Heißkalter Marmor

Kapitel 1

 

Vianne Lambert presste ihr Ohr an das trichterförmige Holzrohr, das sie mit dem geschwollenen Leib der Frau auf der Liege verband. Als leises Puckern war der Herzschlag des Kindes zu hören. Konzentriert sah sie auf ihre Armbanduhr, um den Puls zu messen.

 

„Berühren Sie sie nicht!“

 

Verflucht. Die kratzige Stimme mit dem schweren Akzent gehörte Balassanjan. Der Chefarzt der Entbindungsklinik tauchte nur selten im Untersuchungszimmer auf. Sie nannten ihn „Doktor Balassanjan“, aber Vianne bezweifelte, dass der Mann wirklich einen Abschluss in Medizin hatte. Jedenfalls nicht in Humanmedizin. Die meiste Zeit hockte er in seinem Büro und telefonierte. Ausgerechnet hier und jetzt konnte sie ihn gar nicht gebrauchen. Sie so anzufahren, als würde sie diesen Hinweis brauchen, störte ihre Konzentration. Herrgott noch mal, jetzt hatte sie den leisen Puls verloren und konnte von vorn anfangen.

 

„Hatte ich nicht vor. Es war immer das Hörrohr zwischen mir und der Haut der Schwangeren, wie Sie gesehen haben dürften.“ Verärgert richtete sie sich auf. Ihr Blick fiel auf das moderne Ultraschallgerät, das, in einer Plastikhülle an die Wand gerollt, vor sich hin staubte. Es war eine Schande. Sie arbeitete in einem Prunkbau aus weißem Marmor, der das turkmenische Gesundheitssystem Milliarden harter amerikanischer Dollars gekostet haben dürfte. Sie saß in einem perfekt ausgestatteten Untersuchungsraum und musste die Frauen mit einem vorsintflutlichen Hörrohr untersuchen. Denn der Etat des Krankenhauses gab es nicht her, einen Techniker zu bestellen, der die modernen Gerätschaften fachgerecht anschloss. Es war mehr als eine Schande, es war empörend.

 

Gestern hatte sie ihren Projektleiter von Médecins Sans Frontières wieder einmal darum gebeten, endlich zu veranlassen, dass die erleichternden Mittel angewendet werden konnten. Aber Garretts Antwort war immer die gleiche. Ohne offizielle Genehmigung der Regierung betrat nicht einmal eine Fliege das Ashgabat Maternity Hospital in der turkmenischen Hauptstadt. Sie hatten Genehmigungen für eine Hebamme, einen Gynäkologen und zwei Krankenschwestern. Kein Techniker der medizinischen Hilfsorganisation durfte einen Fuß in das Krankenhaus setzen, wenn sie das Projekt am Laufen halten wollten. Die bis über beide Ohren korrupte Regierung des zentralasiatischen Landes würde die Ausländer hochkant aus dem Land werfen. Garrett hatte sich ein einziges Mal an Balassanjan gewandt mit der Bitte um Intervention. Er hatte sich dabei fast um Kopf und Kragen gebracht. Seither wandelte er auf Zehenspitzen durch die heiligen Hallen, stets darauf bedacht, niemandem auf die Füße zu treten.

 

Die Schwangere auf der Liege rollte sich ächzend auf die Seite und lenkte Vianne von ihrem Zorn auf die Umstände in diesem Land ab. Zumindest für den Augenblick.

 

„Ist … Kind … in Ordnung?“, fragte sie in kaum vorhandenem Englisch. Der Atem der Frau pfiff bei jedem Wort wie der Dampf einer alten Lokomotive. Ihr Bauch war aufgedunsen. In ihrem Gewebe hatte sich so viel Wasser angesammelt, dass die Ärmste kaum aus den Augen sehen konnte. Die Füße waren zu dicken Klumpen geschwollen, und die zahllosen billigen Ringe, die sie an ihren Fingern trug, schnitten so tief ins geschwollene Fleisch, dass es schon beim Hinsehen schmerzte. Gern hätte Vianne ihr die verschwitzten Strähnen aus dem Gesicht gestrichen, aber Balassanjan stand noch immer im Raum. Gewiss verstieß bereits eine kurze aufmunternde Geste gegen das Körperkontaktverbot, unter dem sie arbeiten mussten. Mit aller Macht drängte sie den Anflug von Hilflosigkeit zur Seite und zwang ein Lächeln auf ihre Lippen.

 

„Ihrem Kind geht es gut. Die Herztöne sind kräftig und regelmäßig. Aber wir müssen Ihnen ein Mittel geben, das die Wehen einleitet. Ihr Blutdruck …“

 

„Entlassen Sie die Frau. Sie kann ihr Kind zu Hause entbinden.“ Balassanjan bellte die Anweisung wie einen Befehl, bevor er auf dem Absatz kehrtmachte, um das Untersuchungszimmer zu verlassen. Einen Wimpernschlag lang war Vianne so fassungslos, dass ihr der Mund offen stehen blieb. Reiß dich zusammen, Vianne.

 

„Einen Moment, bitte.“ Schon dabei, Balassanjan hinterherzustürmen, nickte sie der Schwangeren entschuldigend zu. Sie erwischte ihn gerade noch am Ärmel seines Arztkittels, bevor er in sein Büro verschwand. Jetzt war er fällig. Vielleicht lag es daran, dass sie letzte Nacht mies geschlafen hatte. Vielleicht lag es auch an dem Anruf von Patrice heute Morgen, der nichts Besseres zu tun hatte, als mit ihr über Banalitäten wie die Aufteilung ihrer Kochbüchersammlung zu streiten. Das Maß war voll. Sie würde nicht mit ansehen, wie eine Frau, die offensichtlich an einer Präeklampsie litt, zurück in ihr Dorf geschickt wurde, wo sie und ihr Baby höchstwahrscheinlich in den nächsten Tagen an der Schwangerschaftsvergiftung starben. Und das nur, weil das Krankenhaus eine staatlich angeordnete Quote an komplikationslosen Geburten zu erfüllen hatte. „Das können Sie nicht machen!“, herrschte sie Balassanjan an.

 

„Sagt wer?“ Drohend ragte der Arzt vor ihr auf und verschränkte die Arme vor der Brust. Bitte schön. Dieses Spiel konnten zwei spielen. Er war vielleicht der Chefarzt in dieser Klinik, aber Vianne wusste, dass er von Gynäkologie keinen Schimmer hatte. Was hatte Garrett gesagt? Balassanjan war vor vier Jahren noch Leiter der medizinischen Einrichtung in einem Straflager gewesen, ehe der neue Präsident ihn nach Ashgabat geholt und ihm diesen Posten zugeschustert hatte. Politik also. Die Qualifikation eines Menschen war in diesem Land zweitrangig, es zählten nur die Beziehungen. Balassanjan war nicht mehr als ein besser gestellter Administrator, und auch das nur, weil er dem Präsidenten mal die Wange geküsst hatte.

 

Vianne straffte ihre Schultern und richtete sich zu voller Größe auf. Zugegeben, einhundertdreiundsechzig Zentimeter waren nicht gerade beeindruckend viel, was sie in die Waagschale warf. Aber viel größer war der turkmenische Arzt auch nicht, nur breiter. Mehr als einmal hatte man ihr gesagt, dass ihre Blicke töten konnten, wenn sie es darauf anlegte. Gerade in diesem Moment war ihr danach, einen ganzen Köcher voll toxischer Blicke auf Balassanjan abzufeuern.

 

„Ich sage es. Und Sie wissen es. Der Frau muss Blut abgenommen werden, um die Leber- und Nierenwerte zu überprüfen, damit wir einen Anhaltspunkt bekommen, ob eine natürliche Geburt überhaupt noch möglich ist. Aber egal, ob natürlich oder per sectio, wenn die Geburt nicht bald eingeleitet wird, wird erst das Kind sterben und nach ihm auf qualvollste Weise die Mutter.“

 

„Seit wann sind Sie der Arzt auf dieser Station? Als ich das letzte Mal in Ihre Papiere gesehen habe, waren Sie noch Hebamme.“

 

Balassanjans Stimme troff vor Hohn, trotz oder gerade weil sein Englisch von einem schleifenden, schwer verständlichen Akzent durchsetzt war, außerdem angereichert mit einer gehörigen Portion Aggressivität.

 

„Ich bin ausgebildete Geburtshelferin. Es ist mein Job, eine Risikoschwangerschaft zu erkennen, wenn ich eine sehe.“ Sie weigerte sich, sich von ihm einschüchtern zu lassen.

 

„Dann gehen Sie und sehen, ob Sie eine andere Schwangere finden, der sie auf den Bauch schauen können. Diese Patientin ist für Sie tabu.“

 

Aus dem Augenwinkel sah sie, wie sich die Tür des Untersuchungszimmers öffnete und ihre Patientin mit tiefem Hohlkreuz und gebeugten Schultern hinter einer der einheimischen Krankenschwestern den Raum verließ. Die Schwester reichte der jungen Frau ihre Handtasche und deutete zu den Aufzügen. Oh verdammt, sie war zu langsam gewesen. Offenbar war Balassanjan zu der gleichen Erkenntnis gekommen, denn er hob zufrieden die Brauen und wandte sich endgültig von ihr ab. Nicht mit mir, Freundchen. Das letzte Wort war noch lange nicht gesprochen.

 

Einen kurzen Moment lang zuckten ihre Augen zu der kleinen Überwachungskamera in der Ecke des Flurs. Ach, vergiss es. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Sie war nicht zu Médecins Sans Frontières gegangen, um sich von idiotischen Parteivorgaben daran hindern zu lassen, den Menschen vor Ort zu helfen. Sich einen Ruck gebend, stürzte sie in Richtung Aufzüge.

 

„Warten Sie! Bitte, warten Sie!“ Die junge Frau hatte das Ende des mit glänzendem Granit gepflasterten Vorplatzes des Krankenhauses schon erreicht, als Vianne durch das gläserne Eingangsportal eilte. Sie nahm die Beine in die Hand und rannte. Sofort brach ihr der Schweiß aus. Weder Ultraschall noch CTG in der Schwangerenambulanz funktionierten, die Klimaanlage jedoch sehr wohl. Die Hitze, die im Gegensatz dazu hier draußen herrschte, fuhr ihr wie ein Schock in die Glieder. Binnen weniger Sekunden hatte sie das Gefühl, die Gummisohlen ihrer Turnschuhe würden mit dem Untergrund verschmelzen. Erst an der übernächsten Straßenecke holte sie die Schwangere ein, die wegen ihres Zustands zwar nicht sehr agil war, aber mit den Bedingungen in diesem Land viel besser zurechtkam. Keuchend kam Vianne neben ihr zum Stehen.

 

„Bin ich froh, dass ich Sie noch eingeholt habe.“ Sie fasste die andere am Ärmel ihrer bunt bedruckten Bluse und zwang sie, sich zu ihr umzudrehen. „Bitte, Sie müssen mir zuhören.“ Schock stand der jungen Frau ins Gesicht geschrieben. Fast sah es so aus, als könnte sie Viannes Gesicht nicht richtig einordnen. Dann verdunkelten sich die Augen in dem von einem Kopftuch umrahmten Gesicht.

 

„Mein Baby?“ Schützend legte sie die flache Hand auf den Bauch, und Vianne meinte, ihre Finger ein wenig zittern zu sehen. Gott sei Dank, sie hatte ihre Aufmerksamkeit. Ihre eigene Unsicherheit zurückdrängend, bemühte sie sich um ein freundliches Lächeln.

 

„Dem Baby geht es gut, aber Sie sind krank. Bitte, wollen Sie mir Ihren Namen sagen? Ich bin Vianne.“ Sie streckte ihre Hand zum Gruß aus und hoffte, mit dieser einfachen Geste eine Verbindung zu schaffen. Vertrauen, das hatte sie mit den Jahren gelernt, war die wichtigste Zutat, wenn sie neuem Leben dabei helfen wollte, auf diese Welt zu gelangen.

 

„Nurana. Was wollen …?“

 

Vianne atmete einmal tief durch. Jetzt war es wichtig, die richtigen Worte zu finden. Worte, die klarmachten, wie ernst die Situation war, auf der anderen Seite Nurana aber nicht so sehr verschreckten, dass sie ihr das gerade erst gewonnene Vertrauen sofort wieder entziehen würde. „Sie sind krank. Die Hitze, das Wasser in Ihrem Körper. Die Schwangerschaft verlangt Ihrem Organismus zu viel ab, und wenn das Baby nicht bald auf die Welt kommt, wird das gefährlich für Sie und das Kind. Wo wohnen Sie, Nurana? Ich kann Sie in ein paar Stunden besuchen kommen und Ihnen helfen, die Geburt einzuleiten.“

 

Misstrauen verengte die Augen von Nurana. „Baby kommt, wann kommt. Wehfrau in Distrikt helfen.“ Ja, ganz sicher. Und wenn diese Wehfrau dann das tote Kind in den Händen hielt, war es bestimmt der Fehler der westlichen Hilfskräfte, die Nurana mit ihren bösen Blicken vergiftet hatten. Doch mit Sarkasmus käme sie hier nicht weiter.

 

„Ganz sicher wird die Hebamme in Ihrem Dorf Ihnen helfen. Ihr Dorf, wo ist das? Vielleicht kann ich kommen und etwas lernen? Ich bin noch jung. Bestimmt kann mir die Wehfrau in Ihrem Dorf noch einiges beibringen, und ich kann ihr zeigen, wie wir im Westen arbeiten. Wir könnten voneinander lernen. Wie klingt das?“ Das Misstrauen auf der Miene der anderen wurde zu zarter Freude.

 

Im selben Moment bog ein knatternder Lada Niva um die Straßenecke, die die Auffahrt mit der Hauptstraße verband. Sofort verschloss sich Nuranas Miene wieder.

 

„Muss gehen.“

 

„Wohin?“ Vianne war noch nicht bereit, aufzugeben. Diese Frau und ihr Kind waren zu einer persönlichen Angelegenheit geworden. Der Wagen blieb neben ihnen stehen. Am Steuer saß ein Mann Ende zwanzig mit asiatischen Gesichtszügen, halb offenem, grob gemustertem Hemd und dunkler Sonnenbrille. Er nickte Nurana kurz zu. Es war, als würde die junge Frau unter diesem Blick schrumpfen. Vianne verbarg ihre Hände hinter dem Rücken, um nur ja nicht zu vergessen, dass sie Nurana nicht berühren durfte.

 

„Nicht Dorf. Elfter Mikrodistrikt.“ Mit hängenden Schultern hievte sich Nurana auf den Beifahrersitz des Nivas. Weder von der jungen Frau noch von ihrem Begleiter erntete Vianne ein weiteres Wort oder auch nur einen Blick. Zu gleichen Teilen erleichtert und unsicher blickte sie dem davonscheppernden Wagen nach.

 

War das ein Teilsieg? Immerhin hatte sie eine grobe Richtung bekommen und den Namen eines Stadtteils. Doch wie sollte es ihr gelingen, rechtzeitig dorthin zu kommen, um das Schlimmste zu vermeiden? Sie wusste nicht einmal, wo das war. Die Behörden hatten den Helfern von MSF keine Materialien gegeben, um sich in der Stadt zurechtzufinden, weil sie nach deren Meinung dort nichts zu suchen hatten. Ob ihr Garrett helfen würde, der britische Gynäkologe, der das Team leitete? Beinahe hätte sie gelacht. Garrett, der auf Zehenspitzen wandelte. Sie war auf sich gestellt. Sie würde heute Abend in Ruhe darüber nachdenken, was am besten zu tun sei. Jetzt galt es zunächst einmal, sich dem Zorn von Balassanjan zu stellen. Mit Sicherheit war ihre Eigeninitiative nicht unbemerkt geblieben.

 

Sie blickte sich um. Die Gehwege waren leer. In der Mittagshitze hingen die Flaggen vor dem fünfstöckigen Marmorbau am Ende der Straße schlaff herunter. Kein Mensch war zu sehen, bis auf zwei Männer, die einen Block die Straße hinunter beieinanderstanden und redeten. Sie kniff die Augen zusammen. Einen der beiden meinte sie zu erkennen. War das nicht einer der jungen Pfleger, die hin und wieder in der Klinik halfen, um die Patientinnen auf Bahren durch die Gänge zu fahren? Vielleicht täuschte sie sich auch. Schwarze Haare, bronzefarbenes Gesicht und er trug auch keine Klinikuniform, also wahrscheinlich nicht. Männer, die so aussahen, gab es in dieser Stadt Tausende. Der andere hatte die Statur eines Bären und einen kahl rasierten Schädel. Den kannte sie auf keinen Fall. So einen Mann vergaß man nicht, wenn man ihm schon einmal begegnet war. Sie wandte sich um, um wieder zurückzugehen, da raste wie aus dem Nichts ein Auto um die Ecke. Erschrocken sprang sie einen Schritt zurück. Um ein Haar hätte die schwarze Limousine sie über den Haufen gefahren. Sie unterdrückte einen Fluch, als sie ins Straucheln geriet.

 

Dann ging alles ganz schnell. Das Beifahrerfenster des Wagens wurde heruntergelassen, die Mündung einer Schusswaffe herausgeschoben. Entsetzt schnappte sie nach Luft. Die Waffe richtete sich jedoch nicht auf sie, sondern auf die beiden Männer.

 

Schüsse fielen. Einer. Zwei. Drei. Adrenalin schoss ihr in die Adern. Einer der Männer, der Bär, brach zusammen, der andere schaffte es irgendwie, sich hinter eines der in der Mittagssonne dösenden Häuser zu retten.

 

Viannes Herz pumpte so schnell, dass ihr schwarz vor Augen wurde. Immer noch dröhnte das Krachen der Schüsse in ihren Ohren. Hektisch sah sie sich um. Am Ende der Straße, vor dem Klotz aus Marmor mit den schlaffen Flaggen, bog das Auto mit dem Schützen darin auf die Hauptstraße. Dann verschwand es.

 

Vianne war immer noch schwindlig. Was …? Ziellos irrte ihr Blick umher. Die Gedanken in ihrem Kopf liefen Amok, so schnell, dass sie keinen einzigen fassen konnte. Da war nur dieser dunkle Haufen Mensch am Fuße des Brunnens. Gekrümmt lag er auf der Seite. Als sie sich ihm näherte, sah sie, wie sich eine rote Lache unter seiner Schulter auf dem hellen Granit ausbreitete.

 

Sofort gewann die Medizinerin in ihr die Oberhand über die verängstigte Frau. Da lag ein Mensch, der Hilfe brauchte. Versuchen zu verstehen, was sie gerade bezeugt hatte, konnte sie später. Dann, wenn sie den Heulkrampf hinter sich gebracht hatte, der gewiss auf den Schock folgen würde. Ganz gleich, an wie vielen Orten sie schon gewesen war, an gefährlichen Orten, an unterentwickelten Orten. Noch nie hatte sie mit ansehen müssen, wie ein Mann einfach so auf offener Straße niedergeschossen wurde. Sie war Hebamme, verdammt noch mal. O Himmel, und da hatte sie vorhin schon gedacht, dass der Tag seinen Tiefpunkt erreicht hatte.

 

 

 

*

 

 

 

Scheiße, das tat weh!

 

Aleksey Petrokow kämpfte gegen die Schwärze, die versuchte, in seinen Geist zu dringen und ihn auszuschalten. Er war tot, wenn er das zuließ. Als er versuchte, sich aufzurichten, liefen all die kleinen glühenden Feuerbälle, aus denen der Schmerz bestand, an einer einzigen Stelle zusammen. In seiner rechten Schulter, knapp über dem Schlüsselbein.

 

Dass er das noch spürte, bedeutete zumindest, dass er am Leben war. Das war ein Trost. Vorläufig. Er erinnerte sich, drei Schüsse gehört zu haben. Davon nur ein Treffer und selbst der ging daneben? Die hohen Herren würden sich um ein paar zielsichere Scharfschützen bemühen müssen. Das war nicht gewesen, um ihm Angst zu machen. Das war gewesen, um ihn aus dem Spiel zu treten, kaum dass er die Bühne wieder zu erklimmen begann.

 

Ein Warnschuss hätte den Jungen getroffen, nicht ihn. Der Junge war das klassische Bauernopfer, einer, dessen Tod niemand hinterfragen würde. Er stöhnte und drehte den Kopf, aber sah den Jungen nicht mehr. Er kannte nicht mal dessen Namen. Der kleine Kerl war weg. Schlau? Nicht so schlau? Es war nicht die Art der Regierung, jemanden davonkommen zu lassen. Der Bengel machte sich besser ganz aus dem Staub und tauchte in der Klinik nicht mehr auf. Er sollte rennen, bis er die Wüste erreichte, in eine Jurte ziehen, sich eine Frau suchen und nie mehr in die Stadt kommen. Vielleicht hatte er dann die Chance, dass sie vergaßen, mit wem er geredet hatte.

 

Aleksey stöhnte und spürte, wie das Blut aus ihm hinauslief. Er presste eine Hand gegen das Loch in der Schulter. Warm und zähflüssig sickerte Feuchtigkeit durch seine Finger, machte sie glitschig. Sein Kopf sackte zurück. Er biss die Zähne zusammen. Der Schock müsste abklingen, demnächst, dann konnte er versuchen, auf die Beine zu kommen und sich von hier wegzuschleppen. Mit einer breiten Blutspur hinter sich, der jeder einfach folgen konnte. Er nahm die Hand von der Schulter und tastete über seine Hosentasche, um das Handy zu finden. Halb richtete er sich auf. Mit seinen verschmierten Fingern fand er zwar das Handy, schaffte aber nicht, danach zu greifen und es aus der Jeans zu ziehen. Verdammt noch mal.

 

Mistkerle. Wenn sie hofften, es geschafft zu haben, dass er das Schlachtfeld verließ, obwohl ihre Amateure nicht wirklich getroffen hatten, irrten sie sich. Er war unaufmerksam gewesen, das würde ihm nicht noch mal passieren. Er hatte einfach nicht damit gerechnet, dass sie ihm so schnell auflauern würden. Noch ehe er die erste Zeile getippt, den ersten Bericht auf Band gesprochen hatte. Vielleicht war er in der Zeit, in der er weggesperrt gewesen war, auch langsamer geworden, als er geglaubt hatte. Er durfte sich nicht überschätzen, ebenso wenig wie er die Gegenseite unterschätzen durfte.

 

„Bleiben Sie liegen.“

 

Und was war das? Wenn man es von allen Seiten betrachtete, war es erstaunlich, dass nicht weiter geschossen wurde. Die Straße war so gut wie leer gefegt. Was hielt die Kerle davon ab, ein ganzes Magazin auf ihn abzufeuern und den Job zu beenden? Die Frau, die vor der Klinik gestanden und dem rostigen Niva hinterhergestarrt hatte?

 

Er ächzte, als er noch einmal versuchte, sich aufzurichten. Der Schmerz in der Schulter wollte ihm die Besinnung rauben, aber hier liegen bleiben konnte er nicht. Er schob die Hand wieder auf seine Schulter, um den Schaden zu erfühlen, aber resolute Finger umklammerten sein Handgelenk.

 

„Lassen Sie das.“

 

Eine Frauenstimme, die Englisch sprach. Eine der europäischen Entwicklungshelferinnen aus der Entbindungsklinik? Welche andere Erklärung gab es? War die wegen des Jungen hier draußen gewesen? War der doch nicht so unauffällig, wie er behauptet hatte, und hatte sich erkennen lassen? Alekseys Kopf sackte zurück. Er stöhnte auf, als Beelzebub den Kochlöffel auspackte und freudig in der Wunde herumzurühren begann. Willkommen in der Hölle, Aleksey Sergeyewich, ich hab dein Abendessen schon vorbereitet und verfüttere dich an dich selbst.

 

Nur langsam klärten sich die Schlieren vor seinen Augen, schaffte er es, das Dunkel aus seinem Sichtfeld zurückzudrängen. Die Augen, die auf ihn herabsahen, waren so dunkelblau wie der Abendhimmel über Karakum. Die Strenge, die sie zu vermitteln suchten, konnte nicht über die Sorge hinwegtäuschen. Unvermittelt wünschte er sich, diese Augen lächeln zu sehen. Hoffentlich blieb ihm dafür noch genug Zeit.

 

„Helfen Sie mir auf“, sagte er.

 

„Das könnte Ihnen so passen. Ich werde die Sanitäter mit der Trage anfordern. Sie bleiben gefälligst liegen.“

 

Er schnaubte und bereute es sofort. Verflucht. Er drehte sich ein wenig auf die Seite, rollte sich um den Feuerball in seiner Schulter herum zusammen. Sie zerrte ihn zurück.

 

„Die Sanitäter, was?“, keuchte er.

 

„Dazu sind die da.“ Sie zog einen Pager aus der Tasche ihres Kittels. Er beeilte sich, seine Finger auf ihre Hand zu legen. Sehr zart und feingliedrig. Warme Finger. Er ließ seine Hand länger liegen als nötig, und sie hob den Kopf.

 

„Ja, aber nicht für Abschaum wie mich.“

 

„Wie bitte?“

 

„Sie haben zwei Möglichkeiten. Mich hier im Staub verrecken zu lassen, weil Sie mich nicht aufstehen lassen wollen, oder aber mir beim Aufstehen zu helfen.“

 

„Jemand hat auf Sie geschossen.“

 

Er war klug genug, das Lachen zu unterdrücken, um den Schmerz am Auflodern zu hindern. Aber das Unterdrücken tat fast genauso weh. „Was Sie nicht sagen. Helfen Sie mir jetzt hoch? Ich mag nicht wie ein Wurm am Boden liegen, wenn die wiederkommen.“

 

„Wer waren die?“

 

„Ich hab vergessen zu fragen.“ Endlich saß er. Er atmete zweimal tief durch, um gegen das Schwindelgefühl in seinem Kopf anzugehen. Er tastete nach der verletzten Schulter. Sein Shirt troff vor Blut, die Mistkerle hatten doch tatsächlich den Tragriemen seiner Kamera zerschossen. Er zog die Ledertasche zu sich und riss den Klettverschluss auf, argwöhnisch beobachtet von der Krankenschwester.

 

Die Kamera war unversehrt. Er blinzelte zu der Frau hinauf. „Machen Sie ein Bild von mir?“ Sein Blut hatte eine Lache und dünne rote Linien in den dreckigen Sand gefressen.

 

„Ich soll was?“ Sie sah süß aus, wenn sie schockiert war.

 

„Ich brauch das für die Reportage.“ Er hielt ihr die Kamera entgegen. „Danach können Sie mich mir selbst überlassen.“

 

„Das werde ich nicht tun.“ Schock machte Platz für Entrüstung.

 

„Welches? Das Foto oder dass Sie mich mir selbst überlassen?“

 

„Beides!“, fuhr sie auf. „Hey, Mann, Sie sind schwer verletzt! Sie müssen ins Krankenhaus!“

 

„Ich kann Ihnen versichern, Erkin Balassanjan wird nicht mal meinen großen Zeh in seinen Hallen dulden. Wenn Sie nicht aus diesem Land rausgeschmissen werden wollen, nehmen Sie meinen Rat an und kümmern Sie sich nicht weiter um mich.“

 

Sie runzelte die Stirn und sah auf ihn herab. Ihr Gesicht war sehr fein gemeißelt, eine zarte Knochenstruktur, hohe Wangen und helle Porzellanhaut, die durch ihr sattbraunes Haar noch betont wurde. Fast wie eine Puppe. Wer ließ eine Puppe im turkmenischen Wüstensand Wunden verbinden? Sie sollte die Theatersäle und klassischen Konzerte in London und Paris verschönern, nicht hier im Dreck für Menschen den heiligen Samariter spielen, die nach Ansicht der eigenen Regierung keine waren.

 

„Warum?“, fragte sie.

 

„Warum was?“ Er hatte den Faden verloren, ihr Gesicht hatte ihn abgelenkt. Interessant.

 

„Warum werden die Sie nicht behandeln? Sind Sie Ausländer?“

 

„Das hängt vom Betrachter ab. Ich bin hier geboren, aber meine Eltern nicht. Was wird das, meine Lebensgeschichte?“

 

„Sie sind Russe?“

 

Er deutete eine Verbeugung an. „Aleksey Petrokow, zu Ihren Diensten, Madam.“

 

„Und deswegen werden Sie nicht behandelt? Oder deswegen werden Sie beschossen?“

 

„Weder noch.“ Das mit dem Foto würde wohl nichts werden. Schade. Also musste er drastische Worte finden, um die Situation rüberzubringen, wenn er seine Reportage für Patrice fertig machte. Später. Im Moment musste er erst mal einen Unterschlupf finden oder irgendwie nach Hause kommen. Besser Zweiteres, um seine Wunden zu lecken. Er verstaute die Kamera in der Tasche und ging kurz den Inhalt durch. Das Handy war in Ordnung, der neue Kratzer auf dem Display machte keinen Unterschied. Er hing ohnehin nicht an dem Teil. Das Notizbuch mit den eng beschriebenen Seiten, das Diktiergerät. Alles da, alles unversehrt. Alles, bis auf ihn.

 

Sie beobachtete ihn mit gerunzelter Stirn. „Sie sind Reporter?“ Eine Spur Unglauben färbte jetzt ihre Stimme. „Sie sind ein verdammter Reporter und lassen sich auf der Suche nach dem Kick totschießen?“

 

Er hob überrascht die Brauen. „Kick?“

 

„Profilierung. Ruhm. Das eine geile Foto, der eine schockierende Bericht auf Kosten derer, denen Sie mit ein paar Worten ohnehin nicht helfen können. Der Kick.“

 

Er spürte, wie sein Mundwinkel zuckte. Er blinzelte zu ihr hoch. Sie war aufgestanden und starrte auf ihn herab.

 

„Lassen Sie mich raten. Sie haben einen Hass auf Reporter.“ Es war kein Raten ins Blaue hinein. Er kannte diese Art von Gerede. Er hatte sie oft genug gehört, damals, ehe sie ihn wegsperrten. Weil er immer wieder gegen alle Auflagen verstieß und weitermachte, egal um welchen Preis. Tat sie nicht dasselbe? Ihre Waffe waren ein rotes Kreuz auf dem Häubchen und eine Spritze in der Hand. Seine Waffe war das verdammte Diktiergerät.

 

„Ich hasse Reporter nicht. Sie ermüden mich nur. Hass ist verschwendet.“

 

Niedlich, wie sie bei dieser Aussage die Unterlippe ein wenig vorschob und ihre Augen sich verengten. Grinsend nickte er und wälzte sich auf die Knie. Er brauchte ihre Hilfe nicht, um aufzustehen. Trotz gab ihm die Kraft, den Schmerz niederzukämpfen und auf die Füße zu kommen. Im Leben nicht würde er sich vor dem Kätzchen eine Blöße geben.

 

Schwankend stand er. Jetzt war sie es, die zu ihm aufsehen musste. „Gehen Sie zurück ins Hospital. Ihre Hilfe wird da drin gebraucht, nicht hier draußen.“ Er umklammerte die Ledertasche mit einer Hand, als er sich schleppend auf den Weg machte. Weg von der Straße, zwischen die Schatten der Häuser.

 

Nach vier Schritten sackten die Knie unter ihm weg, als Kälte und Schwärze mit aller Macht zurückkehrten und Beelzebub ihm eins mit dem Hammer über den Kopf zog. Verflucht, war das Letzte, was er dachte, dann krachte er mit der verletzten Schulter voran in den Dreck.

 

 

 

Er hatte keinen blassen Schimmer, wie lange er weg gewesen war, als sein Bewusstsein, wie von einem Ochsenkarren gezogen, zurück an die Oberfläche drängte. Druck auf der Schulter. Zerren, Schieben. Leise gemurmelte Flüche, die er nur an der Art der Stimmfärbung als solche erkannte. Was auch immer sie mit ihm machte, es tat nicht mehr weh. Was hatte sie ihm gegeben, ein Pferdebetäubungsmittel? Welche Sprache war das? Es klang wie …

 

„Französin“, murmelte er und blinzelte. „Sie sind Französin.“

 

Beinahe erschrocken sank sie auf die Fersen zurück. „Sie dürften gar nicht wach sein.“

 

„Was für ein Zeug ist das?“ Nicht mal ein leises Summen im Kopf, wie er es bei einem starken Schmerzmittel erwarten dürfte. Gar nichts. Und überhaupt, warum war sie immer noch da, drückte eine Kompresse auf seine Schulter und fluchte dabei?

 

„Ich hatte so schnell nichts anderes zur Hand“, sagte sie entschuldigend.

 

„Was ist das?“

 

„Ein Mittel, das Gebärenden mit Komplikationen ins Rückenmark gespritzt wird. Dann wird die Entbindung leichter.“

 

Es dauerte einen Moment, ehe bei ihm ankam, was sie gesagt hatte. Selbst dann konnte er es nicht glauben. Er wollte lachen, aber es blieb ihm in der Kehle stecken. Die Frau war ja verrückt.

 

„Tragen Sie das in der Schürzentasche mit sich rum?“

 

„Nein, ich bin reingegangen und habe … also ich wollte die Sanitäter holen. Aber Sie hatten recht. Verdammt noch mal, Mann, Sie haben hier allein im Dreck gelegen und kein Schwein hat sich um Sie gekümmert, während ich in der Klinik das Zeug geholt habe! Sie waren minutenlang allein, mitten in einer Blutpfütze, und mindestens fünf Autos sind einfach an Ihnen vorbeigefahren! Was für ein Land ist das?“

 

Er richtete sich auf. Zumindest hatte sie ihm nicht weiter damit geschadet, dass sie trotz seiner Warnung versucht hatte, ihm zu helfen.

 

„Willkommen in Turkmenistan“, knurrte er. Die Straße war immer noch leer gefegt, keine Menschenseele zu sehen. Was natürlich nicht bedeutete, dass nicht hundert geheime Augen auf ihm ruhten und seine nächsten Schritte beobachteten.

 

„Ich wollte ein passenderes Schmerzmittel für Sie haben, wenn schon keiner bereit war, Sie ins Gebäude zu holen, aber das ist …“

 

„… eine Entbindungsklinik, ich weiß.“ Er hob eine Braue.

 

„Wir haben nicht all die Dinge zur Verfügung, die wir eigentlich brauchen würden.“

 

„Ja. Ich weiß. Deswegen bin ich hier. Hören Sie, Sie sollten dieses Land verlassen. Sie sind viel zu gutherzig für Ashgabat.“

 

„Sie halten mich für schwach?“

 

„Nein, ich halte Sie für zu gut für uns. Zu stark, um hier zu überleben. Das hier ist nicht Ihre Welt. Sie sehen den weißen Marmor, die goldenen Kuppeln und all das perfekte Grün dazwischen und denken, ein Land, in dem so viel Liebe in die Architektur gesteckt wird, muss auch Menschen mit Herzen aus Gold haben.“ Er schnappte nach Luft, der Schmerz drückte ihm die Lungen zusammen. „Hat es aber nicht. Sie könnten natürlich so lange bleiben, bis Sie das begreifen. Oder Sie gehen, bevor der Schleier vor Ihren Augen zurückgezogen wird.“ Schwerfällig kam er auf die Füße. Ein leichtes Kribbeln rieselte durch seine Beine und den Rücken. Wahrscheinlich war er nur deshalb wach, weil das Medikament seine Barrieren nicht ganz traf. Wenn sich dies änderte, würde er wieder einschlafen, und bis dahin wollte er zu Hause sein. Betäubungsmittel bei Entbindungen mit Komplikationen. Himmel noch mal. Wahrscheinlich wirklich dasselbe Zeug, mit dem Pferde oder Großkatzen ausgeknockt wurden.

 

„Warum ist hier niemand, der sich für das interessiert, was mit Ihnen geschehen ist?“

 

Mit einem Hauch Anerkennung schürzte er die Lippen, als er auf sie hinuntersah. „Jetzt beginnen Sie, die richtigen Fragen zu stellen. Weil es so angeordnet wurde. In diesem Viertel wird kein Mensch niedergeschossen. Diesen Vorfall hat es nicht gegeben. Man hätte Sie eigentlich im Hospital an einen Stuhl binden müssen. Ich vermute, man will Sie loswerden, weil Sie da drin genauso dickköpfig sind wie hier draußen. Danke fürs Verbinden.“

 

„Das muss genäht werden“, sagte sie eilig. Er nahm sein Handy aus der Hosentasche und tippte eine Nachricht an Semjon. Seine Finger klebten vom getrockneten Blut. Entbindungsklinik, Westeingang.

 

Als er aufblickte, sah er, dass ihre Augen auf ihm ruhten. Er hob die Schultern und zuckte zusammen, auch wenn es nicht mehr so wehtat wie vor seiner Besinnungslosigkeit. „Ich kann hier nicht bleiben. Ich lasse mich abholen.“

 

„Von wem?“

 

Amüsiert über die Frage hob er die Brauen. „Von einem Freund.“

 

„Versteht der sich darauf, eine Wunde zu nähen? Oder gibt es da, wo Sie hinfahren, ein Krankenhaus, in dem Sie behandelt werden?“

 

Er schnaubte. Das tat gar nicht mehr weh. „Sie haben es wirklich noch nicht gelernt, oder? Jeder Chefarzt jedes Krankenhauses in diesem Land hat eine Liste mit Leuten, die er nicht in seine Hallen lassen darf. Ich stehe auf jeder dieser Listen. Mit Namen, Adresse, Stammbaum und Versicherungsnummer. Das ist eine hohe Ehre, wissen Sie? Die meisten Leute stehen nur mit Namen in diesen Listen.“

 

„Das ist unmenschlich.“

 

„Da haben Sie recht.“ In der Ferne heulten Bremsen auf, als abgefahrene Reifen zu schnell in eine Kurve schleuderten. Der Motor war zu laut, ein blechernes Klappern, das Aleksey erkannte. Er sah auf die Frau hinunter. „Noch mal danke.“

 

„Wohin fahren Sie?“

 

„Nach Hause.“

 

„Wo ist das?“

 

Prüfend betrachtete er sie. War sie wirklich nur neugierig oder doch ein Spitzel? Im Grunde war es egal. „Im elften Mikrodistrikt.“ Es war kein Geheimnis, das er ihr verriet. Alle wussten, wo er wohnte. Seine Zweizimmerwohnung im vierten Stock war bereits einen Tag nach seiner Entlassung aufgebrochen und durchwühlt worden.

 

Überraschung in den feinen Gesichtszügen. „Da wohnt auch die Frau, die ich vorhin in der Klinik untersucht habe.“

 

Jetzt hatte sie seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Der Spürhund in ihm ließ sich auch von Großkatzenbetäubungsmitteln nicht so einfach ausschalten. „Was ist mit der Frau?“

 

„Sie ist sehr krank. Aber der Chefarzt will nicht, dass ihr in der Klinik geholfen wird.“

 

„Was sind Sie? Der gute Geist von Ashgabat? Sie können nicht all denen helfen, denen das Land nicht helfen will. Das schafft kein Mensch.“

 

„Ich hatte meine Hände auf der Frau und weiß, dass sie nicht überleben wird, wenn dieses Kind zu Hause entbunden werden soll“, sagte sie trotzig. „Ich kann nicht hier sitzen und nichts tun, wenn ich weiß, dass sie dann stirbt. Wenn Sie mir nicht helfen, finde ich einen anderen Weg in diesen Distrikt.“

 

Um Himmels willen, sie war unglaublich. Feuer in den Augen, Leidenschaft in der Stimme. Semjon zog den alten himmelblauen Moskwitsch an den Straßenrand. Aleksey betrachtete die Frau, die flehend zu ihm aufsah. Die mit ihren unwiderstehlichen Augen darum bettelte, dass er sie in den Elften mitnahm – ganz bestimmt keine Gegend für Ausländer.

 

„Können Sie das nähen?“ Er nickte zu seiner Schulter hinunter.

 

„Ich weiß nicht. Ich kann es versuchen.“

 

„Die Kugel muss auch raus, nicht wahr?“

 

Sie wurde blass. „Ja.“

 

Er grinste sie an. „Stellen Sie es sich einfach als eine Entbindung vor. Das kleine Runde rausholen, damit es dem Wirtstier wieder besser geht. Ahhhh, die Erleichterung.“ Er zwinkerte, und ihr Mundwinkel zuckte unfreiwillig. Er riss die Autotür auf, an der der Griff lose war, und klappte den Beifahrersitz nach vorn. „Rein mit Ihnen. Schauen wir uns mal ein wenig in Ashgabat um.“

 

 

 

Kapitel 2

 

 

Vianne konnte nicht glauben, dass sie wirklich zu den beiden Fremden ins Auto stieg. Aber der Mann namens Aleksey hatte recht. Trotz der Kompresse blutete es immer noch aus der Schulterwunde. Die Kugel musste raus, und zwar bald. Immerhin gab es so etwas wie einen hippokratischen Eid. Der galt zwar eigentlich nur für Ärzte, aber sie war noch nie eine gewesen, die gewisse Dinge allzu eng sah. Sich vollkommen darüber im Klaren, ihren Helferkomplex und ihre Neugier nicht zurückdrängen zu können, seufzte sie theatralisch auf und tat, was er von ihr verlangte.

 

Vor Aleksey kletterte sie in das seltsame Auto, das keine hinteren Türen besaß. Im Wageninneren roch es nach Mottenkugeln und künstlichem Bergamottenaroma. Sie erwartete, dass Aleksey sich auf den Beifahrersitz fallen lassen würde, doch zu ihrer Überraschung folgte er ihr auf die Rückbank. Seine Lippen verjüngten sich zu einem schmalen Strich bei der Kletterpartie, doch ihm entfuhr nicht ein einziger Schmerzenslaut. Offenbar hatte sie die Dosis perfekt getroffen. Er funktionierte leidlich, schien für den Moment kaum Schmerzen zu haben. Auf Russisch sagte er etwas zu dem Fahrer, der daraufhin den Beifahrersitz nach hinten klappte, sich darüberlehnte, die Tür zuzog und Gas gab. Nur Sekunden später fädelte sich der Wagen in den Verkehr der Hauptstraße. Immer wieder erstaunte es Vianne, wie viele teilweise noch ganz neue Autos die mehrspurigen Verkehrsadern belebten, obwohl auf den prunkvollen Bürgersteigen der Stadt kaum Menschen zu sehen waren. Wobei, das stimmte nicht ganz. An der Ecke, wo der klapprige Wagen in den rollenden Verkehr einbog, standen zwei bewaffnete Polizisten. Offensichtlich ungerührt sahen sie zu, wie Alekseys Freund vorsichtig das Lenkrad drehte. Eine Stahlfaust wühlte in Viannes Magen. Nicht wegen der Fahrweise des Mannes. Von ihrem Standpunkt aus mussten die beiden Beamten gesehen haben, wie auf offener Straße ein Mann niedergeschossen wurde, doch sie hatten nicht eingegriffen. War Aleksey doch nicht unschuldig? War er jemand, den die Polizei loswerden wollte, und am liebsten, ohne sich selbst die Hände dabei schmutzig zu machen? Dann war es wirklich eine ziemliche Dummheit, in das Auto gestiegen zu sein.

 

Der Wagen schnurrte gleichmäßig dahin, wenn man vom gelegentlichen Klappern des Unterbodens und des losen Türgriffes absah. Die Übelkeit zog sich zurück, wurde zu einem undefinierbaren, kalten Gefühl in ihren Eingeweiden. Heute mehr denn je glich das Fahren durch Ashgabat einer Reise durch die Zauberwelt von Oz. Sie waren auf den breiten Straßen unterwegs, die ihnen ein Führer des turkmenischen Fremdenverkehrsamtes bei ihrer Ankunft stolz gezeigt hatte. Das Regierungsviertel und die angrenzenden Stadtteile, in denen die Beamten der Regierung lebten. Weißer Marmor, glänzendes Gold, so weit das Auge reichte. Geschwungene Straßenlaternen, die bei Nacht mit üppigem Grün gesäumte Boulevards beleuchteten, nirgendwo auch nur ein Körnchen Staub. Aber nicht eine Menschenseele, die all den Prunk genoss. Eine Geisterstadt.

 

Sie schauderte. Was, wenn sie zu einem Verbrecher ins Auto gestiegen war, der sie entführte, um Lösegeld von ihrer Hilfsorganisation zu erpressen und die schwangere und hilfsbedürftige Nurana als Lockvogel benutzte? Sie schob den Gedanken beiseite. Wenn es so wäre, dann wäre sein Weg, ihrer habhaft zu werden, reichlich unkonventionell. Niemand hatte wissen können, dass sie Nurana nachlaufen würde. Sich selbst die Schulter zerfetzen zu lassen, kam ihr dann doch etwas zu drastisch für ein Ablenkungsmanöver vor.

 

Wenn Ashgabat die Zauberwelt von Oz war, dann herrschte in dieser Smaragdenstadt kein guter Magier, sondern eine Hexe mit nicht besonders freundlichen Absichten. Etwas Böses lag in all der Perfektion, etwas Unheimliches, das noch verstärkt wurde von dem kupfernen Blutgeruch, der langsam den Duft des Wunderbäumchens Marke Bergamotte am Rückspiegel überlagerte.

 

Als hätte er ihre Gedanken erraten, griff Aleksey nach ihrer Hand und drückte sie kurz.

 

„Gleich wird es besser. Sobald wir auf der anderen Seite der Bekrewe Sayoly sind, kommen wir zurück in die echte Welt. Da achtet niemand mehr auf uns.“

 

Die andere Seite. Die Seite, die sie nicht kannte und nach dem Willen einer Regierung, die ihre Anwesenheit zähneknirschend duldete, auch nicht kennenlernen sollte. Sie löste ihren Blick vom Fenster und wandte sich ihrem Begleiter zu. Zum ersten Mal gestattete sie sich, den Mann, dem sie gleich eine Kugel aus der Schulter pulen würde, richtig anzusehen. Er war größer als die meisten Männer, die sie bisher in Turkmenistan getroffen hatte, aber nicht wirklich groß. Nicht hochgewachsen und schlank wie Patrice. Unter dem schwarzen Shirt und an seinen nackten Oberarmen spannten sich bullige Muskeln, die ihm eine unausweichliche Präsenz verliehen. Ein Körper, der sagte, an mir schaust du nicht vorbei. Ein kunstvolles Tattoo rankte sich von seinem linken Oberarm zu seiner Schulter hinauf, bis es unter dem Stoff des Shirts verschwand. Unwillkürlich fragte sie sich, wie viel von seiner Haut dieses Tattoo noch bedeckte. Das war nicht der Körper eines Reporters. Das war der Körper eines Kämpfers. Verstärkt wurde der Eindruck von seinem kahl rasierten Schädel, der die markanten Formen seines Gesichts und des Kopfes betonte. Was bei anderen brutal gewirkt hätte, sah bei ihm nur kraftvoll aus. Stark. Aleksey Petrokow, das konnten weder seine blassen Lippen noch der improvisierte Verband an seiner rechten Schulter verschleiern, war ein gefährlich attraktiver Mann und genau der Typ, um den sie normalerweise einen großen Bogen machte.

 

Sie nahm ihren Mut zusammen und lehnte sich vor. Unter dem Vorwand, sich den Verband anzusehen, berührte sie seine Schulter. Sein Geruch traf sie und machte sie für einen Augenblick schwindlig. Schweiß, warmer Sand und Mann. Kein überteuertes Duftwässerchen. Sie inhalierte.

 

„Sie sind in Wahrheit gar kein Reporter, oder? Sie haben mich angelogen.“

 

Er lachte ein wenig, ließ es aber sofort wieder bleiben. Wahrscheinlich ließ die Wirkung des Anästhetikums nach.

 

„Ich habe gar nichts gesagt. Sie haben Ihre Schlüsse ganz allein gezogen.“

 

„Aber die Kamera und dass Sie unbedingt ein Foto haben wollten. Zu welchem anderen Schluss sollte ich denn kommen? Was … ich meine, wer sind Sie wirklich?“

 

„Ich habe Ihnen meinen Namen gesagt, Malyshka. Übrigens etwas, das Sie mir voraushaben. Wollen Sie mir nicht vielleicht auch sagen, wie Sie heißen, bevor Sie mir unter die Haut gehen?“

 

„Vianne“, antwortete sie, ohne nachzudenken. „Vianne Lambert.“ Nur mit Mühe verkniff sie sich, die Augen zu verdrehen. Was war sie? Ein Roboter, der sprach, wenn jemand aufs richtige Knöpfchen drückte? Ganz sicher nicht. Er brachte sie aus dem Konzept. Die Art, wie er sie ansah aus diesen dunkelbraunen Augen. Als würde er sich lustig machen, und zugleich als … als wäre sie ein Stück Traubenzucker und er extrem hyperglykämisch.

 

„Freut mich, Sie kennenzulernen, Vianne. Sie haben einen ausgezeichneten Sinn für Timing.“

 

Sie schüttelte den Kopf, als ihr klar wurde, dass er ihrer Frage geschickt ausgewichen war. „Moment mal. Sie haben mir nicht geantwortet. Sind Sie nun Reporter oder nicht? Warum haben die Typen auf Sie geschossen? Woher wussten Sie, dass man Sie im Krankenhaus zurückweisen würde? Hat das alles miteinander zu tun? Sie können mir nicht sagen, dass es Zufall war.“ Immer noch war da die nagende Ungewissheit, ob sie nicht doch zu einem Serienkiller in den Wagen gestiegen war. Der schweigsame Russe am Steuer half nicht gerade, diese Befürchtung zu zerstreuen.

 

„Das sind ziemlich viele Fragen auf einmal. Ich bin verletzt. Brauchen Verwundete nicht Ruhe?“

 

Vom Fahrersitz her ertönte ein leises Lachen. Augenblicklich schoss ihr Hitze in die Wangen. Obwohl er verwundet war und gar nicht in der Lage sein dürfte, klar zu denken, spielte Aleksey Petrokow mit ihr. Sie dachte gern von sich als einer Frau, die sich nicht so leicht die Butter vom Brot nehmen ließ, aber irgendwie schaffte er es, an all ihren Abwehrmechanismen vorbeizukommen und sie jedes Mal an einer ungedeckten Flanke zu erwischen. Sie setzte ein extra süßes Grinsen auf und tätschelte seine Schulter, gerade so weit entfernt von der Wunde, dass sie sicher sein konnte, ihm nicht wehzutun.

 

„Glauben Sie bloß nicht, dass ich nicht verstehe, was Sie da tun. Aber ich bin die mit der Nadel. So leicht kommen Sie mir nicht vom Haken.“

 

„Gut zu wissen“, murmelte er, schloss die Augen und lehnte den Kopf gegen die Rückenlehne des Sitzes. Das Grübchen neben seinem Mundwinkel vertiefte sich, ebenso wie die kleinen Falten um seine Augen. Definitiv, das Betäubungsmittel ließ nach. Das dürfte eigentlich nicht so schnell gehen, außer ein Mensch hatte den Metabolismus einer Raubkatze. Vianne wandte den Blick von ihm. Definitiv nicht das Einzige, was dieser Mann mit einem wilden Tier gemeinsam hatte. Hoffentlich war es nicht zu weit bis zu seiner Wohnung. Sie traute ihm einiges zu, aber nicht, ohne Anästhetikum eine Operation wie die, die ihnen beiden bevorstand, klaglos zu überstehen.

 

Gut zu wissen, hatte er geantwortet. Was meinte er damit? Sie verdrängte den Gedanken. Ihm helfen, sich dann von ihm zu Nurana bringen lassen, Nurana helfen. In dieser Reihenfolge. Sie verlangte ganz schön viel von ihm, aber hey, er stand in ihrer Schuld, also sollte er sich nicht so haben.