Malibu Blues

Prolog

 

 

 

(Sommer 2007)

 

 

 

Schuld.

 

In Cassidys Kopf drehte sich alles. Die Ärzte sagten, das käme von dem Aufprall. Sie wusste es besser.

 

Es war ihre Schuld. Sie starrte auf die Ergebnisse ihres Bluttests. 0,2 Promille. Nicht zu viel. Trotzdem Alkohol.

 

„Warum bist du nicht zur Polizei gegangen?“ Brandons Stimme, wie ein eiskalter Wind in ihrem Nacken.

 

Cassidy drehte sich um und starrte in seine babyblauen Augen, die sie kühl und verächtlich musterten. Wo kam er so plötzlich her? Die beiden Zettel aus dünnem, eng bedrucktem Papier wogen in ihrer Gürteltasche wie zwei Mühlsteine.

 

Was machte das noch aus? Die Zettel hatten mit dem, was in den vergangenen Stunden passiert war, nichts zu tun. Sie machten keinen Unterschied mehr.

 

Drei Türen den Gang hinunter, blassgraues Linoleum und Wandkacheln so weiß, dass sie das Auge blendeten, zerfiel der Rest dessen, was einmal ihr Leben gewesen war, endgültig zu Staub. Und es war ihre Schuld. Der Arzt war noch immer bei ihrer Mutter. Die Ungewissheit fraß sich in Cassidys Knochen, und noch tiefer, viel tiefer, bis in die dunkelsten Tiefen ihrer Seele.

 

Brandon machte einen Schritt auf sie zu, und sie wich zwei Schritte zurück.

 

„Was ist, Cassidy? Warum bist du nicht zur Polizei gegangen damit? Du hast die beiden Zettel bei dir, nicht wahr? In deiner hübschen kleinen Gürteltasche. Ich kenne dich doch. Gib sie wieder her.“

 

Sie schüttelte den Kopf. Warum fing er jetzt davon an? Warum konnte er sie nicht in Frieden lassen? Brandons Hände auf ihren Schultern drehten sie von ihm weg. Ihr Gesicht spiegelte sich in der Glastür. Eine verzerrte Fratze, blau und violett, rote Kratzer über den Lippen und quer über dem linken Auge.

 

„Hast du nicht schon genug angerichtet?“ Zärtlich war sie plötzlich, Brandons Stimme. Und dabei so kalt. „Schau dich an, Cassidy. Das passiert, wenn du vor mir wegläufst. Gib mir die Zettel. Du brauchst sie nicht. Du brauchst jemanden, der sich um dich kümmert.“

 

„Warum hast du es getan, Brandon?“ Gab es nichts Wichtigeres, das sie von ihm wissen wollte?

 

„Das weißt du.“

 

Was sie wusste, war, dass er der Schwarm aller Mädchen auf der Jefferson High war, dass seine babyblauen Augen kalt sein konnten wie Eis, und dass sie geglaubt hatte, ihn zu lieben. So, wie ein blutjunges Mädchen einen Mann lieben konnte, der größer war als sie und so viel stärker und der Welterfahrung und Selbstsicherheit ausstrahlte. Vielleicht hatte sie gedacht, er würde sich ändern, ihr zuliebe. Irgendwann. Wenn sie es wert wäre, dass er sich für sie änderte. Die Hoffnung war vergebens gewesen. Das war es, was sie von ihm wusste, und es sagte viel mehr aus über sie als über Brandon Lewis.

 

„Gib sie her, Cassidy, vergiss, dass du die Papiere jemals gesehen hast. Du weißt doch, dass ich das für dich getan habe.“ Seine Stimme senkte sich, nur ein wenig, und er schaffte es, dass Verführung hineinsickerte. Sie wusste, dass sie nur ein schwaches Mädchen war, das keine Ahnung hatte davon, wie das Leben funktionierte. „Ich will dir die Welt zu Füßen legen, Cassidy, aber die Welt kostet Geld. Alles, was ich getan habe, habe ich für dich getan.“

 

Warum war sie nicht gleich zur Polizei gegangen mit den Belegen, die sie gefunden hatte? Weil sie gehofft hatte, die Beweise in ihrer Hand würden ihn zur Vernunft bringen, wenn sie ihm Zeit gab? Seine Vorstellungen von Vernunft waren andere als ihre. Das hatte sie nicht beachtet. Sie hätte sofort nach Helena fahren müssen. Jede Sekunde, die er ihr gegenüber stand, wurde sie schwächer, ihre Zielstrebigkeit schwankte und zerbröckelte an den Kanten.

 

„Ich bin nicht käuflich“, flüsterte sie. „Ich habe dich geliebt.“

 

„Aber das weiß ich doch.“ Er lächelte dieses unglaubliche Lächeln, dem keine Frau widerstehen konnte. „Und ich liebe dich auch. Ich werde für dich sorgen, Cassidy. Du kannst das nicht allein. Aber wenn du das da tust“, mit einer vagen Handbewegung wies er auf die Tasche, die an ihrem Gürtel hing, „dann kann ich nicht mehr für dich sorgen. Du machst alles kaputt, weißt du das?“

 

Aus dem Augenwinkel sah sie, wie sich etwas regte in dem Kompartiment, in dem Mom lag. Eine Schwester kam heraus, eine Nierenschale mit blutigen Gazestreifen und Plastikmüll in der Hand. Alles kaputt? Es gab nichts mehr, das heil war.

 

Sie schüttelte den Kopf. „Ich hab mich in dir getäuscht, Brandon. Ich dachte, du hättest Mut und Ehrlichkeit und Moral. Aber mich kannst du nicht kaufen.“

 

Ein Funke Sarkasmus trat in seine Augen. „Jeder ist käuflich, Cass. Es ist alles nur eine Frage des Preises. Ich werde der beste Neurochirurg des Landes sein, wenn ich mit dem Studium fertig bin, Schatz. Der beste, und wenn du das da durchziehst, dann auch der ärmste. Das ist, was Moral aus uns macht. Komm schon, Kleines. Haben die letzten Stunden dir nicht gezeigt, was passiert, wenn du mich nicht auf dich aufpassen lässt? Wir müssen das Leben genießen, solange wir es haben. Und es nicht wegwerfen, geschrieben auf zwei sinnlose Zettelchen. Gib sie wieder her.“ Er streckte die Hand aus.

 

Eine neuerliche Bewegung am Ende des Ganges lenkte Cassidy ab. Jetzt verließ der Arzt das Zimmer, in dem der Rest von Cassidys Welt lag. Sie ließ Brandon stehen und lief dem Arzt entgegen. Sie wollte hören, was der zu sagen hatte, und sie hatte Angst davor.

 

„Ihre Mutter ist jetzt stabil, Miss Devlin“, sagte Dr. Chapman und legte ihr eine Hand auf den Arm. „Sie schläft und hat keine Schmerzen. Bevor Sie zu ihr gehen, möchte ich Sie noch bitten, mit in mein Büro zu kommen und ein paar Schriftstücke zu unterschreiben.“

 

Chapmans Blick wanderte von ihrem Gesicht, und gleichzeitig spürte sie Brandons Näherkommen wie einen Regenguss in ihrem Rücken. „Es geht um die Kostenregelungen. Lesley hat ihr Leben lang nicht an eine Krankenversicherung geglaubt. Medicares Unterstützung hört bei der Grundversorgung auf, weil Lesley ein eigenes Haus besitzt. Die Grundversorgung wird aber nicht genügen, um deiner Mutter wirklich umfassend zu helfen. Wir müssen über die Kosten reden, Cassidy.“ Träumte sie, oder richtete er diese Worte mehr an Brandon als an sie selbst?

 

Dann spürte sie Brandons Hand auf ihrer Hüfte. In seiner Stimme lag ein Lächeln.

 

„Dr. Chapman“, sagte er. „Wie schön, Sie wiederzusehen. Ich freue mich auf das nächste Praktikum bei Ihnen.“

 

„Brandon“, erwiderte Chapman mit einem Nicken.

 

Dann sein Atem, Brandons Atem, an ihrem Ohr, ein hingehauchter Kuss wie Eis auf ihrer Wange, Chapmans Augen weiteten sich. Dass Cassidy Devlin sich von Brandon Lewis getrennt hatte, wusste die ganze Gegend.

 

„Und machen Sie sich keine Sorgen um die Kosten, Dr. Chapman“, bemerkte Brandon kühl und überlegt. „Dafür werde ich natürlich sorgen. Ich kümmere mich um die, die mir am Herzen liegen. Bitte, Doktor, gehen Sie voraus, wir sind dicht hinter ihnen.“

 

Als Chapman sich abwandte, drehte Brandon Cassidy zu sich. Ihre Knie waren wie Gelee. Sie versuchte nicht mehr, gegen das Zittern zu kämpfen, das in ihr aufstieg. Er hatte gewonnen. Er gewann immer. Er neigte sich zu ihr, der Duft seines wahnsinnig überteuerten Aftershaves streifte sie, seine glattrasierte Wange an ihrer, als er seinen Mund an ihr Ohr brachte.

 

„Und jetzt, mein Schatz, wissen wir beide, warum du nicht zur Polizei gegangen bist. Behalte die verdammten Zettel, wenn du meinst, damit etwas gegen mich in der Hand zu haben. Es ist mir egal. Du gehörst mir, verstehst du? Es ist alles eine Frage des Preises.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 1

 

 

 

(April 2012)

 

 

 

„Sir?“

 

Nikolaj öffnete widerwillig die Augen. „Was?“

 

„Wir sind da, Sir. Wir haben eben das Haupttor passiert.“

 

„Doch schon, ja?“

 

„Tut mir leid, Sir.“

 

Klar. Als wäre es Parkers Schuld. Nikolaj zückte das Handy und sah auf die Uhr. Wahrscheinlich hatte sein Fahrer auf dem Weg von Denver hier herauf so ziemlich jede Geschwindigkeitsbeschränkung ignoriert. Eigentlich eine Strecke, die in anderthalb Stunden hätte hinter ihnen liegen sollen. Wenige Meilen hinter dem Flughafen von Denver hatte sich ein gottverdammter Truck quer zur Fahrbahn gestellt und war auf die Seite gekippt. Wegen Explosionsgefahr hatte sich kein Mensch herangetraut, fast vier Stunden lang hatte das Teil alle Fahrspuren blockiert. Er verdankte es seinem Fahrer, dass sie nur drei Stunden zu spät ankamen. Wäre der Anlass, zu dem sie hierher gekommen waren, nicht so frustrierend gewesen, hätte er Parker seine Anerkennung gezollt.

 

Er wühlte sich aus dem viel zu bequemen Rücksitz hoch und grub beide Hände in die Haare. Gewöhnlich war dies der Moment, in dem er in den Spiegel schaute, ob die Frisur noch richtig saß, ob die Schatten unter seinen Augen zu dunkel waren, und um zu sehen, ob er irgendwo in den Falten seines zerknirschten Selbst noch ein Grinsen für die Paparazzi finden konnte. Heute kümmerte er sich nicht darum. Das erste Treffen der Produktionscrew war bereits ohne ihn zu Ende gegangen. Zwei weitere standen für diesen Nachmittag auf der Tagesordnung, und in den nächsten drei Tagen gab es weitere Besprechungen und Informationsveranstaltungen.

 

Für einen, der lediglich die Musik schreiben sollte, war das Humbug. Was interessierte ihn das alles?

 

Es hat dich zu interessieren. Remys Stimme. Du sträubst dich jedes Mal, wenn du zu diesen Kick-Offs fahren sollst, und am Ende profitiert niemand mehr als du. Und sei es nur davon, dass du wieder mal unter Menschen bist und ein bisschen Sonne abkriegst. Kenneth Remington, du alter Schwätzer. Und darüber hinaus du brillanter Künstleragent, dem ich alles verdanke. Er knirschte mit den Zähnen. Alles, verdammt. Fast alles.

 

Das Della Terra, Luxusresort am Fuß der Rocky Mountains, war eine Ansammlung von Blockhäusern und Apartmentbauten, teilweise in einen saftig-grünen Hang hineingebaut. Durchzogen von einem flachen Gewässer, leises Sprudeln über ausgewaschene Granitkiesel. Oh Gott, wie romantisch. Zum Glück hatte er gar nicht in die Versuchung kommen können, Danielle mitzunehmen. Egal, wie sehr sie gebettelt hatte. Das Resort stellte seinen berühmten Gästen jeweils eine eigene Assistentin zur Verfügung, die sich hier auskannte und jeden Wunsch erfüllen würde, ohne erst herumfragen zu müssen, wo sie die bevorzugte Zahnpastamarke finden konnte. Danielle würde zuhause in Beverly Hills auf ihn warten und Däumchen drehen. Kein Sex für vier Tage. Er grinste freudlos. Ob du das durchhältst, Langbeinige?

 

Er schüttelte den Gedanken ab. Mit schwungvollem Bremsen brachte Parker den Wagen zum Stehen. An der Tür des Gebäudes warteten der Manager und eine verkniffen aussehende Frau in zu engem Kostüm. Nikolaj hörte mit halbem Ohr eine einstudierte Begrüßungsformel und erfuhr, dass er in der Mondentanz-Suite im Obergeschoss wohnen sollte. Was für ein selten dämlicher Name für ein Hotelzimmer.

 

„Ihr Assistent erwartet Sie, Mr. Kasharin“, flötete die Verkniffene.

 

Assistent? Er nickte und schob sich an beiden vorbei. Hinter sich hörte er, wie Parker einem herbeigeeilten Hotelangestellten Anweisungen für das Gepäck gab und den Kofferraum öffnete. Die Tür zur Suite stand offen, und drinnen wartete ein adrett gekleidetes Bürschchen mit blondiertem Soldatenhaarschnitt und einem Tablett mit Kaffee und Orangensaft in der Hand.

 

„Sir, mein Name ist Dennis, Sir. Willkommen im Resort Della Terra.“

 

Nikolaj schnappte nach Luft. „Es war von Assistentinnen die Rede.“ Ein Kerl, der ihm jeden Wunsch von den Augen ablesen sollte, war genau das, was er heute noch brauchte, um die Nerven zu verlieren. Die Suite war ein Traum aus eisgrauen Wänden, Böden aus anthrazitfarbenem Naturstein, dunklen Akzenten und Möbeln. In die gewölbte Zimmerdecke direkt über dem Bett waren Skylights eingelassen, und durch die riesigen Fenster hatte man einen uneingeschränkten Blick auf die Berge, auf deren Kuppen der letzte Schnee lag. Es wäre himmlisch gewesen - unter anderen Umständen.

 

„Sir?“ Verwirrt blickte Bürstenschnitt ihn an.

 

„Nicht deine Schuld, Junge, aber ich ... wir hätten keine Freude aneinander, du und ich.“

 

„Sir, ich verstehe nicht ...“

 

Nein, das warf er dem Jungen auch nicht vor. Nikolaj konnte sich gut vorstellen, wie das klang. Aber er wollte einfach nicht, dass sein Assistent ein Bürstenschnitt war. Am Anfang und am Ende eines anstrengenden Tages wollte er in ein hübsches Gesicht sehen, das ihm Kaffee servierte oder seinen Whisky einschenkte. Was der Grund dafür war, brauchte er ja nun wirklich nicht an die große Glocke zu hängen, oder? Dann fiel sein Blick auf das Klavier.

 

Er stöhnte innerlich auf.

 

Das verdammte Hotelmanagement hatte tatsächlich ein Klavier für ihn zur Verfügung gestellt. Um Himmels willen. Schlimmer ging nicht. Als hätte die Verzögerung durch den Stau nicht gereicht, um seine Laune in eine steile Talfahrt zu schicken.

 

Parker wies den Kofferträger an, das Gepäck neben der Tür abzustellen, und bemühte sich redlich um eine ernste Miene. Wieder einmal missfiel Nikolaj der Gedanke, dass niemand auf dieser Welt ihn so gut kannte wie ausgerechnet sein Fahrer. Der wusste genau, was in ihm vorging. Nikolaj nickte ihm zu, und Parker blinzelte verstehend zurück und verließ hinter dem Hausdiener den Raum. Um den unschuldigen Bürstenschnitt von seinen Aufgaben entbinden und durch ein hübsches Gesicht ersetzen zu lassen.

 

Der Gast ist König. Es kann ja nicht schwer sein, dessen Wünsche zu erfüllen. Er war sicher, dass das Resort sich den Service mit den persönlichen Assistenten für jeden Gast fürstlich bezahlen ließ. Dann wollte er auch jemanden haben, mit dem er zufrieden sein konnte.

 

Verunsichert und hochrot im Gesicht stand Dennis mit seinem Tablett mitten im Raum. Er sah aus wie bestellt und nicht abgeholt. Nikolaj verdrehte die Augen.

 

„Geht nicht gegen dich, Junge.“ Er zog das Handy aus der Hosentasche und ging hinaus auf den Balkon, um den Assistenten nicht mehr ansehen zu müssen. Der Balkon war riesig, nicht nur elegante schmiedeeiserne Gartenmöbel fanden darauf Platz, sondern sogar ein Hot Tub. Nikolaj ließ sich auf einen der Stühle fallen und betrachtete sein Handy. Einen Moment lang überlegte er, zuhause anzurufen und Danielle zu sagen, dass er angekommen war, aber dann kam ihm allein der Gedanke lächerlich vor. Er rief die Kontaktliste auf und wählte Remy an. Achtmal ließ er es klingeln, ehe er die Verbindung unterbrach. Remy nahm nicht ab, das war nicht zuträglich fürs Geschäft. Sein Agent sollte das Telefon ins Sekretariat umleiten, wenn er nicht erreichbar war.

 

Kaffee wäre gut. Er kehrte ins Zimmer zurück, erleichtert, dass Bürstenschnitt-Dennis nicht mehr dort stand wie ein verirrter Wassertropfen. Der Junge war tatsächlich in Rekordzeit ersetzt worden. Wo hatte das Della Terra so schnell dieses Mädchen gefunden? Hatten die immer Springer stehen? Er betrachtete die junge Frau. Kein Wunder, dass sie nur Notfallersatz war. Sie sah irgendwie zerzaust aus, ein besseres Wort fiel ihm nicht ein, und das beschränkte sich nicht nur auf ihre nachlässig zum Knoten hochgesteckten dunklen Haare. Haare von der Farbe edler Schokolade, aber an den Spitzen blichen sie aus zu scharfem Scotch, eine Mischung, die ihm schon beim Gedanken daran zu Kopf stieg. Sie blickte ihn nicht einmal an, starrte auf ihre eigenen Füße. Sie war einen guten Kopf kleiner als er, und die Uniform aus weißer Bluse und knielangem Bleistiftrock in hellem Anthrazit schien an ihrem zu zierlichen Körper zu schlackern. Er runzelte die Stirn.

 

„Sie sind die neue Assistentin?“ Er schaffte es nicht, die Fassungslosigkeit ganz aus seiner Stimme zu verbannen.

 

„Ja, Sir.“ Noch immer hob sie nicht den Blick. „Mein Name ist Cassidy, Sir. Willkommen im Resort Della Terra.“

 

„Ich wurde bereits willkommen geheißen“, erwiderte er gereizt. Himmel, konnte dieser Laden ihm denn gar nichts Recht machen? Erst das Klavier, dann der Bürstenschnitt und nun Miss Ruffles hier. „Könnten Sie die Güte haben, mich anzusehen, wenn ich mit Ihnen rede?“

 

Sie hob den Kopf, so langsam, als wäre ihr Schädel mit Blei ausgegossen. Als ihre Augen seine trafen, musste er sich zusammenreißen, nicht einen Schritt zurückzuweichen.

 

Er hatte noch nie solche Augen gesehen. So dunkel, dass sie schwarz wirkten und ihre eigentliche Farbe unmöglich zu erkennen war, auf die Entfernung von fünf Schritten hin. Blau? Braun? Ihre Haut war wie Alabaster, hell und glatt und makellos. Ein paar Strähnen, die sich aus dem Knoten befreit hatten, umspielten das runde, süße Gesicht.

 

Ja. Süß. Der Gedanke erschreckte ihn. Er fand Miss Ruffles süß, zerzaust oder nicht. Und er wollte plötzlich unbedingt wissen, welche Farbe diese Augen hatten. Das durfte nicht sein. Es durfte ihn nicht interessieren. Sie sollte ihm gleichgültig sein, wie alle Frauen, die in sein Leben schlitterten und wieder hinaus. Mit einem uncharmanten Knurren wandte er sich ab und zog das Jackett aus, weil ihm nichts Besseres einfiel, um sich aus ihrem schüchternen und zugleich durchdringenden Blick lösen zu können.

 

„Bringen Sie mir einen doppelten Espresso.“

 

„Selbstverständlich, Sir.“ Er sah ihr hinterher, als sie sich umdrehte, betrachtete ihre zu dünnen Beine unter dem Rock, der viel zu weit auf ihren Hüften saß. Sie hinterließ einen Duft nach Apfel und Vanille, als sie die Tür der Suite leise hinter sich zuzog. Der mädchenhafte Duft erinnerte ihn nur zu deutlich an den Anblick ihrer Augen. Flüssige Dunkelheit, in der das Licht sich fing. Nikolaj sank neben seinem Jackett auf die Bettkante.

 

Dieses Wochenende würde die Hölle werden.

 

 

***

 

 

Dankbar flüchtete Cassidy aus dem Raum. Womit hatte sie das verdient? Sie hetzte die Treppe hinunter und lief auf den Parkplatz hinaus. Das hier hatte sie wirklich richtig machen wollen. Endlich eine Chance ergreifen. Einmal nicht der Spielball sein. Dass es nicht leicht werden würde, ihren ersten Klienten zugewiesen zu bekommen, noch bevor sie mit dem Training fertig war, damit hatte sie gerechnet, aber dass ...

 

Neben dem großen SUV, mit dem Nikolaj Kasharin angereist war, stand der Fahrer und telefonierte.

 

Er winkte sie zu sich, als sie zum Küchenhaus strebte.

 

„Ich hab es eilig“, sagte sie.

 

„Ich rufe gleich zurück.“ Er klappte das Handy zu und winkte noch einmal. „Bist du die Ablösung für den Rotblonden? Hab keine Angst vor Kasharin“, sagte er mit verschwörerischer Miene. „Er ist ein bisschen schlecht drauf. Stau auf der Strecke von Denver hierher.“ Entschuldigend hob er die Schultern. „Eigentlich ist er ein ganz netter Kerl. Er kann es nur ab und zu gut verstecken.“

 

Das würde sie gerne sehen. Sie erinnerte sich zu gut an den Blick aus den eisfarbenen Augen und die Stimme, flüssiger Samt und kratzig raues Leinen zugleich. Ein Schauer rieselte über ihren Rücken und legte sich auf ihre Haut, ließ sie kribbeln. Es war kein unangenehmes Kribbeln, nicht nur. Da spielte noch ein anderes Gefühl mit. Erregend, prickelnd, lebendig, und das war es, was sie erst richtig ängstigte. Das durfte einfach nicht sein.

 

„Gibt es denn irgendwas, worauf ich achten kann?“ Wenn sie schon die Köpfe zusammensteckte mit seinem Fahrer, dann konnte sie sich einen kleinen Ratschlag abholen.

 

„Auf Abstand.“ Er zwinkerte ihr zu, klappte sein Handy wieder auf und tippte eine Zahlenkombination ein. Prima. Offensichtlich war sie entlassen.

 

Auf Abstand. Was meinte er damit? Noch ein bisschen kryptischer, und der Kerl wäre ein Fall für eine Geheimloge. Da hatten sich ja die zwei richtigen gefunden. Ein miesepetriger Klavierspieler und ein militärisch aussehendes Orakel. Und mittendrin sie. Na wunderbar. Das konnte einfach nicht gut gehen. Und dann? Dann säße sie wieder auf der Straße, und wieder einmal behielte Brandon Recht. Sein Lachen dröhnte in ihren Ohren, mit dem er sie verhöhnt hatte, als sie ihm von der Stelle hier im Della Terra berichtet hatte. Gott, Cass, du bist ein Landei, hatte er gesagt. Meinst du, irgendwer dort erträgt dich länger als zwei Tage? Verdammt, sie brauchte diese Stelle. Weit weg von Boulder, weit weg von ihrer Vergangenheit, weit weg von Brandon und einer Abmachung, die sie vergessen wollte und nicht durfte. Sie brauchte das Geld, das hier gezahlt wurde, wenn sie auch nur einen blassen Hoffnungsschimmer haben wollte, sich jemals aus Brandons Umklammerung herauszuwinden.

 

In der Küche musste sie warten, weil der Kaffeevollautomat gerade sein Reinigungsprogramm durchlief. Die Maschine blubberte und zischte und wahrscheinlich würde der Espresso nach Essigreiniger schmecken, wenn sie die erste war, die etwas daraus zog. Der nächste Minuspunkt in ihrem Buch. War ein schöner Traum. Kurz, aber schön, der Traum von Unabhängigkeit. Ein verdächtiges Brennen nistete sich hinter ihren Augen ein, aber sie biss die Zähne zusammen.

 

Die Porzellantasse klapperte, als sie den Kaffee endlich zurück zu Kasharins Suite balancierte. Du kannst das, redete sie sich zu. Er ist auch nur ein Mensch. Immer schön lächeln und tun was er sagt, das hatten sie ihr in der ersten Trainingsstunde eingebläut. Aber Dennis hatte diese Weisheit auch gekannt, er arbeitete seit Jahren hier, und es hatte trotzdem nicht einmal zwei Minuten gedauert, bis er bei Kasharin in Ungnade gefallen war. Dass ihre Knie ganz weich wurden bei dem Gedanken, was passieren würde, wenn auch sie nicht seinen Vorstellungen entsprach, musste Kasharin nicht wissen. Sie atmete ein paar Mal tief ein und aus, dann fasste sie sich ein Herz und ging den Korridor hinunter zu Nikolaj Kasharins Suite. Vor seiner Tür blieb sie wie angewurzelt stehen.

 

Wie machte er das?

 

Wie von allein öffnete sich ihre Faust, die sie zum Klopfen erhoben hatte. Sie hatte sich so ein klares Bild zurechtgelegt, gemessen an dem Mann, den sie kennengelernt hatte, gereizt und knurrig. Und jetzt spielte er. Er spielte Klavier, und ihr Herz zog sich zusammen. Die Melodie tröpfelte dahin. Ganz leise, ganz langsam. Ein glitzernder Quell hoch über einem See aus dunklen Gedanken. Sie wollte sich verlieren in der Musik, in dem Schmerz, der darin lag. In der Angst, die sie heraushörte, in der Bitterkeit. Seine Musik war ein Versprechen, und plötzlich hoffte sie nichts mehr, als dass der Mann, der hinter dieser Musik steckte, das Versprechen auch hielt. Dass der, der sie Kaffee holen geschickt hatte, nicht der war, der dort Klavier spielte.

 

Reiß dich zusammen, Cassidy. Damit, dass du vor seiner Tür stehst und lauschst, während sein Espresso kalt wird, wird er kaum zufrieden sein. Noch einmal atmete sie tief durch, dann klopfte sie an. Abrupt stoppte das Spiel. Sie drückte die Klinke hinunter und trat ein.

 

Er sagte nichts, beachtete sie kaum. Nur sein Blick hob sich von den Tasten. Vorhin hatte sie nicht gewagt ihn anzusehen. Ihr Sprung ins kalte Wasser, nach Dennis plötzlichem Absetzen als Kasharins Assistent, war zu plötzlich gekommen, aber jetzt konnte sie nicht widerstehen.

 

Funkelnd blaue Augen musterten sie, halb verschattet von dunkelblonden Strähnen. Ein kantiges Gesicht, die Nase markant, Dreitagebart auf ausgeprägten Wangenmuskeln. Ein Bild von einem Mann, das Kraft ausdrückte und Sicherheit. Der Löffel auf der Untertasse klapperte ein wenig lauter. Atmen, Cassidy, atmen.

 

„Sir.“ Ihre Stimme nur ein Piepsen. „Wo möchten Sie Ihren Kaffee haben?“

 

Mit einer unbestimmten Geste deutete er auf den Couchtisch und erhob sich vom Klavierschemel. Sie schätzte ihn auf Mitte bis Ende Dreißig. Er hielt seinen athletischen Körper so, dass jedem sofort klar werden musste, dieser Mann war es gewohnt, anderen zu sagen, was sie zu tun und zu lassen hatten. Jede Faser seines Körpers atmete Selbstsicherheit. Hochgewachsen, an ihm sah die Kombination aus Jeans und weißem Hemd perfekt aus, eng anliegend und dabei elegant. Ihr Blick fiel auf das schwarze Designer-Jackett auf dem Bett. Ein spießiges Kleidungsstück, auf den ersten Blick, aber sie wusste, dass es an seinem Körper eher verwegen aussehen würde, als steif. Ihr Herz beschleunigte seinen Rhythmus. Jetzt nur nichts fallen lassen, betete sie still und ging zum Couchtisch. Als sie das Tablett abgesetzt hatte, räusperte sie sich, um zu fragen, ob er noch einen Wunsch hatte.

 

Er ließ sie nicht zu Wort kommen.

 

„Was macht das hier?“ Seine Hand deutete auf das Klavier. „Ich habe nicht um ein Klavier gebeten.“

 

„Kompliment des Hauses“, sagte sie, mit der Stimme des Resortleiters im Hinterkopf. Der Mensch ist Pianist, verdammt nochmal, hatte der geschnauzt. Der kriegt die Mondentanz- Suite mit dem Piano. Und jetzt wollte er es nicht haben. Oh Himmel, was war jetzt professionell? Sie wusste, dass es eine Spezialfirma brauchte, um den Flügel zu bewegen. Unwillkürlich sah sie auf seine Finger, die ein Handy umklammerten. Die Hände eines Pianisten mit langen, schlanken Fingern. Die Hände, aus denen die bezaubernden Klänge zu dem unglaublich romantischen Film Limitless geflossen waren. Warum wollte einer, dessen Name verknüpft war mit der schönsten Filmmusik auf diesem Planeten, das Klavier nicht?

 

„Ich nehme an, dass es zu viel verlangt ist, es entfernen zu lassen?“

 

„Sir, ich ...“

 

„Schon gut.“ Er winkte ab. „Hängen Sie eine Tischdecke drüber, und sagen Sie mir Bescheid, wenn die Leute sich zum das Meeting sammeln.“ Ohne eine Miene zu verziehen, trat er auf den Balkon.

 

Unschlüssig blieb sie in der Mitte des Raumes stehen. So sah also ihr Ausflug in die Welt der Schönen und Reichen aus. Brandon hatte Recht. Es war lächerlich. Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Nikolaj Kasharin. Als man ihr sagte, sie sollte innerhalb von Minuten Dennis bei Kasharin ersetzen, hatte sich eine Horde Schmetterlinge eingenistet in ihrem Bauch. Cassidy wusste nicht viel von Stars und Sternchen, sie hatte andere Sorgen im Leben, aber diesen Namen hatte sie sofort erkannt. Das war der Mann, der die Musik zu dem Bergsteigerdrama komponiert hatte, bei dem sie im Kino vor knapp sechs Jahren aus dem Heulen gar nicht mehr herausgekommen war. Brandon war gelangweilt in seinem Sessel hin und her gerutscht, aber sie war so gefangen von der Musik gewesen, dass seine Unruhe sie nicht einmal gestört hatte. Als sie das Kino verlassen hatten, hatte sie sich geschworen, den Soundtrack zu kaufen. Aber dann, mit der Trennung von Brandon, Moms Krankheit und dem Chaos, das gefolgt war, da hatte sie es ganz vergessen. Jetzt wusste sie nicht nur, dass Nikolaj Kasharin Musik machte wie ein Gott, sondern auch, dass er Augen hatte, in denen sie am liebsten versinken würde, dass seine Haare ein bisschen zu lang waren, um seriös zu wirken, wie es sich für einen Pianisten gehört hätte, und dass seine Lippen scharf geschnitten und auf so unnachahmliche Weise sanft geschwungen waren, dass sie ihn gerne einmal lächeln sehen würde.

 

„War noch etwas?“, knurrte er, als er wieder hereinkam.

 

„Sagen Sie es mir.“ Autsch. Beinahe hätte sie sich auf die Zunge gebissen. Nicht so flapsig, Cassidy Devlin, das ist kein Highway Diner, sondern ein Luxusresort, und das ist kein Trucker, sondern ein Künstler. „Entschuldigung. Ich meine, kann ich noch etwas für Sie tun, Sir?“

 

„Sie können gehen. Klopfen Sie, wenn die Konferenzteilnehmer sich sammeln.“ Er wandte sich wieder zum Balkon.

 

„Ja, Mr. Kasharin.“

 

Rückwärts zog sie sich zurück und schloss leise die Tür hinter sich. Ihr eigener kleiner Raum, den sie in aller Eile nach dem Personalwechsel von Dennis übernommen hatte, lag gleich nebenan. Er enthielt nicht viel mehr als ein schmales Bett, einen noch schmaleren Schrank und ein winziges Bad. Trotzdem tat es gut, sich in der kleinen, unpersönlichen Höhle zu verkriechen. Nur eine kleine Weile, bis er sie wieder rufen würde und sie lächeln und buckeln müsste. Und alles für Selbstbestimmung, die für diesen Mann so selbstverständlich war. Der konnte sich wahrscheinlich nicht einmal vorstellen, wie das war, wenn man keine Kontrolle hatte über das eigene Leben.

 

 

***

 

 

„Nikolaj! Was für eine Freude, dich wiederzusehen!“ Mit einem Strahlen in grellsten Technikolor-Farben trat Alexandra Adamson auf ihn zu. Sie war ein verdammtes Kind, das mit Menschen spielte, als seien sie Puppen. Sie war erst dreiundzwanzig Jahre alt, vielleicht inzwischen vierundzwanzig, aber auf dem Weg, den sie bisher in Hollywood gegangen war, lagen gebrochene Herzen wie zertrampelte Blumen. Sie hatte mehr als einen vielversprechenden Jungschauspieler um den Finger gewickelt und dann in den Schlamm gestoßen, aus dem so ein Bübchen nie mehr aufstand.

 

„Alexandra.“ Er nahm ihre Hände in seine und erwiderte ihr Strahlen. Sie war so oberflächlich, dass sie nicht einmal merkte, dass er sie aufzog. Alles, was diese Frau interessierte, war sie selbst. „Gut siehst du aus. Neue Haarfarbe?“

 

„Gefällt es dir? Elfenbeinblond.“

 

Schaurig.

 

„Zauberhaft“, sagte er. „Wie könnte es anders sein.“ Er griff ihre Hände fester und zog sie nah an sich heran, brachte seinen Mund an ihr Ohr, an dem ein obszön großer Diamant glitzerte. „Hast du heute Abend schon was vor, meine Schöne? Verdammt, du riechst gut.“

 

Sie kicherte wie ein Schulmädchen, das sie tief in ihrem Inneren auch geblieben war. „Darf ich dir Howard Gardiner vorstellen?“

 

Aber natürlich, sie vögelt den Geldgeber. Warum wunderte ihn das nicht? Er entließ Alex aus seiner Umarmung, ohne auch nur zu versuchen, schuldbewusst auszusehen. Im Gegenteil, er legte einen Arm um ihre Hüfte und zog sie fest an seine Seite. Schamlos schmiegte sie sich an ihn. Gardiner wäre der Letzte gewesen, der nicht wusste, was für eine Schlampe er sich ins Bett geholt hatte. Nikolaj schüttelte die Hand des Produzenten. „Howard. Lange nicht gesehen. Wie geht es Sarah und den Kindern? Ich meine mich zu erinnern, dass Sie für den kleinen Thomas Klavierstunden ins Auge gefasst hatten. Ich hatte gehofft, von Ihnen zu hören.“

 

„Oh, ihr kennt euch?“ Affektiert klatschte Alex in die Hände. „Das habe ich gar nicht gewusst.“

 

Schätzchen, jeder, der sich auf dir rumgetrieben hat, kennt alle anderen, die es tun oder mal getan haben. Manchmal schien sie absolut keine Ahnung von dem Ruf zu haben, den sie in Hollywood genoss. Er lächelte sie an.

 

„Ohne Howard wäre ich nicht hier. Er hat meinem Agenten von diesem interessanten Projekt überhaupt erst berichtet.“ Ob der alte Kerl seine Alex zu einer Ikone machen wollte, die sich bei sanften Klavierklängen nackt in cremefarbenen Laken räkeln durfte, perfekt ausgeleuchtet und für immer in Erinnerung bleibend? Nikolaj schauderte. Er würde ganz leise Referenzen an Hass-Musik einbauen müssen, die nur Kenner entlarvten.

 

„Sarah geht es gut. Sie lebt jetzt in New York. Marie Mazziotti unterrichtet Thomas und demnächst auch Janeane.“

 

Autsch. Das tat weh. Er bewunderte Marie Mazziotti und hasste sie für alles, was sie konnte und er nicht. Sie war, seiner Meinung nach, die beste klassische Pianistin, die das amerikanische Show-Biz zu bieten hatte. Neid war ein grässliches Gefühl.

 

„Eine hervorragende Wahl.“ Er nickte freundlich.

 

Ein lautes Händeklatschen ließ ihn aufhorchen.

 

„Meine Damen, meine Herren, wenn ich bitten darf? Nehmen wir doch alle Platz, ja?“ Nikolaj verkniff sich ein Augenverdrehen. Er verabscheute Anne Singer von ganzem Herzen. Zweimal hatte er mit der Regieassistentin, die nicht nur Haare, sondern einen ganzen Bart auf den Zähnen hatte, zusammengearbeitet, unter anderem bei Limitless. Verdammt. Warum erinnerte er sich ausgerechnet bei dem Gedanken an diesen Film an die Assistentin. Cassidy? Alex hakte sich mit dem rechten Arm bei ihm, mit dem linken bei Howard ein, aber auf halbem Weg zum Tisch ließ sie beide wieder los und warf sich dem jungen Mann in die Arme, der eben als Letzter den Konferenzraum betrat. „Keith!“

 

Ach du liebes bisschen. Das nächste Opfer. Nikolaj hatte Mühe, das Grinsen zu verbergen, als er Howards angesäuerte Miene sah. Keith also, hm? Er kannte den Jungen nicht. Der Knabe war vielleicht Mitte zwanzig, hübsch und sah sehr unschuldig aus. Nikolaj grub in seinen Erinnerungen an die Romanvorlage. Da gab es keine hübschen, knackigen Liebhaber. Was, um alles in der Welt, hatte Rifkin mit dem klassischen Stoff vor? Alex hing an Keiths Hals und küsste ihn stürmisch, und der Junge hatte die Geistesgegenwart, verschämt zu erröten.

 

Na, Kleines, jetzt steckst du aber knietief in Problemen, feixte Nikolaj im Stillen. Du kannst dich zwischen zwei von uns setzen, aber nicht zwischen drei. Und hast du nicht auch schon mit Rifkin die Kissen geteilt? Wäre spannend zu wissen, wie ihr zwei auseinandergegangen seid, schließlich gibt er dir die Hauptrolle, aber du schaust ihn nicht mal mehr an. Wer hätte das gedacht, Alex Adamson, das Enigma. Er lachte vor sich hin.

 

„Was ist so lustig?“, fragte Gardiner, als sie sich setzten.

 

Nikolaj schlug die Mappe auf, die vor ihm lag. Dieselbe wie auf allen anderen Plätzen. Anne Singer, Musterbeispiel an Effizienz. Schauderhaft. In weiches, dunkles Leder gebunden, alle Infos, von denen Miss Singer meinte, dass sie für das Produktionsteam zu diesem Zeitpunkt interessant waren.

 

„Nichts“, murmelte er geistesabwesend auf Gardiners Frage.

 

Ben Rifkin war berühmt und berüchtigt als Schocker par excellence. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis ausgerechnet dieser Regisseur den alten de Sade-Stoff in Angriff nahm. Nikolaj blätterte in der Mappe, um nicht aufzusehen, als Rifkin sich einen Schluck Wasser gönnte und sich dann räusperte. Kichernd ließ Alex sich endlich zwischen Howard und Nikolaj nieder. „Er ist so süß!“, flüsterte sie Nikolaj ins Ohr.

 

Damit kennst du dich ja aus, dachte er und grinste. Armer Keith.

 

Zwanzig Minuten später brauste ihm der Kopf. Voller Enthusiasmus schwärmte Ben Rifkin davon, was er mit dem Stoff machen wollte. Nikolaj konnte seinen Ohren nicht trauen. Von der Vorlage würde nichts übrig bleiben als die Namen der beiden Protagonistinnen - und selbst die nicht wirklich, denn beide Namen gehörten nur noch einer Frau. Rifkin plante, der Heldin seines Films eine multiple Persönlichkeit zu geben. Aus einem Roman über Tugend und Verwerflichkeit machte der Verrückte einen Film über eine psychische Krankheit. Wie bitte? Und Justine oder auch Juliette oder wie auch immer man sie dann in diesem fürchterlichen Murks nennen wollte, wurde gerettet durch die oh so reine Liebe eines unschuldigen jungen Mannes, der sie, die von aller Welt nur als Hure gesehen wurde, auf den Pfad der Tugend zurückbrachte. Um Himmels Willen, was sollte denn der Unsinn?

 

Alex neben ihm strahlte begeistert. Kein Wunder. Sie wird sich durch eine ganze Reihe von Betten wühlen im Verlauf der Dreharbeiten und durch unsägliche sexuelle Praktiken die Zuschauer schockieren dürfen. Was wollte sie mehr?

 

„Anmerkungen?“ Die Stimme von Anne Singer erinnerte an eine Wärterin im Frauengefängnis.

 

Nikolaj sah auf. „Und was hat das mit de Sade zu tun?“

 

Rifkin runzelte die Stirn. „Was meinen Sie, Kasharin?“

 

„Ich habe einen Vertrag unterzeichnet, die Musik beizusteuern für die Verfilmung des de Sade-Klassikers Justine.“

 

„Haben Sie das Drehbuch nicht gelesen, ehe Sie unterzeichnet haben?“

 

„Ich kenne das originale Buch.“ In- und auswendig, fügte er in Gedanken hinzu, aber das sagte er nicht laut.

 

„Wann wurde jemals eine dreihundert Jahre alte Romanvorlage eins zu eins als Film umgesetzt? Davon abgesehen, dass das bei dieser Vorlage für einen Aufschrei der Empörung sorgen würde. Erzählen Sie mir nicht, Sie wollten ihre Musik einem Pornofilm zur Verfügung stellen.“

 

„Es handelt sich um einen Klassiker, Mr. Rifkin, damit spielt man nicht. Den nimmt man nicht auseinander und ...“ Warum diskutierte er das überhaupt? Das ganze Projekt war komplett indiskutabel. Das konnte nicht wahr sein.

 

„Nikolaj.“ Anne Singer stützte die Hände auf den Tisch und sah ihn an, als rede sie mit einem unartigen Kind. „Sie haben unterzeichnet.“

 

Allerdings. Er stieß die Luft aus.

 

„Wir wollen in zwei Wochen mit dem Drehen beginnen. Die Dreharbeiten sollen maximal zwölf Wochen andauern. Wir haben nicht die Zeit, uns nach einem anderen Komponisten umzusehen. Nicht die Zeit und nicht die Energie. Entschuldigen Sie, wenn wir davon ausgegangen sind, dass Ihnen Ton und Farbe dieser Produktion klar waren, ehe sie unterschrieben haben.“

 

Ich dreh dir deinen gottverdammten Hals um, Kenneth Remington, dachte Nikolaj. Er spürte Alexandras Blick von der Seite, ehe sie sich zu ihm neigte. „Wer will schon die ollen Klassiker, Nick?“

 

Er hob eine Braue und antwortete nicht. Wenn du wüsstest, Kleines, was gerade dieser Klassiker für mich bedeutet, würdest du dein vorlautes Mundwerk halten.

 

„Entschuldigen Sie mich.“ Er nickte Rifkin zu und erhob sich, um zur Tür zu gehen. Die Regieassistentin fing ihn ab. Er starrte auf ihre Hand, die seinen Arm umklammerte. Er hasste es, ungefragt berührt zu werden.

 

„Es ist ein Liebesfilm, Nikolaj“, sagte sie eindringlich. „Sie haben eine Reputation. Ihre Musik ist wie geschaffen für diese Art von Filmen. Das Projekt liegt uns allen sehr am Herzen, und das schließt Ihre Mitarbeit ein. Mit Hilfe Ihrer Musik schaffen wir einen neuen Klassiker. Nicht zu vergessen die Summe, die Sie von uns erhalten für Ihren Beitrag. Sie werden endgültig zur A-Liste der Filmkomponisten aufschließen.“

 

Er zog beide Brauen hoch. Kannte diese Frau ihn so schlecht, wusste sie so wenig über ihn, dass sie meinte, es ginge ihm in irgendwas von dem, was er tat, um Geld?

 

„Sie brauchen nicht versuchen, mich zu überzeugen, Miss Singer. Ich habe einen Vertrag unterzeichnet, und ich bin professioneller Musiker. Ich pflege meine Verträge zu erfüllen. Keine Sorge.“ Er hob die Augen zu Alex. „Ich werde dafür sorgen, dass Miss Adamson zu bezaubernden Klängen vögeln darf, ich glaube, das hatten wir noch nie.“ Er riss die Tür auf und verließ das Konferenzzimmer.

 

 

Kapitel 2

 

 

Cassidy zuckte zusammen, als ihr Funkgerät anschlug. Sie war auf dem Weg zurück vom Konferenzraum zur Suite, um dort aufzuräumen. Hastig griff sie nach dem Walkie-Talkie, zerrte daran, aber das Gehäuse hatte sich im Gürtel verhakt und gab nicht nach. Und wenn das nun was Wichtiges war? Sie drückte den falschen Knopf, und wer auch immer sie zu erreichen versuchte, war weg. Verdammt nochmal. Einige Augenblicke vergingen, dann krächzte das Gerät erneut. Diesmal gelang es ihr, den richtigen Knopf zu drücken.

 

„Kannst du mir sagen, was du da machst, Cass?“ Zum Glück, es war nur Louise von der Rezeption, die unverhohlen kicherte. Cassidy schwieg, und das Kichern wurde lauter. Louise hatte ja auch leicht lachen. Die arbeitete seit zehn Jahren hier, und es wurde gemunkelt, dass sie und Resortleiter Robertson ... Nun, auf jeden Fall musste Louise wohl kaum um ihren Job bangen und konnte es sich leisten, zu feixen und guter Laune zu sein.

 

„Okay, hör zu, Süße. Ich hab hier ein Fax für deinen Nikolaj. Spannende Sache, von seinem Agenten, wusstest du, dass er Anfang nächsten Jahres auf Konzerttournee geht? Ich hab mir die Daten abgeschrieben. Nach Denver kommt er auch.“

 

„Louise!“ Cassidy schnappte nach Luft. „Bist du wahnsinnig?“

 

„Würde jede Postbeamtin genauso machen. Wenn der solche Infos nicht vorzeitig an die Öffentlichkeit lassen will, sollte er versuchen, per E-Mail zu kommunizieren, wie wir anderen auch. Egal, kommst du rüber und holst es ab, damit er es gleich kriegt?“

 

„Tüte es ein, ich bin in zwei Minuten da. Ich hab keine Zeit zu verschenken.“

 

„Bist ein Engel, Cass. Ich bin so froh, dass hier mal wieder ein neues Gesicht rumschwirrt. Wird schon, Kopf hoch. Bis gleich.“

 

Wenige Minuten später stolperte sie über die Schwelle zu dem Blockhaus, in dem sich die Rezeption und die Kaffeeküche befanden. Praktisch, damit hatte zumindest Louise nie Grund, vor Müdigkeit mit dem Kopf auf den Schreibtisch zu knallen. Sie zog die Tür hinter sich zu und verdrehte die Augen beim Klang der Türbimmel.

 

„Cassie! Ein Anblick für schmerzende Augen! Das ging aber schnell!“ Louise strahlte sie an. „Hey, Süße, du siehst aber ganz schön mitgenommen aus. So schlimm?“

 

Sie hob die Schultern. „Sein Fahrer sagt, sie hätten im Stau gestanden und deshalb sei er schlecht drauf.“

 

„Auf einer Skala von eins bis zehn, wie schlecht ist schlecht?“

 

Cassidy überlegte kurz, dann zuckte sie mit den Schultern. „Vierzehneinhalb.“

 

„Oh je.“

 

„Ich komme schon damit klar. Ist halt nur etwa zehnmal schwieriger, als ich gehofft hatte. Wie du sagst, wird schon. Ich bin überzeugt, die anderen haben auch ihre Macken.“ Sie entdeckte den Umschlag mit Kasharins Namen darauf auf Louises Schreibtisch und griff danach, ohne dass die Rezeptionistin sie aufhielt.

 

„Macken, hm?“ In Louises Blick funkelte Belustigung. „Mit Macken kann deiner ganz besonders gut dienen.“ Sie griff nach einer Zeitschrift neben der Computertastatur. Eine Ausgabe des NightLifeNews-Magazins. „Guck mal.“

 

„Was ist das?“

 

„Nikolaj Kasharin, Headliner.“

 

Nikolaj Kasharin? Der Mann auf der Titelseite des Käseblättchens hatte nur entfernte Ähnlichkeit mit dem knurrigen Klavierspieler in der Suite. Die Augen funkelten zwar genauso blau, direkt in die Kamera, aber auf dem Bild war das Lächeln unglaublich sexy und warm, das sandblonde Haar voller sonnengebleichter Strähnen, die ihm wirr und ein bisschen zu lang in die Augen hingen. Ein Herzensbrecher. Und wenn sie dann an das Klavierspiel dachte. Unwillkürlich beschleunigte sich ihr Puls. Dumm nur, dass sie es mit seinem Alter Ego, Mr. Grumpy Gus, aufnehmen musste.

 

„Er hatte seinen endgültigen Durchbruch vor zwei Jahren, hast du das gewusst? Da hat er eine total verrückte Tournee gemacht, zusammen mit den Stones.“

 

„Rolling Kasharin unplugged, oder was?“

 

Louise lachte. „So gefällst du mir. Keine Ahnung, sie haben Rock und New Age Piano kombiniert.“ Die Rezeptionistin drehte sich auf ihrem Stuhl zum Monitor zurück. Cassidy erkannte, dass Louise verbotenerweise im Internet surfte und von dort her ebenfalls Nikolaj Kasharin in den Raum strahlte. „Na, auf jeden Fall kann er es mit jedem Rocker aufnehmen. Er gilt als Bad Boy der Musikszene. Ist wohl schon ein paar Mal mit Fotografen zusammengerempelt und jetzt hör gut zu“, Louise macht eine kunstvolle Pause, wahrscheinlich, um die Dramatik ihrer Enthüllung zu unterstreichen. Im Flüsterton fuhr sie fort. „Hier drin steht, dass er immer wieder in Nachtclubs gesehen wird. Teuren Nachtclubs. Wo die Männer nicht zum Tanzen hingehen.“ Vertraulich hob sie die Augenbrauen. „Du weißt, was ich meine.“

 

„Das ist Klatschpresse, Louise.“

 

„Immer am besten informiert, Süße. Hier drin steht auch, dass er grundsätzlich seine Sekretärinnen vögelt, weil er zu bequem ist, sich um eine richtige Beziehung zu kümmern. Krass, oder?“

 

Cassidy nahm den Umschlag und wollte sich gerade zum Gehen wenden, da hielt Louise sie noch mal zurück. „Komm, nimm schon.“ Sie fuchtelte mit dem Magazin. „Dann hast du was zu Lesen heute Abend im Bett. Kann doch nicht schaden, oder?“

 

Louises Zwinkern war unwiderstehlich. „Bis dann.“ Cassidy nahm das Magazin, legte es unter den Umschlag mit dem Fax und machte sich auf den Weg zurück zu Kasharins Suite. Sie sah zur Uhr. Das Meeting hatte vor weniger als einer halben Stunde begonnen. Ganz sicher war Kasharin noch nicht zurück in seinem Zimmer. Von ihm mit einem Klatschmagazin in der Hand gesehen zu werden, war so ungefähr das Letzte, nach dem ihr der Sinn stand.

 

„Kommen Sie, um mich abzuholen?“ Seine Stimme traf sie, sobald sie das Gebäude mit den Suiten betrat, und fuhr wie ein Blitz in ihre Eingeweide. Er lehnte an einem der Cocktailtische, die vor den Konferenzräumen im Erdgeschoss standen. Die Türen zum Vorführraum waren noch immer geschlossen, weit und breit war keiner der anderen Filmleute zu sehen. Was machte er hier draußen? Als ob sie das etwas anginge. Lächeln, Cassie. Lächeln und bloß nicht denken. „Da ist ein Fax für Sie gekommen, Mr. Kasharin.“

 

„Gut, gehen wir.“

 

Schweigend gingen sie zurück zur Suite. Sie hatte Mühe, mit ihm Schritt zu halten. Kein Wunder, seine Beine waren ungefähr doppelt so lang wie ihre, und er machte keinerlei Anstalten, auf sie Rücksicht zu nehmen. Vor der Zimmertür wartete er. Sie schloss auf, und ohne ein Wort trat er ein. Die Luft war schwer von ihrem Unbehagen. Nur mit Mühe konnte sie sich davon abhalten, von einem Bein auf das andere zu treten, während sie unschlüssig im Türrahmen stand und er sein Jackett auszog, um es achtlos neben den immer noch unausgepackten Koffer auf das Bett zu werfen. Ihr Blick blieb einen Moment zu lange daran hängen, und sie musste an das denken, was Louise vorhin gesagt hatte. Er nahm seine Assistentinnen in sein Bett. Würde er das auch von ihr erwarten? Hatte er deswegen Dennis weggeschickt? Der Gedanke war mehr als unangenehm. Er schaute sie nicht einmal an, als er ungeduldig mit der Hand wedelte.

 

„Das Fax.“

 

„Sir.“ Beinah hätte sie ihm statt des Umschlags mit dem Fax die Zeitschrift gegeben. Im letzten Moment korrigierte sie sich und reichte ihm das Fax. Als sein Blick dennoch das Magazin streifte, sah sie den Sarkasmus in seinen Augen aufflackern. Sein Mundwinkel zuckte, aber er sagte nichts.

 

Er nahm den Umschlag entgegen. Sein Zeigefinger fuhr unter den Falz des Umschlags, und es gab ein leises Ratschen, als das Papier riss. Sie fuhr zusammen. Warum klopfte ihr Herz plötzlich so schnell? Egal, was in dem Fax stand, sie hatte nichts damit zu tun. Genau, ebenso wenig, wie es ihre Schuld gewesen war, dass er im Stau gesteckt hatte. Dennoch war es sie gewesen, an der er seine Laune ausgelassen hatte. Oder war es immer noch der Gedanke daran, wie er sich mit Frauen, die er für Schreibarbeiten bezahlte, nach Erledigung der Schreibarbeiten in den Laken wälzte?

 

Sein Blick zuckten ein paar Mal von links nach rechts, als er den Inhalt des Schreibens überflog, und wenn es möglich gewesen wäre, hätte sie geschworen, dass seine Miene sich noch weiter verfinsterte. Nach dem Ratschen ein Rauschen, als er Umschlag und Schriftstück auf das Klavier warf. Sie staunte noch darüber, wie weiß das Papier aussah, auf dem glänzenden Schwarz des Pianos, während er sich mit einem Ruck zu ihr umwandte. Ein Blick aus den zusammengekniffenen Augen reichte, um ihr zu zeigen, dass sie bis zum Unterkiefer in Problemen steckte. Er war wütend. Richtig wütend. Der Erste, über den sich in den nächsten drei Tagen jemand beschwert, fliegt raus, hörte sie Robertsons Stimme, und ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen.

 

„Können Sie lesen, Cassidy?“

 

„Sir ... ich...“

 

„Das Fax ist nicht für mich“, unterbrach er sie. „Das Klavier ist nicht zugedeckt. Und mein Koffer ist nicht ausgepackt. Sagen Sie mir, Cassidy, was genau ist der Zweck Ihrer Anwesenheit in meiner Suite, wenn Sie nicht eine Ihrer Aufgaben erfüllen können?“

 

„Es tut mir Leid, Sir“, nuschelte sie und hätte sich am liebsten für ihre Unsicherheit geohrfeigt. Die Welt hatte nichts übrig für Verlierer, und diesmal wollte sie auf der Gewinnerseite stehen. Sie atmete einmal durch und zwang sich, seinem Blick zu begegnen.

 

„Sir, auf dem Umschlag stand ihr Name. Es ist nicht meine Schuld, dass jemand die Schreiben verwechselt hat, und als ich Sie gefragt hatte, ob ich den Koffer auspacken soll, haben Sie mir nicht geantwortet.“ Schon besser, Cassidy. „Es tut mir Leid, Sie enttäuscht zu haben, Mr. Kasharin, aber ich habe keinen Fehler gemacht.“

 

Er verzog keine Miene. Oder doch. In seinem Kiefer arbeitete ein Muskel, ließ seine Wangenknochen noch deutlicher hervortreten. War sie zu weit gegangen? Wahrscheinlich, denn er ballte die Hände zu Fäusten. Innerlich rüstete sie sich für seinen Ausbruch. Jetzt bloß nicht klein bei geben. Es geht vorbei. Sei freundlich und zeige ihm, dass du deinen Wert kennst. Still sah sie auf ihre Füße und zählte lautlos. Eins, zwei, drei, vier. Der Ausbruch blieb aus. Unsicher schaute sie auf. Gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie Kasharin seine Hand wieder entspannte und sich damit durchs Haar fuhr. In zwei Schritten war er an ihr vorbei und beim Bett. Er riss das Jackett an sich und warf es sich über die Schulter. Das Krachen, mit dem die Tür ins Schloss fiel, ließ sie zusammenzucken.

 

 

 

Nach dem Schock kam die Wut. Den Koffer, natürlich, Sir. Und das Klavier. Ich renne doch gerne in den Keller und hole eine Tischdecke für das Klavier. Und wenn ich schon dabei bin, Sir, dann stecke ich mir auch gleich noch einen Besen in den Hintern, dann kann ich nämlich zur selben Zeit auch noch die Stufen fegen. Das würde Ihnen doch sicherlich gefallen, Sir.

 

Wut war gut. Besser als das ständige Gefühl des Versagens. Was hatte dieser Kerl nur an sich, dass er ihr mit jedem Handschlag, mit jedem Blinzeln zeigen konnte, dass sie nicht gut genug war für ihn?

 

Cassidy öffnete die Schnallen am Koffer und stemmte den Deckel auf. Himmel, war das schwer. Vielleicht solltest du das mal selbst machen, Kasharin. Dann müsstest du dich bücken und ein bisschen von der Luft schnuppern, die hier unten weht, bei den normalen Menschen. Ein bisschen Wirklichkeit würde dir gut tun. Schnalzend sprangen die Kofferbänder zurück und enthüllten die Persönlichkeit des Maestros.

 

Was haben wir denn hier? Nadelstreifen von Armani. Hatte sie etwa was anderes erwartet? Nur das Beste für den Herrn Pianisten. Brauchte ein einzelner Mensch wirklich drei Anzüge, wenn er nur vier Tage auf einer Konferenz war? Und das war ja noch nicht alles. Boxershorts, eine Jogginghose, Jeans. Gleich zwei davon. Beide in einem hellen, verwaschenen Blau. Dazu ein paar T-Shirts. Hemden in schwarz und weiß. Sie räumte die Kleidung in den Schrank und die Hygieneartikel ins Bad. Da sie der Versuchung nicht widerstehen konnte, schnupperte sie einmal kurz am Duschgel, das in seinem Necessaire war. Silver Mountain Water von Creed, das hatte sie noch nie gehört. Es roch so frisch wie es klang, und sie klappte schnell die Flasche wieder zu, ehe sie sich nicht losreißen konnte. Die Vorstellung, wie sich sein natürlicher Geruch nach Mann und ein wenig nach Salz mit diesem Duft vermischte tat ihrem Seelenfrieden mit Sicherheit nicht gut. Das Aftershave war Christian Clive No 1. Davon hatte sie schon gehört, aber sie wagte nicht, an den Deckel zu gehen – ein perfekter Diamant. Verdammt, das war so ungerecht, dass es Leute gab, die mit einem Druck auf ein Sprühknöpfchen mehr Geld verpusteten, als sie auf ihrem Konto hatte. Sie fand Kondome. Der Herr hatte also Großes vor während seines Aufenthalts. Die Vorstellung, dass er nur mit dem Finger schnippen brauchte und die Frauen in sein Bett fielen, war widerlich. Aber es sollte ihr recht sein, solange er sie damit in Ruhe ließ. Ganz gewiss war sie keine von denen, die er sich einfach nehmen konnte. Seit Brandon hatte sie mit dem Thema abgeschlossen. Sie verstand einfach nicht, was alle Welt für ein Gewese darum machte. Es war übergriffig und peinlich und tat weh. Sie vermisste es kein bisschen. Sie ließ die Gummis in der inneren Seitentasche des Necessaires stecken, als seien sie ihr nicht aufgefallen. Das ging sie nichts an.

 

Zurück im Schlafzimmer wollte sie den Koffer eben wieder zuklappen, als sie bemerkte, dass eines der Seitenfächer noch nicht geleert war. Sie griff hinein. Ganz unten im Fach ertastete sie ein Buch. Sie zog es heraus. Es war ein abgegriffenes Taschenbuch. Die Reihe, in der die Klassiker erschienen. Wie viel Freizeit hatte der Kerl eigentlich, wenn er außer joggen und vögeln auch noch lesen wollte? Neugierig drehte sie das Buch in der Hand und las den Titel.

 

Marquis de Sade: Die Geschichte der Justine - Oder der Untergang der Tugend.

 

Der Untergang der Tugend also. Bisher hatte er nicht auf sie den Eindruck gemacht, dass er sich diesbezüglich fortbilden müsste. Was mochte da wohl drinnen stehen, dass sogar Kasharin noch von Justine lernen konnte? Mit einem Blick scannte sie die Uhr am Nachttisch. Es war erst Nachmittag. Bestimmt würde noch einige Zeit vergehen, bis er sich zum Abendessen fertig machen würde. Er würde seinen Zorn, auf was auch immer, eine Weile draußen verrauchen lassen. Das Della Terra war wunderschön gelegen, und sie wusste, dass derjenige, den diese Umgebung nicht zur Ruhe brachte, erst noch geboren werden musste. Und sie war weit gekommen, seit er aus der Suite gestürmt war. Die Wut hatte ihre Hände flink werden lassen. Ein Blick wird ja wohl erlaubt sein. Auch wenn sie wusste, dass er natürlich nicht erlaubt war. Aber er würde es ja nicht erfahren. Und so, wie er sie vorher zusammengestaucht hatte, da hatte sie ohnehin was gut bei ihm.

 

Vorsichtig setzte Cassidy sich auf die Bettkante und schlug das Buch an einer beliebigen Stelle auf. Sie überflog die ersten Zeilen. Die Sprache war altmodisch und mit französischen Begriffen durchsetzt. Es ging, ihr Atem stockte, um ein junges Mädchen und eine Frau, nein, zwei. Und einen Mann. Und die drei Erwachsenen, sie taten dem Kind Schreckliches an. Teufel ja, stand da, setzen Sie sich auf ihre Schultern, damit sie ruhig liegen bleibt und ich werde versuchen, ihr ihn von hinten reinzustecken und Ihnen die Arschbacken dabei zu küssen. Und dann schlug der Mann das Kind und die Frauen lachten dabei.

 

Cassidy wurde die Kehle eng. Das also war eine Gute-Nacht-Geschichte, wie sie sich Nikolaj Kasharin vorstellte. Sie hätte das nicht lesen sollen. Das war nicht richtig. Es war nicht gut, so etwas über einen Menschen zu wissen. Niemals mehr würde sie seine Musik hören können und dabei träumen. Sie hatte gedacht, Brandon wäre gewissenlos gewesen. Sie sollte aufhören, jetzt gleich. Und doch konnte sie das Buch nicht zuschlagen. Sie las weiter, von den Tränen des Mädchens und ...

 

„Was Interessantes gefunden in meinen Sachen?“

 

Erschrocken fuhr sie zusammen, sprang vom Bett. Das Buch fiel zu Boden. Sie war so versunken gewesen in die Geschichte, dass sie nicht gehört hatte, wie Kasharin zurückgekommen war. Das Herz rutschte ihr in die Hose und noch ein ganzes Stück tiefer. Sie fühlte, wie ihr sämtliches Blut aus dem Kopf stürzte und all die Wut, die sie gerade noch geschützt hatte, mit sich riss.

 

„Sir, ich ...“ Sie ließ den Satz unvollendet. Weil es ja doch keine Worte gab, die ihr Verhalten rechtfertigten, bückte sie sich nach dem Buch. Der Rock über ihrem Hintern spannte, er war nicht dafür gemacht, dass sie vor einem Klienten in die Knie ging. Sag was, beschwor sie sich. Mach schon, entschuldige dich. Sie spürte seine Augen auf sich, wie er jede ihrer Bewegungen beargwöhnte.

 

„Mr. Kasharin ...“

 

„Wage es nicht, dich zu verteidigen, Mädchen.“

 

Sie biss sich auf die Zunge. Gott, das war so fürchterlich. Was sollte sie denn jetzt tun? Er verbot ihr zu sprechen. Unsicher hob sie den Blick, versuchte in seinem Gesicht zu lesen. Wie von ihren Augen angezogen machte er einen Schritt auf sie zu. Langsam. Sie wich zurück. Das wird er nicht wagen. Wie von weit weg hörte sie das Zischen ihres Atems, als sie viel zu heftig die Luft einsog. Alles an ihr zitterte. Genug, sie hatte genug gezittert. Sie biss die Zähne zusammen. Die unausgesprochene Entschuldigung brannte auf ihrer Zunge. Genau das will er, erkannte sie. Tu ihm den Gefallen nicht. Nimm deinen Stolz und schau ihm in die Augen. Er ist es, der davon träumt, kleine Mädchen zu demütigen, er ist es, dem ein querstehender Truck als Entschuldigung reicht, anderen das Leben schwer zu machen. Schau ihn an und zeig ihm, dass du vielleicht nur die Assistentin bist, die man nicht hören will und am liebsten auch nicht sehen, die aber weiß, wenn sie einen Fehler gemacht hat, auch wenn er es nicht zulässt, dass du das aussprichst.

 

Niemals damit gerechnet hatte sie, dass er sie auslachte. Ein dunkles, grollendes Lachen, das ganz tief aus dem Bauch kam. Er lachte nicht lange und auch nicht laut, aber dieses kurze Lachen reichte, um ihre Schutzwälle zum Einsturz zu bringen. Sie war ihm nicht gewachsen. Dieses Spiel konnten nicht zwei spielen. Nicht zwei, die so unterschiedlich waren wie er und sie.

 

„Ich ... Es tut mir Leid“, stammelte sie die verbotene Entschuldigung und floh. Weg, einfach nur weg von ihm.

 

 

 

***

 

 

 

Er starrte das Klavier an. Die altmodische Häkelecke, die Cassidy darüber gebreitet hatte, wie in einem großmütterlichen Haus, passte nicht in dieses Hotel. In der Kristallvase ließen Wildblumen die Köpfe hängen. Nikolaj nahm die Vase vom Klavier und ging damit ins Bad, um Wasser nachzufüllen. Vorsichtig stellte er die Blumen dorthin zurück, wo Cassidy sie hingestellt hatte.

 

Sein Blick blieb an etwas Blinkendem auf dem Fußboden hängen. Das gehörte dort nicht hin. Was war das? Er bückte sich. Ein Armband? Nein, eher ein Fußkettchen. Hatte sie das verloren? Es war ihm nicht aufgefallen, dass sie irgendwelchen Schmuck getragen hätte, aber dann wiederum, warum hätte er auf ihre Knöchel schauen sollen?

 

Er hob das blinkende Ding auf. Er hätte mit Herzchen gerechnet. Drei kleine Herzchen aus Strassperlen, die an den Kettengliedern befestigt waren, Modeschmuck eben. Stattdessen fand er Buchstaben. Ein L und ein W. Vielleicht gehörte es doch nicht ihr. Aber wenn es nicht ihres war, sondern einem Gast gehörte, der vorher diese Suite bewohnt hatte, warum lag das dann noch hier herum? Nein, es musste ihres sein, denn im Della Terra blieb nach dem Putzen nichts liegen. Außer vielleicht, wenn Cassidy Devlin putzte. Irritiert bemerkte er, wie sein Mundwinkel zuckte, sich zu einem Lächeln zu verziehen versuchte. Was machte sie hier? Sie war zu hundert Prozent ungeeignet für diesen Job. Sie versuchte krampfhaft, zu gefallen und zu bedienen, und sie versagte kläglich, dazu war sie erstens zu neugierig und zweitens zu unabhängig. Ihre Neugier irritierte und verärgerte ihn, und gleichzeitig war sie ansteckend. Woher mochte jemand wie sie kommen? Sie war auf keinen Fall ein Stadtkind. Sie wirkte wie eine, die als kleines Mädchen Schmetterlinge gejagt hatte und dabei mehr als einmal in einen Fluss gefallen war, nur um sich wieder aufzurappeln und weiterzurennen.

 

Es war nicht fair, dass er alles, was sich in ihm aufstaute, an ihr ausließ. Wie er mit ihr umging. Was konnte sie dafür, dass sich dieses verdammte Projekt in eine Richtung entwickelte, die ihn vor Wut rasend machte? Er war hinausgegangen, hatte frische Luft geschnappt, hatte sich beruhigt. Und kehrte zurück, nur um sie mit diesem Buch in der Hand zu finden. Er wollte sich entschuldigen und fand sie, wie sie in seinen Sachen stöberte. Es war ihm unmöglich, sie einzuordnen.

 

Er sollte mit ihr reden. Er hatte sie verschreckt. Und er hasste es, Frauen zu erschrecken oder ihnen gar weh zu tun. Seine Masche war, dafür zu sorgen, dass sie sich vor sich selbst erschreckten. Kluge Mädchen verunsicherte die eigene Reaktion auf ihn. Es gab genügend unter ihnen, die nicht merkten, was er tat, die einfach in der Aufmerksamkeit badeten, die er ihnen schenkte. Das waren die, die er vorzog, weil nicht erwartet wurde, dass er sich lange an ihnen festhielt. Alex Adamson kam ihm in den Sinn. Der klassische One Night Stand. So langweilig, dass es für ein ganzes Leben reichte. So oberflächlich, dass ein Mann sich den Kopf stieß, wenn er in ihre Tiefe zu tauchen versuchte. Und sie kroch ihm immer noch nach, wann immer sie einander trafen, und merkte nicht, wie sehr er sie aufzog. Ihn schauderte. Alex würde nicht mal merken, wenn er ihr wirklich weh tat. Alles, was für sie zählte, waren Rampenlicht und Schlagzeilen. Um jeden Preis.

 

Er schloss die Finger um das Fußkettchen und ließ es in seine Hosentasche gleiten. Mit einem Seufzen gab er sich einen Ruck. Auf dem Nachttisch lag das Buch. Er hob es im Vorbeigehen auf.

 

Der Korridor lag verlassen. Cassidys Zimmer war gleich nebenan. Die Tür geschlossen. Er lauschte einen Augenblick. Alles still. War sie überhaupt hier? Er hatte die Tür klappen gehört, nachdem sie aus der Suite geflohen war. Sie musste hier sein.

 

Was für ein dämliches Bild gab er eigentlich ab? Hier zu stehen, an der Tür seiner Assistentin, sich nicht durchringen zu können zu klopfen.

 

Er hob die Hand und klopfte. Ich klopf nur einmal, dachte er. Wenn sie nicht aufmacht, gehe ich wieder. Ich will hier nicht gesehen werden. Ich werde ...

 

Die Tür ging auf. Cassidys von Tränen gerötete Augen weiteten sich. „Mr. Kasharin?“

 

„Kann ich reinkommen?“ Nun gib die Tür frei, dachte er verkniffen. Hast du eine Ahnung, was du hier von mir verlangst, wie ein Bittsteller auf der Schwelle zu deiner Kammer zu stehen?

 

Sie trat zur Seite und ließ ihn durch. Er sah, dass sie mit sich rang. Tür offen lassen? Schließen? Er konnte es ihr nicht verdenken. Sie hatte keine Ahnung, was er wollte, und bei geöffneter Tür würde er kaum etwas versuchen. Schließlich drückte sie die Tür leise zu.

 

„Danke“, sagte er. Wofür bedankte er sich? Sein Blick fiel auf das Buch in seiner Hand. „Ich möchte mit dir reden. Es gibt ein paar Dinge, die du verstehen solltest.“

 

Sie zog hörbar die Nase hoch, und er runzelte die Stirn. Kein Mädchen, das in der Großstadt aufgewachsen war, würde in Gegenwart eines Mannes die Nase hochziehen.

 

„Sie müssen sich mir nicht erklären, Mr. Kasharin. Was Sie lesen, ist ganz allein Ihre Sache.“

 

„Damit hast du ausnahmsweise Recht.“ Er fuhr mit seiner Rechten durch seine Haare. „Tust du mir einen Gefallen und wirfst dir ein wenig kaltes Wasser ins Gesicht? Die Tränen von Frauen irritieren mich.“

 

„Dann sollten Sie es vermeiden, Frauen zum Weinen zu bringen.“

 

„Ich habe das Buch nicht in deine Hände gelegt, Cassidy. Du bist in meine Privatsphäre eingedrungen.“

 

„Sie haben mich aufgefordert, Ihren Koffer auszupacken. Ich kann das schlecht mit geschlossenen Augen tun.“

 

Verflucht nochmal. Hatte sie wirklich keine Ahnung, worum es bei dem Job ging?

 

„Cassidy“, er hielt ihr den de Sade vor die Nase. „Das Buch aufzuschlagen ist dasselbe, als wenn du meine Boxershorts einzeln aus dem Koffer nimmst und auseinanderfaltest, um dich darüber zu informieren, wie ich unterhalb der Gürtellinie gebaut bin. Oder wenn du an meinem Duschgel riechst.“ Mit Genugtuung sah er, wie sie tief errötete. „Hast du es jetzt verstanden?“

 

Ihre Lippen zitterten, und endlich nickte sie.

 

„Und wenn ich dich bitte, deine Tränen abzuwaschen, dann bedeutet das, dass du zum Waschbecken gehst und genau das tust, ohne darüber zu diskutieren“, hakte er nach.

 

„Ich bin nicht Ihre Sklavin.“

 

„Cassidy, in dieser Zeit, die ich hier im Hotel bin, bist du für mich das, was einer Sklavin am nächsten kommt. Du tust alles das, was ich verlange. Ich könnte von dir verlangen, dich auszuziehen und auf dem verfluchten Klavier für mich einen Bauchtanz zu absolvieren, wenn mir der Sinn danach steht, und du hättest nicht das Recht, meinen Wunsch zu verweigern, ohne dafür die fristlose Kündigung zu riskieren. Dein Boss hat dich dazu verpflichtet, mein Schatten zu sein.“ Ihre Augen weiteten sich, und er hob defensiv beide Hände, ließ sie aber wieder sinken, als er sich an das Buch in seiner Linken erinnerte. „Ich werde das nicht tun, denn das ist nicht mein Stil. Ich hab meine Frauen gerne willig und sinnlich, und es liegt mir nicht, einen Vorteil aus deiner verzwickten Situation zu ziehen. In dieser Hinsicht bist du völlig sicher vor mir. Aber ich bitte dich nochmal, wasch dir die Tränen aus den Augen. Sie verwirren mich.“

 

Sie blieb noch drei Wimpernschläge lang bewegungslos stehen. Sie gab nicht klein bei. Er unterdrückte ein Seufzen. Nur eine Frage der Zeit, bis sie diesen lukrativen Job verlor. Dann endlich ging sie in das kleine Bad, und als sie wiederkam, waren ihre Augen trocken und die roten Ränder wenigstens abgemildert.

 

Er hob das Buch. „Das hier, Cassidy, ist die Romanvorlage für den Film, dessentwegen dieses Meeting stattfindet. Es sieht so aus, als ob sie euch hier nicht besonders gut über die Hintergründe der Veranstaltungen informieren, für die ihr eure Arbeitskraft zur Verfügung stellt.“ Ganz davon abgesehen, dass er sich ernsthaft fragte, was die Typen, die für die neuen Assistentinnen zuständig waren, den Mädchen im Jobtraining so beibrachten.

 

„Sie haben es also gar nicht gelesen?“, fragte sie.

 

„Ich habe es zum ersten Mal gelesen, als ich fünfzehn Jahre alt war und miterleben durfte, wie meine Mutter sich zum zweiten Mal scheiden ließ. Es war damals für mich nicht einfach, an eine Kopie des Buches heranzukommen, weil es als nicht jugendfrei gilt. Wie du sicher verstehen kannst, du hast ja reingelesen. Ich lese es seither jedes Jahr mindestens einmal.“

 

Sie sah verwirrt aus. Ja, natürlich, was hatte die Scheidung seiner Eltern mit einem Buch zu tun, in dem es ihrer Meinung nach um Kindesmissbrauch ging? Er kniff kurz die Augen zusammen.

 

„Sie lesen es also gern?“, fragte sie.

 

„Es enthält Wahrheiten, an die ich mich nur zu gerne immer wieder erinnern lasse“, erwiderte er so diplomatisch wie möglich.

 

„Welche?“

 

„Du würdest das nicht verstehen.“

 

Plötzlich hätte er sie gerne berührt. Das erschreckte ihn beinahe. Sie war trotzig und irritierend und furchtbar unprofessionell, und er schaffte es kaum, den Blick von ihr zu lösen. Auf der Suche nach Ablenkung ließ er den Blick durch das winzige Zimmer streifen. Ein Bett, ein Schrank, ein Tisch mit Stuhl, und es blieb kaum Platz für zwei Menschen, die einander gegenüberstanden. Auf dem Tisch lag ein großformatiger Bildband. Er ging einen Schritt näher, um ihn genauer betrachten zu können, dann hob er den Kopf und sah sie erstaunt an. „Architektur?“ Er hatte nicht gewusst, dass es noch Dinge gab, die ihn überraschen konnten.

 

Sie zuckte mit den Schultern. „Ein Hobby.“

 

„Darf ich?“

 

Noch ein Schulterzucken. Er nahm das Buch auf und blätterte darin. Er schaute kaum hin. Moderne Architektur, klare Formen, Glas, Naturstein. Bemerkenswert. Das interessierte sie? Also doch kein Mädchen vom Land? Konnte es so etwas geben, eine Frau, die er nicht zu enträtseln vermochte? Er vermied es, bis ins letzte Drittel des Buches zu blättern, weil er wusste, was ihn dort erwartete. Er kannte das Buch. Und dies war der letzte Ort, an dem er eine Ausgabe davon vermutet hätte. Vorsichtig legte er den Band zurück auf den Tisch.

 

„Wow“, sagte er leise.

 

Sie zog die Brauen hoch.

 

Jetzt war es an ihm, mit den Schultern zu zucken. „Passiert mir nicht oft. Beeindruckt zu sein.“

 

Sie sah ihn verstört an, er konnte förmlich beobachten, wie sie innerlich allen Mut zusammennahm.

 

„Kann ich sonst noch etwas für Sie tun, Mr. Kasharin?“

 

Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Du kannst dir den Nachmittag frei nehmen. Wenn du diesen Job nicht verlieren willst, schlage ich vor, du nutzt die Zeit, um über das nachzudenken, was hier von dir erwartet wird. Ich habe den Eindruck, dass du dir darüber überhaupt nicht klar bist. Ich werde dich erst heute Abend wieder brauchen. Ich möchte gerne im Zimmer zu Abend essen, zwei Zusammentreffen mit dem Produktionsteam reichen mir für einen Tag, und ich lasse mir ungern den Appetit verderben.“

 

Sie nickte. „Ich werde dafür sorgen, dass eine Speisekarte in Ihrer Suite liegt, wenn Sie vom Meeting zurückkommen“, sagte sie. Als hätte sie einen Schalter umgelegt, auf dem „professionelle Effizienz“ stand. „Es wird etwa eine Dreiviertel Stunde dauern von Ihrer Bestellung bis zum Servieren, ich hoffe, dass das in Ordnung ist?“

 

Er warf noch einen Blick auf den Architekturband, dann nickte er und ging zur Tür.

 

„Danke, Cassidy. Genieße deinen Nachmittag.“

 

Als er wieder im Flur stand, fiel ihm ein, dass er das Fußkettchen in seiner Hosentasche vergessen hatte.