Obsession

Kapitel 1

 

Er war im zeitigen Frühjahr nicht dazu gekommen, die Hecke zu schneiden. Wie üblich hatte Abbi vergessen, einen Gartenservice zu beauftragen, das zu übernehmen. Nachsichtig lächelnd schüttelte Rowan den Kopf, stellte den Motor des Audis aus und öffnete die Fahrertür.

Er liebte seinen Job, der ihn bis in die entlegensten Winkel der Erde brachte. Liebte die Arbeit, auch wenn er oft wochenlang von zu Hause, von Abbi und Phoebe, weg war. Aber er liebte auch das Nachhausekommen. Die subtilen Veränderungen in der südenglischen Landschaft wurden deutlicher, wenn man eine Weile nicht von ihr umgeben war.

Es war früh am Tag. Die Black Watch war mitten in der Nacht in Southampton eingelaufen, ein paar Stunden früher als im Reiseplan ausgewiesen, was bedeutete, dass Rowan zeitiger am Tag zu Hause war als geplant. Er stieg aus dem Wagen, nahm seine Reisetasche aus dem Kofferraum und lauschte einer Amsel, die auf dem First seines Hauses saß und ihre Freude über den anbrechenden Sonnentag in den Himmel jubilierte. Im Vorbeigehen berührte er die Blüten des Rhododendrons. Der Duft von Flieder streifte ihn. Kleinigkeiten, die es in dieser Zusammenstellung nur hier gab. In seinem Garten. Zu Hause.

Die Haustür war noch verschlossen. Er sah zur Uhr. Kurz vor acht. Abbi schlief gern lange, wenn Phoebe sie ließ. Rowan nahm keinen Haustürschlüssel mit, wenn er auf Kreuzfahrt ging, aber fand den Reserveschlüssel unter dem Topf mit Katzenminze, der für Mimi bei der Tür stand.

Im Haus herrschte Stille. Offenbar schliefen seine beiden Mädchen wirklich noch. Rowan ließ seine Tasche im Korridor von der Schulter gleiten, legte den Schlüssel auf den Glasteller unter dem Spiegel und trat in die Küche. Die Kaffeemaschine war vorbereitet, er drückte auf den Knopf und schaltete sie ein. Auf dem Küchentisch lagen Phoebes Buntstifte und mehrere Bögen Papier. Er überflog die Zeichnungen und lächelte, ehe er die Glastür zum Garten öffnete. Grill und Gartenmöbel vegetierten noch unter durchsichtiger Folie vor sich hin, er freute sich darauf, alles für den Sommer fertigzumachen. Der Rasen brauchte einen ersten Schnitt. Im Gras lagen ein paar Spielzeuge und das Plastikauto, auf dem er Phoebe im vergangenen Herbst durchs Dorf gezogen hatte. Der Duft nach dem aufblühenden Flieder war betäubend.

Leise stieg er die Treppe hinauf und sah zuerst in Phoebes Zimmer, dessen Tür angelehnt war. Nichts änderte sich, der Fußboden war übersät mit Stofftieren, Puppen und Buntstiften. Phoebe lag nicht in ihrem Bett. Auch die Tür zum Schlafzimmer stand einen Spalt offen, er drückte sie auf.

Abbi war nicht da.

Das war seltsam. Der kleine Porsche, den er ihr im vergangenen Sommer gekauft hatte, stand in der Einfahrt, er hatte seinen Audi daneben eingeparkt.

Im Bad war sie auch nicht.

Er stieg die Treppe hinunter, inhalierte den Duft von frisch gebrühtem Kaffee und beäugte die Tür zum Keller, wo Abbi ihr Atelier hatte und … aber nein, sie würde jetzt nicht dort sein. Zumal die Räume unten für Phoebe eine Verbotszone waren. Noch einmal trat er hinaus in den Garten, lief ein Stück über den morgenfeuchten Rasen, begrüßte Mimi, die miauend auf ihn zulief, und blickte am Haus hinauf.

Noch immer trällerte die Amsel, jetzt begleitet von anderen Vogelarten, die er nicht benennen konnte. Mimi saß schnurrend neben ihm im Gras und beobachtete das Treiben der Vögel, schien aber nach durchjagter Nacht satt zu sein. Alles war wie nur Minuten zuvor, doch ein Gefühl der Anspannung hatte sich unter seine Freude, nach Hause zu kommen, gemischt. Er mochte es nicht, nach mehrwöchiger Reise zurückzukommen und ein leeres Haus vorzufinden. Noch dazu ohne jede Erklärung. Unter das Gesinge der Vögel mischten sich andere Klänge. Etwas wie ein gedämpftes Stöhnen. Sein Blick irrte zu den Kellerfenstern. Das zu Abbis Atelier war gekippt, noch ein Zeichen, dass sie zu Hause war, sie würde es niemals offenlassen, wenn sie unterwegs war. In dem Raum bewahrte sie ihre Kunstwerke auf, einige waren viel Geld wert. Die Fenster daneben waren mit schwarzer Folie über der Dreifachverglasung verdunkelt. Das vage Gefühl von Anspannung verdichtete sich in seinem Magen zu einem schweren Klumpen.

Ohne sein Zutun trugen ihn seine Beine zurück ins Haus, die Kellertreppe hinunter, durch den gefliesten und mit Holzbohlen ausgekleideten Gang, vorbei an der Tür zum Heizungskeller und zur Waschküche, zu der letzten Tür, breit und einschüchternd schwarz gestrichen. Die Tür war nicht verschlossen.

Wie angewurzelt blieb er auf der Schwelle stehen. Das Deckenlicht war ausgeschaltet, der riesige Raum versank zur Hälfte in Dämmer. Doch gleißend helle Spots verströmten Licht auf die Szene, auf die es ankam. Im hinteren Teil des Raumes stand ein mit rotem Leder bespannter Vierpfoster aus grobem, dunkelbraun gestrichenem Holz, dessen Fußbrett in Form eines Prangers gearbeitet war. Abbi stand vor dem Bett, vornübergebeugt und mit Kopf und Handgelenken am Pranger fixiert, ihre Knöchel steckten in eisernen Fesseln, die mit einer Spreizstange verbunden waren. Der Mann, der bei Rowans stillem Eintreten vor ihr auf dem ledernen Laken gekniet und sich immer wieder in ihren mithilfe eines Kieferspreizers weit geöffneten Mund getrieben hatte, schloss jetzt seine Hose und trat hinter sie, seine Umgebung vollkommen ignorierend.

Starr vor Schock starrte Rowan auf die Szene. Wenn nur einer der beiden noch einen Blick für das gehabt hätte, was um sie herum geschah, hätten sie ihn trotz des dämmrigen Lichtes sehen müssen, in der er auf der Schwelle stand. Aber natürlich sahen sie ihn nicht, denn beide waren so tief in ihrem perversen Spiel versunken, wie es nur ging. Ein Zustand, den Menschen wie er anstrebten. Er spürte die Kälte in seinen Knochen, das Eis, das sich in seinem Bauch formte, sich langsam nach oben ausdehnte und sein Herz zu umklammern begann. Der Mann nahm Abbi den Spreizknebel aus dem Mund, ehe er ein paar mal mit einer Reitgerte auf ihren wunderbar üppigen Hintern hieb und tiefrote Abdrücke hinterließ, viel dunkler als alles, was Rowan ihr jemals zugefügt hatte. Abbi stöhnte nur, anstatt vor Schmerz zu schreien. Schließlich öffnete der Mann seine Lederhosen erneut, streifte ein Kondom über und vergrub sich in einem einzigen Anlauf tief in Rowan Adanets Ehefrau. Sie schrie vor Entzücken. Rowan starrte. Auf seine Frau. Auf den Mann, der sein bester Freund war. Auf das riesige Bett, das Abbi und er gemeinsam im Fundus eines nicht mehr benutzten Theaters in Portsmouth ausgesucht hatten, damals vor drei Jahren, als sie dieses Haus gekauft hatten. Auf die Reitgerte, die zu Boden gefallen war. Eis stach ihm mit armlangen Zapfen mitten ins Herz.

„Wo ist Phoebe?“, fragte er, laut und deutlich.

Abbi schrie auf. Eric taumelte zurück, aus ihr heraus, griff mit fahrigen Händen nach seinen Hosen und zog sie hoch. Beinahe musste Rowan lachen, weil Eric so … kindisch aussah.

„Rowe!“, rief Abbi. „Du solltest doch erst am Nachmittag …“

Er ging in den Raum, betätigte die Schalter für die Spots, einen nach dem anderen und mit einer Ruhe, die das Eis in seinem Inneren ihm aufzwang. „Ist das nicht jetzt egal?“, fragte er. Als alle Spots verloschen waren, schaltete er das Deckenlicht ein. „Ich habe dich etwas gefragt. Wo ist Phoebe?“

„Hey, Mann …“

Eric war es gelungen, die Hosen über seiner beachtlichen Erektion zu schließen, und trat näher. Mit einem schnellen Blick nagelte Rowan ihn fest. Eric hob beide Hände und suchte offenbar nach Worten.

„Das ist jetzt nicht so, wie es aussieht?“, half Rowan ihm aus, seine Stimme troff vor Ironie, obwohl er dem Mann, den er seit seiner frühesten Jugend kannte, am liebsten mit einem von Abbis Pinseln ein Auge ausgestochen hätte.

„Mach mich los!“, kreischte Abbi und zappelte.

„Nein“, sagte Rowan, „ich glaube, ich mag dich genau da, wo du bist.“ Aber er hielt Eric nicht auf, als dieser die Verriegelung des Prangers löste und dann erst die Fesseln an der Spreizstange aufschloss. Er hätte ihn auch nicht aufhalten können, das Eis in seinem Inneren hatte seine Glieder erstarrt. Abbi trat nach Eric, ehe sie ihr Gleichgewicht fand und mit ausgefahrenen Krallen auf Rowan losging. An einer Kette hing ihr noch immer der vollgesabberte Kieferspreizer um den Hals. Sie widerte Rowan an. Hatte er sich wirklich noch vor wenigen Minuten über seine Heimkehr gefreut? In gespielter Lässigkeit trat er einen Schritt zurück. Es gab nur noch eines, das er von dieser Frau wissen wollte.

„Sag mir, wo Phoebe ist.“ Das Eis kroch ihm die Kehle hinauf, würde bald seinen Kopf lahmlegen. „Und dann will ich dich in meinem Haus nie mehr sehen.“

„Unser Haus!“.

Er sah sie nur an, fühlte sich wie taub. Nie mehr würde er sich von einer Frau auf diese Weise bloßstellen lassen. Nie mehr zusehen, wie ein anderer Mann anfasste, was ihm gehörte. Nie mehr seine Augen auf solche Weise verschließen.

„Wo ist mein Baby?“

„Mein Baby!“

Sie schien einfach nicht leise sprechen zu können, ihm klingelten die Ohren von ihrem Geschrei.

„Sie ist nicht hier.“

„Wo ist sie?“

Sie schnaubte nur. Er nickte langsam, glaubte zu verstehen. Ehe das Eis seine Gehirnzellen gefror, musste er seine Tochter wieder in den Armen halten, sonst würde er verrückt werden. „Bei deinen Eltern also. Ich hole sie mir.“

„Dort ist sie nicht!“

An ihrem triumphierenden Tonfall erkannte er, dass sie nicht log. Bei Abigails Eltern war Phoebe nicht. Er würde ohne ihre Hilfe nicht herausfinden, wo sein Kind war. Ein weiterer Stich ins Herz, ausgeführt von einem Eiszapfen, der dort vor zehn Minuten noch nicht war. Vor zehn Minuten, als seine Welt noch heil gewesen war. Er stürzte auf sie zu, packte sie, sein Arm streifte ihre herrlich weichen Brüste, ehe er die Hand um ihre Kehle legte, ohne zuzudrücken. Eine Drohung, nicht mehr, etwas, das sie verstand. Sie musste es ihm sagen, sonst würde er durchdrehen, die Kontrolle verlieren. Sie musste.

„Wo ist sie?“ Noch immer war seine Stimme leise, aber begann zu vibrieren vor unterdrückter Panik. Vielleicht schaffte sie es, ihm den Verstand zu rauben, aber niemals Phoebe.

„Hey!“ Es war Eric, der ihn am Arm zurückriss, noch ehe er seine Finger auf Abbis Kehle hinunterdrücken konnte. „Lass los, Mann, du bringst sie ja um!“

Rote Schlieren tanzten vor seinen Augen. Er öffnete die Finger unter Erics hartem Griff an seinem Handgelenk. Schnaufend atmete er aus, als er zurückstolperte. „Wo ist sie?“ Nur noch ein Krächzen, er spürte, wie die Kraft aus ihm hinaus floss.

Abbi stand mitten im Raum, nackt wie Gott sie geschaffen hatte. Dieser Körper war ihm einmal wie das Himmelreich erschienen. Jetzt ließ ihn der Anblick vor Ekel fast würgen. Weil Eric seine Hände an ihr, in ihr gehabt hatte.

Sie verschränkte die Arme vor ihren üppigen Brüsten, ihre Augen glitzerten im Triumph. „Du wirst es nie erfahren, Rowe.“

 

*

 

Das war es also. Obwohl sich Ela bereits an ihrem zweiten Corona festhielt, hatte die Atmosphäre nichts von ihrem Schrecken verloren. Eine verdammt idiotische Idee, allein ins berüchtigte Pain's Pleasure zu gehen. Dabei war es noch vor Stunden so klar erschienen, fast wie ein Wink des Schicksals, als sie durch Zufall die Anzeige im Stadtmagazin gesehen hatte. Sie hatte sich auf einen Abend auf ihrer Couch mit nichts als der Wut über ihr Versagen im Bauch eingerichtet, während sie durch das Magazin blätterte und die Erinnerung ihr unablässig den Film vorgespielt hatte, wie sie heute Nachmittag das Formular mit ihren Prüfungsergebnissen überreicht bekommen hatte. Nur ein einziges Wort war ihr ins Auge gefallen. Durchgefallen. Zwei Jahre Ausbildung für nichts und wieder nichts. Allein den Ausbildungsplatz zu bekommen, was Schwerstarbeit gewesen, endlich jemanden zu finden, der ihr diese Chance gab. Und jetzt? Durchgefallen. Mom hatte recht, es war von Anfang an eine Schnapsidee gewesen, sie wusste doch, dass alles mit der schriftlichen Prüfung am Ende der Ausbildung stand und fiel. Die praktische Prüfung war ein Klacks gewesen. Nahezu volle Punktzahl für ihre Kreationen aus Zucker, Mehl und Liebe. Doch auf dem Formular, auf das es ankam, stand durchgefallen. Alles vorbei.

Sicher, sie hätte Jacki anrufen können und fragen, ob sie mit ihr ins Pain's Pleasure gehen würde. Seit Jahren diskutierten sie darüber, ob sie es mal versuchen sollten. Ein bisschen Neugier, die unter den Nägeln brannte, ein bisschen Lust, die Konventionen, die die Herkunft aus der oberen Mittelschicht ihnen mit der Muttermilch eingeflößt hatte, zu durchbrechen. Ein bisschen Spaß am Kink. Aber Jacki würde Fragen stellen. Was hast du jetzt denn vor?, oder: Kannst du es nicht noch einmal probieren? Fragen, auf die sie heute noch keine Antwort hatte.

Immer wieder hatte Ela die Anzeige gelesen. Goldfarbene Schrift auf schwarzem Untergrund, und plötzlich wusste sie, was sie mit dem ersten Abend vom Rest ihres Lebens anfangen wollte. Ohne Jacki, ohne deren Fragen, die ihr den Spaß nehmen und sie hemmen würden. Einmal etwas Verrücktes, Waghalsiges tun, bevor sie für immer gefangen wäre in der Mühle all der Schulabbrecher ohne Ausbildung. Einmal nicht nachdenken, sondern einfach handeln.

Jetzt war sie hier, in diesem Tempel der Lüste, der sich hinter der unscheinbaren, hellblau gestrichenen Fassade eines dreistöckigen Stadthauses in Marylebone verbarg. Sie hatte das Gefühl, in einem live Pornodreh gelandet zu sein. Nicht nur, dass sie in ihrem weißen Korsett mit der tiefsitzenden Jeans wirkte wie die heilige Jungfrau zwischen all den lederkorsettierten, schwarzgekleideten Figuren in dem Club. Niemals würde sie tun, was … die da taten. Der Geruch von Sex und Schweiß hing im Raum, selbst das Arrangement an tropischen Pflanzen, das den Bereich zwischen Bar und Tanzfläche in einen botanischen Garten en miniature verwandelte, kam nicht dagegen an. Blut. Sie schauderte. Ja, da war auch der Geruch von Blut, weil offenbar niemand etwas dagegen hatte, dass dieser feiste Kerl mit einem riesigen Bierbauch über einer viel zu engen Lederhose seinen deutlich jüngeren Partner so lange mit einer Lederpeitsche bearbeitete, bis eine Mischung aus Lymphflüssigkeit und Blut an der Rückseite von dessen schlanken Schenkeln hinablief. Die Geräusche waren fast so schlimm wie die optischen Eindrücke, das offene Kopulieren, Schlagen und Prügeln. Sie versuchte, sich auf die Botanik zu konzentrieren, aber schaffte es nicht, ihre Faszination im Zaum zu halten. Leise Schreie, lustvolles Stöhnen, angsterfülltes Quietschen. Oh, nebbich, sie hätte sich wirklich besser informieren sollen, bevor sie sich hier herein wagte. Doch das wirklich Schlimme war, es war wie bei einem Autounfall. Sie wollte nicht hinsehen, aber sie musste. Sie musste zusehen, wie eine Frau ihren … wie nannte man das? Sklave? Diener? Ihren Diener mit Federn und Wachs bearbeitete, wie ein schwules Pärchen abwechselnd eine zierliche Dunkelhäutige in allen möglichen Öffnungen füllte und sich gegenseitig nahm, bis Ela ganz durcheinander war. Ein älterer Mann schnallte seine etwa gleichaltrige Begleiterin auf eine Prügelbank, die Beine weit gespreizt, bis wirklich jeder sehen konnte, wie das Innere einer Vagina aussah.

„Willst du auch?“

Die Männerstimme mit stark ausgeprägtem Cockney-Akzent riss sie aus ihrer Starre. Sie fuhr auf ihrem Barhocker herum. Hinter ihr stand ein kleiner Typ mit Glatze und wulstigen Muskeln an Schultern und Armen, dessen Gesicht von einer auffälligen Narbe geteilt- wurde. Sie schauderte.

„Nein.“ Die Antwort klang viel zu hoch und aufgeregt. So schnell es ging, wandte sie sich von ihm ab, damit er nicht sah, wie sie nach Luft schnappte. Der Narbentyp zog von dannen, ohne weiter in sie zu dringen. Ein Ort, an dem ein Nein ein Nein war? Irgendwie beruhigend.

Nach ihm kamen andere. Männer und Frauen. In allen nur denkbaren Ausführungen. Große, kleine, dicke, dünne. Mit jeder Anmache fühlte sich Ela mehr und mehr beobachtet. Ihr Blick glitt zum anderen Ende der Bar, die ein großes L am Kopfende des Clubs bildete, fiel in den eines Mannes, der dort hinter einem Glas Whiskey saß. Ihr Herz stolperte. Wow. Diese Augen. Mandelförmig in einem sonnengebräunten Gesicht, leicht schräg stehend unter scharf geschnittenen schwarzen Brauen. Nach einem Augenblick, in dem ihr Herz stillzustehen schien, raste es in ihrer Brust davon wie ein Rennpferd, und sie senkte den Blick, weil die Intensität einfach zu viel war.

„Noch etwas trinken, Schätzchen?“

Der Barista räumte ihre Bierflasche ab und lehnte sich ein wenig über die Theke, um über die Musik hinweg besser mit ihr reden zu können. Sie schüttelte den Kopf. Aus dem Augenwinkel sah sie zurück zu dem Whiskeytrinker, seinen Blick meidend. Er saß immer noch da wie zuvor, und doch wusste sie, dass er sie beobachtete. Ebenso wie sie ihn. Ein kleines Lächeln zupfte an ihren Mundwinkeln, sie fühlte Hitze in ihre Wangen steigen, doch ihn direkt anzusehen, wagte sie nicht.

Es war dieses Spiel von verdeckten Blicken, von winzigen Gesten und versteckten Aufforderungen, das ihr den Abend doch noch versüßte. Sie vergaß die vermasselte Prüfung, die Szenen um sie herum, existierte nur noch für den nächsten Blick ihres Beobachters. Er kam nicht zu ihr, nicht wie die anderen, die sie mit ihren Angeboten erschreckt und verwirrt hatten. Er saß auf seinem Hocker, nippte ab und zu an seinem Drink und beobachtete sie, bis sie anfing zu hoffen, dass er endlich aufstehen, sie endlich herausfordern würde.

Sie bestellte ein Soda, sie brauchte keinen Alkohol mehr, um sich berauscht zu fühlen. Der Mann trug ein einfaches graues T-Shirt, aus dessen kurzen Ärmeln zwei lange, sehnige Arme ragten. Er war nicht übertrieben muskulös wie andere hier im Club, nicht auffällig gekleidet oder besonders herausgeputzt. Er war einfach nur da, ohne sich in den Vordergrund zu rücken, und damit stach er aus der Masse heraus, tausendmal mehr als alle anderen zusammengenommen. Sie nahm die Wasserflasche von dem Barista entgegen, zahlte und wagte erneut einen Blick, nachdem sie einen ersten Schluck genommen hatte. Das Wasser wirkte eisig auf ihren überhitzten Lippen, sodass sie mit der Zunge darüber fuhr.

Diesmal beobachtete er sie offen. Sie wollte wieder wegsehen, doch konnte nicht. Er hielt sie gefangen. In diesem Blick lag so viel Versprechen, so viel Herausforderung, dass sie nach Luft schnappte. An ihrem Hals raste ihr Puls so heftig, dass sie meinte, er müsste es noch auf die mehreren Meter Entfernung sehen. Ganz langsam löste er die Rechte von seinem Tumbler, hob die Hand und krümmte den Zeigefinger in einer auffordernden Geste.

Beinah verschluckte sie sich an ihrer Spucke. Ich?, fragte sie mit den Augen.

Er sagte nichts. Er nickte noch nicht einmal, sah ihr nur weiter in die Augen. Deine Entscheidung, hieß das. Zeig, ob du Mut hast. Nur mit seinem Blick, über die Theke hinweg, erregte er sie mehr als ihre Lover vom College das mit stundenlanger Fummelei geschafft hatten.

Kurz presste sie die Augen zusammen, sah auf den blankpolierten Tresen, auf ihre Finger, die sich um die Wasserflasche krallten, als müsse sie sich daran festhalten. O Gott. Sie konnte das nicht. Warum kam er nicht herüber zu ihr? Warum war er nicht wie die anderen, die sie überschüttet hatten mit Angeboten, die sie nicht wollte? Würde er dieselben Sachen von ihr erwarten? Würde sie das können? Sie war neugierig, ja, schon seit Jahren, aber man sagte nicht umsonst, dass Neugier die Katze tötet.

Als sie wieder aufsah, blickte er unverändert in ihre Richtung. Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Nicht weit von ihr entfernt, in einer der Nischen, ging eine Szene zu Ende, beide Spieler, eine Frau und ein Mann, sichtlich befriedigt und gelöst. Der Mann legte eine Decke um die Schultern der Frau, küsste sie sanft und zärtlich auf die Schläfe, während er ihr mit den Fingern den Schweiß von der Stirn tupfte, und eine haltlose Welle aus Sehnsucht spülte über Ela hinweg. War sie hier, nur um zu starren und ihr Herz klopfen zu spüren? Oder wollte sie das selbst? Diese tiefe Befriedigung, die Sättigung und Liebe, die sie in den Mienen der beiden Spieler sah. Sie nahm einen tiefen Atemzug und stand auf.

 

*

 

Rowan lehnte sich auf dem Barstuhl zurück und betrachtete die junge Frau, die sich auf ihn zu bewegte, als zöge er sie an einer Leine. Ein gutes, ein sehr gutes Gefühl. Lange, schlanke Beine in der auf Figur geschnittenen Jeans. Angenehm volle Brüste spannten das schneeweiße Korsett, dessen Farbe ihre unschuldige Ausstrahlung unterstrich. Sie wirkte unfertig, unerfahren, aber vielleicht lag das auch an ihrer Unsicherheit. Ihr langes goldblondes Haar trug sie zu einem losen Zopf geflochten, der ihr über eine Brust fiel. Er schätzte sie auf höchstens Mitte zwanzig und hatte sie hier noch nie gesehen.

Zwei Schritte vor ihm blieb sie stehen. Er ließ sie seine Missbilligung spüren, schnaubte ein wenig. „Komm her“, sagte er kühl und bewegte die Finger in ihre Richtung. Ihre Lider zuckten nervös. Schließlich tat sie einen weiteren Schritt. Er streckte die Hand aus und grub seine Finger hinter ihrem Ohr in ihren Haaransatz. Weich. Unbewusst schmiegte sie ihren Kopf ganz leicht in seine Handfläche. Angenehm. Ihre sehr helle Haut weckte das Bedürfnis in ihm, ihren Hals und ihren Nacken zu küssen und zu schmecken. Ruhig, Adanet. Eins nach dem anderen.

Er war hergekommen, weil er nach dem Desaster mit Abbi Ablenkung brauchte. Es war Jahre her, dass er ohne sie in den Club gegangen war. Gemeinsam waren sie fast jedes Wochenende hergekommen, wann immer er zu Hause war. Zu selten, wie er jetzt wusste. Zorn schäumte hoch, als er sich zum wohl hunderttausendsten Mal seit heute Morgen vor Augen führte, dass sie sich einfach andere Unterhaltung gesucht hatte, als er zu lange weg war. Er trampelte den Zorn nieder. Nicht der richtige Zeitpunkt, Seemann.

Er mochte die Atmosphäre, das unterschwellige Summen, das in den Räumen des Pain’s Pleasure herrschte und über seine Haut tanzte. Er hatte sich eine erfahrene Frau aussuchen wollen, die aushalten wollte, wonach ihm heute der Sinn stand. Eine Frau, die bereitwillig vor ihm knien und ihn spüren lassen würde, dass er über ihr stand. Eine Frau, die ihn seine Dominanz ausleben lassen würde, die Abbi mit Füßen getreten hatte. Stattdessen war es diese junge Frau, an der sein Blick hängen geblieben war.

Ohne Grund geschah nichts im Leben.

Er krallte die Finger um den Hinterkopf der Frau vor ihm und zwang sie, ihn anzusehen. „Hast du dich im Club vertan?“

Sie blinzelte. Sie hatte ausnehmend schöne Augen, ein weiches, unschuldiges Blau mit grünen Einsprengseln. Sein Daumen strich über ihren hohen Wangenknochen. Als sie noch einmal blinzelte, streiften ihre Wimpern seine Fingerkuppe.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, warum?“

„Du bist zum ersten Mal hier.“

Sie nickte.

„Du stellst keine Fragen, es sei denn, ich fordere dich dazu auf, hast du das verstanden? Wie heißt du?“

„Michaela.“

Er hob eine Augenbraue und runzelte die Stirn. „Und?“ Verständnislos erwiderte sie seinen Blick, dann sah sie sich suchend um, bis er fester an ihren Haaren zog, aber nicht zu fest. Gerade genug, um sie daran zu erinnern, dass er es war, den sie ansehen sollte. „Und, Michaela?“

Er spürte ein sanftes Vibrieren ihrer Nackenmuskeln unter seinem Handballen, ein ganz zartes Beben. Nervosität glitzerte in ihren herrlichen Augen und löste das erste schwache Zucken seines Schwanzes aus. Wunderbar.

„Wann immer ich dich etwas frage und du mir eine Antwort gibst, Michaela, wirst du deine Antwort mit dem Wort Sir untermauern. Solltest du damit ein Problem haben, werden wir eine Stufe höher gehen und ich werde dich die Anrede Master lehren. Es wird mir eine Freude sein, dich das zu lehren, aber dir vielleicht nicht. Der Grund, weshalb du dich im Club vertan hast, ist der, dass es sich hier um eine Einrichtung für erfahrene Spieler handelt. Hast du Erfahrung, Michaela?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein … Sir. Ich bin zum ersten Mal in einem Club. Ich war neugierig.“

Er nahm die Finger aus ihren Haaren, berührte mit den Fingerspitzen ihre Wange, strich über die sanft geschwungene Linie ihres Kinns. „Ehrlichkeit ist eine Tugend“, sagte er ruhig und schenkte ihr ein Lächeln. Ihre Lippen öffneten sich ein wenig, als sie ihn beobachtete, und ihre Augen verwandelten sich in flüssige Hitze. Sie reagierte auf ihn. Er genoss es, von Unehrlichkeit hatte er für heute genug. „Ehrlichkeit wird belohnt. Doch das ändert nichts daran, dass dies kein Club für Anfänger ist. Glaubst du, dass du der Atmosphäre hier gewachsen bist, Michaela?“

Sie sah ihn an, leise bebend, ihr Brustkorb in dem eng geschnürten Korsett hob und senkte sich unter heftigen Atemzügen. Ihr Dekolleté war sanft gerötet und auf ihren Wangenknochen lag Hitze.

„Meine Freunde nennen mich Ela“, sagte sie, die Stimme zögernd und leise.

Sie war wirklich entzückend, entschied er. Unschuldig. Rein. Das absolute Gegenteil von dem, wie er heute Abbi erlebt hatte. Er mochte es, wie sich seine Finger auf ihrer Haut anfühlten, strich an der Oberkante des Korsetts entlang und erfreute sich daran, wie sie gegen den Drang kämpfte, an sich herunterzusehen. „Vielleicht“, sinnierte er, als spräche er zu sich selbst. „Vielleicht werde ich dich eines Tages Ela nennen. Zieh die Jeans aus, Kleines, die passen in diesem Raum nicht zu dir.“

Sie zögerte nur ganz kurz, dann leistete sie seiner Aufforderung Folge. Sie trug ein zum Korsett passendes, knappes Spitzenhöschen. Angenehme Rundungen, kräftige Schenkel, ihr Hintern sah fest aus. Er würde herausfinden, wie fest. Später. Er betrachtete sie und ließ Anerkennung in seinen Blick sickern. Dann wandte er sich an den Barista. „Lässt du mir bitte zwei Macallan zur Couch unter dem Südfenster bringen, Mark?“

Mark grinste und nickte. „Nimmst dir das Sahnehäubchen des Abends, was?“

Er ignorierte das Grinsen und blickte Michaela an. „Wir werden sehen.“ Er schob sich vom Hocker, legte eine Hand in ihren Nacken, fest, aber nicht zu hart, und leitete sie zu der Sitzgruppe. Der Weg führte an mehreren Szenen vorbei, die von grellen Scheinwerfern erleuchtet wurden. Seine Hand im Nacken der jungen Frau erlaubte ihm, ihren Körper zu lesen, ohne sie anzusehen. Sie mochte die Peitschen nicht, bei deren knallendem Zurückschnellen sie zusammenzuckte. Als eine Frau auf der Streckbank von ihrem Dom mit kundigen Fingern zu einem schreienden Orgasmus gebracht wurde, spürte er die Hitze dicht unter ihrer Haut entlangschnellen.

Er ließ sich auf die Ledercouch fallen, nahm eines der Kissen und warf es neben seinen Füßen auf den Boden. Zeit, herauszufinden, wie neugierig sie wirklich war. Wie bereit, sich der Atmosphäre dieses Ortes zu stellen – und ihrer eigenen Neigung. „Dein Platz, Michaela“, sagte er.

Sie betrachtete das Kissen. Er tat, als würde es ihn nicht interessieren, wie sie reagierte, nahm sich zwei Chips aus der Schale auf dem niedrigen Couchtisch und nickte einer Domme zu, die ihren Sklaven an einer Hundeleine vorbeiführte. Doch er sah ganz genau, wie Michaela um Grazie bemüht war, als sie sich auf das Kissen sinken ließ. Dann beugte er sich zu ihr hinunter. Wie von selbst fanden seine Finger wieder die Linie ihres Kieferknochens. Er strich darüber, umfing mit Daumen und Zeigefinger ihr Kinn und hob ihr Gesicht zu sich. „Das ist sehr schön, Kleines. Ich mag es, wenn Frauen folgsam sind. Deshalb bin ich hier. Hier finden Männer wie ich die Art von Frau, nach der sie suchen. Frauen wie dich. Du siehst sehr schön aus, und jetzt werde ich deine Lippen schmecken.“ Er wartete nicht ab, wie sie auf diese Ankündigung reagieren würde, legte seinen Mund auf ihren und zwang mit der Zunge ihre Lippen auseinander.

Was er fand, überrumpelte ihn. Eine unerwartete Süße und Wärme, die ihm augenblicklich zu Kopf stieg. Eine Hingabe, mit der er nicht gerechnet hatte. Im Handumdrehen packte er sie und hob sie, ohne von ihren Lippen abzulassen, auf seine Knie, damit er leichter Zugang hatte. Ihren überraschten Aufschrei erstickte er, indem er seine Zunge tiefer in sie schob, sie noch gieriger küsste. Es war eine explosive Mischung aus Neugier, Unerfahrenheit und instinktiver Hingabe, die er so noch nie erlebt hatte. An ihr war nichts berechnend, nichts herausfordernd. Sie ließ sich einfach halten und nahm, was er zu geben hatte.

Er schmiegte seine Hände um ihr Gesicht und drückte sie ein wenig von sich. Ihre Lippen waren feucht und geschwollen von seinem Kuss, ein erregender Anblick. Sie lächelte ein wenig, die Augen verhangen.

„Du bist wirklich süß“, sagte er an dem Kloß vorbei, der sich in seiner Kehle gebildet hatte. Sie grub die Zähne in ihre Unterlippe, riss ihren Blick aus seinem und blickte hinab auf ihre Hände, dann auf das Kissen, von dem er sie hochgehoben hatte. Er folgte mit den Augen ihrem Blick und gab dem Kissen einen Tritt. „Vergessen wir das.“ Er ließ sich ein wenig tiefer ins Lederpolster sinken und hielt sie auf seinen Schenkeln fest. Als sie zu zappeln begann, griff er in ihren Nacken wie bei einem Kätzchen, das man ruhigstellen wollte. „Bleib so sitzen, Michaela. Ich will es so, also tust du es. Es ist ganz einfach.“ Wieder dieses instinktive Einlenken von ihr, sie sackte halb gegen ihn und er lockerte seinen Griff. Etwas in ihm rechnete damit, dass sie sich erneut wehren würde, wenn er losließ, aber sie tat es nicht.

Er war hergekommen, um eine erfahrene Sub zu finden, die er mit gezieltem Einsatz von Flogger und Rohrstock zum Höhepunkt treiben konnte. Weil er davon überzeugt gewesen war, dass nur eine harte Szene ihn von der Wut runterbringen konnte, in die Abbis Verhalten ihn versetzt hatte. Jetzt stellte er fest, dass das, was er wirklich gebraucht hatte, ein weiches, unschuldiges Mädchen war, das sich halten ließ und küsste wie ein Engel. Wie eine samtene Decke legte Michaelas hingebungsvolle Zartheit sich auf seine überspannten Nerven, beruhigte das Ziehen und Zerren in seinem Inneren, schenkte Frieden.

Er fuhr mit der flachen Hand über den weichen Satinstoff ihres Korsetts, fand die Verschnürung an der Vorderseite und begann, mit sicheren Fingern die Schleifen und Schnüre zu lösen. Erst als es schon über ihren Brüsten aufklaffte, schien sie zu spüren, was er tat. Sie zuckte zusammen, begann zu zappeln.

„Was tun Sie?“, entfuhr es ihr.

Er fasste sie fester um die Schultern und drückte sie mit der anderen Hand zwischen ihren Brüsten nach unten, fester auf seine Schenkel. Er war sich bewusst, dass sie seine Erektion spüren musste. Ihr Widerstand erlahmte. Mit verwirrtem Blick sah sie zu ihm auf.

„Ich will dich ansehen“, erklärte er. „Und du wirst mich lassen.“

Er wollte mehr als das. Er wollte herausfinden, wie weit ihre natürliche Unterwürfigkeit reichte. Wie viel sie zu geben bereit war. Für fünf Sekunden fochten sie ein wortloses Blickduell, das Michaela nicht gewinnen konnte. Dann nahmen seine Finger die Arbeit wieder auf. Er spürte ihren rasenden Herzschlag, während er ihre Brüste freilegte und seine Hand um eine der beiden vollen Rundungen schmiegte. Er unterdrückte den anerkennenden Laut nicht, der aus seiner Kehle kam. „Sehr hübsch“, kommentierte er. Sie errötete noch mehr.

Ihre Brustwarzen würden sensationell aussehen, wenn er Klammern applizierte. Sie hatte makellose Brüste, die Spitzen von einem weichen Rosa. Weich, wie alles an ihr. Schmiegsam. Warm. Gedankenverloren spielte er erst mit der einen, dann mit der anderen Brust, lauschte auf ihren Atem, verlor sich in dem Spiel. Er senkte den Kopf, benetzte eine ihrer Brustspitzen mit der Zunge, klemmte sie dann zwischen Daumen und Zeigefinger. Sah ihr ins Gesicht, während er zudrückte, sah die Hitze, die in ihre Wangen schoss, sah zu, wie sie die Zähne erneut in die Unterlippe grub und wie ihre Augen feucht glitzerten. Sie drückte das Kreuz durch in dem Bemühen, den Schmerz auszuhalten. Schließlich ließ er los und leckte erneut über die Haut, um die aufgeregten Nerven zu besänftigen. Er hob den Kopf und lächelte sie an, platzierte einen zarten Kuss auf ihre Lippen. „Du bist zauberhaft“, murmelte er und streichelte sie sanft.

Sie schluckte und erwiderte seinen Blick. Er hatte es nicht gemocht, wenn er mit Abbi Szenen spielte und sie ihn ansah. War das ein Zeichen gewesen? Weil er in Abbis Blick nicht das fand, was er suchte? Er mochte es mehr als alles andere, dass Michaela ihn ihre Augen sehen ließ. Vielleicht, weil die Wärme in Michaelas Blick so ehrlich war. So weich, bar jeder Berechnung.

„Was passiert jetzt weiter in dieser Nacht?“

Es störte ihn nicht einmal, dass sie sein Verbot, Fragen zu stellen, missachtete. Er umkreiste mit der Fingerspitze ihre Brustwarzen, erst eine, dann die andere, malte die Zahl acht wieder und wieder unsichtbar auf ihre Haut. „Ich werde dich einfach nur ein bisschen halten. Dich genießen. Ich hatte einen harten Tag, und du beruhigst mich.“

Sie runzelte die Stirn. Süß sah das aus. Sie befreite ihren Arm aus seiner Umklammerung und streckte die Hand nach seinem Gesicht aus.

„Willst du mir davon erzählen?“, fragte sie. Nach kurzem Zögern fügte sie hinzu: „Sir.“

Es war erstaunlich. Unerwartet. Ein Geschenk. In ihrer Frage lag nichts Drängendes, nicht einmal Neugier. Einfach nur eine Ehrlichkeit und Wärme, die ihn umschmeichelte wie ein Bad in flüssigem Karamell. Er war ein dominanter Mann, der die Dinge so haben wollte, wie er es bestimmte. Sie untergrub seine Dominanz, stellte Fragen, die er nicht hatte hören wollen, aber die Art, wie sie das tat, war entwaffnend. Beseelt von ihrem Wunsch, ihm aus dem schwarzen Loch, in das er gefallen war, herauszuhelfen, sprach ihre instinktive Neigung zu helfen und zu dienen mehr zu dem Dom in ihm, als es ritualisierte Gesten je gekonnte hätten. Es war ein Instinkt. Wahrscheinlich war sie sich dessen nicht einmal bewusst. Gerade das machte es so berauschend.

Er küsste ihre Lippen, inhalierte die Süße, die von ihr ausging. „Vielleicht ein anderes Mal, süße Michaela“, flüsterte er. Er wollte in ihren blauen Augen ertrinken. Warum begegnete sie ihm ausgerechnet heute? Nichts, was passiert, passiert ohne Grund, hatte ihm einmal jemand gesagt. An diesem Tag, an dem er aus der Karibik zurückgekehrt war und sein Zuhause sich in eine Hölle verwandelt hatte, als er sein Kind verloren hatte und es nach Abbis Willen niemals wiedersehen sollte, begegnete ihm diese junge Frau, die ihm schon nach wenigen Minuten so tief unter die Haut ging, dass ihn ein Schauder überlief. Warum ausgerechnet heute? Er befürchtete, dass er ihr nicht gerecht werden konnte, dass er sie vertreiben würde, dass er sie nie wiedersehen würde. Sie war hier, weil die Neugier sie trieb. In einem Club, für den sie noch nicht bereit war. Er war der falsche Mann für sie, aber sie war so sehr die richtige Frau für ihn, dass er härter war als je zuvor in seinem Leben. Trotzdem wusste er, dass er ebensowenig bereit für sie war, wie sie für den Club.

Dieser Tag war einfach unfair.