Forbidden Destiny

Prolog

 

 

 

Destiny

 

Unter meinem Ohr höre ich sein Herz schlagen. Ba bumm, ba bumm, ba bumm. Ein gleichmäßiger Rhythmus. Er riecht nach Schweiß und Blut, doch ich weiß, dass dieses Herz nur für mich schlägt. Ganz gleich, wie sehr er darin aufgeht, wenn er im Ring steht. Sein Herz gehört mir. So, wie meines nur ihm gehört. So war es schon immer. Seit unserer ersten Begegnung. Es fühlt sich an, als sei es ein Menschenleben her. Doch die besten Dinge im Leben dürfen nicht sein.

 

An meinem Arm kratzt der Bund seiner Shorts. Der Rock meines Kleides bauscht sich um meine Hüfte. Sein Atem geht schwer. Ich sitze auf einer aufgerollten Matte, meine Schenkel um seine schmalen Hüften geschlungen. Sein Lächeln ist überirdisch schön. Ich liebe sein Lächeln. Es transformiert sein Gesicht, sein ganzes Wesen, von dem harten, unnachgiebigen Mann, zu dem das Leben ihn geformt hat, zu dem zärtlichen, fürsorglichen Liebhaber, der trotz allem, was mit ihm passiert ist, nie vergaß, auf mich aufzupassen.

 

Wie hätte ich denn verhindern sollen, mich in ihn zu verlieben? Er hat mich nie eingesperrt. Er hat mich fliegen lassen, hat mich in die Welt hinausgelassen, ohne mich aus den Augen zu verlieren. Bei ihm darf ich immer ich selbst sein.

 

Nie haben wir Zeit, immer muss es schnell gehen. Das sind die Momente, in denen ich unser Leben hasse, in denen ich wünschte, ein anderes Mädchen zu sein. Nicht die Tochter meines Vaters. Die etwas sein muss, was sie nicht ist. Über die Innenseite meiner Oberschenkel rinnt Joaquíns Samen, versickert im rauen Stoff der Matte. Ein Teil von mir wünscht sich, dass die Saat, die er in meinem Schoß hinterlassen hat, Frucht treiben würde, denn dann hätte ich ihn immer bei mir, auch dann, wenn wir getrennt sind. Aber natürlich weiß ich, dass das nicht geschehen darf. Nichts Gutes in unserem Leben darf sein.

 

Ich schlinge meine Arme um seine Taille, presse mich an ihn, inhaliere seinen Duft nach Schweiß und Joaquín. An seiner Schläfe ist ein Riss, aus dem ein dünner Blutfaden läuft. Es stört ihn nicht, also stört es auch mich nicht. Sein ganzer Körper ist von Narben zerfressen. Es macht ihn schön. Ich will ihn so haben, nicht anders. So gehört er mir.

 

Von draußen dringen die Stimmen seiner Fans in den kleinen Raum, in den wir uns zurückgezogen haben. Sprechgesänge, Kriegsgebrüll. Sie warten auf ihren Star, damit er sich von ihnen feiern lässt. Auf Volcano warten sie, ihren Helden, der aus der Gosse kam und nie besiegt wurde. Er ist nicht der, für den sie ihn halten. Sie haben keine Ahnung, wer er ist, aber ich weiß es, und ich will ihn nur so. In meinen Armen ist er mein Chimo. Ich wünschte, dieser Augenblick würde nie vergehen.

 

„Du musst gehen", flüstert er. Sein Atem perlt über mein Ohr, sodass ein paar Locken mich an der Wange kitzeln. Ich will nicht gehen. Ich will für immer hier bleiben, in diesem muffigen Hinterzimmer, in dem alte Boxsäcke gelagert werden, Matten und Seile. Es stinkt nach dem Bier, das in der Bar ausgeschenkt wird, die sich an die Arena anschließt und von der uns nur ein linoleumbelegter Gang und ein paar Türen zu versifften Waschräumen trennen. Mehr haben wir nicht. Gestohlene Augenblicke, verbotene Küsse in finsteren Ecken. Das sind die Momente, für die ich lebe.

 

„Küss mich." Ich hebe ihm mein Gesicht entgegen, will seinen Atem schmecken, bis wir uns wiedersehen, bis wir uns erneut im Arm halten dürfen. Sein Atem, der nach dem Salbei duftet, den Chimo gern kaut. In seinen schwarzen Augen funkelt sein Lächeln, das nur für mich reserviert ist. In meinen Armen ist er nicht der Krieger. Der moderne Gladiator, dem nichts geschehen kann, denn wenn er stirbt, dann bleibt ihm immer noch die Ehre. In meinen Armen blutet er leise vor sich hin. Mit zerschlagenen Fingerknöcheln streichelt er über meine Wangen. Ich rieche sein Blut. Es steigt mir zu Kopf.

 

Bevor seine Lippen meine treffen, fliegt die Tür zur Abstellkammer auf. Licht aus dem Flur blendet mich, wir fahren auseinander. Alles geht so schnell. Mein Herz poltert, ich bekomme keine Luft mehr. Schock. Angst. Woher wussten sie, wo sie suchen müssen? Chimo hat den Besitzer der Bar mit einem dicken Stapel Geldscheine bestochen.

 

Bevor ich begreife, was geschieht, reißen bandagierte Hände Chimo von mir weg. Sie sind zu viert. Der Mann mit den umwickelten Händen ist Alvaro Rodriguez, gegen den er in dieser Nacht gekämpft hat. Habe ich wirklich geglaubt, er würde es auf sich beruhen lassen, als ihm ein Blick auf Chimo und mich in der Bar gelang? Ich erkenne die Silhouette von Hector, meinem Bruder. Hector und Joaquín sind Freunde, was macht er hier? Ich beginne zu schreien. Die anderen Gestalten gehören zu meinem Vater und einem Mann, den ich nicht kenne. Alvaro ist es, der Chimo in den Schwitzkasten nimmt. Es zu eng in der kleinen Kammer, Chimo kann sich nicht wehren, er hat keine Bewegungsfreiheit. Vor allem nicht, weil ich nicht loslassen kann. Ich klammere mich an ihn, weil ich weiß, wenn meine Finger sich von seiner Haut lösen, ist es vorbei. Aber es darf nicht vorbei sein. Wir haben doch nur uns.

 

Die Faust meines Vaters trifft ihn im Gesicht. Das Geräusch, mit dem stählerne Fingerknöchel auf Chimos Schläfe prallen, dröhnt in meinen Ohren. Blut spritzt. Es spritzt mir ins Gesicht. Warme, dicke Tropfen laufen an meiner Wange hinunter wie Tränen.

 

„Du dreckiger Hurensohn!" Noch ein Schlag und noch einer. Chimo versucht sich zu wehren, versucht, um sich zu treten, doch er hat keinen Platz, und er trifft mich, aber ich spüre es kaum. Meine Finger gleiten von ihm ab. „Ich hab dir gesagt, was passiert, wenn du deine dreckigen Pfoten auf sie legst!" Mein Vater ist außer sich. Er lässt seine Fäuste in Chimos Seiten sausen, und dann, als Alvaro, der Chimo im Schwitzkasten hat, sich dreht, hat Vater freie Bahn auf die Nieren. Ich spüre jeden Schlag in meinem Körper, obwohl Hector mich packt und zur Tür zieht. Weg von ihm. Weg von dem Mann, dem mein Herz gehört. Fort aus diesem Raum, und ich habe so unsägliche Angst, dass sie ihn totschlagen werden, sobald ich nicht mehr hier bin. Ich schlage mit zu Krallen gebogenen Fingern nach Hectors Gesicht, aber er lässt nicht los. Chimo stöhnt, aber so leise, dass ich mir sicher bin, dass nur ich es hören kann.

 

„Nein!" Meine Stimme klingt schrill, selbst in meinen Ohren. „Lasst ihn! O Gott, Papá, lasst ihn! Es ist doch nicht seine Schuld. Ich wollte es. O Gott, ich wollte es doch!" Ich will meinem Vater in den Arm fallen. Tränen laufen über meine Wangen, vermischen sich mit Chimos Blut. Hector hält mich zurück. Er umklammert meine Arme, während ich versuche, mir mit den Beinen ein wenig Freiheit zu erstrampeln.

 

Alvaro und Papá haben begonnen, Joaquín zu treten. Ich sehe, wie Chimo sich zusammenrollt und gegen die Bewusstlosigkeit kämpft. Er hat heute schon vier Kämpfe hinter sich. Er hat gesiegt, auch gegen Alvaro, den Star der Tour. K.O. in Runde zwei, zum ersten Mal überhaupt hat Alvaro Rodriguez eine Niederlage durch K.O. erlitten. Alvaro rast vor Wut. Diesen Kampf hier in der Abstellkammer kann Joaquín nur verlieren. Sie sind zu viele. Und der vor Zorn weißglühende Alvaro Rodriguez allein würde in diesem Moment genügen, um den Mann, der ihm seine Schmach zugefügt hat, ins Jenseits zu befördern.

 

Das alles ist meine Schuld. Weil ich nicht auf diese gestohlenen Minuten in den dreckigen Hinterzimmern verzichten kann, obwohl wir beide wissen, wie unvernünftig es ist, daran festzuhalten. Weil ich nicht leben kann, ohne zumindest hin und wieder in meinem Körper zu spüren, was es bedeutet, wenn Joaquín Perez liebt.

 

„Nein, o Gott, nein!" Nur mein Schluchzen und das dumpfe Geräusch, wenn ihre Stiefel auf Joaquíns nackte Haut treffen, durchbrechen die Stille. Für einen kurzen Augenblick lässt Papá von Chimo ab. Ich will schon aufatmen, da reißt mir eine Ohrfeige den Kopf zur Seite. Ich schreie auf.

 

„Nó!" Chimo brüllt, versucht sich jetzt wie von Sinnen gegen seine Angreifer zu wehren. Alvaro bekommt einen Tritt ab, aber dann sehe ich den Schlagring in der Hand des Hünen und begreife, warum Joaquín keine Chance hat.

 

„Schaff sie weg", sagt Papá zu Hector. „Sie soll sich waschen. Sie stinkt nach mexikanischer Affen-Pisse, sie widert mich an." Bevor er sich wieder Joaquín zuwendet, greift er aus einem der Regale eine dieser schweren Stangen, mit denen ein Ring abgesteckt wird.

 

„Nein, nein!" Mein Schreien wird zu einem Schluchzen, weil keiner von uns etwas tun kann, das Papá aufhält. Papá beachtet mich gar nicht, während Hector mich aus der Tür zerrt.

 

„Und jetzt zu dir." Durch die sich langsam schließende Tür sehe ich das angewiderte Grinsen auf dem Gesicht meines Vaters, als er sich wieder Joaquín zuwendet und die Stange hebt. Mein Magen wandert meine Kehle hinauf, gleich muss ich mich übergeben. Ich kann nichts tun. Hector ist zu stark. Hector, der in all den Jahren alles daran gesetzt hat, Chimos Freund zu werden. Er verrät ihn. Er verrät uns.

 

Die Tür fällt hinter mir zu. Unsere Liebe durfte nicht sein. Vom ersten Tag an nicht. Wir wussten, dass das geschehen würde. Früher oder später. Dass unser Geheimnis auffliegen würde, irgendwann. Doch wann hat sich Liebe an Vernunft gehalten?

 

Durch die geschlossene Tür höre ich ihn schreien.

 

 

Kapitel 1

 

Destiny

 

Ich war elf Jahre alt und Consuelo hatte gesagt, dass es schlimmere Dinge zwischen Himmel und Erde gibt als Scharlach. Mochte ja sein, aber wenn man elf Jahre alt ist, glaubt man das nicht. Auch ich nicht. Mir war langweilig. Ich wollte nicht in meinem Bett mit der rosafarbenen Bettwäsche mit weißen Spitzenrändern liegen und auf den riesigen Fernseher starren, den Papá mir ins Zimmer hatte stellen lassen. Dios mío, mein Hals tat weh. Und mir war heiß. Trotz der Klimaanlage, die mein Zimmer mit angenehmer Kühle flutete. Meine Lippen waren vom Fieber aufgesprungen und meine Zunge so dick, dass ich den Mund kaum zumachen konnte. Ich tastete auf dem Nachttisch nach dem Wasserglas. Meine Hand stieß gegen etwas, im nächsten Augenblick ein Poltern und Klirren. Mierda! Das war's mit dem Glas Wasser. Papá hatte mir verboten, nachts in die Küche zu gehen, oder auch nur ins Erdgeschoss, aber ich würde vergehen vor Durst, wenn ich jetzt nicht sofort was zu Trinken bekäme.

 

Schniefend und schluckend rutschte ich ans Bettende und schlug die Beine über die Kante. Hoffentlich waren da keine Scherben. Maria, unser Hausmädchen, mochte es nicht, wenn sie mehr Arbeit hatte als nötig. Im Dunkeln tastete ich mich durchs Zimmer. Ich kannte mich gut genug aus, um nicht zu stolpern. Aber meine Knie waren ganz weich, und das ärgerte mich, denn solange ich so weiche Knie hatte, würde niemand mich in den Garten gehen lassen. Erst auf dem Flur gab es wieder Licht. Es stieg von unten auf in die Galerie, die das doppelt hohe Wohnzimmer umringte und von der die Türen des Obergeschosses abgingen. Ich tastete mich an den polierten Geländern entlang und schielte nach unten. Aus der Küche meinte ich Stimmen zu hören. Waren Mamá und Papá noch wach? Warum wollten sie dann nicht, dass ich das Kinderzimmer verließ, wenn sie noch gemeinsam wach waren? Ich könnte bei ihnen sitzen und fernsehen und mich trösten lassen, anstatt allein unter dem Berg von Decken zu schwitzen. Oder war es nur Consuelo?

 

Meine nackten Sohlen verschmolzen mit dem kühlen Marmor der Treppe. So musste es sein, wenn man ein Geist war. Es fühlte sich herrlich an. Kühl und irgendwie unwirklich. In meinem Kopf summte das Fieber, aber wenn man schwebte wie ein Geist, bemerkte man die weichen Knie nicht mehr. Nur zur Sicherheit umklammerte ich das Geländer auf dem Weg nach unten.

 

Die Stimmen wurden lauter, je näher ich der Küche kam. Und ja, das war Consuelo, die da sprach. Die andere Stimme kannte ich nicht. Ein Mann. Ich musste kichern. Hatte Consuelo einen Verehrer? So wie die Haushälterin in meiner argentinischen Lieblingsserie? Wenn das wahr wäre, könnte vielleicht auch ich ein Star werden, wie das Mädchen in der Serie. Ich bewunderte ihre Kleider und ihre Stimme und ich wollte nichts sehnlicher, als zu sein wie sie.

 

Vorsichtig schob ich die Küchentür auf und schlüpfte über die Schwelle. Selbst wenn ich den Mund über meiner geschwollenen Zunge hätte zumachen können, jetzt wär er mir offen stehengeblieben. Am Küchentisch saß tatsächlich ein fremder Mann. Vielleicht war er auch nur ein Junge. Irgendetwas dazwischen. Über einen Teller mit Eintopf gebeugt, schaufelte er das Essen in sich hinein, als gäbe es kein Morgen. Oder als hätte er schon Tage nichts gegessen. In der ganzen Küche roch es nach Cabrito, den ich so hasste, weil ich Ziegenfleisch nicht mochte, und nach Papas Rellenas, die bei niemandem so gut schmeckten wie bei Consuelo. Der Fremde schlang das Essen hinunter und schien es gar nicht zu merken. Wenigstens blieb dann kein Ziegenfleisch für morgen.

 

Er hatte schwarze Haare, die er mit einem Tuch zurückgebunden trug, und das T-Shirt, das er anhatte, war an den Rändern ausgefranst und am Rücken löchrig. Vielleicht war es mal rot gewesen, aber jetzt war die Farbe undefinierbar. Irgendwas zwischen Braun und Orange. Seine Jeans waren ebenso staubig wie die Schuhe, die vielleicht einmal weiß gewesen waren. Ich trug auch am liebsten Turnschuhe, aber mein Papá konnte das nicht leiden und kaufte mir ständig Püppchenschuhe mit blinkenden Schnallen und schrecklich harten Sohlen.

 

Jedes Mal, wenn er den Löffel zum Mund führte, spannte sich der Muskel in seinem Arm an. Die langen Bänder, die von seinem Handgelenk über den Ellenbogen hinaufliefen und unter dem zerfransten Ärmel verschwanden, hießen Sehnen, das hatte Hector mir erklärt. Papá hatte so etwas nicht. Hector auch nicht. Aber ein paar von den Männern, die manchmal ins Haus kamen, um mit Papá zu reden, hatten die, und auch Santiago, der immer im Garten war, wenn ich draußen spielen durfte. Der Fremde schmatzte auch. Nur Schweine schmatzen beim Essen, sagte Mamá immer.

 

Gerade wollte ich nach einem Glas Wasser fragen, da hob er den Kopf. Sein Gesicht ruckte in meine Richtung. Es hatte etwas Witterndes an sich, wie seine Augen hin und her zuckten. Wie bei einem Raubvogel, der eine Maus schlagen wollte. Die Maus, das war ich. Dann heftete sein Blick sich auf mich. Dios mío, was war das? Noch nie hatte ich solche Augen gesehen. Tiefschwarz, ein wenig schräg stehend in seinem Gesicht, die Haut dunkel wie von der Sonne verbrannt. Das war nichts Besonderes. Meine eigenen Augen sahen genauso aus, und meine Haut war noch ein bisschen dunkler als seine. Das Besondere war die Glut, die in diesen Augen loderte, sie von innen brennen ließ, bis sie nicht mehr richtig schwarz wirkten, sondern von einem flammenden Gold.

 

Als würde er befürchten, dass ich ihm sein Essen wegnehmen würde, legte er einen Arm schützend um den Teller, zog ihn näher an sich heran. Ich wollte lachen und ihm sagen, wo er sich das Ziegenfleisch meinetwegen hinstecken konnte, aber mir war die Kehle wie zugeschnürt. Es musste dieses Geräusch sein, das Schaben von Steingut über Holz, das Consuelo von ihrer Arbeit am Herd aufsehen ließ. Die Köchin drehte sich zu mir um. Auf ihrer Miene erblühte ein Lächeln.

 

„Princesa? Was machst du hier? Du solltest im Bett sein."

 

„Ich hab Durst. Ich brauche etwas zu trinken." Ich konnte die Augen nicht von dem fremden Mann nehmen. Ein bisschen schämte ich mich dafür, etwas zu brauchen. Ich wollte etwas trinken. Von uns dreien in der Küche hier war er der Einzige, der wirklich etwas brauchte. Diesen Cabrito, den er in sich hineinschaufelte, als sei es die größte Köstlichkeit. Würde er gleich aufspringen, um mich zu erwürgen? Wie im Ekel kräuselte sich seine Oberlippe ein wenig. Sah ich so widerwärtig aus, mit meinen vom Scharlach geschwollenen Lippen und den fieberroten Wangen? Mein Nachthemd war hübsch, genau so hübsch wie die Kleider von dem Mädchen aus der Serie. Weiße Baumwolle mit Rüschen und rosa Bändchen am Halsausschnitt. Papá hatte es mir gekauft. Daran konnte es nicht liegen.

 

„Aber natürlich brauchst du etwas zu trinken, Liebes. Warte. Ich gebe dir ein Glas Wasser." Consuelo kramte in den Oberschränken, als müsse sie ein Fünfgängemenü vorbereiten, nicht nur ein Glas füllen.

 

„Wer bist du?", fragte ich den Fremden. Die Art, wie er mich anstarrte, machte mich nervös. In meinem Zuhause gingen oft Fremde ein und aus, aber noch nie hatte ich einen wie diesen gesehen. Weil er nicht antwortete, ging ich langsam auf ihn zu. Er zitterte, konnte ich erkennen, und da begriff ich etwas. Eine Erkenntnis, die nicht in meinem Kopf begann, sondern in meinem Herzen. Er hasste mich nicht. Er fürchtete sich vor mir, und dafür hasste er sich selbst. Er war wütend, zornig, explosiv, und plötzlich wollte ich nichts mehr, als es besser für ihn zu machen. Ich wollte sein Vertrauen gewinnen. Selbst trinken wollte ich nicht mehr so sehr.

 

„Ich bin Destiny", sagte ich. In meinen Fingerspitzen kribbelte es, weil ich ihm über den Kopf streichen wollte, wie man es mit einem Tier macht, um es zu beruhigen.

 

Er starrte mich an. Er war so groß, dass er mich zermalmen könnte, aber ich hatte keine Angst vor ihm. Etwas in mir sagte mir, dass ich niemals Angst vor ihm haben müsste.

 

„Liebes, du solltest jetzt wieder ins Bett gehen. Unser Gast ist kein Umgang für dich. Wenn das deine Mamá ..."

 

„Consuelo! Wo ist das Kind? Hast du Destiny gesehen?" In einer Wolke aus Parfum und bunter Seide rauschte Mamá in die Küche.

 

Ich zog mir einen Stuhl heran, setzte mich neben den Fremden. Zu wissen, warum er so zornig war, war viel wichtiger als Mamás Schelte. Mamá zeterte oft, aber sie beruhigte sich auch wieder. Aber ich war sicher, wenn ich den Jungen mit den zornigen Augen jetzt nicht zum Reden bringen würde, dann würde ich vielleicht nie Antworten bekommen. Ich wollte wissen, warum er zornig war, warum er solchen Hunger hatte, warum er nicht mit mir sprach. Ich wollte seine Stimme hören.

 

Ich kam nicht dazu, ihn noch einmal nach seinem Namen zu fragen, denn schon stand Mamá neben dem Tisch. Das Klatschen einer Ohrfeige zerschnitt die Luft. Es war nicht meine Wange, die Mamá getroffen hatte, sondern die des Fremden.

 

„Was fällt dir ein, sie anzustarren?" Wenn Mamá aufgeregt war, überschlug sich ihre Stimme und sie klang wie eine Hexe aus den Märchen, die Maria mir manchmal vorlas, obwohl ich schon viel zu alt dafür war. Der Fremde zuckte nicht einmal mit den Wimpern. Nur der Zug um seine Oberlippe wurde ein wenig härter. Als wollte er lachen, ein bitteres, gemeines Lachen.

 

„Du bist ein Nichts! Abschaum! Sei froh, dass Reynaldo dich nicht in der Gosse gelassen hat, wo du hingehörst. Du vergiftest sie, wenn du sie nur ansiehst." Und dann, zu mir gewandt: „Geh nach oben, Cariña. Und wasch dich. Wer weiß, was dieser Dreck uns ins Haus geschleppt hat."

 

Instinktiv blickte ich auf meine Handflächen. Die waren immer noch so sauber wie zuvor. Und etwas Schlimmeres als Ziegenfleisch im Kühlschrank konnte ich mir sowieso nicht vorstellen. Ich wollte nicht gehen. Aber die Blicke von Mamá und Consuelo brannten in meinem Rücken. Meine Zeit lief ab. Das Wasserglas, für das ich in die Küche gekommen war, stand noch immer auf der Anrichte. Über der Schublade, wo Consuelo die Hershey Schokolade aufbewahrte. Ich handelte ohne nachzudenken. Ich zog die Lade auf, nahm einen der Schokoriegel heraus und ging zurück zu dem Fremden. Ich wollte nicht, dass das letzte, was er von mir wusste, war, dass Mamá ihn meinetwegen geschlagen hatte. Mamá zischte tadelnd, als ich zurück zu ihm ging, aber machte nichts mehr.

 

„Hier." Ich hielt ihm die Schokolade hin. „Als Nachtisch." Mit dem Geschmack von Cabrito im Mund konnte man nicht einschlafen, das wusste ich. Weil er mein Geschenk nicht annahm, legte ich den Schokoriegel neben seinen Teller. Ich wünschte, ich hätte mehr für ihn tun können.

 

*

 

Joaquín

 

Die hochgewachsene Frau mit den zu Locken gedrehten schwarzen Haaren sah hinter dem Mädchen her, ehe sie erneut ihren Blick auf mich heftete. Ich spürte das Brennen ihrer dunklen Augen auf meiner Haut. Die Kleine sah ihr ähnlich, hatte dieselbe kakaofarbene Haut. Wenn sie älter wurde, würde sie dann aussehen wie ihre Mutter?

 

Ich starrte auf den Schokoriegel neben meinem Teller. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal ein Geschenk bekommen hatte. Schokolade. Mit Karamellfüllung und Erdnüssen. Süß würde der Geschmack auf meiner Zunge explodieren. So süß wie das Mädchen mit dem Engelsgesicht, das mir das Geschenk gemacht hatte.

 

Ich würde erst hineinbeißen, wenn ich allein war. Das schwor ich mir. Ich würde an das Mädchen mit der Kakao-Haut denken, während sich Karamell auf meine Zunge legte und Erdnüsse zwischen meinen Zähnen zerknackten, und ihr im Stillen danken.

 

„Ich hab das nicht zum Scherz gesagt", sagte die Frau. Sie sprach Englisch mit mir, so, wie sie mit dem Mädchen Englisch gesprochen hatte. „Lass die Finger von ihr, wenn du nicht willst, dass sie dir abgehackt werden."

 

Ich blickte auf. Die Leidenschaft in ihrem Blick grenzte an Fanatismus. „Sie ist ein Kind." Meine Stimme war ein Krächzen. Die Ungeheuerlichkeit dessen, was sie mir unterstellte, machte mir die Kehle eng. Ich war selbst noch nicht erwachsen, aber ich wusste genug, um zu verstehen, was sie mir zutraute. Ich verfluchte mich für mein Englisch, das nicht annähernd so gut wie ihres war. Es stellte mich auf eine Stufe meilenweit unter ihr, und ich fand es zum Kotzen. Warum sprach sie nicht Spanisch mit mir? Wir kamen aus derselben Welt, sie und ich. Aber nein. Consuelo, die Köchin, stammte aus Puerto Rico. Diese Frau auch? Sie hielten sich für etwas Besseres. Mexikaner mussten gegen die Schmarotzer aus Puerto Rico zusammenhalten. Erstes Gesetz der Straße, wenn man in dieses Land kam. Bei mir hatte es nicht einmal eine Woche zwischen Mülltonnen und Katzenpisse gedauert, bis ich es begriffen hatte. Fick dich, Schlampe, dachte ich. Ich war müde und zerschlagen, hatte seit sieben Tagen nicht mehr richtig geschlafen, und ich wollte nichts von ihrer Tochter, die noch ein Baby war.

 

„Du bist mexikanischer Abschaum", warf sie mir zornig entgegen. „Sag nicht, du würdest nicht nehmen, was du kriegen kannst, du Dreck." Ohne den Blick abzuwenden, wandte sie sich an die Köchin. „Consuelo, was machst du noch hier? Du hast ihn hinreichend auf meine Kosten gemästet. Geh nach Hause." Spanisch sprach sie also durchaus. Ihr Akzent bestätigte, was ich geahnt hatte. Sie hasste mich. Weil ich Mexikaner war und sie sich für etwas Besseres hielt.

 

Hektisch räumte die dicke Mamacita, die mich mit würzigem Eintopf und Kartoffelbällchen mit Rindfleisch vollgestopft hatte, Teller und Töpfe in die Spülmaschine, griff dann ihre Jacke vom Haken hinter der Tür. Sie stammelte einen Gruß und verzog sich, ohne mir noch einen Blick zuzuwerfen. Offensichtlich schämte sie sich, dass sie so freundlich zu einem wie mir gewesen war.

 

„Ich fasse kein Kind an", sagte ich noch einmal. Es war überflüssig, weiter mein mageres Englisch zu bemühen. Die Schlampe verstand mich auch so.

 

Sie verdrehte die Augen. „Dreck", zischte sie. „Ich hab Rey gesagt, dass er dich in der Mülltonne verrotten lassen soll, aus der die Jungs dich gezogen haben. Aber er wollte ja nicht auf mich hören. Du bringst Ärger in dieses Haus."

 

Ja, weil ich Mexikaner war. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass die Menschen in diesem Land mich mit offenen Armen auffangen würden. Dreck aus Mexiko, noch einer, der ihre ach so heile Welt unsicher machte. Immerhin kam ich ungebeten, schlich mich ein, kroch in dunklen Ecken herum und hoffte, mein Glück zu finden im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Wenn die ganze beschissene Situation nicht so zum Kotzen gewesen wäre, vielleicht hätte ich gelacht. Glück, verflucht nochmal, mehr wollte ich gar nicht. Stand das nicht sogar einem Versager wie mir zu? Es machte mich aggressiv und wütend, wenn ich mir ausmalte, dass diese Leute ihre tolle Welt genossen und es ihnen scheißegal war, wie es solchen wie mir ging. Und Camila.

 

Nie hätte ich jedoch erwartet, unter anderen Spanischsprechenden auf solchen Hass zu treffen wie den, der aus den Augen der Frau sprühte. Im Güterzug über den Rio Grande hatten mich andere Illegale vor den Puertoricanern gewarnt. Was für eine blöde Scheiße, ausgerechnet in deren Mitte zu stranden. Ich hatte geglaubt, das große Los zu ziehen, als die Kerle heute Abend zu mir gesagt hatten, ich sollte mit ihnen kommen, weil sie jemanden kannten, der einen Job für mich hätte. Erst ein Jobangebot, dann Ziegenfleischeintopf mit Kartoffelbällchen. Bingo, hatte ich gedacht. Jetzt begann ich zu ahnen, dass es eine faule Nuss war, die man mir in den Rachen geschoben hatte.

 

„Wer ist Rey?", fragte ich und nahm den Schokoriegel nun doch zwischen die Finger. Ich hätte das Ding gern in meiner Hosentasche versteckt, aber dann würde es schmelzen.

 

„Ein Idiot ist Rey!" Ihre Stimme brannte vor Hass. „Ich hab keine Ahnung, was er von einem wie dir will. Wir haben Leute. Verlässliche Leute. Was bist du? Du bist nichts."

 

Ich hatte auch keine Ahnung. Da waren wir schon zu zweit. Ich hasste ihre Stimme. Ich wollte, dass sie verschwand. Aber das hier war ihr Haus.

 

„Verschwinde, Aurelia."

 

Mein Kopf ruckte hoch beim Klang der Männerstimme. Befehlsgewohnt, stark. Er sprach Spanisch mit demselben versnobten Akzent wie die Frau. Ein Mann wie ein Felsblock war es, der sich durch die Glastür vom Esszimmer her in die Küche schob. Einer, der aussah, als habe er in seinem Leben noch nie einen Finger gerührt und der trotzdem alles bekam, was er wollte. Ich hasste diese Kerle. Zuhause gab es sie zuhauf.

 

„Wenn du mich noch einmal als Idiot bezeichnest, blüht dir was. Kümmere dich um Destiny."

 

„Schmeiß den Kerl raus!", giftete die Schlampe. „Der hat Destiny mit seinen Augen ausgezogen."

 

Kleine Schweinsaugen musterten mich. Das war der Moment, in dem ich entschied, dass ich den Mann nicht mochte. Das Gesicht war zu schlau. Ein Bär mit dem Gesicht eines Fuchses. Die Haare elegant frisiert, die Kleidung zu teuer und zu fein für einen, der kein Amerikaner war.

 

„Hast du das?"

 

„So ein Scheiß", sagte ich und umschloss die Schokolade mit der Hand. Ich spürte, wie der Riegel zu schmelzen begann. Gleichzeitig fürchtete ich plötzlich, dass der Mann mir das Geschenk wegnehmen würde. Die Vorstellung tat mir nicht gut. Nicht, weil ich Hunger hatte, denn die Mamacita hatte mich so sehr gemästet, dass ich tagelang nichts mehr runterbringen würde. Sondern weil ich an das Mädchen denken musste. Sie sprach auch dieses versnobte Spanisch, aber sie war keine von denen. Sie war nett. Einfach so. Etwas, das einer wie ich nicht oft erlebt hatte.

 

„Mein Name ist Rey", sagte der Mann, der auf der anderen Seite des Tisches stehen geblieben war. „Reynaldo Lazar, aber die Leute hier nennen mich Rey." War ja klar, dass dieser Fettwanst mit den Fingern eines Hochschulprofessors sich als König bezeichnen ließ. Was für eine verfickte Welt war das hier? Er gab der Frau einen Wink mit dem Kopf. Mit einem letzten Blick auf mich verpisste sie sich.

 

„Sag mir deinen Namen, Junge", sagte der Rey.

 

„Joaquín."

 

„Und wie weiter?"

 

„Perez."

 

„Mexikaner, ja?"

 

Ich kniff die Augen zusammen. Er wusste es doch, der Puerco, was sollte die bescheuerte Frage? „Macht das einen Unterschied? Was sind Sie denn? Amerikaner?"

 

Der Mann verzog den Mund zu einem spöttischen Grinsen, zog sich mit dem Fuß einen Stuhl heran und setzte sich. „Um es genau zu nehmen, ja, bin ich, Engelsgesicht, und du weißt das auch. Willst du nicht die Schokolade essen, ehe sie in deiner Hand zerläuft?"

 

Ich ließ den Riegel los. Meine Finger taten weh dabei. Ich konnte den Blick nicht von dem rot und schwarz gestreiften Papier abwenden. „Ich bin satt."

 

„Alles, was in deinem Magen gelandet ist, gehört mir. Diese Schokolade gehört mir. Das Mädchen, von dem du sie hast, gehört mir. Wenn du mir schwörst, dass du deine verwichsten Pfoten von ihr lässt, können wir sowas wie Freunde werden."

 

„Freunde sind doch bloß dazu da, einem in den Rücken zu fallen." Es gab keine Mexikaner, die mit Geldsäcken aus Puerto Rico befreundet waren. Der Mexikaner wäre der erste, den der Puertoricaner an die Behörden verpfeift. Regel Nummer Zwei auf den Straßen Amerikas. Hör zu und lerne, Chico, damit du nicht am zweiten Tag ein Messer zwischen den Rippen hast und dich wunderst, wo das herkommt.

 

„Da hast du zweifellos Recht, deshalb werde ich es mir von dir schriftlich geben lassen, dass du Destiny nicht anrührst. Schreiben kannst du ja hoffentlich. Einem pöbelnden mexikanischen Arsch würde ich meine Tochter selbst dann nicht in den Rachen werfen, wenn ich jedes Jahr Weihnachten mit ihm verbringe. Ja, ich bin Amerikaner. Ein Amerikaner aus Puerto Rico. Und du, mein Freund, bist illegal in diesem Land. Sag mir, Mexicano, was passiert, wenn ich dich an die Behörden übergebe?"

 

Eiskalt rann es mir den Rücken hinab. Bilder verwischten vor meinen Augen. Die Antwort blieb mir in der Kehle stecken. An die Behörden. Das Schlimmste. Rückwärts wieder raus aus dem Land, zurück nach Mexiko, zurück in die ganze verfickte Scheiße, aus der ich mich irgendwie rausgewühlt hatte. In der Camila steckte. Ich hatte ihr versprochen, dass ich sie nachholen würde, sobald ich eine Green Card bekam.

 

„Dachte ich es mir. Was du also brauchst, ist Arbeit. Und du brauchst Papiere. Was, wenn ich der Mann bin, der dir beides geben kann?"

 

„Papiere?", krächzte ich. Green Card. Scheiße, Mann, ich würde töten für eine Green Card.

 

„Einen puertoricanischen Pass. Der macht dich praktisch zum Amerikaner, wie ich einer bin. Kein Mensch kann dich damit aus dem Land werfen."

 

„Warum sollten Sie das tun?"

 

Rey lehnte sich zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete mich wie eine Kakerlake, von der er noch nicht sicher war, ob er sie zertreten oder vergiften wollte. „Wie alt bist du, Perez?"

 

„Sechzehn."

 

„Hast du schon mal gearbeitet?"

 

„Ich hab Zeitungen ausgetragen und Regale eingeräumt in Antonios Supermarkt in der Straße, wo ..."

 

Rey machte eine wegwerfende Handbewegung. „Was ist mit Sport? Bist du fit? Kannst du einem Kerl zeigen, wie der Hase läuft?"

 

„Ich soll was?" Scheiße, Mann. Ich hatte mich durch metertiefen Dreck gewühlt, und ja, ich hatte mich geprügelt, aber ich hatte noch nie jemanden ernsthaft verletzt. Man machte sowas nicht unter Seinesgleichen.

 

„Kannst du? Hör zu, Perez." Reynaldo Lazar lehnte sich vor, die Ellenbogen auf dem Tisch. „Ich hab ein paar Geschäfte in dieser Stadt am Laufen. Meine Frau und Destiny sind anspruchsvoll, und ich verwöhne meine Mädchen gern. Also hab ich Geschäfte. Wohnungen und Restaurants, die vermietet sind, Leute, die für mich arbeiten, das Übliche. Es gibt immer wieder welche, die sich um Rechnungen drücken oder mich übervorteilen wollen. Ich mag das nicht. Meine Geschäfte werden jedes Jahr mehr, also muss mein Team jedes Jahr größer werden."

 

„Was für ein Team?"

 

„Was glaubst du, was für ein Team?"

 

Ich zuckte mit den Schultern. Mein Kopf schwirrte. „Ich bin ein mexikanischer Straßenköter, ich hab keine Ahnung." Ich wusste genau, was dieser Fettwanst an mich herantrug, und die Vorstellung gefiel mir nicht. Ich mochte illegal in diesem Land sein und damit der letzte Dreck, aber ich war gern mein eigener Herr.

 

„Du bist auf der Straße aufgewachsen, nicht wahr? Du kennst das Gesetz der Straße. Du weißt, was es bedeutet, wenn einem wer ans Bein pissen will. Ich mach mir nicht gern die Finger dreckig, aber du weißt, wie man das macht, habe ich Recht?"

 

„Sie brauchen Kanonenfutter, ja? Einen, dem keiner hinterhertrauert, wenn er ins Gras beißt. Sowas wie einen Rotzlöffel aus Mexiko-Stadt, der gar nicht hier sein dürfte, den man verscharren kann, wenn er draufgeht, und keiner fragt, wo er abgeblieben ist. Hab ich das richtig verstanden?"

 

Der spöttische Zug erschien erneut um seinen Mundwinkel. „Wenn du dich nicht so blöd anstellst, wie du daherredest, kannst du eine richtige Karriere draus machen. Ja, wir haben uns verstanden. Im Gegenzug kriegst du Papiere. Und ich beteilige dich am Gewinn, wenn du nach den Jobs für mich bei diesen Schweinesäcken aufräumst."

 

Eine Green Card. Ich wollte eine verdammte Green Card. Wenn dieser Mann die für mich besorgen würde, hätte ich in diesem Moment alles für ihn getan. Auch wenn das hieß, die halbe Stadt umzubringen. Einer starb immer, und mir war es lieber, es waren die anderen und nicht ich. Ich dachte an Camila. Aber ich wagte nicht, das Thema Green Card auf den Tisch zu bringen, weil Regel Nummer Drei besagte, dass man, wenn einem ein kleiner Finger hingehalten wurde, nicht die ganze Hand packen sollte. „Eben sagten Sie noch, es geht darum, Geld für Sie einzutreiben."

 

„Pfffft." Lazar lachte schallend. „Wovon willst du leben, wenn du nur Geld eintreibst, das mir gehört? Wenn du auch was dabei verdienen willst, wirst du bei denen vorstellig werden, die mir ans Bein gepinkelt haben, und um was du die erleichterst, das teilen wir unter uns auf." Er schnippte mit den Fingern. „Santiago!"

 

Einer der beiden Männer, die mich vor ein paar Stunden – oder war es bereits ein Menschenleben her? – aus der Mülltonne gegraben hatten, betrat die Küche durch eine Tür, die ich vorher nicht bemerkt hatte. Er war ein furchterregend aussehender Kerl mit einer Narbe, die sein Gesicht teilte und seine Nase zerstört hatte. Trotzdem konnte er noch nicht alt sein, kaum mehr als Mitte zwanzig, schätzte ich. So würde ich auch aussehen, wenn ich mich mit Rey Lazar einließ. Das Positive daran war, dass einem, der so aussah, keiner blöd kam. Kerle, die so aussahen, bekamen, wonach sie verlangten.

 

„Das ist mein Bodyguard", informierte Lazar mich. „Santiago. Er kam vor acht Jahren in meinen Dienst. Ein abgerissener Scheißer wie du, vierzehn Jahre alt. Keine Papiere, keine Aussichten. Sieh ihn dir an. Heute gehört ihm eines der besten Anwesen beim Humboldt Park in Chicago, er vögelt jede Nacht eine andere Schlampe aus der High Society und bei seinem Anblick ziehen die Italiener, die die Unterwelt im Griff zu haben glauben, die Schwänze ein." Auf einen Schwenk mit dem Kopf hin verschwand Lazars gutes Beispiel wieder.

 

„Du kriegst Papiere und ein Dach überm Kopf. Ab morgen bist du Puertoricaner. Du begibst dich in Santiagos Ausbildung. Du arbeitest für mich. Wenn du disloyal wirst oder deine dreckigen Pfoten an meine Tochter legst, verlierst du erst den Schwanz und dann den Kopf. Du arbeitest für mich, bis ich dich darüber informiere, dass du es nicht mehr tust. Wenn du vorher versuchst, dich aus dem Staub zu machen, lasse ich dich töten. Ganz einfach. Viel musst du dir nicht merken, das sollte sogar in dein Spatzenhirn reingehen."

 

„Wie lange darf ich nachdenken?"

 

Rey lachte sein volltönendes Lachen. „Zwei Sekunden, du Wichser, was glaubst du denn, wo du bist? Das hier ist eine Diktatur, keine Demokratie, und ich sage, was läuft und was nicht. Schlag ein, oder du bist übermorgen wieder in Mexiko."

 

Der Duft von weich gewordener Schokolade und Karamell, zusammen mit der bodenlosen Müdigkeit, die in meinen Knochen steckte, machte mir den Kopf schwindlig. Ich dachte an den Scheißkerl, der Camila und mich gezeugt hatte und meine kleine Schwester verprügelte, wenn das Abendessen nicht pünktlich auf dem Tisch stand.

 

Und ich dachte an das kleine Mädchen mit dem pausbäckigen kakaofarbenen Gesicht, das Destiny hieß, das amerikanische Wort für Schicksal. La suerte. Suertina hatte mir einen Schokoriegel geschenkt.

 

„Wo schlafe ich heute Nacht?", fragte ich. Die Worte taten mir in der Kehle weh, aber ich wusste, dass ich keine Wahl hatte. Ich war nicht länger mein eigener Herr. Ich war dem falschen Mann ins Netz gegangen.

 

*

 

Destiny

 

In den Jahren, die danach kamen, begann ich zu begreifen, dass etwas im Leben meines Papás nicht stimmte. Wir lebten in einem wunderschönen Haus, ich hatte die schönsten Kleider aller Mädchen und wenn ich mir etwas wünschte, bekam ich es. Doch immer öfter sah ich Männer wie den Jungen mit den zornigen Augen in unserem Haus. Sie waren nett zu mir, manchmal. Aber meistens beachteten sie mich nicht, weil Papá sie von mir fernhielt. Santiago und die anderen schafften sie in Papás Büro. Dann wurde geredet. Manchmal hörte ich die Fremden weinen. Was dann geschah, erfuhr ich nie, und wenn ich ehrlich bin, wollte ich es auch nie erfahren. Unser Haus wurde mehr und mehr zu einem Gefängnis für mich, und je genauer ich hinsah, desto erdrückender würde die Enge werden. Trotzdem konnte ich die Augen des ersten von ihnen nie vergessen. Ich habe Mamá und Consuelo gefragt wie er hieß, aber eine Antwort habe ich nie bekommen. So war das in unserem Märchenschloss am Humboldt Park. Ein Mädchen wie ich bekam Geschenke, aber auf Antworten musste sie vergeblich warten.

 

Mein Leben änderte sich, als ich mit Vierzehn in die High School kam. Bis dahin hatten mich Mamá und ein Privatlehrer zuhause unterrichtet, doch für die letzten Jahre sollte ich eine Schule besuchen. Es würde meine Chancen verbessern, sagte Papá, fürs College später, damit ich was hermachte. Was hermachte? Ich wollte nichts hermachen. Aber ich war froh, ein paar Stunden am Tag aus diesem Haus rauszukommen und der Überwachung durch Papás Bluthunde zu entgehen.

 

Ich hatte nicht gewusst, was mich in der High School erwartete. Ich hatte ja überhaupt keine Ahnung, wie das Leben wirklich funktionierte, so abgeschirmt war ich aufgewachsen. Ich war nicht die einzige Latina unter den ganzen reichen Mädchen, aber ich war die Einzige, die noch nie einen Fuß in eine Schule gesetzt hatte. Ich war eine Exotin, und die anderen redeten. Selten mit mir, aber sehr oft über mich. Gern hinter vorgehaltener Hand. Sie starrten mich an, als käme ich von einem anderen Planeten. Meine Lehrer versuchten, freundlich zu mir zu sein, aber wenn sie meinen Namen auf ihren Klassenlisten lasen, versickerte die Freundlichkeit in Misstrauen. Mir war nicht bewusst, dass ich irgendwas falsch gemacht hätte. Trotzdem war ich der Buhmann, und das nagte an mir.

 

Ich hatte mich auf die Schule gefreut, aber es dauerte nicht einmal eine Woche, bis ich sie hasste. Ich hasste es, dass ich immer allein in meiner Bank saß, ich hasste die Blicke und das Getuschel. Ich hasste die Art, wie die älteren Schüler hinter mir hersahen und dreckige Bemerkungen machten. Jede Sekunde, die ich in der Schule verbrachte, wünschte ich mich zurück in unser Schloss am Humboldt Park, wo ich die Prinzessin war, und das ich genauso hasste wie die Schule, nur auf eine andere Art.

 

Ich war seit drei Wochen, zwei Tagen, acht Stunden und zweiundzwanzig Minuten in der North Grand High School, als ich ihm das zweite Mal begegnete. Das erste Mal hatte ich ihm einen Schokoriegel geschenkt, beim zweiten Mal rettete er vielleicht mein Leben. Ich stand an der Bushaltestelle und wartete auf den Schulbus. Mamá und Papá wollten, dass mich Santiago fuhr, aber ich hatte mich durchgesetzt. Wenn mich auch noch ein Chauffeur zur Schule brachte und abholte, würde es mir nie gelingen, Freunde zu finden. Schlimmer als die Zeit in der Schule waren die Busfahrten auch nicht. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie ein paar Jungs aus der Zwölften auf die Haltestelle zukamen. Ich hatte keine Ahnung, was die hier wollten, denn bestimmt hatten sie schon einen Führerschein und waren mit dem Auto da. Ihr Anführer hieß Matt. Ich hatte ihn schon öfter mit seinen Kumpels in der Cafeteria gesehen. Wo Matt und seine Gang auftauchten, zogen alle anderen die Schwänze ein.

 

Er und seine Freunde lachten und stießen sich mit den Schultern an, während sie näherkamen. Meine Finger an meinem Ordner wurden feucht. Etwas Ungutes lag in der Luft, so, wie sie auf mich zukamen, und ich begriff, dass meine Intuition mich nicht täuschte, als Matt sich vor mir aufbaute und mich mit seiner knochigen Hand an der Schulter stieß.

 

„Na, Puta, so allein hier?" Das spanische Wort für Hure sprach er mit einem ungelenken Akzent, trotzdem wurde mir ganz schwummrig dabei. Er war nicht wie ich. Er war kein Latino, sein Haar hatte eine dreckig-blonde Farbe und seine Haut war weiß wie alter Käse.

 

„Was wird dein Papá machen, wenn wir sein Prinzesschen nach Hause begleiten? Meinst du, er wird danke sagen?"

 

Ich versuchte zurückzuweichen, aber stieß mit dem Hintern gegen einen Körper, der nach Schweiß stank. Sie hatten mich umzingelt. Das Grinsen auf den Gesichtern der anderen wurde noch gemeiner. Ich hatte mich immer für ein mutiges Mädchen gehalten. Ich bekam, was ich wollte, meine Eltern hielten mich dazu an, deutlich zu sagen, was in mir vorging. An Consuelo und Maria und manchmal auch an Papás Gorillas hatte ich ausprobiert, was passierte, wenn ich verlangte. Jetzt lernte ich, dass ich in einer Traumwelt aufgewachsen war. Denn draußen im richtigen Leben zählte mein Wort so viel wie ein Niesen.

 

„Ich warte auf den Bus." Ich straffte meine Schultern. Wenn ich ihnen meine Angst zeigte, würde es sie ermutigen. Brust raus, Baby, zeig ihnen, was du wert bist und dass du dich nicht rumschubsen lässt. „Ihr braucht mich nicht zu begleiten."

 

Matt lachte. „Und was, wenn wir wollen? Ups." Mit einem kräftigen Ruck schlug er mir den Ordner aus der Hand. Blätter vom Unterricht, die ich noch nicht eingeheftet hatte, ergossen sich auf den Bürgersteig.

 

„Dir ist da was runtergefallen."

 

Instinktiv bückte ich mich. Ich wollte nicht, dass diese Kerle sahen, wie es mir ging. Bücken erschien mir als ein cleverer Weg, mich ihren Blicken zu entziehen. Ein Fehler. Kaum hatte ich mich gebückt, landete eine Hand auf meinem Hintern, knetete. Mir wurde schlecht.

 

„Was für ein Arsch. Kein Wunder, dass man von euch Latina-Huren sagt, dass sie von hinten genommen werden müssen wie läufige Hündinnen."

 

Blind tastete ich nach meinen Sachen, versuchte, mit der anderen Hand meinen Rock unten zu halten. Die blöde Schuluniform war viel zu kurz. Bevor ich mich wieder aufrichten konnte, griff mich einer von Matts Kumpels unter den Achseln, zog mich in die Höhe. Ein anderer zog an meinen Haaren. Matt schob mir eine Hand zwischen die Schenkel.

 

„Nein." Ich konnte mein Flehen nicht länger zurückhalten. Was wollten die von mir? Ekel vor Matts dreckigen Pfoten versperrte mir die Kehle. Ich war so blöd gewesen, von Papá zu verlangen, dass er seine Gorillas von mir fernhielt, wenn ich in der Schule war. So blöd, dass ich hatte sein wollen wie die anderen, damit sie mich nicht ausschlossen. Jetzt stand ich hier, allein, und hatte keine Chance, mich zu wehren. Ich wusste, was sie wollten, aber ich begriff nicht, wieso. Sonst war ich doch auch Luft für sie.

 

Ganz nah kam Matt jetzt. Seine Hand rieb über mein Höschen, bis ich dachte, spucken zu müssen.

 

„Sag deinem Papá, wenn er will, dass sein Prinzesschen so süß und unschuldig bleibt, wie es ist, soll er Ferrari in Frieden lassen. Wir waren länger hier. Dieser Teil der Stadt gehört uns."

 

Redete der über ein Auto? Ich hatte wirklich keine Ahnung. „Was soll Papá mit deinem Auto? Er hat selber genug davon." Jetzt klangen Tränen in meiner Stimme. Ich biss mir auf die Unterlippe, bis ich Blut schmeckte. Die anderen lachten, und an den Rändern meines Gesichtsfelds zerfaserte meine Wahrnehmung zu schwarzen Schatten.

 

„Dein Dad weiß, was ich meine. Sag es ihm einfach." Hämisch lachend fuhr er mit einem Finger unter den Saum meines Slips. Mein ganzer Körper wurde zu einem einzigen Muskelkrampf.

 

Sein Lachen verklang, als ein schweres Motorrad um die Ecke zur Bushaltestelle bog. Es hielt an. Direkt neben uns. Mit schweren Springerstiefeln trat der Fahrer die Stützen hinunter und stieg ab. Matt ließ mich los. Vor Erleichterung hätten beinah meine Knie unter mir nachgegeben. Jemand war gekommen, um mich zu retten, um zu verhindern, was Matt und seine ekelhaften Freunde mir antun wollten. Nie war ich so froh über Papás Gorillas gewesen. Also hatte einer in der Nähe gewartet. Hatte auf mich aufgepasst. Ich würde Papá ganz ohne wie sonst zu mucksen heute Abend sein Lieblingsessen kochen. In diesem Moment war ich unendlich dankbar dafür, dass er auf mich achtgeben ließ.

 

Erst jetzt merkte ich, dass unter den grapschenden Händen von Matt und seinen Kumpanen ein paar Knöpfe von meiner Bluse abgesprungen waren und der Stoff deshalb so weit aufklaffte, dass jeder den Rand meines BHs sehen konnte. Fahrig versuchte ich, den Stoff zusammenzuhalten.

 

„Gibt es ein Problem, Suerta?" Niemand nannte mich so. Erst jetzt wagte ich, meinen Retter anzusehen. Er hatte schulterlanges schwarzes Haar, mit einer dunkelblauen Bandana zurückgebunden. Und er war riesig. Bestimmt über eins neunzig. Massige Muskeln wölbten sein weißes T-Shirt, als er sich mit schulterbreit gespreizten Beinen zwischen mir und Matt aufbaute und die Arme vor der Brust verschränkte. Die Drohung in seiner Haltung war unmissverständlich. Er kannte meinen Namen, aber er sagte ihn auf Spanisch, und ich fühlte mich sofort beschützt. Geborgen. Nicht mehr allein.

 

„N... nein." Es war Bullshit, natürlich gab es ein Problem. Mehrere Probleme, um genau zu sein. Aber eines hatte ich verstanden, Matt wusste irgendwas über meinen Papá, und wenn ich nicht den Mund hielt, würde ich noch mehr Probleme bekommen.

 

„Bist du sicher?" Mein Retter beugte sich ein wenig zu mir. Wäre es nicht so verdammt gruselig gewesen, vielleicht hätte ich darüber gelacht, wie still Matt und seine Schläger-Gang plötzlich waren. Vorhin hatten sie mir eine Todesangst eingejagt. Im Vergleich zu meinem Retter wirkten sie nur noch wie die großmäuligen Schuljungen, die sie waren.

 

„Ich ... ich ..." Mein Blick ruckte zu ihm. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Er war aufgetaucht, wie ein Ritter, der der Jungfrau in Nöten zu Hilfe eilte. Ein ziemlich beängstigender, rauer Ritter, aber nichtsdestotrotz ein strahlender Held. In seinen Augen suchte ich nach einer Antwort auf die Frage, warum er das tat. Warum er hier auftauchte, um mir zu helfen. In diesem Augenblick erkannte ich ihn. Drei Jahre waren vergangen, seit ich ihn das erste und letzte Mal gesehen hatte. Nichts mehr war übrig von dem verängstigten Jungen, der in unserer Küche Eintopf gegessen und gezittert hatte. Er war ein Mann geworden. Und was für einer. Groß, stark und bereit, mich zu retten. Doch in seinen Augen flammte immer noch derselbe Zorn. Ich wusste immer noch nicht seinen Namen. Und ich hatte geglaubt, dass er dorthin zurückgegangen war, woher er in jener Nacht gekommen war. Jetzt war er hier. Ich war nicht mehr allein.