Gebot der Lust

Ich hasse das Warten. Acht Jahre im Model-Business machen die Zeit vor der Entscheidung nicht weniger quälend. Jetzt, mit Fünfundzwanzig, sollte man denken, dass ich mich daran gewöhnt habe. Aber so ist es nicht.

 

Die anderen Mädchen stehen in kleinen Gruppen zusammen und unterhalten sich, während hinter der verschlossenen Tür der Kunde, eine große Münchner Werbeagentur, und der Chefdesigner des angesagten spanischen Schuhlabels Nikbahl ihre Entscheidung treffen. Von irgendwo, ein paar Türen den weißgestrichenen Gang hinunter, rattert das Mahlwerk einer Kaffeemaschine. In der ganzen Agentur riecht es nach Espresso, künstlichem Blumenaroma und kaltem Zigarettenrauch. Nicht das beste Duftbouquet, aber typisch für die kreativen Schmieden in der Landeshauptstadt. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie zwei der anderen Models immer wieder zu mir herübersehen und tuscheln. Jaja, die Zicke ist auch hier, kriegt euch ein, denke ich und blicke demonstrativ in die andere Richtung. Ich bin die Einzige, die sich keine Mühe gibt, auf gut Freund mit den Anderen zu machen. Sicher, man kennt sich. Es sind immer dieselben jungen Frauen, die auf den Castings und in den Showrooms auftauchen. Mal kommt eine dazu, mal geht eine in Ruhestand. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass wir keine Freundinnen sind, sondern Konkurrentinnen. Wenn es hart auf hart kommt, ist aller freundlicher Schein vergessen. Ich hab das auf die bittere Art gelernt und werde mich hüten, diesen Umstand jemals aus den Augen zu verlieren.

 

Weil es nicht so aussieht, als würde sich hinter der Tür demnächst etwas tun, angle ich in meiner Tasche nach dem Handy und scrolle durch die Nachrichten. Meine Agentur fragt, ob ich übernächste Woche Zeit für einen Promo-Job habe, ein Kunde erinnert mich an ein Fitting im MTC heute Nachmittag und Rebecca, meine beste Freundin, schickt mir Grüße aus Wien. Sie hat letztes Jahr das Modelbusiness an den Nagel gehängt und sich in Wien an der Schauspielschule beworben. Ich vermisse sie wie wahnsinnig, aber noch größer ist meine Freude für sie, dass sie der Erfüllung ihres Traums so viel näher gekommen ist.

 

Eben bin ich dabei, ihr eine Antwort zu tippen, als die Tür aufgeht. Die langbeinige Blondine mit Klemmbrett und marineblauem Business-Kostüm, die schon bei der Vorstellung und den Probeaufnahmen die Sprachführerin war, erscheint auf der Schwelle.

 

„Valeska Bruckner?“, fragt sie in die Runde.

 

Hektisch stecke ich mein Handy weg und suche ihren Blick. „Ja?“

 

„Wenn Sie bitte mitkommen? Herr Perez will Sie sprechen.“

 

„Natürlich.“ Ich drücke meine Mappe an die Brust, erhebe mich und folge ihr ins Casting-Zimmer. Die Blicke der anderen Frauen spüre ich als feine Stiche im Nacken. Ich straffe die Schultern und hebe das Kinn. In unserem Geschäft ist die Show die halbe Miete.

 

Leise fällt hinter mir die Tür ins Schloss und Fräulein Klemmbrett weist mir einen Stuhl auf der zum Raum gerichteten Seite des langen Schreibtischs. Auf der anderen Seite haben sich all die niedergelassen, die hier das Sagen haben. Drei Männer und zwei Frauen. Allesamt große Namen in der Münchner Modewelt. Artig setze ich mich, neige elegant meine Knie zur Seite und sehe den Menschen, die mir gegenüber sitzen, fragend in die Gesichter.

 

„Nun.“ Es ist Sascha Maurer, der Inhaber der Agentur, der zuerst das Wort ergreift. „Wir haben uns Ihre Probeaufnahmen angesehen, uns telefonisch mit dem Fotografen kurzgeschlossen und sind zu der Überzeugung gekommen, dass Sie diejenige sind, der wir den Job anbieten wollen. Sie haben genau die Mischung aus sinnlicher Eleganz und verruchtem Sexappeal, die wir uns für die neue Kampagne vorstellen. Ihre Agentur kennt die Rahmenbedingungen. Wenn Sie wollen, haben Sie den Job.“

 

Echt jetzt? Ich kann nicht glauben, was ich höre. In meiner Brust beginnt ein aufgeregtes Flattern und meine Wangen spannen, weil ich mir das Grinsen nicht verkneifen kann. Zum Teufel mit professioneller Coolness, das ist ein Riesenwurf. Ich wette, nicht wenige von den Mädels da draußen würden dafür töten, jetzt in meinen Schuhen zu stecken. Das heißt, nicht in meinen Schuhen, sondern in denen von Tacito Nikbahl, dem angesagtesten Schuhdesigner aller Zeiten. Und das Ganze inszeniert von niemand anderem als Ramon Bayarri. Dieser Gedanke ist es, der meiner Euphorie dann doch einen Dämpfer verpasst. „Ist es sicher, dass Bayarri die Fotos macht?“

 

Blondie setzt ihr künstlichstes Lächeln auf und sieht mir ins Gesicht. Ich frage mich, ob sie Angst hat, dass ihre Gesichtszüge irgendwann festfrieren, wenn sie immer so gezwungen lächelt.

 

„Sie sollten nicht so viel auf die Gerüchteküche geben. Herr Bayarri ist ein Profi. Jedes Model kann sich glücklich schätzen, einmal vor seiner Kamera zu stehen.“

 

„Das kann Ihr Durchbruch in der Welt der ganz großen Mode sein“, bestätigt Blondie Nummer zwei. Von ihr habe ich bisher kein Wort gehört.

 

Ich schlucke. Gerüchte hin oder her, ich wette, dass seine ehemalige Verlobte, das tschechische Top-Model Monika Prachazkóvá, nicht ganz so glücklich war, als sie sich das Leben genommen hat. Die Boulevardblätter quollen seinerzeit über mit den Schlagzeilen. Ich bin lange genug im Geschäft, um mich daran zu erinnern. Monatelang haben die Medien das Traumpaar Bayarri-Prachazkóvá gefeiert, nur um dann in Schockstarre zu verfallen, als der Perfektionismus des Star-Fotografen die schöne Monika in den Tod getrieben hat. „Wie lange kann ich mir überlegen, ob ich das Angebot annehme?“

 

Das ewig künstliche Lächeln von Fräulein Klemmbrett verrutscht, und auch Maurer sieht plötzlich aus, als hätte er in einen faulen Apfel gebissen. „Wenn Sie gekommen sind, um unsere Zeit zu verschwenden…“ Er schickt sich an, aufzustehen.

 

„Nein, nein.“ Verdammt, jetzt oder nie. Was soll das? Jahrelang habe ich auf so eine Gelegenheit gewartet. Mich mit unbedeutenden Jobs über Wasser gehalten, immer in der Hoffnung, dass der große Wurf um die Ecke auf mich lauerte. Und jetzt will ich einen Rückzieher machen, nur wegen dem, was andere über einen Menschen sagen? Ich weiß selbst, wie das ist mit Gerüchten. Ich achte schon gar nicht mehr drauf, was sie über mich reden, weil es mir die Laune verdirbt. So schlimm kann es kaum werden. Schließlich habe ich keine Beziehung mit dem Maestro, es geht um einen Job. Um einen Hammer-Job. Zeit, den Rücken durchzudrücken und zu zeigen, dass ich es drauf habe. „Natürlich nehme ich an.“ Das Strahlen meiner Augen fühlt sich falsch an, aber hey, in diesem Geschäft verkaufen wir Illusionen, richtig?

 

„Sehr gut.“ Maurer setzt sich wieder. „Ich war mir sicher, dass wir Sie nicht überreden müssen. Alles Weitere klären wir mit Ihrer Agentur.“

 

*

 

Meine Finger beben vor Aufregung, sodass ich beinahe das Handy fallen lasse, als ich es aus meiner Handtasche fummle. In meiner Brust rumpelt etwas, von dem ich mir einreden muss, dass es mein Herz ist. Es fühlt sich ganz anders an als sonst. Lauter.

 

Ich wähle Rebeccas Nummer, während ich die Franz-Josef-Straße hinuntereile zur U-Bahn-Station Giselastraße. Hier, im Herzen von Schwabing, wimmeln die Bürgersteige am späten Vormittag von Passanten. Studenten hasten vorbei auf dem Weg zur Mensa, Touristen kaufen Kirschen an einem der Straßenstände mit den bunt gestreiften Markisen. Der Riemen meiner Tasche rutscht mir von der Schulter, ich rücke ihn zurecht, dabei fällt mein Blick auf die Gehwegsteine. Auf meine Füße in den hochhackigen roten Pumps. Auf meine Beine. In diesen Schuhen sehen meine Beine im Verhältnis zu meinem Körper länger aus als die Arme eines Schimpansen. Ich muss grinsen. Perfekt gewählt, Valeska.

 

„Hallo, bist du da?“ Der ungeduldige Ton in Rebeccas Stimme reißt mich aus der Reverie. Mist, wie lange redet sie schon auf mich ein, während ich meine Beine betrachte?

 

„Tut mir leid, hab dich nicht gehört“, murmele ich. „LKW.“

 

„Ich höre keinen LKW“, erwidert sie. „Was ist denn so dringend? Du hast mir gerade erst getextet. Diese halb fertige Nachricht, die mitten im Satz abbricht…“

 

Habe ich den Text abgeschickt? Ich bin völlig durch den Wind. Ein Porschefahrer hupt verärgert, als ich zwanzig Schritte vor den Zebrastreifen die Straße überquere und er in die Eisen steigen muss.

 

„Ich hab den Job.“ Ich fühle mich, als hätte ich Helium geatmet. Ich könnte abheben. Fliegen. Der Porschefahrer zeigt mir den Finger. Ich lache ihn an und winke ihm mit Kusshand zu.

 

„Welchen Job?“ Aus dem Hörer dringt das Rascheln von Papier.

 

„Na, wo ich heute zum Casting war. Die neue Kollektion von Nikbahl.“

 

„Wow.“

 

„Rauchst du etwa wieder?“ Für den Moment bin ich abgelenkt. Es hat Jahre gedauert, ehe Rebecca geschafft hat, aufzuhören, aber ich bin sicher, dass…

 

„Lenk nicht ab“, nuschelt sie. „Nikbahl, ja? Ich dachte, du wolltest nicht mehr modeln.“

 

„In ein paar Jahren.“

 

„Du bist fünfundzwanzig, Süße. Als nächstes beschimpfen die dich als die alte Schabracke. Willst du demnächst bei den Castings aussehen wie die Mami der anderen?“

 

In einem Hauseingang bleibe ich stehen. „Hey, ich rufe dich an, damit du dich mit mir freust. Nikbahl, Rebecca, so eine Chance kriegt man nur einmal im Leben! Und weißt du, wen die als Fotografen für die Kampagne verpflichtet haben? Sitzt du?“

 

„Ja, ich sitze.“

 

„Ernsthaft, sitzt du? Der Fotograf ist Bayarri. Ist das ein Hammer?“

 

Offensichtlich ist es ein Hammer, denn Rebecca schweigt mehrere Atemzüge lang. Das passiert eigentlich nie. Es bedeutet, dass sie wirklich sprachlos ist.

 

„Versprichst du mir, dass du auf dich aufpasst, Valeska?“ Sie klingt sehr ernst, als sie sich endlich gefangen hat. Keine Spur Humor. Sie gratuliert mir nicht. Jeder in unserer Szene kennt den Namen Ramon Bayarri. Jede will mit ihm arbeiten. Jede kennt das Gefühl von Gänsehaut, wenn sein Name fällt. Das hat nichts damit zu tun, dass die Kamera ihn ebenso liebt wie er die Kamera. Der Mann sollte Model sein und nicht Fotograf. Nein, die Schauder kommen daher, weil man den Namen Ramon Bayarri nicht hören oder lesen kann, ohne dass der Schatten des Namens Monika Prachazkóvá dahintersteht.

 

„Ich bin ein großes Mädchen“, erwidere ich und versuche, gelassen zu klingen, aber so ganz gelingt es mir nicht.

 

„War er heute dabei?“, will sie wissen.

 

„Nein. Er kommt erst zum Shooting in die Stadt.“

 

„Sorg dafür, dass du nicht mit ihm allein bist, hörst du?“

 

„Du glaubst doch diese Schauermärchen nicht. Der Mann ist eine Legende, der hat mit Hunderten Mädels gearbeitet, vor und nach Monika. Wieso sollte er ausgerechnet…“

 

„Die anderen Hundert sind mir egal.“ Endlich flackert Emotion in ihren Worten auf. „Aber du bist mir nicht egal. Pass auf dich auf, okay? Wer weiß, was ihm diesmal einfällt, um die Sujets zu etwas Besonderem zu machen. Der giert doch nur nach dem nächsten Schocker.“

 

„Es ist ein Foto-Shooting. Da werden zig andere Leute dabei sein. Beruhige dich, okay? Freu dich einfach für mich. Ich werde einen Heidenspaß haben, der Maestro wird mich perfekt ins Licht rücken und ich krieg die größte Chance meines Lebens. Nicht mehr für die Brötchen von Biederbauers Bäckerei oder das heimische Felsquellwasser lächeln.“

 

Habe ich mit Neid gerechnet? Eher nicht, es war Rebeccas eigene Entscheidung, mit dem Laufsteg und den Fotos aufzuhören und was anderes zu machen. Ich weiß, dass sie mir den Job gönnt. Dass sie sich trotzdem nicht für mich freuen kann, ärgert mich. Gleichzeitig fühlt es sich an wie eine Tasse warmer Kakao, wenn ich höre, wie besorgt sie ist. Es gibt wenige Menschen, denen nicht egal ist, was ich treibe.

 

Der Gedanke an warmen Kakao gefällt meinem Magen, der hörbar knurrt, als ich den Hauseingang verlasse und mich die letzten Schritte zur U-Bahn treiben lasse. „Ich wünschte, du wärst hier“, sage ich ehrlich.

 

„Als dein Anstandsdackel?“ Endlich lacht sie.

 

„Ich hab nicht vor, den Kerl zu verführen!“, protestiere ich. Meine Absätze klappern auf den Stufen.

 

„Dann hoffen wir, dass er dich hässlich findet“, sagt sie, ich höre das Feuerzeug schnippen. „Hör zu, ich hab hier einen Haufen Text liegen, der lernt sich nicht allein. Mein Professor ist eine Plage und versteht keinen Spaß. Ist es okay, wenn ich dich abwürge?“

 

„Ich bin sowieso gleich unter der Erde“, erwidere ich und warte schon darauf, dass das Signal abreißt, was in der Münchner U-Bahn immer wieder gern passiert.

 

„Ganz blöde Analogie, Valeska, wo wir gerade von Monika geredet haben. Halt den Kopf über Wasser, brich dir nicht die Beine und melde dich bei mir, verstanden? Ich will alle pikanten Details über den großen Bayarri hören, und vor allem will ich sofort informiert werden, wenn er sich daneben benimmt.“

 

„Du wirst die erste sein, die es erfährt.“ Ich stehe am Bahnsteig. Als die Bahn einfährt, bricht das Netz zusammen. Der warme Kakao spukt immer noch durch meine Gehirnwindungen, aber ich verdränge ihn. Ich habe bald ein Date mit dem kultigsten Modefotografen der Gegenwart. Ab heute nur noch Mineralwasser. Vier Liter am Tag. Macht klare Haut ohne Zellulitis. Vor allem an den Beinen.

 

Ich finde einen Sitzplatz am Fenster und schaue wieder auf meine roten Schuhe. Es sind keine Nikbahls. Nikbahls kann ich mir nicht leisten. Noch nicht.

 

Aber bald. Ramon Bayarri sei Dank.

 

*

 

Die Optimolwerke in der Nähe des Ostbahnhofs waren vor langer Zeit eine Kartoffelfabrik. Heute gehört das Gelände zu den angesagtesten Feiermeilen in München. Clubs, Restaurants, Bars, Veranstaltungshallen, alles findet man hier, in Szene gesetzt durch den Charme der Vergänglichkeit. Man sieht dem Gebäudekomplex an, dass er, wenn es nach den Ordnungshütern ginge, längst abgerissen sein müsste.

 

Das Nikbahl-Shooting findet in der Theaterfabrik statt. Für Bayarri und sein Team wurde die riesige Konzerthalle mit Tüchern und Stellwänden in eine Art Loft verwandelt. Es herrscht rege Geschäftigkeit, als ich drei Tage nach dem Casting die Theaterfabrik betrete. Wie vom Kunden gewünscht, trage ich kein Make-Up und legere Kleidung. Ich sehe aus wie ein ganz normales Mädchen von nebenan, aber das Wissen, dass sich dies in ein paar Augenblicken ändern wird, flirrt durch meine Adern.

 

Das ist etwas, das ich an meinem Job wirklich liebe. Die Unberechenbarkeit, die Möglichkeit, immer wieder in verschiedene Rollen zu schlüpfen und nie zu wissen, was mich erwartet. Meine Augen brauchen einen Moment, bis sie sich an das Dämmerlicht in der Halle gewöhnt haben. Lange Leisten mit Scheinwerfern hängen an der Decke, es riecht nach Staub und stark nach Haarspray. Sobald ich mich orientieren kann, halte ich auf einen Alkoven zu, in dem mehrere Personen stehen und miteinander reden.

 

„Hi. Ich bin Valeska. Das Model für heute. Wo braucht ihr mich?“

 

Die einzige Frau in der Gruppe dreht sich zu mir um. Sie hat dunkelbraune Rastalocken und trägt eine buntgemusterte Pumphose mit einem engen Spaghettiträgertop. Ihre Füße stecken in ausgelatschten Espandrillos, was sie mir auf Anhieb sympathisch macht. Zu einem Stelldichein mit den Designern von Nikbahl in Espandrillos zu erscheinen, erfordert eine ganze Menge Querdenkertum, etwas, das ich schon immer mochte.

 

„Oh, Valeska, schön, dass du da bist. Ich bin Maike. Ich koordiniere für die Agentur das Shooting heute. Das hier“, sie deutet auf den jungen Mann zu ihrer Rechten, der mit nackter Brust und Jogginghose eigentlich nur mein Shootingpartner sein kann, „ist Christoph. Und das ist Dennis, Mister Bayarris Lichtassistent.“

 

Dennis und Christoph lächeln zur Begrüßung. Maike sieht auf ihre Armbanduhr, dann wendet sie sich wieder an mich. „Das Styling-Team ist gleich so weit, in zehn Minuten kann es losgehen, aber Ramon wollte dich vorher noch kurz sehen. Er macht sich gern einen ungeschminkten Eindruck von den Models, bevor es losgeht. Komm, ich bring dich zu ihm.“

 

Plötzlich fühlen sich meine Knie an, als wären sie aus Wackelpudding. Ramon. Maike nennt den großen Bayarri tatsächlich beim Vornamen. Immer noch kann ich nicht glauben, dass ich ihm gleich persönlich gegenüberstehen werde.

 

Während wir durch die Halle gehen, fällt mein Blick auf eines der Sets, die bereits aufgebaut sind. Auf einem großen Quadrat aus Fischgrätparkett steht eine cognacfarbene Ledercouch mit Löwenfüßen und Kassettenmuster. Daneben sind gusseiserne Beistelltische aufgebaut, einer mit einem Liliengesteck und zwei Champagnerflöten darauf, einer mit einer antik anmutenden Stehlampe. Die Szenerie erinnert mich an Filme aus den 20-er Jahren, sehr edel und gleichzeitig sinnlich.

 

Es sind die Requisiten, die neben der Stehlampe liegen, die mein Herz dazu bringen, für ein paar Schläge auszusetzen. Auf der glänzenden Marmorplatte liegen Handschellen und eine etwa dreißig Zentimeter lange, schwarze Peitsche mit kurzem Griff und unzähligen dünnen Lederstriemen. Mein Atem stockt, genau wie mein Gang, aber ich komme nicht dazu, Maike zu fragen, was das zu bedeuten hat, denn sie zieht mich weiter zu einer der Stellwände, die eine Seite eines improvisierten Büros bilden.

 

„Da sind wir.“ Sie hebt die Hand, um an die Resopalplatte zu klopfen. „Mister Bayarri. Ich habe Valeska Bruckner hier für Sie. Darf ich sie reinschicken?“, sagt sie dann auf Englisch.

 

Klar, eigentlich sollte es mich nicht wundern. Bayarri ist Amerikaner. Seinen klangvollen Namen hat er von argentinischen Vorfahren. Dass es mich doch wundert, schiebe ich darauf, dass in meinem Kopf immer noch die Handschellen und die Peitsche spuken. Das kann auch der einzige Grund dafür sein, dass mich der Anblick des Fotografen vollkommen unvorbereitet trifft.

 

Bayarri tritt zwischen zwei der Stellwände hervor, und ich bin geblendet. Geblendet auf eine Art, die absolut nichts mit den Scheinwerfern zu tun hat. Mit meinen Einszweiundachtzig bin ich nicht gewohnt, zu anderen aufsehen zu müssen, aber Ramon Bayarri ist richtig groß. Mindestens Einsfünfundneunzig, und er füllt die dunkle Jeans, die tief auf seinen Hüften sitzt, und das lässig an den Ärmeln hochgekrempelte Hemd aufs Vortrefflichste. Der cremeweiße Seidenstoff schimmert im dämmrigen Licht. Sein Oberkörper bildet ein perfektes V, das zu schmalen Hüfen zusammenläuft, betont durch einen eleganten Gürtel mit einfacher Schnalle. Seine kastanienfarbenen Haare fallen über die Ohren und könnten einen Schnitt gebrauchen. Aber dadurch, dass er sie so lang trägt, kommen die leichten Wellen besser zu Geltung, die den herben Kanten seines Gesichts zumindest ein wenig Schärfe nehmen. Dabei ist nichts an diesem Mann weich. Ein leichter Bartschatten betont die rasiermesserscharfen Linien seiner Kieferknochen, das Grübchen in seinem Kinn und die Plisseefältchen unter der Nase lenken den Blick auf ausdrucksstarke Lippen, die nur einen ganz leichten Bogen bilden und dadurch sehr maskulin wirken. Dazu passen die aristokratische Nase und die kräftig ausgebildeten Brauen. Seine Augenfarbe ist schwer zu erkennen in der halbdunklen Halle. Ich schätze, sie sind braun, aber ich meine auch Einsprengsel von Grün und Gold darin zu erahnen. Auf jeden Fall sind es Augen, die weit mehr zu sehen scheinen als das Äußere eines Menschen.

 

Unter seinem Blick kann ich das klopfende Pulsieren meines Blutes fühlen, und ich meine körperlich zu spüren, wie er mit seinem Blick meinen Körper bereist. So, wie ich es bei ihm getan habe? Nein, intensiver, viel intensiver.