Claimed

Kapitel 1

 

Tizian

 

Es gibt vermutlich kaum einen Mann auf dieser Welt, der im Anzug eine bessere Figur macht als Niccolo Contarini. Ich schwöre, der verdammte Bastard hat bestimmt schon in schwarzem Einreiher an der Brust seiner Mutter genuckelt. Aber selbstverständlich bin ich nicht hier, um einem Kerl auf die fein gefältelte weißseidene Hemdbrust zu starren. Dio Mio, no.

 

Clara Contarini, geborene Hummel, sieht in figurbetont geschnittenem cremefarbenem Satin und Chiffon, die ihre Milchschokoladenhaut perfekt zur Geltung bringen, einfach spektakulär aus. Dennoch bin ich der Ansicht, dass an diesem Abend hier im Castellino Sciopoli eine andere Frau anwesend ist, die meine Aufmerksamkeit noch mehr verdient als die glückliche Braut. Ich werde sie verführen, das habe ich mir bereits vor Monaten geschworen und mein Entschluss ist seither vielleicht gereift, aber niemals verschwunden. Alles, was ich dazu brauche, ist der passende Moment.

 

Mit einem Lächeln nehme ich ein Glas Champagner vom Tablett eines livrierten Kellners und begebe mich zur steinernen Balustrade, die den terrassenartigen Balkon des Schlösschens zum Garten hin abgrenzt. Die Lagune liegt weit unter mir, schwarzschillernd unter einem nachtblauen Himmel. Dort, wo fleckenweise orangefarbene und cremeweiße Lichter funkeln und sich im Wasser spiegeln, liegen die unzähligen Inseln, die meine Heimat sind.

 

Ich bin ein Kind Venedigs. Dies ist meine Stadt. Hier bin ich geboren, hier bin ich aufgewachsen. Hier habe ich Dinge gelernt und gesehen. Hier habe ich Kontakte geknüpft und Macht aufgebaut, bis ich ein Geschäft erbte, das ich nicht haben wollte. Die Gründe dafür sind vielfältig und nichts, worüber ich an diesem Abend nachdenken will. Es gibt solche, die mich hinter vorgehaltener Hand als König von Venedig bezeichnen. Sie wissen, ich bin der Mann, der in der Lagune die Fäden in der Hand hält. Die meisten Menschen, seien sie Einheimische oder Touristen, bekommen nur die Oberfläche zu Gesicht, das sich sanft kräuselnde Wasser, das gegen die Poller der Anlegestellen für die Gondolas und Wassertaxis plätschert. Niemand weiß, was sich unter der Oberfläche abspielt, in den dunklen, schmutzigen Tiefen der Lagune, wo Männer wie ich unsere Geschäfte abwickeln. Kaum jemand weiß, dass es hier Leute gibt, die mich als König bezeichnen. Ich berichtige diejenigen nie, die das sagen. Auch wenn ich selbst mich nicht als König sehe.

 

Ich bin der Principale.

 

Hinter mir kann ich hören, wie die Frau, nach der mein Körper giert, sich mit der Braut unterhält. Ihr helles Lachen schwingt sich in den Himmel, funkelt zusammen mit den blassen Sternen. Wann werde ich sie haben? Heute noch? Sie muss sich mir schenken. Ich nehme mir die Frauen, die ich will, aber nur, wenn sie sich mir freiwillig schenken. Alles andere schmeckt mir nicht. Ich wäre eine lausige Entschuldigung für einen Mann, wenn ich nicht dafür sorgen könnte, dass sie mir aus freien Stücken ihr Handgelenk in die Hand legt, um sich meiner Führung anzuvertrauen. Ich stelle mir den Hunger in ihren Augen vor, vermischt mit ein bisschen Nervosität, und werde hart. Zu lange schon habe ich meine Lust auf sie kultiviert. Aber gut Ding will Weile haben, um genährt zu werden und sich entfalten zu können.

 

Ich drehe mich um, lehne mich mit der Hüfte gegen die Balustrade und beobachte sie. Mein Blick gleitet über Clara, diese ruhige, elegante Frau mit der dunklen Haut, die in jeder Lebenslage die subtilen und weniger subtilen Zeichen der Unterwerfung durchblicken lässt. Jedenfalls für Männer wie mich, die wissen, worauf sie achten müssen. Neben ihr steht ihre Freundin, die das komplette Gegenteil ist. Als sie lachend mit einem Kellner flirtet, dem das Blut ins Gesicht schießt und der eilig weiterhastet, kneife ich die Augen zusammen. Clara sagt etwas, ich bin zu weit weg und kann es nicht verstehen. Sabine lacht, hinreißend, aber ein bisschen zu laut, macht eine wegwerfende Handbewegung, trinkt in vier großen Schlucken ihr Champagnerglas aus und zwinkert einen der Gäste an. Als der Mittfünfziger mit zurückgehender Haarpracht sich ganz zu ihr umwendet und die Flirtversuche erwidert, knickt sie in der Hüfte ein und zieht einen Schmollmund.

 

Warum tut sie das?

 

Ich bin ihr zweimal begegnet. Ich kenne ihre Haut, die zart aussieht, wie Seidentaft, der von einer frischen Brise gehoben und bewegt wird. Lebendig. Sie ist sehr blass, und ich habe mich schon bei unserer ersten Begegnung, lange bevor sie wusste, wen sie vor sich hat, gefragt, welche Farbe diese zarte Haut annehmen wird, wenn sie mir gehört. Wenn ich mit ihrem Körper und ihren Gedanken spiele. Wenn ich ihr jede Möglichkeit nehme, mir auszuweichen. Das war am Tessera Flughafen, in der Kaffeebar, nachdem Clara mich mit Macchiato übergossen hat.

 

Unser Wiedersehen an der Rezeption des Danieli Hotels hat mir ihre frische, ausgelassene Art und ihr freches Mundwerk gezeigt, ihre Unwilligkeit, klein beizugeben. Ob außer mir noch jemand erkennt, dass das alles Fassade ist? Ich habe ihre Seele gesehen. Das kleine, unsichere Licht tief am Grund ihrer Pupillen. Hat irgendjemand vor mir sie so genau angesehen?

 

Ich möchte wissen, was sie verbirgt. Warum sie zu laut lacht und verheirateten Männern schöne Augen macht. Wie es wirklich in ihr aussieht. Ich möchte herausfinden, was ihre Dämonen sind, und ich möchte diese Dämonen vertreiben. Ich will mit den Dingen, die ihr das Leben schwer machen, spielen, diese Dinge an die Oberfläche bringen und dann pulverisieren. Zum Dank dafür soll diese Frau vor mir auf den Knien liegen.

 

Ich wende mich zurück zum Garten und lausche. Ich weiß, wie sie aussieht, ich kenne den Klang ihrer Stimme. Darauf, sie weiter bei ihrem verzweifelten Kampf um die Aufmerksamkeit der Anwesenden zu beobachten, habe ich keine Lust. Es verärgert mich nur, dass sie es tut. Ich wende ihr und dem Brautpaar den Rücken zu. Vorhin standen wir nebeneinander, denn Sabine und ich waren die Trauzeugen bei der Zeremonie, in der Niccolo und Clara Mann und Frau wurden. Ich habe Sabine nicht angesehen, aber ich habe ihre Blicke auf mir gespürt. Ihr Interesse ist da, zweifellos. Es war schon im Café auf dem Flughafen da, schwirrte noch viel intensiver an der Rezeption des Danieli Hotels zwischen uns. Interesse muss genährt werden. Man nährt es nicht, indem man ihm nachgibt. Interesse nährt man, indem man es ignoriert und damit Neugier weckt. Zudem wollte ich wissen, was passiert, wenn jemand ihr nicht die Aufmerksamkeit schenkt, nach der sie lechzt. Vor allem jemand, den sie so offen und unverblümt will, wie sie mich will. Ich kenne die Zeichen. Ich könnte ihr geben, wonach es sie verlangt, aber damit würde ich es ihr zu leicht machen. Denn das, wonach es sie verlangt, ist nicht das, was sie wirklich braucht.

 

Es steht außer Frage, dass ich sie besitzen werde. Der Principale nimmt sich, was er haben will. So war es immer und in allen Dingen. Ich werde mit ihr keine Ausnahme machen. Sie wird sich mir schenken. Aber es wird meine Entscheidung sein, wann das geschieht.

 

"Kommst du?" Plötzlich steht Niccolo neben mir, dieser Mann, der seit frühester Kindheit einer meiner besten Freunde ist, auch wenn er nie in den Kreisen verkehrte, in denen ich den größten Teil meiner Zeit verbringe. Der letzte echte Freund, der mir geblieben ist.

 

Ich stelle das leere Champagnerglas auf der steinernen Brüstung ab und wende mich ihm zu. "Sicher."

 

Es ist Zeit. Eine Beziehung wie die, die Niccolo mit Clara führt, wird nicht damit zementiert, dass Braut und Bräutigam sich vor einem Priester oder einem Standesbeamten ewige Treue schwören und einander goldene Ringe an die Finger stecken. Eine solche Beziehung wird auf eine andere, viel ursprünglichere Art untermauert. Eine Art, bei der von den hier im Salon des Castellinos anwesenden Gästen nur einige sehr auserwählte dabei sein werden. Denn die meisten von ihnen würden schockiert reagieren, wenn sie Zeuge werden würden von einer Zeremonie, die sie nicht verstehen.

 

Ich beobachte, wie Clara Sabines Hand ergreift und sie mit sich zieht.

 

"Sie kommt auch?", frage ich Niccolo.

 

Er nickt. "Ihre Entscheidung."

 

"Glaubst du, dass das eine gute Idee ist?" Ich bin fest davon überzeugt, dass es für Sabine vollkommenes Neuland ist, aber vielleicht täusche ich mich auch. Dass ich weiß, was ich kann und was ich will, bedeutet nicht, dass ich unfehlbar bin. Es bedeutet, dass ich beobachte, abwäge und meine Vorgehensweise so anpasse, dass sie mich zum Ziel bringt. Menschen zu lesen, mit denen ich viel Zeit verbringe, ist relativ einfach, aber Menschen zu lesen, denen ich viel zu selten begegne, ist eine Herausforderung, die nicht immer ein korrektes Ergebnis liefert.

 

"Clara meint, ja."

 

"Seit wann richtest du dich danach, was deine Sumisa meint?" Ich muss grinsen, auch wenn ich tief drinnen die Befürchtung hege, dass Sabine sich die geheime Zeremonie nur ansehen will, um auf dieselbe Weise auf sich aufmerksam zu machen, wie sie es auch auf der Party tut. Andererseits, die Vorstellung, dass die Frau, die mir gehören wird, sich diese Zeremonie ansehen wird, treibt mir Hitze in die Glieder. Es wird meine Aufgabe um ein Vielfaches erleichtern, wenn sie weiß, worauf sie sich einlässt, sobald ich ihre Unterwerfung fordere.

 

"Vertrauen, mein Freund. Clara kennt Sabine seit vielen Jahren. Ich vertraue auf Claras Einschätzung." Er schlägt mir auf die Schulter, lässt seine Hand liegen und zieht mich zu den vier Meter hohen Glastüren, die vom Balkon zurück in den Salon führen. Ich beobachte die beiden Frauen, Clara in ihrem eng geschnittenen Brautkleid, Sabines Beine unter dem zinnoberroten Kleid, das in der Mitte ihrer Oberschenkel endet und ihren Hintern perfekt betont. Ein Effekt, den die hochhackigen strassbesetzten Sandalen noch intensivieren. Ihre platinblonden Locken sind zu einer aufregenden Frisur hochgesteckt, die eine winzige Tätowierung im Nacken durchblitzen lässt. An ihren Ohrläppchen funkeln Glitzersteinchen. Fünf oder sechs, in verschiedenen Farben, an jedem Ohr.

 

Wir durchqueren den Salon, den daran anschließenden Korridor, steigen eine riesige Freitreppe aus unlackiertem Mahagoni hinunter ins Parterre, dann über eine wesentlich schmalere Steintreppe weiter nach unten in den Keller des Anwesens. Ich kenne das Castellino gut. Ehe ich mir die Villa in den Bergen bei Treviso gekauft habe, fanden meine Partys hier statt, aber der zur Verfügung stehende Platz hat nicht mehr gereicht, weil die Feste immer opulenter wurden. Ein durch Holzpaneele verborgenes stählernes Tor steht einen Spalt offen. In dem abgedunkelten, nur von Kerzen erleuchteten Raum warten bereits zehn oder zwölf Personen, nahe Bekannte von Niccolo und mir. Die Hälfte der Anwesenden steht, die andere Hälfte kniet, und die Geschlechter sind auf beide Hälften verteilt. Ich nicke ein paar Männern zu. Schwere, rhythmische Musik schwingt durch den Raum, nicht laut, aber doch so, dass sie Aufmerksamkeit fordert. Das zischende Luftholen, das zu mir durchdringt, kommt von Sabine. Plötzlich steht sie allein, weil Clara von Niccolo in den scharf abgegrenzten Kreis gezogen wird, den ein Scheinwerfer in die Mitte des Raumes wirft. Sie wirkt für einen Augenblick verloren, orientierungslos. Doch sehr schnell fängt sie sich, verschränkt die Arme vor der Brust und drückt das Kreuz durch. Eine Haltung, die Trotz ausdrückt, eine Jetzt erst recht-Mentalität, sodass ich mich nur mit Mühe davon abhalten kann, missbilligend den Kopf zu schütteln.

 

Niccolo packt Clara im Nacken. Ich verschränke ebenso wie Sabine die Arme vor der Brust. Nicht, weil ich trotzig bin, sondern weil ich mich auf die bevorstehende Show freue und es mir bequem mache. Ich will genießen. Hinter mir fallen die stählernen Torflügel zu. Ich habe keine Augen für die Braut, die hier, vor diesen Menschen, ihrem Herrn Treue und Unterwerfung schwören wird. Ich sehe auf Sabine, die zusammenzuckt, als die Tür ins Schloss kracht. Es ist nur ein kleiner Moment, dann reißt sie sich erneut zusammen. Ich sehe, wie sie sich zwingt, ein kokettes Grinsen aufzusetzen, als würde das alles hier sie nicht sonderlich schockieren. Aber ihr Atem verrät sie. Ihre zinnoberrotseidene Brust hebt und senkt sich hektisch, während sie die Augen nicht von ihrer Freundin abwenden kann.

 

Ich kann hören, wie sie nach Luft schnappt, als das Brautkleid von Claras Schultern gleitet. Wie sie kichert, ein Augenblick, in dem sich ihre innere Anspannung entlädt. Dann ruft sie etwas. Auf Deutsch. Ich verstehe es nicht sofort. Als sich mir der Sinn ihrer Worte erschließt, weiß ich, dass ich eingreifen muss. Ihr zeigen muss, dass das hier alles andere als ein Spiel ist. Ich erwarte Respekt von ihr, selbst dann, wenn nicht ich es bin, der im Mittelpunkt der Veranstaltung steht. Wenn sie dabei sein wollte, hat sie sich unseren Gepflogenheiten zu fügen, so einfach ist das. Mit ihrem Verhalten tut sie niemandem hier einen Gefallen, am allerwenigsten sich selbst.

 

Mit zwei Schritten bin ich bei ihr. Der Duft nach Jasmin und Holunderblüten, der ihrem Haar entsteigt, streift mich. Sie reicht mir nur bis fast zum Kinn, eine kleine, zierliche, quirlige Frau mit einem frechen Mundwerk und messerscharfer Intelligenz. Eine wunderbare Herausforderung. Die Vorstellung, derjenige zu sein, der sie hier und an diesem Abend in die Schranken weist, erregt mich, das Gefühl summt vor Intensität. Ich neige mich ein wenig zu ihr.

 

"Willst du auch kosten?", frage ich, leise genug, dass nur sie mich hören kann, laut genug, dass ich weiß, sie hat mich gehört. Schauder rinnen unter ihrer blassen Haut entlang. Es ist mir Antwort genug.

 

"Dann leg die Handgelenke auf dem Rücken zusammen." Obwohl ich noch immer leise spreche, um niemanden von den anderen zu stören, sorge ich dafür, dass eine harte Kante in meine Stimme sickert. Meine Worte sind ein Befehl, und das soll sie wissen. Nicht nur hören, sondern fühlen. Sie sieht mich nicht an. Aber ihre Arme verdrehen sich, bis sich die Handgelenke im Rücken kreuzen. Ich muss lächeln. Dass sie meinem Befehl ohne jeden Versuch eines Widerspruchs Folge leistet, ist das erste Zeichen, das ich brauche. Viele weitere werden kommen. Meine Finger schmiegen sich um ihre zarten Unterarme. Ein kurzer Druck, es fühlt sich an, als könnte ich ihr allein mit der Kraft meiner Fingergelenke die Knochen brechen. Ich bemerke das Zittern ihrer Schultern. Aufregung und Nervosität. Genau die Mischung, die ich mir von ihr erhofft habe. Erträumt habe, in all den Stunden, die ich damit verbracht habe, an diese Frau zu denken. Auch durch meinen Körper rinnt ein Schauer, aber ich bin besser als Sabine darin geschult, ihn zu unterdrücken.

 

"Sieh hin", sage ich überflüssigerweise. "Sieh genau hin." Mein Daumen streift ihren Puls. „Sieh auf Clara. Hör auf, dich in den Vordergrund zu rücken, dann geschieht dir nichts. Sei folgsam." Sie wollte hier sein. Jetzt ist sie hier.

 

Und ich auch.

 

Wir sind angekommen.

 

*

 

Sabine

 

So lange ich denken kann, wohnt ein kleines Teufelchen auf meiner Schulter, das mir immer einflüstert, es sei Kinderkram, sich richtig zu benehmen. Dieses Teufelchen ist schuld daran, dass ich mir mit dreizehn, sehr zum Leidwesen meiner Eltern, den Bauchnabel habe piercen lassen und mit achtzehn, als ich keine Unterschrift mehr brauchte, meinen Nacken und Bauch tätowieren. Dieses Teufelchen ist schuld daran, dass ich schon immer der Meinung war, Flipflops sind das richtige Schuhwerk, ganz egal was die Außentemperaturen oder der Dresscode des Abends sagen, und dieses Teufelchen ist auch schuld daran, dass ich auf der ewigen Suche nach mir selbst, nach einigen Zwischenstopps rund um den Globus, in Venedig gelandet bin. Gefunden habe ich mich immer noch nicht, aber das interessiert das Teufelchen einen blinden Kehricht. Es hat mir einen Job als Kellnerin verschafft, in dem ich zumindest meinen Hang zur großen Klappe gut gebrauchen kann, um allzu forsche Anmache von betrunkenen Gästen abzuwehren.

 

Auch dieser Tage saß es auf meiner Schulter und hat aufgeregt Beifall geklatscht, als Clara mir von der Zeremonie erzählte. Nicht von der offiziellen. Ihre Hochzeit wurde bereits seit Monaten von einem ganzen Team an Wedding Planern akribisch geplant. Wenn Italiens begehrtester Junggeselle unter die Haube kommt, darf nichts dem Zufall überlassen sein. Das Teufelchen war begeistert von der anderen Zeremonie, von der, die hinter verschlossenen Türen stattfinden würde, im Keller des Castellos, um den armen unwissenden Gästen oben auf der Dinnerparty den Schock zu ersparen. Die, die ich meiner besten Freundin niemals im Leben zugetraut hätte. Wenn einer von uns beiden dazu prädestiniert war, Unsinn anzustellen und die Verwandten zu schockieren, dann war das immer ich.

 

Aber gut, Zeiten ändern sich, und so stehe ich am Rand einer improvisierten Bühne im Keller eines Renaissanceschlösschens irgendwo zwischen Treviso und Venedig und blicke fasziniert auf Clara, die, auf ein Kopfnicken von Niccolo hin, ihr Brautkleid von den Schultern streift und mit einem Mal nur noch in einem aufwändig gearbeiteten, champagnerfarbenen Spitzenkorsett und seidigen Stapsstrümpfen vor ihm steht. Vor ihm und den anwesenden Gästen. Sie sieht sensationell aus, das muss ich zugeben, die Farbe des Korsetts auf ihrer Haut wirkt wie auf einem Gemälde. Sie hält den Kopf tief gesenkt, in einer Geste bewundernder Unterwerfung. Mein Herz puckert, ich spüre das Flattern meines Atems und ziehe zischend die Luft ein. Wie würde sich das anfühlen?

 

Doch dann steigt ein Kichern über das Schauspiel in meine Kehle. Das ist so nicht die Clara, die ich kenne. „Hey, du hast dein Höschen vergessen", rufe ich ihr zu, immer noch kichernd. Außer mir findet das offenbar niemand lustig. Niemand lacht. Ganz im Gegenteil. Ich spüre missbilligende Blicke in meinem Rücken und winde mich innerlich. Über Witze soll doch gelacht werden, oder? Himmel, das ist so eine steife Veranstaltung hier …

 

In eben diesem Moment wird mir überdeutlich bewusst, wie eine fremde Hand meine Handgelenke im Rücken umschließt. Erst danach sinken die Worte in mein Bewusstsein, die mich dazu bewegt haben, meine Arme überhaupt im Rücken zusammenzulegen. Hat er das wirklich verlangt? Schlimmer, hab ich es wirklich getan? Die Finger um meine Gelenke sind warm und fühlen sich verdammt stark an. Ich erstarre, wage nicht den Kopf zu drehen. Aus dem Augenwinkel erkenne ich ihn dennoch. Tizian di Maggio. Ich kenne ihn flüchtig, kenne seinen Namen, habe ihn zweimal getroffen. Von wegen, Venedig ist ein Dorf. Ich hätte sonst was darum gegeben, ihn öfter zu treffen, diesen Kerl, dessen Anblick mir den Herzschlag in die Kehle treibt. Er ist Niccolos bester Freund und der Hauptdarsteller meiner feuchten Träume, seit ich ihm das erste Mal begegnet bin.

 

Ich habe seine Aufforderung, meine Handgelenke im Rücken zu kreuzen, nicht realisiert bis zu dem Moment, als ich sie bereits ausgeführt hatte. Doch jetzt … zum Herzschlag in meiner Kehle gesellt sich die Ahnung eines nervösen Kicherns. Vielleicht ist das ja der perfekte Weg, ihm endlich nahezukommen. Er ist fällig. Zu lang schon habe ich mich bloß mit Fantasien begnügt.

 

Sein Griff brennt sich in meine Haut, als er den Druck verstärkt. Ich fühle seinen Atem an meinem Ohr, heiß, gefährlich.

 

„Silenzio." Ein Wort nur, doch sein Tadel ist so scharf, dass mein Herz einen Schlag aussetzt. So schnell, wie es mir eben in die Kehle gehüpft ist, so schnell macht es sich jetzt per Kopfsprung auf den Weg in meine Knie, die sich schlagartig in Gelee verwandeln.

 

„Das ist ihr Moment. Es geht hier nicht um dich."

 

Bei aller Träumerei, die mich an diesen Mann bindet, geht er jetzt doch ein bisschen weit. Ich mag es nicht, getadelt zu werden. Was soll das? Das hier ist ein Spiel. Ein bisschen Kink. Wenn Clara und Niccolo denken, sie haben es nötig, sollen sie es doch machen. Keine große Sache. Wer hat nicht schon mal ein bisschen mit Fesseln gespielt, oder sich beim Sex die Augen verbinden lassen? Das heißt noch lange nicht, dass wir Umstehenden nicht auch unseren Spaß haben dürfen. Ich rucke an meinen Händen, doch sein Griff lässt nicht nach. Er macht gar nichts, um genau zu sein. Hält mich nur fest, sein Körper eine warme, feste Wand hinter mir, die eine Präsenz ausstrahlt, die mich schwindlig zu machen droht. Auch gut. Wenn es ihm was gibt, soll er halt ein bisschen mit seinem Testosteronüberschuss prahlen. Sind doch nur ein paar Minuten.

 

Ich gebe auf und richte meinen Blick wieder zu Clara und Niccolo. Mittlerweile kniet sie vor ihm. Die Schenkel weit gespreizt, den Kopf immer noch gesenkt, die Hände, mit den Handflächen nach oben, ruhig auf ihren Oberschenkeln. Ich weiß nicht wieso, aber irgendwas an dieser Szene lässt mich meine Wut vergessen. Vielleicht ist es die Art, wie Niccolo mit den Fingerspitzen Clara über die Wange streicht, eine Zärtlichkeit im Blick, wie ich sie noch nie zuvor an ihm oder einem anderen Mann beobachtet habe. Vielleicht ist es aber auch die Anwesenheit von Tizian di Maggio in meinem Rücken, denn plötzlich spüre ich neben Belustigung und Unglauben noch etwas anderes. Neid. Ich will das auch. Meine Nervenenden vibrieren, ich fühle, wie mir Hitze in die Wangen steigt. Einmal nur in meinem Leben möchte ich auch so angesehen, so berührt werden, wie Clara in diesem Moment von ihrem Bräutigam.

 

Mich haben viele Männer angefasst, das ist kein Geheimnis, und ich denke auch nicht, dass es etwas ist, wofür ich mich schämen muss. Ich mag Sex und ich bin gut darin. Warum das so ist, daran will ich nicht denken. Die meisten Männer sind wahnsinnig leicht zu durchschauen. Was spricht dagegen, dass ich mitnehme, was sich mir bietet? Warum soll eine Frau das nicht genauso dürfen wie ein Mann? Bei Männern kümmert sich auch niemand darum, ob es okay ist, was sie machen. Ob die brave Ehefrau zuhause sich die Augen ausheult, weil der liebe Gatte die blutjunge Sekretärin mit den straffen Beinen vögelt, oder ob die Geliebte mit dem Gedanken spielt, sich von der nächsten Brücke zu stürzen, weil ihr Kerl sich nicht binden möchte. Liebe ist für Schwächlinge. Beim Sex geht es um etwas ganz anderes, da geht es um Macht, und ich habe genug erlebt in meinem Leben, um nicht mehr zu den Verlieren bei diesem Spielchen gehören zu wollen.

 

Ich entspanne meine Hände, lehnte mich an den starken Mann in meinem Rücken. Ich lasse meine Hüften schwingen dabei, reibe wie zufällig mit dem Hintern über seinen Schritt, wo eine Erektion zeigt, dass ich schon fast am Ziel bin. Um nicht zu forsch zu wirken, lege ich den Kopf ein wenig zur Seite, entblöße meine Kehle. Wetten, dass er nicht begreifen wird, dass alles nur ein Spiel ist? Ich warte darauf, dass er noch näher kommt, seine Erektion an meinem Hintern reibt, merke, wie ein erster Funken Vorfreude durch meinen Körper zittert.

 

Er tut es nicht. Stattdessen tritt er zurück. Gerade so weit, um meiner Berührung auszuweichen. Was?

 

Scham explodiert in meiner Brust, vermischt sich mit Zorn. Diesmal mit mehr Nachdruck, versuche ich meine Hände zu befreien, aber er gibt keinen Deut nach. Verdammt noch mal. Was genau will der Kerl von mir? Er weist mich zurück und überschüttet mich gleichzeitig mit seiner überbordenden Maskulinität? Was soll ich denn mit dieser Information anfangen? Will er, oder will er nicht? Ich bin keine Puppe, du verdammter Spieler, denke ich grimmig. Ich beiße mir auf die Unterlippe, senke den Kopf. Nicht im Schauspiel, nicht so wie gerade, sondern weil ich nicht dafür garantieren kann, dass er nicht Tränen in meinen Augenwinkeln glitzern sehen würde, wenn ich das Gesicht weiter hoch gehalten hätte. Was soll das?

 

Der Boden unter meinen Füßen scheint plötzlich zu schwanken. Ich bin es nicht gewohnt, zurückgewiesen zu werden. Nicht, dass ich so unwiderstehlich wäre, aber Männer sind nun einmal Männer. Wenn man ihnen ein unkompliziertes Schäferstündchen in Aussicht stellt, sagen die wenigsten nein. Jeder Mensch braucht Verlässlichkeiten in seinem Leben, und auf diese eine Tatsache konnte ich mich bisher immer verlassen. Ich mag das Gefühl nicht, auf unsicherem Grund zu stehen, kann nichts dagegen tun, dass mein Atem sich beschleunigt, dass es mir mit jedem Atemzug schwerer fällt, ruhig zu stehen und seinen eisenharten Griff zu ertragen. Ich mag Klarheit. Eindeutige Signale. Ja oder nein? Schwarz oder weiß. Aber dieser Mann … meine Gedanken driften ab. Was hat er gesagt? Sieh hin, sieh auf Clara. Okay, wenn es ihn glücklich macht.

 

Aus den Augenwinkeln beobachte ich das Brautpaar auf der Bühne. Niccolo legt seine Hand flach an Claras Wange, streichelt sie. Wenn es zuvor schon still im Saal war, könnte man jetzt eine Amöbe pfurzen hören. Obwohl er nicht sonderlich laut spricht, hört man die Liebe in Niccolos Stimme, als er jetzt das Wort an seine Braut richtet.

 

„Ich Niccolo, verspreche, dich, Clara, zu lieben und zu führen, zu halten und zu fordern, so lange ich lebe. Wo ich bin, da sollst du sicher sein, mein Wille soll dich führen und dir helfen, über dich hinauszuwachsen. Niemals will ich etwas tun, das dir schadet, niemals will ich vergessen, dass du es bist, die mich zu dem Mann macht, der ich sein will. Ich werde deine Hingabe ehren und deine Liebe schätzen. Von jetzt bis zum Tag meines Todes." Er macht eine kleine Atempause, langt in die Innentasche seiner Smokingjacke und angelt daraus ein ledernes Band, das er Clara um den Hals legt. So eng, dass sich das breite Band an ihre Haut schmiegt. Ist das ein Ring in dem Band? Für eine Kette? Ist der Kerl vollkommen verrückt? Und Clara lässt das einfach zu.

 

Plötzlich spüre ich eine Hand von Tizian di Maggio an meinem Nacken. Gleichzeitig verhärtet sich sein Griff um meine Handgelenke noch weiter. Die Fingerspitzen an meinem Nacken streichen die einzelnen Locken zurück, die sich aus meiner höchst unkomfortablen Hochsteckfrisur gelöst haben, und legen sich gegen die Stelle, wo mein Hals in meine Schulter übergeht. Er braucht nichts zu sagen. Ich kann selbst spüren, wie mein Puls gegen seine Finger donnert. Heilige …

 

Niccolos Worte unterbrechen meine Gedanken erneut. „Trage dieses Band als Zeichen meiner Liebe und Führung über dich." Obwohl seine Bewegungen sicher scheinen, erkenne ich, dass seine Finger zittern, als er ein kleines Schloss durch die Ösen am Halsband führt und es verschließt. Im Licht der tausenden von Kerzen glänzen Claras Augen feucht. Ihre Hand zuckt, wohl um das Schloss zu befühlen, aber sie hält in der Bewegung inne, sieht fragend zu Niccolo auf. Erst als er ihr mit einem Nicken die Erlaubnis erteilt, tastet sie über das Halsband, die Öse und das Schloss. In der Kirche war sie eine strahlende Braut. Jetzt rinnen ihr Tränen über die Wangen. Die Ruhe und das Glück, die von ihr abstrahlen, bringen den Boden noch weiter zum Schwanken. Vor mir steht eine Frau, die ihren Platz im Leben gefunden hat. Sie ist nicht auf die Reise gegangen, ist nicht von einem Ort zum anderen getingelt, um Glück zu finden. Es ist ihr einfach in den Schoß gefallen, als sie sich den Möglichkeiten öffnete, die sich ihr boten. Weil sie sich nicht verschloss vor neuen Erfahrungen. Vielleicht ist das ihr Geheimnis. Offenheit. Wo zuvor mein Neid noch ein leise nagendes Gefühl gewesen war, herrscht jetzt ein mächtiges Brennen, direkt hinter meiner Brust. Sie muss sich räuspern, bevor sie sich an Niccolo wendet.

 

„Ich, Clara, nehme dich, Niccolo, als meinen Mann und Padrone. Durch deinen Willen will ich wachsen, ich will in meinem Bestreben, dir alles zu geben, was du dir wünschst, deinem Urteil vertrauen und nicht davor zurückschrecken, neue Wege mit dir zu gehen. Mit jedem weiteren Schritt soll meine Liebe für dich wachsen, denn ich weiß, dass du nur mein Bestes willst, dass ich sicher bin, wo immer du bist, dass du mein Herz in deinen Händen hältst, so wie ich das deine in meinen. Als Zeichen unserer Liebe und Verbundenheit will ich dein Band tragen, so lange ich lebe, damit jeder, der es sieht, weiß, dass ich dir gehöre. Dir ganz allein."

 

Die Eheversprechen dieser beiden hallen in meinen Gedanken nach. Das ist kein Spiel, wird mir klar. Es ist etwas anderes, größeres. Etwas, das ich nicht begreife, weil in meiner Welt dafür nie Platz gewesen ist. Ich wünschte, ich fände zumindest ein Wort dafür, dass ich es aussprechen und wenigstens den Klang auf meinen Lippen kosten könnte.

 

*

 

Tizian

 

Als Niccolo mit den Augen nach mir sucht und unsere Blicke sich kreuzen, schüttele ich kaum merklich den Kopf. Heute nicht, antworte ich ihm wortlos auf die Frage, ob ich ihm zur Hand gehen möchte. Wir haben es schon oft getan, und ich liebe es ebenso wie er, wenn Clara unter unserer beider Hände schmilzt wie warmer Honig. Doch nicht heute, bedeute ich ihm mit einem Blick, ich habe alle Hände voll zu tun, wie du siehst. Ein winziges Lächeln umspielt seinen linken Mundwinkel. Er beugt sich zu seiner Sumisa hinunter, vergräbt eine Hand in ihrem Haaransatz im Nacken und redet leise auf sie ein. So leise, dass niemand außer ihr ihn hören kann.

 

Unter meinen Fingern zucken Sabines Handgelenke, aber ich lasse nicht locker. Clara auf der Bühne erschaudert, in ihre Augen, die auf das Gesicht ihres Masters geheftet sind, tritt ein Flehen, das er mit einem halb bedauernden Lächeln und einem Kopfschütteln beantwortet. Nur einen Finger hebt er, um unter die Decke des Raumes zu weisen, wo direkt über Clara eine Spreizstange an einem dort in den Balken eingelassenen Ring befestigt ist und ganz sacht schaukelt. Ich sehe, wie die Haut ihrer Wangen sich noch weiter verdunkelt. Eines der Dinge, die an Clara so faszinieren und herausfordern, ist, dass man kaum erkennen kann, wenn sie errötet. Ihre Haut ist so dunkel. Als ihr Padrone muss man sie noch genauer beobachten, jede noch so feine Nuance beachten. Wie ihr Atem sich beschleunigt, ihre Augen sich verschleiern. Sich nur auf ihre Gesichtsfarbe zu verlassen, kann bedeuten, dass man sie im Stich lässt.

 

Sabine drängt rückwärts, ruckt mit ihren Handgelenken unter meinem Griff. Ich packe fester zu und bringe meinen Mund an ihr Ohr. "Du wolltest hier sein", raune ich kalt. "Soweit ich weiß, war es deine Entscheidung. Jetzt wirst du still halten und es dir ansehen."