Pig Happens

Kapitel 1

 

Gavin

Schweine kommen in den verschiedensten Ausführungen. Dies war der Sommer, in dem ich das lernen sollte. Natürlich wusste ich bereits, dass es Schweine gab, die auf zwei Beinen liefen. Man wird als Erbe eines der erfolgreichsten Unternehmen in der fleischverarbeitenden Industrie nicht über dreißig Jahre alt, ohne zu erkennen, dass man es in diesem Geschäft nicht nur mit Schweinen zu tun hat, die auf dem Teller landen, und solchen, mit denen man sich in Meetings herumschlagen muss. Man macht ebenfalls die Erfahrung, dass man manchmal nicht darum herumkommt, selbst eins zu werden, um zu bekommen, was man will.
Ich war mittlerweile vierunddreißig Jahre alt und damit alt genug. Ich hatte ein vier-Zimmer-Apartment im vierten Stock der Firmenzentrale, eine Verlobte aus gutem Hause, die lieb war und hübsch anzusehen, drei Luxuswagen in der Tiefgarage und eine leitende Position im Unternehmen meines Vaters.
Auch wenn er vieles getan hatte, was ich nicht gutheißen konnte, hielt ich große Stücke auf den Mann, der an der Kopfseite des langen Tisches im Konferenzraum von Cromarty Foods stand und die Zahlen und Diagramme erläuterte, die hinter ihm als PowerPoint Präsentation von einem Projektor an die weiße Wand geworfen wurden. Zwar war er als Ehemann ein Totalversager gewesen, aber als Vater trotz eines gesunden Maßes an Strenge immer fair. Als Geschäftsmann konnte ihm kaum jemand etwas in puncto Gerissenheit vormachen, das bewunderte ich und war gewillt, dafür darüber hinwegzusehen, dass er es in Sachen Ethik nicht immer so genau nahm. Generell hatte ich zwar eine engere Beziehung zu meiner Mutter, aber das änderte nichts an dem Respekt für meinen Vater, der das Familienunternehmen von der kleinen Landschlachterei meines Großvaters zu einem Multi-Millionen-Pfund-Konzern ausgebaut hatte. Meine Mutter war eine liebevolle, großzügige Frau aus einer der ältesten Familien des Landes, die mich abgöttisch liebte. Seit ihrer Scheidung von meinem Vater, als ich acht Jahre alt gewesen war, war ich bei ihr aufgewachsen, und es hatte für einen großen Teil meiner Jugend nur uns beide gegeben. Bis heute verbrachte ich viel Zeit mit ihr. Dass sie nie ein schlechtes Wort über Gareth Cromarty verlor, lag nicht daran, dass es sich bei meinem Dad um einen ehrenhaften Mann handelte, sondern daran, dass sie in Tränen ausbrach, sobald sie über ihn redete. Für sie war er ein herzloses Schwein, das auf die Schlachtbank gehörte. Ich sah das etwas differenzierter, jedenfalls bis zu jenem Dienstagmorgen. Es gab ganz sicher Menschen, die mit ihm zu tun gehabt hatten, die meiner Mum für diese Meinung applaudieren würden, doch im Ernst, hier, in diesem Raum, gruppiert um den langen Tisch, saßen weitaus größere Schweine.
Nicht von jedem von ihnen war bekannt, dass er oder sie zu den Aktionären oder gar Investoren bei Cromarty Foods gehörte. Wer hätte vom Direktor einer der größten Banken des Landes erwartet, dass er Geld in die Geschäfte eines Wurstfabrikanten pumpte? Oder von der Gattin des leitenden Geschäftsführers der Stromversorgungsgesellschaft, die sechzig Prozent von Edinburgh und sämtliche großen Industrien im Süden Schottlands zu ihren Kunden zählte?
Dass ich ein Unternehmen erben würde, das nicht gerade für Fairness bekannt war, störte mich wenig. Seit ich nach Beendigung meines Wirtschaftsstudiums in die Firma eingetreten war und offiziell den Bereich der Produktentwicklung leitete, hatte ich ein paar Punkte eingebracht, die spätestens dann Früchte tragen würden, wenn ich die Firma von meinem Vater übernahm. Ich hatte eine vegetarische Produktreihe aus dem Boden gestampft und Management und Weiterentwicklung dieses Zweiges meinem Studienfreund Gordon übertragen. Mehrere große Tageszeitungen hatten sich bereits lobend über die durchaus nicht erfolglose Erweiterung der Produktpalette geäußert.
Mein Dad, der große Gareth Cromarty, ließ mir mit diesen Dingen freie Hand, auch wenn sie nicht zu seiner Unternehmensphilosophie gehörten. Ich nahm an, dass er sie als Spielereien abtat, die sich wieder verwachsen würden, bevor er das Zepter abgeben musste.
Und an der Stelle lag der Hund begraben. Dieses Abgeben des Zepters. Mein Dad war ein Mann, den ich sehr bewunderte – aber er war auch verdammt viril. Mit dreiundsechzig Jahren war er fit wie ein Turnschuh, ging viermal in der Woche ins Fitness-Studio, verbrachte den fünften Tag im Schwimmbad, und wenn er nicht gerade arbeitete, fuhr er an den Wochenenden zum Trekking oder Mountainbiken in die Ochil Hills. Ich persönlich hatte Schwierigkeiten, auf dem Fahrrad den Fußpfad zum Castle Campbell hochzustrampeln, ohne absteigen zu müssen. Mein Dad hingegen zuckte kaum mit der Wimper dabei. Unter den gegebenen Umständen würde ich dem Rentenalter verdammt nahe sein, ehe ich die Firma von ihm übernehmen konnte.
Und ganz ernsthaft? Es wurmte mich.
Ja, es fehlte mir an nichts. Ich hatte alles, was ein Mann sich wünschen konnte. Aber werden Sie mal vierunddreißig und sehen sich mit einem unsterblichen Vater konfrontiert, sodass Sie immer nur maximal die zweite Geige im Familienunternehmen spielen können. Ich wusste nur zu gut, wie sich der Prince of Wales unten im Buckingham Palace fühlen musste. Wie vermutlich auch der Duke of Cambridge sich mittlerweile fühlte, angesichts einer Chefin, die einfach nicht kleinzukriegen war. Ich fühlte mich genauso. Beruf: Sohn.
Ich hatte nicht mal die Gelegenheit, mir darüber klar zu werden, was ich eigentlich wollte. Was meine Ziele im Leben waren. Jetzt mal abgesehen davon, Cromarty Foods irgendwann zu übernehmen. Ich arbeitete in einem Unternehmen, das mir einmal gehören würde. Ich stand hinter all dem, was wir taten, war stolz auf das Erreichte, würde es weiterführen.
Ich deckte die Familie in allen Belangen, die es geben konnte. Heiratete sogar dafür, denn meine Verlobung mit der hübschen, braven, wohlerzogenen Lady Patricia Kirkland, Tochter von Brian Kirkland, dem Hauptaktionär des Süßwarenherstellers Candy Floss, war nichts anderes als das: Eine Verbindung zum Wohl des Unternehmens. Beider väterlicher Unternehmen, um genau zu sein. Nicht falsch verstehen. Ich mochte Patricia. Sie war zwar acht Jahre jünger als ich und wir hatten auf den ersten Blick wenig gemeinsam, aber ich hatte nichts dagegen, diese Frau zu heiraten. Sie war gepflegt, ein angenehmer Umgang, besaß einen sanften Sinn für Humor. In ihr verbarg sich eine gute Repräsentantin und, da war ich sicher, eine gute Mutter.
Nur, zwischen nichts dagegen zu haben, sie zu heiraten und wissen, was ich will, klaffte eine Lücke. Meine Affären mit eleganten, starken Frauen, die ein dreckiges Mundwerk besaßen und damit gut fürs Bett, aber definitiv ungeeignet als Ehefrau waren, hatte ich aufgegeben, sobald Patricias und meine Verlobung offiziell gemacht worden war. Ich hatte mit meiner Mutter erlebt, was ein untreuer Ehemann aus einer Frau machen konnte, und wollte zumindest in dieser Hinsicht nicht in die Fußstapfen meines Vaters treten. Bedeutete das, dass ich für den Rest meines Lebens für das Wohl von Cromarty Foods auf atemberaubenden Sex verzichten würde? Ich wusste es nicht und dachte nie darüber nach. Ehrlich gesagt wusste ich nicht mal, wie Patricia reagieren würde, wenn ich mir tatsächlich neben ihr ein wenig Abwechslung gönnen würde. Sie war brav und still, ich hatte immer angenommen, sie würde ihr hübsches blondgelocktes Köpfchen senken, den Kindern ein Schlaflied singen und mich mit einem Kuss zur Tür hinausschieben, damit ich mich bei einer anderen Frau verausgaben …
Lärm im Flur unterbrach den Redefluss meines Vaters. Die Aktionäre und Investoren, die schon fast schlafend am Tisch saßen, waren sofort hellwach. So hellwach wie ich. Ich konnte die Stimme der Rezeptionistin ausmachen. Da war auch ein Mann im Flur, der versuchte, sich Gehör zu verschaffen. Doch am lautesten war eine Stimme, die ich nie zuvor laut gehört hatte.
Patricia.
Zuerst empfand ich einfach nur Verwirrung. Mit einem Poltern und einem Schrei stürzte sie in den Konferenzraum. Das blonde Haar löste sich bereits aus der eleganten, braven Hochsteckfrisur. Rote Flecken blühten auf ihren gepflegt blassen Wangen. Ihre Augen waren weit aufgerissen. Aus Verwirrung wurde Sorge, ein unbestimmtes, flaues Gefühl im Magen. Ich hatte keine Ahnung, was in sie gefahren war, aber allein die Tatsache, dass sie meine Verlobte war, ließ mich aufspringen und zu ihr eilen. Ich war mir meiner Verantwortung bewusst. Beziehungen waren nichts, womit man spielte, meine Mutter hatte mir gezeigt, was passieren konnte, wenn man es doch tat.
Irgendetwas musste passiert sein. Patricia hatte noch nie diesen Raum betreten. Hölle, sie war nie zuvor in diesem Gebäude am Moray Place gewesen, der Geschäftszentrale von Cromarty Foods. Ich bezahlte ihr ein elegantes, braves Penthouse in der Nähe der Universität, wo Patricia für darstellende Kunst eingeschrieben war und manchmal sogar in Vorlesungen ging. In mein Apartment am Moray Place würde sie, ganz traditionell, erst nach der Hochzeit einziehen.
Der Mann, der sich Gehör zu verschaffen versuchte, gehörte zur Security, und die Rezeptionistin und Dads Assistentin ergingen sich in Entschuldigungen und Ausdrücken des Bedauerns meinem Vater gegenüber.
Sacht umfasste ich Patricias Schultern, um sie nach draußen zu führen, aber sie fuhr zu mir herum. „Fass mich nicht an, du Verlierer!“, zischte sie. „Ich hab deine Pfoten lang genug auf mir ertragen! Meinst du, ich komme wegen eines Schlappschwanzes wie dir hierher und mach mich zum Affen? Das hab ich doch nicht nötig!“
Ich ließ sie los, meine Hände fühlten sich an, als hätte ich in ein glühendes Kohlebecken gegriffen. Wie bitte?
Sie bedachte mich mit einem Ausdruck allerhöchster Verachtung, dann wandte sie sich an meinen Vater.
An meinen Vater.
„Du Scheißkerl!“, schrie sie ihn an, und ich sah meinen Vater, diesen Mann mit seiner unverrückbaren Macht und Dominanz, erbleichen. „Das Penthouse am Wemyss Square wird als verkauft gelistet. Du hast gesagt, dass du es für mich kaufst! Für mich! Jetzt ist es weg! Nicht mehr auf dem Markt! Du hast gesagt, du schenkst es mir! Damit ich endlich das bekomme, was ich verdiene. Das, was ein echter Mann mir geben kann, nicht ein verwöhntes Muttersöhnchen. Das hast du gesagt! Was soll das? Soll ich dein Baby etwa in dem Loch oben bei der Uni großziehen? Ist es das, was du willst?“ Ein Speichelregen ging auf meinen Dad nieder. Ich stand neben Patricia und begriff nur die Hälfte von dem, was ich hörte. Vor meinen Augen wurde sie zu einer hässlichen Furie, die spuckte und keifte und schrie.
„Die lästern über mich! Die schneiden mich! Wenn das rauskommt, wird die ganze britische Presselandschaft über mich herziehen!“ Sie riss sich endgültig von mir los und deutete mit dem Zeigefinger in die Runde. „Gebt es doch zu, ihr wisst es doch alle! Die Hure des Schlächters, das ist, was ihr hinter meinem Rücken sagt. Die Schlampe des Würstchen-Magnaten, die an das Söhnchen verschachert wird, weil das besser aussieht!“
Räuspern an den Tischen bewies, dass sie zielsicher ins Schwarze getroffen hatte. Die Miene meines Vaters war versteinert. Die Miene des Mannes, den ich bewunderte, untermalt mit dem Keifen der Frau, die ich zwar nicht liebte, aber doch respektierte.
Was zuvor ein ungutes Gefühl in meinem Magen gewesen war, wuchs sich zu waschechter Übelkeit aus. Wie wild schluckte ich gegen die bittere Flüssigkeit an, die mir in die Kehle stieg. Mein Vater, der am ersten Weihnachtsfeiertag vierundsechzig Jahre alt werden würde – wenn er Glück hatte und ich ihm nicht vorher den Hals umdrehte – hatte meiner fünfundzwanzigjährigen Verlobten ein Kind gemacht. Ich verstand: Mein Vater ging weder ins Fitnessstudio, noch schwimmen, joggen oder in den Bergen klettern, außer wir gingen zusammen. Hatte ich wirklich nie kapiert, warum er in den meisten Fällen darauf bestand, all diesen Aktivitäten allein nachzugehen? Das einzige Fahrrad, auf dem mein Vater sich in den zurückliegenden Monaten verausgabt hatte, war meine Verlobte. Die einzigen Berge, die er bestieg, waren ihre recht ansehnlichen Titten. Der einzige Pool, in dem er schwamm, war …
Mir wurde endgültig schlecht.
Die Aktionäre und Investoren tuschelten und raunten. Mein Vater, der es nicht schaffte, mich, seinen bewundernden Sohn, anzusehen, griff in seinen Aktenkoffer, der zu Füßen des Filmprojektors stand, und zog ein Schriftstück heraus. „Schatz, das hier ist der Kaufvertrag für das Penthouse am Wemyss Square. Auf deinen Namen ausgestellt. Sag nie wieder, dass ich nicht für dich sorge.“
Schatz?
Ich musste kotzen. Dringend.
Mit einem kieksenden Laut riss Patricia meinem oh so virilen Vater das Schriftstück aus der Hand. Sie begann zu wippen und zu tänzeln wie ein Teenager, und dann … fiel sie ihm mit einem Jubelschrei um den Hals.
Nicht nur mein Vater sah mich nicht an.
Niemand sah mich an.
Ich fragte mich, wie viele solcher Affären mein Vater gehabt haben mochte, und wie vielen Heranwachsenden er die Ausbildung zahlte. Irgendwo in meinem Hinterkopf fragte ich mich sogar, wie meine Mutter, die in den letzten fünfundzwanzig Jahren weiß Gott genug wegen dieses Mannes durchgemacht hatte, reagieren würde, wenn sie von diesem Dienstagmorgen je erfahren sollte. Nicht von mir, oh nein. Ich liebte meine Mutter. Ich wollte nicht, dass sie für den Mord an meinem Vater ins Gefängnis kam.
Ich bemühte mich, niemanden anzusehen, doch als mein Blick die Sekretärin streifte, lief diese puterrot an. Sie war jünger als Patricia, höchstens Anfang zwanzig, hatte sich von einer kleinen Praktikantin bis zur Chefsekretärin hochgearbeitet. Jedenfalls hatte ich das immer geglaubt. Aber mein Vater hatte sie gehabt. Der tolle Job war nicht erarbeitet, sondern erschlafen. Woher ich das wusste? Keine Ahnung. Ich sah es einfach, und ihre Reaktion bestätigte es.
An der Ecke von Albyn Place und Charlotte Street gab es eine Bar, die den ganzen Tag lang überteuerte Drinks servierte. Wenn ich jetzt losging, ehe die Wut in mir zu einer unkontrollierbaren Flamme hochloderte, konnte ich es schaffen, dorthin zu kommen und den aufkommenden Flächenbrand in der nicht sehr eleganten, alles andere als wohlerzogenen und ganz sicher nicht ehrenhaften Einnahme von Unmengen alkoholischer Getränke ersäufen, nach der die Situation verlangte.
Fickt euch doch alle, dachte ich, aber ich war ein zu braver Sohn, um es auch laut zu sagen.
Noch.
Vielleicht würde ich, angemessen betrunken und voller Verachtung für meinen Erzeuger, meine ehemalige Verlobte und die ganze Welt, zurückkommen und es laut sagen. Vielleicht würde ich es sogar singen.
Oder auch nicht.
Denn plötzlich wusste ich, was ich wollte.
Ich wollte auf meinen Vater, meine Ex-Verlobte und diesen ganzen Konferenzraum voller Schweine scheißen.


Willow

„Hallo?“
„Willow, bist du es?“
„Wer hast du denn gedacht, würde dran gehen, wenn du meine Nummer wählst?“ Ich gähnte. Normalerweise gehörte ich nicht zu den Leuten, die sich übermäßig ruppig am Telefon gaben, aber ich war hundemüde. Das passierte, wenn man nächtelang vor seinen Büchern lag, um sich auf die letzten, ausschlaggebenden Prüfungen des Masterstudiums vorzubereiten, und gleichzeitig seine gesamte Freizeit in eine Tierschutzorganisation pumpte. Doch Brynn am anderen Ende der Leitung ließ sich nicht von meiner Griesgrämigkeit beeindrucken.
„Wir können raus. Der Amtsveterinär kann sich heute Zeit nehmen. Ich hab das Go vom Umweltamt, wir können endlich zum Paterson Hof fahren. Bist du dabei?“
Ich warf einen letzten Blick auf den Bücherstapel auf meinem Schreibtisch und seufzte. „Natürlich bin ich dabei. Wann und wo treffen wir uns?“ Ich versuchte mich zu erinnern, wann ich Elsie das letzte Mal getankt hatte. Mir fiel es nicht ein. Lernamnesie nannten das einige meiner Kommilitonen. Blieb mir also nur zu hoffen, dass noch genug Benzin im Tank meines alten VW-Busses war, um mich bis hinaus nach Juniper Green zu bringen.
„Direkt dort“, instruierte mich Brynn. „Erinnerst du dich an den Tante Emma Laden, direkt am Ortseingang? Dort treffen wir uns mit Doctor Camdon. Um Vier. Und nimm alles an Transportboxen mit, was du finden kannst. Wer weiß, ob wir noch einmal die Möglichkeit bekommen, einen Fuß auf den Hof zu setzen.“
„Alles klar“, sagte ich. „Ich bin schon auf dem Weg.“
Vier Uhr. Das gab mir nicht genug Zeit, um mich ordentlich herzurichten. Aber, um ehrlich zu sein, wäre das bei meinen Haaren auch mit viel Zeit vergebliche Liebesmüh. Ich würde nie begreifen, warum Frauen in anderen Ecken der Welt davon träumten, eine englische Rose zu sein. Ich hatte die blasse Haut und das rote Haar, von dem sie fantasierten. Außerdem hatte ich ungefähr dreihundertsiebundachtzigtausend Sommersprossen überall auf meinem Körper und Locken, die sich so eng kringelten, dass sie jedem Versuch meinerseits, sie in so etwas wie eine Frisur zu zwingen, den Garaus machten. Mich störte es nicht mehr allzu sehr. Immerhin, ich hatte fünfundzwanzig Jahre lang Zeit gehabt, mich an das Gezaus und die Sommersprossen zu gewöhnen. Fremde allerdings reagierten mitunter etwas irritiert, wenn sie mich sahen. Mein einziges Zugeständnis an das Treffen mit dem Amtsveterinär in gerade einmal einer Stunde war also, dass ich mich aus meiner abgeschabten Yogahose in eine von meinen Ausgehhosen warf. Bequem mussten die auch sein, schließlich hatten wir vor, körperlich zu arbeiten. Die Wahl fiel auf eine buntbedruckte Haremshose und dazu ein auberginefarbenes Top. Perfekt.
Mission Paterson Hof konnte starten. War ja nicht so, als ob Dr. Clark Camdon mich nicht schon bei früheren Aktionen dieser Art gesehen hätte. Schockieren würde mein Papageienauftritt ihn wohl kaum.
Aus der Abstellkammer in meiner WG holte ich die drei Hundetransportboxen, die dort immer für Notfälle bereitstanden, und machte mich auf den Weg. Zum Glück parkte Elsie mehr oder weniger direkt vor unserer Wohnungstür. Ich warf die Boxen hinten in den Bus und kletterte auf die Fahrerbank. Elsie ruckelte und zuckelte mürrisch, als ich den Zündschlüssel im Schloss drehte, aber letztendlich ließ sie sich dazu überreden, anzuspringen. Der Tank war viertelvoll. Wer sagte es denn? Mehr brauchte ich nicht.
Die Fahrt hinaus in Edinburghs ländliche Außenbezirke dauerte ungefähr eine Stunde, weil sich meine WG mitten im Zentrum befand und Elsie die irritierende Angewohnheit hatte, nach jeder roten Ampel nur äußerst schwerfällig wieder in Tritt zu kommen. War okay, man musste sich eben nur drauf einstellen und seine Reisepläne entsprechend anpassen.
Wir hatten den Tipp mit dem Hof der Patersons in Juniper Green von einer besorgten Nachbarin bekommen. So fing es meistens an. Spaziergänger oder Anwohner sahen ein verwahrlostes Pferd auf einer Weide stehen, oder vollkommen verdreckte Gänse in einem Schlammpfuhl, und riefen Animal Rescue an. Die Tierschutzorganisation, in die ich all meine Kraft steckte und für die ich mich auch nicht scheute, Vorlesungen ausfallen zu lassen, hatte es sich zur Aufgabe gemacht, vernachlässigte oder kranke Tiere von ihren Besitzern zu entfernen und ihnen ein neues Zuhause zu suchen. Manchmal riefen uns auch die Halter selbst an. Wenn ihnen klar wurde, dass sie sich mit einer Aufgabe übernommen hatten, oder wenn ein Umzug anstand, bei dem sie ihre Tiere nicht mitnehmen konnten. Doch das kam eher selten vor. Meist waren die Halter der schwierigste Teil unserer Aufgabe. Es war erstaunlich, mit welcher Vehemenz manche Menschen an ihren Tieren festhielten, wenn doch offensichtlich war, dass sie nicht für sie sorgen konnten.
Im Fall des Paterson Hofs war es so gewesen, dass ein erster heimlicher Besuch vor Ort jede Sorge der Nachbarn bestätigt hatte. Zusammen mit Brynn hatte ich im runtergetrampelten Schlamm zwischen dem Außenzaun des Anwesens und einem schmalen Bach gelegen, Fernglas im Anschlag wie in einem Bond-Film. Die Zustände auf dem Hof waren albtraumhaft. Ein humpelndes, völlig verfilztes Hochlandrind stand auf einer versifften Weide ohne Zugang zu Frischwasser oder sauberem Fressen. Aus einem halbvermoderten Koben drang das gequälte Quieken von Schweinen, und ein paar Hühner und Gänse wollten die Nachbarn auch gesehen haben. Wir sahen die nicht, aber überall lagen ausgerissene Federn herum. Dass uns wie so oft zunächst die Hände gebunden waren, frustrierte mich jedes Mal aufs Neue. Ohne die Erlaubnis vom Amt und ein Gutachten von einem Amtsveterinär, dass die Haltung gegen das Tierschutzgesetz verstieß, konnten wir nichts machen. Dass sich Doctor Camdon heute bereiterklärt hatte, mit uns den Ort des Verbrechens zu besuchen, war ein erster Sieg.
Er und Brynn waren bereits am verabredeten Treffpunkt, als ich mit Elsie um kurz nach Vier auf den Parkplatz rollte. Die Ladefläche von Camdons Pickup war vollgestellt mit Kleintierboxen. Wir tauschten Begrüßungen aus, besprachen das Vorgehen und machten uns auf den Weg zur Farm.
Der Atem wollte mir wegbleiben, als wir schließlich das ganze Ausmaß des Horrors vor uns hatten. Zu unserem Glück waren die Halter an diesem Dienstagnachmittag unterwegs, was bedeutete, dass wir uns frei auf dem Gelände bewegen konnten. In Momenten wie diesen wünschte ich mir, ich hätte ein anderes Hobby haben können. Kochen vielleicht, oder Malen, oder Musizieren. Irgendwas, das nicht täglich dazu geneigt war, mir zu zeigen, was für Monster Menschen sein konnten. Der Huf des Rindes auf der Weide hatte sich seit unserem letzten Besuch weiter verschlechtert. Die arme Kreatur schwankte bei jedem Schritt, und ich schwöre, ich sah Tränen in ihren Augen. Ein Blick auf die Kuh und der Doc zückte sein Telefon.
„Ich bestelle einen Transporter. Da ist keine Hoffnung mehr.“ Er besaß den Anstand, bestürzt zu klingen. Ich für meinen Teil war wütend. Wütend und traurig und absolut fassungslos.
Brynn neben mir schluckte so laut, dass ich es hören konnte. Im weichen Nachmittagslicht sah ich in ihren Augenwinkeln Tränen glitzern.
„Wenigstens sind wir jetzt hier“, sagte ich und legte ihr einen Arm um die Schultern. „Jetzt können wir helfen. Zumindest können die Tiere, die wir nicht mehr retten können, in der Gewissheit sterben, dass sie nicht der ganzen Welt egal waren.“
Brynn nickte schniefend, und wir machten uns auf den Weg in den Bretterverschlag, der wohl ein Stall sein sollte. Was uns dort erwartete, war noch schlimmer als die arme Kuh auf der Weide. Als erstes schlug uns der Gestank entgegen. Eine krankmachende Mischung aus Exkrementen, Fäulnis und Verwesung. In einer Zeile Gitterholzkisten an der Wand hausten apathisch herumsitzende Kaninchen. Von den Hühnern, die auf dem Boden herumlagen, ging ein Großteil des Gestanks aus, denn die paar Federn, die sie noch am Körper trugen, waren verdreckt mit Kot und Futterresten. Sie hoben nicht einmal den Kopf, als Brynn auf sie zutrat.
„Welche Menschen machen sowas?“, fragte sie immer wieder und bückte sich, um eines der Hühner aufzuheben und in eine Transportbox zu legen.
„Menschen, die selbst verzweifelt sind. Wenn sie Hilfe bekommen, sehen sie sicherlich ein, dass sie sich übernommen haben. Dann haben wir nicht nur den Tieren, sondern auch ihnen geholfen.“
Brynn schnaubte. „Und warum gehen wir dann nicht direkt auf die Leute zu? Warum schleichen wir uns hier rein, wenn sie nicht da sind, um nur ja keine Konfrontation zu riskieren?“ Sie wischte sich eine Träne aus dem Auge. In dieser Hinsicht waren wir nie einer Meinung. Brynn war ein paar Jahre jünger als ich und voller Idealismus, der gelegentlich, wenn es ganz schlimm wurde, an Fanatismus grenzte. Wenn es nach ihr ging, waren Tiere die besseren Geschöpfe. Weniger brutal, weniger berechnend. Ich jedoch glaubte, was ich gesagt hatte. Egal, wie schlimm die Zustände hier waren, das hier war nicht die Tat von Untieren, sondern von Menschen, die Hilfe brauchten. Mit der Einsicht würde sicherlich auch die Besserung kommen. Ich war keine Kämpferin wie Brynn. Brynn gehörte zu denen, deren Leidenschaft für eine Sache sich darin äußerte, dass sie auf sie zuging und ihnen die Meinung ins Gesicht schrie. Sie organisierte Demonstrationen und prügelte sich, wenn es sein musste, auch schon mal mit Polizisten. So war ich nie gewesen. Mir ging Harmonie über alles.
Der Doc war uns in den Verschlag gefolgt, und auch er schüttelte immer wieder den Kopf. „Wir müssen den Seuchenschutz alarmieren. Wer weiß, was hier alles für Krankheiten grassieren.“
Ich öffnete den ersten Kaninchenkäfig und schnappte mir das unterernährte Tier, um es in eine von den Transportboxen zu setzen. Für Haustiere hatten wir Pflegestellen, die auf die Neuankömmlinge eingerichtet waren. Für diesen kleinen Kerl hier würde heute hoffentlich ein besseres Leben beginnen. Den meisten jedoch würde es nicht so gut ergehen, das wusste ich. Sie würden sterben. Wir würden sie mitnehmen in Camdons Praxis, wo Injektionen warteten, die ihrem Leid ein Ende bereiteten. Die Hühner, die Ziegen, vielleicht auch der Hund, der mit gebrochenen Vorderläufen, angebunden an eine massive Eisenkette, in einer Ecke lag. Das Halsband war in seine Kehle eingewachsen. In eitrigen und geschwollenen Wülsten ragte wundes Fleisch über das Lederband. Das waren die fürchterlichsten Momente dieser Arbeit. Ich hatte nichts dagegen, nächtelang durchzuarbeiten, mir die Füße platt zu treten, während wir auf den richtigen Moment für einen Zugriff warteten. Ich hatte auch nichts dagegen, meine mageren Ersparnisse in Benzin für Elsie zu pumpen, wenn wir Tiere retten und sie manchmal bis ans andere Ende des Landes bringen mussten, um einen guten Platz für sie zu finden. Was an Geld ich nicht für Benzin ausgab, investierte ich in Tierarztbesuche unserer Pfleglinge oder Futter. Aber auch das machte mir nichts aus, und ich tat es gern.
Was mir etwas ausmachte, war all das Leid, gegen das wir so machtlos schienen. Nur das Wissen, etwas zu bewirken, half mir dann gegen die Wut und Trauer.
Sechs der acht Kaninchen in den Ställen lebten noch. Sie alle fanden einen Platz in unseren mitgebrachten Transportboxen. Ich trat an den Bretterverschlag an der Rückwand der Hütte. Auf dreckigem Stroh, mit verkrustetem Rüssel und Hinterteil, lag eine fette Sau. Sie war kleiner als gewöhnliche Hausschweine. Ihr Atem rasselte jedes Mal, wenn ihr Leib sich hob und senkte. Drei winzige Ferkel lagen unter ihr. Zerquetscht von dem viel zu hohen Gewicht der Mutter. Für sie kam jede Hilfe zu spät. Doch weiter hinten, in einem Haufen Stroh, eng an die Wand gequetscht, war noch ein viertes Ferkelchen. Kaum größer als eine Hand, zitterte es am ganzen Leib, doch als es mich auf den Koben zutreten sah, hob es die winzige Steckdosennase und blickte mich an.
„Ja, wer bist du denn?“ Ich hätte mir geschlossene Schuhe anziehen sollen. Sandalen und ein Siff wie hier vertrugen sich nicht so gut, aber in diesem Augenblick hätte es nichts Unwichtigeres geben können, als dass ich mir dreckige Zehen holte, während ich in den Verschlag kletterte.
Ich hob das Kleine auf. Seine Haut war eiskalt. Wahrscheinlich war es unterkühlt. Doch die Entscheidung, auf die Wärme der Muttersau zu verzichten, hatte ihm höchstwahrscheinlich das Leben gerettet. Augenblicklich drückte es sich an mich, kaum, dass ich es an die Brust gehoben habe.
„Ich hab ein Schwein!“ Über die Schulter hinweg hielt ich nach Brynn und dem Doc Ausschau. Die waren gerade dabei, den Hund an Ort und Stelle zu erlösen, um ihm die Qual eines Transports zu ersparen.
„Du hast was?“ Brynn hob den Kopf. Mit Ferkelchen im Arm stieg ich wieder über den Verschlag und ging auf meine Freundin zu.
„Es kann nicht mehr als ein paar Tage alt sein. Ich glaube, es ist schrecklich unterkühlt, aber ansonsten scheint ihr nichts zu fehlen.“ Ein Fingergriff unter ihrem Kringelschwanz entlang verriet mir, dass ich eine junge Dame im Arm hatte.
Auch Doc Camdon gesellte sich zu uns. Der arme Kettenhund war eingeschlafen. Mit geübten Griffen tastete der Doc Ferkelchen ab. „Klein ist sie, selbst für ein Neugeborenes.“
„Ich glaub, sie ist ein Mini-Schwein. Der Muttersau geht es schlecht. Sie ist noch hinten im Koben. Die ist vollkommen überfüttert, aber viel zu klein für ein normales Hausschwein.“
„Hm“, machte Doc. „Werden wir ja gleich sehen. Und was ist mit ihr hier? Die Kleine sieht fitter aus als alle anderen Tiere auf diesem Hof. Wenn ihr sie alle eineinhalb Stunden füttert und ordentlich warm haltet, könnte was aus ihr werden.“
Auf Brynns Gesicht erschien ein Lächeln. Doc Camdon war nicht gerade ein Ausbund an Enthusiasmus, aber er gab Hoffnung. Mehr brauchten weder Brynn noch ich in diesem Moment. „Dann brauchen wir jetzt also einen Platz für ein Minischwein-Ferkel. Und eine Patentante, die sich bereiterklärt, sie die ersten Wochen alle eineinhalb Stunden zu füttern.“
„Ich glaub, ich hab einen Platz für sie.“ Wie gut, dass gerade Semesterferien waren. Lernen konnte ich auch bei Auntie. Problematischer war, was mich persönlich dort erwartete, aber damit konnte ich mich immer noch auseinandersetzen, sobald ich den Doc davon überzeugt hatte, mir die Sorge für das Ferkel zu überlassen.
„So schnell?“ Brynn war offensichtlich hin und hergerissen, ob sie begeistert aufschreien oder mich für verrückt erklären sollte. Normalerweise dauerte es gerne mal Wochen, bis wir einen guten Platz für unsere Findelkinder fanden.
„Meine Tante züchtet Minischweine. Bis vor ein paar Jahren hatte sie eine richtige Landwirtschaft, aber das hat sie aufgegeben und macht das mit der Zucht nur noch nebenbei. Die Schweine sind für sie wie ihre Kinder. Sie verkauft nur an absolute Liebhaber. Wenn sich niemand findet, leben sie bei ihr wie im Schweineparadies.“
„Echt jetzt?“ Das Lächeln auf Brynns Gesicht vertiefte sich. „Und du meinst, du kannst ihr das Kleine hier noch heute bringen?“
„Naja“, meinte ich, mein Enthusiasmus bereits ein wenig gedämpft, weil ich den Gedanken an die zu erwartenden Komplikationen nicht abschütteln konnte. „Heute wird wohl nichts mehr. Sie wohnt auf North Uist. Aber ich hab ja Ferien. Ich kann mich heute noch auf den Weg machen. In Elsie ist genug Platz für mich und das Ferkel.“
„Du bist ein Engel.“ Brynn wollte mir um den Hals fallen, doch im letzten Moment erinnerte sie sich, dass an meiner Brust ja das Ferkelchen war.
Wir lachten. Dass die Geschichte, wie ich aufs Schwein gekommen bin, noch lange nicht zu Ende war, konnte ich noch nicht ahnen.

 

 

Kapitel 2

Willow

Zwei Stunden später saß ich im Wohnzimmer der WG, die ich mit zwei weiteren Studenten teilte. Caithlyn war wieder mal irgendwo in Südamerika unterwegs. Aber es war auch nicht sie, auf die ich wartete. Ich wartete auf Robert.
Ich hatte das namenlose Schwein auf dem Schoß, das sich sichtlich wohl fühlte. Vor zwanzig Minuten waren wir im Garten Gassi gewesen, was wunderbar klappte, und jetzt las ich die Etiketten der Packungen an Nährlösungspulver, die Doctor Camdon mir mitgegeben hatte. Mein Herz klopfte bis in den Hals.
Wenn Robert ablehnte, war ich geliefert.
Verdammt, er musste einfach zustimmen. Genauso wie ich, hatte er Semesterferien. Es war ein Glücksfall, dass er überhaupt noch in der Stadt war, und vielleicht hatte er ja Lust auf ein paar Tage Hochlandluft. Ich schickte ein Stoßgebet gen Himmel. Bitte, lieber Gott, mach, dass er zustimmt. Bitte …
Die Tür klappte.
„Wils, bist du zuhause?“ Sein Schlüssel klirrte, als er den Bund ans Brett hängte. Wir teilten uns seit zwei Jahren mit Cassie diese WG. Wir hatten auch ein paarmal das Bett geteilt, aber uns dann im Einvernehmen getrennt. Als Freunde verstanden wir uns einfach besser. Dass wir uns auf erotischer Ebene nicht viel zu sagen gehabt hatten, ließen wir geflissentlich unter den Tisch fallen, um unsere Freundschaft nicht zu ruinieren.
Als er das Wohnzimmer betrat, blieb er wie angeschossen stehen.
„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?“, fragte er.
Um Mitleid heischend sah ich ihn an. „Guck doch mal. Sie ist so süß. Hier, berühr mal zwischen den Ohren, ganz weich.“
„Willow, das ist ein Stadthaus. Da gibt es Regeln, und wenn unser Vermieter mitkriegt, dass du hier ein Schwein hältst, gibt es massiv Ärger. Musst du deine Geretteten wirklich immer hierher bringen?“
Ich sprang auf und lief hinter ihm her zur Küchenzeile. Das Schwein grunzte leise in meinem Arm. Robert füllte den Wasserkocher und hängte einen Teebeutel in einen Becher. Zeit, zum Angriff überzugehen. „Sie soll ja gar nicht hierbleiben“, rief ich. „Ich hab ja einen Platz, wo sie hin kann.“
„Prima. Und wann fährst du los?“ Er zog den Becher mit dem Teebeutel an sich, als ich das Schwein auf die polierte Platte der Küchentheke setzte. Angewidert verzog er das Gesicht.
„Da gibt es ein Problem.“
„Natürlich.“ Seine Stimme troff vor Ironie. Wir mochten einander wirklich gern, nicht falsch verstehen, aber Robert war Kunststudent, und zwar einer, der überall nach der sarkastischen Komponente suchte. In ein paar Jahren wäre er der erfolgreichste Satiriker Großbritanniens, wenn er so weitermachte. „Es gibt immer ein Problem. Lass mich raten. Das Problem ist ein Schwein?“
Ich legte den Kopf schief. „Das kommt auf dich an.“
„Auf mich?“
„Darauf, ob du ein Schwein bist.“
„Ich bin dein Problem? Hör mal, ich hab mit deinem Schwein und deiner hilfsbereiten Ader ja wohl am wenigsten zu tun.“ Das stimmte nicht ganz. Nächtelang hatte Robert an meiner Seite gesessen und die Pappbox mit den vier Hundewelpen bewacht, die ich mit Brynn unter einer Brücke aus einem Kanal in Portobello gefischt hatte. Er hatte ein weiches Herz, er versteckte es nur gut.
„Du musst mitkommen.“
Er goss seinen Tee auf und schien sich jetzt erst daran zu erinnern, dass er mich nicht gefragt hatte, ob ich auch einen wollte. Fragend hielt er den Wasserkocher hoch. Ich schüttelte den Kopf.
„Muss ich das, ja?“
„Ja.“ Ich bemühte mich, fröhlich zu klingen, um ihm den ganzen Trip als Urlaubsreise schmackhaft zu machen. „Schau mal, der Platz, wohin sie kann, ist bei meiner Tante. Sie ist ein herzensguter Mensch, so wie du.“
Er verdrehte die Augen, nahm seinen Tee und machte sich auf den Weg zur Wohnzimmercouch. „Komm zur Sache.“
Ich setzte mich neben ihn, und er rückte so weit wie möglich von mir ab. „Das Problem ist: Tante Betsy ist der Meinung, ich sollte Angus Nicholson heiraten.“
„Wer, um alles in der Welt, ist Angus Nicholson?“
„Ein Nachbar von Betsy. Und sicher ebenso herzensgut wie sie, aber schau, ich kann mir nicht vorstellen, ihn zu heiraten. Er würde erwarten, dass ich dort lebe, und ich bin dazu nicht bereit, und außerdem ist er nicht mein Typ und …“
Robert hob eine Hand. „Lass mich raten. Ich soll mitkommen, damit du vorgeben kannst, du seist verlobt, oder?“
Ich machte mich ganz klein und sagte nichts.
Robert schnaufte. „Du bist eine solche Verliererin, Wils. Du hast es schon behauptet, oder?“
Ich nickte.
„Und jetzt fehlt dir ein Verlobter. Wils, wie kann jemand mit deinem Intelligenzquotienten so dämlich sein und nicht darüber nachdenken, dass eine solche Taktik irgendwann den Spieß umdreht und dich in den süßen Arsch beißt?“ Er gab dem Ferkel einen zärtlichen Nasenstüber. „Armes Schwein. Wird wohl nix mit deinem neuen Zuhause, weil deine Ritterin in weißer Rüstung ein dummes Huhn ist.“
„Bitte, Robert! Sind doch bloß zwei oder drei Tage, du hast doch Ferien! Bitte! Dem Schwein zuliebe! Du musst ja nicht mal mit mir schlafen oder so, nur so tun als ob.“
Mit einer hochgezogenen Augenbraue blickte er mich an. „Süße, wenn es nur das wäre, käme ich mit ohne nachzudenken, und ich würde nicht nur so tun als ob, ich würde es tun.“ Er scherzte, natürlich, wir waren im Bett ein ziemlicher Reinfall gewesen. Er stand ganz offensichtlich nicht so auf Ganzkörpersommersprossen. Dann lehnte er sich ein Stück zurück und zog die Stirn in nachdenkliche Falten. „Sag mal, Tante Betsy? Das ist die auf North Uist, oder?“
Ich nickte enthusiastisch. „Überleg doch mal. Frische Luft. Highlands. Atlantik. Tolle Strände, das volle Programm, manche Leute bezahlen ein Vermögen dafür, und du brauchst einfach nur …“
Abrupt stand er auf und lief zurück zur Küche. „Du hast sie ja nicht mehr alle. Ich soll das mitmachen? Zwei oder drei Tage, in deiner Klapperkiste bis da hoch? Hinter welchem Mond lebst du eigentlich, allein bis dorthin brauchst du ne Woche, und zurück müssten wir ja auch noch. Ich hab auch was anderes zu tun.“
„Robert …“, flehte ich. Niemand nannte Elsie eine Klapperkiste, aber das hier waren besondere Umstände.
Doch alles Flehen half nicht. Entschieden schüttelte er den Kopf. „Nein, Willow. Ich mag dich, und vielleicht hättest du mich rumgekriegt, wenn es nicht ausgerechnet bis dorthin wäre. Das ist zu weit, das dauert ewig, und ich hab Verabredungen und alles. Proben für das Festival. Glaubst du, ich bin in den Ferien hiergeblieben, um auf der faulen Haut zu liegen?“
Nein, das hatte ich natürlich zu keinem Zeitpunkt geglaubt. Ich hatte lediglich gehofft, dass er sich ein paar Tage loseisen könnte. Jetzt sah ich die Hoffnung, meine Tante und Angus Nicholson an der Nase herumführen zu können, zu Einhornschnupfen zerstieben.
Mein Blick fiel auf das Ferkel in meinem Schoß. Mit traurigen Augen sah es zu mir auf. Ich seufzte.
„Nur du bist jetzt wichtig“, informierte ich das winzige Tier. „Und dir zuliebe werde ich wohl in diesen sauren Apfel beißen und meiner Tante gestehen, dass meine Verlobung leider schon wieder in die Brüche gegangen ist und ich ganz offensichtlich nicht für Beziehungen gemacht bin. Es wird ihr das Herz brechen. Aber vielleicht lässt sich zumindest Angus abschütteln, wenn ich ihm sage, dass bei mir sogar gekochte Eier angebrannt schmecken.“


Gavin

Soll ich Ihnen sagen, was in Schottland auch im Hochsommer und damit in der Touristen-Hochsaison toll ist? Kaum ist man fernab der Hauptverkehrsadern, ist nach zwanzig Uhr alles wie ausgestorben.
Und wissen Sie, was genau daran so toll ist? Stellen Sie sich vor, Sie setzen Ihren Aston Martin DB9, Baujahr 2014 und so bernsteinfarben wie ein Hustensaftfläschchen, in den Straßengraben und kommen nicht mehr raus. Dann kämpfen Sie sich mit einer halb leeren Flasche Macallan 1939 in der Hand die Böschung hoch, und kein Mensch stört Sie dabei, wie Sie nach gewonnenem Kampf die Hand an einen toten Ahornbaum legen, um Ihren Gleichgewichtssinn wiederzufinden und das Gefühl, kotzen zu müssen, loszuwerden. Genau, das ist es, was daran so toll ist.
Den Whisky hatte ich mir aus dem Büro meines Vaters ausgeliehen. Lange nach Feierabend. Security hatte mich schief angesehen, aber fick dich doch. Ich hatte ein Recht, dort zu sein, ganz egal, dass ich nach dem Besuch in dem netten kleinen Pub an der Ecke in meinem Apartment schon meinen eigenen Vorräten zu Leibe gerückt war und entsprechend ramponiert daherkam. Schon mal versucht, die Erkenntnis zu ertragen, dass der eigene Vater ein Schwein ist, der die eigene Verlobte, die seine Enkelin sein könnte, fickt? Wenn nicht, dann Fresse halten.
Diese Flasche Macallan hatte meinen Vater laut Firmenkonto zehntausend brave schottische Pfund gekostet. Genau das Richtige also, um ihm zu zeigen, was er mich mal konnte. In der Tiefgarage unter dem Firmensitz standen meine Wagen, und weil der Schlüssel, den ich beim Verlassen meines Apartments zu greifen bekommen hatte, zufällig in den Aston passte, bin ich in diesen eingestiegen und losgefahren.
Den Weg aus Edinburgh raus kannte ich im Schlaf. Dazu musste ich nicht nüchtern sein. Der Whisky schmeckte so alt, wie er war, und meinen Geschmacksknospen war das inzwischen ohnehin egal geworden. Irgendjemand hatte seit meiner letzten Tour scheinbar unter den Straßen von Murrayfield einen Ozean verlegt. Alles schwamm ein bisschen. Egal. Ich fuhr nach Westen aus der Stadt hinaus, soviel war klar, die untergehende Sonne wies mir den Weg, und weil ich mich auf kleinen, schlaglochverseuchten Seitenstraßen bewegte, hielt kein Arsch mich an. Hätte es doch einer getan, wäre ich ihm an die Gurgel gegangen, und es hätte Tote gegeben. Auf dem Beifahrersitz lag Dads Flasche und lächelte mich an. Gleich, versprach ich ihr. Lass uns ein verschwiegenes Plätzchen finden und dann haben wir Spaß zusammen.
Keine Ahnung, was mein Plan gewesen war. Kerle, die aus Wut den Korken nicht mehr finden und daher lieber alles aussaufen, statt zu riskieren, dass es ausläuft oder vergammelt, machen keine Pläne. Als mich ein Straßenschild an einer Kreuzung darauf hinwies, dass es rechts nach Queensferry ging, überlegte ich, den Rest des Macallans am Scheitelpunkt der Forth Road Bridge zu kippen und mich dann von der Brücke zu stürzen. Aber diesem Plan mangelte es an Stil. Jeder Schotte, der etwas auf sich hielt, stürzte sich von der alten Eisenbahnbrücke, die fast jeder zweite Mensch der Welt schon mal auf einem Werbeprospekt gesehen hatte und die parallel zu der Straßenbrücke verlief. Aber auf der Eisenbahnbrücke würde ich zum Scheitelpunkt laufen und hinaufklettern müssen, und obwohl ich ein Stadium erreicht hatte, in dem ich mich hoffnungslos überschätzte, wusste ich doch, dass ich lange vor dem Scheitelpunkt abgestürzt wäre. Und die Straßenbrücke? Fickt euch, wer wollte denn von diesem hässlichen Teil hinunter in den Tod gehen?
Außerdem wollte ich nicht sterben. Ich wollte meinen Dad und Patricia umbringen. Für die Bloßstellung, für diesen Moment im Meeting, als kein Mensch mich ansehen wollte und jeder von ihnen nur vor Augen gehabt hatte, wie die Frau, die meine Kinder hätte kriegen sollen, ihre Hurenbeine um den Arsch meines Vaters schlang. Dafür, dass sie mich mit vereinter Kraft auf die Schlachtbank gezerrt hatten und ich so perplex gewesen war, dass ich mich nicht mal wehrte.
Die Welt war ein riesengroßer Misthaufen.