Now and Forever

Kapitel 1

Ihre Zunge fühlte sich an wie ein kleines, lebendiges Tier, das zu Scherzen aufgelegt war. Doch Adam war zu überrumpelt, um sich auf das Spiel einzulassen. Er war ein Mann, der viel gesehen hatte in seinem Leben, aber das hier, dieser Kuss … das war selbst für einen Kriegsveteranen zu viel. Mochten sie ihn altmodisch nennen, hier im Cowboy-Land, aber er bevorzugte es, wenigstens den Namen der Frau zu kennen, die er küsste. 
Als hätte sie seine Gedanken erraten, löste sie sich von ihm und runzelte die Stirn. Ein süßes Gesicht, das zu dieser Stirn gehörte, das erkannte er jetzt auch, wo das Blut in seinen Adern sich langsam etwas beruhigte.
„Sie könnten mir den Gefallen tun und mitspielen!“, sagte sie. Ihre Stimme war genauso süß wie ihr Gesicht, auch wenn jetzt ein kleiner Funke Entrüstung zwischen den Worten schwang.
Adam konnte nichts sagen. Er starrte auf ihre Lippen, auf denen noch der Schatten seines eigenen Mundes lag. Oder vielleicht täuschten das Licht und der pflaumenfarbene Lippenstift. Aber die Erinnerung täuschte nicht. Die Erinnerung an das vollkommen unerwartete Gefühl dieses Mundes auf seinem.
Aus so großer Nähe hatte er lange keine Lippen mehr betrachtet. Seine Wahl, und wenn es nach ihm ging, sollte er das auch weiterhin so halten und tunlichst vermeiden, eine Frau zu küssen. Aber er hatte sie ja nicht geküsst. Sie war auf ihn zugegangen. Ohne Präambel, ohne Vorwarnung, hatte ihn zu sich hinuntergezogen und ihn geküsst. Wenn er jetzt nach seinem Bauchgefühl ging, dann hatte er sich verdammt nochmal genau danach gesehnt. Aber zum Teufel, vielleicht war es auch gar nicht sein Bauch, der da sprach, sondern ein ganz anderer Teil seiner Anatomie.
Sein Blick wanderte nach oben, ohne ihrem Wunsch Beachtung zu schenken. Sie hatte ihn überrumpelt. Einmal. Jetzt rollte der Ball in seiner Hälfte.
Ihre Haut war von einer solchen Perfektion, dass sie geschminkt sein musste. Wie die Lippen. Aber nicht wie mit einem Spachtel zugeschmiert, wie er es aus seiner Jugendzeit von Mädchen in Erinnerung hatte, die nach künstlichem Pfirsicharoma und Fettcreme rochen und deren Küsse von einer unbeholfenen Härte gewesen waren. Perfekt geschminkt für eine perfekte Erscheinung. Ein zartes, ovales Gesicht, eine leicht nach oben gereckte Nasenspitze, die nach Neugier aussah, und ein schmaler Nasenrücken.
Der Nasenrücken kräuselte sich. Ihre Pupillen wurden groß. Ein Schniefen …
Adam lehnte sich ein winziges Stück zurück.
Das Mädchen nieste. Einmal. Zweimal.
„Was zur Hö…“
Ein weiteres Hatschi unterbrach den wenig damenhaften Fluch. Dreimal. Viermal. Erst nach dem fünften Niesen hatte sie die Geistesgegenwart, sich ein wenig wegzudrehen. Gegen seinen Willen musste Adam grinsen und zog das Taschentuch aus seiner Jeans. Danke, Grandma, dachte er, als er es ausschüttelte, damit es sich entfaltete und dabei das handgestickte Monogramm sichtbar wurde. Das Mädchen mit dem pflaumenblauen Lippenstift hatte erdbeerblondes Haar und war offenbar in Gänze ein süßes Früchtchen. Er hielt ihr das Taschentuch vors Gesicht.
„Bitte“, sagte er.
Sie nieste noch einmal und griff danach. Perfekt manikürte Fingernägel, lackiert in derselben pflaumenblauen Farbe, die zu ihrem Rollkragenpullover aus Glitzerwolle und dem Lippenstift passte. Er sah weiter hinab. Jeans, natürlich, und mit Strass-Sternen und Lederfransen verzierte Cowboystiefel. Als sie sich vorbeugte und in das Tuch schnäuzte und er über ihren Rücken hinwegblickte, sah er einen Kerl, über dessen kariertem Holzfällerhemd und der idiotischen Lederweste eine goldene Kette baumelte. Den Hut nicht abgenommen, ein siegessicheres Grinsen auf gesprungenen Lippen. Okay, das erklärte einiges.
Das Mädchen fasste sich. „Scheiße“, war das erste Wort, das es durch ihre Atemlosigkeit hindurch schaffte. Ihre Wortwahl passte definitiv eher in den Wilden Westen als ihre Aufmachung. Noch einmal schnäuzte sie.
„Allergie?“, fragte Adam hilfsbereit.
„Katzen“, erwiderte sie.
Er hatte sich so etwas gedacht.
Sie reichte ihm das Tuch zurück, aber er schüttelte den Kopf und nippte an seinem Bier. Ihre kleine Zwangspause hatte ihm Oberwasser gegeben. Plötzlich war er froh, dass sie ihn so überfallen hatte. „Behalten Sie das, Sie werden es sicher noch brauchen. So ein Anfall dauert ein paar Stunden.“
Wieder runzelte sie die Stirn. Langsam glaubte er, die Geste zu erkennen. Nicht als Geste der Unsicherheit, sondern als süße Kleinigkeit, die ihrem perfekten Äußeren entschlüpfte. Eine winzige Macke, die zeigte, dass sie keine Puppe war, sondern echt. Verdammt echt. So echt, wie der Kuss gewesen war, der ihn zwar überrumpelt, aber ganz sicher nicht kalt gelassen hatte.
„Da ist ein Monogramm drauf, sind Sie sicher, dass Sie das nicht wiederhaben wollen?“, fragte sie.
„Meine Großmutter versorgt mich damit. Sie stickt in einer Geschwindigkeit, dass einem ganz schwindelig wird. Kein Mensch hat so viel Schnupfen“, übertrieb er. „Behalten Sie es einfach. Was meinten Sie mit mitspielen?“
Dunkles, aber nicht übertriebenes Make-Up betonte das helle Silbergrau ihrer Augen. Sie seufzte aus tiefster Seele, als sie das Taschentuch in ihre Jeans schob und sich nach dem feisten Cowboy hinter ihr umwandte.
„Ja, der ist immer noch da“, half Adam.
„Hören Sie …“ Als sie sich zu ihm lehnte, um leiser sprechen zu können, fing er ihren Duft auf. Nicht nach künstlichen Kirschen oder Pfirsichen wie die Mädchen, die er früher gekannt hatte. Ein kaum wahrnehmbarer Duft nach Apfelkuchen und Sommer, und das in einer Gegend, in der längst der Winter Einzug gehalten hatte. „Das ist Jake the Snake Carpenter“, erklärte sie. Wie eine Schlange sah der Typ nun wirklich nicht aus. „Der rennt mir seit Wochen hinterher und will ein Date.“
„Geben Sie es ihm doch, dann können Sie hinterher sagen, das war ein Spaß, aber ich bin noch nicht bereit für eine Beziehung.“
Sie sah ihn an, als habe er den Verstand verloren. „Zu Jake the Snake?“ Sie verdrehte die Augen und verlagerte ungeduldig ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Trotz des weiten, grob gestrickten Pullovers konnte Adam sehen, wie rund und voll ihre Brüste waren. „Ich hätte mir nicht ausgerechnet Sie aussuchen sollen. Fremde wissen nicht, wie es hier abgeht. Aber naja“, sie zuckte mit den Schultern. „Manchmal verliert man, und manchmal gewinnen die anderen.“
Er lächelte unter erhobenen Augenbrauen und setzte sein Bierglas an. Dabei fiel ihm auf, dass sich fast alle der Umstehenden, die gerade noch auf sie gestarrt hatten wie auf das beste Fernsehprogramm, sich demonstrativ abgewandt hatten. Plötzlich schien sich kaum jemand dafür zu interessieren, was hier vor sich ging. Das Mädchen stand immer noch so nah neben seinem Barhocker, dass ihre Knie seine berührten.
„Ich heiße übrigens Adam“, sagte er und zwinkerte ihr zu.
„Leah“, erwiderte sie sichtlich verwirrt.
„Na dann.“ Er stellte das Glas zurück auf den Tresen und leckte sich über die Lippen. Dann stand er auf. Das Mädchen Leah starrte zu ihm hoch, unsicher, was er vorhatte. Adam warf einen herausfordernden Blick auf Jake the Snake, den einzigen, der noch immer mit Argusaugen beobachtete, was sie trieben, und schob eine Hand um Leahs Mitte, tief in ihren Rücken, sodass seine Fingerspitzen den Bund ihrer Jeans unter dem Pullover erfühlten. Mit festem Griff zog er sie an sich.
„Haben Sie das Taschentuch griffbereit?“, raunte er ihr zu. „Sie werden es gleich wieder brauchen, ich hatte Sie gewarnt.“ Ließ sich ja nicht vermeiden, dass er immer ein paar Gramm Snookie mit sich trug, egal, wohin er ging.
Sie nickte hektisch.
Dann küsste er sie. Und zwar richtig. So richtig, dass die Gespräche der Einheimischen, die die Bar im Big Eddys umstanden, verstummten. So richtig, dass das Klirren der Gläser, die der dickbauchige Wirt spülte, aufhörte. So richtig, dass sich Leahs Rücken unter seiner Hand zurückbog, während sie seinen Kuss erwiderte.
Nun, das war ein Kuss. Zwar gab es einen Moment der Überraschung, in dem sie sich von ihm überrumpeln ließ, aber als sie den überwunden hatte, teilte sie so gut aus, wie sie entgegennahm. Offenbar lag ihr wirklich viel an diesem Spiel und wirklich wenig an Jake the Snake. Amüsiert bemerkte er das Zucken unter seinen Lippen, das einzige Zeichen ihres Körpers, dass sie ein Niesen unterdrückte, um den Moment nicht zu zerstören.
Er hätte noch eine ganze Weile weitermachen können, aber löste sich von ihr. Ganz egal, wie gut sich das anfühlte, ihr warmer Mund unter seinem, ihr Atem auf seinem Gesicht, ihr kleiner, schmiegsamer Körper in seinen Armen, genug war genug. Sie sah ein wenig zerzaust aus, als er sie mit festem Griff ein wenig von sich schob. Hilfesuchend legte sie eine Hand auf seine Brust, rang um Balance. In seiner Jeans wurde es verdammt eng, aber er hörte nicht darauf. Er sah zu Jake, der sie immer noch anstarrte.
„Gibt’s ein Problem?“, fragte Adam.
Jake runzelte die Stirn, noch nicht willig, den Kampf um aufzugeben. „Wer bist du denn, Mann?“, fragte er.
Adam reichte ihm die Hand. „Adam T. Henley“, sagte er freundlich. „Ich bin neu in der Gegend.“ Er gab sich keine Mühe, seinen eigenen Akzent, der hier etwa so exotisch sein musste wie ein Kakadu in einem Hühnerstall, zu unterdrücken. „Leah war das Erste, was mir an Thompson Falls aufgefallen ist. Sollte ich dir damit irgendwie ans Bein gepinkelt haben, tut’s mir leid und ich hoffe, dass du keine Knarre dabeihast. Ich bin im Duellieren eine Niete.“
Jakes Lippen zuckten, als könne er sie nur mit größter Willensanstrengung davon abhalten, sich von den fletschenden Zähnen zu heben. Adam hielt Leah an seiner Seite fest und ignorierte das periodische Zucken ihres Körpers. Armes Mädchen, sie schien wirklich an einer heftigen Allergie zu leiden, aber da musste sie jetzt durch. Sie hatte sich die Suppe eingebrockt, und das Einzige, was Adam tun konnte, war, ihr beim Auslöffeln zu helfen.
Noch zwei Augenblicke lang sah Jake the Snake aus, als wolle er eine Rauferei vom Zaun brechen. In der Bar herrschte Totenstille. Die einen wünschten sich vielleicht sogar, dass es zu einer Schlägerei kam. Immerhin war das hier Thompson Falls. Ein Nest, in dem das Aufregendste, was es zu erleben gab, war, wenn der alte Tierarzt sich das Bein brach und sein Neffe für eine Weile einspringen musste. Die andere Hälfte, zu der der Wirt gehören dürfte, hoffte wohl, dass nicht allzuviel zu Bruch ging.
Adam schob seine Hand in Leahs Rücken tiefer, bis an den Saum des Pullovers. Kaum merklich drehte er sie ein wenig, sodass Jake sehen musste, wie Adam seine Finger in den Stoff der Jeans über einer der beiden festen Rundungen ihres Hinterns grub. Nicht, dass er sich beschweren würde. Er hatte schon unangenehmere Pflichten gehabt, als ein süßes Mädchen begrapschen zu dürfen, um sie vor einem aufdringlichen Verehrer zu retten.
Schnaufend hob Jake beide Hände. „Cool, Mann“, knurrte er und ging, die Sporen an seinen durchgetretenen Stiefeln klirrend, zur Tür.
Als das Türblatt zurück in den Rahmen knallte, machte Leah sich aus Adams Griff los. Schade, eigentlich. Trotzdem hielt er sie nicht auf. Stattdessen stieg er wieder auf seinen Barhocker und sah kaum hin, wie sie das Taschentuch aus ihrer Hosentasche zerrte und um ihr Leben nieste. Er nahm an, dass ihr Make-Up tränenecht war, aber wusste trotzdem, dass sie gleich mit schwarzen Schlieren im Gesicht das Weite suchen würde.
Und das war vermutlich auch gut so. Das gerade war ein nettes Schauspiel gewesen. Mehr nicht. Es gab nichts, was er einer Frau zu bieten hatte. Ohne sich noch einmal nach Leah umzusehen, leerte er sein Glas und hielt die Hand hoch, um es wieder füllen zu lassen.

*

War ja klar. Einmal, ein einziges Mal fand sie einen Typen in Thompson Falls, der wirklich küssen konnte, und dann besaß der Kerl eine Katze. Oder eher eine ganze Katzenzucht, wenn sie bedachte, wie heftig sie reagierte.
Die Hand mit dem Taschentuch flach vor Mund und Nase gepresst, stockte Leah auf halbem Weg zur Tür. Mist. Dort raus war Jake gegangen. Wenn sie ihm jetzt folgte, hätte sie sich die Sache mit Adam von den fliegenden Katzenhaaren auch sparen können. Also umdenken. Im Schankraum zu bleiben, kam nicht in Frage. Raus zu Jake der Klapperschlange schon gar nicht. Blieb die Toilette. Ein wenig kaltes Wasser und vor allem ein paar Minuten katzenhaarfreie Luft mochten helfen. Sie unterdrückte einen weiteren Niesanfall, räusperte das Kratzen im Hals weg und nahm Kurs auf die Waschräume.
Natürlich war zu so später Stunde niemand mehr hier. Das Big Eddy’s würde in einer halben Stunde die Pforten schließen. In einer Weltstadt wie Thompson Falls gab es noch so etwas wie Sperrstunden. Leider. Wenn nicht, wäre sie vielleicht vernünftig gewesen und schon vor gut einer Stunde mit Amy und den anderen gegangen. Seit ihre beste Freundin zu ihrer Jugendliebe Travis auf dessen Ranch gezogen war, schien sie den Spaß an späten Stunden im Pub verloren zu haben. Also hatte Leah allein das Beste aus dem Abend gemacht. Hatte bleiben wollen, bis Ed sie hinauskehrte. Tanzen, trinken, lachen. Leben. Vor allem Leben. Und vielleicht einen netten … Aber das war ja immer ihr Problem, richtig?
Sie drehte den Wasserhahn auf und wusch sich die Hände. Zum Glück waren noch einige Papierhandtücher im Spender. Ein paar davon tränkte sie mit Wasser und rieb sich damit das Gesicht ab. Erst dann riskierte sie einen Blick in den Spiegel. Das war ihr zweiter Fehler an diesem Abend. Himmel, war das wirklich sie? Gut, im Grunde war es wirklich erstaunlich, zu was so ein Körper fähig war. Wie es möglich war, dass er auf Gefahr reagierte, und dann alles daran setzte, diese Gefahr wieder loszuwerden. Mit geschwollenen Schleimhäuten, tränenden Augen, roten Stresspusteln und allem, was dazugehörte. Dumm wurde es nur, wenn die Gefahr in nichts weiter als ein paar lächerlichen Tierhaaren bestand. Dann fand sie diese Reaktion doch ein wenig übertrieben. Aber gut, das Leben war kein Wunschkonzert.
Mit einem Seufzen drehte sie das Wasser aus und ließ sich auf den geschlossenen Deckel der Toilette fallen. Krampfhaft überlegte sie, wie sie nach Hause kommen sollte. Das war nämlich Problem Numero tres. Nicht nur, dass sie mit Amy auch ihre Mitfahrgelegenheit weggeschickt hatte – ein einstündiger Spaziergang durch die Eiseskälte zu ihr nach Hause stand jetzt zwar nicht ganz oben auf ihrer To-do Liste, würde sie aber nicht umbringen – nein, sie erinnerte sich auch, dass sie Amy ihren Hausschlüssel in die Hand gedrückt hatte, als diese sie zuhause abholte. Leah wollte keine Handtasche mitnehmen und außerdem neigte sie ohnehin dazu, Dinge zu verlegen. Also hatte sie den Schlüssel der Freundin gegeben mit der Bitte, auf das Ding aufzupassen.
Mittlerweile dürfte der Schlüssel mitsamt seiner Aufpasserin sicher auf der Monahan Ranch angekommen sein, wo es zwar viele Rinder und wahnsinnig viel Romantik, jedoch leider selten Mobilfunkempfang gab. Und selbst wenn sie durchkommen sollte, war es nicht fair, ein jungvermähltes Paar aus den kaum aufgewühlten Federn zu schmeißen, weil Leah Maddison schusselig war. Toll gemacht. Genauso toll, wie über das ganze Dilemma zu reden, während Jake sabbernd in Hörweite stand. Natürlich hatte der notgeile Kerl das als Ausrede gesehen. Und nicht nur als Ausrede, auch als Einladung. Komm schon, komm, Leah behauptet, sie muss heute Nacht unter der Brücke schlafen, das kann doch nur eine Schwindelei sein. Natürlich will sie in Wirklichkeit … Sie presste die Augen zusammen. In ihrem Kopf drehte sich alles. Scheiß Bier. Das Schlimme war, natürlich wollte sie. Sie wollte wirklich gerne, nur nicht mit Jake. Keinesfalls mit Jake. Amy hatte sie oft genug gewarnt, wo das früher oder später hinführen würde, wenn sie nicht irgendwann begann, an ihren Ruf zu denken. Als sich diesmal Tränen unter ihren geschlossenen Augenlidern hervorquetschten, war sie sich nicht mehr sicher, ob das wirklich an der Allergie lag.
Ein Klopfen an der Tür schreckte sie aus ihren ungnädigen Gedanken.
„Leah? Hey, Leah, bis du da noch drinnen? Ich hab dich vor einer halben Stunde in die Toiletten verschwinden gesehen. Der Wirt will zuschließen. Ist alles okay bei dir?“
Oh nein. Oh, bitte nicht. Niemand hier sprach mit diesem Akzent, der die Vokale ganz rund schliff und die Worte auf diese geradezu träge Art aneinanderreihte. Sie hatte nicht die Kraft für noch mehr Drama, und dass es nur in einem weiteren Drama enden konnte, wenn sie in dieser Stimmung noch einmal Adam, dem Meisterküsser, unter die rauchgrauen Augen trat, stand bereits festgeschrieben. Aber was blieb ihr denn übrig?
Sie schniefte und schluckte, ehe sie antwortete. „Ist offen. Kannst rein kommen.“
Knarzend öffnete sich die Tür zur Damentoilette. Ein dunkler Lockenkopf schob sich durch den Spalt, kunstvoll ausgeleuchtet von dem grellen Neonlicht in der Toilette, das einen Hauch von Kupfer über seine Haare stäubte. Er trug ein Grinsen im Gesicht, das nur eine Ahnung war, und die Locken so verwuschelt, dass es einer Frau in den Fingern jucken musste, die Hände hineinzugraben. Jeder Frau, berichtigte sie sich im Stillen. Überhaupt war es das erste gewesen, was Leah an ihm aufgefallen war. Naja, nach der Tatsache, dass er neu in der Gegend sein musste, weil sie ihn nicht schon seit der Vorschule kannte. Sein Bart war ein paar Farbtöne heller als das Kopfhaar, und in den vier oder fünf Tage alten Stoppeln kam das Rot noch deutlicher zum Vorschein.  Von ihrer Position auf dem geschlossenen Klodeckel aus konnte sie beobachten, wie sein Bick kurz durch den Raum irrte, ehe er sie ausmachte. Für die Dauer eines halben Herzschlags weiteten sich seine Pupillen, dann begriff er, dass sie voll bekleidet war, und sein  Grinsen vertiefte sich.
Leah hob eine Hand zum Gruß. „Hey“ sagte sie.
„Hey“, antwortete er. In seinen grauen Augen schwammen winzige grüngoldene Flecken, fiel ihr jetzt auf. Eine Farbe, wie sie sie noch nie gesehen hatte. Geheimnisvoll. Einzigartig.
„Wenn du hier drin eine Party suchst, muss ich dich enttäuschen. Ich hatte nur gehofft, dass Ed mich vergisst und einsperrt. Dann müsste ich heute Nacht nicht unter der Brücke schlafen.“
„Du musst …“ Ihm fehlten die Worte. Zugegeben, wenn sie ihm ein paar mehr Details geschenkt hätte, wäre es ihm wahrscheinlich leichter gefallen, ihr zu folgen.
Stattdessen winkte sie ab und stand auf. „Vergiss einfach, was ich gesagt habe.“ Sie zupfte sich Jeans und Pullover zurecht und versuchte, sich an ihm vorbei raus in den Schankraum zu quetschen, ohne ihn zu berühren. Sah aus, als würde sie doch einen einstündigen Spaziergang durch die Kälte machen. Grandma Josie würde begeistert sein, wenn sie mitten in der Nacht an deren Tür klopfte und um Asyl bat. Leah hörte die Standpauke schon jetzt. Du holst sie nicht zurück, wenn du dich auch kaputt machst. Leah, Kind, denk nach. Dein Dad hätte nicht gewollt, dass du so mit dir umgehst, er würde sich im Grab umdrehen.
Aber daran hätte er ja auch vorher denken können, dachte sie mit einem Hauch Verbitterung.
Direkt hinter den Toiletten war die Garderobe. Nur noch zwei Jacken hingen an den Haken. Ihre Daunenjacke und ein dunkelblauer Herrenparka. Kein Geheimnis, wem der gehörte. Sie griff nach ihrer Jacke, als sich eine Hand auf ihren Arm legte.
„Jetzt warte doch. Hast du gerade wirklich gemeint, dass du keinen Platz zum Schlafen hast?“
Sie stemmte die Hände in die Hüften und sah ihn herausfordernd an. „Und wenn? Willst du dich anbieten?“
„Ich …“ Selbst im Zwielicht des verlassenen Flurs erkannte sie, wie ihm ein Hauch Röte in die Wangen schoss. Niedlich war das. Und es stand im krassen Gegensatz dazu, wie er sie geküsst hatte. Daran war nichts niedlich gewesen. Ganz im Gegenteil, das war ein Kuss gewesen, der die Macht hatte, zu zerstören. Sie, zum Beispiel, aber noch mehr die Gedanken in ihrem Kopf. Die Fragen. Die ganzen schlimmen Vorstellungen. Für noch einen von diesen Küssen würde sie tatsächlich mit ihm nach Hause gehen, stellte sie fest. Sie würde sich von ihm küssen und noch viel mehr machen lassen. Morgen würde sie sich schrecklich fühlen und bereuen. Wie immer. Aber das war morgen, und jetzt war jetzt. Wenn er sie noch einmal küsste, hätte sie vielleicht die Chance zu schlafen. Hinterher. Eine ganze Nacht lang. Ohne Albträume.
„Okay“, sagte sie deshalb, ehe er weitersprechen konnte, dann legte sie eine Hand auf seine Brust, ließ sie nach oben gleiten, bis ihre Finger in seinem kurzen Bart spielen konnten. Ein bisschen Verführung mochte dem Plan auf die Sprünge helfen. „Ich komm mit zu dir. Kannst du mir nur einen Gefallen tun und den Wecker stellen? Ich muss morgen früh raus.“