Die Rose von Suez

Prolog

 

Wenn sie die Augen schloss, war da nur noch der Wind.

Die anderen Mitglieder des Teams, ausnahmslos Männer, waren weit genug entfernt, dass ihre Stimmen nur dann zu Hazel Fairchild drangen, wenn sie einander etwas zuriefen. Doch weil Zurufe unter Ingenieuren ein verpöntes Mittel zur Kommunikation waren – man konnte sich viel besser miteinander verständigen, wenn man in einem sachlichen Ton argumentierte – und weil Clarence und seine Männer schon seit gut einer Stunde weg waren, um die Wasservorräte aufzufüllen, blieb nur Stille. Stille und das leise Winseln des Windes, der den Wüstensand aufstieben ließ, sodass immer wieder feinste Körnchen über den Theodoliten rieselten.

Hazel hob den Kopf und rieb sich das Auge, mit dem sie schon viel zu lange durch das Fernrohr des funkelnden Messinstruments starrte. Mehr im Reflex wischte sie die Sandkörner von der glatt polierten Platte, die den Aufbau trug. Den Theodoliten hatte Daddy erst vor wenigen Wochen von London nach Kairo bringen lassen, nachdem der Vizekönig von Ägypten seine Bewilligung des Baus bestätigt hatte und damit neue Gelder frei wurden. So ein Gerät kostete viel Geld. Daddy war kein armer Mann, aber nur ein Krösus hätte einfach mal so einen Theodoliten in die Wüste zwischen Suez und dem Mittelmeer gebracht.

Sie blinzelte sich Sand aus den Augen und sah sich um. Vor ihr nur Wüste. Dünen. Sand. In ihrem Rücken, eigentlich viel zu weit weg, die anderen, eine Gruppe von unpassend gekleideten, hochgebildeten Herren, die durch Ferngläser schauten und sich über Tische mit Bergen von Papier beugten. Noch weiter weg, gerade noch sichtbar am Horizont, reckten sich die hellbraunen Sandsteinfelsen in den hitzeflirrenden Himmel, die den ausgetrockneten Timsah-See eingrenzten. Nur noch wenige Wochen, dann würde Wasser aus dem Mittelmeer den See erreichen und ihn langsam zu fluten beginnen. Was für ein Augenblick! Zum letzten Mal war zu Zeiten der Pharaonen Wasser in dieses Becken geflossen.

Staunend hatte sie in dem Becken gestanden, vor wenig mehr als zwei Monaten, als Daddy endlich ihr Flehen erhört und sie mit nach Ägypten genommen hatte. Staunend sich im Kreis gedreht, die ausgetrocknete Erde betrachtet, die wenigen Wacholderbüsche, die sich ans Leben krallten, struppige Gräser, eine Beduinenfamilie, die im Schatten eines Überhangs rastete, ehe sie ihre kleine Ziegenherde nach Norden weitertrieb, entlang der Furchen und Rillen, mit denen William Fairchild und die anderen, hauptsächlich aus Frankreich stammenden Ingenieure den Weg des zukünftigen Kanals markierten. Seit drei Jahren war Daddy in Ägypten, plante mit an diesem Bau, der die ganze Welt verändern würde. Gerade noch rechtzeitig hatte er sie endlich mitgenommen, damit sie diesen See, der keiner war, sehen konnte, ehe er einer wurde.

Sie wandte sich nach vorn. Vor ihr lag nichts als gleißend heller Sand, Dünen, über denen die Hitze flimmerte und flirrte. Doch sie wusste, das war nur der nächste Abschnitt. Vor ihr, so weit weg, dass man sie nicht einmal ahnen konnte, lagen die Bitterseen. Noch mehr ausgetrocknete Salztäler, durch die der Kanal einmal führen würde. Die Aufgabe des Teams war es jetzt, den genauen Pfad zu markieren, der sich vom Timsah zu den Bitterseen graben würde.

Sie sollte nicht so weit entfernt von den anderen sein. Aber deren Diskussionen dauerten ihr zu lang, und sie wollte die Wüste sehen. Deshalb war sie hier. Für die Stille. Das Wispern des Windes. Das leise Knistern, mit dem der Wind Sandkörner über ihr Kleid trieb. Sie wusste selbst, wie unpassend sie für diesen Ort gekleidet war, aber es gab Dinge, bei denen Daddy nicht mit sich reden ließ. Sie befand sich als einzige Frau in der Gesellschaft von Männern. Die gut situierten Ingenieure hätten die Nase gerümpft, wenn sie, eine Lady, sich nicht wie eine kleidete. Die Soldaten hingegen, die unter dem Kommando von Clarence standen, kämen vielleicht auf dumme Gedanken. Also trug sie in der Wüste ein Reisekleid, beschwert von unbequemen Reifröcken, und blickte durch das Fernrohr eines Theodoliten, weil ihr die Augen davon wehtaten, dass sie versucht hatte, die unleserlichen Zahlen, die die Männer auf zerknittertes Papier schrieben, zu entziffern. Sie wollte eigene Zahlen schreiben. Wollte diesem Bau ihren Stempel aufdrücken, wie es die Männer taten.

Der Wind nahm an Stärke zu. Sie senkte wieder das Auge auf das Fernrohr, änderte Winkel und Stellung des Spiegels. Sand geriet in die hauchzarten Verschraubungen, es knirschte, als sie an dem Rädchen drehte. Sie fluchte, nicht gerade leise, aber da war niemand, der sie hören konnte.

Dann Stimmen. Dumpfes Dröhnen. Verwirrt hob sie den Kopf. Arabische Stimmen, die brüllten. Das Dröhnen waren die Hufe von Kamelen, die über die Sanddünen galoppierten, als wäre das nichts. Männer auf den Rücken der Kamele, hinter denen lange, blendend weiße Stoffbahnen flatterten. Was sie in ihren braunen Händen schwenkten, waren Gewehre, aber Hazel erkannte es zu spät. Das war unmöglich! Es gab keinen Krieg mit den Bewohnern dieser Wüste. Immer und immer wieder hatten sie es ihr versichert, Daddy und Monsieur de Lesseps. Niemals hätte William Fairchild ihr erlaubt, ihn zu begleiten, wenn es anders gewesen wäre. Warum griffen diese Beduinen die Baustelle an?

Keine Zeit! Sie hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Sie raffte die unhandlichen Röcke, drehte sich um, rannte. Ihr Herz heulte auf vor Schmerz um den Theodoliten, den sie zurücklassen musste. Er war zu groß und zu schwer für ihre Hände. Das Scheppern und Krachen, als eines der Kamele gegen das wertvolle Gerät getrieben wurde, ging ihr durch und durch.

Sie hatte keine Chance. Sie war viel zu weit weg. Hinter ihr kam das Schnaufen eines der Reittiere näher. Wie das wütende Schnauben eines Drachen. Jetzt schon fast bei ihr. So nah, viel zu nah. Sie biss die Zähne zusammen, rannte, sackte bis zu den Knöcheln in den weichen Sand, rutschte mit jedem Schritt vorwärts, den sie tat, zwei Schritte zurück. Sie rannte um ihr Leben. Arabische Stimmen, ein hässliches, tiefes Lachen. Jemand packte sie, griff in den Stoff im Nacken ihres Kleides, zerrte an ihr, sodass sie den Boden unter den Füßen verlor. Sie schrie. Wo war der verdammte Clarence Whitby, wenn man ihn brauchte? Sie zappelte, strampelte. Aber der Mann, der sie ergriffen hatte, war hundertmal stärker als sie und ignorierte lachend, wie sie sich wehrte. Er zog sie vor sich auf das Kamel. Ihre Reifröcke wölbten sich, hoben den schweren Stoff des Reisekleides, sodass jeder, der wollte, darunterschauen konnte. Gelächter und Pfeifen versicherten ihr, dass jeder wollte. Zurufe, Johlen. Immer weiter schlug sie um sich, wehrte sich, mit allem, was sie hatte. Das würde nicht geschehen. Das durfte nicht geschehen. Und wenn sie sich wehren würde, bis sie ihr die Kehle durchschnitten, aber Hazel Fairchild hatte in ihrem Leben gelernt, sich durchzusetzen, ganz egal, was das Leben nach ihr warf. Auch eine Horde Wilder würde das nicht ändern.

Der Mann nahm sie bäuchlings vor sich, zwischen den Hals und den Höcker seines Reittieres. Unpassenderweise erinnerte sie sich ausgerechnet jetzt daran, dass sie sich oft gefragt hatte, wie es sich anfühlen mochte, auf einem Kamel zu reiten. Aber so hatte sie das nicht herausfinden wollen. Sie strampelte, schrie, schlug um sich und erwischte mit den Fingernägeln ein Stück Haut am Arm ihres Peinigers. Er fluchte und verpasste ihr einen Hieb in den Nacken, der sie kurzzeitig außer Gefecht setzte. Die ganze Zeit über wurde das Kamel nicht einmal langsamer, merkte sie, der Ritt ging weiter, auf das Camp zu.

Sand, aufgewirbelt von unbeschlagenen Hufen, drang in ihre Augen, vernebelte ihr die Sicht, aber sie konnte im Näherkommen hören, dass beim Camp Aufruhr ausgebrochen war. Sie würden Waffen haben, oder? Sie würden sie befreien und diese Wilden in die Flucht schlagen. Geschrei. Schüsse fielen, ganz nah. Das waren nicht die Ingenieure, das waren die Waffen, die die Wilden geschwenkt hatten, so nah. Und Hauptmann Whitby und seine Soldaten, die das Camp bewachen sollten, waren fort, Wasser holen. Keiner dieser Ingenieure trug Waffen, weil sie nicht damit umgehen konnten. Sie vernahm Schreie und glaubte, ihren Namen zu hören. Die Ersatzpferde der Wachmannschaft, die bei einem Wasserreservoir zusammenstanden, wieherten entsetzt. Der Mann, vor dem Hazel auf dem Kamel lag, hielt sein Tier an und schien das Geschehen aus einiger Entfernung zu betrachten. Hazels Hoffnung, dass die Wilden sie vielleicht gegen Geld oder Wertsachen bei den Ingenieuren eintauschen würden, versickerte so schnell, wie sie aufgekommen war.

„Daddy!“, schrie sie, zappelte, Tränen der Verzweiflung liefen ihr aus den Augen. „Daddy! Clarence!“ Verdammter, dreimal verfluchter Clarence Whitby. Er hätte sie bewachen sollen. Andere, in diesem Augenblick deplatzierte, Gedanken schossen in ihren Kopf, hinterließen schmerzende Einschusslöcher und verschwanden wieder. War Wasser zu holen überhaupt schon nötig gewesen? Das Reservoir war halb voll gewesen, als sie am Morgen ihren eigenen Schlauch aufgefüllt hatte, ehe sie das Camp in südlicher Richtung hinter sich ließ. Wut überlagerte die Verzweiflung. Wut auf Clarence, der sich aus purer Langeweile eine andere Aufgabe gesucht hatte, statt zu tun, wofür er bezahlt wurde. Oh, er würde bezahlen. Er würde dafür bezahlen, dass er sie hier allein gelassen hatte, ungeschützt, ausgeliefert. Es würde der Moment kommen, an dem sie einen Menschen traf, der ihr zuhören würde, der aufklären würde, was diese barbarischen Reiter für einen Irrsinn im Kopf gehabt hatten, als sie das Lager überfielen. Solange sie sich an ihre Wut klammerte, an ihren Zorn, so lange war sie kein Opfer. Sie trat nach dem Reiter, kreischte, versuchte sich aufzurichten, irgendwie von diesem verdammten Kamel zu gleiten. Das hier, das passierte nicht wirklich. Nicht Hazel Fairchild.

Der Mann hinter ihr stieß ein böses Knurren aus. Im nächsten Moment traf sie etwas im Nacken, und die Welt versank in Schwärze.

 

 

 


Kapitel 1

 

Kinderlachen perlte über die Mauer, die den repräsentativen Innenhof des Palastes vom hinteren Garten trennte. Jauchzen. Ein Spritzen, als ein Körper aus großer Höhe im Wasser landete. Der Garten war der Familie von Scheich Djamal vorbehalten.

Nasir verzog das Gesicht, als hätte er Schmerzen. Schmunzelnd beugte sich Djamal ein wenig vor. Er wartete. Einem Sklaven hätte er ohne zu zögern für dieses Gesicht die Hand abgeschlagen. Bei wiederholter Respektlosigkeit den Kopf, vielleicht mit ein wenig mehr Skrupel. Nasir aber war kein Sklave. Das Einzige, was Djamal ihm antun konnte, war, ihm seine beiden besten Pferde abzufordern, und auch das nur, wenn Nasir das Gesicht wiederholte. Aber der Ratsmann, der schon seinem Vater gedient hatte, wusste das so gut wie er. Er hätte sich eher selbst kastriert, als sich noch einmal eine Blöße zu geben.

Djamal gegenüber saß Azad und ließ sich ungeniert eine gezuckerte Dattel nach der anderen auf der Zunge zergehen. Djamal gab Kifah ein Zeichen. Grazil erhob sich die Konkubine von der Decke zu seinen Füßen und nahm den leeren Silberteller auf, um ihn durch einen neuen, gut gefüllten, zu ersetzen. Auffordernd hielt Azad ihr seine leere Teeschale entgegen, ohne sie dabei auch nur anzusehen. Mit einem Blick aus dem Augenwinkel verständigte sie sich mit Djamal, ehe sie nachschenkte und sich dann wieder zu seinen Füßen niederließ. Sie rieb mit der Hand, an der zwei Finger fehlten, über ihren Oberschenkel. Kifah stammte aus dem Haus von Azad, eine entfernte Verwandte, mit der der Onkel sich vor Jahren einmal aus einer ähnlichen Lage herausgekauft hatte.

Familien sind eine Seuche, dachte Djamal und grinste seinen Onkel kalt an. Dicht unter der Oberfläche brodelte sein Zorn, aber ebenso wie Nasir wusste er es besser, als seine Gefühle offen zur Schau zu tragen. Du, Oheim, dachte er bitter, weißt nur zu gut, dass die Bande zwischen uns stärker sind als dein Ungehorsam. Das nutzt du seit dreizehn Jahren aus, und wenn es mich eines gelehrt hat, dann, dass ich vor dir auf der Hut sein muss.

„Ich kann meine Beute gern mit dir teilen, Neffe“, sagte Azad mit vollem Mund. „Was willst du haben? Ich hab Waffen, Pferde … und ein paar von diesen seltsamen Geräten, mit denen sie Messungen machen. Allah allein weiß, was man damit tut, aber du kannst sie sicher versilbern. Ich lasse sie dir hier.“

„Versilbern, damit meinst du, ich soll sie zu den Baustellen bringen und dort verkaufen? Damit deine Untat auf mich zurückfällt?“

Azad lachte. „Du kannst es auch lassen und versuchen, selbst Sinn in diese Dinger zu bringen. Ich kann sie nicht gebrauchen und lasse sie hier. Münzen kannst du auch haben. Was ist mit Pferden?“

„Warum sollte ich von dir zur Besänftigung Gegenstände annehmen, die dir wertlos sind?“

„Weil du klüger bist als ich, Djamal, Großer Neffe. Nicht wahr? Sicher kannst du diese Geräte ganz leicht zuordnen. Du hast ja auch deinen viel gerühmten Gelehrten, der deine Kinder …“

„Drei Pferde“, unterbrach Djamal ihn. Das Kreischen der Kinder am künstlich angelegten Teich im Garten schwoll an. Ein Streit. Er gab Nasir einen Wink, und der Alte erhob sich ächzend, um seiner Aufgabe nachzugehen. „Drei Pferde für deinen Ungehorsam, Azad, und das Versprechen, dass du in deine Gebiete im Osten zurückkehrst und Suez in Ruhe lässt.“

„Wir sind uns damals einig gewesen, dass wir diesen Kanal nicht wollen. Er ist der Beginn unseres Untergangs. Doch seit sie angefangen haben zu graben, hast du keinen Finger gerührt. Man könnte glauben, du bist zu Said Pascha unter die Decke gekrochen und schäkerst mit ihm.“

„Vier Pferde“, sagte Djamal ungerührt. Azad war Clanführer, kein Ratsmann, Djamal war ihm keine Rechenschaft schuldig hinsichtlich seiner Meinung zu dem Kanalbau, erst recht nicht, nachdem der Onkel ohnehin schon gehandelt und die Beziehungen der Tiyaha-Beduinen zu den ausländischen Bauherren geschädigt hatte. Er verdrehte die Augen, als die Stimmen am Teich immer weiter anschwollen, Diskussionen zwischen seinen beiden ältesten Söhnen und ihrem alten Lehrmeister. Er hob den Kopf. Am Fenster des Gemachs von Nuur rührten sich die Vorhänge. Ihr Gesicht konnte er nicht erkennen, aber er wusste, dass sie da war. Nuur hasste Azad. Sie hasste jeden, der ihrem Sohn in all den Jahren die Würde des Scheichs über alle Tiyaha streitig gemacht hatte. Die meisten von ihnen, Brüder und Vettern seines Vaters, hatten ihn inzwischen zähneknirschend akzeptiert. Keiner stellte sich mehr auf eine Weise gegen Djamals Entscheidungen wie Azad es tat, der jüngste überlebende Bruder von Tariq, der immer wieder mit seinen schnellen Reitern seine Gebiete im Osten der Sinai-Wüste verließ und in Djamals eigenen Besitzungen an der Westküste der Halbinsel Unruhe stiftete. Azad machte auch vor den Ländereien nicht halt, die anderen Beduinenstämmen gehörten, wenn er damit Djamals Reputation bei diesen Stämmen ankratzen konnte. Dieses Mal waren es Gebiete gewesen, die Scheich Ismail und den Hamadin gehörten. Der Frieden mit den Hamadin war brüchig genug. Djamal konnte keinen Unruhestifter in der Gegend gebrauchen.

Er stand auf. Kifah folgte seinem Beispiel, dann die Ratsleute. Erst zum Schluss, nach kräftigem Zögern, gab Azad seinen Begleitern ein Zeichen, und auch sie erhoben sich. Der Geruch von Salzwasser und fremdländischen Blumen hing über der Residenz, wehte herüber aus dem Garten, in dem die Kinder spielten. Eine tiefrote Stoffbahn hatte sich aus ihrer Verankerung gelöst und flatterte über den Hof. Azad rümpfte die Nase, wohl, weil er die Haushaltung seines Neffen unwürdig und schäbig fand. Beduinen waren Nomaden, sie besaßen Zelte, keine Paläste. Djamal erinnerte sich nur zu gut daran, wie Azad nach Tariqs Tod lautstark gefordert hatte, Zenima abzureißen und die alten Traditionen wieder herzustellen, ehe ein ganzes Volk verweichlichte.

Ohne auf Azads Naserümpfen einzugehen, geleitete Djamal, wie es sich geziemte, seinen Gast und dessen Gefolge über den Hof und zum weit offen stehenden Portal, von dem aus der Blick hinausging über den Khalish, den die Fremden den Golf von Suez nannten. Die Sonne glitzerte auf dem ruhig daliegenden Wasser. Fischer warfen in Ufernähe Netze aus ihren Booten.

Azad hatte für all das keinen Blick. Er strebte zu dem Rest seiner Männer, Sklaven und Krieger, die eine Gruppe Pferde und Kamele bewachten. „Such dir welche aus, Großer Neffe“, rief er, während er sich auf den Rücken seines reich mit glitzerndem Zaumzeug ausgerüsteten Reitkamels schwang. „Aber beeile dich, ich habe nicht viel Zeit.“

„Wie kommt es? Bis eben machtest du nicht den Eindruck, als hättest du es besonders eilig, von meinen Datteln wegzukommen.“

„Da du deine ohnehin miserable Gastfreundschaft nicht auf eine Einladung zur Übernachtung auszudehnen gedenkst, muss ich zusehen, heute noch bis zum Kloster zu kommen.“

Sicher, als ob die Christenmönche den wilden Azad einlassen würden. Wahrscheinlich würde er sich mit Gewalt Zutritt verschaffen, und wieder würde Djamal ihn zu sich beordern müssen. Es war ermüdend, aber unumgänglich. Er durfte sich im Umgang mit Azad keine Schwäche erlauben, sonst würde er alles verlieren, das wussten sie beide.

Er trat zwischen die Beutepferde, leicht zu erkennen an ihren europäischen Zaumzeugen, teilweise sogar noch gesattelt. Er fand Blutspritzer an einem der Sättel. Als er sich Azad zuwandte, um ihn auf die Blutspritzer anzusprechen, blieb sein Blick an einer Sklavin hängen, die auf einem der Kamele vor einem Krieger mit vernarbtem Gesicht saß. Für einen Augenblick war es, als stünden seine Füße auf einer Wanderdüne, so sehr schwankte der Boden.

Sie war schön wie ein Engel.

Augen von der Farbe des Khalish. Ihre Haut war so hell, dass sie, ungeschützt unter sengender Wüstensonne, bereits zu tiefem Rot verbrannte, doch den Mann, dessen Arm sie auf dem Kamel festhielt, störte das nicht. Lediglich ein Tuch hatten sie ihr um den Kopf geschlungen und verknotet, darunter quollen sandfarbene Locken über schmale Schultern. Ihre Kleidung bestand aus Stoffen, wie er sie zuletzt als Kind im Gemach seiner Mutter gesehen hatte. Leinen und Baumwollgewebe aus Europa, aber sie trug sie nicht so wie die Französinnen und Engländerinnen, die er in den Straßen von Alexandria und Kairo gesehen hatte. Es wirkte, als fehlte etwas. Als hätten Azads Männer ihr die Kleidung gestohlen und lediglich die Unterkleidung gelassen.

Wut brodelte in ihm auf. Was hatten sie sonst mit dieser Frau gemacht? Was auch immer es war, er würde nicht zulassen, dass sie ihr noch mehr Leid zufügten.

Ihre Augen weiteten sich, als sie bemerkte, dass er nicht von ihr wegsehen konnte. Sie drückte sich an den Mann hinter ihr, der daraufhin zufrieden grinste. Eine dreckige Hand schob sich auf ihre Brust. Das Mädchen begann zu zappeln. Die Wut in Djamals Innerem wurde zu glühendem Zorn.

„Du hast bei deinem Überfall eine Frau gestohlen?“, wandte er sich an Azad, um einen neutralen Tonfall bemüht.

„Sieht so aus.“ Wenn Azad lächelte, konnte man sehen, dass in seinem Mund mehrere Zähne fehlten.

„Es hieß, der Überfall galt einem Lager von … Ingenieuren.“ Das Wort kam Djamal nicht besonders leicht über die Zunge, wenn es zwischen arabische Worte verpackt war.

„Wie auch immer du diese Männer nennen willst, die unsere Wüste durchschneiden.“ Azad spuckte vom Pferd herunter aus. „Sie hatte dort nichts verloren. Ihre Schuld, würde ich sagen. Sie wird mir Freude machen. Jetzt such dir die Gäule aus, damit wir Land gewinnen können. Dein Salzwasser hier sorgt für eine Kruste auf meinen Lippen, und das macht durstig.“

Im Leben nicht würde er die Frau in Azads Obhut belassen. Djamal trat von den Pferden zurück. „Behalte die Pferde. Ich nehme die Sklavin.“

„Das könnte dir so passen. Großer Neffe, du hast drei Ehefrauen und mindestens sechs Konkubinen, zumindest ist das der letzte Stand der Dinge, von dem ich weiß. Was willst du mit ihr?“

Sie vor dir beschützen. „Vermutlich dasselbe, was du mit ihr willst. Mit dem Unterschied, dass sich deine vierzehn Frauen in Zelten wälzen und du sie schon seit Jahren kaum noch ernähren oder standesgemäß für sie sorgen kannst. Deine Krieger brauchen die Pferde, aber du brauchst keine weitere Frau. Es ist ein fairer Handel.“

„Fair für wen?“

„Für alle.“ Inklusive des Mädchens, fügte er in Gedanken hinzu.

Azad legte die Arme über den Sattel und lehnte sich vor. Angestrengt dachte er nach, schob ein Stück Kautabak zwischen seinen verbliebenen Zähnen herum. Schließlich gab er dem Vernarbten einen Wink. Der Mann runzelte unwillig die Stirn, fügte sich aber und trat seinem Kamel in die Seiten. Fester umklammerte er die Mitte der Frau, und als er sich anschickte, sie vor Djamal in den Sand gleiten zu lassen, zappelte und schrie die junge Europäerin, als hätte sie soeben die Nachricht erhalten, dass man sie zum Abendessen rösten wolle. Nicht, dass das Zappeln und Zetern half. Die letzten paar Zoll bis zum Boden ließ der Vernarbte sie einfach fallen, und noch ehe die Sandwolke sich legte, gab er dem Kamel die Sporen und folgte seinen Kumpanen hinaus in die Wüste.

In Abu Zenima kehrte Stille ein. Die Ratsherren blickten auf das Bündel europäischen Leinens hinunter, zuckten die Schultern, ebenso wie Kifah, und wandten sich auf Djamals Zeichen hin ab, um wieder in den Schatten der Residenz zu gehen. Djamal blieb mit der Frau allein. Er sah zu, wie sie sich aufrappelte, bemüht, sich unter dem Leinen und der Baumwolle keine Blöße zu geben. Es amüsierte ihn ein bisschen. Zur selben Zeit imponierte es ihm, wie tapfer sie sich in der Situation behauptete. Beide Regungen unterdrückend, hielt er seine Gesichtszüge im Zaum. „Parlez-vous français?“, fragte er ruhig.

Sie erstarrte und sah zu ihm auf. „Ich stamme aus London“, sagte sie auf Englisch. „Und ich würde es begrüßen, wenn Sie mir angemessene Kleidung und Sonnenschutz anbieten würden.“ Als er nicht antwortete, fügte sie hinzu: „Sonst sehe ich bald so dunkel verbrannt aus wie du.“

Offensichtlich glaubte sie, nicht verstanden zu werden. Er erwog, sie in dem Glauben zu belassen. Es könnte einige erfrischende Details über ihr Denken verraten, wenn sie meinte, so reden zu können, wie ihr der Schnabel gewachsen war.

 

*

 

Unter dem Blick des Fremden brach Hazel der Schweiß aus.

Der Mann in dem fast bodenlangen, hemdartigen Gewand, um dessen Kopf dasselbe weiße Tuch geschlungen und mit einem Stirnreifen befestigt war wie bei den Reitern, die sie hierher gebracht hatten, starrte sie mit unbewegter Miene an. Wahrscheinlich war er genauso dumm, wie er aussah. Unter der sengenden Sonne, die in diesen Breitengraden von morgens bis abends schien, konnte man es diesen Wilden kaum vorwerfen, dass sie ein wenig minderbemittelt waren. Höchstwahrscheinlich hatte die Hitze jeden Rest Vernunft schlicht aus ihren Köpfen gebrannt.

Nun gut, Miss Fairchild, mahnte sie sich selbst, überlege, was am besten zu tun ist. Das alles konnte nur ein schreckliches Missverständnis sein. Sie wusste, dass der Pascha schon vor Jahren die Sklaverei verboten hatte. Dass sie sich nun hier befand, nach diesem entsetzlichen und erschreckenden Überfall auf das Camp, konnte also nichts anderes sein als ein bedauerlicher Fehler. Sie atmete tief durch.

„Hören Sie“, sagte sie und bemühte sich, langsam und deutlich zu sprechen. Immerhin schien der Fremde eine wichtige Position in diesem Palast zu bekleiden, was zumindest hoffen ließ, dass mit ihm zu reden war. Auch wenn sein Aufzug nicht dem entsprach, was sie von einem Mann in gehobener Stellung erwartete. Das lange Gewand stand am Halsausschnitt weit offen, sodass sie, ehe sie den Blick abwandte, sehnige Schultern und elegant gewölbte Brustmuskeln unter bronzefarbener Haut sehen konnte. Viel größer als sie selbst war er nicht. „Mein Name ist Hazel Fairchild, und ich bin die Tochter des Abgeordneten des britischen Unterhauses William Hugh Fairchild, Chef-Ingenieur der Compagnie universelle du canal maritime de Suez, und die Verlobte von Captain Clarence Whitby. Mein Vater ist ein Vertrauter und enger Freund von Monsieur de Lesseps, der wiederum ein enger Freund des Paschas ist.“ Täuschte sie sich, oder ging ein Aufblitzen durch seine Augen, als sie das Wort Pascha sagte? Dieser Mann hatte erstaunliche Augen. Sie waren von einem strahlenden Blau und wirkten in dem dunklen Gesicht noch heller, als sie es ohnehin waren. Sie konnte ihm gerade ins Gesicht sehen, und diese Augen … Sie musste sich zusammenreißen. „Mit Sicherheit wird bereits nach mir gesucht. Sie ersparen mir und sich eine Menge Ärger, wenn Sie mich unverzüglich einer britischen oder französischen Autorität unterstellen. Ich bin sicher, alle Missverständnisse können dann zügig ausgeräumt werden.“

Ihre Stimme war rau geworden von den vielen Worten. Zwar hatten ihr die Barbarenkrieger, die sie gefesselt und erniedrigt hierher gebracht hatten, ab und zu etwas zu trinken gegeben, aber das hatte nicht lange vorgehalten, und mittlerweile plagte sie der Durst wieder ebenso schlimm wie die Sonne.

Der Fremde starrte sie weiterhin unbewegt an. Sie kniff die Augen zusammen, um ihn besser mustern zu können. Er versteckte seinen schwer einzuschätzenden Körper unter einem unförmigen weißen Gewand. Seine Füße in den flachen Ziegenledersandalen waren staubig, wirkten aber dennoch nicht ungepflegt. Sie konnte seine nackten Knöchel erkennen. Ein Anblick, der ihr die Schamröte in die Wangen trieb und sie dazu veranlasste, ihren Blick schnell zu heben. Was es nicht unbedingt besser machte, denn nun starrte sie wieder auf den breiten und tiefen Halsausschnitt. Es würde wohl noch eine Weile dauern, bis sie sich daran gewöhnt hatte, dass in dieser endlosen Wüste Wilde lebten, die nichts von Anstand und Manier wussten. Das Problem war, dass sie, wenn sie weder seine Füße noch seinen Hals anzusehen versuchte, in die Verlegenheit geriet, in seine Augen sehen zu müssen, und die waren es, die sie am meisten verwirrten. Wie Aquamarine leuchteten sie in seinem schmalen Gesicht. Die Intensität seines Blickes wurde weiter verstärkt durch einen präzise gestutzten Bart in einer sonderbaren Form. Wie mit dem Lineal gezogen, verliefen die schwarzen Bartlinien entlang seiner Kieferknochen, über die schmale Oberlippe und in einem dünnen Streifen unter seiner vollen Unterlippe in Richtung des markanten Kinns. Plötzlich schauderte sie trotz der Hitze. Seine Lippen waren scharf gezeichnet. Neben dem linken Mundwinkel erkannte sie ein kleines Grübchen, wie bei einem Menschen, der gern und viel lachte.

Das war nicht der Blick eines begriffsstutzigen Barbaren. Es war der Blick eines Königs, und mit einem Mal ergab die Art, wie die anderen Reiter zu ihm aufgesehen hatten, einen Sinn.

„Sie verstehen mich nicht, nicht wahr?“ Sie schluckte an Tränen. Es war so ärgerlich, nicht verstanden zu werden, und es machte ihre Einsamkeit und Hilflosigkeit an diesem absonderlichen Ort nur noch greifbarer. „Sie verstehen mich nicht, aber das ist auch vollkommen gleichgültig für das, was sie mit mir vorhaben.“ Plötzlich war alles klar. Bis hierher, bis zu diesem Moment, solange sie sich hatte einreden können, dass diese Männer hirnlose Wilde waren, hatte sie sich an ihre Wut klammern können. An den Gedanken, dass sie nur auf den richtigen Augenblick warten musste, um alles aufzuklären. Das war jetzt vorbei. Dieser Mann war keiner, der Fehler machte. Er hatte sie dem anderen Krieger abgefordert. Dieser Mann war sich durchaus bewusst, was es bedeutete, eine Europäerin gefangen zu nehmen. Dennoch nahm er die Gefahr für sich und die Seinen billigend in Kauf. Dass sie eine Gefangene war, daran zweifelte sie nicht. Die Hanfseile um ihre Handgelenke sprachen eine allzu deutliche Sprache. Und es war nicht nur das Hanfseil. Einer ehrenwerten Geisel hätte man nicht die Kleidung abgenommen. Ihr waren nur die zweiteilige Chemise und ihre Drawers, knielange Unterhosen aus vielen Lagen kostbarer belgischer Spitze, geblieben. So wurde keine Dame behandelt, so verfuhren Männer mit Huren, und auch wenn sie nicht in den Einzelheiten wusste, was es war, das Männer von einer Hure erwarteten, so war ihr doch klar, dass es für eine anständige Frau Schmerzen bedeutete und Schmach.

Um ihm ihre plötzliche Verzweiflung nicht zu zeigen, senkte sie erneut den Blick. Angst wallte in mächtigen Wogen durch ihren Körper. Wenn das Schlimmste geschah, wenn … o gütiger Herr im Himmel, das durfte nicht geschehen. Was würde ihr Vater von ihr denken? Und Clarence? Und die Gesellschaft daheim in London? Die Sorgen verblassten so schnell, wie sie aufkamen, und es gab nur noch einen Gedanken, der in ihrem Kopf saß. „Bitte“, wisperte sie. „Bitte tun Sie mir nicht weh.“

Ihr Flehen schwebte noch zwischen ihnen, als er langsam die Hand hob, um mit seinem Zeigefinger die Linie ihrer Wangenknochen nachzufahren. Es fühlte sich an, als ob ihre Haut unter der Berührung aufplatzen müsste. Zu lange war sie ungeschützt der Sonne ausgesetzt gewesen. Unwillkürlich zuckte sie vor seiner Hand zurück. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie sich etwas in seiner Miene änderte. Wo zuvor Härte dominiert hatte, schlich sich für die Dauer eines Herzschlags noch etwas anderes ein, doch es verschwand so schnell, dass sie keine Zeit hatte, es zu deuten.

„Arme, kleine Lady Hazel Fairchild.“

Fast noch mehr als unter seiner Berührung zuckte sie unter seiner Stimme zusammen. Die Worte waren sanft, der Tonfall der eines Mannes, der es gewohnt war, dass man zu ihm aufsah. Seine Stimme war dunkel, singend und hart zur selben Zeit. Er sprach Englisch. Fehlerloses, perfektes Englisch, nur ein kaum hörbarer Akzent schmolz die Vokale zu flüssigem Samt. Ihre Lippen begannen zu zittern, als sie begriff, dass sie sich erneut getäuscht hatte. Er hatte sie verstanden. Jedes einzelne Wort musste er verstanden haben. Sogar ihr Betteln. Scham explodierte in ihrem Inneren und ließ ihre Augen endgültig überlaufen. Mit seinem Finger fing er die Tränen auf, zerrieb sie zwischen den Fingerspitzen.

„Du bist verbrannt und dreckig, und meine Männer und Allah haben es seit dem Überfall nicht gut mit dir gemeint. Ich bevorzuge meine Sklavinnen sauber und intakt. Komm.“ Endlich nahm er die Hand von ihrem Gesicht, schloss sie stattdessen erneut um ihren Oberarm. „Ich bringe dich in den Harem des Serails. Dort wirst du gewaschen und mit Nahrung versorgt, bevor wir uns näher kennenlernen.“

„Bitte“, sagte sie und hasste das Zittern in ihrer Stimme. Sie stemmte sich gegen seine Hand, räusperte sich. Zu ihrem Erstaunen verringerte er die Härte seines Griffs und wandte sich ihr wieder zu. In ihrem Kopf drehten sich die Gedanken, wirbelten Verwirrung, Hitze, Angst. Doch das zu zeigen, wäre ein Fehler. Noch nie hatte es einer Frau geholfen, schwach zu sein. Erst als sie sicher war, dass ihre Stimme ihr wieder gehorchte, setzte sie erneut zum Sprechen an. „Bitte, sagen Sie mir wenigstens, wer Sie sind. Wo bin ich? Was für ein Ort ist das hier? Ich habe Ihnen meinen Namen gesagt. Es wäre nur recht, wenn Sie …“

„Mein Name ist Scheich Djamal ibn-Tariq ibn-Mohammad al-Zenima al-Sinai, und das hier ist mein Serail. Mein Palast, wenn du so willst, oder vielleicht besser meine Residenz, da du unter Palast sicher etwas anderes verstehst. Du befindest dich in der Stadt Abu Zenima“, unterbrach er sie.

Schon zuvor waren sie einander nahe gewesen, zu nahe, als es von Anstand und Schicklichkeit geboten war, aber jetzt kam er noch näher. Lauernd, gleichzeitig gebieterisch, überwand er die verbliebene Distanz zwischen ihnen, bis er direkt vor ihr stand. So nah, dass sie seinen Duft wahrnehmen konnte. Nach Sand und Sonne und Moschus. Auf der Haut in dem weit offenen Kragen glänzten Schweißperlen, auch an ihm ging die Hitze des Tages nicht spurlos vorbei. Ihr schwindelte. Sie musste die Augen schließen, um nicht zu torkeln und ihm womöglich in die Arme zu stolpern. Das hätte die gänzlich falschen Signale ausgesendet. So traf sie sein Atem an ihrem Ohr unvorbereitet. Ein warmer Lufthauch, der über ihren Hals rieselte, die Haut ihres Dekolletés streifte und sich auf ihre Brüste legte. Ein Schauder rann durch ihren Körper, verstärkt noch durch seine Stimme, als er weitersprach.

„Das ist mein Name, Hazel Fairchild. Es ist der Name deines neuen Herrn.“

 

*

 

Als er mit ihr durch das Portal in den schattigen Innenhof der Residenz trat, ging ein Ruck durch sie. Kaum merklich, aber er hielt mit der Hand ihren Oberarm fest umklammert, sodass er auch die leiseste Regung spürte. Nur für den Fall, dass sie es sich in den Kopf setzen sollte, umzudrehen und zu fliehen, griff er fester zu.

Die Flügeltüren aus reich beschnitztem Ebenholz standen in Friedenszeiten den ganzen Tag weit offen, und Wachen patrouillierten nur sporadisch. Er war der Scheich, er musste den Anführern der Clans der Tiyaha jederzeit zugänglich sein.

„Du solltest das nicht tun, Hazel Fairchild“, murmelte er halb amüsiert. „Du solltest nicht einmal den Gedanken an Flucht wagen. Auf dem Weg hierher hast du das Land gesehen, durch das du mit meinem Onkel gekommen bist. Wie lange, glaubst du, kannst du da draußen überleben in deinem …“ Er blieb kurz stehen, drehte sie zu sich und ließ den Blick über ihren Aufzug gleiten. Ein schmutzig weißes Baumwollhemdchen mit dünnen Trägern, die Arme unbedeckt. Der Rock aus demselben Material mochte ebenfalls einmal weiß gewesen sein und hatte jetzt streifenförmig die Farbe des Wüstensandes angenommen. Sie protestierte mit einem Blick und einem Zucken, als er nach dem Stoff des Rockes griff und ihn ein wenig hochzog, sodass er ihre knöchelhohen Stiefelchen aus schwarzem Leder begutachten konnte. Er lachte, als sie damit nach ihm trat. Die sahen sehr warm aus und waren jetzt bestimmt voll Sand. „In deinem entzückenden Kleidchen“, vollendete er den Satz.

Wütend starrte sie ihn an. Unter diesem Blick lag immer noch Angst, aber die Wut über seine Art, sie anzufassen und zu taxieren, überwog. Sie war erfrischend, irgendwie.

„Ihre … Verbündeten haben mir mein Kleid gestohlen“, sagte sie, nur eine Nuance von einem schlangengleichen Zischen entfernt.

Er hob die Schultern. „Bringt gutes Geld, wenn sie es an einen Händler verkaufen, der auf dem Weg nach Alexandria ist. Ich denke, eine Dame wie du trägt sicher bezaubernde Kleider.“ Er ließ sie nicht im Zweifel darüber, dass es ihm gleichgültig war. In seinem Palast waren die Kleider, an die sie gewöhnt war, äußerst unpraktisch, und er würde sie einkleiden lassen, wie es sich hier gehörte. Er war sicher, dass ihr Körper in einem Kaftan aus Seidenbrokat himmlischer aussehen würde als in den ausufernden Gebilden aus Reifen und Spitze, wie die Engländerinnen und Französinnen sie trugen.

Ein Fingerschnippen brachte Kifah und Atiya an seine Seite. Aus dem Nichts tauchten sie auf und knieten sich in den Staub des Innenhofes zu seinen Füßen. Hazel Fairchild beobachtete mit Horror in den Augen die unterwürfige Geste. „Bringt meinen Gast in das Badehaus“, sagte er, an die Konkubinen gewandt. „Ich wünsche, dass sie gereinigt und eingekleidet wird, sodass sie sich wieder wohlfühlt in ihrer Haut. Ich werde im hinteren Garten sein und erwarte, dass sie zu mir gebracht wird, sobald alles zu meiner Zufriedenheit ausgeführt wurde.“ Seine Stimme war härter als üblich, wenn er zu seinen Konkubinen sprach. Er hatte Kifahs Widerwillen erkannt, etwas, dem sofort ein Riegel vorgeschoben werden musste. Der Ausdruck auf dem Gesicht von Hazel Fairchild, die kein Wort verstand, war unbezahlbar. Sein Blick blieb ein wenig zu lange an ihrer vollen Unterlippe hängen, die die Farbe der Rosen hatte, die an der Wand zwischen den Fenstern der Gemächer von Lady Nuur hinaufrankten. Ob diese Unterlippe so süß schmeckte, wie sie aussah? Sie erinnerte ihn an Zuckerwerk, wie man es auf den Basaren Istanbuls zu kaufen bekam.

„Gebieter“, murmelte Atiya, ehe sie sich erhob. „Die komplette Behandlung?“

Kifah hielt den Blick weiter gesenkt. Seine Favoritin mochte keine Rivalinnen um seine Gunst. Es war gut, sie hin und wieder daran zu erinnern, dass sie nur eine unter vielen war, auch wenn er sie dieser Tage öfter in sein Bett nahm als die anderen. Deshalb fand er es richtig, sie dazu zu verpflichten, die Neue zu baden.

Er betrachtete Hazel, trat näher und ließ die Fingerspitzen über ihren Kieferknochen gleiten. „Nein“, sagte er gedankenverloren. „Nicht heute. Nur das Nötigste für mein Vergnügen. Keine Essenzen, kein Körperschmuck. Bringt sie mir unvorbereitet.“

Kifah wagte es, kurz den Blick zu heben, ein leises triumphales Glitzern in den dunkelbraunen Augen. Er fragte sich, ob Hazel Fairchild noch Jungfrau war. Tiyaha-Mädchen wurden oft bereits mit vierzehn oder fünfzehn Jahren verheiratet oder als Konkubine verschenkt. Hazel war sicher einige Jahre älter. Aber er wusste nichts darüber, in welchem Alter englische Damen einem Mann gegeben wurden. War Hazel Fairchild verheiratet? Nein, sie hatte gesagt, dass sie die Verlobte eines Mannes sei. Den Namen hatte er vergessen. Der Name war unwichtig, denn jetzt war sie hier. In seinem Haus. Er spürte Abneigung gegen den Gedanken, sie wieder gehen zu lassen. Zu einem anderen. Er war sicher, dass der kratzbürstige kleine Engel Leben in seinen Serail bringen würde. Natürlich wäre es vernünftig, sie umgehend zurück nach Kairo zu ihrer Familie zu bringen, wenn er nicht den Zorn des Paschas riskieren wollte. Aber er musste auch den Geboten der Gastfreundschaft Genüge tun. Hazel Fairchild hatte einen anstrengenden Ritt in der Gesellschaft ungehobelter Männer hinter sich, der vermutlich zwei oder gar drei Tage gewährt hatte, ihre Haut war sonnenverbrannt und brauchte Pflege. Sie musste etwas essen und trinken und sich ausruhen, ehe er sie auf die selbst unter besten Voraussetzungen zwei Tage dauernde Reise nach Kairo schicken durfte. In den paar Tagen, die er sie hierbehalten konnte, würde er ihre Anwesenheit genießen. Mit den Fingerspitzen strich er über ihre zarten Schlüsselbeine, blieb an den Trägern ihres Hemdes hängen. Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, und ihre bezaubernden blauen Augen weiteten sich noch mehr. Unwillkürlich trat sie einen Schritt zurück.

„Was haben Sie mit mir vor?“, fragte sie, ihre Stimme überschlug sich fast.

Er lächelte sie an. Er wusste, dass es das Lächeln eines Wüstenfuchses war, und genoss, wie sie noch mehr aus dem Gleichgewicht geriet. „Ich sage dir die Wahrheit, Hazel Fairchild, ich weiß es noch nicht. Für den Moment habe ich meine Konkubinen angewiesen, sich um dich und deine Bedürfnisse zu kümmern. Ich wünsche, dass du dich wieder sauber und wohl in deiner Haut fühlst. Es wird dir ein wenig Sicherheit zurückgeben. Sei nicht zu schüchtern, um Speisen und Getränke zu bitten, wenn du hungrig oder durstig bist. Du bist mein Gast, Hazel, ich möchte, dass du freiwillig in diesen Mauern bleibst. Denn da draußen kommst du keine zwei Meilen weit, ehe deine delikate Haut unter der Sonne verglüht.“

„Sie halten mich für schwach?“

Die Frage überraschte ihn. Auch die Antwort darauf, die einzige, die ihm einfiel. „Nein. Ich halte dich nicht für schwach.“ Er gab den Konkubinen ein Zeichen mit dem Kopf, ein knappes Nicken. Atiya ergriff den linken Arm der Engländerin, Kifah, ein wenig zu fest, den rechten. Es sah ganz leicht aus, aber er wusste es besser. Hazel Fairchild ließ sich nur unter Protest von den beiden Frauen abführen. Schmunzelnd machte er sich auf den Weg zum Garten, wo noch immer, ungerührt von allen Vorkommnissen im öffentlichen Teil des Palastes, die Kinder kreischten und lachten.