Amber Rain

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Amber

 

Heute heiße ich mal Penny. Ich stelle mir vor, dass ich vier Jahre alt bin und meine Mama mir versprochen hat, gleich wieder zu Hause zu sein. Die Seiten des Telefonbuchs sind dünn und liegen abgegriffen zwischen meinen Fingern. Wahllos schlage ich es an einer beliebigen Stelle auf und suche nach dem richtigen Namen. Als erstes fallen mir nur Männer ins Auge.

James Berkeley.

Sofort habe ich ein Bild vor Augen. Bestimmt ist James ein Typ Mitte Vierzig. Ergrauende Schläfen, Nickelbrille. Jeden Tag schleppt er sich ins Büro, um dort Versicherungen zu verkaufen, damit Kinder und Frau gut versorgt sind. James führt ein langweiliges Leben und er ist nicht das, was ich heute brauche. Mit dem Finger fahre ich die Zeilen entlang. Es gibt viele Berkeleys, aber keiner, der für mein Spiel der richtige zu sein scheint. Am meisten ärgern mich die Einträge ohne Vornamen. Wie soll ich mir einen K. Beaver vorstellen? Ist er überhaupt ein Er? Ich blättere weiter und weiter. Plötzlich bleibt mein Blick an einem Namen hängen.

Harriett Batterfield.

Das ist gut. In der Schauspielschule habe ich gelernt, dass es das A und O eines jeden darstellenden Künstlers ist, in den Charakter zu gehen. Auf der Bühne mag das so sein. Es ist schon so lange her, seit ich das letzte Mal auf einer Bühne gestanden habe. Hier, in meinem Wohnzimmer, mit nichts als meinen Freunden von IKEA als Publikum, ist es für mich ebenso wichtig, mir meinen Co-Star vorzustellen. Harriett ist ein altes Mütterchen. Ich sehe sie vor mir, zwischen Mahagonimöbeln und Meissner Porzellan. Ihre Couch ist nicht von IKEA, sondern ein Erbstück, und ihre Familie sind ihre Puppen, erstarrt in der ewigen Kindheit ihrer Porzellangesichter. Ja, Harriett hat ganz sicher Mitleid mit der kleinen Penny.

Ich gehe zu dem runden Tisch, auf dem mein Telefon liegt. In mir flüstert eine leise Stimme, dass es nicht gut ist, was ich hier tue. Wenn mich jemand so sehen würde, mit dem Telefon in der Hand und dem Plan, eine Fremde anzurufen und vorzugeben, eine Vierjährige zu sein, hielte er mich bestimmt für geisteskrank. Wenn Kinder das machen, was ich tue, dann nennt sich das harmlos Klingelstreich, oder Schellenklopfen, wenn es nicht mit einem Telefon geschieht, sondern in echt. Wenn eine erwachsene Frau wie ich sich ein so originelles Hobby gönnt, dann ist das schon nicht mehr so lustig. Ich sehe mich nicht als verrückt, zumindest nicht im klinischen Sinne. Ein bisschen durchgeknallt vielleicht, aber hauptsächlich kreativ. Für mich ist es eine Übung, mehr nicht. Morgen ist das Casting. Nur ein kleines Casting eines Amateur-Theaters. Ich habe die Anzeige auf Facebook gesehen. Eine Freundin von Charly engagiert sich für die International Actors Guild. Ein großer Name für eine Gruppe zusammengewürfelter Laiendarsteller aus allen Herren Länder, die in Kirchen auftreten und manchmal in Schulen. Demnächst inszenieren sie ein Improvisationstheater an bekannten Denkmälern der Stadt. Desdemonas Tod vor dem Buckingham Palace, Oberons Streit mit Titania im Hyde Park und so weiter. Charly hat die Anzeige der IAG geteilt. Es werden noch Darsteller gesucht. Das offene Casting findet morgen statt, im Hinterzimmer eines Cafés im Westend. Wahrscheinlich wird kaum jemand hingehen. Die meisten Laiendarsteller möchten ein Drehbuch haben, Zeilen, die sie auswendig lernen können und dann herunterbeten. Mir gefällt die Idee der Improvisation. Die Stücke, die auf dem Programm stehen und variiert werden sollen, kenne ich in und auswendig. Man wird nicht groß auf Englands kleineren und größeren Bühnen, ohne jede Zeile von Shakespeare zu kennen, und mich reizt der Gedanke, ihnen meine eigene Stimme zu verleihen. Wenn ich morgen mein Bestes geben will, dann brauche ich Übung. Nur noch dieses eine Mal. Morgen, wenn das Casting vorbei ist, wenn ich es geschafft habe, die U-Bahn-Fahrt hinter mich zu bringen und auf einem großen leeren Platz zu stehen, ohne Möglichkeit zu entkommen, dann brauche ich nicht mehr das Telefon, um spielen zu können. Dann habe ich es geschafft.

Ich nehme den Telefonhörer in die Hand und überprüfe, dass die Rufnummernunterdrückung aktiviert ist. Harrietts Nummer habe ich im Kopf. Es ist mir noch nie schwer gefallen, mir etwas zu merken. Ganz egal, ob Text oder Zahlen. Vielleicht bin ich deshalb schon im Kindergarten für die Theatergruppe entdeckt worden. Während die anderen in meiner Klasse noch dabei waren, die ersten Wörter zu entziffern, konnte ich schon das ganze Gedicht auswendig. Bevor ich wähle, räuspere ich mich und mache ein paar Stimmübungen. Penny ist erst vier, sie spricht nicht mit der Stimme einer Endzwanzigerin.

Ich nehme das Telefon mit zum Sofa und ziehe die Knie an. Meine Mama ist nicht vom Einkaufen gekommen. Alles, was ich von ihr habe, ist dieser Zettel mit ihrer Telefonnummer darauf. Ich fühle Pennys Angst. Ihre Verlassenheit. Mein Herz beginnt zu rasen. Und dann wähle ich.

Das Freizeichen kommt sofort, aber ich befürchte schon, dass niemand abnehmen wird, als es endlich in der Leitung knackt.

„Hallo?“ Harrietts Stimme ist noch älter, als ich sie mir vorgestellt habe.

„Mama?“ Tränen klingen in meiner kindlichen Stimme, bis ich mich an ihnen verschlucke. „Wo … oh Mama.“ Ich schniefe ein paar Mal ins Telefon.

„Kindchen. Hier ist nicht deine Mama.“ Das Mitleid in Harrietts Stimme ist offenbar. Penny stammelt etwas vom Supermarkt und ihrem Teddy, dem ein Ohr abgerissen ist. „Aber bist du denn ganz allein?“ Nun mischt sich deutlich Sorge unter das Mitleid.

„Ja. Ganz allein.“

„Deine Mama kommt bestimmt bald wieder.“

„Aber Teedy.“ Ich dehne das e in der Mitte zu einem herzzerreißenden Jammern und höre Harrietts Ratlosigkeit durch die Leitung rauschen. Oh ja, ich bin eine gute Schauspielerin. Morgen wird ein guter Tag. Morgen werde ich es schaffen. Weil sich ganz leise mein schlechtes Gewissen meldet, beschließe ich, Harriett vom Haken zu lassen.

„Singst du was mit mir, bis Mama kommt?“

„Aber … aber natürlich, Schätzchen. Welches Lied kennst du denn?“

„The Wheels on the Bus“, sage ich und lasse dabei die S-Laute zischen. Ich höre ein leises Geräusch. Wahrscheinlich klatscht sich Harriett vor Begeisterung und Überraschung auf die Oberschenkel.

„Oh ja. Das habe ich auch schon als Kind gesungen.“ Ich lasse ihr den Vortritt. Es macht Spaß, der alten Dame beim Singen zuzuhören. Ihr Talent, wenn sie jemals eines gehabt hatte, ist längst versiegt. Aber sie macht es mit Begeisterung wett. Ich falle nur sporadisch ein. Beim Round and Round, und ich verwischte das r dabei zu einem fließenden f. Zusammen singen Harriett und ich drei Strophen.

„Mama tommt“, sage ich, als ihre Stimme langsam heiser wird.

„Wie schön. Siehst du, es hat doch gar nicht lange gedauert.“ Ohne noch einmal zu antworten, beende ich das Telefonat. Penny ist ganz sicher ihrer Mama entgegen gerannt. Ich bleibe auf dem Sofa sitzen, ein Lächeln auf den Lippen. Meine Angst vor morgen ist nicht mehr so groß. Vieles mag ich verlernt haben seit … damals. Aber spielen kann ich noch immer. Die Fähigkeit, anderen Menschen Freude zu bereiten, konnte mir niemand nehmen.

 

 

Crispin

 

Ich hasse Tage, an denen das Telefon klingelt, noch bevor ich die erste Tasse Kaffee getrunken habe. Ich angle nach dem Hörer und nehme das Gespräch an. „Holloway.“

„Es tut mir leid, Sie an einem Sonntagvormittag zu stören, Sir. Hier spricht Officer Redding, Metropolitan Police. Es gibt da eine Sache, bei der wir Ihre Hilfe benötigen, Sir.“

Redding. Genannt Red. Und das nicht zu Unrecht. An einem Sonntagmorgen käme sie mir gerade recht, mit diesem zahm und züchtig zum Knoten gewickelten roten Haar. Einmal zu oft habe ich mich schon gefragt, wie sie wohl aussieht, wenn kein Kamm und kein Haarband in der Nähe sind. Zu schade, dass sie überhaupt keine Signale aussendet, obwohl ich sicher bin, jemand wie sie, in ihrer Position bei der Londoner Polizei, weiß ganz genau, wer ich bin und was ich denke, wenn ich sie von Kopf bis Fuß ansehe. Ich schüchtere sie ein, was mir ein gewisses Maß an Befriedigung verschafft, aber mehr eben auch nicht. Wahrscheinlich verabscheut sie mich, aber die Einschüchterung verhindert, dass sie mir dieses Gefühl zeigt. Wenn ich darüber nachdenke, so ist sie auf faszinierende Weise gut darin, vor mir zu verheimlichen, was sie denkt. Das schaffen nicht viele.

„Worum geht es, Officer?“ Ich trinke mit zwei großen Zügen meinen Kaffee aus, weil ich weiß, dass ich innerhalb der nächsten fünf Minuten im Auto sitzen werde. Ich mache diesen Job nicht, weil ich das Geld brauchen würde, auch wenn die Metropolitan Police Freelancer wie mich außergewöhnlich gut entschädigt für den Aufwand, besonders an Wochenenden. Für gewöhnlich handelt es sich um Gerangel, Schlägereien und ähnliches, begangen unter Einfluss von Alkohol oder Drogen oder beidem. Eskalierende Situationen, die jemanden wie mich auf den Plan rufen. Ich tue es wegen der seltenen Augenblicke, wenn eine Situation sich so entwickelt, dass plötzlich ein wirklich interessantes Problem vorliegt.

„Eine junge Frau wurde angezeigt, weil sie heute am frühen Morgen am Piccadilly Circus eine Massenpanik ausgelöst hat.“

„Wie bitte?“ Ich meine, mich verhört zu haben. Wie kann eine einzige Frau an einem Sonntag zu unchristlicher Zeit eine Massenpanik auslösen? „Hat sie die Finger an ein Maschinengewehr bekommen?“

Officer Redding schafft es sogar, durch das Telefon hindurch zu erröten. Ich genieße die Genugtuung, ihr wenigstens dieses Mal eine Reaktion abgezwungen zu haben. „Nein, Sir. Ich denke, es ist das Beste, Sie kommen her, sobald Sie können, Sir. West End Central. Es ist nicht ganz einfach, den Fall übers Telefon zu schildern.“

Darauf möchte ich wetten. Der schwarze Range Rover steht praktischerweise im Innenhof. Wassertropfen auf der Motorhaube reflektieren das Sonnenlicht. Jeremy hat den Wagen gewaschen. Die Vorzüge, hier draußen vor der Stadt zu leben. Es kratzt keinen Menschen, wenn ich dafür sorge, dass mein Hauspersonal den Sabbat nach Kräften missachtet. Der Zündschlüssel liegt auf dem Beifahrersitz, und ich öffne das Haupttor mit Hilfe der Fernbedienung, die im Handschuhfach liegt.

Ich lasse das Fenster auf der Fahrerseite runter und drehe die Stereoanlage auf. Die Momente, in denen ich allein in meinem Lieblingsauto sitze, gehören ganz mir, und ich genieße sie. Nur in meinem Auto kann ich mich als der Enddreißiger fühlen, der ich bin, weil niemand darauf achtet, dass die Musik etwas zu laut ist und dass ich mit der Rechten den Takt auf meinem Oberschenkel mitklopfe, während mir der Fahrtwind die Haare durcheinanderbringt und ich versuche, nicht daran zu denken, weshalb ich auf den Weg bin zur West End Central Police Station. Dort darf ich dann wieder den gediegenen Doktor der Neurologie und Psychiatrie mimen. Es sollte mich vielleicht irritieren, dass ich den Weg zu den meisten der Polizeiämter der Met auswendig weiß, aber mein Job bringt das einfach mit sich. West End Central ist weitläufig, aber nicht so mit schlechter Publicity behaftet wie Paddington Green, wo ich nur äußerst ungern hinfahre.

Der übereifrige junge Mann an der Rezeption ist ein neues Gesicht. Er weiß schon Bescheid, ich werde erwartet, im Verhörzimmer der Abteilung D im zweiten Stock. Er weist mir den Weg zu den Aufzügen, aber ich ziehe es vor, die Treppe zu nehmen. Das kann er natürlich nicht wissen. Ich mache ihm klar, dass ich den Weg kenne, in deutlichen, wenngleich ruhigen Worten. Der Junge hat intakte Antennen, er merkt, wann es Zeit ist, mich in Ruhe zu lassen.

Officer Redding ist es, die auf mein Klopfen hin die Tür öffnet. In dem kleinen, dunklen und stickigen Raum stehen außer ihr drei Männer, die Arme vor der Brust verschränkt. Sie starren auf die Glasscheibe, die fast die komplette Wand gegenüber der Tür einnimmt. In dem noch etwas kleineren Raum auf der anderen Seite des Glases stehen ein Tisch und zwei Stühle. Auf dem einen Stuhl sitzt der Polizeipsychologe, Green, ein alternder Mann mit hoher Theoriekenntnis. Wenn Green zu einem Fall meine Hilfe anfordert, dann ist das kein Spaß.

Unwillkürlich trete ich ganz dicht an das Glas heran. Ich merke es erst, als das Glas von meinem Atem beschlägt und einer der Officers auffällig hüstelt.

Mein Blick ist auf die Frau gefallen, die Green gegenüber sitzt.

Sie ist bleich. Der Rücken kerzengerade durchgedrückt. Fast hüftlang fällt ihr das blonde Haar in sanften Locken über den Rücken. Das graue T-Shirt, die verwaschenen Jeans und die alte Sportschuhe wirken an ihr wie der reinste Anachronismus. Und sie schweigt. Zu jeder Frage, die Green ihr stellt und die ich überhaupt nicht wahrnehme, weil der Anblick der Frau all meine Konzentration fordert, kommt nur Schweigen. Mir wird bewusst, dass ich sie in Gedanken, mit meinen Blicken, ausziehe. Ich stelle mir in allen Farben vor, wie ihr nackter Körper aussieht. Diese Frau, diese Haltung. Sie muss ein Kunstwerk sein. Die Natur hat sich selbst übertroffen, als sie diesen Menschen schuf.

Sie starrt auf ihre Finger, die sie ruhelos aneinander reibt. Sie ist nervös. Sie hat Angst. Sie weiß, wo sie ist, und sie weiß, warum sie hier ist, aber etwas verschließt ihr den Mund. Macht sie stumm. Dass sie schweigt, geschieht nicht aus Trotz oder aus dem Bedürfnis, etwas zu verbergen. Sie kann nicht. Und ich kann kaum fassen, dass Green das nicht begreift und sie nicht in Ruhe lässt.

„Briefing“, verlange ich knapp. Ich will, dass sie aus dem Raum rauskommt, aber ich habe nicht die Befugnis, das zu verlangen. Ich bin der Freelancer. Green trifft hier die Entscheidungen. Ich kann lediglich Einschätzungen geben, Verhaltensmuster evaluieren und Gutachten erstellen. Was Green mit meiner Meinung macht, liegt einzig bei ihm. Für die junge Frau, die mit den Nerven am Ende ist, kann es dann zu spät sein. Schäden, die nicht zu reparieren sind. Eine angeknackste Seele, nur weil sie missverstanden wurde.

„Sie war mit einer Gruppe Theaterleuten am Piccadilly Circus, und plötzlich ist sie durchgedreht und vor einen Bus gelaufen.“

Ich drehe mich zu Redding herum und starre sie an, darum bemüht, meine Fassungslosigkeit zu zügeln. „Warum?“

„Das weiß keiner. Sie hat seither kein Wort gesagt. So, wie Sie sie da sitzen sehen, so war sie, seit sie hergebracht wurde. Und die Theaterleute, die wir verhört haben, konnten es sich auch nicht erklären. Einfach aus dem Nichts heraus ist sie wie eine Besessene losgerannt und direkt in den Bus hinein.“

„Hat sie sich verletzt?“

„Eine Schramme am linken Oberarm und ein aufgeschürftes Knie. Der Bus stand noch, wollte gerade erst anfahren. Sie hatte Glück.“

„Sie haben am Telefon von einer Massenpanik gesprochen.“

„Da war eine Gruppe japanischer Kinder in der Nähe, die alles mitangesehen haben und geschrien haben wie verrückt, weil sie glaubten, die Frau wolle sich umbringen. Das hat angesteckt. Die Leute sind kopflos umher gerannt, wie aufgescheucht. Sie können sich doch denken, wie das ist, keiner weiß mehr, was der Auslöser für die ersten Schreie war, und dann kursieren in Sekundenbruchteilen die verrücktesten Gerüchte, und alles schaukelt sich hoch.“

Und mittendrin eine junge Frau von höchstens Mitte Zwanzig, die irgendwas in einen solchen Schrecken versetzt hat, dass sie ihre Stimme verlor. Ich muss mit Green reden. Die Frau weiß ganz genau, dass hier auf dieser Seite des Glases Leute stehen, die sie begaffen wie ein Tier im Zoo, und das soll sie dazu ermuntern, ihren Mut wiederzufinden?

„Wie heißt sie?“

Einer der Officers blickt auf ein Datenblatt in seiner Hand. Ich bin wieder einmal schockiert. Unsere Gesetzeshüter können sich nicht einmal den Namen von jemandem merken, der schon wer weiß wie lange in einer Verhörzelle hockt? „Amber Nicholas“, liest er ab.

Amber Nicholas.

Ich trete an das Mikrofon und drücke auf den Entsperrungsknopf. „Officer Green? Kann ich mit Ihnen reden? Hier draußen?“

Green nickt der Frau zu, nicht unfreundlich, aber offenbar am Ende seiner Kunst angelangt. Ihre Schultern sacken herunter. Sobald er den Raum durch die kleine Tür an der Seite verlassen hat, schlägt sie die Hände vor den Mund und sieht sich mit fliegenden Blicken um. Sie sucht einen Ausweg. Sie ist wie ein Eichhörnchen in dem Park, in dem mein Haus steht. In eine Falle geraten und panisch nach dem Ausweg suchend.

Baby, ich könnte dir helfen, deine Panik zu besiegen, denke ich. Ich erlaube mir den Gedanken. Ihre Handgelenke sind schmal und fein, die Haut makellos. Das grobe Hanfseil würde in die Haut schneiden, wenn sie sich dagegen sträubt, und sie würde schnell lernen, dass Sträuben alles nur schlimmer macht, und etwas an ihrer Haltung sagt mir, dass sie sich ergeben würde. Dass sie ganz still in den Seilen hängen und warten würde.

Auf mich.

Ich reiße den Blick von ihrem perfekten Körper weg und konzentriere mich auf Green, der sich zu uns gesellt.

 

 

Amber

 

Meine Gedanken kreisen so schnell in meinem Kopf, dass nichts an mir ruhig ist. Nicht meine Beine, die sich anfühlen, als bestünden sie aus Wackelpudding, nicht meine Arme, die ich um meinen Körper geschlungen habe, und nicht meine Finger, die nur zitternd den Schlüssel ins Schloss zu meiner Wohnungstür führen können.

„Werden Sie in Ordnung sein?“, hat Officer Redding mich gefragt, als sie mich vor meiner Haustür abgesetzt hat. Ich habe nur genickt. Sprechen konnte ich nicht. Wie auch? Meine Stimme hätte das Kreischen meiner Gedanken ja doch nicht übertönt. Wann?

Mein ganzes Sein kreist um diese Frage. Wann? Wann bin ich falsch abgebogen, an diesem Morgen, der so vielversprechend begonnen hatte, dass er in einer solchen Katastrophe enden konnte? War es der Moment, an dem ich mich entschlossen hatte, doch ein Taxi zu nehmen zu dem Casting im Stadtzentrum? Hätte ich die U-Bahn nehmen sollen, damit mich die Panik direkt vor der Haustür überfällt? Dann hätte ich es gar nicht bis in das Café geschafft. Ich hätte nicht vorsprechen können. Das Ensemble der IAG wäre nicht begeistert von mir gewesen. Oh ja, ich kann mir meine Kicks auch anderswo holen. Ich brauche die Schauspielerei, wie andere die Luft zum Atmen. Während des Castings wieder vor Menschen gestanden, in ihre Augen gesehen zu haben, während ich in meine Rolle schlüpfte, hat etwas in mir aufgerührt. Es hat mir gezeigt, wie viel mir in meinem Leben fehlt. Ich bin erst siebenundzwanzig Jahre alt und manchmal denke ich, ich könnte genauso gut tot sein.

Schon im Flur sehe ich, dass der Anrufbeantworter blinkt. Mittlerweile ist es nach Mittag und ich bin mir sicher, dass die Nachrichten von Charly stammen, die wissen will, wie es bei dem Casting gelaufen ist.

Ich streife meine Sneaker von den Füßen und tappe ins Wohnzimmer. Bevor ich die Nachrichten abhöre, stelle ich im Vorbeigehen den Wasserkocher an. Ich komme aus einer Kleinstadt in den Midlands. Die tiefe Überzeugung, dass man nahezu jede Krise mit einer guten Tasse Tee bewältigen kann, liegt mir im Blut.

Immer weiter kreisen meine Gedanken um die Frage nach dem Wann. War es doch erst der Augenblick, als ich in einem Anflug von Euphorie nach dem Erfolg des Vorsprechens zugestimmt habe, mit den anderen aus dem Ensemble noch eine Kleinigkeit essen zu gehen? Hätte ich ahnen müssen, dass der Weg über den Piccadilly Circus für mich zum Verhängnis wird? Ich wollte mir nicht das Leben nehmen. Ganz sicher nicht. Zum Glück ist auch der Polizeigutachter auf der Wache zu diesem Ergebnis gekommen. Nur manchmal werde ich das Gefühl nicht los, dass das Leben mich mir wegnimmt.

Noch bevor der Wasserkocher blubbert, klingelt das Telefon. Weil ich weiß, dass ich Charly nicht länger entkommen kann, nehme ich ab. Ich komme nicht einmal dazu, meinen Namen zu sagen, da überschüttet sie mich bereits mit Fragen.

„Amber! Wie war’s? Mensch, ich versuche schon den ganzen Vormittag, dich zu erreichen. Es sollte doch bloß eine Stunde oder so dauern, was ist denn passiert? Nun sag schon, wie es gelaufen ist. Wie waren die anderen? Konntest du vorsprechen? Haben sie sich vor dir auf die Knie geworfen?“ Trotz meiner Niedergeschlagenheit bringt mich Charlys Fragenregen zum Lächeln. Es ist unmöglich, sich Charlotte Phillips’ Temperament zu entziehen. Wir kennen uns seit der Lower School. Zusammen haben wir zwölf Jahre Schule hinter uns gebracht, haben gemeinsam über unsere ersten Schwärme diskutiert und den ersten Liebeskummer ausgestanden. Charly ist meine beste Freundin, der einzige Mensch, der all meine inneren Dämonen kennt. Psychologen und Psychiater sind an mir verzweifelt. Mir macht es nichts aus zu schweigen, wenn ich nichts zu sagen habe, aber Charlys Freundschaft und Loyalität haben mich irgendwann doch aus meinem Kokon aus Stille gelockt.

Ich atme tief durch und mache mich bereit, das ganze Elend des heutigen Tages noch einmal verbal Revue passieren zu lassen. Als ich an der Stelle angekommen bin, als ich von zwei Officern abgeführt werde, höre ich Charly scharf die Luft einziehen. „Oh Amber. Ich“, sie seufzt tief, „bitte sag nichts mehr. Ich will gar nichts mehr hören. Was für eine stinkende Scheiße.“

Ich hätte es nicht besser ausdrücken können. „Das war’s dann wohl mit dem Traum von der Rückkehr auf die Bühne.“ Mir gelingt es nicht, die Traurigkeit aus meiner Stimme zu halten. Der Hörer an meinem Ohr ist warm geworden. Zumindest das Telefon bleibt mir. Es ist ein lausiger Ersatz für die echte Erfahrung, aber besser als nichts.

„Soll ich vorbei kommen?“ Ich bin mir sicher, dass Charly jedem anderen vorgeschlagen hätte, einen Tag wie heute in irgendeiner Bar in Cider und Martini zu ertränken. Bis vor einem Jahr oder so wäre das auch noch für mich eine Option gewesen. Aber die Panikattacken werden schlimmer. An manchen Tagen kann ich nicht einmal mehr mit Begleitung aus dem Haus gehen.

„Nein, ist schon gut. Ich glaube, ich will lieber allein sein.“ Und das ist noch nicht einmal eine Lüge. Das Alleinsein ist kein Problem für mich. Was mir mehr zu schaffen macht, ist die Einsamkeit. Mein Blick fällt auf das Telefonbuch auf dem Sofatisch. Ob Harriett Spaß daran hätte, sich noch einmal mit Penny zu unterhalten?

Charly schnaubt verächtlich. „Was du brauchst, ist endlich mal wieder einen Kerl zwischen deinen Beinen. Damit du auf andere Gedanken kommst. Immer nur in der Bude zu hocken, da muss man ja verrückt werden. Dabei fällt mir ein …“

Ich verdrehe die Augen in vollem Bewusstsein, dass Charly mich dabei nicht sehen kann. Ihre ewigen Verkupplungsversuche sind nett gemeint, aber gehen vollkommen am Ziel vorbei. Das letzte Mal, dass ich mich auf einen eingelassen habe, endete in einer nicht ganz so apokalyptischen Katastrophe wie das heutige Casting, aber viel hatte nicht mehr dazu gefehlt. „Charly …“, bitte ich sie, aber sie wäre nicht Charlotte Phillipps, wenn sie sich dadurch aufhalten lassen würde.

„Nein, im Ernst, Amber. Da hat dieser Typ bei uns im Büro angefangen, in der Finanzabteilung, der ist so was von hot. Und er ist erst kürzlich in die Stadt gezogen, ich bin sicher …“

„Klar, ein sexy Buchhalter.“ Nun muss ich richtig lachen. In einer Sache ist auf Charly Verlass. Wette darauf, dass sie die unmöglichsten Assoziationen hat. Es gibt nur einen Berufsstand, der in meinen Augen noch weniger Sexappeal hat als Buchhalter, und das sind Psychiater. Wahrscheinlich hat einmal zu oft einer von denen versucht, in meinen Kopf zu gucken.

„Ach komm. Gut, die Haare über seiner Stirn treten langsam den Rückzug an. Aber hey, sieh es einfach als psychologisches Experiment. Wenn du es mit ihm schaffst, einen Abend in der Öffentlichkeit zu verbringen, dann kannst du es das nächste Mal mit einem richtig heißen Typen probieren.“

„Ich will nichts probieren.“ Nun, das ist gelogen. Der Reiz eines Abends in guter Gesellschaft ist auch an mir nicht verloren. Ich bin eine junge Frau und keine Mumie. Aber mein Bedarf an unglücklichen Begegnungen ist mit dem heutigen Tag für die nächste Zeit mehr als gedeckt. „Mein Wasser kocht“, sage ich und gehe in die Küche, damit Charly hört, dass ich diesmal zumindest die Wahrheit sage. Selbst von hier aus kann ich das Telefonbuch sehen. Ich bin allein und durcheinander von dem turbulenten Tag. Aber zumindest habe ich ein Mittel gegen die Einsamkeit. Das wird ein langer Abend. Ein einziges Gespräch wird nicht reichen, um die Schatten in meinem Kopf zu vertreiben.

 

 

2

 

Crispin

 

Allein ins Bett zu gehen ist okay, wenn es eine Wahl ist, die man selbst, im Vollbesitz aller geistigen Kräfte, getroffen hat. Ich habe diese Wahl vor sechzehneinhalb Jahren getroffen. Das bedeutet, dass ich mich niemals sehne. Ich bin der Herr über meine eigenen Gefühle und Empfindungen, und ich bin derjenige, der mir nicht gestattet, mich danach zu sehnen, dass sich das ändert.

Sex haben und miteinander schlafen sind für mich zwei sehr verschiedene Dinge. Psychologischer Blödsinn? Nein, eine Wahl des Lebensstils, weiter nichts. Sicher, für die Mehrzahl der Männer mag es zu irgendeinem Zeitpunkt in ihrem Leben bedeutsam werden, mitten in der Nacht aufzuwachen und sich in der Dame ihrer Wahl vergraben zu können. Manch einer weckt sie vorher vielleicht sogar auf, damit er nicht ganz so allein dabei ist. Und für Frauen mag es sogar noch wichtiger sein, schließlich ist bei ihnen das Kuschel-Gen, wie ich es nenne, noch viel ausgeprägter. Ich grinse vor mich hin. Für mich? Sex und Schlafen finden nicht einmal im selben Raum statt. Ich weigere mich, etwas daran ändern zu wollen. Ich halte mich für einen ausgeglichenen, zufriedenen Mann. Natürlich kann ich auch kuscheln. Zärtlichkeit ist in meinem Lebensstil eine wichtige Komponente, die von Außenstehenden allzu oft unterschätzt wird. Wichtig ist das Wann und das Wie. Wenn ein Mann, der zu sein wünscht wie ich, sich allerdings über das Warum Gedanken zu machen beginnt, dann sollte er sich nach Alternativen umsehen, denn dann ist er am falschen Ort.

Ein Blick zur Uhr zeigt, dass es kurz vor neun ist. Perfekt. Ich nehme meine Sportschuhe aus dem Schrank und ziehe sie an. Die Reflektorenbänder um Ellenbogen und Knie sind nicht der Mode geschuldet und auch nicht den Forderungen einer patronisierenden Regierung, die uns sogar vorschreiben möchte, wann wir die Temperatur in Greater London als eine Hitzewelle zu empfinden haben und mehr Wasser trinken sollen. Sie sind meine Wahl. Das Joggen entlang auch in den Abendstunden belebter Straßen ist in dieser Stadt voller Verrückter nicht ungefährlich. Ich bin kein Mann, der Gefahren scheut. Im Gegenteil, ich bin ein Mann, der Gefahr ausstrahlt. Aber ich bin eben auch jemand, der gern ein Mindestmaß an Kontrolle darüber exerziert, wie vielen und vor allem welchen Unwägbarkeiten er sich aussetzt. Und in der Dämmerung so sichtbar wie möglich zu sein, ist ein Teil dieser Kontrolle.

Das Telefon klingelt.

Frustriert bleibe ich an der Gartentür stehen. Ich könnte es ausklingeln lassen. Nach siebenmal geht der Anrufbeantworter ran. Für die Met stehe ich heute nicht auf Abruf, das macht eine Kollegin, die supereffektive Miss Snyder. Gott behüte jene, die an diesem Abend über die Stränge schlagen und evaluiert werden sollen.

Vielleicht ist es ein Notfall. Seufzend nehme ich den Hörer auf und drücke auf Rufannahme. „Hallo?“

„Sir?“ Die Stimme eines jungen Mädchens. Aber da ist noch mehr dahinter. Es irritiert mich, dass ich es nicht gleich heraushöre. Meine Fähigkeit, selbst am Telefon noch feinste Nuancen menschlicher Emotionen zu erspüren, ist legendär. Auch, aber nicht nur, in der medizinischen Welt.

„Was kann ich für dich tun?“ Sie ist höchstens vierzehn, schätze ich, und ich lasse die Höflichkeitsform gleich stecken.

„Ich bin einsam, Sir.“ Ein hohes, zitterndes Vibrieren. Der Psychiater in mir schlägt an wie ein Wachhund, und ich weiß jetzt, was dahintersteckt. Was nicht passt. Sie verstellt ihre Stimme. Sie ist kein kleines Mädchen. Und sie will spielen. Rationale Gedankengänge setzen ein, ohne dass ich mich dazu zwingen muss. Es ist mehr wie ein Instinkt. Was für eine Frau tut das? Ich kann den Psychiater in mir nicht zurückdrängen, der mehr über die Unbekannte erfahren will. Ist das ein Hobby von ihr? Fremde Menschen anzurufen und vorzugeben, jemand anderes zu sein? Eine interessante Möglichkeit. Ich ziehe die Schuhe wieder aus und reiße mit den Zähnen die Reflektorenbänder von meinen Armen. Natürlich hört sie das Ratschen.

„Sir, was tun Sie?“

„Wie heißt du?“, frage ich, um Zeit zu gewinnen.

Kurze Pause. Verräterisch. Ich muss grinsen. Als sie endlich „Josephine“ sagt, weiß ich, dass sie lügt. Ein anderer hätte ihr wahrscheinlich geglaubt. „Aber meine Freunde nennen mich Josie“, fügt sie schnell hinzu. Sie ist gut. Wirklich gut. Ich bin beeindruckt.

„Wie alt bist du, Josie?“, frage ich.

Wieder zögert sie. Damit hat sie offenbar nicht gerechnet. Jetzt bin ich mir sicher. Sie macht sowas tatsächlich öfter, und die Kerle, denen sie sich am Telefon anbietet, nehmen wahrscheinlich, was sie kriegen können, und wollen gar nicht wissen, wie viele Gesetze sie brechen, indem sie sich zur Stimme einer Minderjährigen einen runterholen.

„Ich tue es nicht mit Mädchen unter vierzehn“, füge ich kühl und sachlich hinzu. Ich will wissen, wie weit sie gehen wird. Ich drücke auf ein paar Knöpfe auf meinem Telefon, die mir normalerweise zeigen würden, von welcher Nummer der Anruf getätigt wurde. Womöglich ist Miss Josie ein interessanter Fall für mich. Eine Frau, die mich beruflich herausfordert. In den letzten Wochen und Monaten ist die Arbeit für die Met ein bisschen schal geworden. Doch die Rufnummer ist unterdrückt. Miss Josie ist nicht dumm.

„Ich bin fünfzehn“, sagt sie eilig.

Ich lasse ein Lächeln in meine Stimme sickern und lehne mich an die Wand in meinem Rücken. Ich versuche, nicht daran zu denken, dass da angeblich eine Fünfzehnjährige am anderen Ende ist, die mit mir Telefonsex haben will. „Worauf hast du Lust, Josie?“, frage ich mit einem verführerischen Unterton.

„Ich bin einsam, Sir“, wiederholt sie.

„Das sagtest du bereits, Josie.“ Ich lege Wert darauf, sie so oft wie möglich bei ihrem falschen Namen zu nennen. Da ist die Hoffnung, dass sie des falschen Namens überdrüssig wird und beginnt, etwas über sich preiszugeben, das ich verwenden kann. Es ist etwas schwierig, den Psychiater zurückzuhalten, der analysieren und vermuten möchte, warum sie das tut, was sie tut.

„Woher hast du eigentlich meine Nummer, Josie?“, frage ich.

„Aus dem Telefonbuch.“

„So?“ Sie hat den Anschluss von Crispin Holloway gewählt. Nicht den von Dr. Richard Holloway, psychiatrischer Gutachter und Neurologe. „Und warum rufst du ausgerechnet mich an, Josie?“

„Ich mag Ihren Namen, Sir.“

Ich halte nichts davon, Minderjährige zu verführen. Wenn ich das hier durchziehen will, dann muss ich mich verdammt konzentrieren. „Was hast du gerade an, Josie?“ Es ist lahm und voller Klischee, aber irgendwo müssen wir ja beginnen.

Ihr Atem wird eine Spur schneller. „Jeans“, sagt sie endlich.

„Oh Josie, das ist aber nicht besonders sexy“, sage ich mit mildem Tadel. „Ziehst du die für mich aus, Baby?“

Ein dumpfes Geräusch aus dem Hörer belegt, dass sie tatsächlich das Telefon vom Ohr nimmt und ablegt. Es macht den Eindruck, als könnte sie meiner Aufforderung nicht schnell genug Folge leisten. Ein warmes Kribbeln in meinem Rückgrat ist meine unmittelbare Reaktion darauf, und ich unterdrücke ein Keuchen. Ich lasse mich zu leicht gehen, daran muss ich arbeiten. Ich höre Stoff rascheln, dann greift sie wieder nach dem Hörer. „Okay“, sagt sie, ein wenig atemlos.

„Danke“, sage ich.

Nein, Telefonsex ist kein unbekanntes Terrain für mich. Weder professionell noch privat. Ich habe in meiner Arbeit immer wieder mit Menschen zu tun, die süchtig nach dieser Form von Sex sind. Sie tun mir leid. Allerdings liegt es eine Weile zurück, dass ich selbst eine Frau am Telefon zum Orgasmus gebracht habe, und genau das ist im Augenblick mein Problem. Wie machen wir weiter? Ich komme einfach nicht über das Hindernis hinweg, dass ich mir vorstellen soll, dass sie minderjährig ist. Das kann ich nicht. Das geht mir verdammt gegen den Strich. Ich hasse Kerle, die so etwas tun. Sie nutzen labile junge Mädchen aus und haben keine Ahnung, was sie damit anrichten.

„Josie?“, frage ich.

„Hm?“

„Warum sagst du mir nicht deinen richtigen Namen?“

Eine kurze Pause. Sie verschluckt sich an ihrem eigenen Atem, ich kann das hören. Gespannt warte ich. Ich habe sie jetzt so oft Josie genannt. Sie hat sich von mir dazu überreden lassen, die Hose auszuziehen, von mir, von meiner Stimme, und ich möchte wetten, das war nicht ihr Plan. Wenn mich nicht alles täuscht, dann brennt sie darauf, reinen Tisch zu machen. Ihren eigenen Namen zu hören, wenn ich sie gleich durch das Telefon vögeln werde. Mit meiner Stimme.

„Amber“, sagt sie endlich.

Und im nächsten Atemzug weiß ich, mit wem ich rede, und ich bin froh, dass neben mir im Korridor der Stuhl steht, auf dem ich nach der Arbeit gewöhnlich meinen Aktenkoffer abstelle. Ich lasse mich darauf fallen. Das ist verrückt, aber ich habe keinen Zweifel. Ich rede mit Amber Nicholas.

Meine Schultern sacken nach vorn. Sie war mit Theaterleuten am Piccadilly Circus, vielleicht eine Probe, oder ein Casting. Es ärgert mich, dass ich nicht genauer nachgefragt habe auf der West End Central, als ich die Chance hatte. Ich habe mich lediglich mit Green abgestimmt, und wir sind beide zu dem Ergebnis gekommen, dass sie keine Gefahr für sich und ihre Umwelt darstellt, solange sie sich nicht gezwungen fühlt, etwas zu tun oder irgendwo zu sein, wo sie sich unwohl fühlt. Wir haben beide die Papiere abgezeichnet, und Amber Nicholas wurde von Officer Redding und ihrem Kollegen nach Hause gefahren. Ich habe sie nur aus einiger Entfernung und durch die Glasscheibe gesehen. Aus gutem Grund. Ich hatte die Befürchtung, dass meine Professionalität eine ernsthafte Delle erleiden würde, wenn ich nach ihrem Anblick auch noch ihren Duft präsentiert bekommen würde. Ich hatte mich abgewendet und bin nach Hause gefahren. Ohne zurückzuschauen.

Und jetzt ruft sie an. Bei mir. London ist eine der bevölkerungsreichsten Städte der Welt. Das Schicksal ist eine brutale Geliebte. Ich wollte nicht mehr an Amber Nicholas denken, und von all den Menschen im Londoner Telefonbuch ruft sie meine Nummer an.

Verdammt. Die Vorstellung, dass Amber Nicholas gerade durch meine Stimme dazu verführt worden ist, sich die abgewetzte Jeans über die Hüften nach unten zu ziehen, tut mir nicht gut. Aber der Nervenarzt in mir zittert geradezu vor Neugier. Warum tut sie das? Amber Nicholas leidet, darüber sind Green und ich uns einig geworden, an Agoraphobie. Dass sie sich dazu überreden ließ, sich für meine Ohren auszuziehen, beweist mir zumindest, dass der Teil der Diagnose, der besagt, dass sie sich an Orten wie ihrem Zuhause absolut sicher fühlt, stimmt. Sie hat dann zwar andere Probleme, mit denen ich mich gern auseinandersetzen würde, aber vielleicht ist sie einfach nur eine wahnsinnig gute Schauspielerin, die fleißig übt. Schauspielerinnen beim Casting müssen sich immerhin auch ausziehen. Manchmal jedenfalls. Oder? Dieser Gedanke in Verbindung mit Ambers Gesicht und dem, was ich von ihrem Körper gesehen habe, wird mir aber nicht dabei helfen, meinen Seelenfrieden zu bewahren.

Ich kann es kaum fassen, aber mein Herzschlag beschleunigt sich. Verdammt. Wie sehen Ambers Beine aus? Mein Schwanz zuckt, als sei ich vierzehn, mit dem Ohr am Schlüsselloch, während mein Dad in seinem Arbeitszimmer Pornofilme auf dem Computer ansieht. Nicht, dass das jemals passiert wäre, es gab noch nicht die Möglichkeit, Videos auf dem PC anzusehen, als ich vierzehn war.

„Freut mich, dich kennenzulernen, Amber“, sage ich, und ich habe auch deutlich gehört, dass sie es aufgegeben hat, ihre Stimme zu verstellen. „Und wie alt bist du wirklich?“

Sie schluckt. „Nicht fünfzehn.“

„Das dachte ich mir.“ Ich würde gern wissen, warum sie das tut. Warum sie wildfremde Männer anruft, deren Namen sie im Telefonbuch liest. Was ihr das gibt. Hat sie auf diese Weise regelmäßig Telefonsex? Amber Nicholas sollte nicht allein schlafen. So, wie sie aussieht, müssten die Männer bei ihr Schlange stehen. Doch Agoraphobiker schaffen es selten, sich zu binden. Sie meiden alles Fremde, im fortgeschrittenen Stadium finden sie es zunehmend schwer, auch nur vor die Tür zu gehen und Menschen kennenzulernen. Es gibt nicht viele Leute, die mit jemandem, der unter dieser irrationalen Angst vor offenen Plätzen leidet, zurechtkommen. Der Gedanke, dass Amber Nicholas dazu verdammt ist, es sich selbst zu machen, wenn sie Erlösung sucht, gefällt mir nicht.

„Amber?“

„Ja?“

„Willst du, dass ich dich anfasse?“