Dschungelherz

Kapitel 1

 

Kesha griff an ihre Schläfe. Was vor zwei Tagen als kleine Pusteln begonnen hatte, fühlte sich jetzt an wie offene Wunden, aus denen Blut lief. Sie blickte auf ihre Fingerspitzen. Die Flüssigkeit, die an ihren Fingern haftete, war nicht rot. Gelbliches Weiß. Ihre Hände zitterten. Ebenso wie ihre Knie, die sich anfühlten, als wären sie mit Matooke-Brei gefüllt. Das gelartige Gelbweiß auf ihren Händen verschwamm vor ihren Augen. Sie blinzelte, aber das waren keine Tränen, die ihren Blick verwässerten. Das war etwas anderes, etwas, das Angst machte. Etwas, das ihr zurief, dass sie den Tod brachte. Ganz gleich, wohin sie ging.

 

Es wäre auch unmöglich gewesen, dass ihre Augen noch Tränen produzierten. Sie verging vor Durst, aber sie war nicht länger in der Lage zu schlucken. Nicht einmal Wasser. Ihr ganzer Körper schien in Flammen zu stehen. Wie ausgetrocknetes Holz, das in Brand gesteckt wurde, würde sie schon bald zu Staub zerfallen. Das Fieber hatte zwei Tage vor den Pusteln im Gesicht begonnen. Ihre Kehle brannte. Sie vermutete, dass das Schwären, das sie überall in ihrem Gesicht fühlte, auch von innen an ihr haftete.

 

Sie schauderte. Ich bringe den Tod. Den Tod. Ein atemloses Singen in ihrem Kopf. Aber der Gedanke an das Baby trieb sie weiter. Die Angst vor dem Tod war längst vergangen. Vor ihrem eigenen Tod, der eine Erlösung sein würde. Sie hatte das Leben so geliebt, aber jetzt sehnte sie sich nach ewigem Schlaf. Doch da war das Baby. Es musste leben. Es brauchte jemanden, der ihm ins Leben half. Sie selbst würde es nicht mehr tun können.

 

Ächzend kam sie wieder auf die Füße. Das Gehen fiel so schwer. Sie war ausgetrocknet, sie wünschte sich, dass sie noch Hunger haben könnte, irgendwas, das ihr das Gefühl gab, noch am Leben zu sein. Da war nichts. Nur Durst, der sich nicht mehr löschen ließ.

 

Verschwimmend vor ihren Augen lag die Ansammlung niedriger Häuser aus rotem Backstein, deren Dächer unter sengender Sonne flimmerten. Eine niedrige Mauer aus denselben Steinen umschloss das Gelände. Die Flaggen, an Masten neben der Einfahrt, hingen schlaff herab. Der einzige Ort auf der Welt, von dem sie sich Hilfe versprach. Der letzte Ort, an den sie gehen sollte, sie, die den Tod brachte. Kesha streckte eine Hand aus, als sie wieder in die Knie sackte. Ich will doch nur Hilfe. Nicht für mich. Für mein Baby. Helft meinem Baby. Dem Einzigen, was von mir bleibt. Nur noch wenige Schritte. Sie konnte schon das Rufen und Lachen der Kinder hören, über das Rauschen des dicken Blutes in ihren Ohren.

 

Die Kinder. Ihr Lachen würde verstummen. Bald. Zu bald. Unermesslicher Schmerz ergriff ihren Körper. Ihr Kind. Ihre Tochter. Sie wäre so gern für ihr Mädchen da gewesen. Doch sie hatten es ihr genommen. Was würden sie mit ihrem Baby tun? Emmanuel Kiyonga war der Teufel. Der Teufel war über Uganda gekommen. Er würde Uganda auslöschen. Sie grub die Finger in den Staub des Straßenrandes, ließ sich fallen.

 

Langsam hob sie den Kopf, der schwer war wie ein Haus. Ihre Augen brannten. Die Häuser schienen wieder weiter weg. Ihr Körper zuckte und wand sich. Ihre Lippen öffneten sich ohne ihr Zutun. „Mama“, atmete sie in den Staub hinein. „White Mama …“

 

Irgendwie kam sie wieder halb hoch, kroch ein paar Schritte auf Knien und Händen. Es tat so weh. Ihre Hände waren zerrissen und bluteten. Das Wollkleid, das sie vor ein paar Monaten selbst genäht hatte und das zusammen mit ihrem eigenen auch den Körper ihres Babys geborgen hatte, war nicht mehr grün und sauber. Die Nähte waren zerfetzt, es starrte vor Dreck. Schlamm aus dem Kyambura-Fluss. Getrockneter Dung von Tieren im Nationalpark.

 

Sie war so weit gekommen. Sie wusste selbst nicht, wie sie es geschafft hatte, ohne getötet, zerfleischt und gefressen zu werden. Allein durch die Wildnis. Allein bis an diesen Ort des Lachens, an dem sie glücklich gewesen war. Es musste doch einen Gott geben, der sie liebte. Der ihr das erlaubt hatte. Noch einmal diesen Ort zu sehen. Hilfe zu finden bei White Mama. Dieser Gott würde nicht zulassen, dass sie all diesen Kindern den Tod brachte, weil sie ihrem eigenen helfen musste. Sie konnte nicht aufgeben, ehe sie Avery fand. Jemand musste wissen, was dort geschah. In der Höhle in der Schlucht. Verborgen vor den Augen der Welt. Irgendwer musste kommen, um dem Teufel Kiyonga das Handwerk zu legen. Avery würde Rat wissen. Solange Kesha denken konnte, hatte Avery immer Rat gewusst.

 

Ihr Baby. Avery musste ihr Baby retten aus den Händen dieser … Menschen. Die keine Menschen waren. Kesha selbst konnte es nicht mehr. Sie krümmte sich.

 

Sie keuchte, ein Jammern entrang sich ihrer Kehle. Ein Schrei mischte sich in den erstickten Ton. Der Schrei eines Kindes. Sie blinzelte. Auf der anderen Straßenseite stand ein Junge in blau und weiß gestreiftem T-Shirt und kurzen roten Hosen. Ihr Mund stand offen, das Jammern verzerrte sich in Schmerz und Trauer. Ihr Baby. Sie mussten ihr Baby retten. White Mama würde ihr Baby retten. Das Kind kam langsam näher, ein Finger im Mund, die großen runden Augen auf sie gerichtet. Ein Bild legte sich darüber, eine Fieberschimäre, das runde Gesicht des Jungen übersät mit schwärenden Pusteln, sein kleiner Körper vom Fieber gebeutelt. Ein Skelett, das sie auslachte. Sie streckte die Hand aus und schüttelte den Kopf. Komm nicht näher, wollte sie ihm sagen, aber sie hatte keine Stimme mehr. Keine Worte. Hol White Mama. Hol Avery.

 

 

 

*

 

 

 

Alle Bemühungen um eine glatte, geräuscharme Operation waren umsonst. Als Galen die erste Kugel durch den lose sitzenden Ärmel seiner Uniformjacke dringen spürte, wusste er, dass es hier nur noch ums Überleben ging. Nicht um seines. Darüber hatte er sich nie viele Gedanken gemacht, und er würde nicht jetzt damit anfangen. Wichtig war nur die Operation, wichtig war die Zielperson. Wenn die Männer, die man ihm zur Seite gestellt hatte, etwas taugten, ging es auch nicht um das Überleben von ihnen. Sondern um das der Militärärztin, die zu befreien sie in diesen Dschungel eingedrungen waren. Wenn diejenigen, die diese Frau hier unten irgendwo festhielten, erkannten, dass sie verfolgt wurden, würden sie die Geisel töten.

 

Die Kugel hatte den Stoff durchschlagen, ohne seinen Arm zu verletzen. Vielleicht hatte er einen Kratzer abbekommen, aber im Rausch aus Adrenalin und Konzentration spürte er nichts. Geräuscharmut und Überraschungseffekt waren dahin. Jetzt ging es nur noch um Geschwindigkeit. Er ließ sich fallen. Das Dickicht federte seinen Sturz ab. Dicht neben ihm spürte er die Atemzüge von Froggy. Sie gaben sich gegenseitig Deckung. Jahrelange knochenharte Ausbildung und ein Instinkt dafür, welches Verhalten in welcher Situation gebraucht wurde, zahlten sich aus. Von zehn Schritten unter ihnen, tiefer in der Schlucht, eine Salve aus einem Sturmgewehr. Dutch oder Beau. Zu sehen war keiner von ihnen. Nur das Mündungsfeuer aus der HK flammte durch das Dunkelgrün der Farne. Empörtes Gebrüll aus dem Halbdunkel vor ihnen.

 

Man mochte nicht glauben, dass heller Tag herrschte. Hoch über ihnen. Der urtümlich anmutende Bewuchs mit unendlich hohen Bäumen und Riesenfarnen machte hier unten den Tag zur Nacht. Wie lange hatten sie gebraucht, um hier herunterzusteigen? Eine halbe Stunde? Wenn überhaupt. Dennoch fühlte es sich an wie der Weg zum Mittelpunkt der Erde. Ein überwucherter, kaum noch sichtbarer Pfad. Das Gefühl, ständig beobachtet zu werden. Hier unten zählten nur noch Instinkt und die Fähigkeit, wie mit Katzenaugen sehen zu können.

 

Als nur wenige Schritte vor ihm ein Knacken durchs Gesträuch brach, riss Galen die Heckler & Koch hoch und feuerte. Der Rückstoß schleuderte die Waffe gegen den Visor seines Helms. Froggy kam auf die Füße, schob sich geduckt an ihm vorbei und warf sich ein paar Schritte weiter wieder nieder. „Zwei!“, rief er. „Klar. Weiter.“

 

Galen umklammerte den Griff des Sturmgewehrs, trat über die beiden Leichen hinweg und schloss zu Froggy auf. Beau und Dutch taten es ihnen nach, ein Stück unterhalb. Dicht genug, um einander nicht zu verlieren. Weit genug weg, dass man sie nicht alle vier auf einmal über den Haufen schießen konnte. Sie hatten es mit paramilitärischen Rebellen zu tun. Man konnte nie wissen, wie die bewaffnet und wie gut sie ausgebildet waren. Ob Helme und schusssichere Westen standhalten konnten, wenn die Rebellen mit panzerbrechender Munition ausgerüstet waren. Erneutes Feuer, der Geruch von Kordit begann, den eigentümlich süßen Duft des Dschungels zu überlagern. Schreie von Getroffenen. Hektische Kommandos in einer Sprache, die Galen nicht verstand. Sie entfernten sich.

 

„Dranbleiben!“, zischte er Froggy zu und machte Handzeichen zu den anderen beiden. Nur dranbleiben. Verfolgen. Sie nicht davonkommen lassen und ihnen damit Gelegenheit geben, die Geisel zu töten. Hier unten war der Bewuchs so dicht, dass Galen bezweifelte, dass sie das Camp selbst finden würden. Wenn es denn eines gab. Er zweifelte noch immer daran, konnte aber die Ergebnisse von zwei Tagen penibelster Aufklärungsarbeit nicht ignorieren. Er kannte die Satellitenbilder in- und auswendig, die das Hauptquartier in Brüssel ihnen praktisch stündlich übermittelte. Irgendwo hier unten waren sie, was fehlte, war eine punktgenaue Ortung. Jetzt hatte die Gegenseite allerdings den Fehler gemacht, sich aus dem Versteck locken zu lassen.

 

Aus der Deckung heraus folgten sie den Rebellen, die sich zurückzogen, ohne weiter auf sie zu schießen. Ihre Verletzten schienen sie dabei mitzunehmen, lediglich über drei weitere Tote musste Galen hinwegsteigen. Durchsiebt. Er sah sich nicht um. All seine Sinne waren aufs Äußerste gespannt. Er vermutete, dass es acht bis zehn Männer waren, denen sie folgten. Männer, die deutlich mehr Lärm machten als er und seine drei Leute. Wenn die sich zurückzogen und es nicht für vergeblich hielten, Verletzte mitzuschleppen, wusste er, dass er auf alles gefasst sein musste. Dass die vermutlich ein Bollwerk im Dschungel errichtet hatten. Im Laufen tastete er nach den Handgranaten am Gürtel. Vier. Er wollte nicht eine davon benutzen.

 

Nicht, ehe sich Lilian Gantner in den Händen von ihm oder einem seiner Männer befand. Dann, ja.

 

Es war kein Bollwerk. Es war eine Höhle. Zuerst sah er den Eingang nicht mal. Aber aus gut und gerne vierzig Gewehrmündungen wurde plötzlich geschossen. Er ließ sich fallen, riss Froggy mit sich in den Farn. Er war auf den Angriff gefasst gewesen, aber nicht darauf, dass die so viel Feuergewalt aufbringen konnten. Er rollte sich zur Seite, unter großblättrige Pflanzen, wohl wissend, dass der Schutz keiner war. Die hatten ihn und Froggy längst gesehen. Er hasste es, in der Defensive zu sein. Von den anderen beiden Männern aus seinem Team war nichts mehr zu erkennen. Scheiße. Ein Querschläger prallte von seinem Helm ab, schlug einen Splitter aus dem Visor.

 

Das Adrenalin prickelte heiß durch seine Adern. Er atmete tief durch. Hob den Kopf, hob das Sturmgewehr, ließ eine Salve los, ohne zu zielen. Dass die Gegenseite in Deckung gehen musste, nutzte Froggy aus, kroch ein paar Schritte, ehe er sich wieder flach zu Boden warf. Dann schoss Froggy, und Galen lief gebückt weiter. Sie näherten sich den Schützen. Was da durch seine Adern pumpte, zusammen mit dem siedenden Adrenalin, war Furcht. Um das Leben der Geisel. Wenn diese Kerle auf die Idee kamen, die Deutsche als Schutzschild vor sich zu halten, konnten er und seine Männer einpacken.

 

Genaugenommen war es verrückt, dass sie es noch nicht getan hatten.

 

Dann sah er den Eingang der Höhle. Ein klaffendes schwarzes Loch, halb verdeckt von aus Baumkronen herabhängenden Schlingpflanzen und meterhohen Farnen. Mindestens fünfzehn Schützen flankierten den Eingang, halb verborgen hinter Felsvorsprüngen und schlecht zusammengenagelten Bretterwänden. Weitere gut zwanzig Schützen waren um das Areal herum positioniert. Galen legte eine Hand auf den Gewehrlauf in Froggys Händen. Entweder die bewahrten da drin den ugandischen Staatsschatz auf, oder Lilian Gantner war für diese Menschen pures Gold wert.

 

„Zieh das Feuer auf dich“, zischte er. „Ich gehe rein. Du gehst rückwärts. Beau und Dutch bleiben, wo sie sind.“

 

„Rückwärts?“ Der junge dänische Elitesoldat sah ihn mit einem Blick an, als würde er den Befehl als Affront betrachten.

 

„Rückwärts. Zieh das Feuer. Lenk sie ab. Lass sie glauben, dass wir uns zurückziehen.“

 

„Du kannst nicht …“

 

„Wir können nicht alle zusammen. Wir können sie nicht offen angreifen, sie sind zu viele. Und sie haben die Geisel. Zieh das Feuer auf dich und versuche, noch ein bisschen um den Eingang herum aufzuräumen. Es werden Neue nachkommen.“

 

„Aufräumen klingt gut.“

 

„Ich will, dass sie glauben, dass wir zurückgehen. Deshalb brauche ich dich in der Rückwärtsbewegung. Verstanden?“

 

„Verdammt, Commander, ich …“

 

„Verstanden?“

 

Froggy kniff die Lippen zu einem schmalen Strich und nickte. Galen legte sein Sturmgewehr auf den Boden, verbarg es so gut wie möglich unter dichtem Bewuchs, zog den Revolver und kroch nach links, aus dem Feuerkreis der Rebellen hinaus. Er hörte, wie Froggys Salven sich entfernten. Beau und Dutch gaben keinen Mucks von sich. Sofort ließ auch das Feuer der Rebellen nach. Ein paar Wagemutige verließen ihre Deckung, bewegten sich auf die Stelle zu, von der aus sie beschossen worden waren. Froggy hatte das Sturmgewehr ebenfalls gegen einen Revolver getauscht, holte zwei der dunkelhäutigen Männer mit gezielten Schüssen von den Beinen, die Schüsse kamen von weit weg. Entrüstung. Empörung. Befehle. Galen schlug sich durchs Unterholz, die Seitenwand der Schlucht hinauf, in der sich die Höhle befand, näherte sich von hinten. Dann eine Salve. Das musste Dutch sein. Von viel weiter rechts als zuvor. Mindestens drei der Rebellen stürzten. Guter Mann, dachte er, und im Durcheinander, das am Höhleneingang entstand, wagte er es, sich ganz aufzurichten, nach tiefhängenden Ästen zu greifen und sich weiterzuhangeln. Die nächsten Schritte waren leicht. Die Rebellen konzentrierten sich darauf, woher die Salve gekommen war. Eine zweite folgte, weitere Schüsse von Froggy, die Verwirrung wurde immer heftiger. Niemand achtete mehr auf den Eingang zur Höhle. Niemand schien zu vermuten, dass sich einer ihrer Gegner von hinten anschlich. Schlecht ausgebildet. Es kamen auch keine neuen Schützen nach, wie er es befürchtet hatte. Waren diese knapp vierzig Mann alles, was die Paramilitärs aufbringen konnten?

 

 

 

*

 

 

 

Rückwärtsbewegung. Er konnte den Klang des Wortes nicht aus seinem Hinterkopf verbannen. In seiner ganzen Militärkarriere, begonnen im Alter von zarten siebzehn Jahren nach Beendigung seiner stürmischen Schulzeit, war Jesper Søholm noch nie rückwärts gegangen. Wer rückwärts ging, gestand eine Niederlage ein. Er war ein verdammter Froschmann. Von einem wie ihm konnte sich dieser SEAL noch eine Scheibe abschneiden, und wenn er hundertmal schon seit mehr als zwanzig Jahren Soldat war.

 

Er kämpfte den Ärger über den Befehl nieder und tat, was ihm gesagt worden war. Das war gleich nach dem Unwillen, Niederlagen einzugestehen, die zweitwichtigste Eigenschaft, die sie ihm eingebläut hatten. Befehle befolgen. Galen McKenzie, genannt Riptide, war ihr kommandierender Offizier, daran gab es nichts zu rütteln. Für ihn sprachen jahrzehntelange Erfahrung und eine blütenreine Weste. Jesper respektierte das. Also bewegte er sich vom Hexenkessel weg und schoss. Ganz einfach.

 

 

 

*

 

 

 

Hinter einem der Felsvorsprünge nahm Galen Deckung, schlich sich tief geduckt zu einer der Bretterwände, in die Löcher gebohrt waren, durch die ein Gewehrlauf passte. Vorbereitet waren sie also, wenn auch nicht sehr gut. Der Platz hinter der Wand war leer. Der Mann, der von dort aus geschossen hatte, hatte sich von Froggys angetäuschtem Rückzug verleiten lassen, die Deckung zu verlassen. Vermutlich lebte er nicht mehr. Froggy besaß ein gutes Auge und brauchte sein für ihn persönlich handgefertigtes Präzisionsgewehr nicht, um zu treffen. Scharfschützen waren auf solchen Missionen unentbehrlich.

 

Er schlüpfte unbemerkt durch den Eingang ins Innere. Feuchtigkeit umfing ihn, Dunkelheit, kaum durchbrochen von flackerndem elektrischem Licht, das am Boden angebrachte schwache Lämpchen verströmten. Gleich neben dem Eingang brummte ein altersschwacher Generator. Die Wände waren nur grob behauen. Niemand begegnete ihm. Dann wurde es heller. Er drückte sich an der Wand entlang, duckte sich, seine Finger umschlossen den Revolvergriff. Mit der Linken zog er das Armeemesser. Die Höhle machte einen Knick. Noch mehr Licht. Geradezu gleißend floss es an den Höhlenwänden entlang. Das Geräusch von Schüssen und Befehlen vor der Höhle verebbte, je weiter er sich nach innen vorarbeitete, dafür konnte er Stimmen hören, Aufregung. Diese Leute sprachen Englisch. Mit dem singenden Akzent der Einheimischen.

 

Der grob in den Fels geschlagene Gang öffnete sich zu einem … was zur Hölle war das? Ein Raum von der Größe eines Saales, hoch, gleißend hell ausgeleuchtet. Perfekt gemauerte, weiß gestrichene Wände. Galen nahm Deckung hinter einem hohen Schrank aus gebürstetem Stahl und weißem Plastik. Helle Aufregung herrschte hier drin, Menschen in weißen Kitteln rannten durcheinander, Glas klirrte. Das Licht flackerte, beruhigte sich wieder. Es war, als sei er unvermittelt an einen vollkommen anderen Ort gebeamt worden. Ein Mann schrie einen anderen an. Irgendwo plärrte ein Baby. Ein Baby? Was sollte das hier sein?

 

Plötzlich hörte Galen, wie sich im Gang Schritte näherten. Er presste sich weiter hinter den Schrank, zwei blutjunge Männer in veralteten russischen Tarnuniformen kamen um den Knick im Gang herum, einer blutete aus einer klaffenden Wunde am Arm. Sie schrien etwas in der Sprache der Einheimischen. Jemand ließ ein Tablett fallen. Glassplitter, das Klirren von medizinischen Geräten aus Metall. Aufgescheuchte Hühner waren gar nichts gegen das hier.

 

Aber ein Hühnerstall war wenigstens etwas, das Sinn ergab. Huhn, Hahn, Ei, Omelette. Ganz einfach. Das hier? Galen hatte genug von der Ungewissheit.

 

Er gab seine Deckung auf, trat hinter die beiden jungen Soldaten. Den einen packte er mit der Linken um die Kehle, die lange Klinge seines Messers in der Hand schnitt dem Mann die Wange auf, die Spitze ruhte direkt über seinem Augapfel. Mit dem Daumen presste er ihm den Kehlkopf zu. Die Überraschung des anderen nutzte er aus, ihm den betagten russischen Revolver aus der Hand zu schießen. Ohne den ersten loszulassen, machte er zwei Schritte auf den anderen zu und trat dessen Revolver außer Reichweite hinter den Schrank.

 

„Lilian Gantner“, sagte er. Ruhig. Gefasst. Er hatte genug gesehen. Das hier waren irgendwelche Wissenschaftler, die sich auf die Wachmannschaft draußen vor dem Eingang verließen, in der Hoffnung, dass die sie und ihre Arbeit zu beschützten. Wissenschaftler waren mit Skalpellen und Kanülen bewaffnet. Gefahr drohte ihm im Augenblick nur von den beiden jungen Kerlen, und die hielt er locker allein in Schach. „Wo ist Lilian Gantner?“

 

Einer der Weißkittel, ein dunkelhäutiger Einheimischer um die Fünfzig mit ergrauendem Haar und einer Brille aus dünnem Draht, stellte das Tablett mit Röhrchen, das er hielt, vorsichtig auf der Tischplatte ab. „Wer?“ Schockiert stellte Galen fest, dass hinter dem Mann auf einer Pritsche eine dunkelhäutige Frau lag, deren dünnes Baumwollkleid sich über einem hochschwangeren Leib spannte. Im Bauch der Frau steckte eine Kanüle, an der ein durchsichtiger Schlauch hing. Blut lief durch den Schlauch in einen durchsichtigen Plastikbeutel.

 

„Verkaufen Sie mich nicht für dumm.“ Irgendwie schaffte er es, den Schock über den Anblick niederzukämpfen. Die Zielperson, McKenzie. Er musste sich konzentrieren. „Wir sind wegen Lilian Gantner hier. Wir wissen, dass sie hier ist. Sie können sie mir einfach übergeben. Oder wir jagen hier alles in die Luft. Ihre Wahl.“

 

Der Mann, den er an der Kehle gepackt hielt, zischte etwas, spuckte aus. Der andere bekam glasige Augen vom Blutverlust und ganz sicher auch von den Schmerzen, die seine kaputtgeschossenen Finger ihm bereiten mussten.

 

„Ihre Leute ziehen sich zurück“, übersetzte der Wissenschaftler. „Sie sind allein.“

 

Galen hob die Brauen. „Wissen Sie das, oder wollen Sie es glauben? Lilian Gantner. Jetzt.“

 

„Ich bin hier.“ Eine angenehme Stimme, dunkel, gar nicht aufgeregt. Keine Spur von Panik. Die Frau, die neben den Brillenträger trat, mochte Anfang Dreißig sein, mit streng zurückgebundenen blonden Haaren und wachen hellen Augen. Ein letzter Anflug eines Akzents färbte ihre Worte. Sie war nicht gefesselt. War sie freiwillig hier?

 

„Gibt es hier einen zweiten Ausgang?“, fragte er sie direkt.

 

„Nein.“

 

„Was geschieht hier?“ Er wies mit seiner Schusswaffe auf die Frau auf der Pritsche und dann auf eine Tür mit einem kleinen quadratischen Fensterchen darin, durch das Licht zu sehen war. Er erinnerte sich an das weinende Baby.

 

Die Frau wechselte einen schnellen Blick mit dem Brillenträger, dessen Augen sich verengten. „Was wollen Sie?“, fragte sie dann.

 

„Sie werden mich jetzt begleiten. Hier heraus.“

 

„Nein“, sagte sie, ohne ihre Ruhe zu verlieren. „Das wäre nicht richtig.“ Ihr Blick glitt zu der Frau, dann zu der verdammten Tür.

 

„Was meinen Sie damit?“ Er musste aufpassen, dass seine Verwirrung nicht deutlich wurde. Wer war die Frau, was tat sie hier? Eine Ärztin, die im Auftrag der NATO in einem Militärkrankenhaus im Großraum Kampala arbeitete und lehrte. Das war die offizielle Version. Die Möglichkeit, dass diese Frau ganz eigene Pläne haben könnte, war ihm nie aufgegangen. NATO-Personal wurde hundertfach geprüft. Seines Wissens war es geradezu unmöglich, durch dieses Sicherheitsnetz hindurchzurutschen.

 

„Ich kann nicht gehen, solange die Frauen und Kinder hier sind“, sagte sie.

 

„Welche Frauen und Kinder?“

 

Sie wies auf die Tür. Gleichzeitig rührte sich die Frau auf der Pritsche, zog tief den Atem ein. In einen der wie versteinert dastehenden Laboranten kam Leben, er spurtete zu der Pritsche und verstellte etwas an dem Kästchen, von dem aus Schläuche zu der Frau führten und scheinbar in dem Arm verschwanden, den Galen von seiner Position aus nicht sehen konnte. Er war froh um das Training, das er genossen hatte, um die Erfahrung. Sonst wäre ihm mit Sicherheit schlecht geworden von all den kranken Möglichkeiten, die sich hier auftaten. Was war das für ein Labor?

 

„Ich habe den Auftrag, Sie zurück nach Kampala zu bringen und dafür zu sorgen, dass Sie nach Deutschland ausgeflogen werden. Um die Frauen und Kinder kann das Militär sich kümmern, jetzt, wo wir dieses Loch hier aufgespürt haben.“

 

„Glauben Sie wirklich, dass Sie hier gewonnen haben, weil sie eine Auffangstation aufgespürt und sich an vierzig schlecht gerüsteten Wachleuten vorbeigemogelt haben?“

 

Das Adrenalin in seinem Körper wandelte sich in Wut. Auffangstation für was? Lilian Gantner würde es wissen. Sie würde verdammt nochmal reden. Er drehte den Mann, der immer noch an seiner Hand hing, herum und hieb ihm den Griff seines Revolvers in den Unterleib. Mit einem Ächzen ging der junge Soldat zu Boden. Ein knapper Tritt schickte den anderen, der sich ohnehin kaum noch auf den Beinen halten konnte, hinterher. Er packte Lilians Arm, drückte ihr den Revolver in die Hand und zog seine Ersatzwaffe aus dem Knöchelhalfter. Das Risiko, dass er es bereuen würde, wenn er sie bewaffnete, musste er eingehen. Sie hatten eine bessere Chance, wenn auch Lilian eine Waffe trug. „Wir gehen vorne raus. Jetzt.“

 

„Sie versprechen mir, dass sich jemand um die Frauen kümmern …“

 

„Versprochen.“ Er hatte keine Ahnung, ob er sein Versprechen würde halten können, aber darüber konnte er sich später Gedanken machen. Vorzugsweise auf dem Flug zurück in die Staaten, wenn dieser ganze beschissene Auftrag endlich hinter ihm lag. Niemand hatte ein Wort über Frauen und Kinder gesagt. Was für eine Scheiße sollte das eigentlich sein?

 

Er richtete die Waffe einmal im Halbkreis auf die Weißkittel, die immer noch wie erstarrt in ihrem Labor standen. Unbewaffnet. Keiner machte irgendeinen Versuch, ihnen zu folgen, während er rückwärts den Gang nach draußen betrat, Lilian mit seinem Körper beschützend. Nur halb konzentriert überschlug er im Hinterkopf, wie viele draußen noch sein mochten. Noch immer klangen Schüsse, wenn auch vereinzelt und teilweise weit entfernt. „Was sind das für Leute?“, fragte er im Gehen. „Die im Labor.“

 

„Virologen“, sagte sie. Die Waffe lag überraschend sicher in ihrer Hand. Je näher sie dem Ausgang kamen, umso tiefer ging auch sie in die Knie, kopierte seine Bewegungen, machte sich als Zielscheibe ganz klein. Hinter ihm her glitt sie hinter eine der Bretterwände.

 

„Sie waren keine Gefangene?“

 

„Wollen Sie das jetzt diskutieren?“

 

„Ich will die Dinge verstehen, die sich um mich herum abspielen.“

 

„Ich war eine Gefangene. Es gibt wirkungsvolle Fesseln, die nicht aus Stahl bestehen. Wer sind Sie?“

 

„Lieutenant Commander Galen McKenzie, NATO Response Force, Team Jaguars.“

 

Sie umfasste den Griff des Revolvers mit beiden Händen, warf einen Blick durch eines der Ziellöcher in der Bretterwand, dann richtete sie sich wieder auf, legte über den Rand des Holzes hinweg an und gab einen Schuss ab. „Lilian Gantner“, sagte sie. „Polizeihauptkommissarin bei der GSG 9, Team Kampfmittelexperten.“

 

Das erklärte einiges. Zum Beispiel, dass es ihr mit einem einzigen Schuss gelang, einen Mann niederzustrecken. Sie schafften es, sich durch abwechselndes Schießen und Rennen durch die deutlich gelichteten Reihen der Rebellen zu schlagen. Lilians Instinkte waren die einer Vollblutsoldatin. Als sie hinter einem Felsblock kurz durchatmeten, fragte er: „Warum waren Sie da drin?“

 

„Expertise.“

 

„Kampfmittel?“

 

„Viren.“

 

„Ebola?“

 

„Schön wär's, dann wüsste die Welt, womit sie es bald zu tun bekommt. Weiter, Commander.“

 

Galen bemerkte, dass sich Froggy, Beau und Dutch strahlenförmig in knapp hundert Schritt Entfernung vor der Höhle positioniert hatten und in unregelmäßigen Abständen und Wechseln auf die wenigen verbliebenen Rebellen feuerten, um diese weiter zu verwirren und zu irritieren. Er pfiff auf zwei Fingern, als er mit Lilian den Halbkreis durchbrach, den sie bildeten. Sie zogen sich zurück, die anderen drei schlossen auf. Galen lief mit Lilian an der Spitze. Dutch, der bullige Este in der hellen Flecktarnuniform der Spezialeinheit seines Landes, bildete das Schlusslicht.

 

„Feuer einstellen“, befahl Galen. Es war besser, jetzt im Dschungel abzutauchen. Er glaubte nicht, dass sie verfolgt wurden. „Wie viele standen noch?“, wollte er von Beau wissen.

 

Der Franzose erstattete in knappen Worten Bericht. Von den fast vierzig Männern, die das Camp bewacht hatten, waren zum Schluss nur noch wenig mehr als zehn geblieben. Lilian entledigte sich im Laufen ihres weißen Kittels, ohne dass Galen sie dazu auffordern musste. Darunter trug sie eng anliegende Jeans und ein gestreiftes, unmodernes Herrenhemd. Sie bewegte sich, als würde sie jeden Tag durch einen dicht bewachsenen Dschungel fliehen.

 

„Hoch zum Rand der Schlucht und dann eine knappe Meile bis zum Hubschrauber“, informierte Galen sie. Sie nickte wortlos und reihte sich wieder zwischen ihm und Beau ein. Galen fummelte das Funkgerät von seinem Gürtel, ohne langsamer zu werden, und rief das Kennwort für Samuel Bikope, ihren Kontakt in Kampala.

 

Das Gerät blieb still. Er fluchte. Bikope sollte auf Standby bleiben, um ihre Position und die Situation sofort nach Brüssel durchzugeben. Der steile Weg hinauf zum Rand der Schlucht streckte sich. Immer wieder rief Galen ins Funkgerät, ohne eine Antwort zu bekommen.

 

Als sie den höchsten Punkt erreichten und aus der üppigen Vegetation der Schlucht hinaustraten in die pflanzenarme Savanne, die von der Sonne versengt wurde, konnten sie den Helikopter sehen, der so stand, wie sie ihn verlassen hatten. Ihre schweren Militärstiefel wirbelten Staub auf. Träge setzten sich die Rotoren des Hubschraubers in Bewegung. Galen hielt Lilian am Ellenbogen gepackt und zerrte sie mit sich, was nicht nötig gewesen wäre, aber ihm einen gewissen Grad an Zufriedenheit verschaffte. Nur noch wenige Schritte bis zur Erfüllung des Auftrages, der Feuerprobe des neuen Teams. Es hätte weit schlimmer kommen können.

 

„Was sind das für Frauen und Kinder da unten?“, fragte er sie im Laufen.

 

Er spürte den Ruck, der durch Lilians Körper ging, ehe er ihren entsetzten Aufschrei hörte. Dann brach hinter ihnen die Hölle los.

 

 

 


Kapitel 2

 

 

„Bitte, Miss, Sie müssen mich verstehen. Wir tun nur unseren Job. Könnten Sie noch einmal wiederholen, in welcher Beziehung Sie genau zu der Toten standen?“

 

Avery Lincoln strich sich mit der Handfläche den Schweiß von der Stirn. Im Büro der Polizeiwache von Kasese sorgte einzig ein altersschwacher, von Fliegendreck braun verfärbter Deckenventilator für ein wenig Abkühlung. Der Geruch von Schweiß und Zwiebeln schwängerte die Luft, die sich schwer in die Lungen legte. Ihre Anspannung half nicht dabei, sich besser zu fühlen. Wenn sie gewusst hätte, dass ihr Report in einem mehrstündigen Verhör enden würde, hätte sie sich über die Anweisung ihrer Vorgesetzten in Europa vielleicht hinweggesetzt und diese ganze traurige Angelegenheit einfach unter den Tisch gekehrt. Sie kam sich vor wie eine Verbrecherin, nicht wie eine Frau, die vor gerade einmal zwei Stunden einen Menschen verloren hatte, der ihr sehr am Herzen lag.

 

„Kesha Tambosi ist im SOS-Kinderdorf aufgewachsen. Vor zwei Jahren hat sie geheiratet und ist ihrem Mann in dessen Dorf gefolgt. Wir standen regelmäßig telefonisch und über Briefe in Kontakt.“

 

„Mrs Tambosi hatte also Verwandte in der Gegend?“ In die Augen von Officer Kato trat ein gefährliches Blitzen. Als ob es ein Verbrechen wäre, auch dann noch an dem Schicksal ihrer Schützlinge Interesse zu zeigen, wenn sie einmal dem Kinderdorf den Rücken gekehrt hatten.

 

„Für Kesha Tambosi war ich das, was einer Mutter am nächsten kommt. Sie hat mit ihrem Mann bei dessen Familie in Kashenyi gewohnt, aber das Kinderdorf war ihr Zuhause. Sie ist bei uns aufgewachsen. Wir haben ihr Schutz geboten, nachdem ihre Familie im Norden von der LRA niedergemetzelt und ihre Brüder entführt worden waren. Bei uns hat sie gelernt, Hoffnung zu haben, Vertrauen zu empfinden und an eine Zukunft zu glauben. Was ist so erstaunlich daran, dass sie sich im Moment der größten Not wieder an uns gewendet hat?“ Averys Geduldsfaden war so weit aufgerieben, dass da nur noch ein hauchdünnes Fädchen übrig war. Was wollte dieser Officer ihr eigentlich unterstellen? Sie war auf das Revier gekommen, um zu melden, was geschehen war. Jeder Ebola-Verdachtsfall war meldepflichtig. Das verstand sie und konnte es auch unterstützen. Die Horrornachrichten vom letzten Jahr aus Westafrika hatten auch vor Uganda nicht Halt gemacht. Sie alle hatten die Bilder von ausgelöschten Dörfern und Leichenbergen vor Augen. Das, was in Sierra Leone, Liberia und den angrenzenden Ländern passiert war, wünschte sich niemand vor der eigenen Haustür. Doch damit, dass sie sich mit der Tatsache, Kesha die Hand gehalten und ihren letzten Weg erträglicher gemacht zu haben, zu einer Schwerverbrecherin machte, hatte sie nicht gerechnet. Als wäre es nicht schon genug, sich ausmalen zu müssen, was passieren konnte, wenn Kesha wirklich an Ebola gestorben war. Reichte es, sich gründlich die Hände gewaschen zu haben? Würde sie der bezaubernden jungen Frau, die die Fähigkeit besessen hatte, jeden zum Lachen zu bringen, bald schon ins Grab folgen?

 

Wer würde dann nach Keshas Baby suchen?

 

Dazu kam auch noch die beunruhigende Sache, dass Kesha einen Namen genannt hatte. Sie war zu schwach gewesen, um noch wirklich zusammenhängende Sätze formen zu können, aber ein Name war aus ihren gestammelten Worten deutlich herauszuhören gewesen. Emmanuel Kiyonga. Avery hatte nie von ihm gehört, und Officer Kato nach eigenen Angaben auch nicht. Sein Versprechen, Informationen über diesen Mann einzuholen, nahm Avery ihm nicht ab. Dazu wirkte Kato viel zu desinteressiert an dieser Nebensächlichkeit. Alles, was ihn interessierte, war, woran und wo Kesha gestorben war.

 

Kato lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, dass das Plastik knirschte. Selbstgefällig, mit gespreizten Beinen und über der Brust verschränkten Armen, musterte er sie. „Todkranke unternehmen für gewöhnlich nicht einen Abenteuer-Trip durch den Dschungel. Sie liegen im Bett und sterben. Das gilt insbesondere für Menschen, die der Aktenlage nach bereits seit Wochen nicht mehr leben dürften. Kesha Tambosi wurde von ihrer Schwiegermutter vor etwas mehr als einem Monat als vermisst gemeldet. Von ihrer Schwiegermutter, Miss Lincoln. Nicht von Ihnen. Was wissen Sie darüber?“

 

Zu viel. Keinen Augenblick länger ertrug Avery den süffisanten Tonfall des Polizisten. Mit mehr Schwung als nötig stand sie vom Tisch auf und griff nach ihrer Handtasche.

 

„Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich weiß. Kesha hat sich einige Wochen nicht bei mir gemeldet. Sie war schwanger. Ich glaubte, dass es ihr womöglich nicht gut geht, aber leider fehlte mir die Zeit, sie zu besuchen. Ich leite eine Institution einer Hilfsorganisation, Officer, das wissen Sie. Ich kann nicht immer tun, was ich gern tun möchte. Von Keshas Verschwinden wusste ich nichts.“

 

„Sie verstehen sich nicht mit Keshas Schwiegermutter?“

 

„Wir haben keine Berührungspunkte. Vermutlich hielt sie es für besser, mich damit nicht zu belasten. Keshas eigenen Worten zufolge, bevor sie starb, wurde sie in einem paramilitärischen Rebellencamp festgehalten, wo auch ihr Kind entbunden wurde. Anführer des Camps war, wie ich Ihnen bereits mehrfach sagte, ein Mann namens Emmanuel Kiyonga. Vielleicht sollten Sie lieber nach dem Baby suchen, oder nach den Männern, die für Keshas Verschwinden verantwortlich sind, so wie diesem Kiyonga, statt Ihre Zeit damit zu vergeuden, mir irgendwelche Geheimnistuerei zu unterstellen. Irgendwo dort draußen ist ein Kind ohne Mutter. Ein Kind, das höchstwahrscheinlich mit derselben Krankheit infiziert ist, die auch Kesha getötet hat. Und ein Mann, der etwas damit zu tun hat.“

 

„Und was ist mit Ihnen?“ Unter erhobenen Augenbrauen musterte Kato sie. Genüsslich bereiste sein Blick ihren ganzen Körper. Sie war daran gewöhnt, aufzufallen. Als einheimische Weiße im Westen Ugandas, dazu noch mit einer offiziellen Funktion betraut, zog sie unweigerlich oft Blicke auf sich. Doch in Katos Blick lag mehr als bloße Neugier. Eine überhebliche Verachtung, als wolle er ihr sagen, dass er schon Wege kennen würde, um sie zum Reden zu bringen. Wege, die ihr ganz sicher nicht gefallen würden.

 

„Nachdem Sie mit der Toten Kontakt hatten, könnten nun auch Sie eine wandelnde Zeitbombe sein. Wenn sich der Verdacht auf Ebola bestätigt. Sie werden Ihr ganzes teures Kinderdorf in den Tod reißen, haben Sie darüber nachgedacht?“

 

Öfter, als du dir vorstellen kannst. Avery straffte ihre Schultern und reckte das Kinn in die Höhe. Keinesfalls würde sie zulassen, dass es Kato gelang, sie mit ihrer größten Sorge niederzustrecken. Was sie getan hatte, war richtig gewesen. Jeder Mensch verdiente Trost in seiner letzten Stunde. Auch dann, wenn eine Krankheit ihn zu einer Gefahr machte. Außerdem wussten sie ja noch nicht einmal mit Sicherheit, ob Kesha Ebola gehabt hatte. Die Eiterbeulen konnten bestimmt auch irgendwas anderes bedeuten, oder?

 

„Natürlich haben wir im Kinderdorf alle nötigen Maßnahmen zur Seuchenprävention in die Wege geleitet. Die Kinderdorfmütter sind dazu angehalten, täglich mehrmals die Temperatur der Kinder zu messen, überall stehen Desinfektionsmittel und Atemschutzmasken bereit, bereits die Kleinsten werden von uns dazu angehalten, sich ständig die Hände zu waschen. Mrs Tambosis Leichnam ist in der Krankenstation isoliert. Die Lüftungsschächte sind abgedichtet. Wenn Ihre Spezialisten soweit sind, können Sie die Tote natürlich für alle weiteren Untersuchungen abholen. Vorausgesetzt, Keshas Familie stimmt dem zu. Ich gehe davon aus, dass Sie nun alles wissen, was Sie wissen müssen, um Ihren Bericht zu schreiben. Einen guten Tag noch, Officer Kato.“

 

Der Polizist hob eine Hand, um sie aufzuhalten, und musterte sie misstrauisch von unten herauf. „Ich könnte dafür sorgen, dass Sie in einer unserer Einzelzellen isoliert werden, Miss Lincoln. So lange, bis die Inkubationszeit abgelaufen ist.“

 

„Das wäre Freiheitsberaubung, und ich würde Sie verklagen, bis Ihnen nicht mal mehr das Hemd auf Ihrem Rücken gehört. Außerdem, müssten Sie dann nicht das ganze Kinderdorf isolieren?“ Und sich selbst auch, fügte sie in Gedanken ungnädig hinzu. Sie wandte sich ab, er hielt sie nicht noch einmal auf. Vermutlich hatte ihr Gesichtsausdruck gereicht, um ihm klar zu machen, dass er, wenn er sie festsetzte, sich selbst gleich mit verurteilte.

 

Ohne sich noch einmal zu ihm umzudrehen, stolzierte Avery aus dem Büro.

 

 

 

*

 

 

 

Ohrenbetäubender Lärm. Kugelhagel. Geschrei. Sie waren mindestens fünfzig, schätzte Galen, der auf ein Knie gegangen war und Lilian halb hochzog. Eine Kugel hatte ihren Oberarm glatt durchschlagen. Keine lebensgefährliche Verletzung. Ein Querschläger prallte von seinem Helm ab. Wieder einmal. Wo kam der her? Er blickte um sich. Im Geäst einer Schirmakazie sah er zwei Männer sitzen. Großartig. Es wurden immer mehr. Das Adrenalin in seinem Körper, das mit dem Aufstieg aus der Schlucht sein Sprudeln verlangsamt hatte, brodelte erneut auf. Er riss das Sturmgewehr von der Schulter und feuerte eine Salve auf die Linie der Angreifer, die schleunigst Deckung nahmen.

 

„Wo kommen die her?“, brüllte Beau über das Krachen der Schüsse.

 

„Nicht nur wir haben Comms!“, rief Galen zurück, ließ das leere Magazin aus der Waffe in den Sand der Savanne gleiten und rammte ein neues in den Griff. „Bringt Lilian in den Chopper!“ Sand wirbelte auf, als Fly die Rotoren beschleunigte. Es war klug gewesen, den Piloten beim Hubschrauber zu lassen. Irgendwann würde der Brite ihm Rede und Antwort stehen, weshalb ihm die Ankunft der Verstärkung der Rebellen entgangen war. Irgendwann. Nicht jetzt. Fünfzig Mann war mehr als nur Verstärkung. Fünfzig Mann klang eher wie das Hauptkontingent, und irgendwie wurde er das Gefühl nicht los, dass diese Kerle hier oben besser ausgerüstet waren als die klägliche Wachmannschaft vor der Höhle. Eine neue Salve auf die Angreifer. Mehrere von ihnen brachen getroffen zusammen. Der Rest zog sich weit auseinander. Das waren vermutlich keine geschulten Kämpfer, aber instinktiv taten sie das Richtige und sorgten dafür, dass sie ein weniger kompaktes Ziel boten.

 

Aufstiebender Sand drang in seine Lungen. Er trat ein paar Schritte vor, fühlte Dutch neben sich, während Froggy und Beau die Frau zum Hubschrauber brachten, halbwegs im Sichtschutz von aufgewirbeltem Sand und Staub.

 

„Zum Chopper!“, brüllte Galen den Esten an. Der Lärm verschluckte die Worte fast vollständig. „Ich decke deinen Rückzug!“

 

„Und du?“, schrie Dutch zurück.

 

„Das ist ein Befehl, Soldat!“

 

Der Mann in der hellen Tarnuniform warf ihm einen letzten wütenden Blick zu, dann sicherte er seine Waffe und folgte den anderen. Galen konnte fühlen, wie der Helikopter abhob, dicht über dem Boden schwebte, die Rotoren lösten ein heftiges Vibrieren nicht nur in der Luft, sondern auch am Boden aus. Er feuerte weiter, bis auch dieses Magazin leer war. Der Hubschrauber blieb direkt neben ihm, zog hoch, drehte sich einmal um die eigene Achse und steuerte dann im Tiefflug auf die Angreifer zu. Einige von ihnen blieben stoisch an ihrem Platz, aber der Großteil suchte schreiend Deckung vor den schweren Kufen. Keiner konnte einen Hubschrauber so fliegen wie Derek Carter. Punktgenau und absolut tödlich, wenn es drauf ankam. Galen verankerte das Sturmgewehr an seinem Waffengürtel und schoss einen Vorwitzigen mit dem Revolver nieder, ehe er sich auf den Weg zu der schlecht befestigten Straße machte, die vom Eingang zur Schlucht zu dem kleinen Safari-Hotel führte, das auf dem Weg zum Kazinga-Kanal lag. Alles, nur nicht stillstehen und abwarten. Er hörte das Jaulen des Hubschraubermotors, als Derek sein Manöver wiederholte, dann steil nach oben zog und dabei ebenfalls die Richtung wechselte, zur Straße hin. Ohne Zweifel, um seinen Commander aufzusammeln. Unter den Bäumen, die den schmalen Weg säumten, erkannte Galen beinahe zu spät zwei weitere Schützen. Vielleicht die beiden, die aus der Akazie heruntergeklettert waren. Im letzten Moment ließ er sich fallen, der Schuss ging über ihn hinweg. Im Abrollen feuerte er den Revolver in die Richtung der beiden, ohne wirklich zielen zu können. Zumindest erreichte er, dass die Männer in Deckung gingen und er selbst einige Schritte weiter geduckt laufen konnte, bis er hinter stachligen Sträuchern dürftigen Schutz fand. Er lud den Revolver nach. Sein Atem flog. Hoch über ihm kreiste der Helikopter. Schüsse wurden aus großer Höhe abgegeben, aber trafen nichts. Hier konnte Derek nicht runtergehen, um ihn an Bord kommen zu lassen, und die beiden Schützen waren zu nah, als dass Galen aus der Deckung ins Freie laufen könnte.

 

Ein ohrenbetäubendes Krachen jagte ihm mehrere Schauder über den Rücken. Der Hubschrauber geriet ins Schlingern, obgleich das Geschoss daran vorbeiflog. Offenbar hatte Derek im letzten Moment ein Ausweichmanöver gemacht und den kleinen, leichten Chopper herumgezogen. Aber die Tatsache, dass ihre Angreifer Muchas besaßen, die russischen Panzerfäuste mit ihrer Reputation, bei hundert Schuss neunundneunzig Male ins Schwarze zu treffen, gefror Galen das Blut in den Adern.

 

Er riss das Funkgerät vom Gürtel. „Verschwindet!“ Nur das eine Wort.

 

„Ich hol dich erst rauf!“, protestierte Derek. Der SAS-Pilot war der Einzige im Team, mit dem Galen schon früher bei Einsätzen, bei denen die US Navy mit dem britischen Special Air Service kooperiert hatte, Erfahrungen sammeln konnte. Es war zu viel verlangt, einander Freunde zu nennen. Aber sie wussten, dass sie sich aufeinander verlassen konnten.

 

„Bring den Chopper hier weg!“ Er wich zurück, suchte neue, bessere Deckung, als die beiden Schützen unter den Bäumen näher kamen, angelockt von seiner Stimme. „Es sind Muchas, Fly! Die Nächste trifft, die verdammten Dinger treffen immer! Das ist ein Befehl, Mann, die Frau ist das Zielobjekt, bring sie in Sicherheit! Ich finde einen Weg hier raus!“

 

Er konnte noch hören, wie Derek etwas davon murmelte, wo die ugandischen Rebellen die russischen Panzerfäuste herhaben mochten, dann war die Verbindung unterbrochen. Der Hubschrauber zog hoch und entfernte sich. Galen prüfte seinen Revolver, nahm ein neues Magazin in die freie Hand. Er wartete, bis die beiden Männer nah heran waren. Aus der Entfernung konnte er hören, wie draußen in der offenen Savanne eine zweite Panzerfaust klargemacht wurde. Er presste die Augen zusammen und schickte ein Stoßgebet gen Himmel. Das Geräusch der Rotoren war inzwischen weit genug weg, dreihundert, vielleicht vierhundert Fuß, die Chancen standen gut, dass der Schuss wieder vorbeigehen würde. In dem Moment, als die Panzerfaust abgefeuert wurde, verließ er seine Deckung, stürzte sich zur Seite über die Straße und feuerte im Fallen. Das Donnern der Panzerfaust schluckte das Geräusch des Schusses. Einer der beiden, die sich mit ihm auf der Straße aufhielten, brach zusammen, der Schuss saß, genau zwischen die Augen. Der litt nicht mehr. Der andere blickte einen Augenblick zu lange auf seinen Kameraden, Galen rollte sich im Straßenstaub ab, kam auf ein Knie, zielte und schoss. Gleichzeitig mit dem Uniformierten. Er fühlte den Einschlag der Kugel in seinen Körper, aber keinen Schmerz. Die Wucht des Treffers riss ihn halb zur Seite und schleuderte ihn zurück. Oberschenkel. Aber der Knochen war nicht getroffen. Auf keinen Fall voll getroffen. Sein Gegenüber hatte weniger Glück, machte eine halbe Drehung um die eigene Achse und fiel mit dem Gesicht voran in den Strauch mit den langen Stacheln, hinter dem Galen vorher Deckung genommen hatte.

 

Er wartete. Verbiss das aufkommende Brennen des Einschusses, verbiss den Schmerz. Er lauschte. Stimmen. Auf der anderen Straßenseite, da, wo der spärliche Bewuchs des Wegrandes der offenen Savanne wich. Sie redeten die Landessprache, er verstand kein Wort. Sie entfernten sich. In seinen Ohren begann ein Summen, das sich schnell zu einem Brausen auswuchs, dann legte sich ein hohes Pfeifen darüber. Im Handumdrehen troff seine Hose von Blut. Er kämpfte gegen den aufkommenden Schwindel an, mehr noch als gegen die Gedanken, dass er jetzt ein leichtes Ziel für die Paras wäre. Aber er hatte die besseren Waffen. Nach allem, was er mitbekommen hatte, trugen die meisten von ihnen veraltete Ausrüstung, vorwiegend aus russischer Herstellung. Besser als das, was die Wachen weiter unten hatten, aber nicht vergleichbar mit dem, was er bei sich trug. Er verkniff sich den Wunsch, das HK Sturmgewehr nachzuladen, das Knacken des Magazins hätte ihn verraten. Die Stimmen entfernten sich weiter. Er atmete leise durch. Dennoch, er war allein, verwundet, die anderen waren trotz ihrer Verluste weit in der Überzahl, und wer konnte wissen, wie viele mehr sich dort aufhielten, woher sie gekommen waren? Fly würde den Teufel tun, zurückzukehren, ehe er Lilian irgendwo abgeladen hatte, wo die Geisel sicher war und versorgt werden konnte. Der britische Pilot wusste, dass Galen nicht zögern würde, ihn andernfalls wegen Befehlsverweigerung vors Kriegsgericht zu stellen.

 

Von den drei Schüssen bei der Straße konnten die Männer, die er jetzt reden hörte, nichts mitbekommen haben, dazu machte die Panzerfaust zu viel Lärm. Das Knattern des Hubschraubers war nur noch ein weit entferntes Brummen. Galen blickte auf seinen Oberschenkel. Ein breiter Riss in der Flecktarnhose, der Stoff mit Blut getränkt. Er schwankte im Sitzen. Verdammt.

 

Er schnallte den Waffengürtel ab, nahm heraus, was störte, und band mit dem schweren Ledergürtel das Bein ab. Es tat nicht wirklich weh. Noch nicht. Was ihn schwummrig machte, waren Schock und Blutverlust. Er musste zusehen, dass er die Hauptstraße erreichte, ehe er wirklich zusammenbrach. Es war eine Weile her, seit er zum letzten Mal so schwer verletzt worden war. Er war jünger gewesen und vermutlich fitter. Wie weit war es zur Hauptstraße?

 

Alles Denken war vergeudete Zeit. Er raffte seine Waffen zusammen, hängte sich das Sturmgewehr über die Schulter und steckte den Revolver unter seinen Hosenbund. Er warf in seinen Rucksack, was hineinpasste, und begann, sich im Sichtschutz des Unterholzes den Weg hinunterzuschleppen. Ganz weit weg hörte er Kommandos, die er nicht verstand, die sich immer weiter entfernten, schließlich ganz verebbten. Vermutlich war die Verstärkung unterwegs in die Schlucht hinunter, um das, was Lilian als Auffanglager bezeichnet hatte, entweder zu sichern oder aufzulösen.

 

Nach wenigen hundert Schritten wurde aus seinem Schleppen ein Kriechen. Er übergab sich ins Gras. Raffte sich auf. Schiere Willenskraft trieb ihn weiter. Wer ihn verfolgte, würde leichtes Spiel haben. Ganz zu schweigen von irgendwelchen Löwen oder anderen Raubtieren, die hier herumstreifen und vom Blutgeruch angelockt werden mochten. Bikope hatte behauptet, Löwen seien selbst im Nationalpark so selten, dass die Guides jedes Mal in helle Aufregung gerieten, wenn welche gesichtet wurden, und es zu Staus auf den Safariwegen kam. Außerhalb des Parks gab es keine Löwen. Laut Bikope.

 

Nicht bei meinem Glück, dachte Galen, biss die Zähne zusammen, warf seinen Körper vorwärts. Er hörte einen Bus. Nah. Ganz nah. Oder spielte ihm seine Wahrnehmung bereits einen Streich, weil er sich wünschte, nahe der Hauptstraße zu sein?

 

Das Funkgerät schnarrte und knarzte. Er blickte darauf. Derek. Mit zitterndem, blutverschmiertem Finger drückte er auf dem Sprechknopf. „Fly, kommen.“

 

„Zielperson in Sicherheit. Wo bist du?“

 

Schwärze senkte sich über seine Augen. „Straße …“ Er ächzte, das Gerät entglitt seiner Hand, fiel in den Dreck. Als er danach griff, brach er zusammen. Wieder ein Bus. Ganz nah.

 

„Commander, kommen!“ Dereks Stimme. Das Funkgerät. „Welche Straße? Verdammt, bist du in Ordnung? Was ist passiert? Ich hol dich raus, wo bist du?“

 

Er streckte die Hand aus. Mit den Fingerspitzen streifte er das Satellitentelefon, aber die Kraft reichte nicht mehr aus, es zu sich heranzuziehen.

 

„Commander, kommen! Ich flieg jetzt los. Ich hab deine Position auf dem Satellitenschirm. Lass das Gerät an. Ich hol dich raus.“

 

Er schaffte es, sich einen Schritt weiter zu schieben, seine Hand umklammerte das Telefon. Im nächsten Augenblick verlor er den Halt auf dem staubigen Boden und fühlte, wie er seitlich rollte. Er konnte nichts dagegen tun, konnte es nicht aufhalten, das Gras, auf dem er lag, war abschüssig, das Funkgerät blieb liegen, wo es war. Seitlich, dann abwärts. Eine Umdrehung, noch eine. Dann nichts mehr. Sein Körper blieb still auf der Seite liegen. Die Schwärze gewann. Seine Finger krallten sich in den Gürtel um seinen Oberschenkel, das Blut quoll in Schüben, sein Puls gab den Rhythmus vor. Die andere Hand umklammerte den Revolver.

 

Dann nichts mehr.