Highland Heart


PROLOG

 

„Mutter, zeigst du mir das Land Cybi?“

Gita schmunzelte. Ravna fand ihre Mutter so schön, wenn sie lächelte. Dafür allein war jedes Mittel recht, etwas zu tun, das Gita erfreute.

Im Hof des Schlosses herrschte Tumult. Ravna blickte hinab auf das Treiben. Wie es aussah, hatte ein Küchenjunge ein Brathühnchen gestohlen. Richtig erkennen konnte sie es nicht. Sie war zu weit weg vom Geschehen, hier oben in Gitas Turm.

Trotzdem mochte es Ravna im Turm. Sie waren für sich allein, die Mutter und sie, hatten den großen, hellen Raum nur für sich, das Bett, das mit Pelzen belegt war, die Fenster mit golddurchwirkten Vorhängen. Die Tische und Stühle aus dunklem Holz und die Truhen, in denen Gitas Schätze lagen. All die schönen Kleider, die der Mutter jetzt nicht passten, und der Schmuck, den Olave der Rote, den Ravna Vater nennen sollte und der doch so weit weg und fremd erschien, Gita über die Jahre geschenkt hatte. Auch Ravna machte er manchmal Geschenke. Ließ ihr Bänder und Spitzen aus fernen Ländern bringen. Einmal hatte er ihr sogar eine Kugel aus Gold geschenkt, in der sich ihr Gesicht spiegelte, wenn sie die Oberfläche polierte.

Ravna legte das Kinn auf das steinerne Fenstersims und blickte hinaus aufs Meer. Ein Sturm zog auf von Osten, wie so oft im Frühjahr. Bald würden sie die Läden schließen müssen, damit der Eiswind nicht hereinfuhr und die Möbel verrückte. Trotzdem war es, als würde eine Stimme sie nach draußen rufen. In die weite Welt, die voller Abenteuer und Geheimnisse war. Früher, ehe die andere Frau ins Schloss gezogen und Gita und Ravna in den Turm gesperrt worden waren, hatte Ravna ihre Mutter oft bedrängt, mit ihr hinaufzugehen in die Berge. Dort hatte Gita den alten Göttern Opfer gebracht. Die Mutter glaubte an das Kommen und Gehen der Zeiten, an die Weisheit der Vögel und daran, dass  ein kluger Mensch aus Träumen die Wirklichkeit lesen konnte. Auf der heiligen Lichtung am Berg stand eine alte Esche. Von deren Wipfel aus hatte Gita Ravna das erste Mal Cybi gezeigt. Das Land auf der anderen Seite des Meeres, in dem Ravnas Schicksal seinen Anfang nehmen sollte. Jetzt durften sie den Turm nicht mehr verlassen, um den alten Göttern zu huldigen, aber von diesem Fenster aus, wenn das Wetter klar war und die See ruhig, konnte man Cybi sehen.

Ravna wusste, wo Cybi war. Sie suchte nach der Einkerbung im Fenstersims, beugte sich ein wenig tiefer, bis ihre Augen auf gleicher Höhe mit der Steinplatte waren, und blickte durch die Rille im Stein. Dort war Cybi, auf der anderen Seite des Meeres. Dort, wo die Sturmwolken herkamen. Dort, wo jetzt nur Grau und Schwarz regierten, war ein Land, in dem ein schöner, junger Prinz lebte. Er war gerecht und klug, gebildet und nobel. Auch wenn ihr die Mutter nie von einem Schloss erzählt hatte, meinte Ravna manchmal weiße Zinnen am Ende des Horizonts zu sehen, sieben stattliche Türme und Fenster aus schimmernden, bunten Glas. Dort, irgendwo in all dem Grau und Schwarz, lebte jemand, der Ravnas Schicksal besiegeln sollte.

„Mach das Fenster zu, Liebling“, sagte Gita müde und riss sie aus ihrer Tagträumerei. Ravna seufzte, griff nach dem Strick, mit dem man die Läden heranziehen konnte, und verriegelte alles. Dann wandte sie sich zu ihrer Mutter um.

Gita saß auf dem Bett. Das Kinderhemdchen, an dem sie stickte, war in ihren Schoß gesunken. Sie war bleich, aber sie lächelte Ravna an und klopfte auf den freien Platz neben sich. Gitas Bett war so riesig, dass neben Ravna und Gita auch das Baby Platz darin finden würde. Ravna hüpfte auf die Matratze, die unter ihrem leichten Gewicht federte. Sie lebten im Turm, aber sie waren keine Gefangenen und keine Dienstboten. Gefangene schliefen auf dem Boden, das wusste Ravna, und die Mägde schliefen auf Strohsäcken im Stall. Ravna und Gita hatten eine Matratze, die mit Pferdehaar und Gänsefedern bis zum Bersten gestopft war, und die Kammerfrau, die ihnen im Alltag half, nannte Ravna Prinzessin.

„Und du weißt nicht mal seinen Namen?“, fragte Ravna verträumt und nahm das Kinderhemdchen in die Hand.

„Von deinem kleinen Bruder? Doch, er heißt Fiadh.“

Ravna lachte. „Aber du weißt doch, dass ich nicht Fiadh meine. Der Prinz, Mutter. Der Prinz von Cybi.“

„Niemand weiß seinen Namen“, sagte Gita ernst. Wohlig schnurrend schloss Ravna die Augen, als ihre Mutter ihr mit den Fingern das Haar kämmte. „Es wäre zu einfach, wenn wir seinen Namen wüssten, nicht wahr?“

„Aber gerecht ist es nicht, dass ich jemanden heiraten soll, dessen Namen ich nicht kenne“, beklagte sich Ravna.

Gita ließ sich zurück ins Kissen sinken. Ravna schmiegte sich an sie und streichelte das Baby im Bauch ihrer Mutter.

„Schau“, sagte Gita. „Das passiert, wenn es zu einfach ist. Wenn ein König kommt und eine Frau sich in ihn verliebt und er sich in sie verliebt und er sie auf sein Schloss aus weißem Stein mit all den prunkvollen Tischen und Stühlen und Fenstern mitnimmt, ohne, dass sie füreinander kämpfen mussten. Es kommt der Tag, an dem andere Dinge wichtiger sind als ihre Liebe. Etwas, um das man nicht kämpfen muss, schenkt man zu leicht her, weil man glaubt, dass man es ebenso leicht wiederbekommen kann.“

„Aber dich kann der König nicht so leicht wiederbekommen“, sagte Ravna. „Er hat sich für die andere entschieden.“

Gita schwieg, und als Ravna den Kopf hob, sah sie in den Augen ihrer Mutter die Antwort. Wenn er mich wiederhaben will, Kind, werde ich zu ihm rennen wie das junge Mädchen, das ich einst war. Denn auch das ist die Natur der Liebe. Verzeihen können und Hoffen, Warten und Verstehen.

„Erzähl mir von dem Prinzen“, verlangte Ravna. „Er und ich, wir werden umeinander kämpfen müssen?“

„Er wird ein großer König sein, Kind. Und du wirst ihn noch größer machen. Gemeinsam werdet ihr das Licht auf die Inseln bringen und Herr und Herrin eines neuen Königreichs sein.“

Ravna lächelte. Es war ihre Lieblingsgeschichte. Nicht oft genug konnte sie hören, wie der kleine Prinz mit den goldenen Locken auf der Insel Cybi von einem alten, blinden Einsiedler aufgezogen wurde und zu einem großen König heranwuchs. Zu einem stattlichen Mann mit breiten Schultern und ernsten Augen. Zu einem Mann, den die Nornen und die Walküren gleichermaßen schützten und dessen magisches Schwert für die Schwachen kämpfte und die Bösen erkannte und zerschlug.

„Warum sind seine Augen ernst, Mutter?“, fragte sie an dieser Stelle jedes Mal, und Gita lachte gehorsam.„Ich lache doch gern, warum hast du mich nicht einem Mann versprochen, der auch gern lacht?“

„Ernste Augen sind wichtig, Kind, denn sie sehen die Welt, wie sie ist, und nicht, wie sie sie sehen wollen. Er wird mit dir lachen und er wird mit dir glücklich sein und du mit ihm, aber er wird die Welt mit ernsten Augen sehen, denn er ist ein König, kein Hofnarr.“

Ravna dachte an ihren Vater, weit weg unten in seiner Halle auf seinem Thron, mit Königin Affraic an seiner Seite. König Olaves Augen waren niemals ernst, wenn Ravna ihn sah, aber in ihren Tiefen schimmerte Unehrlichkeit und Wankelmut. Er war ein Hofnarr.

„Vater will mich mit einem anderen Mann verheiraten“, sagte sie traurig. Sie hatte ihn noch nie gesehen, aber sie woll-te keinen anderen als den Zauberprinzen, der ihr versprochen war. Sie wollte mehr sein als ein Gut, das weggesperrt wurde, in einem Turm. Ein bisschen so wie früher, bevor Affraic gekommen war.

Gita streichelte ihr tröstend die Wange, als hätte sie ihren Kummer laut ausgesprochen. „Olave kann versuchen, dein Leben zu ändern, Liebling, aber die Fäden, die das Schicksal spinnt, sind stärker als das, was wir Menschen daraus machen. Die andere Welt, die wir nicht sehen, ist immer da, und wir armen Seelen auf dieser Seite haben nichts gegen ihre Macht in der Hand. Vor allem nicht diejenigen von uns, die nicht glauben wollen, dass es diese andere Welt gibt.“

Ravna liebte die Weisheiten, die aus dem Mund ihrer Mut-ter kamen. Nie verfehlten sie ihre Wirkung, immer trafen sie mitten ins Herz. „Warum bist du nie mehr zu dem blinden Mann und dem Prinzen zurückgereist?“, fragte sie neugierig.

„Weil dein Vater es mir verboten hat. Aber das brauchen wir auch nicht, du und ich. Was beschlossen ist, ist beschlossen. Dein Prinz wird dich erkennen, und du wirst ihn erkennen.“ Gita wandte sich ab, und Bitterkeit schlich sich in ihre Stimme. „Gemeinsam werdet ihr die Inseln am Rand der Welt von einem Hofnarren und seiner Hexe befreien, Kind.“

 

KAPITEL 1

 

 

Fünf Winter später

 

Ravna stand am Fenster und starrte hinaus. Gedankenverloren grub sie die Fingerspitze durch die Rille im Stein, durch die sie als Mädchen Cybi gesehen hatte, selbst wenn Wolken und Stürme die Sicht versperrten. Die kalte Winterluft biss ihr in die Wangen. Ihr Rücken brannte, so hoch loderten die Flammen im Kamin des Turmzimmers. Nebel erhob sich über der Küste, wo Gischt und Eis sich zu einer sturmgrauen Masse vereinten. Wie unter einem Leichentuch duckte sich das Schloss unter dem Frost. Armdicke Eiszapfen wuchsen von Zinnen und Türmen. Kein Vogel zwitscherte mehr, kein atmendes Wesen hielt es länger als nötig draußen aus. Es war der eisigste Winter seit Menschengedenken.

Ravna atmete tief und begrüßte die Kälte. Heute würden die Männer nicht kommen. Keine Menschenseele reiste bei solch einem Wetter. Auch dann nicht, wenn Olave der Große rief, und schon gar nicht, wenn es um eine so unbedeutende politische Allianz ging wie die, die ihre Hand versprach.

„Wartest du so ungeduldig auf deinen Freier, dass du die Arbeit vergisst, Kindchen?“

Ohne dass sie es bemerkt hatte, war Hildgur in die Kam-mer getreten. In der Stimme der alten Kinderfrau klang sanfter Spott. Hildgur wusste ebenso gut wie alle anderen am Hof, wie sehr Ravna den Gedanken an die bevorstehende Vermählung verabscheute. Doch was half es schon? Hildgur hatte sie an das erinnert, was wirklich wichtig war.

Ravna riss sich von dem Anblick der Küste und griff nach dem leeren Weidenkorb, der unter dem Fenster stand. Sie musste Holz holen. Sie musste den Kamin in der Kammer der Königin schüren und die Asche fortbringen. Affraic würde nicht zimperlich sein, wenn in ihrer Kammer die Scheite ausgingen.

Trotzdem wandte sich Ravna noch einmal an Hildgur. „Der, den du meinen Freier nennst, ist dreimal so alt wie ich, hat keine Zähne und kaum mehr Haare. Ich kann mich sehr gut an seinen letzten Besuch in Dublin erinnern.“ Arvid hatte sieben Söhne gezeugt und vier Ehefrauen unter die Erde gebracht. Ravna sollte die fünfte werden. Der Frost, der durch ihre Adern zitterte, hatte nichts mit dem Wetter zu tun. Sie strebte zur Tür.

„So schlimm wird es schon nicht werden“, sagte Hildgur, während sie Leinentücher faltete und ins Regal über der Feuerstelle legte. „Der Herr Arvid nennt ein gutes Stück Land sein eigen. Du wirst in einem schönen Haus leben und Herrin über eine eigene Halle sein.“ Sie nickte zu dem Korb in Ravnas Händen. „Dann hast du Mägde, die dir das Holz holen, und musst die Arbeit nicht mehr selbst erledigen. Als ob das ein Grund wäre, so ein Gesicht zu ziehen.“

Den strengen Worten zum Trotz sah sie Mitleid im Blick ihrer Kinderfrau. Auch Hildgur würde sie verlieren, wenn sie dem Bräutigam in die Ferne folgte. Was halfen Ravna ein geheiztes Haus, Bedienstete und Essen im Überfluss, wenn alles, was ihr im Leben etwas bedeutete, zurückbleiben musste? Nicht einmal der Gedanke, dann auch Affraic und die Stief-geschwister los zu sein, konnte sie trösten.

„Ich will ihn aber nicht“, sagte sie trotzig und stampfte mit dem Fuß auf. Sie verhielt sich wie ein Kind, nicht wie eine junge Frau, die ihren sechzehnten Winter erlebte. Womöglich hoffte sie tief in ihrem Inneren, dass sie, wenn man sie für ein Kind hielt, auch nicht verschachert werden konnte wie ein Stück Vieh. Natürlich kam sie bei Hildgur damit nicht durch. Viel zu gut kannte die Alte sie.

„Nun komm wieder zu Vernunft und hör auf, dich zu benehmen wie ein Trotzgör. Du bist eine Frau. Und eine Frau kann nur eines Mannes Tochter sein, oder eines Mannes Weib. So war es immer und so wird es immer bleiben.“

„Und was bist dann du?“

Hildgur ließ sich nicht provozieren. Vielleicht kam diese Fähigkeit mit dem Alter. Ravna selbst hatte oft das Gefühl, schon bei der kleinsten Ungerechtigkeit aus er Haut fahren zu müssen. Wer so viel Ungerechtigkeit mit ansehen musste wie sie, verlor irgendwann die Überzeugung, noch in der eigenen Haut zu stecken. Weggehen, dachte sie. Flügel bekommen wie die Möwen oder die Flussreiher, die sich majestätisch in den grauwolkigen Himmel erhoben. Wegfliegen. Frei sein. Gita im Herzen tragen und die Lieder, die sie ihr mitgegeben hatte, damals, als es ihr noch besser ging an diesem Hof.

„Ich bin eine alte Vettel, die niemand haben will. Das zählt nicht.“ Hildgur hatte ihre Tücher weggeräumt und schob Ravna jetzt geschäftig zur Tür hinaus. „Ich bin ein Teil dieses Hauses, bin es gewesen, seit ich so alt war wie dein Bruder. Betrachte mich als ein Möbelstück, dessen Holz unansehnlich und angelaufen ist. Das kann man nicht mal verschenken, ohne einen Krieg heraufzubeschwören.“

Ravna wusste, dass Hildgur Recht hatte. Es ging auch gar nicht darum, dass sie heiraten musste. Es ging um das Wen. Und um das Wie.

„Ein Eheversprechen ist bindend“, versuchte sie es erneut. Ruhiger diesmal, vernünftiger. „Wie kann Vater mich an Ar-vid verkaufen? Mutter hat mich einem anderen versprochen. Es war ihr letzter Wunsch an ihn. Es war ihr einziger Wunsch. Der einzige Wunsch, den sie jemals an ihn hatte, in all der Zeit, die sie in diesem Turm verbringen musste, weil eine andere plötzlich besser war als sie. Hat er jeden Schwur vergessen, den er geleistet hat, bevor Affraic kam? Es gab eine Zeit, da war Mutter ihm wichtig.“

Seit Gita bei Fiadhs Geburt gestorben war, hatte Ravna viel gesehen und gelernt. Mir ihrer Mutter waren auch ihre Träume gestorben. Manchmal hoffte sie, dass sie gemeinsam mit Gita auf der anderen Seite des Schleiers auf sie warteten. Die Lieder, die Gita sie gelehrt hatte, klangen zu oft nur noch leise in ihren Ohren. Der Tod ihrer Mutter hatte sie gezwun-gen, aufzuwachen und erwachsen zu werden. Denn der Kö-nig, der ihr Vater war, schien die Geliebte, die ihm erst Ravna und dann Fiadh geschenkt hatte, vergessen zu haben, kaum dass das brennende Schiff mit Gitas Leichnam am Horizont verschwunden war. Geschenke hatte Ravna schon lange nicht mehr gesehen. Doch das war nicht das Schlimme. Das Schlimme war, was geblieben war. Affraic, von der es hieß, dass sie bei den Hexen in den Bergen das Zauberhandwerk gelernt hatte. Die gemein war und gefährlich, nicht nur für das Andenken von Gita. Die Königin mit dem bösen Blick und den noch viel bösartigeren Fäusten, die zuschlagen konnten, schlimmer als die Hände eines jeden ehrhaften Mannes.

„Das war in einem anderen Leben, Kind, und jetzt sei ruhig. Sicher ist der Prinz auf deiner Insel schon längst verheira-tet. Niemand erinnert sich mehr an die alten Geschichten. Und du hast zu tun.“

Niemand. Nur Ravna. Fast meinte sie, die Stimme der Mutter zu hören, die das Lied ihres Lebens sang. Ein Bräutigam auf der Insel Cybi. Der Mann, der das Licht auf die Inseln bringen würde. Der Mann, dem sie das Schwert in die Hand legen würde, damit er König über die Länder im Nebel wurde, vielleicht sogar über Olave. Und Affraic. Auch wenn es keinen Sinn hatte, mit Hildgur zu diskutieren, hatte Ravna das Lied ihres Lebens niemals vergessen. In diesem Lied hatte Arvid, der Greis, den sie heiraten sollte, keinen Platz.

Zetern und Schreien von weit unter ihr am Fuß des Tur-mes ließ sie auffahren.

„Hört das denn nie auf?“, schimpfte Hildgur. „Können sie ihn niemals in Ruhe lassen?“ Es tat gut, dass Hildgur auf ihrer Seite stand, zumindest in dieser Sache. Sonst hatte sie niemanden mehr. Aber wenigstens Hildgur verabscheute es ebenso wie sie, wie die Stiefgeschwister Ravna und Fiadh auch noch das letzte nahmen, was sie hatten. Der Turm, in dem sie lebten, war der einzige Teil des Schlosses, in dem sie sich frei bewegen durften, doch nicht einmal hier hatten sie Ruhe von dem Gezeter von Affraics Brut. Aber Hildgur war eine alte Magd. Es zu verabscheuen, war das eine. Dagegen tun konnte die Kinderfrau nichts.

Sie fand Fiadh auf der Treppe, die zur Kammer hinauf führte. Er kauerte auf dem Boden, sein kleiner, stämmiger Körper zu einem Ball gerollt. Mit den Händen schützte er seinen Kopf. Er wimmerte und jaulte erbärmlich, was Fionngula nur anzustacheln schien. Obwohl die Stiefschwester erst dreizehn Sommer zählte, war sie fast so groß wie die Frau, von der sie abstammte. Ihre Knochen waren grob und bullig, ihr breites Gesicht mit der Pferdestirn jetzt verzerrt zu einer geifernden Fratze.

„Du kleines Miststück!“, zeterte sie, grub die Hände in Fiadhs kurze Locken, zerrte und zog daran. „Du widerlicher Teufelsbraten, gib mir das Band zurück!“

„I ... ich ... nicht.“ Wenn Fiadh aufgeregt war, fiel ihm das Sprechen schwer. Dann kam nur Lallen und Brabbeln aus seinem Mund, was Fionngula noch wütender machte.

In wenigen Schritten war Ravna bei den beiden Streithähnen. Sie ließ den Holzkorb fallen. Eben noch gelang es ihr, die Faust der Stiefschwester abzufangen, ehe sie erneut Fiadh büschelweise das Haar ausriss.

„Wirst du ihn endlich in Frieden lassen? Ist das dein Mut? Dich auf die zu stürzen, die kleiner und schwächer sind als du?“

Wut funkelte in Fionngulas Augen, als sie sich zu Ravna herumdrehte.

„Er hat mir mein neues Band gestohlen. Das Seidenband, das mir Vater aus dem Frankenreich mitgebracht hat.“

„Du weißt so gut wie ich, dass Fiadh so etwas niemals tun würde.“

„Aha? Und was ist dann das?“ Die Stiefschwester riss ih-ren Arm aus Ravnas Griff. Noch ehe Ravna reagieren konnte, begann sie erneut an Fiadh zu zerren und zu rütteln. Mit der Kraft der Verzweiflung stieß Ravna die Stiefschwester beiseite und kniete sich zu ihrem Bruder.

„Hast du das Band von Lady Fionngula genommen, mein Schatz?“ Sie streichelte über den kleinen, bebenden Körper und sah die Tränen, die Fiadh aus den rehbraunen Augen lie-fen. Schluchzend schüttelte er den Kopf.

„Gudred hat es mir gegeben. Er sagte, sie will es nicht mehr. Ich wollte es dir schenken. Zu deiner Hochzeit.“ Nur Ravna konnte verstehen, was Fiadh sagte, wenn er in diesem Zustand war. Ihr Herz zog sich zusammen. Das sah dem Stiefbruder ähnlich. Fiadh in eine Falle zu locken. Gudred war an Jahren kaum älter als Fiadh, aber natürlich lebte sein Geist nicht in der Anderswelt, und das nutzte er aus. Sein Verstand war dem von Fiadh um Jahre voraus, er war gemein und unberechenbar. Sie konnte sich bildlich vorstellen, wie er Fiadh gelockt und verführt hatte. Fiadh fehlte der Scharfsinn, um die Tücke zu durchschauen.

„Ich werde es Mutter sagen!“, zischte Fionngula, während Ravna den Bruder auf den Schoß zog und begann, ihn lang-sam zu wiegen, damit er sich beruhigte. Ein dünner Faden Blut lief ihm über die Schläfe, wo Fionngulas Fingernägel sich in seine Haut gegraben hatten.

„Mutter wird den kleinen Dieb bestrafen. Dann wirst du ihn nicht mehr retten können, wenn ihre Rute über sein Hinterteil tanzt. Vielleicht stirbt er daran, die nichtsnutzige Made. Ein gefräßiges Maul weniger zu stopfen. Außer Ärger macht er ja nichts. Wird Zeit, dass du endlich mit deinem greisen Bräutigam in die Ferne ziehst, dann steht niemand mehr zwischen der Gerechtigkeit und dem Wurm.“ Mit diesem verheerenden Urteil wollte Fionngula sich abwenden, aber dann fiel ihr Blick auf den Korb. Sie gab dem Weidengeflecht einen Tritt, dass es an die gegenüberliegende Wand flog und gefährlich ächzte. „Und Mutter wird dir schon zeigen, was es heißt, wenn du deine Aufgaben nicht rechtzeitig erledigst. In ihrem Gemach ist es eiskalt, und das ist deine Schuld!“ Sie warf den Kopf in den Nacken und stapfte davon.

Ravna begann auf der kalten Treppe zu frieren. Aber vielleicht waren der Grund für ihr Frösteln auch die Worte, die Fionngula ihr ins Gesicht geschleudert hatte. Wenn Arvid kam und sie als seine Frau in die Fremde führte, gäbe es niemanden mehr, der Fiadh schützte. Die Wahrheit schloss sich kälter um Ravnas Herz, als es Frost und Schnee jemals könnten. Dabei hatte sie der Mutter ein Versprechen gegeben. Sie erinnerte sich daran, als sei es gestern gewesen. Auf Gitas Totenbett hatte sie der Mutter geschworen, sich um Fiadh zu kümmern. Gita war es auch gewesen, die ihr erklärt hatte, dass der Geist des Brüderchens für immer in der Anderswelt zuhause sein würde. Er würde wachsen wie andere Kinder, aber er wäre ein Wunder, nicht zu erklären an den Maßstäben von Menschen wie Affraic oder Fionngula. Ravna würde begreifen, hatte Gita ihr versprochen, und sie ihrerseits hatte das Versprechen gegeben, dafür zu sorgen, dass Fiadh niemals etwas zustieß. Ravna Olavesdatter hatte in ihrem Leben noch keinen Schwur gebrochen. Aber sie bezweifelte, dass König Olave ihr erlauben würde, Fiadh mit in Arvids Land zu nehmen.

Sie nahm das Tuch von den Schultern und hüllte den Bruder darin ein. Hildgur hob den Korb auf. Einer der Henkel war abgebrochen. Taumelnd und immer noch heulend kam Fiadh auf die Füße. Seine Wangen waren verklebt von Tränen und Rotz. Ravna nahm Hildgur den Korb ab und schob dafür Fiadh in die Arme der Kinderfrau.

„Ich kann für dich das Holz holen“, sagte Hildgur halbherzig, aber Ravna schüttelte den Kopf.

„Das ändert ja nichts. Ich hole das Holz. Bring Fiadh hinauf und sorg dafür, dass er es warm hat.“

Hildgur tat gar nicht so, als wolle sie ihren eigenen Kopf durchsetzen. So schnell es ging, führte sie Fiadh nach oben, ganz offensichtlich froh, nicht in die Halle gehen zu müssen. Jeder in diesem Schloss wusste, dass es besser war, unsichtbar zu sein, wenn Affraics Brut wütend wurde.

Ravna verließ den Königshof und machte sich auf den Weg zu der Hütte, in der die Holzfäller in Olaves Diensten das Brennholz lagerten. Plötzlich stand die Wahrheit klar und deutlich vor ihr. Sie konnte nicht hier bleiben und auf Arvid warten. Sie hatte einen Schwur geleistet. Sie hatte verspro-chen, auf den Bruder zu achten. Durch Wind und Sturm bis in alle Ewigkeit. Es war so kalt, dass ihr selbst unter dem Dach der zugigen Hütte die Hände taub wurden. Mehr als einmal riss sie sich die Finger an den grob behauenen Schei-ten wund. Als die mit dem gefüllten Korb, die Linke irgendwie ins Weidengeflecht gekrallt, weil der Henkel abgerissen war, vor die Hütte trat, fiel ihr Blick auf die Werft.

War das Loki, der da auf dem umgedrehten Rumpf der neuen Galeere stand und winkte? Sie winkte nicht zurück. Wenn Affraic sah, dass sie Loki zuwinkte, wäre sie außer sich vor Wut. Dann würde es noch mehr Schläge geben als schon wegen des Streits zwischen Fionngula und Fiadh. Ravna war eine Königstochter, Loki der Sohn eines Zimmermannes und doch der Einzige, den sie an diesem Hof als ihren Freund bezeichnen konnte.

Ich kann hier nicht bleiben, dachte sie erneut und starrte auf die Holzscheite. Ich kann nicht. Ich kann nicht, ich kann nicht mit Arvid gehen und Fiadh zurücklassen.

Doch wohin sollte sie gehen? An wen konnte sie sich wen-den? Die Männer von Dublin hörten auf König Olave. Hier war sein Wort Gesetz, oder vielmehr das Wort von Affraic, dem Weib hinter dem Thron, mit ihrer bösen Zunge und den noch viel boshafteren Händen, die zuschlugen, so fest wie ein Hammer. Aber auch niemand in Ulster, dem feindlichen Land im Norden, dessen Krieger Olaves Männer töteten, wann immer sie ihnen begegneten, würde ihr Asyl gewähren. Eher würden sie die Kinder von König Olave als Geiseln nehmen und sie quälen, bis der Vater sie auslöste. Wenn sie daran dachte, dass es Affraic sein würde, die darüber ent-schied, ob Ravna und Fiadh befreit würden, wenn sie in die Hände der Männer von Ulster gerieten, wurde ihr noch kälter. Affraic würde keinen Finger für sie rühren.

Blieben die Klöster. Doch nicht einmal dort könnte Ravna um Hilfe bitten, denn in einem Konvent wäre Fiadh ebenso wenig willkommen wie hier in Dublin. Oder irgendwo sonst auf dieser Welt.

Sie hob den Kopf. Der Zimmermann auf dem Schiffsrumpf winkte nicht mehr, aber stand immer noch dort. Loki. Ein so guter Freund.

Mit einem Seufzen machte sie sich daran, ihre Last ins Schloss zu schleppen.

 

Die Nacht fiel durchs Fenster, als Ravna endlich unter die Felle schlüpfte. Ihre Finger waren wund, ihr Rücken schmerzte vom schweren Tragen und ihr Kopf war müde vom vielen Grübeln. Auf ihrer Wange brannten noch immer die Abdrücke von Affraics Fingern, auch wenn die Schläge schon Stunden zurücklagen. Vier Körbe Holz hatte die Königin sie holen lassen. König Olave hatte auf seinem Thron gesessen, mit seinen Militärberatern geredet und sich nicht darum geschert, dass Ravna beim vierten Korb kaum mehr aufrecht gehen konnte.

Sie wollte nicht schlafen, doch die Ruhe, die unten im Hof eingekehrt war, die Wärme des Feuers und ihre immer gleichen Gedanken machten es ihr schwer, die Augen offen zu halten. Ihr Prinz auf der Insel Cybi. In dem Land zwischen Wachen und Träumen spukte ihr der Gedanke durch den Kopf. Es war die Stimme der Mutter, die ihn ihr einzuflüstern schien. Ein Prinz auf der Insel Cybi. Der Bräutigam, den die Vorsehung für sie ausgewählt hatte. Mit einem Mal hatte Ravna nicht nur einen Plan, sondern auch ein Ziel. Wenn es wirklich ihr Schicksal war, dem Herrn auf der Insel zu gehören, würde er ihr sein Ohr schenken und ihr helfen. Er würde Fiadh beschützen. Cybi war weit weg im Osten, auf der anderen Seite des Meeres, weit weg von König Olave und Königin Affraic, und nah genug an ihren Träumen.

Morgen, sagte sie sich. Morgen Nacht, wenn die Sonne untergeht. Wenn das Schicksal sie an der Seite des Herrn auf der Insel wissen wollte, würde es Arvid weiter aufhalten. Dann würden Kälte, Schnee und Eis König Olaves Verbündeten von Dublin fernhalten, so lange, bis sie sich mit Fiadh auf den Weg übers Meer gemacht hatte. Sie würde zu Loki gehen, morgen, und ihn fragen. Loki verstand. Sie brauchte ein Boot. Der Wind würde sie nach Cybi tragen. Ein Tag Vorbereitung musste reichen. Ein wenig Wasser und etwas zu essen. Ein paar Schichten Kleider übereinander und das Glück und Fiadh an ihrer Seite.

Zufrieden, eine Lösung gefunden zu haben, schlief sie ein. Das Letzte, was sie hörte, war Fiadhs Stimme, der sich in ihren Arm kuschelte und murmelte: „Ich hab dich lieb, Ravna.“

 

Loki war älter als Ravna. Nicht viel, nur zwei oder drei Winter. Sein Vater hatte das Totenboot gezimmert, auf dem der Leichnam von Gita verbrannt worden war. So hatten sie einander kennengelernt. Ravna und der Junge, der mit seinen feinen, langen Händen und dem klugen Kopf besser Klosterschreiber und nicht Zimmermann geworden wäre. Stundenlang hatte er neben ihr gesessen, oben auf den Klippen. Ge-meinsam hatten sie dem brennenden Boot hinterhergeschaut, das zwischen Dublin und Cybi im Meer versank. Loki hatte Ravnas Tränen weder getrocknet noch weggewischt, aber er hatte ihre Hand gehalten und war bei ihr geblieben. Später hatte er sie Schnitzen gelehrt und dann sogar Reiten. Er war ihr bester Freund, ihr einziger Freund. Der einzige Mensch in Dublin, dem sie vertraute. Sie würde ihn nie vergessen und wünschte sich von Herzen, ihm seine Güte eines Tages vergelten zu können.

Die Werft war so groß, dass der Zimmermeister, Lokis Vater Thorstein, zu jeder Zeit vier Galeeren und eine nicht überschaubare Anzahl kleinerer Boote in Arbeit hatte. Ravna konnte nicht zählen, wieviele Männer zwischen den Schiffen umherrannten, Planken vom Sägeplatz herüberschleppten oder Pech kochten. Über allem lag das ständige Singen der Hämmer, mit denen Nägel ins Holz getrieben wurden, und der faszinierende Duft frischer Sägespäne und erkalteter Pechfeuer, der sich mit dem Salzgeschmack des Meeres ver-mischte.

Schließlich war es nicht sie, die Loki fand, sondern Loki, der sie fand. Er tauchte hinter ihr auf, während sie hilflos inmitten des Trubels stand und das Gefühl hatte, jedem im Weg zu sein.

„Bist du sicher, dass du hier sein solltest, Prinzessin?“ Seine Stimme verriet Misstrauen. Sie war oft in der Werft gewesen, aber nie während der Hauptarbeitszeit, mitten am Tag, wenn das Licht am besten war. Bisher hatte sie ihren Freund immer abends besucht, wenn die Geschäftigkeit abklang und die Pechfackeln aufloderten. Wenn Thorstein seinem Sohn nicht mehr bei jedem Handgriff auf die Finger schaute und ihm jede Minute, die er nicht in der Sägegrube verbrachte, vorrechnete.

„Hast du Zeit?“, fragte sie.

Loki blickte sich um. Thorstein stritt sich mit einem seiner erfahrensten Arbeiter um eine Veränderung in der Form des Bugs einer der neuen Galeeren. Er war beschäftigt.

Loki griff nach Ravnas Arm und rief, sodass die Männer in ihrer Nähe es hörten: „Nein, Prinzessin, wir haben im Moment keine freien Arbeiter, aber ich kann gern mit Euch kommen und mir das Problem ansehen. Ihr solltet hier nicht sein, es kann zu leicht zu einem Unfall kommen.“ Er lenkte sie so aus dem Gewirr aus Leibern und Holzbalken heraus, dass mehrmals schwer beladene Arbeiter um ein Haar über sie stolperten. An der Bauhütte führte er sie vorbei und auf der anderen Seite der Werft den Trampelpfad zu den Klippen hinauf.

Oben ließ er sich ins gefrorene Gras fallen und zog sie neben sich. Sorgfältig wickelte er sein Fladenbrot aus einem Stück Leinen, brach es in der Mitte durch und reichte ihr die Hälfte. Es war mit Hühnchenfleisch und Streifen von kaltem Kohl gefüllt. „Iss“, sagte er.

„Ich kann nicht“, flüsterte sie.

„Dann rede. Ich weiß, dass du etwas von mir willst.“

Sie schluckte. Jetzt oder nie. Sie wusste, dass, wenn Loki sie verriet und weitersagte, um was sie ihn bat, die Schläge der Hexe das wenigste waren, das ihr Sorgen machen musste. Sie nahm all ihren Mut zusammen und schaffte es doch nicht, geradeheraus zu sprechen. „Willst du nicht auch manchmal weg?“, fragte sie stattdessen.

Er lachte und beschrieb mit der Hand, in der er sein Essen hielt, einen weiten Bogen. „Von hier? Das ist das Paradies, Ravna, warum sollte ich wegwollen?“ Der Streit zwischen dem Zimmermeister und dem Arbeiter wurde so heftig, dass einzelne Wortsetzen bis zu ihnen herauf drangen. Loki schnaubte verächtlich. „Er ist so dumm.“

„Der Arbeiter?“

„Den kenne ich nicht. Nein. Thorstein.“

„Dein Vater?“ Ravna mochte ihren Vater auch nicht. Obwohl, das war nicht richtig. Sie kannte ihn zu wenig, um ihn nicht zu mögen. Aber sie wäre nie auf die Idee gekommen, ihn als dumm zu bezeichnen. Da gab es eine Barriere, und die hieß Respekt.

„Schimpft sich Meister, aber hat keine Ahnung. Wenn er den Kahn da bauen lässt, wie er es aufgemalt hat, wird die Galeere beim ersten Wellengang absaufen.“ Er biss von seinem Brot ab und sprach mit vollem Mund weiter. „Werde mir das Schiff merken und zusehen, dass ich nicht darauf zugeteilt werde.“

„Zugeteilt? Was meinst du damit?“

„Ich gehe zu den Kriegern des Königs. Im Frühling soll es wieder losgehen, nach Norden, bis hinauf nach Orkney. Dann will ich dabeisein. Ja, Ravna, ich will auch weg, und nicht nur manchmal. Das hier ist ein Verlies. Ich will hier nicht bleiben. So, wie sie die Menschen hier behandeln, so be-handeln sie nicht einmal die Hunde.“

Sie blickte auf das Fladenbrot in ihrer Hand, und weil er seins verspeist hatte, gab sie es ihm zurück. „Ich brauche ein Boot, Loki. Heute Nacht.“

Er blickte sie an. „Es ist Winter, Rabenmädchen. Warte bis zum Frühling.“

Tränen traten in ihre Augen. „Das kann ich nicht. Selbst wenn Arvid erst im Frühling kommen würde, aber Fionngula und Gudred hätten Fiadh bis dahin schon totgeschlagen. Ich muss hier weg, und Fiadh muss hier weg, aber wenn wir in die Berge gehen, kommen wir nicht weit.“

„Wenn ihr in ein Boot geht, nur ihr zwei, kommt ihr auch nicht weit“, gab er zu bedenken. „Nicht bei diesem Wetter. Jeden zweiten Tag tobt ein Sturm.“

Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Wangen und wies auf das Meer, ins Weite, in die scheinbare Unendlichkeit, die nur deshalb unendlich schien, weil die Wolken die andere Küste verbargen. „Nur bis nach Cybi.“

„Aber das ist doch ein Märchen“, flüsterte er, Nachsicht in der Stimme. „Irgendwann musst du aufhören, dich daran festzukrallen.“

„Dann hab ich gar nichts mehr. Besorgst du mir ein Boot?“

„Ravna ...“

„Heute Nacht, Loki. Irgendwie. Ich warte nicht länger. Sobald die Dunkelheit hereinbricht. Sonst ist Fiadh bald tot, und ich auch. Wenn du mir kein Boot besorgst, nehme ich irgendeines. An den Wachleuten auf der Werft komme ich vorbei.“ Hoffnungsvoll blickte sie an ihm hinauf. „Aber wenn du mir eines besorgst, fühle ich mich sicherer, weil ich darauf vertrauen kann, dass es unterwegs nicht zerbrechen wird.“

 

Kapitel 2

 

 

 

 

 

Die Sonne ging auf.

 

Ein roter Feuerball über den schneebedeckten Bergen auf der anderen Seite des Meeres, die so nah wirkten und doch so fern. Ravna schob die Stierhaut beiseite, unter der sie sich mit Fiadh verkrochen hatte. Vom Sturm der vergangenen Nacht war nur ein leiser Wind geblieben, der Eiskristalle von der Küste zu ihnen herübertrug. Staubkörnchengroße Diamanten tanzten schwerelos in der Luft und glühten rotglimmend auf, wo das Sonnenlicht sie traf.

 

Schaudernd stellte sie fest, dass der Wind aus der Richtung kam, in die sie reisen mussten. Er trieb sie von Cybi weg. Sie wollte weinen, aber fühlte sich nicht mehr dazu in der Lage.

Das Boot aus grob behauenem Erlenholz schaukelte leicht auf den kleinen Wellen. Die Luft war eisig. Das Wasser, das höher am Rumpf des Bootes anschlug, gefror erst zu Schlieren und dann zu Eis, das sich in der löchrigen Außenwand festsetzte. Der Sturm peitschte die Wellen so hoch, dass Wasser ins Boot schwappte. Dazu war beißender Eisregen gekommen.