Lavendelküsse

Kapitel 1

 

Auf die Minute pünktlich, perfekt! Hannah Engelmann bog ihr quietschgelbes Fiat 500 Cabrio neben einem weinroten Sportwagen auf die Auffahrt und blickte sich um. Der geschotterte Hof gehörte zu dem Anwesen mit dem klangvollen Namen Bastide Saint Mathieu. Das Haus war ein Traum. Eingebettet in die liebliche Hügellandschaft im Hinterland der Côte d'Azur, war es umgeben von weiten Wiesen, auf denen jetzt, im August, der Klatschmohn blühte. Perfekt passte sich das traditionelle Bauernhaus aus dem achtzehnten Jahrhundert in die Landschaft ein. Das flache, rotgeziegelte Dach und die leicht windschief wirkenden Fensterläden aus rissigem, grün gestrichenem Holz wirkten, als wären sie dem Haus natürlich gewachsen, nicht von Menschenhand geschaffen.

Sie schaltete den Motor aus, und sofort legte sich die schwere Sommerluft um sie wie eine Decke. Hier, in den Hügeln nahe der Stadt Grasse, war das Meer zu weit entfernt, um noch mit einer frischen Brise für Abkühlung zu sorgen. Trotzdem hatte die Hitze nichts Erstickendes. Sie war trocken, angenehm, angereichert mit dem Duft von sonnenmüder Erde, Zypressen und Lavendel. Das war es, was sie in die Provence gezogen hatte, als ihre Mutter sie endlich gehen ließ. Nicht der weiße Strand von Cannes. Hannah war kein Strandhäschen, auch wenn sie Sonne und warmen Sand an den Füßen liebte. Es war dieses Hinterland, die kleinen Städtchen, die sich an die Hügel schmiegten. Die endlosen Felder sahen im Hochsommer aus, als sei ein Maler mit einem überdimensionalen Pinsel, bis zum Überlaufen getunkt in blauviolette Farbe, darüber hinweggegangen. Schon als Kind hatte sie sich in diese Gegend verliebt. In ihren dunkelsten Augenblicken, als alle Hoffnung vergebens schien, hatte sie sich an den Gedanken geklammert, dass sie eines Tages ihren Traum verwirklichen und in der Provence leben würde. Jetzt hier zu sein, diese einzigartige Luft zu atmen, zu spüren, wie ihr das Herz schlug und das Blut durch die Adern strömte, machte sie glücklich.

Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, warum Sylvain Grenier dieses Anwesen verkaufen wollte. Bisher hatte sie es nur von Bildern gekannt und den nüchternen Fakten, die er dem Maklerbüro übermittelt hatte. Wenn man jedoch hier stand und all das sah, die Farben, die Architektur, konnte man sich der Faszination des Ortes noch weniger entziehen.

Sylvain Grenier war der jüngste Spross einer der alteingesessenen Parfümdynastien von Grasse. Dieses Haus musste der Traum eines jeden Parfümeurs sein. Fernab von den Touristenschwärmen und ihren Ausdünstungen nach Schweiß und Sonnenmilch, aber doch nah genug dran, um in wenigen Minuten mit dem Auto in der kleinen Stadt zu sein. Nach Cannes ans Meer war es nicht viel weiter, selbst sie, die die Straßen nicht kannte, hatte wenig mehr als eine halbe Stunde gebraucht. Dennoch herrschte hier oben eine Ruhe, die durchatmen ließ. Die einlud, die Augen zu schließen, den Kopf zurückzulegen und sich davontragen zu lassen aus der Welt, weg von den Sorgen des Alltags.

Zu schade, dass sie nicht hier war, um die Augen zu schließen und zu träumen.

Von der Rückbank nahm sie ihre Aktentasche und das Klemmbrett mit dem unterschriebenen Maklervertrag, dann stieg sie aus dem Auto. Sie hatte ihre Hausaufgaben gemacht. Alles, was es im Internet über Sylvain zu erfahren gab, hatte sie herausgefunden. Sie wusste, dass er zweiunddreißig Jahre alt war und bereits seit gut fünf Jahren die Geschäfte der Greniers mit leitete. Seit dem Jahr, als sein Vater sich nach einem Herzinfarkt aus dem operativen Geschäft zurückgezogen hatte. Sylvain teilte sich die Geschäftsführung mit seinem Bruder Bastien. Während der Ältere sich um die Finanzen kümmerte, galt Sylvain als der kreative Kopf des Unternehmens. Schon in seiner Jugend war ihm ein beinahe legendärer Ruf vorausgeeilt. Man sagte, er sei die beste Nase seit mindestens zweihundert Jahren in Grasse. Besser noch als sein Großvater, und der war legendär gewesen. Die Geschäfte des Familienunternehmens gingen gut. Darüber hinaus arbeitete Sylvain Grenier auch mit anderen namhaften Häusern zusammen und geizte nicht mit seiner Expertise, wenn sie an ihn herantraten. Diesen Service ließ er sich fürstlich bezahlen. An Geldmangel konnte es also kaum liegen, dass er sich von diesem Prunkstück trennen wollte.

Die Gründe gingen sie nichts an. Alles, was zählte, war, einen Käufer für die Liegenschaft zu finden. Sie wusste, wie viel von diesem ersten Mandat für sie abhing. Hannah machte sich nichts vor. Der einzige Grund, warum sie die Stelle bei L&F Luxury und Family Properties bekommen hatte, war, dass Charles ihrem Vater einen Gefallen schuldete. Seit Jahren verbrachten die Engelmanns ihre Sommerurlaube an der französischen Riviera. Wahrscheinlich hatte Papa seinem alten Freund Fontaine oft genug von seiner Tochter und allem, was sie hatte durchmachen müssen, erzählt. Jetzt hätte sich der Franzose gefühlt wie ein Kerl, der einen Welpen aussetzte, hätte er ihr den Job in seinem Maklerbüro nicht angeboten. Den Grenier-Account hatte man ihr übertragen, weil jeder davon ausging, dass er leicht zu händeln war. Hannah war fest entschlossen zu beweisen, was sie konnte. Nicht umsonst hatte sie in den letzten drei Jahren das Fernstudium als Immobilienfachwirtin absolviert. Seit drei Monaten lebte sie in Cannes. Wenn es ihr jetzt nicht gelang zu beweisen, dass sie mehr drauf hatte, als dekorativ auf einer Couch zu sitzen und das arme, kranke Mädchen zu mimen, würde sie auf ewig zu Hause festsitzen.

Die Absätze ihrer Pumps knirschten auf dem Kies des Vorplatzes, als sie sich der Eingangstür näherte. Ansonsten herrschte absolute Ruhe. Nicht einmal Blätter rauschten, kein Vogelzwitschern oder Grillenzirpen durchbrach die Mittagsstille. Die Front des Hauses war von dem gewaltigsten Blauregen überwuchert, den sie je gesehen hatte. Der musste hundert Jahre alt sein. Einen Augenblick erlaubte sie sich, stehenzubleiben und die Blütenrispen, die bis fast zum Boden reichten, anzustaunen.

So schön es hier war, plötzlich war ihr die Stille unheimlich. Sie hatte das Gefühl, in ein Grab zu steigen. Sie verscheuchte den Gedanken. Lächerlich. Wahrscheinlich spielte das Unterbewusstsein ihr einen Streich, weil sie wusste, dass Sylvain Greniers Frau hier gestorben war. Trotz aller Rationalität ein wenig verunsichert, sah sie auf ihre Armbanduhr. Vierzehn Uhr, wie abgesprochen. Das zweite Auto auf dem Parkplatz musste seines sein. Doch statt sie zu erwarten, was der Respekt geboten hätte, war er nirgends zu sehen.

Okay. Kein Grund, sich aus dem Konzept bringen zu lassen. Kinn hoch, Brust raus. Das würde schon werden. Niemand konnte ihr ansehen, wie fremd sie sich noch in der Rolle fühlte, die sie heute spielte. Sie hatte sich für ein mintfarbenes Blusenkleid mit weitem Faltenrock und einfachem Bindegürtel entschieden. Der Rundhalsausschnitt war hochgeschlossen und zeigte kaum Dekolleté – ein absolutes Muss für sie, wenn sie sich nicht wie auf dem Präsentierteller fühlen wollte. Das Kleid und die dazu passenden Pumps waren ein idealer Kompromiss zwischen der Seriosität, die sie ausstrahlen wollte, und den hochsommerlichen Temperaturen. Außerdem war es jetzt ohnehin zu spät für einen Rückzieher. Sie war hier. Der Besitzer war hier. Zeit, sich die ersten Sporen zu verdienen.

Eine Stufe aus verwittertem Sandstein hob die handbeschnitzte klassizistische Haustür aus dem Schotter des Innenhofes. Neben dem Türblatt gab es eine Messingklingel. Patina überzog das runde Blatt und den kleinen Knopf in der Mitte. Kein Ton drang durch die Tür nach draußen, als sie drückte. Unruhig stieg sie von einem Bein aufs andere, wartete einen Moment, klingelte erneut. Wieder keine Reaktion. Hatte sie sich doch in der Zeit vertan? Ein Blick auf das Deckblatt ihrer Unterlagen bestätigte, dass sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Sie trat noch ein wenig näher an die Tür, um ein Ohr an das Holz zu pressen und so vielleicht einen Hinweis darauf zu bekommen, ob jemand im Haus war.

Die Tür wurde aufgerissen.

Sie taumelte. Im ersten Moment sah sie nur Schwarz. Nicht metaphorisch gesprochen, sondern wörtlich. Es dauerte ein wenig, bis ihre Synapsen wieder an die richtige Stelle rückten und sie begriff, was das war. Eine Hemdbrust. Schwarzer Seidenstoff über einem perfekt geformten Männerkörper. Sie schluckte, als sie realisierte, dass das Hemd sich weich an sacht spielende Brustmuskeln schmiegte. Ihr Blick kroch nach oben. Das Hemd stand zu weit offen, um seriös zu sein. Als hätte der Mann nicht mit Besuch gerechnet. Dunkle Haare kräuselten sich auf seiner Brust und sahen so einladend aus, dass sie sie am liebsten berührt hätte.

Was zur Hölle?

Ein kräftiger Hals, an dem klar die Sehnen hervortraten, leichter Bartschatten. Dann das Gesicht. Scharf geschnittene Wangenknochen, eine energische Kinnpartie, dazu eine Nase, die würdevoll zu tragen man wohl erst lernen musste. Dem Mann jedoch gab sie einen aristokratischen Zug, unterstrich seine Präsenz, der sich zu entziehen unmöglich war. Schon gleich gar nicht Hannah Engelmann. Ein leises Keuchen kroch über ihre Lippen, und erst jetzt merkte sie, dass sie viel zu nah stand. Ein taumelnder Schritt zurück, blöderweise vergessend, dass da diese halb verwitterte Treppenstufe war. Das Ergebnis war ein Gewühl aus fallendem Klemmbrett, rudernden Armen, erschrockenem Quietschen ihrerseits und einem unterdrückten Fluch seinerseits. Bevor sie ihren Unterlagen auf den Schotter folgen konnte, was unweigerlich tiefe Schrammen in Knien und Armen nach sich gezogen hätte, fand sie sich plötzlich in seiner Umarmung, seine Hände an ihren Oberarmen, der mesmerisierende Anblick der spielenden Muskeln seiner Brust ganz nah vor ihren Augen, und für einen Moment schoss ihr der Gedanke in den Kopf, dass der Plan, Abstand zwischen sie beide zu bringen, nach hinten losgegangen war. Schon in der nächsten Millisekunde wurde jeder Gedanke weggebrannt von seinem Blick.

Ach du Döschen, wer hatte denn bitte solche Augen? Kein Mensch mit einem so dunklen Teint konnte so helle Augen haben. Sie waren nicht wirklich blau und auch nicht wirklich grau. Irgendwas dazwischen. Um die Iriden zog sich eine feine schwarze Linie, die seinem Blick etwas noch Durchdringenderes gab. Ihr Herz machte einen Satz.

„Vorsicht“, sagte er, während sie immer noch schwankte. Mittlerweile nicht mehr sicher, ob das von ihrem Beinah-Sturz kam oder von seiner Nähe. Er drückte sie ein wenig von sich, bevor er ihre Arme losließ. Schade, irgendwie.

Sie wollte das Klemmbrett aufheben, aus dem sich einige Blätter gelöst hatten, aber er war schneller, bückte sich bereits und sammelte ihre Unterlagen zusammen, bevor er sich wieder aufrichtete und sie ihr hinhielt. Immer noch sprachlos, nahm sie die Sachen entgegen. Kurz berührten sich ihre Finger, und es war, als schösse ein elektrischer Schlag von der Stelle, an der sie sich berührten, direkt hinter ihre Stirn.

Oh nein. Das entwickelte sich ganz und gar nicht in eine Richtung, wie sie es sich vorgestellt hatte. Sie hatte gewusst, dass er gut aussah. Zahlreiche Fotos in den Boulevardmagazinen hatten keine Zweifel gelassen. Sylvain Grenier war in dieser Gegend vergleichbar mit einem Rockstar. Trotzdem war sie auf die Wirkung, die er auf sie hatte, nicht vorbereitet. Nicht auf die seidene Hemdbrust, die ihre Blicke magisch anzog, fast so magisch wie die sturmgrauen Augen und das schwarze Haar, das von Gel nicht gebändigt, sondern zerzaust wurde.

Es war an der Zeit, etwas Sinnvolles zu sagen. Sie sah zu ihm auf, räusperte sich erneut, sammelte die Worte in ihrem Kopf. Ihr Blick fiel in seinen.

„Tragen Sie Kontaktlinsen?” Scheiße. Im selben Augenblick, als sie es aussprach, war ihr klar, wie unangebracht diese Frage war. Boden, öffne dich! Am liebsten wäre sie in einem Loch versunken. Vor allem, als er nicht einmal so tat, als hätte er vor, ihr zu antworten, sondern nur einen Mundwinkel und eine Augenbraue hob und einen Schritt zurückwich. Die Belustigung in seiner Miene sprach Bände. Wenn man vor Peinlichkeit sterben könnte, wäre sie in diesem Moment stark gefährdet, aber von Verlegenheit starb es sich nicht. Dazu brauchte es mehr. Ein kaputtes Herz zum Beispiel. Das hier aber war das Leben. Genau das hatte sie gewollt. Diese Lebendigkeit, hören zu können, wie das Blut durch ihren Körper rauschte und pumpte, in einem kräftigen, gesunden Rhythmus. Wenn auch jetzt ein bisschen zu schnell, wie sie zähneknirschend feststellte.

„Ich schlage vor, Sie versuchen das mit der Begrüßung noch einmal.”

Offenbar hatte Sylvain Grenier nicht vor, es ihr leicht zu machen und so zu tun, als hätte ihr verbaler Fehlgriff nicht stattgefunden. Stattdessen fixierte er sie wieder mit diesem Blick, der sie nervös machte. Wer sollte da noch klar denken können? Im Schatten des riesigen Blauregens waren seine Augen das einzig Helle an ihm. Doch unter der sturmgrauen Oberfläche tobte etwas Dunkles. Eine Schwärze, die nichts mit dem gedämpften Licht im Foyer des Hauses zu tun hatte.

Okay, Hannah. Zweite Chance. Dass es gleichzeitig ihre letzte war, war ihr durchaus bewusst. Mit ein wenig Glück würde ihr Grenier diesen Fauxpas verzeihen. Ein zweites Mal würde er so etwas nicht akzeptieren, das stand deutlich in seiner Körpersprache geschrieben. Sie straffte die Schultern, klemmte ihre Unterlagen zwischen ihren linken Unterarm und ihre Brust und reichte ihm die Rechte zum Gruß.

„Hannah Engelmann”, stellte sie sich vor und klammerte sich an die Vorstellungsfloskel, die sie sich während der Autofahrt hierher zigtausendfach vorgesagt hatte, in der Hoffnung, sie dann, wenn es darauf ankam, routiniert und erfolgreich aufsagen zu können. „Wir haben einen Termin. Ich bedanke mich im Namen von L&F Luxury und Family Properties für das Vertrauen, das Sie in unser Büro setzen wollen, und freue mich, Sie kennenzulernen, Monsieur Grenier.”

 

*

 

Was für eine wunderschöne Floskel. Aalglatt, ohne Ecken und Kanten, abgesehen von dem entzückenden Akzent, der in ihrer Stimme mitschwang. Auswendig gelernt, natürlich, vermutlich käme, wenn sie frei sprach, ihr Akzent stärker heraus. Die Frage nach den Kontaktlinsen ließ das vermuten.

Es war nicht so, als sei er das nicht früher schon gefragt worden. Es gab Menschen, die zuerst sprachen und dann nachdachten. Er hatte in seinem Leben zu viele davon kennengelernt und zog es vor, genau auszuwählen, wem er seine Zeit schenkte und wen er auf Distanz hielt. Die Abgeschiedenheit von Bastide Saint Mathieu half dabei.

Leider konnte er sich diesen Luxus im vorliegenden Fall nicht leisten. Der Umgang mit Maklerfirmen war Neuland für ihn, er hatte in dieser Hinsicht keine Beziehungen, weil er diese Menschen noch nie gebraucht hatte. Er war in Bastide Saint Mathieu geboren. Hier hätte er sterben sollen. So war es gedacht gewesen. Nun kam es anders. Er hatte sich einfach den Makler mit der teuersten Adresse ausgesucht, als er sich mit der Aufgabe konfrontiert sah, jemanden zu finden, der das Haus verkaufte. Sein Vater hätte sich eher beide Hände abgehackt, als ihn dabei zu unterstützen. Er akzeptierte seine Entscheidung, weil er die Gründe dafür nachvollziehen konnte, aber es brach ihm dennoch das Herz. Bastien hatte sich einen leblosen weißen Klotz in Cannes direkt ans Wasser gestellt. Dass Sylvain das Haus in Grasse verkaufen wollte, ließ ihn kalt.

Sylvain war Bastide Saint Mathieu nicht gleichgültig. Er liebte das Haus und die jahrhundertealte Geschichte, die es in seinen Gemäuern trug. Es atmete Familie, uraltes Leben, hatte Hunderte Geschichten mitgeschrieben, erzählte von Schicksalen. Er war hier aufgewachsen, hatte jeden Tag seiner Kindheit Stunden damit verbracht, seinem Großvater im Labor über die Schulter zu sehen. Hier hatte er seine Leidenschaft für Düfte entdeckt. Aber hier hatte er auch mit Satine gelebt. Eine Erinnerung, die aufhören musste.

Die junge Frau, die dem Akzent nach zu urteilen Schweizerin oder Deutsche sein dürfte, trat nervös von einem Fuß auf den anderen. Wahrscheinlich befürchtete sie, gleich wieder vor ihm in die Knie zu gehen. Er kannte seine Wirkung auf Frauen, spielte sie aus, wenn es seinen Zwecken diente, aber die meiste Zeit langweilte ihn, wie vorhersehbar sie reagierten. Er erinnerte sich an ihre weit aufgerissenen Augen, als er sie im letzten Moment aufgefangen hatte, und sein Schwanz zuckte bei dem Gedanken. Interessant. Verschreckt, ein wenig unsicher. Etwas, das ihn anzog, auch wenn er nicht den Finger darauf legen konnte, was genau es war. Wie, hatte sie gesagt, war ihr Name?

Hannah, erinnerte er sich, sprach es leise aus und ergriff ihre Hand. Er neigte den Kopf, suchte ihren Blick. Es fiel ihr schwer, nicht auszuweichen. Sie kämpfte mit dem Mut einer Spitzmaus im Angesicht des Katers gegen den Drang, Abstand zu suchen. Tapfer. Süß.

„Ich freue mich, dass Sie pünktlich sind. Ich hoffe, ich habe Sie nicht allzu lange warten lassen? Ich habe leider nicht gehört, wie Sie auf den Parkplatz gefahren sind, sonst hätte ich natürlich auf Sie gewartet. Was Ihren nicht ganz eleganten Sturz angeht …” Er ließ den angefangenen Satz in der Luft hängen und beobachtete ihre Reaktion.

Sie blinzelte wieder, ihre Zähne gruben sich in die volle, fein geschwungene Unterlippe, und ihre Fingerspitzen waren trotz der sommerlichen Temperaturen kalt. Als er ihre Hand losließ, griff sie an das Dekolleté ihres Kleides. Welch eine seltsame Geste. Als würde sie versuchen, den Ausschnitt noch weiter nach oben zu schieben. Unwillkürlich fragte er sich, ob es eine Geste der Unsicherheit war oder ob sie etwas zu verbergen hatte.

„Ich kann nur hoffen, dass Sie sich nicht wehgetan haben. Haben Sie das Anwesen ohne größere Schwierigkeiten gefunden?”, fragte er und schob die Tür, die hinter ihm fast zugefallen war, mit dem Hacken wieder auf. Hannah Engelmanns Nasenflügel weiteten sich, sie atmete tief ein. Mit der Zungenspitze fuhr sie sich über die Lippe, wo sie sich eben noch gebissen hatte. Überraschte es sie etwa, dass ein Mann, der mit Düften seinen Lebensunterhalt verdiente, sich darauf verstand, in seinem Haus mithilfe von Duft eine harmonische Atmosphäre zu schaffen?

„Ich muss zugeben, dass es nicht ganz einfach war.” Sie versuchte ein zaghaftes Lächeln. In ihren Augenwinkeln lagen feine Fältchen, die sich jetzt ein wenig vertieften und die Farbe ihrer Augen, ein klares, dunkles Grün, zum Leuchten brachten. „Aber zu sagen, dass es sich gelohnt hat, ist eine absolute Untertreibung. Sie leben in einer Gegend, die ihresgleichen sucht.”

Er lachte, trat zur Seite und bat sie mit einer knappen Handbewegung, einzutreten. „Sie sind neu in der Branche, nicht wahr?”

Sie stockte auf der Schwelle, ein zartes Rot überzog ihre Wangen. Ertappt. Er inhalierte und störte sich nicht daran, dass sie es bemerkte. Bergamotte. Interessant. Da waren Spuren anderer Düfte, aber das klassische, nur noch selten in solcher Reinheit anzutreffende Aroma von Bergamotte war, was hängen blieb, wenn der Atemzug verging. „Darf ich Ihnen einen Rat geben?”, fragte er und schob die Tür in seinem Rücken weiter auf.

„Bitte”, sagte sie, ein wenig heiser.

„Singen Sie die Loblieder nicht mir, dem Verkäufer, sondern zu potenziellen Käufern. Ich könnte mich versucht fühlen, meine Preisvorstellungen hochzuschrauben. Das würde es Ihnen unter Umständen schwerer machen, den Verkauf auf die Zielgerade zu bringen.”

„Oh”, sagte sie, und wieder ging ihre Hand an den Ausschnitt des Kleides.

Die Geste begann ihn zu irritieren. Da war nichts zu sehen. War sie so unsicher? So verklemmt, dass sie fürchtete, er könnte ihr in den Ausschnitt schauen? Dass Frauen in seiner Gegenwart unsicher wurden, war ebenfalls nichts Neues. Im Gegenteil, er mochte es, auch wenn es ihn zu einem großen Teil amüsierte. Was sie sahen, war ein Zufall, eine Laune des Schicksals, das beschlossen hatte, ihn mit einem Körper und Gesichtszügen zu segnen, die dem Schönheitsideal nahe kamen. Interessant wurde es, wenn eine Frau nicht auf die Hülle reagierte, sondern auf das, was sie darunter wahrnahm. Wenn er bemerkte, dass eine Frau auf die subtilen oder manchmal auch nicht so subtilen Signale reagierte, die er aussandte, wenn er auf der Suche war, war er wirklich interessiert an ihr. Hannah Engelmann war im Augenblick viel zu überwältigt, um etwas zu bemerken, selbst wenn sie empfänglich sein sollte. So oder so war Verunsicherung ihm immer noch lieber als künstlich zur Schau gestellte Selbstsicherheit. Die meisten Frauen erfüllten die Erwartungen nicht, die sie schürten. Er zog es vor, eine Frau vor sich zu haben, die sich ihre Unsicherheit eingestand und sich von ihm formen ließ. Die …

Verdammt, Grenier, reiß dich zusammen, dachte er, halb schockiert über die Richtung, die seine Gedanken einschlugen. Formen? Mademoiselle Engelmann? Sie war seine Maklerin. Oder würde es sein, wenn sie es schaffte, ihn von ihren Fähigkeiten zu überzeugen. Was noch nicht gesagt war, aber er freute sich schon darauf, es herauszufinden.

 „Sie müssen die Unordnung entschuldigen, Hannah”, sagte er und überlegte, ob es okay war, seine Hand in ihren Rücken zu legen, wenn er sie durchs Foyer führte. Er ließ es bleiben. „Wie Sie sicherlich wissen, lebe ich derzeit noch hier und arbeite auch in diesem Haus. Meine Haushälterin kommt nur an zwei Vormittagen die Woche und sorgt für Ordnung. Außerhalb dieser Zeiten …”

„Es wirkt bewohnt”, sagte sie schnell. „Das ist etwas anderes, als wenn es unordentlich wäre.”

Sie sah sich im Foyer um, ihr Blick wanderte die breite Treppe mit dem geschnitzten Geländer aus der Zeit der Erbauung des Hauses hinauf, blieb für einen Moment an den polierten Steinfliesen hängen und weitete sich schließlich, als sie die Quelle des Lavendelduftes erkannte, der im Foyer hing. Ein Gebinde aus frischen und getrockneten Blüten auf dem kleinen Tisch unter der Treppe. Unter dieser verdammten Treppe, die er nicht ansehen konnte, ohne dass sein ganzer Körper unter Erinnerungen ächzte.

„Ich finde es vielmehr erstaunlich, dass es Ihnen gelingt, ein Haus von dieser Größe in Schuss zu halten, wenn Sie nur wenige Stunden in der Woche Hilfe haben.”

Er lächelte. „Ich lebe allein. Da fällt nicht viel an.”

„Sie arbeiten sicher viel?” Die Frage wurde begleitet von einem suggestiven Hochziehen der Augenbrauen.

„Meine Arbeit ist mein Hobby”, sagte er und schränkte sofort ein: „Eines davon jedenfalls.“

Sie blinzelte. Die Hand am Ausschnitt. Er ertappte sich dabei, dass er ihre Finger von dort wegreißen wollte, um zu sehen, was sich darunter verbarg. Haltung, Grenier.

„Das klingt … mysteriös”, sagte sie.

Er schüttelte den Kopf. „Ist es nicht wirklich. Kommen Sie, sehen wir uns um. Möchten Sie sich Notizen machen? Ich versichere Ihnen, wenn der Fotograf kommt, wird hier natürlich alles in bester fotogener Ordnung sein.”

„Oh.” Sie lachte ein wenig. „Machen Sie sich keine Sorgen. Es gibt Bildbearbeitungssoftware, die kriegt den schlimmsten Hundehaufen wegretuschiert.”

Seine Brauen schossen hoch. Hatte sie das wirklich gesagt? Er spürte das Zucken in seinem Mundwinkel. „Was möchten Sie zuerst sehen, Hannah? Ich schlage vor, die Küche.“

Nach und nach betraten sie die Räume des Hauses, die im französischen Landhausstil eingerichtete Küche, in der keine moderne Annehmlichkeit fehlte, das elegante Esszimmer, das Wohnzimmer, das mehr ein Salon war, mit riesigen Fenstern, die den Pool und den Terrassengarten überblickten. In seinem Arbeitszimmer hatte er den Eindruck, als hätte Hannah am liebsten verweilt, um ihn über die paar Reagenzgläschen und die Tafeln mit gepressten Blumen und in perfekter Kalligraphie verfassten Notizen auszufragen, die er im Haus aufbewahrte. Der größte Teil seiner Arbeit fand draußen statt, im ehemaligen Gewächshaus, das sein Labor beherbergte. Er musste lächeln, als er ihren verstohlenen Blick von den Tafeln hinunter auf die Krähenfüße bemerkte, die ihre Notizen auf ihrem Block waren.

„Es ist ja nichts, das hinterher in einen Computer eingetippt wird”, erklärte er nachsichtig. „Diese Tafeln sind mein Werkzeug. Sehen Sie es nicht als Notizen, sondern als die einzige Niederschrift dessen, was es über diese Düfte zu sagen gibt. Es ist meine ganz persönliche Datenbank, und irgendwann werde ich diese Dinge an meinen Nachfolger weitergeben.”

Sie runzelte die Stirn und tippte mit dem Kugelschreiber auf ihrem Block herum. „In meinen Unterlagen steht nicht, dass … also, ich habe nirgends Hinweise gefunden, dass Sie und ihre … viel zu früh verstorbene Frau Kinder haben.”

Er mahlte mit dem Kiefer und sog die Luft tief ein. Normalerweise fuhr er Menschen, die ihn an Satine erinnerten, über den Mund. Den Leuten, mit denen er sich umgab, war dies bewusst. Allerdings wäre es ungerecht, Mademoiselle Engelmann in gleicher Weise für den Fauxpas zu begegnen, denn was wusste sie schon von ihm? „Nein”, erwiderte er schließlich und wunderte sich über seine Fähigkeit zur Diplomatie. „Aber Talent hängt an mehr als den Genen.”

„Oh.” Sie schluckte, zweifellos hatte sie die Veränderung in seiner Haltung bemerkt. Cleveres Mädchen. „Und Sie halten das nirgends in einem Computer fest?”, wechselte sie schnell wieder das Thema, wahrscheinlich hoffend, damit das Gespräch zurück in sichere Gefilde zu steuern. Er ließ sie gewähren.

„Nein. Ich tippe diese Dinge in eine E-Mail, wenn ein Kunde danach fragt. Erst dann. So lange gibt es nur diese Tafeln, und wenn die Mail verschickt ist, gibt es wieder nur die Tafeln. Sie sind haltbarer als jede Festplatte, glauben Sie mir. Die Männer meines Berufsstandes haben viele hundert Jahre auf diese Weise ihre Erkenntnisse festgehalten. Ich halte mich nicht für jemanden, dem es zusteht, den Menschen, die vor mir hier waren, die Effizienz ihrer Arbeitsweise abzuerkennen.”

Wieder schluckte sie, presste ihren Ordner mit der linken Hand gegen ihre Brust und sah sich mit einem Glitzern in den Augen in dem dunkel gehaltenen Raum mit seinen uralten Holzmöbeln um.

„Es ist faszinierend”, sagte sie.

„Es ist ein sehr altes Gewerbe und eine Arbeit, die viel Zeit und Geduld erfordert.”

Sie presste die Lippen zusammen, und ihm fiel auf, wie schön geschwungen dieser Mund war. Kaum Lippenstift, sodass er den zarten Roséton, der darunter lag, gut erkennen konnte. Alles an ihr schien zart. Fast ein wenig zerbrechlich. Ihr heller Teint, das blonde Haar mit dem leichten Rotstich, das sie zu einem einfachen Pferdeschwanz zusammengebunden trug, ihre schmalen Schultern.

„Wenn Sie … dieses Haus verkaufen, glauben Sie, dass Sie ein anderes finden werden, in dem Sie Ihrer faszinierenden Arbeit ebenso gut nachgehen können wie hier? Ich meine, es ist schon etwas ganz Besonderes.”

Scharfsinnig erkannt, dachte er und legte den Kopf schräg, als er die Frau in seinem Arbeitszimmer betrachtete. „Vielleicht können Sie mir zu gegebener Zeit helfen, etwas Adäquates zu finden.” Zugegeben, es war keine besonders clevere Entgegnung, aber etwas Besseres fiel ihm so schnell nicht ein.

Sie errötete ein wenig. „Es wird mir eine Freude sein, wieder mit Ihnen zusammenzuarbeiten, Monsieur Grenier”, erwiderte sie, und die Artigkeit in ihrer Stimme machte ihn kribbelig.

Würde sie das ebenfalls sagen, wenn sie auch nur das Geringste über ihn wusste? Über den Mann, den diese Hülle verbarg, über die Dunkelheit in ihm, die zerstörte, was er am meisten liebte?

Sie nahm ihre Unterlagen von der Brust und hob das Blatt hoch, auf dem sie Notizen gemacht hatte. „Ich glaube, im Erdgeschoss haben wir alles gesehen, nicht wahr? Fehlen noch die Schlafzimmer und die Badezimmer im Obergeschoss.”

Er kämpfte das Grinsen nieder. „Nach Ihnen, Mademoiselle Engelmann.” Es bereitete ihm Vergnügen, sie ebenso förmlich anzusprechen wie sie ihn. Mehr als das. Es bereitete ihm Vergnügen, sie in diesem Haus zu haben. Er konnte sich nicht erinnern, wann es zum letzten Mal der Fall gewesen war, dass er die Gesellschaft einer Frau, die nicht gekommen war, damit sie sich gegenseitig ihre Bedürfnisse erfüllten, genossen hatte. Natürlich brachte er Frauen mit hierher. Aber nicht, um Gespräche zu führen und sich in die Karten schauen zu lassen. Es war erfrischend. Sie gefiel ihm.

Er wies ihr den Weg zurück zum Foyer und dann die Treppe hinauf. Sie hatte hübsch geformte Beine, schmale Fesseln, und ging erstaunlich sicher auf den hochhackigen mintgrünen Pumps, die perfekt zu ihrem Kleid passten. „Das große Schlafzimmer ist auf der rechten Seite”, sagte er, als sie das obere Ende der Treppe und den mit alten Schiffsdielen belegten Korridor erreichte, und er fühlte, wie sein Puls sich ein wenig beschleunigte in Erwartung ihrer Reaktion auf das, was sie dort sehen würde.

War dies der Moment, um dessentwegen er im Schlafzimmer nichts verändert hatte in Vorbereitung auf den Maklerbesuch?

Wie angewurzelt blieb sie auf der Schwelle stehen, als sie die Tür aufgedrückt hatte.

Er trat dicht hinter sie. So dicht, dass er den Puls unter ihrem Ohr sehen konnte. „Treten Sie ruhig näher, Hannah”, murmelte er. „Die Bilder beißen nicht.”

Wie an einer Schnur gezogen betrat sie den Raum. Sie sah nicht auf die Fenster, die vom Boden bis zur Decke reichten. Die cremefarbenen Vorhänge, die sich im leisen Windzug bewegten, weil eines der Fenster offen war. Sie blickte nicht auf das altmodische Himmelbett aus Mahagoni, mit den schweren Samtschals und dem gequilteten Überwurf. Nicht auf die Wände, die weder verputzt noch gestrichen, sondern in dem Naturstein belassen waren, aus dem das Haus gemauert war. Sie sah weder den Fußboden aus alten, vielfach abgeschliffenen Eichendielen noch das Badezimmer, dessen Luxus aus dunklem Blau und poliertem Messing man selbst durch die angelehnte Tür noch erahnen konnte.

Alles, was sie sah, waren die Fotografien, die im Schlafzimmer hingen. Erotische Kunst der speziellen Art. Er hätte sie abhängen können, in Vorbereitung auf diesen Termin. Aber vielleicht war es genau diese Reaktion, die er hatte herausfordern wollen. Er hatte nichts über die Mitarbeiterin gewusst, die L&F schicken würde. Sie hätte auf jede Weise auf die inszenierte Erotik und die verruchte Sinnlichkeit auf den Bildern reagieren können und vielleicht hatte er wissen wollen, wie sie darauf reagierte, um besser einschätzen zu können, ob die Maklerin, die man ihm schickte, eine Frau war, mit der er mehr Zeit verbringen wollte.

Hannahs Reaktion war umwerfend ehrlich. Sie war sprachlos. Fasziniert. Atemlos? Gebannt beobachtete er sie, aber er unterbrach sie nicht, während sie von einem Bild zum nächsten ging, sie alle eingehend betrachtete. Sie schien vollkommen vergessen zu haben, dass sie hier war, um sein Haus anzusehen, sich Notizen zu machen für das Exposé, das sie bei ihrer Rückkehr ins Büro schreiben musste.

„Das ist … außergewöhnliche Kunst”, sagte sie schließlich, und er registrierte erstaunt, dass von ihrer Unsicherheit nichts mehr da war. Ihre Faszination war echt. „Haben Sie diese Bilder gemacht?”

Er lachte leise. Immer noch stand er in der Tür, lehnte sich jetzt gegen den Rahmen und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich bin ein schrecklich schlechter Fotograf”, gestand er.

„Und das Model? Kennen Sie sie?”

„Nein. Diese Bilder macht ein Bekannter von mir in London. Gefallen sie Ihnen?”

Sie überlegte. Hob eine Hand, als wolle sie eines der Bilder berühren, ließ es dann aber bleiben. „Wie ich sagte”, antwortete sie. „Sie sind außergewöhnlich. Ich glaube, es gibt nicht viele Menschen, die solche Aufnahmen nicht von den Wänden herunternehmen würden, bevor sie das Zimmer einem Fremden zeigen.”

Wieder eine scharfsinnige, kluge Antwort. Sie hatte recht, die meisten Menschen würden jede Art von erotischen Fotografien von den Wänden nehmen, ehe sie ihr Haus einem Makler oder gar einem potenziellen Käufer präsentierten. Diese Art? Mit hundertprozentiger Sicherheit.

„Sie würden es also vorziehen, wenn ich die Bilder abnehme, ehe der Fotograf kommt?”

„Das habe ich damit nicht sagen wollen.”

„Dann gefallen sie Ihnen?”

Jetzt hob sie doch die Hand. Sie berührte das Bild nicht. Knapp über dem entspiegelten Glas glitt ihr Zeigefinger über die Schlingen und Knoten des Seils, mit denen das Model kunstvoll verschnürt von einem Deckenbalken in einem alten Bauernhaus herunterhing. Sehr langsam, wie angezogen von Hannahs Faszination, trat Sylvain näher an sie heran. Langsam, aber so, dass sie spüren musste, wie er sich näherte. Sie sah ihn kurz an. Ihre Augen waren eine Spur dunkler, ein wenig verhangen. Wie bei einer Frau, die gerade aus einem sinnlichen Traum erwacht war. Er betrachtete sie, ihre Augen, die schönen Lippen, den schlanken, eleganten Hals, der abrupt in diesem viel zu hohen Dekolleté ihres Kleides endete. Die Formen ihrer Schlüsselbeine erahnte er nur unter dem Stoff des Kleides. Ihre Brüste zeichneten sich klein und fest unter dem mintgrünen Stoff ab.

„Mein Bekannter in London ist immer auf der Suche nach interessanten Modellen für seine Arbeiten”, lockte er, den Blick fest in ihre Augen gerichtet. Sie reagierte auf ihn, stellte er fest. Auf seine Nähe und auf das, was sie auf den Bildern sah. Aber es war nicht ihr leichtes Erschaudern, das ihn zurückzucken ließ unter einer Woge puren Verlangens. Nicht ihre sich weitenden Pupillen, nicht die bebenden Nasenflügel.

Es war der Duft, der ihn traf. Ein Duft, den er nicht benennen konnte. Der ihm in den Kopf stieg und in seine Lenden schoss. Er wusste nur eins. Er hatte sein Leben lang nach diesem Duft gesucht.

Dieser einzigartigen Note, dieser Mischung aus Gewürzen und prallreifen Früchten, keine davon konnte er benennen, er, der normalerweise immer nach wenigen Sekunden wusste, woher ein Duft seine Energie nahm. Er, der seit Jahren nicht mehr der war, den die Welt in ihm sah oder zu sehen wünschte. Der danach suchte, das Geschenk wiederzufinden, das ihm in die Wiege gelegt worden war und das Satine mit in den Tod gerissen hatte. Zum ersten Mal in all der Zeit traf ihn ein Duft mit voller Wucht und ohne, dass er danach graben musste. Es war der Duft ihrer Erregung. Ein Duft, so faszinierend, dass es ihn nur ein Mal auf der Welt geben konnte. Er haftete an dieser Frau, an ihrer klaren, hellen Haut, auf die das, was sie auf den Bildern gesehen hatte, eine wunderschöne Röte gezaubert hatte. Wenn er sein Gesicht an ihrem Hals vergrub, würde er in diesem Duft ertrinken, das ahnte er. Wie intensiv erst würde das Empfinden sein, wenn er sein Gesicht zwischen ihre Beine grub? Er spürte sein Herz rasen.

Der Duft, den es nur ein Mal geben konnte. Ein Leben lang hatte er ihn gesucht. Jetzt hatte er ihn gefunden. In dieser Frau.

Er wusste, dass er sie haben musste.

 


Kapitel 2

 

Noch nie hatte Hannah etwas Derartiges gesehen.

Es waren zehn großformatige erotische Fotografien in einfachen Rahmen. Ein auffälliger Rahmen wäre auch ein Sakrileg gewesen, würde er doch zu viel von der Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich lenken. Die Aufnahmen waren schwarz-weiß, größtenteils zumindest. Einzelne Farbakzente verstärkten die Wirkung. Wie gebannt ging sie von einem Bild zum nächsten. Sie konnte nicht anders. Jede der Aufnahmen zeigte eine Frau in unterwürfiger Pose. Fast alle waren auf die eine oder andere Art gefesselt. Mit Ledermanschetten, Seilen oder Handschellen. Nicht alle waren komplett nackt, mache trugen noch einen Hauch aus Spitzenunterwäsche, bei den anderen verhüllten Schatten oder Seile die Scham. Und obwohl diese Aufnahmen das vielleicht Ästhetischste waren, das sie jemals gesehen hatte, war ihr klar, dass die Art von Sinnlichkeit, die hier gezeigt wurde, verboten war. Dunkel. Das waren nicht Akte, wie man sie in Kunstläden oder Postershops zu sehen bekam. Schon gar nicht auf den Fluren von Krankenhäusern. Wenn auch weit entfernt von Pornografie, handelte es sich um Zeugnisse sehr spezieller Erotik, die sie auf eine Art anzogen, wie sie es noch nie erlebt hatte. Kaum spürte sie noch die Blicke von Sylvain Grenier auf sich, zu beschäftigt war sie mit den Reaktionen ihres Körpers. Mit der Wärme, die sich in ihren Adern ausbreitete, dicht unter ihrer Haut über ihren Körper rann und sich auf ihre Brüste legte, auf ihren Bauch, von dort zwischen ihre Schenkel sickerte.

Vor dem Bild einer Frau mit verbundenen Augen blieb sie erneut stehen, betrachtete die Pose des Models. Sie kniete, ihre Handgelenke waren mit einem schwarzen Band straff hinter ihrem Rücken gefesselt. Waren das Seile oder gar Klebeband? Über ihren Augen lag ein schwarzer Spitzenstoff. Beinahe nur als Silhouette konnte man am Bildrand einen Mann erkennen, mit offener Hemdbrust über einem sportlich geformten Oberkörper, fast ganz im Schatten. Er ragte über der Frau auf, hatte eine Hand in ihren Haaren vergraben und zog ihren Kopf daran in den Nacken. Fast meinte Hannah, das Stöhnen zu hören, mit dem die Frau ihre Lippen öffnete. Lippen, die rot geschminkt waren, der einzige Farbklecks in dem Bild. Der lautlose Schrei des Models in Hannahs Ohren machte aus der Glut zwischen ihren Schenkeln ein kleines Feuerwerk. Unwillkürlich stellte sie sich vor, an der Stelle des Models zu sein. Ausgeliefert, inszeniert von einem Mann, auf dessen Gnade sie angewiesen war. Der auf ihr würde spielen können wie ein Musiker auf einem Instrument. Ganz von selbst tauschte ihre Fantasie das Bild des gesichtslosen Mannes auf der Fotografie gegen Sylvain Grenier aus. Er hatte diese Aura, diese Präsenz, die sie glauben ließ, dass er in der Lage war, sie willenlos zu machen. Zu einem Werkzeug seiner Lust. Sie erschrak. Wo kam das denn her? Sie kannte den Mann doch überhaupt nicht.

Erst jetzt bemerkte sie, dass er ihr gefolgt war. Halb seitlich, halb hinter ihr stand er, so nah, dass er sie fast berührte. Nur fast. Ihr Puls beschleunigte sich. Angekurbelt von den Bildern und seiner Nähe. Einer Nähe, die zu Kopf stieg, sich auf sie legte, ihre Brüste schwer machte und ihre Mitte pochen ließ. O Gott. Sie rieb ihre Schenkel aneinander, zu verwirrt von der Art und Weise, wie sie auf ihn reagierte. Was war das? So hatte sie noch nie empfunden. Sie war eine Frau von vierundzwanzig Jahren und nicht immun gegen die Attraktivität eines gutaussehenden Mannes, auch wenn sie im Vergleich zu anderen Frauen ihres Alters hoffnungslos unerfahren war. Aber das hier war ein ganz anderes Kaliber. Das hätte selbst ihre Schwester Louisa aus dem Gleichgewicht gebracht, da war sie ganz sicher. Sylvain Grenier war nicht einfach nur ein attraktiver Mann. Seine Präsenz, seine Aura aus Schatten und Licht, aus Verlockung und Arroganz war wie Magie.

Er beugte sich zu ihr herab, und sie hörte, wie er tief einatmete. Als würde auch er um Fassung ringen, oder, und das war ein verstörender Gedanke, als würde er an ihr riechen. Der Mann, dessen Fähigkeiten, Düfte zu erkennen, zu unterscheiden und zu kategorisieren, legendär war, inhalierte sie. In diesem Zustand von Erregung, in den seine Bilder sie versetzt hatten.

„Es ist ein Spiel aus Vertrauen und Macht”, flüsterte er, nah an ihrer Schläfe, und doch kamen ihr die Worte überlaut vor. Als wären ihre Sinne bis aufs Äußerste gespannt, sensibilisiert durch den Anblick der Akte und was sie in ihr auslösten. Ein Kribbeln erblühte auf ihrer Haut, als er sie mit dem Zeigefinger am Oberarm berührte. Ganz leicht nur, kaum wahrnehmbar, und dennoch meinte sie, die Berührung am ganzen Körper zu fühlen. „Ich glaube, es würde dir gefallen, Hannah. Hab ich recht?” Langsam fuhr er mit der Fingerspitze ihren Arm entlang, von der Schulter, Millimeter für Millimeter hinab in Richtung ihres Ellenbogens. „Jetzt stellst du dir vor, du wärst sie. Es wäre dein Körper, der dort kniet. Ausgeliefert und voller Erwartung, was der Mann, in dessen Hände du dich gegeben hast, mit diesem Geschenk tun wird.”

Woher wusste er das?

Das Schlucken blieb ihr fast im Hals stecken. Irgendwo tief in ihr erinnerte eine Stimme daran, dass das nicht der typische Ablauf eines Geschäftstermins war und dass sie die Notbremse ziehen musste, wenn sie nicht gleich bei ihrem ersten Auftrag einen der größten Fehler machen wollte, die man begehen konnte. Sie erinnerte sich an Louisas neckende Warnung. „Und denk daran: Never fuck Business”, hatte ihre Schwester ihr mit hochgezogenen Augenbrauen und einem Funkeln in den Augen mit auf den Weg gegeben. Diesem Funkeln, das unmissverständlich klar machte, dass, wenn es nach ihr ging, es höchste Zeit war, dass Hannah endlich einmal über die Stränge schlug. Ganz egal ob mit Business oder einem französischen Beachboy. Obwohl Louisa vier Jahre jünger war als Hannah, war sie um ein vielfaches erfahrener und leichtlebiger als sie. Ihre Schwester war schön und jung und quirlig, und wo immer sie auftauchte, folgten Männer ihr wie Schmeißfliegen der … nein, das war gemein. Sie liebte Louisa. Sie wusste, dass es für Lou nicht leicht gewesen war, immer an zweiter Stelle zu stehen. Deshalb hatte sie sich die fehlende Aufmerksamkeit seitens der Eltern eben anderswo geholt. Aber es war ja nicht so, als hätte Hannah es sich ausgesucht, den Großteil ihrer Jugend in einem Krankenhaus zu verbringen. Sie hatte nicht darum gebeten, das Sorgenkind zu sein, und gerade jetzt wünschte sie sich so sehr, dass es anders gewesen wäre. Dass sie die Chance gehabt hätte, die Erfahrungen zu sammeln, die Louisa vorbehalten gewesen waren. Dass sie nicht so beschützt und umsorgt gelebt hätte in all den Jahren, sondern dass sie hätte Fehler machen dürfen und den Umgang mit deren Konsequenzen lernen. Dann wäre sie jetzt nicht so verunsichert von ihrer Reaktion, nicht so verwirrt und gebannt. Ein Gutes hatte die Richtung ihrer Gedanken allerdings. Sie führte sie weg von den Bildern in ihrem Kopf und dem Sehnen, das sie in ihr schufen. Das war doch Nonsens. Sie hatte bisher noch nicht einmal richtig geküsst, und nun stellte sie sich vor, wie es wäre, so etwas zu tun wie die Frauen in der Galerie in Monsieur Greniers Schlafzimmer? Das war mehr als lächerlich.

Einen zittrigen Atemzug später trat sie ein Stück aus Sylvains Reichweite und weg von den verstörenden Bildern. Sie räusperte sich. „Ich denke, wir sollten das nicht vermischen”, setzte sie zu einer Erklärung an. „Geschäftliches und …” Mitten im Satz merkte sie erst, was sie da faselte. Sie biss sich auf die Zunge, um zu verhindern, dass weiterer suggestiver Blödsinn aus ihrem Mund floss. O Gott. Zum zweiten Mal an diesem Nachmittag wünschte sie sich ein Loch im Boden herbei.

„Und …?”, fragte Sylvain. Die Erheiterung war auf seine Miene zurückgekehrt. Seine Augen funkelten. „Was sollten wir nicht vermischen, Hannah?”

Er war ihr nicht gefolgt, doch das war nicht nötig. Er hielt sie mit seinem Blick gefangen. Sie schauderte, konnte sich nicht rühren, kam sich so dämlich vor wie nie zuvor in ihrem Leben. Als ob er sich angeboten hätte. Ihre Fantasie hatte ihr einen Streich gespielt. Sie war zu vorschnellen Ergebnissen gekommen, und statt diese für sich zu behalten, hatte sie sie ausgesprochen und sich damit bis auf die Knochen blamiert. Am liebsten wäre sie weggerannt, irgendwohin, wo sie Sylvain Grenier niemals mehr sehen musste. Aber das stand nicht zur Debatte. Sie wollte diesen Job, und das hieß, sie musste ihre Fassung festhalten, bevor sie ihr ganz verloren ging und Grenier dachte, er hätte es mit einem unreifen Teenager zu tun, der beim ersten Zeichen von Unsicherheit heulend aus dem Raum flieht.

Kurz schloss sie die Augen, dann riss sie sich zusammen. „Ich denke, ich habe hier alles Wichtige gesehen. Von den anderen Räumen kenne ich ja die Spezifikationen. Wenn Sie nichts dagegen haben, Monsieur Grenier, werde ich mich jetzt verabschieden und ins Büro zurückfahren. Ich werde noch heute das Exposé vorbereiten und es Ihnen zuschicken. Sobald ich weiß, wann der Fotograf frei ist, melde ich mich bei Ihnen, damit wir einen Termin festlegen können. Wenn Ihnen das recht ist?”

Sylvain Grenier sah sie prüfend an. „So viele Worte in so kurzer Zeit, Mademoiselle Engelmann.”

Sein Mund verzog sich zu einem charmanten Lächeln, und für die Dauer eines Herzschlags dachte sie, jetzt sofort zu seinen Füßen zu einer Pfütze schmelzen zu müssen. Instinktiv wich sie einen Schritt zurück von der Gefahrenzone, die die zerstörerische Kraft seines Lächelns schuf. Doch er ließ sich nicht ablenken. Wenn überhaupt, so vertiefte sich sein Lächeln nur noch.

„Darf ich Sie wenigstens noch zu einer Tasse Kaffee auf der Terrasse einladen?”

Um Gottes willen. Ganz sicher nicht! Schnell öffnete sie die Mappe und schob das Blatt mit ihren Notizen hinein, ehe sie alles wieder gegen ihre Brust presste. Täuschte sie sich, oder lachte er sie aus? Sie schaffte es gerade noch so, sich davon abzuhalten, den Fotografien an der Wand einen letzten sehnsüchtigen Blick zuzuwerfen. Oh verdammt, ihre Träume für die kommende Nacht und mindestens eine Woche im Voraus waren hiermit vorprogrammiert. Mit einem flüchtigen Händedruck musste der Höflichkeit Genüge getan sein.

„Ich danke Ihnen für Ihre Zeit, Monsieur”, sagte sie, ohne ihn direkt anzusehen.

„Ich bin es, der zu danken hat, Hannah”, erwiderte er, in seiner Stimme nichts als Freundlichkeit. „Lassen Sie mich vorausgehen.”

„Bitte, machen Sie sich keine Umstände. Ich finde den Weg. Einen schönen Abend wünsche ich Ihnen.” Es war zumindest eine kleine Geste von Fortuna, dass sie sie auf der Treppe nach unten nicht stolpern ließ.

 

*

 

Es hatte doch sein Gutes, dass er sich seinen Makler anhand von dessen Adresse ausgesucht hatte.

Sylvain rückte die Sonnenbrille zurecht und lehnte sich gegen einen der kniehohen Betonpfeiler, die verhindern sollten, dass irgendwelche Idioten ihre Sportwagen am Rand der schmalen Straßen von Cannes parkten, sodass niemand mehr durchkam. Sein Bugatti stand in der Tiefgarage des Carlton Hotels. Es zahlte sich aus, Beziehungen zu haben, die Türen öffneten. Nicht, dass er geplant hätte, Mademoiselle Engelmann ins Carlton einzuladen. Es gab Besseres. Viel Besseres.

Er nahm das Handy aus seiner Hosentasche und sah auf die Uhr. Seit etwa zehn Minuten waren die Türen des Maklerbüros geschlossen. Stolz und störrisch nistete die Glasfront mit der gestreiften Markise zwischen den großen Modetempeln und Parfümerien, deren Designer er zu seinen Kunden zählte. Es war die unwahrscheinlichste Adresse, die ein Maklerbüro haben konnte, aber genau das hatte ihn dazu bewogen, diesen Mann, Charles Fontaine, anzurufen und ihm die Vertretung anzubieten. Ein bisschen verrückt und sehr gewagt. Sylvain kannte sich gut genug aus, um zu wissen, was Fontaine und sein Partner, ein großer Unbekannter namens Leblanc, Monat für Monat an Miete für das Büro zahlen mussten. Dennoch hielt sich L&F seit fast einem Jahrzehnt. Vielleicht, weil sie unerfahrene Studienabsolventinnen beschäftigten, die weniger kosteten als die fast schon berühmten Vermittler der anderen Agenturen?

Selbst wenn. Für Sylvain mochte es sich als Glücksgriff erweisen. Mademoiselle Engelmann hatte Eindruck gemacht. Unerwarteten Eindruck. Er bekam ihren Duft nicht aus dem Kopf. Der Wunsch, sie zu besitzen, und sei es für eine einzige Nacht, wuchs von Stunde zu Stunde und war auf dem besten Wege, zu einer Obsession zu werden. Ein Mal diese Frau haben. Dann würde er sie ziehen lassen, denn das Letzte, was er sich oder der Welt antun wollte, war eine feste Beziehung. Er würde sie sich nehmen und sie hinterher ebenso schnell wieder loswerden, wie er es bei allen Frauen tat.

Viertel nach fünf am Nachmittag. Er schob das Handy zurück in die Hosentasche. Hell karierte Bermudas, das weiße Leinenhemd trug er bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt und mit drei offenen Knöpfen am Kragen. Die Haare fielen ihm gegelt in die Stirn. Wenn er in das spiegelnde Schaufenster der Boutique schaute, neben der er stand und wartete, hatte er den Eindruck, dass ein Tourist dort stand. Perfekt.

Nicht einmal André Guillaume, Inhaber der gleichnamigen Parfümerie, die schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite lag, erkannte ihn, als er mit Aktenköfferchen in der Hand seinem Feierabend entgegeneilte. Und das, obgleich sie schon oft und reichlich miteinander gearbeitet und gefeiert hatten. Was so ein bisschen Freizeitkleidung und eine Sonnenbrille doch aus einem Mann machen konnten. Sylvain grinste, straffte sich aber im nächsten Moment, als die Seitentür zum Maklerbüro aufging. Zwei junge Frauen traten heraus, ins Gespräch vertieft.

Hannah Engelmann trug ein elegantes, dunkelblaues Kostüm aus Bleistiftrock und geschlossener Jacke. Hochhackige Pumps mit Pfennigabsätzen. Das Haar zu einem hohen Pferdeschwanz gebunden. Sylvain spürte, wie seine Nerven in Habachtstellung gingen. Ihr Anblick weckte die Erinnerung an den Duft, der ihn am vergangenen Nachmittag gestreift hatte. Sowie an den übereilten Abschied. Quatsch, das war kein Abschied gewesen. Sondern eine Flucht. Weil er zu schnell vorgeprescht war. Weil er einen geschäftlichen Termin vollkommen ruiniert hatte. Die Reaktionen seines Körpers auf diese Frau hatten ihn gänzlich unvorbereitet getroffen. Zurückrudern? Auf jeden Fall. Aber nur, um noch einmal anzufangen und es langsamer angehen zu lassen. Mit ein bisschen Fingerspitzengefühl und einer guten Portion Charme. Es war eine gute Sache, seine Waffen zu kennen und zu wissen, wie man sie benutzte. Die Finger von ihr lassen war jedenfalls keine Option. Nicht mit der Erinnerung an den Duft ihrer Erregung. Sylvain Grenier war ein Meister der Verführung, und so unerfahren, wie Hannah Engelmann war, hatte sie nicht den Hauch einer Chance, wenn er aufs Ganze ging.