Joshuas Joy

Kapitel 1

 

Gemessen an der Finsternis in den hinteren Bereichen des Blue Lagoon Clubs in Sydney, war es im Hinterzimmer im dritten Stock geradezu grell gewesen.

 

Joshua kniff die Augen hinter der dunklen Sonnenbrille zusammen. Sie abzunehmen war keine Option, er hatte keine Lust, erkannt zu werden. Er zog sich die Strickmütze tiefer in die Stirn und ging, halb tastend, um nicht auf irgendeine Drogenleiche zu treten, Richtung Treppe. Musik wummerte aus dem Tanzbereich herauf. Unsichtbar in dunklen Ecken knutschten und fingerten Pärchen, hin und wieder klang ein Lachen oder ein Stöhnen auf. Es stank nach menschlichen Ausdünstungen, Sex und Gras, alles auf widerlichste Weise maskiert hinter klebrig süßen Parfüms.

 

Auf dem Treppenabsatz im zweiten Stock blieb er stehen, lehnte sich an die Wand und zog seine Zigarettenschachtel aus der Jeans. Ein paar Joints auf Vorrat waren nie eine schlechte Idee. Knisternd fing das Kraut Feuer. Er hasste es, hierher zu kommen, aber es war der einzige Ort, an dem er davon ausgehen konnte, dass ihn niemand kannte. Die Leute in diesem abgehalfterten Punkschuppen gingen auf keine Rockkonzerte. Die setzten alles, was sie hatten, in Koks und H um.

 

Im Tanzbereich blickte er um sich. Das Licht war etwas besser hier, lila und blau zuckte es an Wänden entlang und über bleiche, ausgemergelte Gesichter. Ein paar einsame Gestalten tanzten, nicht mal zu Pärchen fanden sie sich zusammen. Keiner schenkte ihm Beachtung.

 

Er trottete an die Bar. Die Nacht war so gut wie gelaufen, er konnte sich genauso gut noch ein Bier gönnen, ehe er sich auf den Heimweg machte. Den Heimweg in seine Bruchbude in Bondi, wo niemand auf ihn wartete, nicht mal ein Hund oder ein räudiger Kater. Der Barkeeper war genauso ein wandelndes Leichentuch wie die Kundschaft. Fuck. Wie lange noch, und er würde genauso aussehen wie die alle? Halb war er ja schon da. Einzig den Jungs verdankte er, dass ihn immer noch ein schmaler Grat vom Abgrund trennte. Blieb nur die Frage, was der Scheiß überhaupt sollte? Kein Arsch würde ihn vermissen. Zumindest nicht wirklich. Er schiss auf die Welt, und die Welt schiss auf ihn.

 

Es gab nur einen Grund, warum er sich nicht schon längst endgültig ins Aus geschossen hatte. Weil Cooper nörgelte und Ryan dachte, sich seit neustem zum Weltverbesserer zu eignen und anderen ins Gewissen zu reden. Ausgerechnet Ryan. Der war zehn Jahre lang auf der scharfen Seite der Klinge des Sensenmanns herumgetanzt, und jetzt auf einmal wollte er den Moralapostel spielen? Fick dich, McKnight. Fick dich, Welt. Er setzte die Bierflasche an die Lippen und ließ das eiskalte Getränk in die Kehle rieseln, setzte ab, zog am Joint, schloss die Augen und genoss, wie sich beides zu einem Cocktail in seinem Blut vermischte.

 

Wenn er den Kopf klar hielt, sah er Dinge, die kein Mann sehen wollte. Warum also sollte er es auch nur versuchen? In seiner Hosentasche spürte er die Tüten, die er Evans im Hinterzimmer abgekauft hatte. Evans mit den Wucherpreisen, aber scheiß drauf, Josh hatte ja genug. Für Evans war er vermutlich der beste Kunde überhaupt. Die Leichentücher auf der Tanzfläche kauften das Zeug ganz sicher nur in Fingerspitzendosis, weil es zu mehr nicht reichte.

 

War er vielleicht sogar schon viel weiter den Abhang runter als die? Als die Kleine mit den zerzausten blonden Haaren zum Beispiel, deren Augen grün im Licht flackerten, während sie einem Kerl ihre Titten in die Hände schob. Oder der Wichser, der auf der Tanzfläche den Jesus gab. Oder der DJ hinter seinem Pult, dem die Asche von der Spitze des Joints auf die Platten rieselte, die er auflegte. War er dem Abgrund näher als sie, weil er das Zeug nicht in Milligramm abmessen lassen musste?

 

Er verlangte ein zweites Bier.

 

Fuck, in seinen Adern rauschte und trommelte das Blut. Er wollte ficken. Aber keine wartete auf ihn. Nirgendwo. Schon lange nicht mehr. Seit er die Schnauze voll hatte von den Groupies, die nach zweimal knutschen und ein bisschen Gefummel das Gefühl hatten, sie müssten diejenigen sein, die ihn vor dem Abgrund bewahrten. Scheiße, was sollte der Schwachsinn? Er wollte den Abgrund. Er liebte den Abgrund. Und das Letzte, was er brauchte, war ein blondes Engelchen, das ihm das Leben rettete.

 

Das zweite Bier ging leichter runter als das erste. Wieder sah er sich um. Die Menschen schienen sich in Zeitlupe zu bewegen. Wie in dickflüssiger Melasse. Er wollte ficken. Musste. Damit das Gras überhaupt eine Chance hatte, den Druck rauszunehmen. Er nahm sein Handy. Ein paar Nummern hatte er eingespeichert. Aber verfickt nochmal, er wollte keine Professionelle. Er wollte etwas Süßes.

 

Er zahlte und bahnte sich seinen Weg durch taumelnde, ächzende Leiber zum Ausgang. Die frische Luft traf ihn wie ein Peitschenschlag. Er atmete tief durch, ging ein paar Schritte, sackte gegen die Wand und zog eine der Tüten aus der Tasche. Er lauschte, aber hierher verirrte sich nachts nur dann ein Streifenwagen, wenn jemand die Bullen rief, doch um diese Zeit schnarchten die Rechtschaffenden. Die Szene von Sydney. Gehörte zur Großstadt dazu. Fick dich, Welt. Er leckte seinen Finger an, steckte ihn in das Tütchen, nahm ein wenig von dem weißen Pulver auf und rieb es sich in den Gaumen. Der Rausch folgte sofort. Besser als das Gras. Tiefer, gleichzeitig höher. Farben. Blut, das so deutlich spürbar durch die Adern schoss, dass er meinte, es unter der Haut pulsieren zu sehen.

 

„Hey“, sagte sie.

 

Er hatte sie nicht gesehen. Auf einmal war sie da. Ellenlange Beine unter einem Jeansrock, der knapp unter ihrem Arsch endete. Hochgesteckte blonde Fransen. Eine unangezündete Zigarette im Mund. Sein Fick für diese Nacht, wer sagt es denn?

 

„Hast du Feuer für mich?“, fragte sie und klimperte mit falschen Wimpern.

 

Er gab ihr Feuer. Das, was sie da rauchte, war auch nicht ganz ohne.

 

„Warst du bei Evans?“ Sie nickte an der Fassade hoch in Richtung des dritten Stocks, wo der Dealer seine Geschäfte abwickelte. „Hast du was für mich?“

 

Er sah sie an. Sie konnte ihm nicht durch die dunklen Gläser seiner Sonnenbrille in die Augen sehen, aber sie besaß die Dreistigkeit, ihm die Brille von der Nase herunterzuziehen. „Ich kenn dich doch.“ Sie lächelte. Ihr Mund hatte etwa die Breite von dem von Julia Roberts. Wie weit würde er seinen Schwanz da reinbringen? Er inhalierte den Rauch ihrer Zigarette, die mehr als eine Zigarette war.

 

„Hol dir doch selber was“, erwiderte er. Er ging das Risiko ein. Er wollte wissen, wie sie tickte.

 

„Du bist der Drummer, nicht wahr? Purple Raven? Joe?“

 

„Ja“, sagte er. „Joe. Wie viel nimmst du?“

 

Sie sah ihn an, als würde sie nicht wissen, was er meinte, aber er erkannte, dass sie es sehr gut wusste. Dann spielte sie die Empörte, beinahe überzeugend. „Hältst du mich für eine Nutte, du Wichser?“

 

„Wenn du so ein Mundwerk vorlegst, kriegst du von mir gar nichts“, erwiderte er. Er wollte etwas Süßes. Etwas Nettes, Unschuldiges. Das war sie nicht, aber wenn er sie lockte, würde sie vielleicht mitspielen. Und er bräuchte hinterher kein schlechtes Gewissen zu haben, weil sie ja gar nicht so süß war, wie sie sich gegeben hatte.

 

„Nur ne Tüte. Bitte?“ Sie lächelte ihn wieder an, und beinahe konnte man ihr die süße Unschuld sogar glauben. „Wenn du zu denen von Raven gehörst, dann tut dir das doch nicht mal weh.“

 

Da hatte sie verdammt nochmal recht. Er war der King. Er konnte sich die Welt kaufen, wenn er wollte.

 

Sie musste total verzweifelt sein, halb wahnsinnig vor Gier nach einem Hit, denn sie stieg ohne weiteres Murren mit ihm ins Taxi, um mit ihm nach Hause zu fahren. Auf dem Rücksitz des Taxis legte er nach, verrieb weiteres Koks auf seinem Gaumen und ließ sich von der gierigen Nicht-Nutte den Mund auslecken. Ihre Finger tasteten über seine Hose, sie stieß leise zirpende Laute aus.

 

Er nahm sie mit in sein Reich, als die Sonne schon fast am Aufgehen war. Gab ihr ein Bier, trank selbst zwei. Richtete eine Line auf seinem steifen Schwanz und ließ sie das Zeug inhalieren, hielt ihren Kopf fest und fickte ihren Mund. In seinen Ohren rauschte Blut. In der ganzen Wohnung stank es nach Motoröl und Koks. Er zog eine Line von ihren Titten, sie kicherte dabei. Sie teilten einen Joint. Fickten. Wahrscheinlich war sie gar nicht mal so schlecht, aber er fühlte kaum etwas. Sein Puls raste. Flach und schnell. Sie gab ihm den besten Blowjob seines Lebens, aber er konnte es nicht mal genießen. Sie drehte ihm den Hintern zu, wackelte aufreizend, die Aussicht verschwamm vor seinem Blick. Als er ihre Hinterbacken teilte und ihren Arsch nahm, erinnerte er sich schwach daran, wie er ihr beim Betreten des Hauses gesagt hatte, dass er ihr eine Tüte Koks mit nach Hause geben würde, wenn sie sich von ihm in den Arsch ficken ließ. Wie lange war das her? Ein Jahr? Zehn? Er starrte auf sie hinunter, ihr blondes Haar verwandelte sich in eine tiefbraune Mähne. Irgendwas quetschte seine Brust zusammen. Er krallte die Finger in ihre Hüfte, sein linker Arm stand in Flammen.

 

Er hörte sich brüllen, hörte sie schreien. Fühlte, wie er aus ihr herausglitt, sein stolzer Schwanz nur noch ein Würstchen, zu lang gekocht und dann in der Sonne vergessen. Er brüllte, brannte, brannte. Alles brannte. Nicht mehr nur sein Arm, sein ganzer Körper. Er griff sich an die Brust, wusste nicht wieso. Er kam auf die Füße, sah, wie sie sich herumrollte, wie sie schreiend von ihm wegrollte. Die Augen in ihrem fahlen Gesicht verschwammen vor seinem Blick. Er taumelte zurück. Krachte in die Musikanlange. Riss eine Stehlampe mit, als er zur Seite kippte. Er bekam keine Luft. Die ganze Welt drückte auf seine Lungen.

 

Unter seiner Hand auf seiner Brust war nichts mehr. Spürte er nichts mehr. Da war nichts. Nichts.

 

Nur ein unsäglicher Schmerz. Druck. Schwere.

 

Und Augen. Die waren grau und blau und leuchteten im Dunkeln, wenn er ihr aus dem Gedächtnis selbsterfundene Geschichten mit Spiderman erzählte, bis sie einschlief.

 

Und Schmerz.

 

Und nichts.

 

Irgendwann, irgendwo, Lichtjahre entfernt, klappte eine Tür. Dann wurde das Nichts zu atemloser Stille. Einsamkeit.

 

Niemand wartete auf ihn. Niemand würde ihn vermissen.

 

 

 

*

 

 

 

Sechs Augenpaare sahen Joy mit grenzenlosem Unglauben im Blick entgegen. Sie biss sich in die Wange, um ein Grinsen zu unterdrücken. Ja, Erwachsenenbildung war nichts für Feiglinge. Das galt für die Lehrkraft nicht weniger als für die Schüler.

 

„Das ist nicht Ihr Ernst“, maulte Jennifer, die Jüngste im Kurs. Sie war mit ihren dreiundzwanzig Jahren genauso alt wie Joy, gab sich aber manchmal wie eine Fünfzehnjährige in den Fängen der Pubertät. „Ich dachte, wir sollen Schreiben lernen, nicht Singen.“

 

Joy könnte ihr etwas von modernen Lerntechniken erzählen, und dass es leichter sei, sich die Aufpassstellen in bestimmten Wörtern zu merken, wenn man nicht versuchte, sie sich einfach einzuprägen, sondern mehrere Sinne ansprach. Je lächerlicher man sich dabei machte, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass das Wissen ins Langzeitgedächtnis überging. Aber das war nicht, was Jennifer hören wollte. Deshalb sagte Joy einfach: „Okay, ich fang an.“

 

Und das tat sie. Sie sang die erste Strophe des Buchstabierliedes so falsch, dass nach ihrem letzten Ton Buck, ein dreiundvierzigjähriger Mechaniker, freiwillig übernahm. Fünf Minuten später war die Scham vergangen, und sie alle lachten zusammen. Joy war sicher, dass jeder ihrer sechs Schüler aus dem Abendkurs künftig wusste, dass man Söhne mit einem stillen H, Konvoi mit oi, aber Eule mit Eu schrieb, obwohl sich die Laute ähnlich anhörten. Sie gab Iris ein High-Five, als diese das Klassenzimmer im Community-Center verließ.

 

„Danke, Miss Bruce, das war lustig.“ Die junge Mexikanerin verweilte vor Joys Pult, als könnte sie sich nicht trennen. Iris war erst seit wenigen Wochen in Amerika, aber sie hatte unglaubliche Fortschritte gemacht. Ganz am Anfang war sie schrecklich unsicher gewesen, aber mit jedem Wort, das sie lernte, wuchs ihr Selbstbewusstsein. Joy war sicher, dass Iris es schaffen würde.

 

„Gibt es etwas, das du mir sagen möchtest?“ Unauffällig warf Joy einen Blick auf ihre Armbanduhr. Sie war mit Hannah und Sam verabredet und ohnehin schon spät dran. Aber ihre Freundinnen würden ihr das Zuspätkommen nicht übelnehmen. Sie kannten es nicht anders von Joy, die es nicht selten wichtiger fand, etwas gegen die erschreckend hohe Anzahl von erwachsenen Menschen zu tun, die nicht lesen und schreiben konnten, als gegen die Austrocknung ihrer eigenen Kehle.

 

Leichte Röte stieg in Iris' Wangen. „Ich habe eine Job.“

 

„Wie heißt das richtig?“ Noch einen Augenblick verstaute Joy die Freude für ihre Schülerin. „Denk noch einmal nach.“

 

Iris legte die Stirn in Falten, überlegte kurz, dann strahlte sie. „Ich habe einen Job“, sagte sie und legte eine starke Betonung auf das vorletzte Wort. Das hier war die Klasse zum Schreibenlernen, aber Iris und Joy hatten einander schon im Englischkurs kennengelernt.

 

Joy applaudierte und kam um das Pult herum, um Iris zu umarmen. „Das ist ja wunderbar! Wo?“

 

„In eine …“ Diesmal bemerkte Iris ihren Fehler alleine, konzentrierte sich und zwang das richtige Wort heraus. „In einem Café. Ich kann abspülen.“

 

„Ich freu mich so für dich! Das ist großartig. Ich hoffe, du kannst trotzdem noch in den Unterricht kommen?“

 

Eifrig nickte Iris. „Auf jeden Fall. Ich habe die Chef gesagt, dass ich diesen Kurs mache und er war sehr … gut. Er sagt, 'mache immer weiter'.“

 

Joy löste sich von Iris und raffte ihre Unterlagen zusammen, um sie in ihre Aktenmappe zu stecken. Kaum möglich, dass Iris sich viel mehr über den Erfolg freute als sie selbst. Jeden Sieg ihrer Schülerinnen feierte sie als ihren. Was sie geschafft hatte, konnten andere auch, und dass sie ihnen dabei helfen durfte, empfand die jedes Mal wieder als Privileg.

 

„Ich habe ihnen etwas gebracht. Als Danken.“ Iris griff in ihre eigene Handtasche und holte ein kleines Päckchen hervor. Es war in knallbuntem Geschenkpapier eingewickelt, mit einer krisseligen Schleife oben drauf. „Für Sie.“

 

„Iris!“ Joys Schelte war gutwillig. Sie wollte nicht, dass ihre Schüler Geld für sie ausgaben. Sie hatten genug Probleme, auch wenn sie ihr knappes Budget nicht dadurch kürzten, ihr unnütze Geschenke zu machen. Aber sie wusste auch, dass sie Iris nur kränken würde, wenn sie das Geschenk abwies. Also nahm sie es an.

 

„Machen Sie auf. Machen Sie auf.“

 

„Okay.“ Vorsichtig öffnete sie das Geschenkpapier. Zum Vorschein kam ein hauchdünnes Silberkettchen mit einer unpassend großen, knallbunt bemalten Madonnenfigur als Anhänger. Das Schmuckstück wirkte billig und aufdringlich und war absolut nicht ihr Geschmack, aber sie wusste, dass es ein Glücksbringer war. „Oh, danke Iris! Ich werde ihn immer tragen. Hilfst du mir?“ Sie hatte Angst, den zarten Verschluss zu zerbrechen, als sie die winzige Öse öffnete. Iris griff nach ihren Haaren und hob sie ihr im Nacken an, damit Joy das Kettchen besser anlegen konnte.

 

„Es ist für Glück“, erklärte ihre Schülerin vorsichtig. „Gefällt Ihnen?“

 

„Es ist wunderbar.“ Das war keine Lüge, absolut nicht. Nicht, weil sie plötzlich eine Vorliebe für mexikanischen Kitsch hatte, aber die Geste hinter dem Geschenk war kostbarer als jedes einzelne Schmuckstück bei Tiffany’s. Sie hatte es geschafft. Wieder ein Leben in die richtige Richtung gelenkt. Wieder die Welt ein bisschen besser gemacht. Das war der Grund, warum sie Lehrerin hatte werden wollen. Warum sie nicht an irgendeiner schicken Schule in einem der besseren Wohnviertel unterrichtete, sondern hier, in diesem Community College im denkbar schlechtesten Viertel der Stadt. Sie wollte etwas bewegen. Etwas zurückgeben. Sam und Hannah witzelten oft genug, dass sie einen Helferkomplex hatte, aber das war ihr egal. Es gab schlimmere Ticks, und sie wollte gar nicht daran denken, an welchem Baum ihr eigenes Leben zerschellt wäre, wenn ihren Weg nicht Menschen gekreuzt hätten, die ihr hatten helfen wollen. Jetzt ging es ihr gut, und umso mehr lag es ihr am Herzen, etwas von der Güte, die sie empfangen hatte, zurückzugeben. Karma nannte man das. Oder Gerechtigkeit, wie auch immer.

 

Iris strahlte. Gemeinsam verließen sie das College. Iris erzählte ihr von den Sorgen um ihren kleineren Bruder, der zwar auch Anschluss gefunden hatte, von dem sie aber befürchtete, dass es der falsche Anschluss sein konnte.

 

„Bring ihn doch einmal mit“, riet Joy. Sie hatten ihr Auto erreicht. Wenn sie das mit dem Speedlimit nicht ganz so ernst nahm, würde sie es vielleicht doch noch halbwegs pünktlich ins Tiki-To kommen, wo Hannah und Sam höchstwahrscheinlich schon über ihrem dritten Mojito saßen.

 

„Vielleicht …“ Unglücklich hob Iris die Schultern. Die Geste sagte Joy, dass Iris ihren Bruder niemals mitbringen würde. Wenige Wochen in Amerika und es war bereits zu spät. Die Gangs waren einfach zu schnell. Nun ja, sie konnte nicht jeden Menschen retten. Aber versuchen konnte sie es zumindest. Wenn man sie ließ.

 

„Ich würde mich freuen. Schlag es ihm einfach einmal vor.“

 

„Ich kann versuchen.“

 

„Bis Donnerstag, Iris.“ Aufmunternd drückte sie ihr die Schulter. So war das mit den Siegen. Die Euphorie darüber hielt nie lange an.

 

„Bis Donnerstag, Miss Bruce. Passen Sie auf sich auf.“

 

Zwinkernd legte Joy eine Hand auf den Madonnenanhänger und stieg in ihr Auto. Jetzt hieß es Gas geben. Hannah und Sam warteten. Ein bisschen Mascara auf den Wimpern wäre schön gewesen, wenn sie sich schon mit ihren Mädels ins Nachtleben warf, aber was nicht ging, ging nicht. Wichtiger war jetzt, dass sie es überhaupt einmal ins Tiki-To schaffte.

 

 

 

*

 

 

 

Daniel starrte neben sich, wo gähnende Leere herrschte. Hatte er nicht ein Babe neben sich liegen gehabt, als er eingeschlafen war? Die Delle im zweiten Kopfkissen sprach jedenfalls dafür. Der Geruch im Raum auch.

 

Fuck. Er setzte sich auf und rubbelte sich mit beiden Händen durch die Haare. Na großartig. Wie auch immer sie hieß, sie hatte darauf geachtet, keine Spuren zu hinterlassen. Kein Zettel, nichts. Nur der Geruch nach Sex und die drei gebrauchten Gummis neben dem Bett erinnerten an die letzte Nacht.

 

Verlor er sein Händchen für Frauen?

 

Drei? Gar nicht übel.

 

Fick dich, Daniel, es sind Groupies. Vermutlich hatte Missy an Josh gedacht und war bei Daniel gelandet, und was Josh den Mädels geben konnte, suchten sie bei Dan vergebens. Er konnte drei pro Nacht ficken, vier, wenn er gut in Form war, aber er griff dabei nicht auf verbotene Substanzen zurück. Scheinbar hatte Missy ihm den Rücken gekehrt, als sie nichts dergleichen bei ihm gefunden hatte.

 

Wer nicht will, der hat schon.

 

Er kroch aus dem Bett und setzte die Füße auf den kalten Parkettboden. Auf dem Weg in die Küche klirrten Bierflaschen. Er war ganz schön besoffen gewesen vergangene Nacht. Noch bevor er die Dose mit dem Kaffeepulver öffnete, warf er sich zwei Tylenol in den Hals und schluckte sie trocken runter.

 

Die verdammte Kaffeedose war leer. Die Milch in der Kühlschranktür war abgelaufen, das roch man drei Meilen gegen den Wind. Widerlich. Er suchte nach seinem Handy, fand es schließlich in der Tasche seiner Jeans. Keine drei Blocks entfernt gab es eines der niedlichsten und verschwiegensten Cafés von Bondi, in dem hervorragender Kaffee und lecker gefüllte Pfannkuchen serviert wurden. Er hatte Hunger, aber keine Lust, alleine hinzugehen.

 

Ryan war in Mittagong bei Grace und Ethan. Cooper lag an irgendeinem namenlosen Strand in Thailand, vermutlich mit irgendeinem ebenso namenlosen Mädchen, und ließ sich in der Zeit, die sie sich als Urlaub auferlegt hatten, die Sonne auf den Bauch scheinen.

 

Blieb Josh. Der nur einen halben Block von dem Café entfernt wohnte.

 

Und nicht ans Telefon ging.

 

Fuck.

 

Er sah zur Uhr. Das Café servierte die Pancakes nur bis mittags, ehe sie auf Tageskarte umstiegen. Blieben anderthalb Stunden. Und Cooper hatte Daniel das Versprechen abgenommen, dafür zu sorgen, dass Josh mindestens jeden zweiten Tag was Vernünftiges in den Magen bekam. Sie redeten ihrem Drummer nicht in seine Abhängigkeit rein, aber das Mindeste, was sie taten, war, seinen ruinierten Essgewohnheiten auf die Sprünge zu helfen.

 

Ein Grund mehr. Er zog sich die Jeans an, ein Springsteen-T-Shirt, Laufschuhe, Sonnenbrille. Sechs Minuten später schlüpfte er durch das Gitter, das Joshs Haus zur Straße hin absperrte. Das ehemalige Garagentor, das jetzt als Eingangstür diente, war im Gegensatz zum Gitter abgeschlossen.

 

Er klopfte. Josh öffnete nicht. Doch sein Motorrad hatte Dan unter dem Vordach aufgebockt gesehen. Wenn es sich nicht vermeiden ließ, ging Joshua Freebairn nirgendwo zu Fuß hin.

 

Schon mal gleich gar nicht vor elf Uhr am Morgen.

 

Er klopfte weiter. Ein Geruch streifte ihn, den er kannte. Vielleicht, weil er das hier erwartete. Crack, vermischt mit Gras und Bier. Daniel war kein Kostverächter, aber nachdem er einmal mit Josh zusammen Crack geraucht und einen saumäßigen Zusammenbruch hinter sich hatte, hatte er die Finger schnellstens von dem Zeug gelassen. Den Geruch aber würde er immer wiedererkennen.

 

Er war keiner, der Türen aufbrach. Er war nicht mal einer, der den Nachschlüssel, den Josh jedem seiner Mates in die Hand gedrückt hatte, als er die zu einem Bungalow umgebaute Tankstelle bezog, übereilt benutzen würde. Aber hier stank etwas. Nach mehr als nach Crack.

 

Er schob den Schlüssel in die Tür und drehte ihn um, ständig weiter klopfend, denn der Gedanke, Josh dabei zu erwischen, wie der gerade ein Mädel von hinten rannahm, war nicht der angenehmste.

 

Er kannte den Bungalow so gut wie sein eigenes Apartment. Er kannte den Geruch, eine Mischung aus Motorenöl und Koks, weil er Josh seit vielen Jahren kannte. Und nein, es überraschte ihn kein bisschen, dass auf dem Fußboden ein schwarzes Spitzenhöschen und ein BH lagen, liegengelassen von einem Groupie, das eiligst das Weite gesucht hatte. Doch dann sah er ihn.

 

Keine zehn Sekunden später brüllte er die Telefonistin an, die seinen Notruf entgegennahm. „Scheiße, Mann, er ist eiskalt! Schicken Sie sofort einen Krankenwagen! 21 Notts Avenue, South Bondi!“ Das Telefon glitt ihm aus der Hand. Scheißegal. Er rollte seinen Kumpel auf den Rücken, pulte Kotze aus dessen Kehle heraus und musste würgen, aber nicht, weil ihm schlecht war. Oder vielleicht doch, schlecht vor Angst. Er würgte an Tränen, an Schluchzern.

 

„Du Wichser, du verfluchter Scheißkerl, du verreckst mir hier nicht, hörst du? Du Scheißkerl …“ Er sammelte die beiden Tüten mit winzigen Mengen weißen Pulvers ein, die in Reichweite von Joshs schlaffen Händen lagen, und versteckte sie in den Sofakissen, dann schalt er sich einen Idioten, denn das Mindeste, was die Sanitäter wissen mussten, wenn sie zur Ersten Hilfe ansetzten, war, dass sie es mit einem Kokain-Wrack zu tun hatten. Er tastete nach einem Puls und fand nichts. Nur Eiseskälte. Er brach sich fast die Finger dabei, als er eine Boxershorts über Joshs Beine nach oben zog, um ihm wenigstens ein bisschen Anstand mitzugeben, dann wickelte er seinen Kumpel in eine Decke, begann mit der Herzmassage. Er erntete kein bisschen Reaktion. Würgte an noch mehr Tränen. Tastete nach dem Handy, rief noch einmal den Notruf an und brüllte, noch ehe sich jemand meldete, wo der Krankenwagen blieb. Es war eine andere Stimme jetzt, ein Sachbearbeiter, der ihn nach einigen Atemzügen darüber aufklärte, dass die Ambulanz Richtung 21 Notts Avenue unterwegs war und dass er Ruhe bewahren sollte.

 

„Fick dich!“, schrie Daniel ins Telefon und warf das Handy von sich. Fickt euch doch alle. Er hörte das Jaulen der nahenden Ambulanz und hielt seinen Freund fest.

 

Elektroschocks, Infusion, hektische Betriebsamkeit spülten über ihn hinweg wie in einem ätzenden Traum. Jemand fragte ihn Dinge, auf die er nicht lügen konnte, weil ihm keine Lügen eingefallen wären, selbst wenn er gewollt hätte. Sie nahmen Josh mit. Niemand bot ihm an, im Krankenwagen mitzufahren. Was zurückblieb, waren die Tütchen in den Sofakissen und der Geruch nach Crack, der in der ganzen Bude hing.

 

„Was regst du dich denn so auf?“, fragte Ryan, als Daniel ihn von der Straße aus anrief, weil er es im Haus nicht aushielt. „Ist doch nicht sein erster Absturz. War eine Frau bei ihm?“

 

Daniel zog die Nase hoch. Seine Augen brannten, aber das war sicher nur der frische Wind, der vom Strand heraufwehte. „Ich bin sicher, er hatte eine da, aber die war schon weg, als ich ihn gefunden habe. Ryan, ehrlich, die haben versucht, ihn mit diesen Bügeleisen zurückzuholen, aber da hat nichts mehr gepiept. Ich kann da nicht allein hin, du musst herkommen. Ich kann das nicht.“

 

Er konnte es wirklich nicht. Die Vorstellung, ins Krankenhaus zu kommen und nur noch eine leere Hülle identifizieren zu müssen, schnürte ihm die Kehle zusammen.

 

Etwas mehr als eine Stunde später trafen er und Ryan fast gleichzeitig in der Klinik ein. Als Ryans Blick auf Daniel fiel, schüttelte er sofort die Ist ja nicht das erste Mal-Haltung ab. „Scheiße, wie siehst du denn aus?“

 

Dan konnte nicht antworten. Er erkannte aufwallende Panik, wenn er sie sah, und Ryan schoss innerhalb von Millisekunden von einem Extrem ins nächste. Eben noch die Ruhe in Person, jetzt ein Nervenbündel. Der Gitarrist schnappte sich die erstbeste Rezeptionistin. „Joshua Freebairn. Wo finden wir ihn?“

 

Die Abgeklärtheit, mit der die Rezeptionistin den Namen in ihren Computer eingab, machte krank. „Nicht hinterlegt“, zwitscherte sie. „Sind Sie Familie?“

 

„Hören Sie, wir hier sind das Einzige, was der Kerl hat, das einer Familie nahekommt.“

 

Sie betrachtete ihn von oben bis unten, und Daniel fiel auf, wie unseriös einer wie Ryan in einer solchen Situation wirkte, mit seinem flach nach hinten gekämmten hellbraunen Iro und den tätowierten Armen, die aus den zerfetzten Ärmeln seines T-Shirts herausragten. Die panzerartigen ledernen Motorradhosen und die Springerstiefel zerstreuten den Eindruck nicht gerade.

 

„Was für ein Glück Mr. Freebairn doch hat“, bemerkte die Rezeptionistin kühl.

 

Daniel trat an den Tresen. „Hören Sie. Er wurde vor einer Stunde per Ambulanz eingeliefert. Zusammenbruch. Herzstillstand.“ Herzstillstand. Wie klinisch das klang. Wie lange durfte ein Herz stillstehen, bis im Gehirn irreparable Schäden auftraten? Wie lange, bis es sich nicht mehr anfachen ließ? Und wie lange hatte Josh da schon in seiner eigenen Kotze gelegen? Daniel erinnerte sich an die kalte, klamme Haut, und wieder wurde ihm übel.

 

Sie verzog einen Mundwinkel und trat an einen anderen Computer. „Sagen Sie das doch gleich. Ja, hier haben wir ihn ja. Mr. Freebairn wurde sofort in den OP gebracht. Tut mir leid, Sie können jetzt nicht zu ihm. Der Diensthabende in der Notaufnahme möchte informiert werden, wenn Mr. Freebairns Familie hier auftaucht.“

 

War das gut? Oder schlecht? Wenn Josh im OP war, war er vermutlich nicht tot. Wenn der Arzt die Familie gleich sprechen wollte, würde er es aber vermutlich bald sein.

 

„Dann sagen Sie ihm, dass wir hier sind“, verlangte Ryan ungeduldig.

 

Noch mal zehn Minuten später. Ein steril wirkendes Büro. Ein Arzt, kaum älter als sie selbst, Anfang dreißig, höchstens. Mit Familienfotos auf dem Schreibtisch und einem tragisch anmutenden Ausdruck im Gesicht. „Sie sind nicht wirklich Familie von Mr. Freebairn, richtig?“

 

„Was auch immer los ist, sagen Sie es einfach uns, denn jemand anders wird nicht kommen“, erklärte Ryan, der sich nur unwesentlich beruhigt hatte. „Mr. Freebairn ist Amerikaner und hat, nach allem, was wir von ihm wissen, keine Familie. Und wir kennen ihn seit zehn Jahren.“ Das war ein wenig übertrieben, aber es kam der Sache nahe.

 

Der Arzt lehnte sich zurück und sah sie beide an wie Versuchskaninchen. „Vermutlich erzähle ich Ihnen nichts Neues, wenn ich sage, dass Mr. Freebairn kokainsüchtig ist? Seine Adern sind voll von dem Zeug. In der vergangenen Nacht muss er es mächtig übertrieben haben, und in der Folge hatte er etwa eine Stunde, bevor die Ambulanz sein Apartment erreichte, einen Herzinfarkt. Sie wissen, wie das zusammenhängt?“

 

Nicht wirklich, dachte Daniel verzweifelt. Sie wussten alle um die Gefahr. Josh in seine Sucht reinzureden war immer vergeblich gewesen, und irgendwann hatten sie damit aufgehört, aber sie kannten die Gefahr und hatten sich immer um Minimierung bemüht.

 

„Das Herz arbeitet kurzfristig auf absoluten Hochtouren. Der Körper überhitzt und gleichzeitig werden seine Energievorräte übermäßig beansprucht. Und ich rede hier nicht vom Überdosieren, sondern von normalem Konsum, was auch immer man daran normal nennen mag. Mr. Freebairn hat schwer überdosiert, vermutlich über mehrere Stunden hinweg konsumiert, die Laborwerte stehen noch aus, aber aus Erfahrung würde ich behaupten, seine letzte Dosis dürfte zwischen sieben und acht Uhr am Morgen gewesen sein. Nach einer durchgemachten Nacht, ich will auch gar nicht wissen, wo er die verbracht hat. Infolge der letzten Dosis hatte er einen schweren Zusammenbruch mit – Mr. Rankin hier hat es ja deutlich gesehen – Erbrechen und Bewusstseinsverlust. Das Herz kämpfte noch eine Zeitlang dagegen an, aber im Grunde standen die Chancen auf einen guten Ausgang sehr schlecht, und es kam, was kommen musste – Infarkt und wenig später Herzstillstand.“

 

Daniel schluckte. Er wollte nicht fragen. Er musste fragen. Warum fragte nicht Ryan?

 

„Wird er sterben?“

 

„Wenn wir das sagen könnten, wären wir Hellseher. Ich kann Ihnen nur sagen, dass wir alles tun, was im Rahmen unserer Möglichkeiten liegt. Versprechen kann ich Ihnen nichts. Aber Mr. Freebairn hatte großes Glück, dass Sie ihn so bald nach dem Infarkt gefunden haben.“

 

Daniel überlegte. Er hatte Josh angerufen. Josh, der zu dem Zeitpunkt schon längst bewusstlos in seinem Erbrochenen gelegen hatte. Oder nicht bewusstlos, nur unfähig, sich zu rühren? Hatte das Klingeln des Telefons den Infarkt ausgelöst? Er kannte sich mit diesen Dingen nicht aus, und die Gedanken daran gefroren ihm das Blut.

 

„Die Operation wird noch gute vier oder fünf Stunden dauern“, informierte Dr. Hornby. „So etwas ist kein Sonntagsspaziergang. Ich empfehle Ihnen, gehen Sie einen Kaffee trinken, oder noch besser, besorgen Sie mir Unterlagen von Mr. Freebairns Krankenversicherung. Er hat doch eine, hoffe ich?“

 

Aus Ryans Augen schienen Blitze zu züngeln, als er seine Brieftasche zückte und mit Schwung seine Kreditkarte auf den Schreibtisch knallte. „Hier. Behalten Sie die als Pfand.“ Er stand auf, die Stuhlbeine scharrten.

 

Noch einmal zurück in Joshs Bungalow. Daniel fand sich damit beschäftigt, aufzuräumen, die Drumsticks in einen Behälter zu sammeln, die Wolldecke auf die Matratze zu legen, die Josh als Bett und Fickinsel nutzte, ein paar Bierflaschen in die traurige Version einer Küche zu bringen. Mit gerümpfter Nase hob Ryan die Damenunterwäsche vom Boden auf. „Wenigstens hat er es sich gut gehen lassen letzte Nacht, was?“

 

Daniel fand in einer Schublade die Unterlagen, nach denen Dr. Hornby verlangt hatte. Gleichzeitig hob Ryan Joshs Handy vom Fußboden auf. Mit einem Piepen erwachte das Gerät zum Leben.

 

„Was machst du?“, fragte Dan.

 

„Kennst du einen Evans?“

 

„Nein.“

 

„Ich auch nicht. Das war sein letzter Anruf über Nacht. Kurz vor halb drei. Schläft der Kerl auch irgendwann mal?“ Piepsend klickte Ryan sich durch die Kontakte. „Meine Fresse, hier wimmelt es von Kürzeln und Buchstabenkombinationen“, knurrte er.

 

„Vielleicht, weil er nicht will, dass wir in seinen Kontakten rumschnüffeln?“

 

Plötzlich hob Ryan den Kopf und sah Daniel an, als habe er gerade eine Erleuchtung gehabt. „Bingo.“

 

„Was?“

 

Ryan hielt ihm das Handy entgegen. Auf dem Display prangte eine ellenlange Nummer. Mit amerikanischer Vorwahl. Und dem Zusatz „ICE“. Das stand für In case of Emergency – das internationale Kürzel für Im Notfall. Kein Name. Nichts weiter. Nur eine Nummer in …

 

„Weißt du, wo das ist?“, fragte Daniel hoffnungsvoll. Joshua hatte in all den Jahren nie etwas darüber gesagt, dass es in Amerika noch Leute gab, die ihm was bedeuteten, oder, mehr noch, denen er was bedeutete. Himmel, sie waren erst vor anderthalb Monaten wochenlang durch die Staaten getourt, aber Josh hatte kein einziges Mal die Band verlassen, um sich mit jemandem zu treffen, hatte niemanden angerufen, hatte kein bekanntes Gesicht im Publikum gesehen. Jedenfalls nicht, dass Daniel, Ryan oder Cooper etwas davon mitbekommen hätten. Sie waren davon ausgegangen, dass es dort wirklich nichts mehr für ihn gab.

 

„Wir werden es gleich rausfinden“, sagte Ryan, drückte eine Taste und hielt sich das Handy ans Ohr.

 

 

 

 


Kapitel 2

 

 

Im Tiki-To herrschte das ganz normale Freitagabend-Chaos. Zwischen Plastikpalmen und Wimpelketten mit mexikanischen Fähnchen standen dichtgedrängt Leute in Grüppchen und unterhielten sich. Manche wippten im Takt zur Musik aus den Lautsprechern halbherzig mit den Knien. Die Bar war gerammelt voll. Fünf Barkeeper jonglierten Cocktailmixer und Gläser, ließen Bierflaschen über den Tresen schlittern und flirteten in der Hoffnung auf ein gutes Trinkgeld mit den Gästen. Es roch nach scharfen Gewürzen, Frittierfett und vergossenem Bier. An allen anderen Orten auf der Welt würde Joy dieser Geruch Übelkeit in die Kehle treiben, aber das hier war ihre Stammkneipe, seit sie Samantha und Hannah an ihrem ersten Tag am College kennengelernt hatte. Seither trafen sie sich jeden Freitagabend in der kleinen Bar im Fashion District. Es war ein Ritual. Ein Stückchen Verlässlichkeit. Wenn eine von ihnen eines der Treffen absagen wollte, musste sie schon den eigenen Tod als Begründung aufführen. Oder zumindest den drohenden Tod eines engen Familienmitglieds. Da sie alle drei aber keine Familie hatten, war Zweiteres ziemlich unwahrscheinlich.

 

Der Türsteher nickte Joy lächelnd zu. „Du schon wieder“, sagte er mit einem Zwinkern. „Die Lady-Gang wartet schon.“

 

„Danke, Raoul. Wie geht's der Tochter?“ Sie kannte Raoul nicht wirklich. Er war der Kerl, der immer an der Tür stand, wenn sie zu ihren Treffen kam und irgendwann waren sie ins Gespräch gekommen. Letzte Woche war er sehr besorgt gewesen, weil seine vierjährige Tochter mit Verdacht auf Blinddarmdurchbruch ins Krankenhaus eingeliefert worden war.

 

„War nur blinder Alarm.“

 

„Was für ein Glück!“

 

Noch einmal zwinkerte er ihr zu, dann machte sie sich auf den Weg zu ihren Freundinnen. Wie immer saßen Sam und Hannah an ihrem Stammplatz in einer dunklen Ecke rechts von der riesigen Bar. Hier war es relativ ruhig, sodass sie sich miteinander unterhalten konnten. Hannah winkte, als sie Joy kommen sah.

 

„Sieh an, sieh an, wer uns doch noch mit ihrer Anwesenheit beehrt.“

 

„Sorry, Mädels. Hat im Community College ein bisschen länger gedauert.“

 

„Was war es diesmal? Musstest du jemandem beibringen, wie man Pfoten weg buchstabiert?“ Sams Worte klangen harsch, aber Joy wusste, dass sie so nicht gemeint waren. Von ihnen war Sam die burschikoseste. Sie war klein und dünn, mit kaum Hüften oder Brust, und hatte einen maskulinen Kurzhaarschnitt. Die wenigsten Kerle nahmen sie als Frau wahr, also hatte sie irgendwann begonnen, sich auch wie ein Kerl zu benehmen. Joy liebte sie trotzdem.

 

„Neiiin“, antwortete sie, „ich habe anders für meine Sicherheit gesorgt. Schaut …“ Mit den Fingern angelte sie nach dem Madonnenanhänger um ihren Hals. „Das hat mir eine Schülerin geschenkt. Als Dankeschön. Dank dem Abendkurs, den sie bei mir belegt, hat sie einen Job bekommen.“

 

„Ah“, machte Hannah. „Es geht doch nichts über eine liebevolle Geschmacklosigkeit. Kein Wunder, dass du deinen Job so liebst.“

 

Sie lachten. Joy machte sich auf, die nächste Runde Drinks zu holen. Sam nahm einen Erdbeermargarita, Hannah trank am liebsten Martini. Sie selbst nahm eine Sprite. Auch der Barkeeper erkannte sie. Er zwinkerte ihr zu, tauchte den feuchten Rand ihres Glases in gestoßenen Kristallzucker, bevor er es füllte, und garnierte ihren Drink mit einer Zitrone.

 

„Das Übliche für La Bella.“ Er war Italiener. Oder zumindest waren seine Vorfahren Italiener gewesen. Joy bezweifelte, dass er selbst ein echtes Wort italienisch sprach, aber er kokettierte mit italienischen Begriffen. Es war süß. Sie zwinkerte zurück.

 

„Danke.“

 

„Wann gehst du mit mir aus?“

 

Sie stützte beide Ellenbogen auf die Bar und lehnte sich zu ihm, sah ihm tief in die Augen. „Wenn die Hölle zufriert, Amico.“ Ihr italienischer Akzent klang genauso falsch wie seiner.

 

Er presste die Lippen aufeinander, wie um ein Lachen zu unterdrücken, und hielt sich eine Hand auf den Brustkorb. „Du wirst mich noch einmal umbringen, Bella. Was muss ich tun?“ Selbst über die laute Musik konnte sie hören, dass in seinem Scherzen ein Funke Ernsthaftigkeit mitschwang, und das tat ihr leid. Sie legte ihre Hand über seine an dem Glas. „Es liegt nicht an dir. Es liegt an mir.“

 

„Was du nicht sagst“, brummte er. „Was du nicht sagst.“

 

Es war eine heikle Angelegenheit, die drei Gläser durch die Menge zu manövrieren, ohne etwas zu verschütten. Als sie keine fünf Schritte mehr von ihrem Tisch entfernt war, sprang Hannah auf, um ihr zu helfen.

 

„Was hat so lange gedauert?“

 

Auch Joy setzte sich, mit der Hand machte sie eine wegwerfende Bewegung in die Luft „Ach, nichts. Ihr seht es doch. Viel los.“

 

„Und wie wir es gesehen haben“, fiel Sam kichernd ein. „Antonio von den gebrochenen Herzen. Warum erhörst du ihn nicht einfach mal? Er scheint kein schlechter Kerl zu sein. Jede Woche bittet er dich um ein Date.“

 

Unbestimmt zuckte sie mit den Schultern. „Er ist nicht mein Typ“, log sie. Oder nein, vielleicht war es keine echte Lüge. Es war nicht Antonio, oder Marco, oder wie auch immer der Bar-Beau heißen mochte, der nicht ihr Typ war. Männer im Allgemeinen waren nicht mehr so wirklich ihr Typ. Alles schon mal probiert. Auch noch danach. In ihrem Kampf, sich ein normales Leben zurückzuerobern, hatte sie alles gemacht, was normale Mädchen machen sollten. Inklusive Dating und Sex. Schule, College, Freunde, später Arbeit – all das hatte sich gelohnt. Nur zu den Männern hatte sie keinen Zugang mehr gefunden. Sie waren nett anzusehen. Von weitem. Mehr brauchte sie nicht. „Hey, aber wie ist es mit dir und Cal?“ Nichts ging über Ablenkung. Es war besser, Sam richtete ihre Aufmerksamkeit auf Hannah, als auf sie. „Alles wieder gut?“

 

Hannah war seit über zwei Jahren mit Cal zusammen. Sie hatten sich noch auf dem College kennengelernt, als sie in einer gemeinsamen Lerngruppe waren. Beide waren schrecklich verliebt und seit einem guten halben Jahr wohnten sie in einer winzigen Wohnung halb in den Hügeln zusammen. Nicht nur Joy, der halbe Campus hörte schon die Hochzeitsglocken läuten, aber in letzter Zeit hing der Himmel von Hannah und Cal öfter voller Gewitterwolken statt voller Geigen. Joy beneidete sie. Nicht dafür, dass sie stritten. Über den Abwasch, darüber, wie viele Überstunden Cal machte, über die unverschlossene Zahnpastatube oder darüber, wo sie Thanksgiving feierten. Sie beneidete ihre Freundin darum, dass sie jemanden zum Streiten hatte. Dass es einen Menschen, außerhalb ihrer kleinen Gruppe von drei Freundinnen gab, der ihr nahe genug stand, um sich über ihn zu ärgern. Hannah hatte gar keine Ahnung, was für ein Luxus das war.

 

Bevor Hannah antworten konnte, unterbrach ein Summen aus Joys Tasche ihr Gespräch. Sie angelte nach ihrem Telefon. Unbekannte Nummer. Sam und Hannah achteten nicht auf sie und waren weiter in ihr Gespräch vertieft. Sollte sie rangehen? Wenn dann nur ein Verkäufer von ihrer Telefongesellschaft am anderen Ende der Leitung wäre, würde sie sich ärgern. Aber auch einige ihrer Schüler hatten ihre Nummer. Nur ganz kurz, schwor sie sich und nahm das Gespräch an.

 

„Hallo?“ Es knackte in der Leitung, ein Rauschen. Mit der freien Hand hielt sie sich das linke Ohr zu.

 

„Hallo?“, echote es. Eine Männerstimme. „Mit wem spreche ich?“ Der Mann am anderen Ende hatte einen ungewöhnlichen Akzent. Australier, wenn sie das richtig deuten konnte über dem Lärm im Hintergrund.

 

„Wer will das wissen?“

 

Ein Seufzen. „Hören Sie, für diese Spiele habe ich keine Zeit. Kennen Sie Joshua Freebairn?“

 

Ein Schlag in den Bauch hätte nicht schmerzvoller sein können. Schock trieb ihr die Luft aus den Lungen. Joshua Freebairn. Wir oft hatte sie sich gewünscht, diesen Namen zu hören? Doch es war nicht Josh, der sie anrief.

 

Bevor sie sich darüber bewusst war, was das zu bedeuten hatte, sprang sie auf. Die Gläser auf dem Tisch taumelten, weil sie mit dem Knie an das Tischbein gestoßen war. „Moment“, sagte sie in den Hörer. „Ich gehe irgendwo hin, wo es leiser ist.“ Mit Ellenbogen und Schultern kämpfte sie sich einen Weg zu den Toiletten. Eine Schlange stand vor den Damenklos, es roch nach Urin und Schweiß, aber zumindest war es ein wenig leiser hier. Galle stieg ihr in die Kehle, in ihrem Kopf rauschte es. Joshua, flüsterte es in ihrem Kopf. Immer wieder: Joshua. „Woher haben Sie meine Nummer?“, wollte sie schließlich wissen.

 

„Sie sind als Notfallkontakt in seinem Handy gespeichert. Hören Sie, ich will nicht sagen, dass ich eine Ahnung habe, was das alles bedeutet. Joshua hat nie von Ihnen erzählt, aber wie es aussieht wollte er, dass wir Sie verständigen, wenn etwas mit ihm ist.“

 

Tot. Die Gewissheit prügelte auf sie ein, drohte ihr den Boden unter den Füßen wegzureißen. Joshua war tot, und sie hatte ihn nicht rechtzeitig gefunden, weil sie irgendwann, viel zu früh, aufgehört hatte zu suchen. „Was …“ Sie musste schlucken, um die Worte aus ihrer Kehle zu zwingen. „Was ist mit ihm passiert?“

 

„Er hatte einen Herzinfarkt. Herzversagen. Momentan wird er operiert. Die Ärzte können nicht sagen, wie es ausgeht, aber sie sagen, wenn er noch Familie hat, sollte möglichst schnell jemand kommen. Sind Sie Familie?“

 

Joshua Freebairn hatte keine Familie. Er hatte mal eine Schwester gehabt, aber das war in einer anderen Zeit gewesen, in einer anderen Welt. Viel zu weit weg und viel zu kompliziert, um es zu erklären. „Ja“, sagte sie deshalb nur. „Wo muss ich hinkommen?“

 

 

 

*

 

 

 

Sie hat blaue Augen. Oder grau. Ihre Haare sind braun. Sie ist vier Jahre alt.

 

Vier!

 

Was soll ich mit ihr?

 

Ich bin acht. Ich bin im dritten Jahr in der Tenth Street Elementary. Was ich brauche, in diesem Haus, ist ein Bruder, mit dem ich zur Schule gehe. Einer, der auf meiner Seite steht, wenn ich wieder nur der dünne Junge mit den fettigen Haaren bin, weil Amanda sich im Bad eingeschlossen hatte und das Spülbecken in der Küche voller dreckiger Teller war und ich keine Zeit mehr hatte, alles wegzuräumen, um mich zu waschen. Wenn sie blöde Lieder über meine zu kurzen Hosen erfinden. Es ist widerlich, immer allein zu sein.

 

Sie hat blaue Augen, dünne braune Haare und sie ist vier. Amanda ist das natürlich egal. Sie bekommt genauso viel Geld für ein vierjähriges Mädchen wie für einen achtjährigen Jungen. Das Mädchen wohnt seit gestern im Haus, hat die erste Nacht auf einem Klappbett in der Küche geschlafen. Ich habe sie am Morgen gesehen, als ich am Kühlschrank war und feststellen musste, dass die Milch sauer war. Sie hat mich auch gesehen. Nein, sie hat mich angestarrt. Und kein Wort gesagt.

 

Amanda schubst das kleine Mädchen ins Zimmer, in das sie am Morgen das zusammengeklappte, nach Pisse stinkende Metallbett gestellt hat. Sie wirft einen Rucksack hinterher, sagt etwas auf Spanisch und knallt die Tür zu.

 

Ich sitze auf meinem Bett, mit dem Mathe-Übungsheft auf den Knien, und wünsche mir, dass ich hier sitzenbleiben und weiterlernen könnte. Santos hat gesagt, wenn ich jemals hier rauskommen will, soll ich lernen. Aber da stehen blauäugige vier Jahre an den Kleiderschrank gepresst, mit einem verfilzten Teddybär vor der Brust, und starren mich an. Als würde sie sagen: Hilf mir, Joshua!, aber sie sagt keinen Ton. Vielleicht spricht sie nicht einmal meine Sprache. Oder sie ist taub. Und Santos ist schon seit Ewigkeiten nicht mehr gekommen.

 

Seufzend lege ich das Übungsheft zur Seite und sehe sie an. „Wie heißt du?“

 

Sie presst den Teddybären fester an ihre Brust und sagt nichts. Das Klappbett ist noch nicht einmal aufgebaut, und Amanda brauche ich gar nicht zu fragen, ob sie mir dabei hilft. Ich bin acht Jahre alt und habe keine Ahnung, wie man das Bett auseinanderklappt. Unten im Kleiderschrank liegt eine Wolldecke, die ich im Winter gebraucht habe, weil Amanda nie die Heizung hochdreht, aber die ist kratzig und stinkt. Also wird das kleine Mädchen vermutlich in meinem Bett schlafen müssen. Wäre schön, wenn ich dann wenigstens ihren Namen weiß.

 

„Ich bin Joshua“, sage ich so freundlich wie möglich. „Und du?“

 

Sie beißt sich auf die Unterlippe, beginnt, hin und her zu wippen, vor und zurück auf kleinen Füßen, die in rosafarbenen Sandalen und weißen Socken stecken. Dann sehe ich ihre nassen Beine. Sie trägt eine hellrote Hose, die über den Knien vom Hinfallen dreckig ist, und innen an den Oberschenkeln ist die Hose ganz nass. Und jetzt, wo ich das sehe, kann ich es auch riechen.

 

Kein Wunder, dass das Metallbett stinkt. Und kein Wunder, dass Amanda das kleine Mädchen hier reinstopft, in mein Zimmer. Blaue Augen starren mich an, ihre Lippen zittern, als sie meinen Blick auf ihren Beinen bemerkt. Sie hat Angst. Was hat Amanda mit ihr gemacht, als sich das kleine Mädchen eingepinkelt hat?

 

Als ich aufstehe und auf sie zugehe, um den Rucksack aufzuheben, weicht sie mir mit einem kleinen Wimmern aus. So viel Angst hat sie. Vorsichtig hebe ich den Rucksack auf, öffne ihn und werfe den Inhalt auf den Boden. Ich finde eine Unterhose, ich habe keine Ahnung, ob man das bei Mädchen auch so nennt oder wie sonst. Dazu ein Kleid, weil ich keine zweite Hose finden kann. Ich werde die, die sie jetzt anhat, waschen müssen, aber erstmal muss sie aus der Hose raus.

 

Ich hebe das Kleid hoch. „Willst du lieber das hier anziehen?“

 

 

 

„Mr. Freebairn? Können Sie die Augen öffnen? Ich habe Ihre Medizin.“

 

Augen öffnen. Joshua stöhnte. Es stank nach Desinfektionsmittel und irgendwelchen Blumen. Was war die letzte Erinnerung? Die vor dem Traum. Scheiße, der Traum. Er wusste doch, wie er diesen Träumen entgehen konnte. Wieso kam plötzlich wieder dieser Traum? Diese Erinnerung? Dieser grenzenlose Schmerz, der sich wie ein Film in seinem Kopf wieder und wieder abspielte, wenn er ihm nicht zuvorkam?

 

Er erinnerte sich an das Klappen einer Tür.

 

Das Kreischen einer Frau.

 

Den Schmerz in der Brust.

 

„Mr. Freebairn?“ Die Frauenstimme war um Professionalität und Neutralität bemüht, aber sie klang auch ein wenig ungeduldig. „Ihr Monitor zeigt mir, dass Sie wach sind. Würden Sie bitte die Augen öffnen?“

 

Würde ich bitte nicht, dachte er. Was für eine scheiß Welt, in der Monitore anderen verrieten, wer wach war und wer schlief. Lass mich in Ruhe und verpiss dich, wer auch immer du bist. Ganz sicher nicht die Nicht-Hure, die türkrachend seine Bude verlassen hatte. Scheiße, was war passiert? Was machte er hier? Die letzte Erinnerung. Er hatte ordentlich zugelangt, das war richtig, hatte es ordentlich krachen lassen mit der kleinen Schlampe, die ihm die weißen Flocken vom Schwanz geleckt hatte. Aber nicht nur das. Er hatte auch ordentlich in seine Vorräte gegriffen, doch gewöhnlich sackte er dann irgendwann ins Vergessen und wachte ein paar Stunden später mit trockenem Hals und rasenden Kopfschmerzen auf. Ganz sicher nicht in einem Krankenhaus. Und er hatte weder einen trockenen Hals noch Kopfschmerzen. Gar keine Schmerzen. Es fühlte sich an, als lebten in seinem Bauch Wattewölkchen.

 

Er blinzelte. In seinem Arm hing eine Kanüle, durch die aus einem durchsichtigen Beutel Flüssigkeit in ihn tropfte.

 

„Herzlich willkommen, Mr. Freebairn“, sagte die Stimme, immer noch professionell, immer noch ungeduldig, jetzt mit einer aufgesetzten Fröhlichkeit bemäntelt. „Wie fühlen Sie sich?“

 

Er versuchte, die andere Hand zu bewegen, die, wo keine Spritze im Arm steckte, aber bekam sie nicht hoch. Vor seinem Blick verschwamm alles ein wenig, aber er konnte erkennen, dass seine Haut so grau war, dass die alten Tattoos auf seinen Armen fast unsichtbar waren. Im Raum hing ein Piepen, dessen Gleichmäßigkeit im nächsten Augenblick Geschichte war. Es begann zu rasen.

 

„Hey“, sagte die Stimme, zu der noch immer kein Mensch zu gehören schien. „Nur die Ruhe, Sir, okay? Es ist alles in Ordnung, Sie brauchen sich nicht aufzuregen. Wenn das Aufwachen zuviel ist, werden wir Ihnen die Wirkstoffe noch ein bisschen länger über den Tropf geben. Dann verzögern wir Ihren Übergang zu oraler Einnahme einfach um vierundzwanzig Stunden.“

 

„Aufwachen …“ War es verrückt, dass dies das erste Wort war, das er krächzte? Er fühlte sich wie von einem ungerechten Gott auf die Welt hinuntergeschissen.

 

„Wir haben Sie für vierundzwanzig Stunden im künstlichen Koma gehalten, Sir“, erklärte die Stimme, nicht mehr ungeduldig, jetzt besorgt. „Für weitere Informationen wird Ihnen in etwa einer halben Stunde Ihr Arzt zur Verfügung stehen.“

 

Vierundzwanzig Stunden? Ein ganzer Tag. Scheiße, was war passiert?

 

„Möchten Sie etwas trinken?“, fragte die Stimme.

 

Er wollte wissen, was los war. Was, verdammt nochmal, hatte er getan? Was hatte man mit ihm getan? Er grub, suchte. Fand die Erinnerung an eine blonde Fotze, die nach Koks schmeckte. Fand die Erinnerung an eine umstürzende Stehlampe, eine zuschlagende Tür, an seinen versifften Dielenfußboden, der sich ihm entgegendrehte.

 

Die Stimme wurde leiser, langsamer, er verstand nicht mehr, was sie sagte. Wie ein Tonbandgerät, dem der Saft ausging. Leierte. Versackte. Bedeutungslosigkeit. Grau. Schwarz.

 

 

 

Der Bettrahmen schlägt gegen die Wand. Amanda ist das egal. Sie würde nie auf die Idee kommen, die Möbel in den Zimmern umzustellen, damit ich mir nicht die Hände auf die Ohren pressen muss, wenn sie einen Kunden hat.

 

Und jetzt auch noch das namenlose kleine Mädchen.

 

Pock. Pock. Pock. Langsam. Der Mann ist noch lange nicht fertig. Der fängt gerade erst an. Das Pocken muss erst schneller werden, um Hoffnung zu haben, dass bald Ruhe einkehrt.

 

Pock.

 

Sie blickt zu mir auf. Ihr Blick fragt mich, ob das noch lange so geht. Sie spricht immer noch nicht, aber ihre Augen können reden.

 

Ich kann nur mit den Schultern zucken. Sie ist seit fünf Tagen im Haus und hat noch kein Wort gesagt. Sie ist jetzt meine Verantwortung. Ich hab mir nie eine Schwester gewünscht, aber diese Kleine ist etwas anderes. Sie braucht mich. Niemand hat mich je gebraucht, und es ist ein gutes Gefühl. Seit drei Tagen bin ich nicht in der Schule gewesen. Kein Lehrer kommt auf die Idee, mal bei Amanda nachzufragen, was mit mir ist, ob ich krank bin, oder so. Ich bedeute niemandem etwas. Keiner fragt. Nur das Mädchen, die fragt mich ganz viele Dinge mit ihren großen runden Augen. Sie hängt an mir wie eine Klette. Natürlich tut sie das. Wo soll sie denn sonst hin? Sie hat ja keinen. Darin sind wir gleich. Wenn Amanda nicht auf der Figueroa Avenue auf und ab läuft, liegt sie in ihrem Bett. Meistens nicht allein. Selten zweimal hintereinander mit demselben Mann. Nur wenn sich mal wieder Besuch vom Amt ankündigt, ändert sie ihren Tagesablauf. Dann ist sie ein paar Tage lang aufgeregt, herrscht mich an, dass ich ihr helfen soll, die Wohnung aufzuräumen, und manchmal holt sie dann sogar Kuchen aus dem Supermarkt. Doch wenn die nette Dame vom Amt dagewesen ist, wird alles wieder so wie vorher. Manchmal habe ich überlegt, ob ich der Frau mit dem Klemmbrett sagen soll, wie es hier wirklich zugeht, aber Amanda hat mir gesagt, was mit Jungs passiert, die ihre Pflegefamilie verlieren. Alle Adoptiveltern wollen kleine Mädchen. Die Jungs, die niemand will, kommen ins Gefängnis, weil sie zu wild und schwierig sind. Ich will nicht ins Gefängnis, bei Amanda darf ich wenigstens machen, was ich will.

 

Das braunhaarige Mädchen sitzt neben mir auf meinem Kopfkissen, ihren Teddy im Arm. Seit dem Tag, als Amanda sie in mein Zimmer gestoßen hat, hat sie sich nicht mehr bepinkelt. Das ist wenigstens etwas. Wir lehnen am Kopfbrett meines Bettes, das wir uns seit drei Nächten teilen, und damit das Pock Pock Pock in den Hintergrund gerät, erzähle ich ihr, wie ich hierher gekommen bin. Das habe ich ihr letzte Nacht schon erzählt, aber es gibt in diesem Haus keine Märchenbücher, aus denen ich ihr vorlesen kann. Morgen werde ich mit ihr in die Bibliothek am Ende der Straße gehen, und wir werden uns etwas ausleihen. Ich habe Glück. Die Tenth Street Elementary sorgt dafür, dass alle Schüler in der Bibliothek angemeldet sind, weil die Schule keine eigene Bibliothek hat.

 

Als ich hierher kam, vor drei Jahren, da gab es im Haus auch Santos. Ich habe keine Ahnung, ob das ein richtiger Name ist. Ich spreche kein Spanisch, und Amanda hat keine Zeit und keine Lust, es mir beizubringen. Santos hat in dem Zimmer geschlafen, in dem das Bett gegen unsere Wand pocht. Santos hat mich in die Schule gebracht und dort angemeldet. Santos hat das Geschirr gespült und mir gezeigt, wie man die Waschmaschine bedient. Santos und Amanda haben sich oft angebrüllt, auf Spanisch. Als Santos eines Tages nicht mehr nach Hause kam, hat Amanda so lange am Küchentisch gesessen und Whisky getrunken, bis sie seitlich vom Stuhl gekippt ist und ich sie nicht mehr wecken konnte.

 

Santos ist nie mehr wiedergekommen. Ich habe keine Ahnung, was mit ihm passiert ist. Amanda würde es mir auch dann nicht sagen, wenn ich sie danach fragen würde, denn es geht mich nichts an. Ich bin aber froh, dass es ihn gab, denn seinetwegen weiß ich, wie die Waschmaschine funktioniert und wo man Geschirrspülmittel kaufen kann. Amanda geht nur in den Zigarettenladen zwei Blocks weiter. Milch und Brot kaufe ich selbst ein, seit Santos nicht mehr da ist.

 

Ich erzähle dem kleinen Mädchen nicht alles von Santos, denn dafür ist sie noch zu klein. Sie muss nicht alles wissen. Das Pochen gegen die Wand wird schneller. Das Mädchen zieht sich die Bettdecke über den Kopf und stöhnt. Es ist süß, wenn die Kleine genervt ächzt, weil sie müde ist und nicht schlafen kann, wenn nebenan ein Mann grunzt.

 

Ich wüsste so gern ihren Namen.

 

In eine Schublade im Küchentisch hat Amanda den ganzen Papierkram gestopft, den sie von der Frau mit dem Klemmbrett bekommen hat. Ich könnte dort nachsehen, wie das Mädchen heißt, aber ich tue es nicht.

 

Weil ich mir so sehr wünsche, dass sie es mir sagt. Von selbst. Dass sie mir ihr Vertrauen schenkt.

 

Ich mag sie, aber wenn sie mir noch lange wie ein Klotz am Bein hängt, werde ich sie zu hassen beginnen, und das will ich nicht. Dafür ist sie zu süß.

 

 

 

*

 

 

 

„Ich kann einfach nicht glauben, dass du das wirklich machst. Was ist mit deinen Kursen?“

 

Sam nervte. Joy griff in den Kleiderschrank und warf wahllos irgendwelche Kleidungsstücke in die Reisetasche, die weit offen auf dem Bett lag. Es war drei Uhr am Morgen. Am Schreibtisch unter dem Fenster saß Hannah und checkte die offenen Flüge von LAX nach Sydney. In ihrem Zimmer roch es nach süßen alkoholischen Mischgetränken und nach dem Misstrauen, das ihre Freundinnen verströmten. Welche Jahreszeit war gerade in Australien? Sie hatte keine Ahnung, was sie packen sollte.

 

„Ich schreib Gemma eine Mail. Ich bin schon so oft für sie eingesprungen, dann kann sie jetzt auch mal für mich einspringen. Es sind nur noch zwei Wochen und dann sind erst mal acht Wochen Ferien. Ich bleibe ja nicht für immer weg. Hannah, kannst du mal nachsehen, was für ein Wetter jetzt in Sydney ist? Die haben Winter, oder?“

 

Auf einem der Regalbretter fand sie ein paar gewaschene Sweatshirts. Nicht ihr üblicher Stil, aber jetzt genau richtig. Mit einer Weste drüber waren die warm genug, auch wenn es draußen kalt war, und ohne Weste würde sie auch im Sommer nicht zu sehr schwitzen. Außerdem, so wie es aussah würde sie die meiste Zeit ohnehin in einem Krankenhaus verbringen, und die waren immer klimatisiert, oder? Ein paar Jeans dazu, Schuhe, Unterwäsche. Das musste reichen. Außerdem gab es wohl auch in Sydney Geschäfte, falls sie etwas Wichtiges vergaß.

 

„Hey, hey!“ Sam packte sie am Arm, als sie zusammengerollte Socken in die Lücken in der Tasche stopfte. „Kannst du mal aufhören? Ich hab dich was gefragt. Ich verstehe immer noch nicht ganz, wer dieser Typ ist, wegen dem du hier mitten in der Nacht abhauen willst, als sei der Teufel persönlich hinter dir her.“

 

Joy befreite sich aus Sams Griff und schlang die Arme um ihre Mitte. Für diesen Scheiß hatte sie jetzt keine Zeit. Joshua. Immer wieder dieser Name. Joshua. Herzstillstand. Operation. Was, wenn sie zu spät kam? Sie durfte nicht zu spät kommen. Hilfesuchend starrte sie zu Hannah, die ihre Computermaus traktierte und von einem flackernden Bildschirm zum nächsten sprang. Sie musste zum Flughafen. Sie brauchte einen verdammten Flug. Sie durfte nicht zu spät kommen. „Er ist mein Bruder“, stieß sie zwischen zusammengepressten Lippen hervor. Wie war das möglich? Wie konnte ein junger Mann von nicht einmal dreißig Jahren von einem Herzinfarkt niedergeworfen werden? Herzinfarkte bekamen alte Menschen. Gestresste Manager. Überagile Sportler.

 

Oder Junkies.

 

Nein. Nein! Das konnte nicht sein. Niemals. Nicht Joshua. Josh liebte Comics und Musik. Er las Shakespeare. Er hatte es gehasst, wenn Amanda in der Küche Gras rauchte. Er konnte kein Junkie sein. Durch den Nebel vor ihren Augen erkannte sie die Verwirrung in Sams Blick.

 

„Du hast nie gesagt, dass du einen Bruder hast.“

 

Mit einer fahrigen Handbewegung wischte sie Sams Einwand beiseite. „Pflegebruder, dann eben. Ist doch egal.“

 

„Marsha und Dick haben keine Kinder außer dir.“

 

„Gott, Sam, was wird das? Ein Verhör? Er war mein Pflegebruder bei der Familie, wo ich gewesen bin, bevor ich Marsha und Dick kannte. Macht das einen Unterschied?“

 

„Du hast gesagt, dass du auf der Straße gelebt hast, bevor deine Eltern dich gefunden …“

 

„Ich habe einen Flug!“, unterbrach Hannahs Stimme vom Schreibtisch Sams Inquisition.

 

Danke, lieber Gott, es geschehen immer noch Zeichen und Wunder! Als wüsste sie ganz genau, wie wenig es Joy momentan danach stand, ihre verquere Vergangenheit auseinanderzunehmen, fuhr Hannah ohne Unterbrechung fort. Joy stützte ihre Hände auf die Rückenlehne des Stuhls und schaute über Hannahs Schulter. „Mit Qantas. Fliegt morgen Abend in LAX los und kommt dann übermorgen Früh Ortszeit in Sydney an. Nonstop. Aber da ist nur noch ein One-Way-Ticket erhältlich. Kostet achthundert Dollar. Soll ich den buchen?“

 

Achthundert Dollar? Verdammt.

 

„Nichts anderes?“, fragte sie am Rand der Verzweiflung.

 

„Dann erst wieder übermorgen und die Tage danach.“

 

Zu spät. Dann könnte es längst zu spät sein. Verdammt. Sie war stolz auf ihren Job am Community College und ihre kleine Wohnung in Echo Park. Sie konnte sich nicht beschweren. Sie hatte genug Geld für die Miete, für ihre Freitagabende mit den Mädels und ab und zu ein neues Kleidungsstück von Top Shop. Aber fast achthundert Dollar nur für den Hinflug? „Buch den Flug!“, stöhnte sie.

 

„Joy!“, rief Sam aus, als wäre sie nun endgültig soweit, die Geduld mit ihr zu verlieren. „Du hast keine achthundert Dollar. Und schon gar nicht hast du sechzehnhundert Dollar, um dann auch wieder zurückzukommen. Du weißt doch nicht einmal, ob das alles stimmt, was dieser Kerl dir am Telefon gesagt hat. Das kann genauso gut irgendein Verrückter sein, der das Handy von diesem angeblichen Bruder, von dem ich immer noch nicht überzeugt bin, dass er wirklich dein Bruder ist, geklaut hat, und der macht sich jetzt einen Scherz daraus, dich verrückt zu machen.“ Sie redete wie ein Wasserfall, ohne Punkt und Komma, als glaubte sie wirklich, Joy würde sich davon aufhalten lassen. „Und du hast nichts Besseres zu tun, als dein gesamtes Gespartes und noch mehr auszugeben und in seine Falle zu tappen. Wie war noch mal sein Name, hast du gesagt? Von dem Typen, der bei dir angerufen hat?“

 

„Ryan McKnight.“ Selbst in ihren eigenen Ohren klang der Name wie ein Seufzen. Ihr Kopf brummte. Sie war seit gut und gern zwanzig Stunden auf den Beinen, und während das Adrenalin, das Ryan McKnights Anruf in ihr System gepumpt hatte, aus ihr wich, kam die Beklemmung. Die Angst. Sie rieb sich mit der flachen Hand über die Augen und massierte ihre Nasenwurzel.

 

Sie musste nach Sydney. Kein Weg führte daran vorbei. Sam mochte recht haben. Vielleicht war es unvernünftig, mit einer klaren Tendenz zu wahnsinnig. Vielleicht war es sogar gefährlich, aber sie musste nach Sydney. Acht Jahre lang hatte sie nichts von Joshua gehört. Es machte keinen Unterschied. Sie hatten einander etwas versprochen. Damals, als sie Kinder waren. So viel war passiert. Später. Dinge, die sie nicht einmal in Gedanken aussprechen konnte. Aber die Tatsache, dass Josh immer noch ihren Namen als Notfallkontakt in seinem Handy gespeichert hatte, bewies, dass er ihren Eid nicht vergessen hatte, und einen Eid wie den ihren brach man nicht. Niemals.

 

Ich danke dir, lieber Gott im Himmel, dass ich meine Handynummer durch dick und dünn behalten habe. Dass ich nie den Glauben an dieses kleine Fädchen Zufall verloren habe, dass Joshua diese Nummer bewahrt.

 

Als sie die Augen wieder öffnete, hielt Sam ihr den Bildschirm ihres Smartphones entgegen. Auf den ersten Blick wirkte das, was darauf zu sehen war, wie die Fanseite irgendeines Künstlers. Die Farben Lila und Schwarz in unzähligen Schattierungen. „Siehst du das?“, fragte sie triumphierend. „Wie ich gesagt habe, ein Irrer. Laut dieser Webseite ist ein Mann namens Ryan McKnight der Gitarrist von Purple Raven. Sagt dir nichts?“ Fragend hob sie die Augenbrauen. „Macht nichts. Hab selbst noch nie von denen gehört. Aber anscheinend ist Purple Raven die Rockband Down Under. Diverse Musikpreise, Gold, Platin, ausverkaufte Hallen. Das sind Stars, kapierst du? Richtige, echte Stars. Und du glaubst allen Ernstes, dass so ein Kerl mir nichts dir nichts bei einer Unbekannten anruft? Vergiss es, Baby. Das ist irgendein Typ, der dich verarscht. Falls du Glück hast. Falls du Pech hast, wartet auf der anderen Seite nach einem halben Tag Flug irgendein Mafiaboss, der deine Naivität ausnutzt und dich verschleppt, in irgendeinen Keller einsperrt, dich an fette Chinesen mit einem Schmerz- oder Fäkalfetisch verscherbelt und wir sehen dich nie wieder. Das kannst du doch nicht wollen!“ Sie klang, als sei dieser letzte Punkt der einzige, auf den es ankam. Dass sie nicht wollen könnte, dass ihre beiden besten Freundinnen sie nie wiedersehen würden.

 

Joy schauderte. Ohne es zu wissen, hatte Sam ins Schwarze getroffen. Es gab wirklich fette Chinesen mit eigenartigen Fetischen. In ihrer Heimat waren viele davon verboten, also lebten sie sie aus, wenn … Stopp! Was waren denn das für blödsinnige Gedanken? Hinter ihren Augen brannte es. Das alles war zu viel. Sie wusste, dass Sam recht hatte. Sie wusste, dass die Chancen, dass sie gerade einen Riesenfehler beging, deutlich höher lagen als die Wahrscheinlichkeit, das Richtige zu tun. Aber sie hatte keine Wahl. Das hatte nichts mit Verstand zu tun, oder Rationalität oder Vernunft. Das saß tiefer. Eingebrannt in jede einzelne ihrer Zellen. In ihrem Mund zogen sich alle Geschmacksknospen zusammen, ihr Hals wurde eng, sie blinzelte an Tränen, die sie nicht weinen wollte.

 

„Joshua Freebairn hat mein Leben gerettet, Sam.“ Mit den Worten kam eine seltsame Ruhe über sie. Immer noch schluckte sie an dem Kloß in ihrer Kehle, immer noch war sie müde und hatte Kopfweh. Aber etwas auszusprechen, von dem sie wusste, dass es die Wahrheit war, half ihr, wieder zu sich selbst zu finden, in dem Chaos, das im Laufe dieser Nacht über sie hereingebrochen war. „Nicht nur einmal. Mehr als zehn Jahre lang war er mein einziger Grund, morgens die Augen aufzuschlagen, und der einzige Grund, warum ich nachts schlafen konnte. Ohne Joshua wäre ich heute tot. Und dazu hätte es nicht einmal einen Herzstillstand oder Herzinfarkt oder was auch immer gebraucht. Ich wäre schon viel früher gestorben. Das, was mich ausmacht, wäre zertrampelt worden, bevor ich überhaupt erwachsen geworden wäre, wenn Josh es nicht beschützt hätte. Ich schulde ihm mein Leben, Sam. Und noch mehr. Ich schulde ihm meine Seele. Und wenn es nur eine winzige, eine klitzekleine Chance gibt, dass er mich jetzt in diesem Moment braucht, dann werde ich zu ihm kommen.“

 

In der Stille, die ihren Worten folgten, tönte Hannahs Tastenklappern am Computer überlaut. Sam sagte nichts mehr. Zumindest für den Moment. Als schließlich auch das Tastenklappern verstummte, blieben nur noch Gedanken. Und die Gewissheit, dass sie die Wahrheit gesprochen hatte. Wenn Josh sie brauchte, würde sie kommen. Egal, ob er sich gerade am anderen Ende der Welt befand, oder nicht.

 

„Ich hab den Flug gebucht“, sagte Hannah schließlich.

 

„Womit denn? Ich hab dir doch meine Kreditkarte gar nicht gegeben.“

 

„Hab meine genommen“, sagte Hannah, als sei es das Normalste der Welt. „Ein leeres Konto wäre ein ziemlich blödes Ruhekissen dort in der Ferne, du brauchst doch eine Reisekasse.“

 

Sam sah unglücklich von Hannah zu Joy und wieder zurück. „Ich hab kein Bargeld bei mir, ich überweise dir was, wenn ich zu Hause bin, okay?“

 

Joy schloss ihre beiden besten Freundinnen in die Arme. Tränen liefen über ihre Wangen.