Kapitel 1

 

 

 

Sophia

 

 

 

Kalter Wind von draußen streicht um meine Beine, als die Eingangstür schwungvoll geöffnet wird.

 

„Ich bin’s!“ Die Tür fällt zurück, krachend schlägt das Blatt zu.

 

Nur eine schneit auf diese Weise ins Restaurant. Es ist Erica. Ende Zwanzig, alleinstehende Mutter eines dreijährigen Sohnes. Die Frau mit dem ewigen Lächeln in der Stimme. Ein Tag, an dem Erica mit mir zusammen den Betrieb schmeißt, wird ein guter Tag.

 

Ein leiser Luftzug streift mich, als sie ihren Schal ablegt und sich mit einem Bibbern neben mich an die Kasse stellt.

 

„Kalt geworden“, sagt sie. „Herbst. Dort draußen ist die reinste Nebelsuppe. Gib dem Jahr noch drei Wochen, und die Vollidioten auf ihren Motorrädern rauschen wieder im Sturzflug vorbei, weil sie nicht kapieren, dass Feuchtigkeit die Straßen glatt macht.“ Ihre Lippen berühren meine Wange. „Hey, Süße, wie geht es dir heute?“

 

„Prima.“ Ich grinse, ohne den Kopf zu heben. Meine Fingerspitzen tasten über den Ausdruck, den ich aus dem Drucker gezogen habe. Die Umsätze der vergangenen drei Tage. Ich kann auf Ericas Geschnatter lauschen und gleichzeitig im Kopf die Zahlen addieren. Kein Problem, moderne Technik sei Dank.

 

„Riecht gut“, sagt sie, von mir abgewandt. Schätzungsweise steckt sie den Kopf in die Durchreiche zur Küche. Meine Ausdrucke riechen trotz Spezialdrucker nämlich nur nach Papier und Druckerschwärze.

 

Ich höre, wie sie ihren Mantel an die Garderobe neben dem Durchgang zu den Toiletten aufhängt.

 

„Maciej macht Zur“, erwidere ich, ohne meine Aufmerksamkeit von den Zahlen zu nehmen. Allein dabei, den Namen des Eintopfs auszusprechen, läuft mir Wasser im Mund zusammen. „Da fällt mir ein, hast du den Mann draußen schon gesehen oder ist er noch nicht da?“

 

„Dein Obdachloser?“

 

Der Mann ist nicht mein Obdachloser. Er ist ein Fremder, der vor ein paar Wochen hier in der Gegend aufgetaucht ist. Seinen Namen weiß ich nicht, aber ich habe mich an seine Anwesenheit vor unserem Restaurant gewöhnt. Erica behauptet, er trägt zerschlissene Jeans, einen an den Ellenbogen durchgeriebenen grauen Pullover und keine Jacke. Sie meint, wenn der Winter kommt, wird er entweder von selber wieder verschwinden, oder erfrieren.

 

„Sitzt draußen.“

 

Mit einem leisen Reiben in den Scharnieren schwingt die Tür zur Küche hinter Erica zu. Ich lege meinen Ausdruck ins Regal und folge ihr. Sie verliert keine Zeit, Maciej zu begrüßen und sofort nach allen Regeln der Kunst mit ihm zu flirten.

 

Maciej ist noch nicht lange bei uns. Er ist im vergangenen Frühling aus Krakau gekommen und wartet immer noch auf seine Green Card. Aber mein Vater gibt ihm alle Unterstützung, die er braucht. Erica meint, er sei süß. Maciej natürlich, nicht mein Vater. Ich weiß davon nichts. Er ist nett, hat eine schöne Stimme und gibt sich große Mühe, Englisch zu sprechen. Er riecht gut, nach frisch gebackenem Brot und ein bisschen nach Kümmel, meistens jedenfalls. Wenn er nach der Schicht aus der Dusche kommt, riecht er übertrieben nach Aftershave und sitzt meistens noch so lange an der Theke herum, bis der letzte Gast gegangen ist. Zumindest immer dann, wenn ich im Restaurant bin. Er ist sieben Jahre älter als ich und hat mir schon mehr als einmal gesagt, dass er mich auf Händen tragen würde.

 

Das Problem ist, ich will keinen Mann, der mich auf Händen trägt. Wenn überhaupt, dann will ich einen Mann, mit dem ich die Sterne sehen kann.

 

Erica meint, eine Frau kann es schlimmer treffen als mit Maciej, und soweit es mich betrifft, kann sie ihn haben. Die Art, wie er mit mir spricht und sich in meiner Gegenwart gibt, erinnert mich zu sehr an Robert, und jemand, der mich an Robert erinnert, hat sofort schlechte Karten. Zum Glück scheint Maciej in letzter Zeit mir gegenüber ein wenig abzukühlen. Vielleicht ist es aber auch der Herbst. Die kühlere Luft und alles.

 

Als Maciej Erica von der Suppe probieren lässt, lacht sie. Ich freue mich für sie. Sie nennt ihn Mattie und amüsiert sich über seinen Akzent.

 

Schon heute Vormittag habe ich ein Brot gebacken, das fast so rund geformt ist wie ein Ball. Gut, die Kruste ist nicht mehr heiß. Erica zieht zischend die Luft ein, als ich das Brotmesser nehme, den Laib vor meinen Bauch halte und die oberste Schicht wie einen Deckel abschneide.

 

„Eines Tages landet so ein Messer in deinem Bauch“, sagt sie.

 

„Sie hat Recht, weißt du.“ Maciej steht neben uns.

 

Ich ignoriere beide und höhle mit den Fingern den Brotlaib aus. Ab und zu stecke ich mir Fetzen des noch warmen Inneren in den Mund, das hält erfolgreich eine bissige Antwort zurück. Ich mag dieses Überfürsorgliche nicht, mit dem die Menschen in meiner Umgebung mich behandeln. Sicher, meine Selbstständigkeit hat Grenzen. Die kenne ich und habe sie schon lange akzeptiert. Ich weiß auch, dass eine liebende Familie und ein sympathisches Umfeld Dinge sind, für die man dankbar sein sollte, denn sie sind keine Selbstverständlichkeit. Aber einen Brotlaib aufschneiden kann ich sehr gut allein. Danke auch.

 

„Gib her“, sagt Maciej. „Ich füll dir den.“

 

Das ist auch ein Grund, warum ich von ihm ganz sicher nicht auf Händen getragen werden will. Was immer er für mich macht, fühlt sich an, als würde er es tun, um sich selbst größer vorzukommen. Der ehrbare Ritter, der der gebeutelten Jungfrau zur Hilfe eilt. Das kann ich nicht gebrauchen, es ist sogar noch schlimmer als Robert. Aber weil ich Maciej trotz allem mag und nicht vor den Kopf stoßen will, überlasse ich ihm kampflos das Brot.

 

Erica lehnt sich auf die kühle Arbeitsplatte aus Edelstahl. An der Richtung ihres Seufzers erkenne ich, dass es der Koch ist, den sie anseufzt. Doch ihre Worte gelten mir und dem Mann, der draußen an der Straße sitzt. „Wenn du so weitermachst, ruinierst du den Laden für den Kerl. Solche wie der haben es doch immer sich selbst zuzuschreiben.“

 

„Übertreib nicht. Er kriegt eine Schale Suppe.“

 

„Nein, er hat gestern eine Schale bekommen. Und vorgestern. Und die ganze vergangene Woche, jeden Tag. Heute bekommt er einen Brotlaib voll Suppe. Und wenn du nicht den Laden ruinierst, dann dich. Wann warst du gestern im Bett, und wie früh bist du heute aufgestanden?“

 

„Meine Uhr geht anders als deine.“ Ich kann die Zeiger meiner Uhr erfühlen oder mir mit einem Tastendruck auf mein Handy die Uhrzeit ansagen lassen, aber die Bedeutung ist nicht dieselbe wie die von Tageslicht. Manchmal liege ich die ganze Nacht wach und lausche auf die Stille vor den Fenstern. Ich mag die Nacht mit ihren Geräuschen. Wenn alles ruhiger ist. Gedämpft. Meistens schickt meine Mom mich nach solchen durchwachten Nächten noch vor dem Eintreffen der ersten Gäste, die in unserem polnischen Spezialitätenrestaurant essen wollen, nach oben, weil ich dann vor Müdigkeit nicht funktioniere.

 

Erneut seufzt Erica. Maciej nähert sich, dann fühle ich den Brotlaib, der wie eine Schüssel die Suppe birgt, an meinen Fingern. Ich lege den abgeschnittenen Deckel obenauf. Erica drückt mir einen Löffel in die Hand, und ich lächle sie an.

 

„Danke. Gießt du die Blumen im Restaurant? Ich bin noch nicht dazu gekommen.“

 

Maciej hält die Schwingtür für uns auf. Erica folgt mir in den Gastraum, während der Koch an seinen Herd zurückkehrt.

 

„Klar, kein Problem. Wo ist eigentlich deine Mom?“

 

Erica hatte am vergangenen Abend frei. Deshalb hat sie die kurzfristige Entscheidung meiner Eltern nicht mitbekommen. „Oh, sie packen.“ Den Weg zwischen den Tischen und Stühlen hindurch kenne ich seit vielen Jahren. Kein einziges Mal stoße ich an. Die Wärme des Suppenbrotlaibs durchdringt meine Handflächen. „Sie verreisen für zwei Wochen in die Berge.“

 

„Echt? So plötzlich?“ Ich kann ihr die Verblüffung nicht verübeln. Meine Eltern fliegen alle Jubeljahre mal nach Polen, mehr nicht. Das Restaurant ist ihr Leben. Außerdem ist für mehr als einen Urlaub alle drei oder vier Jahre auch gar kein Geld da. „Warum?“

 

„Sie vermuten, dass es hier in den nächsten Tagen unerträglich laut wird. Gestern Abend waren zum ersten Mal Filmleute im Restaurant, und auf der Straße fahren ständig riesige Laster vorbei.“ Normalerweise liegt das Restaurant sehr ruhig, aber im Park zwischen unserer Straße und dem Hyde Street Pier wird ein Filmset aufgebaut. Teile eines Hollywood-Blockbusters sollen gedreht werden. Meine Mutter ist total nervös, seit wir davon erfahren haben, und gestern Abend hat sie regelrecht hyperventiliert. Nicht nur wegen des Dauerstresses auf der Straße. Auch nicht, weil Mama der größte lebende Fan der Mutter des Hauptdarstellers ist. Noch schlimmer war, dass acht Mann vom Set kurz vor Küchenschluss unangemeldet ins Restaurant gestürmt sind und uns fast die Haare vom Kopf gefressen haben. So hat es jedenfalls Tata ausgedrückt. Auf Polnisch, versteht sich, man weiß nie, wer zuhört.

 

„Stimmt ja.“ Die Gießkanne klappert, dann läuft Wasser. „Der neue Film mit Brayden Ellis.“ In ihrer Stimme vibriert Aufregung, als sie den Namen ausspricht. „Meinst du, der kommt auch mal hier rein? Ich kann gar nicht glauben, dass Brayden Ellis wirklich hier bei uns ist. Ganz in der Nähe, nur ein paar Schritte entfernt. Stell dir vor, vielleicht geht er über dieselben Pflastersteine, über die auch wir jeden Tag gehen. Atmet dieselbe Luft.“ Wenn man Erica zuhört, könnte man meinen, sie spricht von einem höheren Wesen, nicht von einem Mann aus Fleisch und Blut.

 

„Wenn das so abläuft wie gestern Abend, kann ich verzichten. Das war Chaos pur.“

 

„Und deine Eltern verschwinden einfach und halsen dir das alles auf? Auch nicht nett.“

 

„Ich habe den Vorschlag gemacht, dass sie wegfahren sollen. Das Theater hier ist nicht gut für Mamas Blutdruck.“

 

„Du bist aber mutig. Hey, und was ist mit deiner Operation? Wollten sie da nicht dabeisein?“

 

Wie angeschossen bleibe ich stehen. Die Operation ... Erica missversteht meinen abrupten Stopp und ruft: „Warte, Süße, ich mach dir die Tür auf.“

 

„Das geht schon.“ Meine Worte klingen ruppiger, als sie gemeint sind, aber die Erwähnung der Operation hat mich aus dem Takt gebracht. Einen Augenblick lang verliere ich die Orientierung. „Bis ... bis dahin sind sie wieder hier.“ Es gibt ja noch nicht mal einen Termin für den Eingriff. Nur Gespräche mit Dr. Fuller, dem Augenspezialisten am Stanford Medical Center. Das Echo meiner Stimme sagt mir, wo ich mich befinde. Mama, Tata, Erica, sie alle behaupten, es gibt hier drin kein Echo. Sie hören es nur nicht. Für mich ist es so klar wie der Klang von splitterndem Glas.

 

Die letzten Schritte zur Tür schaffe ich problemlos. Mit dem Ellenbogen drücke ich die Klinke hinunter.

 

Das Vorbeiklappern eines Trucks auf der Straße macht mich fast taub, aber ich reiße mich zusammen.

 

Der Mann steht immer rechts von der Tür, zwischen dem vierten und dem fünften Sprossenfenster. Der Truck fährt weiter. Die Bremsen quietschen entfernt.

 

„Sind Sie da?“, frage ich.

 

„Wie immer.“ In seiner Stimme liegt ein dankbares Lächeln. „Sie sollten hier mal langtasten, wenn ich nicht da bin. Ich wette, Sie könnten eine Mulde in den Pflastersteinen erfühlen, die niemand sonst bemerkt.“

 

Ich erwidere sein Lächeln und drücke ihm den Brotlaib in die Hand. „Diese Schüssel brauchen Sie nicht zurückgeben“, sage ich. „Die ist essbar.“

 

„Wow“, erwidert er ehrlich beeindruckt. „Ist das, weil ich gestern die Gurkensuppe nicht ausgelöffelt habe?“

 

„Haben Sie nicht? Hat es nicht geschmeckt?“

 

„Gewöhnungsbedürftig. Aber vor allem war ich pappsatt von dem Eintopf vorgestern. Sie mästen mich.“

 

„Wenn der Winter kommt, werden Sie die Energie brauchen.“

 

„Schade, dass man diesen tollen Brotlaib nicht aufbewahren kann.“

 

„Lassen Sie es sich schmecken.“ Stimmen klingen vom Park herüber, an dessen Ende sich der Pier anschließt. Gejohle. Darüber die ordnenden Rufe von Polizisten. Ich seufze. Meine Eltern tun genau das Richtige, wenn sie dem hier entfliehen.

 

„Das ist lecker“, sagt der Mann, dessen Namen ich nicht kenne. „Was ist das?“

 

„Zur. Unsere polnische Nationalsuppe.“

 

„Es gibt Länder mit einer Nationalsuppe? Im Brot?“

 

„Amerika hat auch ein Nationalgericht in Brot“, erinnere ich ihn.

 

„Cheeseburger.“ Wir lachen gemeinsam.

 

„Seit ich Sie kenne, glaube ich an Engel, wissen Sie das?“, fragt er mit vollem Mund. Wie muss das sein, ohne Dach über dem Kopf zu leben? Mein Zuhause ist sicher, liebend und voller Wärme. Ich habe ihn noch nie nach seiner Geschichte gefragt. Wenn er sie mir erzählen will, wird er das eines Tages von sich aus tun.

 

Die Stimmen vom Pier her werden lauter. Ein Motor heult auf, Reifen quietschen.

 

„Sie gehen besser wieder rein“, sagt er. „Das sind Rowdys auf vier Rädern, da bei den Filmleuten. Denken, ihnen gehört die Welt. Wäre nicht schön, wenn Ihnen w...“ Der Rest geht im Geheul eines schnell näherkommenden Wagens unter. Ich spüre den Luftzug, als das Auto vorbeirast. Verflucht, wo ist die anheimelnde Stille dieses Stadtviertels? Stimmen folgen dem Auto, Menschen, Geschrei, das Rennen unzähliger Füße. Was ist das hier?

 

Ich will die Frage laut stellen, denn ich habe vollkommen die Übersicht verloren. Noch während ich denke, dass hoffentlich niemand dem Mann die Suppe aus der Hand rempelt, bin ich es, die über den Haufen gerannt wird.

 

Stürze passieren, man gewöhnt sich daran, ich habe mir abgewöhnt, dabei einen Laut von mir zu geben. Mit beiden Händen fange ich mich auf den Pflastersteinen ab, aber dann reißt der Verschluss meiner Gürteltasche. Mit unwillkommener Verzweiflung - ich hasse es, wenn meine Unvollkommenheit mich zum Opfer macht - lausche ich darauf, wie die kleinen Dinge, die meinen Alltag im Restaurant bestimmen, über die Straße rollen. Lippenbalsam, Kugelschreiber, ein Blöckchen Papier, die kleine Blechdose, in der ich zwei Tampons aufbewahre. Mein Mobiltelefon. Großartig. Die Hülle springt auf, und das Innenleben des Geräts verteilt sich auf den Pflastersteinen.

 

„Verdammter Idiot“, entweicht es mir. Es ist blödsinnig, ich weiß nicht mal, wer oder was mich umgerannt hat, aber mein Frust braucht ein Ventil.

 

Eine Hand berührt mich an der Schulter. „Ich sammel das ein“, sagt der Obdachlose. „Treten Sie nicht unters Fenster, da steht die Suppe, wäre schade drum. Geben Sie mir einen Moment.“ Durch das Stimmengewirr, das überall um mich herum zu sein scheint, ist er kaum zu hören. Dennoch klammere ich mich an seine Worte wie an einen Strohhalm. Ich komme auf die Knie und taste über das Straßenpflaster. Meine Finger schließen sich um den Lippenbalsam.

 

„Menschen, die sehen können, machen immer wieder einen großen Fehler“, murmelt er. Einige seiner Worte werden von den Pflastersteinen reflektiert, andere verfliegen um uns herum. Seine Stimme verrät mir, dass er abwechselnd zu Boden blickt, um meine Schätze aufzuheben, und dann nach oben, um zu sehen, ob noch jemand in mich reinzulaufen droht. „Sie schauen nie hin.“

 

„Hey.“ Das ist eine andere Stimme. Eine, die ich nicht kenne und die mir dennoch bekannt vorkommt. Atemlos klingt diese Stimme, als sei ihr Besitzer gerannt. Ein Mann, und gemessen daran, von wie weit oben er spricht, ein hochgewachsener Mann. „Alles in Ordnung? Das wollte ich nicht.“ Es ist der Mann, der mich umgerannt hat. Der Mann, wegen dem ich am Boden hocke und mich an den blöden Lippenbalsam klammere wie an einen Rettungsring. Ich sollte ihn angehen wie eine Furie. Doch alles, was ich tun kann, ist, ihm das Gesicht entgegenzuheben und mich zu fragen, wer er ist. Seine Stimme streichelt mich. Wenn Sternenlicht reden könnte, würde es so klingen.

 

Wie bitte? Wo kommt das denn her?

 

Ich rappele mich hoch. Eine Hand greift mich unterm Arm, aber es ist nicht der Fremde, es ist der Mann mit der Suppe. Er hilft mir auf die Füße und drückt mir die Gegenstände in die Hand, die er für mich aufgeklaubt hat.

 

Da sind andere Stimmen. Männer, Frauen. Keine Schritte mehr, die auf der Straße vorbeihasten, hinter dem Auto her, das längst nur noch eine Erinnerung ist. Aber Füßescharren und Rufe, die ineinanderfließen und keinen Sinn ergeben, dazu ein anderes, ungewohntes Geräusch. Ich brauche eine Weile, ehe ich registriere, dass es sich um die Auslöser von Fotoapparaten handeln muss. Was soll das?

 

„Sie könnten dafür sorgen, dass diese Leute verschwinden“, brummelt der Obdachlose, offensichtlich nicht an mich gewandt. Vermutlich an den Fremden.

 

„Genausogut könnte ich versuchen, dieses Restaurant drei Schritte nach links zu versetzen“, sagt der andere, sein Ton trieft vor Sarkasmus.

 

Fotoapparate. Jemand macht Bilder. Von mir. Von dem Mann mit der Suppe. Von dem Fremden mit der schönen Stimme.

 

Ich will hier weg. Mit wachsender Orientierungslosigkeit presse ich meine Habseligkeiten und die kaputte Gürteltasche gegen meinen Bauch. Zu viele ungewohnte Geräusche stürmen auf mich ein. Langsam strecke ich eine Hand aus und taste nach der Wand.

 

„Sie sind blind!“, stellt der Fremde fest. Verblüffung vibriert durch seine Stimme.

 

„Sie sind schnell“, sagt der Obdachlose. Jetzt ist er es, dem der Sarkasmus aus dem Mund kippt. Ich möchte schreien, weil ich so frustriert bin, aber ich habe schon lange nicht mehr geschrien. Meine Fingerspitzen tasten, finden einen der altmodischen Fensterläden. Von hier aus finde ich meinen Weg hinein. Nur wenige Schritte bis zur Tür. Ich lasse den Laden wieder los.

 

„Ich helfe Ihnen.“

 

Ich kann nicht schnell genug „Nein!“ rufen. Eine Hand schließt sich um meinen Oberarm. Himmel, wenn dieser Mann versucht, mich zu leiten, geht meine Orientierung wieder den Bach hinunter. Seine Stimme klingt immer noch in meinen Ohren, und dazu nehme ich jetzt auch seinen Duft wahr. Angenehm nach Pampelmuse und Meerwind. Ich entziehe ihm meinen Arm.

 

„Lassen Sie sich helfen“, dringt er in mich. „Ich hab das nicht gewollt.“ Er klingt nicht störrisch oder sauer, eher ein bisschen verletzt, als hätte er es noch nie erlebt, zurückgewiesen zu werden. Aber wenn ich nicht hier herumstolpern will wie eine Blinde, unter den sehenden Augen von scheinbar hundert Fotoapparaten, kann ich nicht zulassen, dass er mich lenkt.

 

„Die Suppe!“

 

Zu spät. Mein Fuß trifft auf die weiche Außenhülle des Brotlaibes mit der Suppe drin. Ich springe zur Seite, aber der Mann, der sich mir immer noch aufdrängt, ist nicht schnell genug.

 

„Fuck! Scheiße, was ist das denn?“

 

Der Duft von Zur umfängt mich wie eine wärmende Decke, so vertraut, so heißgeliebt. Heiß dürfte es auch für den Fremden geworden sein, denn den Geräuschen nach zu urteilen, vollführt er gerade ein nettes kleines Tänzchen. Ganz ehrlich? Ich vermisse die Fähigkeit, sehen zu können, nicht oft, aber in diesem Moment tue ich es. Diesen Tanz würde ich gerne sehen.

 

„Das ist die polnische Nationalsuppe“, hilft der Obdachlose aus, der sich ein Lachen verbeißen muss.

 

„Und wieso steht die hier am Boden? Fuck, ist das heiß! Und dann auf den Fuß, Mann!“

 

„Die steht da, weil Sie der jungen Dame die Sachen aus der Hand gerempelt haben und ich ihr geholfen habe, sie aufzusammeln“, sagt der Obdachlose. „Irgendwo musste ich die Suppe abstellen.“

 

„Sie sollten Ihr Schuhwerk überdenken“, füge ich hinzu. Ein Prusten wächst hinter meinem Brustbein. Ich möchte lachen. Bis eben wollte ich nur weg, aber diese Situation ist so komisch, dass alles andere nebensächlich wird.

 

„Das hilft nicht, wenn mir die Suppe in den Spann reinläuft.“

 

„Gummistiefel“, schlage ich vor.

 

„Sehr witzig.“

 

Ich lege meine Hand auf seinen Arm. Nicht, um mich zu stützen, sondern um ihn zu trösten. „Kommen Sie mit rein. Das mit der Suppe tut mir leid. Im Restaurant können Sie sich saubermachen.“ Ich wende mich zu dem Obdachlosen um. „Wollen Sie auch mit hineinkommen?“

 

„An mir ist alles sauber, Ma’am.“

 

Ich muss kichern, ich kann nicht anders. „Ich schicke Erica mit einem Becher für Sie raus. Noch so eine Brotschale habe ich leider nicht, aber wenn Sie wollen, geb ich eine Stange Baguette ...“

 

„Ma’am“, unterbricht er mich. „Ich bin es gewohnt, von halb schimmligen Hamburgerbrötchen zu leben, die die Schnellrestaurants wegschmeißen. Was Sie für mich tun, hat im Leben noch nie jemand für mich getan.“

 

Ich greife nach der Türklinke, aber da liegen bereits die Finger des Fremden. Ich zucke zurück, als meine Haut seine berührt.

 

„Sind Sie sicher?“, fragt er zweifelnd. Seine Worte sind durch das stetige Klicken der Auslöser kaum verständlich. „Immerhin sind wir quitt. Sie sind zu nichts verpflichtet.“

 

„Ich weiß“, sage ich nur.

 

Wir betreten den Gastraum. Das nächste Geräusch, das an meine Ohren dringt, ist die Kanne aus Metall, die Erica zum Blumengießen verwendet. Scheppernd geht die Kanne zu Boden.

 

„Jesus Roosevelt Christ!“, entfährt es der Kellnerin, die ich, solange sie für uns arbeitet, noch nie habe fluchen hören. Flirten, ja, über Menschen herziehen, wahnsinnig gerne, aber fluchen? Niemals. Dabei arbeitet sie bereits seit sechs Jahren hier.

 

„Dieser Herr ist in eine Suppenterrine getreten. Ich musste ihn retten“, informiere ich sie, glucksend vor Lachen. Wie das klingt. Für den Fremden weise ich in Richtung der Toiletten. „Da können Sie das auswaschen, Sir“, sage ich.

 

„Brayden“, klingt seine Stimme von ziemlich hoch über mir.

 

„Mr. Brayden. Darf ich Ihnen in der Zwischenzeit einen Kaffee machen? Espresso?“

 

„Sagten Sie nicht, das sei ein polnisches Restaurant?“

 

„Nein, das sagte ich nicht, aber Sie haben Recht. Nur sind unsere Nationalgetränke weder heiß, noch für einen späten Nachmittag geeignet. Also trinken auch wir Polen Kaffee.“

 

Sein Lachen klingt so schön und angenehm wie seine Stimme. Draußen, in all der Aufregung, habe ich seine Stimme bemerkt. Hier drinnen kann ich sie genießen. Denn hier fühle ich mich sicher. Zuhause. Ein warmer Schauder rieselt mein Rückgrat entlang.

 

„Einen Espresso nehme ich gern. Ich bin gleich wieder da.“

 

Es dauert Sekunden vom Klappen der Toilettentür bis zu Ericas rauschendem Auftauchen an meiner Seite. „Weißt du, wer das ist?“ Ihre Worte zischen in mein Ohr und holen mich zurück aus meiner Trance.

 

„Er sagte, sein Name sei Brayden.“

 

„Bray-den El-lis!“, zischt sie, jede Silbe betonend. Sie klingt, als ob ich Angst haben müsste, dass sie jeden Augenblick in Ohnmacht fällt. Deshalb dauert es auch eine Weile, bis die Erkenntnis mich einholt.

 

Brayden Ellis. Der Schauspieler, der Sohn der Hollywood-Diva, für die meine Mutter sterben würde. Erica hatte ihn schon vorhin erwähnt. Im Zusammenhang mit den Dreharbeiten. „Oh“, sage ich und drücke Kaffeepulver in den Filter. Jetzt ergibt alles einen Sinn.

 

„Oh? Oh? Das ist alles? Wo hast du den aufgelesen, Soph? Weißt du eigentlich ...“

 

„Atme“, empfehle ich ihr. „Wenn du hyperventilierst, muss ich eine andere Kellnerin aus ihrem freien Tag holen, und ich arbeite gern mit dir.“

 

„Sophia, du weißt aber schon, wer Brayden Ellis ist, oder?“ Sie stellt die Frage, als sei ich nicht blind, sondern dumm.

 

Natürlich weiß ich, wer Brayden Ellis ist. Man muss kein Kinogänger sein, um seinen Namen zu kennen. Im Kino kann ich der Handlung seiner Filme nicht folgen, weil es nicht die Art von Filmen sind, für die es Hörfilmfassungen gibt. Zu viel Action lässt sich sowieso schwer in Worte fassen. An dem Rummel um seine Person kommt man trotzdem nicht vorbei. Er bevölkert die Fernsehkanäle, kaum ein Tag vergeht ohne Nachrichten von dem Schwarm jugendlicher und junggebliebener Filmfans. Vor allem der weiblichen. Und dann wäre da noch meine Mutter. Als Tochter meiner Mutter bin ich praktisch mit Brayden Ellis aufgewachsen. Über Jahre hinweg hat sie jeden Schritt auf der Karriereleiter des Kronprinzchen, wie sie ihn einmal genannt hat, in meinem Beisein kommentiert.

 

„Das erklärt die ganzen Fotoapparate“, murmele ich am Spucken und Kreischen der Espressomaschine vorbei. Und die Stimme, die mir unbekannt war und dennoch vertraut erschien.

 

„Fotoapparate?“, fragt sie.

 

„Ich glaube, vor unserer Tür springt gerade eine Armee an ... wie sagt man? Paparazzi? Na eben diesen Fotografen herum, die den Stars auflauern.“

 

Die Tür klappt und unterbricht unser Gespräch. Scheinbar ist Mr. Ellis wieder im Gastraum. Ericas Atem geht schwer. Peinlich berührt über ihre Unfähigkeit, ihre Aufregung im Zaum zu halten, stelle ich den Espresso auf die Theke. In der Küche hantiert Maciej mit Töpfen, unbewegt von der Tatsache, dass wir einen der größten Stars von Hollywood im Hause haben.

 

„Bist du mit den Blumen fertig?“, frage ich Erica.

 

„Gleich.“ Scheinbar froh, durch meine Frage daran erinnert zu werden, dass sie hier arbeitet, entschwindet sie. Das Leder eines der Barhocker quietscht, als Brayden darauf Platz nimmt.

 

„Alles wieder gut?“, frage ich.

 

„Ja, danke. Die Hose geht in die Reinigung. Kein Problem.“

 

„Ich kann dafür bezahlen ...“

 

„Übertreiben Sie nicht, ich war es, der Sie umgerannt hat. Wir sind quitt“, sagt er und nippt am Kaffee. „Sehr gut.“ Er schweigt. Vielleicht schaut er sich um. Der Gastraum ist dunkel gehalten. Dunkel gebeizte, rustikale Möbel und dunkler Dielenboden. Die Tischdecken sind weiß, kleine Vasen mit frischen Blumen stehen auf jedem Tisch, deckenhohe Grünpflanzen unterteilen den Raum in Nischen. Ich weiß das, weil sowohl Mama und Tata als auch Erica es mir tausendmal erklärt haben. Trotzdem habe ich immer noch keine Vorstellung davon. Farben haben keine Bedeutung für mich. Alles, was ich weiß, ist, dass sich an der Ausstattung dieses Raumes seit zehn Jahren nichts geändert hat. Mir zuliebe, weil jede Veränderung mir eine Zeit der Eingewöhnung abverlangt, die naturgemäß länger dauert als bei sehenden Menschen. Solange in meiner Welt alles bleibt, wie es immer war, bin ich auf der sicheren Seite. Vielleicht ist das der Grund, warum ich mit dreiundzwanzig Jahren immer noch zuhause wohne und es mich nie in die große, weite Welt gezogen hat.

 

„Darf ich Sie was fragen?“ Braydens Stimme durchbricht das Schweigen, das unangenehm zu werden begann.

 

„Sicher“, antworte ich. Ich bin froh, etwas zu sagen zu haben.

 

„Sind Sie wirklich blind?“

 

„Wie bitte?“

 

Ein Rummsen aus dem Gastraum bedeutet, dass Erica gegen ein Tischbein gerannt ist. Offensichtlich ist sie bestrebt, jedes Wort mitzuhören, und hat in ihrer Konzentration nicht darauf geachtet, wo sie langgeht. Ich hätte sie zu Maciej in die Küche schicken sollen.

 

„Oh, verstehen Sie das bitte nicht falsch“, schiebt er schnell hinterher. „Es ist nur ... man merkt es Ihnen nicht an. Nur vorhin, als Sie nach dem Fensterladen ...“

 

Ich hebe eine Hand, und er hört auf zu reden. „Da hab ich die Orientierung verloren. Meine Eltern besitzen dieses Restaurant seit fünfzehn Jahren. Es ist mein Zuhause. Ich kenne mich hier aus, weiß, wo was steht. Aber setzen Sie bitte nicht den Salzstreuer um, sonst beginne ich zu rotieren.“ Es ist halb ein Scherz. Ganz so schnell geht es nicht, mir die Orientierung zu rauben, aber es gibt Dinge, die mich ins Schlingern bringen.

 

„Wow“, sagt er. „Das ist beeindruckend. Dass Sie an so einem Ort zurechtkommen.“

 

„Man gewöhnt sich.“ Er reagiert nicht anders als alle anderen Fremden, denen ich begegne. Eine Spur Erstaunen, eine Spur Bewunderung, ein Hauch Unglaube. Es ist eine Reaktion, mit der ich rechne, aber in seinem Fall bin ich enttäuscht darüber. Warum auch immer, denn mein Kopf sagt mir, dass ich absolut kein Recht auf diese Enttäuschung habe. „Es gibt verschiedene Formen von Blindheit. Das hängt von der auslösenden Krankheit ab. Sie wundern sich, dass ich nicht starr ins Leere blicke, ja?“

 

„Wenn man genau hinsieht, wirken Ihre Augen hyperaktiv“, sagt er, es scheint ihm fast ein wenig peinlich zu sein, das anzumerken. „Ständig in Bewegung. So stellt man sich das nicht vor.“

 

„Eine Augenkrankheit.“ Und zwar eine, die mit der richtigen Technik korrigierbar ist, aber das sage ich nicht. Es geht ihn nichts an. Natürlich freut es mich, wenn mir Leute sagen, man merkt mir nicht an, dass etwas an mir anders ist. Schließlich gebe ich mir größte Mühe, genau das zu erreichen.

 

Wieder ist er es, der die Unterhaltung in Schwung hält. „Darf ich fragen, wie Sie heißen? Ich hab Ihnen meinen Namen gesagt.“

 

Ich hab nicht danach gefragt, denke ich ein wenig ungnädig, aber Ericas Luftschnappen entgeht mir nicht. Vermutlich erstickt sie an Eifersucht. Brayden Ellis will meinen Namen wissen!

 

Ich strecke ihm die Hand über die Theke hinweg entgegen. „Sophia.“

 

„Hey, Sophia.“ Der Druck seiner Finger ist warm und fest.

 

„Hey, Brayden Ellis.“

 

Zischend zieht er die Luft ein. Ich stelle mir vor, wie er ein wenig den Kopf schüttelt. Vielleicht tut er es, vielleicht auch nicht. „Was hat mich verraten?“, will er wissen. Sein Ton zeigt, dass er gehofft hatte, jemandem begegnet zu sein, der nicht den Superstar in ihm sieht. So, wie ich gehofft hatte, jemandem zu begegnen, der nicht die Blinde in mir sieht? Wer hätte gedacht, dass Brayden Ellis und ich eine Gemeinsamkeit haben?

 

„Meine Kellnerin. Erica!“, hebe ich die Stimme. „Du müsstest längst fertig sein. Führ mich nicht an der Nase rum. Könntest du sehen, ob Maciej Hilfe braucht? Damian kommt erst in zwanzig Minuten, und wir haben heute volles Haus.“

 

„Ich muss noch Servietten falten ...“ Was für eine erbärmliche Ausrede, aber ich muss trotzdem lachen.

 

„Jetzt, Erica. Sei so gut.“

 

Ihre Missbilligung, fortgeschickt zu werden, hängt schwer im Raum.

 

„Sie sind die Chefin?“, fragt Brayden.

 

„Meine Eltern. Wenn die nicht da sind, dann ich.“

 

„Und wo sind sie?“

 

Wie zur Antwort poltert es über unseren Köpfen, wo die Küche der Wohnung ist, in der ich mit meinen Eltern lebe.

 

„Das dürfte meine Mutter gewesen sein“, vermute ich. „Sie ist ein wenig fahrig. Seit gestern Abend eine Horde Roadies vom Filmset hier reingeströmt ist, macht sie sich total fertig. Sie malt sich lauter Katastrophenszenarien aus. Von verschütteter Suppe auf dem Hosenbein eines Superstars, bis hin zu schlechter Presse für unser Restaurant. Also nimmt mein Vater sie und entführt sie eine Weile in die Berge.“ Die Schwärmerei meiner Mutter für seine Mutter verschweige ich lieber. Und schicke gleichzeitig ein Stoßgebet gen Himmel, dass Mama nicht ausgerechnet jetzt auf die Idee kommt, ins Restaurant runterzukommen, weil sie etwas von hier braucht. Wenn sie Brayden hier sieht, endet ihr Trip nicht in den Bergen, sondern im Krankenhaus, weil sie vor lauter Aufregung einen Herzinfarkt bekommt.

 

„Ah“, sagt er und nimmt noch einen Schluck Kaffee. Er sagt nichts zu meinem kleinen Scherz, aber ich höre das Lächeln in diesem einen Wort. Als er die Tasse zurück auf den Unterteller schiebt, klirrt das Porzellan leise. Ich überlege, ob ich ihm einen zweiten Espresso anbieten soll, aber da spricht er schon weiter. „Dann sollten wir versuchen, die Szenen am Pier schnell abzudrehen, damit Ihre Eltern wiederkommen können.“

 

„Das wäre ratsam.“

 

„Damit Sie nicht überarbeitet werden.“

 

„Das stört mich weniger. Ich mache die Arbeit gern. Verantwortung zu tragen ist ein gutes Gefühl.“

 

„Ich übertreibe nicht, wenn ich Ihnen sage, dass ich beeindruckt bin.“

 

„Danke.“

 

„Kann ich noch einen Espresso haben?“

 

Ich kann nichts gegen das Lächeln tun, das sich nicht nur auf meinem Gesicht, sondern in meinem ganzen Körper ausbreitet. Warum lächle ich? Dieser Mann ist ein Superstar. Genaugenommen könnte man den Eindruck gewinnen, dass er meine Gastfreundschaft ausnutzt. Aber ich mag seine Stimme. Ich mag das Gespräch, das wir führen. So normal, als wäre ich nicht blind und er nicht das Gesicht, das die halbe Welt ansehen will. Ich mag seinen Geruch. Ich mag die Art, wie er redet, und die Art, wie er diesen Raum auszufüllen scheint. Er ist ganz hier. Keine halben Sachen. Dass vor der Tür eine Armee von Fotografen auf ihn lauert, scheint er vergessen zu haben. Seine Aufmerksamkeit, seine Neugier umschmeicheln mich fast greifbar, es fühlt sich an, als könne ich mich hineinschmiegen.

 

„Würden Sie mir noch eine Frage beantworten?“ Ich löffle Kaffeepulver in den Filter. Er hat mir so viele Fragen gestellt, ich finde, jetzt bin ich an der Reihe.

 

„Kommt drauf an.“ Ein neckender Unterton.

 

„Vorhin draußen auf der Straße. Das Auto, das Sie verfolgt haben. Was ist da passiert?“

 

„Ach so.“ Zwei Worte, die wie ein Abwinken klingen. Es ist absolut erstaunlich, wie es ihm gelingt, sich darauf einzustellen, dass ich ihn nicht sehen kann. Wie er mit seiner Stimme Gesten malt. Ist das sein vielgerühmtes Schauspieltalent, oder ist es einfach etwas, das er aus Instinkt tut?

 

„Paparazzi können sehr einfallsreich sein. Einer von denen hat ein Taxi gekapert, wie es aussieht, und als Sunny sich vom Set abholen ließ, kam der mit dem geklauten Wagen, ließ sie einsteigen und hat sich mit ihr aus dem Staub gemacht.“

 

„Das klingt aber nicht nach einem Kavaliersdelikt. Das ist Entführung.“

 

„Vor allem ging es dem Kerl um Fotos und darum, mich aus der Reserve zu locken. Soll heißen, aus dem abgesperrten Bereich heraus. Ist ihm gelungen, wie man sieht.“ Er klopft mit den Fingern einen Rhythmus auf der Theke. „Ich sollte mir die Impulsivität abgewöhnen.“

 

„Machen Sie sich Sorgen?“, frage ich und schiebe den Filter in die Maschine.

 

„Nein. Der wird Sunny am Hotel abliefern und sich über die Fotos freuen und darüber, dass sein Plan aufgegangen ist. Die Schnappschüsse von mir werden ihm wahrscheinlich sein nächstes Auto bezahlen, oder einen neuen Pool oder sowas. Es ist ihr Job.“

 

„Wird er denn nicht zur Rechenschaft gezogen werden?“

 

„Ganz sicher, aber dann sind die Bilder schon im Umlauf und das Geld auf seinem Konto. Vermutlich wird er mit einem blauen Auge davonkommen, denn er erfüllt ein Grundbedürfnis der Menschen nach Klatsch und Tratsch. Wie gesagt, es ist sein Job.“

 

Die Maschine kreischt und spuckt. „Und wer ist Sunny?“, will ich wissen.

 

„Die Hauptdarstellerin. Sunshine Meadows.“

 

Als ich den zweiten Espresso vor Brayden hinstelle, fragt er mich, seit wann ich in Amerika bin. Es ist seine Art, das Thema zu wechseln. Er will wissen, wo ich zur Schule gegangen bin, womit ich mir den Tag vertreibe, wenn ich nicht gerade im Gastraum stehe. Ich bin in Amerika geboren, praktisch wenige Stunden, nachdem meine Eltern hier gelandet sind. Als Angestellte in einem Hotel sparten sie so viel Geld wie möglich, ehe sie dieses kleine Restaurant im Norden von San Francisco kauften.

 

Er erwähnt nie meine Blindheit. Nicht einmal, als ich ihm sage, dass ich unheimlich gern lese. Ich hatte Freunde, die unbedingt wissen wollten, wie man Braille liest. Robert war einer von ihnen. Es war abtörnend, dabei hatte ich so große Hoffnungen in uns, in unsere Beziehung. Hinterher war ich klüger. Aber was soll ich sagen? Ich war siebzehn, und Robert gehörte zu den Erfahrungen, die ich hatte sammeln müssen.

 

Brayden fragt nicht nach Braille. Irgendwann steckt Damian, der inzwischen zum Dienst erschienen ist, seinen Kopf durch die Durchreiche zur Küche. „Soph!“, raunt er halblaut und erinnert mich dann auf Polnisch daran, dass wir in weniger als einer halben Stunde öffnen. Ich habe nicht gemerkt, wie die Zeit vergangen ist. Brayden kann zwar nicht verstanden haben, was Damian gesagt hat, aber offenbar hat er den Sinn begriffen, denn er gleitet vom Barhocker.

 

„Ich hab Sie aufgehalten, das tut mir leid“, sagt er ernst.

 

„Vielleicht bin ich es, die Sie aufgehalten hat?“

 

„Wir beginnen erst morgen zu drehen. Es sind nicht viele Szenen unten am Pier, das Meiste für diesen Film kommt aus dem Studio in LA.“

 

Wir saßen fast eine Stunde gemeinsam hier, und er hat mich zwar ausgefragt, aber so gut wie nichts von sich erzählt. Auch ich erhebe mich von meinem Hocker.

 

„Dann wünsche ich Ihnen viel Erfolg beim Dreh“, sage ich und trete um die Theke herum.

 

Im nächsten Augenblick spüre ich eine Berührung an meiner Hand, dann seine Finger, die sich um meine schließen. Das Gefühl von Vertrautheit und Geborgenheit, das von dieser keuschen Berührung auf mich einströmt, ist verwirrend. Aber ich schätze, auch das gehört zur Schauspielerei. Wenn es nach Erica und ganz Hollywood geht, ist Brayden Ellis ein begnadeter Schauspieler. Ich denke an Robert und rede mir ein, dass die Begegnung mit Brayden mich vollkommen kalt lässt. Einmal auf einen Schauspieler hereingefallen zu sein, genügt fürs Leben. Dabei war Robert nur ein Amateur. Ein kleiner Gernegroß, der seiner Umwelt etwas vortäuschen wollte und dachte, in dem armen blinden Mädchen ein leichtes Opfer gefunden zu haben. Wieviel gefährlicher muss ein Mann sein, der davon lebt, Menschen etwas vorzugaukeln?

 

„Auf Wiedersehen, Sophia“, sagt Brayden leise.

 

Noch ehe ich meine Erwiderung gestammelt habe, öffnet er die Tür. Die Horde an Fotografen, die die ganze Zeit draußen gelauert hat, erwacht wie aus einem Winterschlaf und stürzt sich unter wildem Klicken und Rufen auf ihn, als er den sicheren Hafen verlässt. Der Obdachlose fällt mir ein, und ich ärgere mich schwarz, weil ich vergessen habe, Erica mit einem Becher Suppe hinauszuschicken. Vermutlich ist er längst über alle Berge. Meine Nachlässigkeit macht mich wütend.

 

Aber der Gedanke an Brayden Ellis mildert die Wut. Brayden. Ellis. Ein Gott, behauptet Erica. Er sieht aus, als sei er eine fleischgewordene Statue aus der griechischen Antike. Ich habe einmal in einem Museum Nachbildungen von solchen Plastiken berührt. Sie waren kalt und hart, und die Schönheit ihrer Formen hat mich nicht mitgerissen. Ich habe ihre Formen vergessen, doch ihre Kälte und Härte sind in Erinnerung geblieben.

Aber Brayden Ellis werde ich so bald nicht vergessen. Da kann ich mir einreden, was immer ich will. Er hat mich berührt. Mit seiner Stimme. Mit seinem Duft nach Aftershave und Luxus und seiner unprätentiösen Art. Er hat mich berührt.