Kapitel 1

 

 

 

Was am meisten schmerzte, waren ihre Zehen.

 

Abgesehen von ihrem Stolz. Und den Schultern. Und der Stelle hinter dem Brustbein, wo man ein dumpfes Ziehen und Pochen spürt, wenn einen plötzlich Angst überfällt.

 

Für plötzliche Angst hatte sie seit Tagen keinen Platz mehr in sich. Dazu war die ständige Furcht viel zu präsent. Kein Platz für Schock oder Erschrecken. Nur dieser Druck hinter der Brust, und das Gefühl, weinen zu müssen, das sie zurückdrängte, so gut es ging. Erst im Dunkeln, das nicht immer Nacht war, ließ sie die Tränen laufen.

 

Wenn niemand es sah.

 

Sie ballte die Hände zu Fäusten und verzog das Gesicht. Nicht weinen. Noch war es nicht dunkel. Noch würde sie diese Genugtuung den Tieren, die sie hier hielten, nicht schenken. Als sie ihre Haltung um zwei Millimeter verlagerte und dabei die Kanten der Handschellen scharf in ihre Haut schnitten, biss sie verzweifelt die Zähne zusammen. Nicht weinen. Das Brennen hinter ihren Augen bedeutete nichts. Sie würde nicht weinen.

 

Wenn die Schellen in die Handgelenke bissen, tat es zwar weh, aber sie musste ihre Zehen entlasten, irgendwie. Die ganze Zeit auf den Zehenballen zu balancieren war Schwerstarbeit. Aber wenn sie sich auf die ganze Fläche des Fußes sinken ließ, hatte sie das Gefühl, die Handschellen würden ihr die Hände von den Armen trennen.

 

Grollende, dumpfe Musik aus hoch angebrachten Lautsprechern füllte den Raum. Sie hatte anderes zu tun, als sich umzusehen, wo sie sich befand. Ihre Aufgabe war, das Gleichgewicht zu halten. Und sich auf den Moment einzustellen, wenn das Schlimmste passierte. Es würde passieren, daran hatte sie keine Zweifel. Jemand würde kommen, um sie anzufassen. Grobe Hände, die ihre Haut berührten und keinen Platz für Scham ließen. Wenn sie etwas wunderte, dann nur, warum es noch nicht geschehen war. Warum sie sie zwar betäubt, gefesselt und geschlagen, aber noch nicht angefasst hatten. Ein Schluchzer stieg in ihre Kehle, versperrte ihr die Luftröhre. Sie schluckte ihn trocken hinunter.

 

Um Himmels willen, wie war sie hierher gekommen? Wann wachte sie endlich auf und stellte fest, dass alles nur ein Albtraum war?

 

Das Mädchen neben ihr schluchzte leise. Sie hieß Louise, das wusste Annie, weil sie seit drei Tagen nebeneinander in einer kleinen Zelle geschlafen hatten. In der ersten Nacht war Louise irgendwann zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang geholt und erst nach Stunden zurückgebracht worden. Mit Striemen auf Rücken und Bauch und Blut an den Schenkeln. Da war Annie klar geworden, dass die Angst, die sie verspürte, nicht übertrieben war. Das hier war kein Spiel. Das hier waren keine Halbstarken, die sich einen Scherz erlaubten. Das hier war bitterer Ernst.

 

Wenigstens war Louise größer gewachsen als sie selbst und musste nicht auf den Zehenspitzen stehen. Sie konnte das rostige dünne Eisenrohr, das die Handschellen hielt, mit beiden Händen greifen, ohne ich anzustrengen. Wenn jemand kam, konnte Louise sich wegdrehen, sich sogar ein Stück ducken. Sie hatte die Macht, etwas zu tun, um den grapschenden Händen und ekelhaften Blicken zumindest für einen Augenblick zu entgehen. Annie hatte diese Möglichkeit nicht, und der Gedanke daran trieb ihr die Übelkeit aus dem Magen weiter die Kehle herauf.

 

Ob sie sie losmachen würden, wenn sie sich übergab?

 

Das Dröhnen der Musik vibrierte durch den Raum und durch ihre Fesseln. Sie versuchte, durchzuatmen, aber der Schmerz hinter der Brust ließ das schon lange nicht mehr zu. Die Art und Weise, wie sie Louise zugerichtet hatten, ließ keinen Zweifel an dem, was ihnen hier bevorstand. In den drei Tagen seit ihrer Entführung hatte sich niemand an Annie vergriffen, jedenfalls nicht so. Sie hatten sie gezwungen, sich auszuziehen, und hatten ihr seither keine Kleidung mehr gegeben. An diesem Morgen hatten sie sie gezwungen, in eine Wanne mit viel zu heißem Wasser zu steigen, und jemand hatte ihre Zähne kontrolliert und mit breitem Grinsen auf Spanisch etwas gesagt, das wohl ihre üppige Oberweite betraf. Andere hatten gelacht. Sie war sich vorgekommen wie ein Stück Vieh. Ganz offensichtlich war genau das deren Absicht gewesen.

 

Jetzt hier zu stehen, in einer Reihe mit anderen Gefangenen, nackt, in Handschellen, half nicht, die Erinnerung zu zerstreuen. Die Eisenstange war zu hoch. Annies Körper war aufs Äußerste gestreckt. Wenn jemand kam ...

 

Jemand kam.

 

Eine Tür krachte.

 

Das Wimmern begann.

 

Louise zuckte zusammen, die Kette an ihren Handschellen klirrte, als sie versuchte, sich klein zu machen. Männer strömten in den Raum. Vielleicht war es mal ein Lagerhaus gewesen, oder, was wahrscheinlicher war, eine Scheune irgendwo auf dem Land. Wo auch immer sie war, eins war sicher: Niemand würde sie finden. Niemand kam hierher, um zu suchen. Niemand würde nachsehen, was hier geschah, denn Männer wie die, die sie auf dem Rummelplatz gefangen hatten, machten keine Fehler.

 

Nicht nur Männer strömten herein, auch Frauen. Oh Gott! Annie kniff die Augen zusammen.

 

Der Mann, der ihre Zähne kontrolliert hatte, ging an der Spitze der Gruppe. Zeigte auf die Frauen und Mädchen. Scheinwerfer flackerten auf, tauchten die präsentierten Körper in ungnädiges Licht. Nichts blieb verborgen. Jemand trat vor, streckte eine Hand aus, erntete einen entsetzten Schrei seines Opfers.

 

Sie hatte nicht gewusst, dass es so etwas wirklich gab. Sie hatte davon gehört und es abgetan als eine urbane Legende. Als etwas, womit man erwachsenen Mädchen Angst machte, damit sie sich nicht auf den Falschen einließen und immer vorsichtig waren. Sie war vorsichtig gewesen. Genützt hatte es ihr nichts.

 

Jetzt wusste sie, wie Recht Daddy hatte, wenn er sagte, die Widerwärtigkeit der Menschheit kann man nicht übertreiben.

 

Was für eine Ironie des Schicksals, dass sie hier stand. Ausgerechnet sie. Die Tochter eines FBI Captains in den Klauen von Menschenhändlern.

 

Taxierende Blicke gefroren das Blut in ihren Adern zu Eis.

 

Das Glimmen von unverhohlener Lust in den Augen von Männern, die goldene Armbanduhren und elegante Anzüge trugen. Neben ihnen standen bullige tätowierte Biker, deren Kleidung mit Eisenketten verziert war. Sie schloss die Augen, wollte das nicht sehen. Einen Augenblick lang wünschte sie sich, in Ohnmacht zu fallen. Was auch immer mit ihrem Körper in den nächsten Stunden geschah, sie wollte es nicht wissen.

 

Jemand packte ihren Kiefer, harte Finger bohrten sich in ihre Haut. „Augen auf“, kam der gebellte Befehl.

 

Entsetzt riss sie die Lider hoch und sah sich einer Frau in Latex gegenüber, deren natürlicher Hautton unter Schminke vollkommen verschwand. Annie begann zu zittern und schluckte. Ihre Knie wurden weich, die Handschellen fingen sie auf und schnitten in ihre Gelenke, Tränen schossen in ihre Augen.

 

Die Frau stieß ihr Gesicht von sich. „Zu üppig für meinen Geschmack.“ Mit neuem Interesse wandte sie sich an Louise neben ihr. Hochgewachsen und schlank, mit kleinen, hohen Brüsten und einem festen Apfelhintern. Wohl eher auf der Wellenlinie der Latex-Frau. Annie schämte sich für ihre Erleichterung, als sie die Peitsche sah, die hinten im Gürtel der Frau steckte.

 

Fast alle Käufer, die der ekelhafte Mann hier herein geführt hatte, legten inzwischen Hand an die Mädchen. Wer zu laut jammerte, wurde mit einem Klatschen und groben Worten zur Ruhe gebracht. Annie starrte vor sich hin, apathisch, zu entsetzt, um irgendwas fühlen zu können. Nicht einmal der Schmerz, der sich aus ihren Handgelenken im ganzen Körper ausbreitete, drang zu ihr durch. Das dumpfe Pochen hinter ihrer Brust versteifte sich zu einem Eisblock. Auf Rettung zu hoffen, dazu war es zu spät.

 

Daddy, dachte sie.

 

Einen sah sie neben dem Spanier stehen. Der Spanier selbst war eher ein dürres Hemd mit fettigen Haaren und einem seltsamen Hut auf dem Kopf. Der Mann, der jetzt mit ihm redete, war groß gewachsen mit kurzgeschnittenen dunklen Haaren. Er trug weder Anzug und Rolex noch Biker-Klamotten, sondern saubere enge Jeans und ein Muscle-Shirt, aus dessen Armlöchern von deutlich sichtbaren Sehnen durchzogene Oberarme herausschauten. Nichts an ihm deutete darauf hin, dass er reich war und sich eine Sklavin leisten könnte. Sklavin. Allein das Wort bereitete ihr Übelkeit. Sie hatte es noch nie gemocht, allein die Historie, die damit verbunden war, war fürchterlich. An diesem Ort, wo sie selbst zu einem Teil eines perversen Marktes gemacht wurde, wirkte es hässlicher denn je. Die Haltung des Mannes neben dem Spanier drückte so viel Selbstverständlichkeit aus, dass es Annie kalt über den Rücken rieselte. Er hatte sicher kein Problem mit dem Wort Sklavin. Oder mit dem Wort Master.

 

Mit ernster Miene und kleinen, intensiven Gesten redete er auf den Spanier ein. Aus irgendeinem Grund zog er Annies Blick an wie ein Magnet. Vielleicht, weil niemand sie begrapschte und er der Einzige war, der sich noch heraushielt. Zwar scannten seine Augen unablässig die an dem Stahlrohr aufgereihten Mädchen, aber er behielt seine Finger bei sich. Dann winkte er ab und machte sich auf den Weg zum Ausgang. Nicht nur Annie starrte ihm nach. Eine seltsame Leere fraß sich plötzlich von innen her durch ihre Eingeweide.

 

Nach kurzem Zögern folgte der Spanier dem Mann. So verzweifelt redete er auf ihn ein, dass es Annie nicht mal gewundert hätte, wenn er flehend auf die Knie gefallen wäre.

 

Der große, breitschultrige Mann schnaubte, ging zu einem der Mädchen. Annie konnte sich nicht davon abhalten, den Kopf zu verdrehen, um zu sehen, was er tat. Er griff dem Mädchen an die Brust, erntete einen erschrockenen Schrei. Dann landete seine Hand zwischen den Beinen der Frau. Brüsk zog er seine Finger wieder heraus, zeigte dem Spanier die Hand, sagte etwas. Der Spanier antwortete. Der Mann schnaubte erneut, dann fiel sein Blick auf Annie.

 

Er hatte helle, durchdringende Augen, die kalt wirkten. Zornig.

 

Als er langsam auf sie zukam, spürte sie jeden einzelnen Schmerz in ihrem Körper, als sei es das erste Mal. Das Brennen, das Ziehen, das dumpfe Pochen. Den Block aus Eis in ihrer Brust. Die Tränen, die sich hinter ihren Lidern stauten und losbrechen wollten. Nein, dachte sie. Immer wieder, nein. Sie wich zurück, soweit es möglich war, aber das waren nicht mal zwei Zoll. Noch nie war sie nackter gewesen als in diesem Augenblick, wo sie den Blick dieses fremden Mannes auf jedem Millimeter ihrer Haut spürte. Auf jedem Millimeter ihrer Haut und noch darunter. Bei all den anderen war es ihr gelungen, ihre Gedanken auszublenden. Ihr Geist war aus ihrem Körper getreten, uninteressiert, und hatte zugesehen, wie diese Fremden Finger und andere Dinge in ihre Körperöffnungen steckten. Sie prüften wie ein Stück Fleisch auf dem Tisch des Metzgers. Bei diesem Mann gelang es ihr nicht.

 

Er trat vor sie. Sah auf sie herab. Sie zitterte, spürte Gänsehaut an ihrem ganzen Körper. Spürte, dass etwas Feuchtes, Warmes an ihren Armen herunterlief. Sie blickte nach oben und erschauerte.

 

Die Handschellen hatten die Haut ihrer Handgelenke aufgerissen. Blut sickerte aus den Wunden.

 

Der Mann drehte sich zu dem wieselhaften Spanier um und sagte: „Die hier. Nimm sie ab.“

 

 

 

Seine Dienstpistole lag im Handschuhfach des Toyota Corolla, aus dem er zusammen mit Sam in Downtown Mobile ausgestiegen war, um in den silbermetallicfarbenen Mercedes mit einem dunkelhäutigen Chauffeur umzusteigen. Statt der Pistole trug er viel zu breite Goldringe an den Fingern, und an seinem linken Ohrläppchen juckte ein Diamant, für den er sich das Loch, das er als Teenager dort gehabt hatte, neu hatte durchstechen lassen müssen.

 

Alles im Namen von Recht und Gerechtigkeit.

 

Für diesen rattengesichtigen Spanier und seine Komplizen war es ein beschissenes Glück, dass Tulane Flemming seine Pistole nicht dabei hatte. Die passte nicht zu seiner Rolle als ekelhaft reicher Software-Unternehmer mit fragwürdigen Vorlieben, in der er hier posierte. Hätte er Zugriff auf eine Waffe, er hätte längst um sich geschossen.

 

Er hatte sich das eine oder andere vorgestellt, als er in stark codierten Unterlagen und auf zweifelhaften Internetseiten auf die Informationen zu diesem Ring gestoßen war. Das Rattengesicht war nur ein kleines Licht, so viel wusste Tulane. Diese Auktion in einer ehemaligen Scheune tief in den Wäldern bei Axis, Alabama, war eine Regionalveranstaltung. Tulane hatte nicht mal geahnt, wie viele Leute es in Mobile und Umgebung gab, die zuviel Geld hatten, um vernünftig denken zu können. Wieviele von denen auf die eine oder andere Weise zu einer Einladung für diese Sklaven-Auktion gekommen waren, erschütterte seinen Glauben an das Gute im Menschen bis in die Grundfesten.

 

Woher all die Mädchen kamen, wollte er gar nicht wissen. Es waren fünfzehn, mit Handschellen an eine Gasleitung gekettet, die hoffentlich nicht mehr benutzt wurde.

 

Major Richard Delaney hatte sich bedeckt gezeigt, als Tulane ihn in seinem Büro auf dem FBI-Gelände von Mobile über seinen Fund aufgeklärt hatte. Hinweise auf einen Ring von Menschenhändlern, deren Aktivitäten unter unzähligen Pseudo-Unternehmen vergraben waren. Ein glücklicher Zufall hatte Tulane mit der Nase auf diesen Ring gestoßen. Eigentlich war er als Undercover-Agent ins Gesundheitssystem geschleust worden. Es ging um den Verdacht, dass nicht nur in Alabama, sondern im ganzen Süden entlang der Golfküste Korruption auf dem Vormarsch war. Die Ketten aus Bestechungsgeldern begannen teilweise bereits an den Universitäten. Als er bei seinen Recherchen mehrfach auf das Verschwinden von Studentinnen gestoßen war, war er hellhörig geworden. Ein paar Nachtschichten hinter seinem Recher, und er hatte die mageren Hinweise ausgegraben, die auf diesen Ring hindeuteten.

 

Aber Delaney stand kurz vor seiner Beförderung zum Colonel, und ein weiteres Erfolgserlebnis brauchte er nicht. Wohl aber wollte er vermeiden, dass ein Schuss in den Ofen ihm einen Stein in den so sicher geglaubten Weg rollte. Tulane konnte das verstehen, vermutlich hätte er selbst nicht anders reagiert. Die Sache lief ihm ja nicht weg. Er könnte ihr immer noch nachgehen, wenn er einen anderen Vorgesetzten im Department bekam.

 

Doch dann war Delaneys Tochter verschwunden. Dass sie einfach abgehauen war, kam nicht in Frage. Sie war ein schüchternes, pflichtbewusstes Mädchen, hieß es. Die Überwachungskameras auf dem Jahrmarkt, auf dem sie entführt worden war, zeigten, wie sie von zwei dunkel gekleideten Männern in einen Van geschleift wurde. Auf den krisseligen Aufnahmen wirkte sie halb besinnungslos, doch die Nummernschildverfolgung des Wagens war im Nichts verlaufen. Sie hatten es mit Profis zu tun.

 

Vierundzwanzig Stunden lang hatte Delaney die Nerven behalten, dann hatte er Tulane zu sich bestellt und alles wissen wollen, was dieser zu dem Ring herausgefunden hatte. Die darauffolgenden sechsunddreißig Stunden waren die betriebsamsten gewesen, die Tulane je erlebt hatte, seit er vor fast fünfzehn Jahren dem Federal Bureau of Investigation beigetreten war. Er hatte seit mindestens sechzig Stunden nicht geschlafen. Verdammt.

 

Die Chance, Miss Savannah Delaney hier zu finden, war verschwindend gering. Tulane hatte sich selbst nicht vorstellen können, dass sie hier, mitten in Alabama, Mädchen feilboten, die aus dieser Gegend stammten. Selbst jetzt noch, als er in die Gesichter der jungen Frauen schaute, die da angekettet waren, konnte er nicht sicher sein, Savannah Delaney unter den Opfern zu finden.

 

Sicher war er nur, dass er den Gästen des Rattengesichts am liebsten die übergriffigen Hände abgeschlagen hätte. Das Einzige, was ihn rettete, war seine Erfahrung. Das, was er sah, machte ihn zwar so wütend, dass er das Gefühl hatte, in seinem Inneren würde ein Flächenbrand lodern. Gleichzeitig aber waren es Dinge, die er schon oft gesehen hatte. Der Anblick von Peitschen, Fesseln und Floggern allein raubte ihm nicht die Nerven.

 

Aber nichts im Leben hätte ihn darauf vorbereiten können, in dieser Scheune, in der nur zweibeinige Ratten herumliefen, die Nerven zu behalten. Das Einzige, was ihm erlaubte, sich zusammenzureißen, waren seine antrainierte Disziplin und eine eiserne Beherrschung von Körper und Geist. Eine Kombination aus dem Training, das er im Job erfahren hatte, und dem Mann, der er war. Sam, der neben ihm stand, schnappte mehrfach hörbar nach Luft, und Tulane fühlte sich versucht, ihn zurechtzuweisen.

 

Ruhe bewahren.

 

Hatten sie genug gesehen? Wie spät mochte es sein? Kurz nach zehn Uhr abends hatte das Rattengesicht die Tür aufgeschoben und sie alle hereingebeten. Das war vielleicht zehn Minuten her. Die Einheiten sollten sich erst zusammenziehen, wenn die Menschenhändler und ihre Gäste in der Scheune waren, um das menschliche Gut zu betrachten und eine Auswahl zu treffen. Bis dahin sollten Tulane und Sam die Lage sondieren, damit sie später vor Gericht als Zeugen fungieren konnten. Tulane ahnte, dass einige der potenziellen Käufer sich schnell entscheiden würden. Ihnen hingen die Hosen in den Kniekehlen vor lauter Schiss, entdeckt zu werden. Recht so, dachte er. Aber war schon genug Zeit verstrichen, damit der Zugriff losgehen konnte?

 

Und was war mit Delaneys Tochter? Solange noch eine geringe Chance bestand, dass sie hier war ...

 

Er musste vermeiden, dass sie ins Kreuzfeuer geriet. Scheiße, keine von diesen Frauen sollte dem ausgesetzt sein, er konnte sich nicht mal vorstellen, was sie durchgemacht hatten. Sie sollten heißen Kakao bekommen und jede für sich ein stilles, helles, freundliches Zimmer und einen Menschen, mit dem sie reden konnten.

 

Aber Delaneys Tochter? Wenn sie hier war, dann war sie seine Verantwortung. Seine, ganz allein. Er wollte sie in Sicherheit wissen, ehe hier die Hölle losbrach. Für ihren Vater, der in Mobile saß und vor Angst um sein Mädchen verging.

 

Tulane hatte ihr Bild gesehen, auf dem Schreibtisch des Majors. Eine schüchtern lächelnde Schönheit mit bronzenem Teint, einem süßen runden Gesicht und tiefschwarzen Haaren, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte, einer Halb-Mexikanerin. Das war alles, was er wusste. Und dass sie jung war, sehr jung, einundzwanzig Jahre alt, verdammt nochmal. Zu jung dafür, in eine Situation wie diese hier zu geraten.

 

Als ob eine Frau dafür jemals alt genug wäre.

 

Noch einmal streifte sein Blick die Frauen, aber er erkannte das Mädchen von dem Bild nicht wieder. Sam neben ihm atmete so schwer, dass Tulane nur hoffen konnte, dass der Junge die Nerven behielt.

 

„Geh zur Tür“, raunte er ihm zu. „Da ist die Luft etwas frischer als hier drin, und du hast einen besseren Überblick.“ Sam mimte seinen Cousin, der zum ersten Mal auf einem Sklavenmarkt war.

 

„Das hier ist widerlich, pervers“, murmelte Sam. „Kink ist ekelerregend.“

 

„Kink? Das hier ist kein Kink, mein Freund.“ Allein die Vorstellung, dass Sam in Zukunft immer, wenn von Kink die Rede war, gedanklich hierher zurücktransportiert wurde, machte Tulane Magenschmerzen. „Das hier ist Missbrauch. Kink und Missbrauch sind nicht dasselbe.“

 

Laut den Unterlagen, die dem Rattengesicht vorlagen, sollte Sam Sanders zukünftig die Einkäufe für DaMarco Horvath Jr. erledigen, dessen Verschleiß an Sklavinnen so hoch und sein Terminkalender so voll war, dass er sich nicht immer selbst um alles kümmern konnte. Was für ein selten dämliches Pseudonym, dachte Tulane, als er Sam hinterherschaute und dann das Rattengesicht ansprach.

 

„Nichts dabei, Chefe?“, quäkte der Spanier.

 

„Schwarzhaarig“, grollte Tulane. „Ich hatte explizit nach schwarzhaarigen Frauen im Angebot gefragt. Es wurde mir zugesichert, dass ich fündig werde. Was ist das hier? Bedeuten Kundenpräferenzen gar nichts?“

 

„Mexicana“, sagte der Mann mit dem spitzen Kinn. „Zwei Mexicana.“ Er wies auf eine Szenerie, in der eine latexbekleidete Frau ein deutlich kleineres Mädchen anfuhr. Er konnte das Mädchen nicht genau sehen. „Da ein Mexicana.“

 

„Davon, dass man mit Ihnen nicht mal reden kann, will ich gar nicht erst anfangen“, fluchte Tulane. „Ich werde wieder nach New Orleans reisen, wo die gute Ware von einheimischen Verkäufern angeboten wird. Das hier lohnt sich nicht.“ Auf dem Absatz drehte er sich um und machte sich auf den Weg zur Tür, die Ohren gespitzt. Er hatte nicht vor zu gehen. Er wollte lediglich die Ratte aus der Reserve locken.

 

Es funktionierte.

 

„Espera!“, schrie die Ratte ihm nach. „Espera, Señor Horvath, espera. Mexicana, señor, wunderschöne Mexicana, genau wie Wunsch!“

 

Als Tulane stehenblieb, wedelte der Spanier mit der Hand in Richtung einer der Frauen, einer bildschönen Schwarzhaarigen, die nicht die war, die Tulane suchte. Trotzdem trat er auf sie zu. Die Frau streckte das Kreuz durch. Sie war so groß gewachsen, dass sie ihm gerade in die Augen blicken konnte. Doch ihre Schultern bebten, und ihre Unterlippe zitterte.

 

Tut mir leid, dachte Tulane, dann legte er seine schwielige Hand um ihre entblößte Brust. Ein erschrockener Schrei entfuhr ihr, die Ketten klirrten, als sie sich wegzudrehen versuchte. Schnell grub er die Finger seiner anderen Hand zwischen ihre Beine.

 

Unter anderen Umständen hätte er das erregend gefunden. Jetzt war ihm schlecht. Er zog die Finger durch ihre Scham, dann hielt er der Ratte seine trockene Hand vors Gesicht. „Und das soll mir Vergnügen bereiten?“

 

„Esta esclava.“ Ratte hob die Schultern. „Ist trocken, ist Spaß.“

 

Tulane schnaubte und trat von dem Mädchen zurück, das leise zu schluchzen anfing. Ein weiterer, halb erstickter Laut kam von weiter rechts, so leise, das kein anderer es gehört hätte. Doch sein Ohr war geschult für das Schluchzen von Frauen, von Opfern, von Menschen in ausweglosen Situationen. Sein Blick fuhr herum, scannte die Dunkelheit und die gleißend hellen Flecken unter den Spotlichtern, in denen die Mädchen standen.

 

Diesmal erkannte er sie.

 

Sie war die Kleine, an der die Möchtegern-Domme herumgefummelt hatte. Sie erwiderte seinen Blick, die Augen angstvoll geweitet. Es war der Blick eines Kaninchens vor der Schlange. Er trat zu ihr, ihm war grottenschlecht. Diese Idioten versteigerten tatsächlich regional entführte Mädchen.

 

Wie spät war es? Wann kamen endlich die anderen?

 

Sie musste hier weg.

 

Alles an ihr zitterte. Gänsehaut überzog ihren Körper, die mit weichen aber definierten Pölsterchen gerundeten Arme und Beine, den flachen Bauch, die herrlichen üppigen Brüste. Sie hatte obsidiandunkle Augen, ein letzter Rest Feuchtigkeit glänzte in ihren nachtschwarzen Haaren. Ihr Blick war der eines Rehs, das den Jäger schon gesehen hat und weiß, dass es dem Schuss nicht mehr ausweichen kann. An ihren Armen rann in vier dünnen Rinnsalen Blut herab, das aus Wunden lief, die die groben Handschellen ihr gerissen hatten.

 

„Die hier“, sagte er, ohne Ratte anzusehen. „Nimm sie ab.“

 

„Kann nicht abnehmen“, protestierte der Spanier. „Rennt weg.“

 

„Rennt weg?“ Jetzt sah er den Mann doch an. „Und wohin soll sie rennen? Schließ die Schellen auf, sofort. Ich will sie kaufen, und ich habe keine Lust, dass sich ihre Handgelenke entzünden.“

 

„Kann nicht kaufen, muss ersteigern.“

 

„Nimm sie runter!“, brüllte er den Kerl an, der schließlich, wenn auch widerstrebend, einen Schlüssel aus einer seiner vielen Hosentaschen zog und mit etwas Mühe die Handschellen aufschloss.

 

Major Richard Delaneys Tochter sackte mit einem Stöhnen in Tulanes Arme, weil ihre Füße sie nicht mehr trugen. Tulane fing sie auf, hielt sie fest und blickte Ratte an. „Wo kann ich sie testen?“

 

„Testen, Chefe?“

 

„Wenn ich für sie bieten soll, dann will ich mich vorher vergewissern, dass sie hat, was ich suche. Sie ist eine von denen, für die hier reichlich geboten werden wird. Sie wird teuer.“

 

Beim Wort teuer gingen Ratte die Augen über, und er betrachtete die junge Frau in Tulanes Armen mit neuem Interesse. „Sì, sì, ist Gold wert, Chefe. Gold wert. Jeden Cent wert. Ist perfekte esclava. Kommen Sie. Kommen Sie. Wir haben alles. Peitsche. Cane. Haben alles dort hinten, können testen, solange Sie wollen, Chefe.“

 

Tulane trug das Mädchen hinter dem widerwärtigen Kerl her. „Hast du die Ware getestet?“, fragte er dabei, und überlegte noch, ob er dem Kerl die Eier abbeißen würde, falls der Sì sagte.

 

„Nicht ich, Chefe. Oh nein, ist unberührte Ware. Ist perfekte Ware, ist jeden Cent wert.“

 

Das war das erste Mal, dass der Kerl etwas sagte, das er nicht bereuen würde. Tulane stellte Miss Delaney auf die eigenen Füße. Um ihre Knöchel waren lederne Manschetten geschnallt, die mit einer kurzen Kette miteinander verbunden waren. Er vergewisserte sich, dass sie nicht umfiel, dann betrachtete er das Arsenal an Schlaginstrumenten, das in der hinteren Ecke an der Wand hing.

 

 

 

Vielleicht konnte sie weglaufen. Während der breitschultrige Mann mit den gigantischen Oberarmen zuerst mit dem Spanier und dann mit einem anderen der Gäste redete, hatten sie ihr die Fesseln abgenommen. Nur ihre Fußknöchel steckten noch in ledernen Manschetten. Wenn sie trat, vielleicht … Daddy hatte ihr einige Tricks und Kniffe beigebracht, mit denen sie sich wehren konnte. Auch gegen Männer, die größer und schwerer waren als sie. Gegen den Taser ihrer Entführer hatten die besten Selbstverteidigungskniffe nichts genutzt, zu überraschend war der Angriff gekommen, zu unerwartet. Auch später hatte sie keine Möglichkeit gefunden, um sich zu wehren. Als sie sie geknebelt und gefesselt hatten. Doch jetzt …

 

Ihr Blick ruckte durch die Halle. Überall standen die Männer des Spaniers und bewachten die Ausgänge. Dazu die Gäste, wie der Kerl die Perverslinge nannte, die hierher gekommen waren, um ihre menschliche Ware zu kaufen.

 

Sie durfte das nicht denken. Sie war keine Ware. Sie war ein Mensch, und niemand, nicht einmal der widerliche Spanier, würde ihr das nehmen. Ihr Magen ballte sich zu einer Faust, wanderte ihr die Kehle empor. Seit drei Tagen hatte sie nichts gegessen, und doch würgte sie.

 

Einer der Aufpasser packte sie am Oberarm, schleifte sie davon. „Vamos“, sagte er. Seine Stimme knarzte wie ein lange nicht geöltes Scharnier. Wo seine Finger sie berührten, zog sich ihre Haut zusammen. Sie stolperte, konnte die Schritte nicht kontrollieren, weil ihre Zehen taub waren und die Kette zwischen den Manschetten viel zu kurz.

 

Ein Ziehen flammte in ihrem Fuß auf, die Muskeln krampften, brannten. Sie sah noch, wie der Muskelkrampf ihre Zehen in eine unnatürliche Haltung zwang, dann schrie sie.

 

Der Schmerz war schlimmer als alles, was sie seit ihrer Entführung ertragen hatte. Nicht psychisch. Die Scham, die Angst, Panik, all das hatte ihren Geist weit mehr malträtiert, als hier von jemandem herumgezerrt zu werden. Aber körperlich war das, was sie bisher hatte erdulden müssen, Pipifax im Vergleich zu diesem Krampf. Sie konnte sich nicht auf den Beinen halten, fiel, krümmte sich zusammen. Instinktiv griff sie nach ihrem rechten Fuß, dorthin, wo der Schmerz am schlimmsten war. Ihre Finger rutschten ab, weil sie glitschig waren von ihrem Blut.

 

„Herrgott nochmal, kann niemand auf die Frauen aufpassen!“ Sie hörte den Fluch. Durch die Glocke aus Schmerz meinte sie zu erkennen, wer sprach. Im nächsten Augenblick wurde sie hochgehoben. Starke Arme zwangen sie, ihren Fuß loszulassen. Der Krampf flammte erneut auf, versengte ihre Waden, sie wand sich und schrie, doch es half nichts.

 

„Schhh. Ruhig, Kleines. Ruhig.“ Er sprach mit ihr wie mit einem Kätzchen. Sie wusste nicht einmal, woher die Stimme kam, aber sie drang zu ihr durch. Ihre Schreie wurden zu einem Jammern.

 

„Es tut weh!“, stöhnte sie. „So weh!“

 

„Ich weiß.“ Sanft legte er sie auf einer Ledercouch ab, halb auf dem Sitzkissen, halb auf seinem Schoß. Er griff nach dem schmerzenden Fuß, streckte ihn, grub seine Finger tief in die Muskelstränge, strich die Sehnen entlang, tastend. Für die Dauer einiger Herzschläge flammte der Krampf erneut auf. Sie bäumte sich auf, schrie. Aber genauso plötzlich, wie der Schmerz sie überfallen hatte, ebbte er unter der Hand des Fremden ab.

 

Mit dem Handrücken wischte sie sich Tränen von den Wangen und verschmierte Blut auf ihrer Haut, das ihren Blick dunkel verschleierte. Ihr Magen begann sich umzudrehen..

 

„Lass das. Sitz ruhig.“ Er sprach nicht laut, aber seine Stimme duldete keinen Widerspruch. Und selbst wenn. Was sie an Kampfgeist noch in sich gefühlt hatte, hatte der Krampf in ihren Zehen und Waden ihr geraubt. Nutzlos fielen ihre Arme zurück. Sie schloss die Augen.

Was auch immer von nun an mit ihr geschehen würde, es lag nicht mehr in ihrer Macht. Sie wollte sich nicht ausmalen, wie dieser Mann sie vergewaltigte und schlug. Sie testete, wie er es nannte. Was mochte das beinhalten? Es war gleichgültig. Die Angst würde auch ohne diese Bilder in ihrem Kopf zurückkommen. Doch dieser Moment fühlte sich gut an. Wie er den Schmerz aus ihren Muskeln knetete, wie seine starken Finger sie massierten und Leben zurück in die geschundenen Glieder zwangen.