weiter auf das Gebäude zu. Er musste sich beeilen, um ihr zuvorzukommen und die Tür für sie aufzureißen. Der Wind stob in den kleinen Vorraum. Linker Hand führte eine Glastür in ein Büro mit mehreren papierübersäten Schreibtischen, wo ein einsamer Kerl in ein Funkgerät schwatzte und eine Hand hob, als sie eintraten. Kleinen Augenblick, hieß das. Er beendete das Gespräch. Offenbar ging in Qaanaaq das Flugbenzin aus. Silas ächzte innerlich. Er würde auf dem Rückflug wieder in Thule Halt machen müssen, wenn er hier nicht volltanken konnte.

 

„Du bist Silas?“, fragte der Mann und nahm die Kopfhörer ab.

 

Silas nickte. „Kommt jemand, die Kisten abholen?“

 

„Ich denke, Bente oder Claus mit dem Jeep.“

 

„Den Jeep habe ich“, warf die Frau ein.

 

„Äh.“ Der Mann kratzte sich am Kopf. „Silas, wenn du mir hilfst, packen wir die Kisten in den Jeep, dann kann Kaya sie mitnehmen rauf in die Siedlung und bei Claus abgeben zusammen mit dem Auto.“

 

Er wollte nicken, aber konnte nicht. Hatte der Kerl gerade gesagt, dass die Frau mit den Obsidianaugen Kaya hieß? Er konnte nicht weiter darüber nachdenken, der Funker quasselte bereits weiter.

 

„Tut mir leid, dass wir dich nicht warnen konnten, Kaya. Dass Silas kommt und dich abholt, meine ich. Ich hab das auch erst heute früh erfahren, als Silas in Thule losgeflogen ist. Ich hätte jemanden geschickt, um dir Bescheid zu sagen, aber da war es ja ohnehin schon fast zu spät, und da dachte ich mir …“

 

„Hör einfach auf zu denken“, meinte sie und warf einen kühlen Blick auf Silas. „Schön Sie kennenzulernen, Commander“, sagte sie noch ein bisschen kühler.

 

„Bin kein Commander“, brummte er. „Ich bin ziviler Hubschrauberpilot und einfacher Angestellter. Nur nicht übertreiben, die Sache mit dem Respekt.“ Großartig. Einfach großartig. Die ganze Sache lief total aus dem Ruder. Warum konnte Kaya Motzfeldt nicht die grauhaarige Jane Goodall der Eisbären sein, die er sich vorgestellt hatte? Dann wäre das hier alles sehr viel einfacher.

 

„Dann erzähl mal.“ Wieder verschränkte sie die Arme vor der Brust, offenbar ihre Lieblingspose. Autoritär und respektlos. „Was hat es mit diesem Abholen auf sich?“

 

„Äh, das ist … ein Auftrag der Regierung.“

 

„Welcher Regierung? Bist du hier, um mich im Auftrag von Washington oder London aus dem Verkehr zu ziehen?“

 

„Ich führe keine Militäraufträge mehr aus“, knurrte er. „Nuuk schickt mich. Die wollen Dialog.“

 

„Und warum sagen die mir dann nicht zuerst Bescheid? Das klingt alles sehr suspekt, wenn du mich fragst.“

 

„Ich habe nicht gewusst, dass dir keiner Bescheid gesagt hat, okay? Ich habe gedacht, du wüsstest das schon und wartest nur noch auf den Charter. Hey, don’t shoot the messenger. Ich bin Pilot. Das ist nicht auf meinem Mist gewachsen.“

 

„Du führst Befehle aus, ohne Fragen zu stellen.“

 

„Ich weiß nur, dass ich dich nach Nuuk bringen soll. So bald wie möglich. Wegen deiner Arbeit und weil die Regierung einen Kompromiss sucht.“

 

„Das ist reichlich Information, die du da hast, für einen, der nur der Pilot ist.“

 

Er verdrehte die Augen. „Also kommst du nun oder nicht? Ich habe keine Lust, in den Schneesturm zu geraten. Die Zeit wird verdammt knapp, wenn ich noch in Thule tanken muss.“

 

„Vergiss es. Diese Regierung schert sich keinen Deut um meine Arbeit. Diese Regierung sieht nur das Geld winken. Die wollen mich kaltstellen. Aber da müssten sie schon eine Armee schicken, wenn die mich aus Qaanaaq wegholen wollen.“

 

Er seufzte. Vor ihm lag ein schönes Stück Arbeit.